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Junge Freiheit
Sachsen-Anhalt CDU will bei Siegmund-Wahl aus dem Saal fliehen

Um nicht in den Verdacht zu geraten, Ulrich Siegmund in einer geheimen Abstimmung zum Ministerpräsidenten zu machen, will die CDU die Wahl nun lieber boykottieren. Siegmund reagiert gegenüber der JUNGEN FREIHEIT mit Kritik.
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Neues CDU-Positionspapier Alter Wein in alten Schläuchen

Die CDU stellt ein mit Spannung erwartetes neues Papier vor, um Deutschland vor dem Abstieg zu bewahren. Das Ergebnis ein Abklatsch des Wahlprogramms – und lässt sich mit der SPD ohnehin nicht umsetzen. Ein Kommentar.
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Replik auf Spiegel-Interview Von toxischen Männern und einfacheren Zeiten

Die Wissenschaftlerin Julia Ebner spricht mit dem Spiegel über Männer, Machotum und den Kampf der Geschlechter. Ihre Beobachtungen sind korrekt, bieten aber keine Lösungen an. Eine Replik von Vincent Steinkohl.
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AfD-Anfrage deckt auf Tatverdächtige Kinder in Hamburg sind immer häufiger Ausländer

Tausende Kinder werden in Hamburg von der Polizei verdächtigt, zum Teil schwere Straftaten begangen zu haben. Der Ausländeranteil erreicht dabei nach JF-Informationen einen Rekordwert. Die AfD fordert Konsequenzen.
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EIKE
Baut Kraftwerke, um die Umwelt zu schützen!
Kelvin Kemm Der Großteil der westlichen Welt ist davon besessen, die Kohlendioxidemissionen zu senken. Diese Haltung äußert sich in der Regel in dem Bestreben, CO₂-produzierende Industriezweige wie fossil befeuerte Kraftwerke, Stahlwerke und dergleichen einzuschränken. Daher erscheint es auf den ersten Blick nicht gerade als gute Idee, die CO₂-Emissionen durch den Bau von Kohlekraftwerken in Afrika […]
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Neue Studie: 50 Jahre der ehrgeizigsten „Netto-Null“-Maßnahmen können das globale Klima lediglich um 0,03 °C beeinflussen
Kenneth Richard Die Reduzierung der vom Menschen verursachten Emissionen hat so gut wie keinen Einfluss auf die globalen Temperaturen. Eine unbequeme neue Studie, veröffentlicht in „Nature Communications“, verdeutlicht die zwiespältigen Konsequenzen der weiterhin vorherrschenden Ansicht, dass der Mensch das globale Klima grundlegend steuert. Dieses Paradigma veranlasst Wissenschaftler dazu, Studien des Inhalts zu veröffentlichen, wonach der […]
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Boom bei Erdgas-Turbinen (besser spät als niemals)
Robert Bradley Jr. MasterResource „Die ‚unsichtbare Hand‘ ist am Werk, um den Umstieg auf Gas (und auch Diesel) in der Aufholphase für eine wirtschaftliche, groß angelegte Stromerzeugung zu ermöglichen.“ Der Klimaalarmist und Aktivist Jamie Skaar lieferte einen „Bericht“ von der POWERGEN International-Konferenz in San Antonio. Seine Zusammenfassung auf LinkedIn (kein Link: Er hat mich blockiert) […]
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me658 Zwischen patriotisch, anti-woke und libertär
Zwischen patriotisch, anti-woke und libertär
»Mit Donald Trump, Elon Musk und Javier Milei nehmen drei unkonventionelle Macher den Kulturkampf der Linken an, sind entschlossen, deren Vorherrschaft im Westen zu brechen. Diese haben allen Grund, das ungewöhnliche Trio zu fürchten.« — Claudio Casula (NiUS), 15.11.2024 ⋙ Link
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me657 Hans-Georg Maaßen würdigt die NZZ als „Westfernsehen“
„Rechtsextremist“ Maaßen nutzt „Westfernsehen“
Dr. Hans-Georg Maaßen war Chef des Verfassungsschutzes. Jetzt gilt er seiner früheren Behörde als „Rechtsextremist“.
Siehe: Dushan Wegner: „Danke, Herr Maaßen!“, 1.2.2024 ⋙ Link
Die Aktenauszüge selbst lesen ⋙ Link
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eigentümlich frei
Freibier: Privatstädter tagen erstmals im Dschungel
Interview mit Barbara Kolm: Sie verleiht der Marktwirtschaft Flüüügel ...
Eilige Falschmeldungen: Aus dem ef-Ticker
Bürgerlicher Anarchismus: Selbstjustiz
Libertäre Abtreibungsdebatte: Argumente für die Sezession
Tichys Einblick
Tatort-Doppelwhopper aus Kiel
Der Beweis, dass Kiel alles hat, was Berlin bieten kann? Graffitis, inklusive Pim…el-Tags. Friedliche Türkische Cafés. Genug Wasser, in dem auch mal Leichen schwimmen. Eine Pathologin, dargestellt von Thea Ehre. Familienclans, die ihre dunklen Machenschaften auf Vorzeigeunternehmen ausdehnen. „Es gibt 9000 Polizisten in Schleswig Holstein, bei vielen von denen stimmt was nicht – es gibt
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Wenn Demokratie zur gelenkten Demokratie wird
Als „grumpy Old Man“ hat man ihn gegen Ende seiner Zeit bei den Holtzbrinck-Blättern DIE ZEIT und Tagesspiegel intern gehandelt. Aus dem eleganten Zeitgeistbeschreiber wurde ein Kritiker der Zeitläufe. Nach vielen konsumierbaren Zeitbetrachtungen hat er im selben Stil, aber mit pointiertem Inhalt die „Gelenkte Demokratie“ vorgelegt. Es ist zwingend. Wenn man ein Buch liest, um
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Böhmermanns Gewaltfantasien, finanziert durch Zwangsbeiträge
Der langjährige Journalist und Medienexperte Peter Welchering, ehemaliger freier Mitarbeiter des ZDF, veröffentlichte heute auf der Plattform X eine ausführliche medienethische Einschätzung dieses ZDF-Beitrags: Er lehne es ab, den vom ZDF veröffentlichten Beitrag als Video zu verbreiten, und veröffentlichte nur ein Standbild bei seinem Posting. Welchering schreibt dazu: „1. Der Beitrag stellt das mehrfache Überrollen
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Dänemark reagiert auf Gewalt im Klassenzimmer mit neuen Lehrer-Befugnissen
In Dänemark ist es wie in der Mehrzahl der westlichen Staaten – nicht der fernöstlichen: Die Leistungen der Schüler werden immer schwächer. Ein Grund hierfür sind manche Verirrungen „moderner“ Schulpädagogik: Leistungsfeindlichkeit, Abbau von Anforderungen, Verwöhnung mit Bestnoten. Laissez-Faire-Unterricht usw. Ein weiterer Grund sind importierte Probleme: Bildungsferne und Gewaltaffinität. Was bislang weitgehend nicht im Fokus stand:
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Volkswagens Kollaps scheint unaufhaltsam
Weit und breit ist keine Wende in Sicht. Auch für das dritte Quartal meldete der Volkswagen-Konzern zu Wochenbeginn einen massiven Absatzverlust. Besonders dramatisch fiel der Einbruch auf dem chinesischen Markt aus, wieder einmal, möchte man sagen. Nach jahrelanger Dominanz in Fernost hat es den Anschein, als sei Volkswagen chancenlos und ein Comeback ausgeschlossen. Von Januar
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Achse des Guten
Klaffende Leerstellen bei Philippe Sands
Warum KI die Bürokratie nicht abschafft
Was Putin mit Frieden wirklich meint
Hat der Herbst der Rücktritte begonnen?
Wenn das Absurde zum Normalen erklärt wird
Die Demagogie-Kampagne läuft an
Es hätte überhaupt
nichts Gutes und Großes
gegeben, wenn jeder
stets gedacht hätte:
Du änderst doch nichts!
ROBERT BLUM (1807–1848)
Michael Klonovsky • Acta diurna
7. Oktober 2026
(Hinweis für Debütanten im Kleinen Eckladen: Wenn Sie den aktuellen Eintrag am PC in normaler Spaltenbreite lesen wollen,…
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Neuerlicher Veranstaltungshinweis
In einem Monat öffnet die Büchermesse „SeitenWechsel” zu Halle an der Saale wieder ihre gastlichen Säle, Stände, Haupt-…
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Memes der Saison
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27. September 2026
Die Sonntage immer …! „Ihr Eintrag mit dem Gemälde von Poynter hat mir sehr gefallen”, schreibt Leser ***.…
Der Beitrag 27. September 2026 erschien zuerst auf KLONOVSKY.
26. September 2026
(Hinweis für Debütanten im Kleinen Eckladen: Wenn Sie den aktuellen Eintrag am PC in normaler Spaltenbreite lesen wollen,…
Der Beitrag 26. September 2026 erschien zuerst auf KLONOVSKY.
24. September 2026
In die Wohnung eines Berliner Bekannten ist heute Vormittag eingebrochen worden. „Das”, juxt Freund ***, „ging aber schnell…
Der Beitrag 24. September 2026 erschien zuerst auf KLONOVSKY.
Veranstaltungshinweis
Schon mal vormerken: Am 3. November, einem Dienstag, lese ich um 18.00 Uhr in der Berliner Gedenkbibliothek zu…
Der Beitrag Veranstaltungshinweis erschien zuerst auf KLONOVSKY.
Ausharren auf verlorenem Posten
„Wir sind in diese Zeit geboren und müssen tapfer den Weg zu Ende gehen, der uns bestimmt ist.…
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Boris Reitschuster
Bärbel Bas geht – und hinterlässt eine Stinkbombe

Sie geht als Ministerin und Parteichefin. Ihr Mandat samt Diäten behält sie. Und gegen den Koalitionspartner tritt sie noch einmal heftig nach. Ihre Partei weint – und tut dann etwas Erstaunliches.
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Woher der „alte weiße Mann” wirklich kommt

Ein Arzt sagt: „Sie sind krank.” Foucault hätte entgegnet: Wer bestimmt das eigentlich? Klingt harmlos. Heute macht diese Frage unbequeme Geister mundtot. Und Foucault selbst hätte gestaunt, wem seine Ideen inzwischen dienen.
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Ein Franzose entschuldigt sich – für die Väter der Wokeness

Muckibude als Vorstufe zum Faschismus, Millionen als Fluch, Babys von Fast-Fremden. Zufall? Nein. Dahinter steckt ein französisches Gedankenspiel. Das in den USA pervertiert wurde. Und so zur Weltreligion mutierte.
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Autobauer machen jetzt auch Gesinnungs-TÜV

Der Dienstwagen-Eklat erzählt mehr über die Konzerne als über die AfD. Über Skrupel, die nur für Magdeburg gelten. Und über eine Rechnung, die München und Stuttgart noch teuer zu stehen kommen wird.
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Missbrauch am Spielplatz: Polizei hält Täterbeschreibung geheim

Der Täter: Ein Mann mittleren Alters. Mehr sagt die Polizei nicht – obwohl sie mehr weiß. Eltern gehen weiter auf den Spielplatz. Ohne zu wissen, ob es der Tatort ist. Und nach wem sie Ausschau halten sollen. Bleibt die Frage: Wer schützt hier eigentlich wen?
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Alexander Wendt • Publico
Zeller der Woche: Vorübergehende

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Alte & Weise

Der Beitrag Alte & Weise erschien zuerst auf Publico.
Luischen

Erzählung von Thom Asmann, bearbeitet und bebildert von Alexander Wendt Was Frank-Walter Steinmeier betrifft, so wusste niemand in Berlin, wie er eigentlich in das Präsidentenpalais gelangt war. Das heißt, im technischen Sinne schon, nämlich mit einem gepanzerten Audi A8. Die Ratlosigkeit betrifft vielmehr die Frage, warum die bessere Gesellschaft des ...
Zeller der Woche: Klare Rede

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Alte & Weise

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Mein wunderbarer Regenbogenschleier

Eine Vision geht um in Deutschlands Redaktionsstuben – von einem zum Land gehörenden Islam, der bereichert, ohne Probleme zu verursachen. Wer reale Probleme benennt, macht sich des „antimuslimischen Rassismus“ schuldig. Ein kleiner Sachstandsbericht in Sachen selbstzerstörerischer Islamophilie von Jürgen Schmid Die Szenen stammen aus „Der letzte Sommer der Tauben“, einem ...
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The GermanZ
„Taco Bell“ ist da: Lange Schlangen vor dem ersten Laden in Köln
KÖLN – Die amerikanische Fast-Food-Kette „Taco Bell“ ist in Deutschland angekommen. In der vergangenen Woche eröffnete die erste Filiale am Hohenzollernring in Köln,...
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Angriff auf die NATO? Das Bündnis ist vorbereitet
WARSCHAU – NATO-Oberbefehlshaber Alexus Grynkewich hat ein neues Konzept zur Abwehr eines möglichen russischen Angriffs auf Mitgliedsstaaten des Bündnisses vorgestellt. Seine als „Theory...
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„Zwangsehe“: Warum der Rücktritt von Frau Bas verständlich, aber nicht die Lösung der Krise ist
von KLAUS KELLE BERLIN – Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) tritt zurück – als Co-Parteichefin ihrer Partei und als Bundesministerin. Diesem Schritt ist erst...
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+++DIE SPD-POLITIKERIN BÄRBEL BAS (58) TRITT ALS BUNDESARBEITSMINISTERIN UND SPD-CO-CHEFIN ZURÜCK+++
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Danke! Danke! Danke! Weber (CSU) hat verstanden, warum die „Brandmauer“ für die CDU verheerend ist
BRÜSSEL/MÜNCHEN – Der Fraktionschef der bürgerlich-konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) im EU-Parlament, Manfred Weber (CSU), wirbt dafür, die Abgrenzung der Union zur AfD zumindest...
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Deutschland-Kurier
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Bas-Rücktritt: SPD-Sonderparteitag zum Jahreswechsel – Jusos stellen Reformpläne in Frage!
Nach dem überraschenden Rücktritt von SPD-Co-Chefin und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas soll ein SPD-Sonderparteitag „um den Jahreswechsel“ herum über die künftige SPD-Führung entscheiden. „Im Dezember oder Januar“ werde „die gesamte Führungsriege der SPD dann zur Wahl anstehen“, sagte der Noch-Parteivorsitzende Lars Klingbeil in Berlin. An einem Duo an der Parteispitze will Klingbeil festhalten. Auf dem Parteitag […]
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Sie verlassen das sinkende Schiff: Bärbel Bas tritt als Arbeitsministerin und SPD-Chefin zurück! Kommt Pistorius?
Paukenschlag in Berlin: Bärbel Bas (SPD) tritt mit sofortiger Wirkung als Arbeitsministerin und Co-Vorsitzende ihrer Partei zurück! Ihr Bundestagsmandat will sie behalten. Folgt Lars Klingbeil als nächster, läuft sich Boris Pistorius für den SPD-Vorsitz warm? In der Hauptstadt überschlagen sich die Ereignisse. Auslöser ist ein erbitterter Machtkampf in der SPD, auch wenn Bas für ihren […]
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EU-Haushalt: Merz muss deutsche Interessen vertreten – AfD: „100 Milliarden weniger sind ein Witz!“
Die AfD im Europaparlament hält die bei den Verhandlungen über den EU-Finanzrahmen für die Jahre 2028 bis 2034 genannten Kürzungen von 100 bis 200 Milliarden Euro für absolut unzureichend. Der ESN-Abgeordnete Alexander Jungbluth (AfD) spricht von einem „schlechten Witz“ und „reiner Kosmetik“. Angesichts der wirtschaftlichen und finanziellen Krise forderte er echte Einsparungen statt oberflächlicher Korrekturen. […]
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Porto-Hammer: Bundesnetzagentur plant 20-Prozent-Aufschlag für die Post – Standardbrief könnte auf 1,14 Euro springen!
Die Bundesnetzagentur greift den Briefschreibern kräftig in die Tasche. Am Montag veröffentlichte die Bonner Behörde ihren Plan für einen „Preis-Erhöhungsspielraum“, mit dem die Deutsche Post Briefe und Postkarten zum Januar 2027 um satte 20,35 Prozent verteuern darf. Beim Standardbrief entspräche das einer Anhebung von 95 Cent auf 1,14 Euro. Auch bei den Paketpreisen für Privatkunden […]
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Ifo-Institut: Materialengpässe in der deutschen Industrie nehmen wieder zu
Die Materialengpässe in der deutschen Industrie haben im September wieder zugenommen. 14,6 Prozent der Unternehmen meldeten fehlende Vorprodukte, nach 13,3 Prozent im August. Das geht aus der aktuellen Erhebung des Ifo-Instituts hervor. „Von flächendeckenden Anstieg der Lieferengpässen in der Industrie kann noch keine Rede sein. In einzelnen Branchen werden fehlende Vorprodukte aber wieder zu einem […]
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Audi im Sinkflug: Auslieferungen stürzen um fast ein Fünftel ab
Der Ingolstädter Autobauer Audi, Tochter der Volkswagen AG, hat am Montag mitgeteilt: Im dritten Quartal sind die Auslieferungen der Kernmarke auf 314.905 Fahrzeuge abgestürzt. Das entspricht einem Minus von 19,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im zweiten Quartal hatte der Rückgang noch bei rund 8 Prozent gelegen. Die Talfahrt beschleunigt sich also massiv. Auf die ersten […]
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Bärbel Bas tritt zurück: Abgewählter Schweitzer soll Arbeitsminister werden
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) tritt mit sofortiger Wirkung zurück. Sie legt auch den SPD-Parteivorsitz nieder. Als Grund nannte sie den Tod ihrer Stieftochter und öffentliche Angriffe, „leider auch aus den Reihen des Koalitionspartners“. Bas: „Da ich momentan nicht die Kraft aufbringen kann, kurzfristig meine Regierungs- und Parteiarbeit vollumfänglich auszuüben, habe ich mich entschieden, beide Ämter […]
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PI-News
Hurra! Berlin wird zum islamisierten Gangsterparadies
Von CONNY AXEL MEIER | Als im Chigago der 1930er-Jahre mit Al Capone und im Bombay der 1980er-Jahre mit Dawood Ibrahim das organisierte Verbrechen überhand nahm, setzten sich in der Folge politische Kräfte durch, die die Korruption in den Behörden wirksam bekämpften, die Polizeikräfte stärkten und die Bewohner schützten. In New York setzte der rigorose […]
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„Achtung, Reichelt!“: Wenn Gaza-Lügen Wahlen gewinnen
In der aktuellen Ausgabe von „Achtung, Reichelt!“ geht Julian Reichelt hart ins Gericht mit den Palästina-Protesten, dem grassierenden Antisemitismus und der stillen, aber massiven Umgestaltung des deutschen Wahlvolkes. Während in Berlin, Brüssel, Paris, London und Amsterdam die Fahnen des palästinensischen Terrorismus wehen und die Schlachtrufe der Intifada ertönen, wird in Deutschland das demokratische Fundament neu […]
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Franziskas Blick in die Herbstsonne
Von RAINER K. KÄMPF | Nachdem Bärbel Bas die Reißleine gezogen, ihr verunglücktes Amt als Co-Vorsitzende des SPD-Kadavers und im selben Zug der Kapitulation ihren Ministerposten geschmissen hat, erhascht die CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann aller Wahrscheinlichkeit nach ein Blitzlicht im Untergangsgewitter. Sie konstatiert, daß ihre Partei „an die Lebenswirklichkeit der Menschen“ zurückgeführt werden soll, der sie […]
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Die falschen Flötentöne der hessischen CDU
Von WOLFGANG HÜBNER | „Wie verhindern wir, mit unserer Brandmauer Selbstmord aus Angst vorm Tod zu begehen?“ – diese Frage beschäftigt die CDU landauf, landab. Natürlich auch in Hessen, wo die Partei mit Boris Rhein den Ministerpräsidenten stellt. Im Gegensatz zu seinen Kollegen in Schleswig-Holstein oder Nordrhein-Westfalen wollen Rhein und der hessische CDU-Landesverband darauf keine […]
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Hausdurchsuchung als Schikane: Maaßen über den Fall Hanning
In einem Gespräch mit Bestsellerautor Stefan Schubert („Schuberts Lagemeldung“) spricht Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen offen über die Festnahme seines langjährigen Freundes und Kollegen August Hanning. Der ehemalige BND-Präsident, Nachrichtendienstkoordinator und Sicherheitsstaatssekretär steht unter dem Vorwurf des Landesverrats. Maaßen war sprachlos, als er von der Razzia erfuhren. Das BKA stellte Hannings Haus tagelang auf den Kopf, während […]
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Weltwoche Daily: Schröder-Bashing nach Putin-Geburtstag
„Weltwoche Daily Deutschland“ – Roger Köppels täglicher Meinungs-Espresso gegen den Mainstream-Tsunami. Von Montag bis Freitag ab 6:30 Uhr mit der Daily-Show von Köppel und pointierten Kommentaren von Top-Journalisten. Die Themen in dieser Ausgabe: Putins und Trumps Diesel-Deal: Fragwürdige Motive, gutes Resultat Während Europa sich im moralischen Dauerfuror selbst zerlegt, liefern Putin und Trump Diesel: Hunderttausende […]
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NiUS-LIVE: Bärbel Bas tritt als SPD-Chefin und Arbeitsministerin zurück
Jeden Morgen von 6 bis 9 Uhr beleuchtet NiUS-LIVE die Themen, die Millionen Menschen bewegen und über die Deutschland spricht. Am Montag begrüßt Moderator Alexander Purrucker seine Gäste Julian Reichelt, NIUS-Chefredakteur, Pauline Voss, stellvertretende NIUS-Chefredakteurin, Waldemar „Waldi” Hartmann, NIUS-Kolumnist, und Harald Martenstein, Kolumnist, im Studio. Die Themen: – Putins und Trumps Diesel-Deal: Fragwürdige Motive, gutes […]
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Syrien: 10.000 Mal mehr Einwanderung als Abschiebungen
Von MANFRED ROUHS | Friedrich Merz hat bei seinem Amtsantritt im Mai 2025 den Deutschen eine Migrationswende versprochen. Im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte stand dabei Syrien, wo im Dezember 2024 ein Regime von Mördern und Halunken durch ein anderes Regime von Mördern und Halunken ausgetauscht wurde. Vergleichen wir die Zahl der Abschiebungen, die aus Deutschland […]
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Epoch Times
Nach Bas-Rücktritt: Neue Führungsdebatte und Konflikte in der Koalition
Prüfungen und Triumphe der Pflicht
12. Oktober: Neuwahl der SPD-Sitze | Schweitzer wird neuer Arbeitsminister | Union will Stromsteuer senken
Zunehmende Aggression an Schulen: Dänemark will Lehrern körperliche Gewalt erlauben
Ein Toter bei neuem Angriff auf Flughafen von Riad - Schließung wird verlängert
So will die NATO im Ernstfall einen Angriff abwehren
Merz will Stromsteuer für alle auf europäisches Minimum senken
EU verhängt Rekord-Sanktionen gegen russische Kriegshelfer
NiUS • Die Stimme der Mehrheit
Klimaneutralität wird viel teurer als geplant – Unternehmen und Privatleute zahlen
Asyl-Chaos vor den Gerichten nimmt wieder zu
Ermittler beschlagnahmen Podcast-Aufnahmen zum Fall Block
Mädchen (16) von Roboter sexuell belästigt
„Unmenschlich, unwürdig, unterirdisch“ – Schwesig legt gegen Merz nach
Warum uns ein bisschen Dänemark gut tun würde
Wieviel soll Deutschland noch für die EU zahlen?
Schulze empfahl Fraktion die Enthaltung – und stimmte dann gegen AfD-Kandidaten
Apollo News
Enteignungen als „bestes Mittel gegen rechts“: Kleedörfer legt gegen Springer nach

Die neu gewählte Berliner Linken-Abgeordnete Martha Kleedörfer hat ihre Forderung nach einer Enteignung des Axel-Springer-Verlags verteidigt. Im Interview mit der ...
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Die Revolution frisst ihre Kinder: Eralp droht an der Radikalität der eigenen Partei zu scheitern

Noch vor knapp drei Wochen jubelte Elif Eralp als Spitzenkandidatin auf der Wahlparty der Linken in Berlin-Kreuzberg auf der Bühne, ...
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CDU will bei Ministerpräsidentenwahl den Plenarsaal verlassen

Wie kann verhindert werden, dass CDU-Politiker in einer geheimen Wahl AfD-Kandidaten in Ämter wählen? Diese Frage treibt gerade in Sachsen-Anhalt ...
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Durchsuchungsbeschluss gegen Zeit-Redaktion in Hamburg – Tonaufnahmen beschlagnahmt

Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat der Redaktion der Wochenzeitung Die Zeit am Montag eine Hausdurchsuchung angedroht. Einen entsprechenden Beschluss hat das ...
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Böhmermann erklärt die Bibel für „linksextrem“ – und verpasst ihr ein Antifa-Logo

Der Satiriker Jan Böhmermann hat die Bibel in seiner Sendung ZDF Magazin Royale in eine linksextreme Traditionslinie gestellt und dabei ...
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Kritik an Merz und AfD-Strategie: Schatzmeisterin der Jungen Union offenbar zum Rückzug gedrängt

Die Bundesschatzmeisterin der Jungen Union, Clara von Nathusius, wird auf dem Deutschlandtag der Jugendorganisation nicht erneut für ihr Amt kandidieren. ...
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„Energie-Waffenstillstand“ und Diesel-Deal zeigen erneut, an wem der Frieden in der Ukraine scheitert

„Mit sofortiger Wirkung gilt ein „Energie-Waffenstillstand“ im Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Beide Seiten haben zugestimmt. Brechen Sie ihn ...
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Ermittlungen eingestellt: Islamkritik von christlichen YouTubern doch keine Straftat

Gegen die beiden christlichen YouTuber Niko und Tino wurde wegen der „Beschimpfung von Bekenntnissen“ ermittelt, weil sie in einem Video ...
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Preußische Allgemeine
Östlich von Oder und Neiße - Neues vom schlesischen Robinson Crusoe
Dialog in der Potsdamer Garnisonkirche - Am Wehrdienst interessiert
Armenien und Georgien in Bedrängnis - Zwei Vorposten des Abendlandes geraten ins Wanken
Sollen wir weniger Demokratie wagen?
Traditionell links - Immer öfter entscheiden Muslime Wahlen in Europa
Als Journalistin in Russland - Das Unheil, das wir nicht verhindern konnten
Der Wochenrückblick - Dunkelrote Abgründe
Vom Flüchtling zum Ratsherrn
Die freie Welt
Beatrix von Storch: Sind immer noch Geisterfahrer: Nur dank der AfD hat EU Abschiebezentren beschlossen
Arbeitsministerin und SPD-Co-Chefin Bärbel legt Ämter nieder: Alexander Schweitzer soll Nachfolger werden
CSU-Vize Weber erklärt Brandmauer für gescheitert: Die Abgrenzung zur AfD schade der Union
Zoff in der Regierungskoalition: Laut Pressebericht drohte Merz mit SPD-Rauswurf und Minderheitsregierung
Compact
CDU-Politiker soll Rassismus-Attacke erfunden haben
Alles Fake? Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den niedersächsischen CDU-Bürgermeisterkandidaten Baris Karabacak aus Uetersen. Er hat möglicherweise eine Attacke auf ihn nur erfunden. Der 39-Jährige bestreitet die Vorwürfe. Eine jahrelange Politik gegen den Bürger rächt sich – 2026 ist das Jahr der Wende. Passend dazu liefert COMPACT den Schmuckrahmen mit gleich vier hochwertigen Silbermedaillen im Komplett-Set [...]
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COMPACT-Treffen: Die Reden hinter dem Wirbel
Die Eröffnung des neuen COMPACT-TV-Studios in Magdeburg schlägt hohe Wellen: Mainstream-Medien skandalisieren den gemeinsamen Abend von AfD- und BSW-Politikern. Im BSW sorgt die Teilnahme für Kritik aus der Bundesspitze und hitzige Diskussionen an der Basis. Doch was wurde dort tatsächlich gesagt? _ von Clara Morgenroth Am 8. Oktober hatte COMPACT die Landtagsabgeordneten beider Parteien zur [...]
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Sex, Drugs & Untergang
Kokain, Prostitution, Mord und Millionen: In seinem als Roman verkleideten Enthüllungswerk «Kill Your Friends» rechnet Insider John Niven mit der Musikindustrie ab. Eine tabulose Milieustudie über eine Branche im Größenwahn – und einen Mann, der für seine Karriere buchstäblich über Leichen geht. Hier mehr erfahren. London, 1997: Tony Blair ist gerade Premierminister geworden, die Britpop-Welle [...]
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AfD und BSW: Wirbel um COMPACT-Dinner
Das Bild vom berühmten Stich ins Wespennest verharmlost es noch: Die Aufregung um das von COMPACT initiierte Treffen zwischen den sachsen-anhaltinischen Fraktionen von AfD und BSW in Magdeburg ist enorm und hat den etablierten Medienbetrieb sowie die BSW-Führungsspitze aufgescheucht. Unser Versprechen: Wir lassen uns nicht einschüchtern und starten ab Mittwoch unsere regelmäßigen Sendungen aus dem [...]
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Als Liebe zu Hass wurde
Mia aus Kandel und ihr Mörder. «Wir haben ihn aufgenommen wie einen Sohn», sagt Mias Vater, die Stimme brüchig vor Fassungslosigkeit. Ihn – den jungen Mann, der seine Tochter liebte. Und der sie später mit einem Küchenmesser ermordete. Dieser Artikel erschien im COMPACT-Spezial 45: „Mädchen. Messer. Morde.“. _ von Marie Wiesner Es ist der 27. [...]
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196.000 unerledigte Asyl-Verfahren!
Irrsinn: Die gerichtliche Belastung steigt weiter. Mittlerweile werden fast 90 Prozent der Asyl-Ablehnungen mit Ein- und Widersprüchen überzogen. Das lässt die Zahl unerledigter Verfahren weiter und weiter steigen. Dabei ist akuter Handlungsbedarf gegeben, den wir mit unserer Spezialausgabe „Mädchen. Messer. Morde“ belegen. Hier mehr erfahren. Trotz rückläufiger Asylanträge beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) [...]
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Sozis drehen durch: Schröder soll raus aus der SPD
Der Besuch von Alt-Kanzler Gerhard Schröder vergangene Woche bei Wladimir Putin schlägt immer noch hohe Wellen. Die SPD würde sich nur zu gerne auf ihren Kampf gegen Rechtsextremismus konzentrieren, hat aber nun auch noch dieses Problem auf dem Tisch. Die Forderung, den früheren Bundeskanzler aus der Partei zu schmeißen, wird lauter. Wir liefern Ihnen die [...]
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Bas-Rücktritt und der Zerfall der Merz-Regierung
Arbeitsministerin Bärbel Bas ist zurückgetreten Auch ihr Amt als SPD-Chefin gibt sie auf. Sie führt persönliche Gründe an, attackiert aber in ihrer entsprechenden Stellungnahme auch die CDU. Keine Frage: Das Altparteienkartell zerfällt. Ein neues Buch mit dem Titel 101 Gründe, die AfD zu wählen fasst das treffend zusammen. Hier mehr erfahren. Der Rücktritt der Bundesarbeits- [...]
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Ansage!
Houston, Deutschland hat ein Problem!
„Houston, wir haben ein Problem!“ Am 13. April 1970 erreicht dieser Funkspruch aus dem Raumschiff Apollo 13 die Erde. Ein Sauerstofftank ist explodiert. Drei Astronauten schweben in Lebensgefahr. Die ganze Welt verfolgt das Drama mit Angst und Beklemmung. Gott sei Dank geht die Geschichte gut aus. Die Astronauten brechen ihre Mission ab und kehren am […]
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Eine Ode an die Heimat
Das Gute zeigt sich nicht in großen Gesten, sondern in der stillen Verlässlichkeit des Alltags: in der Hand, die hält, wenn der Boden schwankt, in der Treue, die bleibt, wenn Bequemlichkeit lockt, und in der Arbeit, die dem anderen dient, ohne sich selbst zu suchen. Es ist das Gute, das Gemeinschaft trägt – nicht als […]
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Zwei Jahre Knast für Bilder bekleideter Körper: Die schleichende Kriminalisierung des Alltags
Mit dem letzte Woche im Kabinett verabschiedeten Gesetzentwurf zur „ Stärkung des Schutzes vor digitaler Gewalt“ von SPD-Justizministerin Stefanie Hubig vollzieht die Bundesregierung einen weiteren Frontalangriff auf die Freiheit in diesem Land, von dem die breite Öffentlichkeit gar nichts mitbekommt, und verschiebt das Gemeinwesen weiter hin zu autoritären Strukturen, in denen nicht mehr gegenseitiges Vertrauen […]
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„Wir schaffen das“: Vom Wirtschaftswunderland zum Armenhaus
Sinkende Kaufkraft, steigende Arbeitslosigkeit, Firmenpleiten und Insolvenzen in endloser Serie: Hurra und herzlich willkommen in einer abstürzenden, ehemals halbwegs heilen Welt, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor sechs Jahren, bei den Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit am 3. Oktober 2020, gewohnt schwülstig-blümerant und politisch-selbstverliebt noch so zu Protokoll gegeben hatte: “Ja, wir leben heute […]
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„Rotes Gold” aus Hawaii: Astaxanthin für deutlich bessere Sehkraft – nur noch heute Sonderrabatt!
Astaxanthin kann mit Fug und Recht als ultimatives Geheimnis für Gesundheit und insbesondere für gesunde Augen bezeichnet werden: Als natürliches Antioxidans bietet es zahlreiche Vorteile, insbesondere im Zusammenhang mit Grauem Star und altersbedingten Sehschwächen. Zum einen gewährleistet es einen wirksamen Schutz der Netzhaut, die es vor oxidativem Stress bewahrt. Damit trägt Astaxanthin dazu bei, die […]
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Tourismuskonzept “Straße des Deutschen Reiches“: Wenn das Erkunden der eigenen Geschichte verdächtig wird
Wer kann heute eigentlich ernsthaft auf die Idee kommen, aus einer touristischen Route durch Magdeburg, Memleben, Quedlinburg, Eisleben und Wittenberg eine gesellschaftliche Gefahr zu konstruieren? Keine dieser Städte ist geheimnisvoll. Ihre Dome, Pfalzen, Kirchen und Burgen stehen seit Jahrhunderten dort, ihre Geschichte ist erforscht, ihre touristische Nutzung selbstverständlich. Niemand muss vor Otto dem Großen gewarnt […]
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Journalistenwatch
Hoch auf dem gelben Wagen: Teslas Taxis fahren ohne Taxifahrer
Mit der Wahlniederlage kehrt plötzlich der Verstand zurück: Franziska Giffey warnt ihre SPD vor Bündnis mit Linken
Houston, Deutschland hat ein Problem!
Fleisch, das noch blutet: Berliner Clanchef und arabischer Influencer trommeln pro-halal
Ein seltener Vorgang: Deutscher Presserat tadelt “Freies Wort“ wegen AfD-Berichterstattung
Eine Ode an die Heimat
Der Sandwirt
Auf dem Plattenspieler: Diana Ross
Diana Ross, die Bee Gees und Michael Jackson auf einem Song: Auf dem Papier konnte „Eaten Alive“ kaum scheitern. Dawid Baran erzählt, warum ausgerechnet diese prominente Besetzung zum Problem wurde – und was das über Anpassung, Eigenständigkeit und den Zeitgeist verrät ...
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Die Zumutung, selbst zu denken
Freiheit bedeutet, über das eigene Leben selbst zu bestimmen. Doch sie funktioniert nur, wenn auch der andere diese Freiheit besitzt – mit seinen Ansichten, Irrtümern und Lebensentscheidungen. Richard Feuerbach fragt, was Liberalität heute noch bedeutet – und warum eine freie Gesellschaft vor allem lernen muss, Widerspruch und Verschiedenheit auszuhalten ...
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Wehrhaft ohne Wehrpflicht
Wie kann Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit stärken, ohne die Wehrpflicht zum normalen Instrument der Personalgewinnung zu machen? Andreas Schnebel zeigt, wie eine professionelle Kerntruppe mit einer großen, freiwillig aufgebauten und anschließend verbindlichen Bürgerreserve verbunden werden könnte – mit regelmäßiger Ausbildung, territorialer Verankerung und attraktiven Anreizen.
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Das Märchen von der drittgrößten Volkswirtschaft
Politiker und Mittelstrahlmedien erzählen sich selbst gerne, wie stark die deutsche Wirtschaft sei. Aber das ist Augenwischerei. Oliver Gorus schaut genauer hin ...
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Die drei Fragezeichen: Ein Refugium der Normalität
Seit Jahrzehnten begeistern die drei Fragezeichen Millionen Hörer – und kommen dabei erstaunlich ohne moralischen Zeigefinger aus. Julian Marius Plutz zeigt, warum gerade diese Hörspiele mit ihrer beiläufigen Normalität und ihrem Vorrang für gute Geschichten zu einem Gegenentwurf zur heutigen Haltungskultur geworden sind.
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Auf dem Plattenspieler: Diana Ross
Diana Ross, die Bee Gees und Michael Jackson auf einem Song: Auf dem Papier konnte „Eaten Alive“ kaum scheitern. Dawid Baran erzählt, warum ausgerechnet diese prominente Besetzung zum Problem wurde – und was das über Anpassung, Eigenständigkeit und den Zeitgeist verrät ...
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Die Zumutung, selbst zu denken
Freiheit bedeutet, über das eigene Leben selbst zu bestimmen. Doch sie funktioniert nur, wenn auch der andere diese Freiheit besitzt – mit seinen Ansichten, Irrtümern und Lebensentscheidungen. Richard Feuerbach fragt, was Liberalität heute noch bedeutet – und warum eine freie Gesellschaft vor allem lernen muss, Widerspruch und Verschiedenheit auszuhalten ...
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Wehrhaft ohne Wehrpflicht
Wie kann Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit stärken, ohne die Wehrpflicht zum normalen Instrument der Personalgewinnung zu machen? Andreas Schnebel zeigt, wie eine professionelle Kerntruppe mit einer großen, freiwillig aufgebauten und anschließend verbindlichen Bürgerreserve verbunden werden könnte – mit regelmäßiger Ausbildung, territorialer Verankerung und attraktiven Anreizen.
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Vera Lengsfeld
Wir verlieren dieses Land? Wir haben es längst verloren!
Die Demagogie-Kampagne läuft an
Dummheit oder Demagogie?
Eine tragische Oper
Ein absurdes Schauspiel
Dushan Wegner
Es wirkt, so oder so
Zu früh die Wahrheit
Frankreich, Flammen, wieder mal
KI macht dumm und klug
Pharisäer mit Anwalt
Matthias Matussek
Matussek: Große Sängerinnen & ihre Signature-Songs – Von Edith Piaf bis Nina Hagen
Nach den männlichen Croonern widmet sich Matussek nun den unsterblichen Stimmen der Musikgeschichte und ihren Erkennungssongs! Von Edith Piaf und Dolly Parton über Marlene Dietrich und Hildegard Knef bis hin zu Nina Hagen. Ein packender Streifzug durch Rassismus, Drogenabstürze, den verhängnisvollen „Club 27“ und die verblüffenden Geschichten hinter Songs, die Musikgeschichte schrieben. Jetzt reinhören!
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Matussek & Marco Gallina: Don Camillos rebellischer Vater, Cancel Culture & Chesterton
Fast jeder kennt die Verfilmungen um den rabaukigen Priester Don Camillo und seinen kommunistischen Gegenspieler Peppone – doch kaum jemand kennt die wahre, dramatische Geschichte ihres Schöpfers Giovannino Guareschi. Matussek spricht mit Autor Marco Gallina über sein neues Buch „Giovannino Guareschi – Don Camillos rebellischer Vater“. Ein faszinierender Blick auf einen unbeugsamen Monarchisten, Antikommunisten und Widerstandskämpfer, der Humor als schärfste Waffe nutzte. Jetzt reinhören!
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Matussek: Nach der Wahl – Die kühle Kunst der Crooner von Sinatra bis Dean Martin
In den überhitzten Stunden nach der Wahl in Sachsen-Anhalt verordnet Matussek das beste Mittel zur Beruhigung der Nerven: Ruhe, Lässigkeit, einen guten Drink und die unnachahmliche Coolness der Crooner! Mit Bing Crosby, Frank Sinatra, Nat King Cole und Dean Martin erfüllt Matussek prompt einen lang gehegten Hörerwunsch. Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie feinen Swing und Jazz. Jetzt reinhören!
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Matussek entzaubert „Sgt. Pepper“: Beatles-Überdosis, Studiotricks & Merz’ Paralellwelt
Jahrzehntelang führte es die ewigen Bestenlisten des Rolling Stone an und galt als das unanfechtbare Meisterwerk der Popgeschichte: Das „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“-Album der Beatles. Doch Matussek wagt die radikale Neubewertung! Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich das Monument als mit Studiotechnik aufgeblasene Mittelmäßigkeit. Matussek seziert den Geburtsfehler des Albums – und rettet die wenigen echten Perlen. Jetzt reinhören!
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Matussek an die Wähler: „Wir holen uns unser Land zurück!“ – Die Chance auf den Machtwechsel
Vor der schicksalhaften Wahl in Sachsen-Anhalt richtet Matthias Matussek einen eindringlichen Appell an die Bürger: Ihr seid der Souverän! Es ist die historische Gelegenheit zu beweisen, dass die Macht nicht bei zwei Dutzend entkoppelten Parteibonzen liegt, die sich den Staat zur Beute gemacht haben. Ein Aufruf, das Grundprinzip jeder echten Demokratie zu nutzen: den mutigen Wechsel. Jetzt lesen!
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Roger Letsch • Unbesorgt
So geschah es. 7. Oktober. Vor aller Augen.
Grundstürzende Ereignisse – die guten wie die schrecklichen – haben die Angewohnheit, sich tief ins Gedächtnis einzugraben und unsere ganze räumliche Umgebung gleich mitzunehmen. Jeder, der auch nur ein Fünkchen Sympathie für Israel hat, weiß deshalb, wo er war, als die ersten Nachrichten über die Terroranschläge der Hamas am 7. Oktober 2023 eintrafen. Unterwegs auf […]
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Der Hauptmann von Cambridge
Hochstapler, Heiratsschwindler und Mimikry-Schreiber vom Schlag eines Claas Relotius hat es immer schon gegeben. Gemeinsam ist ihnen, dass sie geschickt mit den Erwartungen derjenigen spielen, denen sie Karrieren, Vertrauen und Geld verdanken. Beinahe hätte ich abpressen geschrieben, aber das wäre falsch. Denn die Betrogenen geben gern und freiwillig und sind stets die letzten, in denen […]
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Ein Sack voller Schuld und schlechtem Gewissen
Dein Schwachpunkt ist eine „Achillesferse“, der Weg durch die Instanzen der Gerichte kann einer „Odyssee“ gleichen, und wer hätte nicht gern einen Mentor oder ließe sich niemals bezirzen? Homers Epen leben als Metaphern im moralischen und linguistischen Betriebssystem der westlichen Zivilisation, ohne dass man sich dessen im Alltag immer bewusst sein muss. Ein gewisses Basisinteresse ist einem […]
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Es wurde nur noch nie richtig versucht!
Der Standardvorwurf an Konservative lautet, sie würden sich dem Fortschritt in den Weg stellen und – je nach Färbung des Vorwurfs – in die 50er, 30er oder 10er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückwollen. Dabei ist das Gegenteil richtig und die vermeintlich progressiven Weltretter verschieben lediglich die Rückständigkeit ihrer eigenen, längst verworfenen Ideen, die sie in […]
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Die Ferrari-Zitrone
Ich weiß, was Sie denken, und Sie haben recht! So sieht doch kein Ferrari aus! Zwar wissen wir nicht, ob Tom Selleck alias „Magnum“, dessen Markenzeichen dieser Spruch war, ähnliche Probleme hätte, sich in den neuen Ferrari „Luce“ (Licht) zu zwängen, wie in den 1984er 308GTS, aber vermutlich hätte er etwas verwundert auf das neue Requisit der italienischen Edelmarke […]
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Hadmut Danisch
Die „Letzte Generation“
Muslima überfahren
Hintern-Grapscher der Woche
Hacker-Angriff auf Infrastruktur: Supermärkte
Der Rücktritt der Bärbel Bas
Geolitico
Schampus, Kaviar und Bombenstimmung: Schröder feiert Putin
Deutsche Einheit? Die Freiheit, nicht zusammenzugehören!
Die evangelische Kirche im Bund mit der Berliner Linken
Die Church of England islamisiert sich selbst
AfD-Erfolge und die zwei Deutschlands
Fassadenkratzer
Ein perfider Plan – Alles nur, damit man die Impfung durchsetzen konnte
Nicht wer den ersten Schritt macht, ist zwangsläufig der Aggressor – Das tückische Spiel der Kriegstreiber
Offener Brief „an die Kriegstreiber Merz, Wadephul, Dobrindt und Pistorius“
Wenn Politiker Raketen streicheln – Der Krieg beginnt im Bewusstsein
Ehemals Impf-Befürworterin – anerkannte schwerste Impfschäden – allein gelassen
Alexander Wallasch
Elsässer macht Elsässer-Sachen – und das BSW fällt darauf herein
Wie aus einem Treffen von AfD und BSW eine politische Inszenierung wurde, warum Wagenknechts frühere Weggefährten Diether Dehm und Jürgen Elsässer dabei eine besondere Rolle spielen.
Alles für die Ukraine: Das neue sozialistische Winterhilfswerk der „taz“
Die linke taz geht den alten sozialistischen Weg und präsentiert sich aktuell als neues Winterhilfswerk der Medien, indem hier eine Propagandageschichte einer amerikanischen Oma erzählt wird, die in der Ukraine Kartoffeln schält für die Soldaten an der Front.
Der Kanzler und sein Hochstapler: Die Zombie-Regierung der Nichtzurückgetretenen
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wirft der SPD vor, mit einem Linksbündnis in Berlin „alle roten Linien für Demokraten“ zu überschreiten und die schwarz-rote Koalition zu gefährden. Der Vorwurf trifft jedoch auf eine eigene Praxis. Während der Hochstapler im Auftrag von Merz moralische Grenzen zieht, bleiben die Vorwürfe gegen sein Magazin The European und die Geschäftspraxis der Weimer Media Group im Raum.
Bundestag berät Ukraine-Schadenskasse: Zahlen soll ein besiegtes Russland
Worum es geht: Nicht um ein paar Millionen für eine Behörde in Straßburg. Der Europarat, nicht die EU, baut eine Kommission, die ukrainische Kriegsschäden feststellt, noch bevor der Krieg zu Ende ist.
„Unser Weg geht über den Hauptstrom – Wir wollen erobern"
Der Wiener Verleger, seit dem Sommer auch in Berlin, steht mit Castrum und dem Magazin Fiume auf der Frankfurter Buchmesse. Im Gespräch erklärt er, warum ein Verlagsprogramm Haltung ist, weshalb die Messe aus seiner Sicht nicht mehr ausgewogen abbildet und warum er trotzdem nicht ins Alternativprogramm ausweichen will.
Correctiv sitzt in der NIUS-Redaktion: Die Frage ist, wer die Tür aufgemacht hat
Es gibt Momente, in denen eine Redaktion aufhört, ein Arbeitsplatz zu sein, und zu einem Tatort wird. Heute früh war so ein Moment. Correctiv hat gegenüber NIUS eingeräumt, einen „umfassenden Datensatz aus dem System von NIUS.de“ einsehen zu können.
Milosz Matuschek
Wenn Krieg nicht reicht – hilft dann nur noch die Pest?
Wenn es Bargeld nicht gäbe, müsste man es erfinden
Bröckelt jetzt die Schweizer Neutralität?
Das Endspiel der Dekadenz
Die Befreiung des abgeschöpften Individuums
Egon W. Kreutzer
Die Sache mit der Hitze in der Küche
Von einem Politiker erwarte ich vor allem auch psychische Stabilität in belastenden Situationen. Das bedeutet, vor allem stets einen kühlen Kopf zu bewahren und seinen Pflichten gewissenhaft nachzukommen. Selbstverständlich gilt dies für Politikerinnen gleichermaßen. Daran ist nichts zu deuteln. Es sind die Anforderungen des Jobs, die erfüllen muss, wer immer ihn innehat. Selbstverständlich ist ein Trauerfall in der Familie eine Belastung, die über den Job hinausgeht. Daher gesteht die Bundeswehr ihren Soldaten für den Fall ||| ... weiterlesen
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Julies Woche – frisch nachgeladen
Alles, was in der letzten Woche wichtig, interessant und wissenswert war, finden Sie, vom Blickwinkel der Alternativen Medien her gesehen, wieder in Julies Woche. Wetten, dass Ihnen davon bis jetzt nur ein kleiner Teil vor die Augen gekommen ist? Aktuelle Ausgabe vom 10. Oktober 2026 Lesenswertes aus den letzten sieben Tagen – Direkt zu Julies Woche .
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BMW – brutale Zielgruppenbereinigung
Lang, lang ist’s her, als – teils spöttisch, teils ehrfürchtig – vom Baader-Meinhoff-Wagen gesprochen wurde, und, wegen der Vorliebe der RAF-Leute für die schnellen Autos aus München, sich überdurchschnittlich viele BMW-Fahrer unter den Betroffenen so genannter allgemeiner Verkehrskontrollen befanden. Inzwischen hat sich das Image der Marke längst wieder von diesem Einfluss erholt. In jüngeren Studien werden BMW-Fahrern regelmäßig folgende Persönlichkeitsmerkmale zugeschrieben: Erfolgreich und karriereorientiert: BMW-Fahrer gelten oft als ehrgeizig, leistungsorientiert und geschäftsorientiert. Die Marke wird ||| ... weiterlesen
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Der Abend des letzten Koalitionsausschusses
PaD 41 /2026 – Hier auch als PDF verfügbar: PaD412026 Der Abend des letzten Koalitionsausschusses Man hat sich geeinigt, uneins zu sein. Von Rentenreform bis Zuckersteuer – alles aus dem Herbst der großen Reformen in den Winter der Froststarre verschoben. Macht sich eigentlich noch irgendjemand Gedanken darüber, dass es Aufgabe der Regierung ist, Gesetze zu exekutieren, nicht aber, sie zu beschließen? Egal. Bundesrepublikanische Version der Demokratie von Anbeginn. Es soll nach Gewaltenteilung aussehen… Vielleicht ist ||| ... weiterlesen
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Vorvorletztes Geheule
Politiker sind mehrheitlich Opportunisten. Das wird in den lokalen Parteigliederungen eingeübt und zieht sich durch bis zum Fraktionszwang in den Länderparlamenten und im Bundestag. Es ist aber mehr als Opportunismus. Es ist auch Utilitarismus. Miteinander wächst sich das aus zum Individual- und zum Gruppenegoismus. Nun sind in Sachsen-Anhalt einige Abgeordnete der CDU dem 8:7 Fraktionschef von der Fahne gegangen und haben gemeinsam mit den fünf Abgeordneten des BSW einen Landtagspräsidenten aus den Reihen der mit ||| ... weiterlesen
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Der Pulverdampf versperrt den Blick
Die einzige Gewissheit, die unwiderlegbar im Raum steht, ist die Tatsache, dass die Spritpreise an den Tankstellen in Deutschland ungeachtet des so genannten „Tankrabatts“ praktisch unverändert hoch sind und zu einem festen Bestandteil der inflationsfördernden Gemengelage aus wirtschaftsfeindlicher Bundespolitik, Schuldenexplosion und äußeren Einflüssen geworden sind. Nun orientieren sich die Spritpreise an den Tankstellen an den Notierungen an den physischen Spotmärkten. Gerade wenn die Versorgungslage problematisch ist, weil z.B. die OPEC eine Kürzung der Fördermengen beschlossen ||| ... weiterlesen
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Dr. Thomas Hartung
Wenn das Erkunden der eigenen Geschichte verdächtig wird
Die Regierung der Ratlosen
„Auf Streife reicht die Sprache der Straße“
Das Recht auf das Eigene
Der Mann, die Spülmaschine und die letzte Gerechtigkeitslücke
Heiliger Zeitgeist
Erst die Sache, dann die Sprache
Wenn das Intime ins Rathaus zieht
Das deutsche Stadt-, pardon: Mannschaftsbild
Der Kunde als Hilfskraft
Bastian Barucker (Archiv)
Ab 1. November 2025: Neue Blog-Webseite. Dieser Blog bleibt als Archiv erhalten.
Sehr geehrte Interessierte,ab dem 1. November 2025 werde ich meine Recherchen und Interviews nur noch auf meinem neuen Substack-Blog publizieren. Dort können Sie sich auch für meinen Newsletter anmelden und meine Artikel kommentieren. Alle bereits veröffentlichten Beiträge sind ebenfalls dort zu finden, bleiben aber auch hier erhalten.
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Vor Gericht: Paul-Ehrlich-Institut gesteht fehlende Überwachung der Corona-Impfstoffe ein
von Bastian Barucker; als Podcast verfügbar Im Rahmen eines von mir angestrengten presserechtlichen Eilverfahrens, in dem es um die vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zurückgehaltenen Daten der SafeVac2.0-App geht, äußert sich die nach dem Arzneimittelgesetz für die Überwachung der Impfstoffsicherheit zuständige Behörde erstaunlich offen zu der Tatsache, dass ein aussagekräftiges Monitoring zu den Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe noch immer fehlt. In […]
Der Beitrag Vor Gericht: Paul-Ehrlich-Institut gesteht fehlende Überwachung der Corona-Impfstoffe ein erschien zuerst auf Auf Spurensuche nach Natürlichkeit.
«Staats(räson)funk – Deutsche Medien und der Genozid in Gaza» mit Fabian Goldmann
Der freie Journalist und Islamwissenschaftler Fabian Goldmann hat sich intensiv mit der Berichterstattung zum Thema Gaza auseinandergesetzt. Dafür hat er unter anderem 5.000 Schlagzeilen deutscher Leitmedien analysiert. Ein Teilfazit seiner umfangreichen Recherche lautet wie folgt: „Es mag schwer sein, unabhängige Informationen aus Gaza zu bekommen. Doch deutsche Medien scheinen es nicht einmal zu versuchen.” Seine […]
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Völkermord in Gaza: Eine Analyse mit dem Völkerrechtler Norman Paech
Der emeritierte Professor für Politikwissenschaft und Öffentliches Recht sowie ehemalige außenpolitische Sprecher der Partei Die Linke, Norman Paech, hat zusammen mit der Politikwissenschaftlerin und Journalistin Helga Baumgarten im Mai 2025 ein Buch mit dem deutlichen Titel „Völkermord in Gaza” veröffentlicht. Die Autoren nähern sich darin aus juristischer und politischer Perspektive einem durchaus brisanten Thema. Denn Deutschland, die USA […]
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Der ehemalige Familienrichter Christian Dettmar im Exklusiv-Interview
Im April 2021 kam der in Weimar tätige Familienrichter Christian Dettmar, ausgehend von dem Hinweis einer Mutter und auf Grundlage dreier Expertengutachten, zu dem Schluss, dass die Corona-Maßnahmen, die Kinder und Jugendliche in Schulen betrafen, eine potenzielle Kindeswohlgefährdung darstellten. Er erließ einen diesbezüglichen Beschluss für zwei Kinder an zwei Schulen. Seine Entscheidung wurde vor allem […]
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Bastian Barucker auf Substack
»Diese Zahlen nicht auszuwerten, wäre eine grobe Pflichtverletzung.« Ex-Krankenkassenvorstand im Gespräch
SafeVac 2.0: PEI meldet tausende schwerwiegende Fälle Jahre später
Corona: Vom Maßnahmenbefürworter zum Kritiker – Ein Journalist zieht Bilanz.
US-Studie: Nur halb so viele Corona-Tote?
DDR-Wochenkrippen: Ein Stück deutscher Traumageschichte
Seminarkalender 2027: Naturverbundenheit und Beziehungsfähigkeit stärken.
Joh. K. Poensgen • Fragen zur Zeit
Europäer gibt es nicht
Audiotext: Europäer gibt es nicht
There Are No Europeans
Die Eule der Minerva
Audiotext: Die Eule der Minerva
The Owl of Minerva
Atlas Initiative
100 Jahre Rothbard
Der Preis unserer Toleranz – Warum innere Sicherheit die neue soziale Gerechtigkeit ist (Buchvorstellung)
Antony P. Mueller: Ein Riese der Österreichischen Schule und ein herausragender Mensch
Der mündige Mensch und das Gerüst der Unfreiheit (Buchvorstellung)
Neues Buch der Atlas-Initiative
Jetzt Bargeld-Initiative unterschreiben und aktiv mitgestalten!
Connections.News
Jens Spahn tritt als Unionsfraktionschef zurück
Daniela Mercury – Der Kampf um Demokratie in Brasilien
Nützlicher Helfer der Politik: die NGO HateAid
Deutschland – Land der Dichter, Denker und deformierten Schienen
Goldstandard? Deutschland als Ingenieursnation versagt bei der Aufarbeitung
Kunst ist Widerstand – Die Band Doctor Krápula
Bornemann-Aktuell
Quo Vadis CDU?
Ein gesellschaftlicher Umbruch, der noch gar nicht bemerkt wird
Die Polarisierung der Gesellschaft in Deutschland wird nun auch von BMW verstärkt
Sachsen-Anhalt ist ein Lichtblick für die Demokratie und ein Armutszeugnis für ihre selbsternannten Hüter
Der Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt ist kein Zufall
Herr Kiesewetter: Die Bürger wollen keinen Krieg – sie wollen den Frieden
International
Neue Zürcher Zeitung
Raketen gegen Polizisten: Zürich erlebt eine Nacht der Gewalt – Spuren am Tatort deuten ins Milieu des FC Zürich
VIDEO - Bärbel Bas tritt als Arbeitsministerin und SPD-Vorsitzende zurück
DER ANDERE BLICK - Bärbel Bas verkörpert wie niemand sonst die Misere des linken Parteiflügels. Ihr Rücktritt zwingt die SPD zur Entscheidung
Schweizer Monat
Vergesellschaftung – aber richtig!
Nach den jüngsten Wahlen in Deutschland, insbesondere jener in Berlin, hat das Wort «Vergesellschaftung» Hochkonjunktur. Die Linkspartei gewann die Wahl zum Abgeordnetenhaus mit der Forderung, grosse Immobilienunternehmen zu «vergesellschaften» – zu Deutsch: zu enteignen. Und warum bei Immobilien aufhören und nicht auch
Why Does Progress Take So Long?
Wer Enteignung als «Vergesellschaftung» schönredet, verdreht die Realität
China und Russland fordern die Vorherrschaft der USA heraus
Katie Taylor zeigt: Anerkennung lässt sich erkämpfen, aber nicht verordnen
Die Schweiz gibt sich freiwillig auf
Linke scheitern an der Wirklichkeit
Der Föderalismus sichert seine Existenz ab – oder er verliert sie
Budapester Zeitung
Lebensqualität am Lebensende
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Zeuge für Brüche der Geschichte
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Trockenheit an der Theiß
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Extrem hohe Nachfrage
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System grundlegend erneuern
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Kein Straftatbestand
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Nur keine Hektik!
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Weitere Fälle präsentiert
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Unser Mitteleuropa
Erst beschlossen, jetzt „Murks“: Regierung streitet über ihre eigene Paketsteuer
Keine zwei Wochen nach Einführung der Paketsteuer stellen ÖVP und Neos ihre eigene Entscheidung öffentlich infrage. Bundeskanzler Christian Stocker erklärte am Montag, 12. Oktober, er sei für alternative Finanzierungsvorschläge offen. Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger bezeichnete die Abgabe am Wochenende als „Murks“. Beide Parteien hatten dem Gesetz im Juli zugestimmt. Seit 1. Oktober werden bei betroffenen Versandhändlern […]
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Gesetzesentwurf: Für Fotos von bekleideten (!) Hintern drohen 2 Jahre Haft
+ Forderungen nach Schröder-Rauswurf in der SPD + Nosferatu-Spinne inzwischen bundesweit verbreitet + USA drohen Ukraine laut „Financial Times“ mit Stopp von Waffenlieferungen + Vertrauen in deutsches Bundesverfassungsgericht schwindet + Forderungen nach Schröder-Rauswurf in der SPD Amberg (dpa) – Nach Gerhard Schröders Besuch beim Geburtstag des russischen Präsidenten Wladimir Putin, werden in der SPD wieder […]
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Sparen auf Brüsseler Art – EU-Budget soll trotzdem um 30 Prozent steigen
Die irische EU-Ratspräsidentschaft hat einen neuen Kompromiss für den europäischen Langzeithaushalt von 2028 bis 2034 vorgelegt. Gegenüber dem ursprünglichen Vorschlag der EU-Kommission sollen rund 141 Milliarden Euro eingespart werden. Das klingt zunächst nach Sparpolitik. Tatsächlich würde das Budget mit etwa 1,6 Billionen Euro jedoch noch immer rund 30 Prozent über dem Finanzrahmen für 2021 bis […]
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MEP FPÖ Steger – Linke Parteien machen sich zum verlängerten Arm der Muslimbruderschaft
SPÖ und Grüne wollen die islamistische Unterwanderung verharmlosen, verdächtige Netzwerke schützen und stattdessen deren Kritiker ins Visier nehmen. Im Europäischen Parlament zeigt sich einmal mehr, auf wessen Seite Grüne und Sozialdemokraten stehen.
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Nachhaltig in den Untergang Teil 2
Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist eines der wichtigsten Paradigmen im Wertekanon des politischen Mainstreams. Für „unsere“ Eliten ist dieser Begriff neben den Begriffen „Demokratie“, „Menschenrechte“ und „Freiheit“ ganz wichtig um ihren moralischen Anspruch auf Dominanz über uns und eigentlich den ganzen Planeten zu legitimieren.
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„Stramm in den Russlandkrieg?“ – Wie die Bundesregierung die Eskalationsspirale weiterdreht
Deutschlands Geheimdienstchefs schlagen Alarm: Russland führe bereits einen „Schattenkrieg gegen uns“, ein gewaltsamer Konflikt sei nicht mehr ausgeschlossen. Gleichzeitig rüstet Berlin mit Milliarden auf und pumpt immer weitere Summen in die Ukraine. Abschreckung und keine Diplomatie oder gefährliche Eskalationsspirale? Wie weit kann Deutschland noch gehen, bevor aus dem Schattenkrieg irgendwann ein wirklicher Krieg wird?
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Neun Monate statt sechs: Österreich will Wehrpflichtige länger einziehen
Österreichs Bundesregierung plant einen Umbau des Wehrdienstes. Sechs Monate Grundwehrdienst, ein Monat Truppenübungen und zwei Monate verpflichtende Milizübungen: Nach diesem Modell müssten Wehrpflichtige insgesamt neun Monate Dienst leisten. Die Regierung begründet die Reform mit der veränderten Sicherheitslage und der notwendigen Stärkung der Landesverteidigung.
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unzensuriert.at
Was alles möglich ist! Blauer Bürgermeister in Wels präsentiert Budget-Überschuss
Bürokratie-Hölle in Kärnten: Forstwirt kämpft um Forststraße
440 Milliarden Euro Schulden: Regierung setzt auf Hoffnung statt Reformen
Gesundheitskosten explodieren: Jetzt drohen Patienten neue Belastungen
Spionageaffäre und Journalisten-Festnahme: FPÖ fordert Antworten
Wird aus dem „Herbst der Ergebnisse“ ein Koalitionsbruch der ÖVP?
Auch Höcke kauft keinen BMW mehr: „Management von Politik gekapert“
EU als Zahlmeister der WHO: FPÖ fordert Zahlungsstopp für zwielichtige Projekte
America Out Loud News
Feine Magazine
CATO
Editorial Heft 6 | 2026
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APOLLO NEWS: MIT TEAMGEIST ZUM ERFOLG
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DAS MÄRCHEN VON DEN MENSCHEN AUF DEM MARS
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»EUROPA STEHT VOR SEINER SCHICKSALSSTUNDE«
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UNBEQUEM UND FURCHTLOS
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CASTROS LÜGENPALAST
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EINE HISTORISCHE REDE
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TUMULT
Marc Pommerening: BOTSCHAFTEN AUS DEM INNEREN DES WALS
SEITENWECHSEL 2026: VERANSTALTUNGEN DER EDITION TUMULT
Gunther Nickel: KUNSTFREIHEIT UNTER POLITISCHEN VORZEICHEN – DIE KULTURPROGRAMME DER AfD
Markus C. Kerber: 75 JAHRE BUNDESVERFASSUNGSGERICHT
Marc Pommerening: BOTSCHAFTEN AUS DEM INNEREN DES WALS
Sezession
150 Jahre Gertrud von le Fort
Kickl, Israel und eine Rede in Straßburg
Schnellroda fächert auf
Das Eigentliche
Wahlanalyse Berlin
Berlin: ethnische Wahl
Recherche D
Was Deutschland nach der Deutschen Einheit falsch machte …
Vorschau: Themenheft REGIEREN!?
Gegneranalyse: Erstes Zwischenfazit
Kein Artenschutz für Wendehälse?
Postliberale Ökonomie: Ein deutsches Erfolgsmodell?
Koalieren? Und wenn ja, wie?
Recherche D startet Gegneranalyse
Wir selbst
Die Romantik des Untergangs: Wenn die Sehnsucht nach Stille zum Wunsch nach Stillstand wird.
Systemkollaps
Grundübel Parteienstaat: Am Beispiel Sachsen-Anhalt
Arminius und der Wald, den nicht jeder sieht
„Uns wird die Souveränität geraubt, dagegen zu sein“
Krautzone
Cornell 7 – Das neue „Me too“?
Wer waren die Goten?
Das problematische Verhältnis zwischen Merz und der Wahrheit
Wer rettet den Euro, wenn Paris brennt? Der deutsche Steuerzahler
Freilich
50.000 Euro Streitwert: Ärger für AfD-Jugend nach Videodreh
Rüstungsfabrik in Sachsen-Anhalt: Was kommt auf Sangerhausen zu?
Bahnzwang ohne Bahn – willkommen in der grünen Verkehrswelt
Hörsaalgeflüster (14): Kritische Vorlesung über „Trans-Identität“ – Riss in der linken Hegemonie?
Ukrainekrieg: Wohin steuern Russlands Führung und westliche Eliten?
Libratus • Das Magazin
Corrigenda
Kolumne von Oliver Stock: Abrakadabra und die Liebe hält ewig
Zwischen den Grabsteinen eines jüdischen Friedhofs erkennt unser Kolumnisten-Ehepaar, was kommt, was geht und was auf jeden Fall Bestand hat.
Blick von außen auf Europa: Warum ich als gebürtiger Vietnamese die christliche Wurzel des Westens verteidige
Geboren im kommunistischen Nordvietnam, begab sich unser Autor auf die Suche nach den Ursprüngen menschlicher Freiheit. Seine Reise führte ihn nicht nur nach Europa, sondern zur Erkenntnis: Ohne das jüdisch-christliche Fundament gibt es keine dauerhaft freie Ordnung.
Ja zur eigenen Geschichte, Kultur und Religion: Wie Europa den Islam bekehren kann
Die Islamisierung Europas: Eine vitale Kultur trifft auf einen müden Kontinent. Europa kann dem Islam nur begegnen, wenn es wieder Selbstbewusstsein für seine eigene Kultur findet, die geprägt ist vom Gedanken einer göttlichen Ordnung und von der Hoffnung auf die ewige Glückseligkeit.
Sebastian Ostritsch: Der Fall Lindsay Clancy und die Frage nach der moralischen Verantwortung
Eine Mutter steht unter Verdacht, ihre drei kleinen Kinder ermordet zu haben. Die Verteidigung plädierte auf Schuldunfähigkeit – elf der zwölf Geschworenen folgten dem. Die Empörung ist groß. Bei der Betrachtung dieses Falls zieht unser Kolumnist einen mittelalterlichen Gelehrten zu Rate.
Kolumne von Stefan Millius über Swissair: Als die Schweiz unterging
Vor 25 Jahren erlebte die legendäre Swissair ihr Grounding. Zu Bruch ging dabei mehr als eine Fluggesellschaft. Die Schweiz wurde nüchterner – mit Folgen bis heute.
Manova
Die islamische Aufklärung
Die helle Seite einer viel geschmähten Religion macht deutlich, wie wichtig Differenzierungsvermögen ist.
Die folgenlose Redefreiheit
Man kann heute alles sagen, aber es juckt die Herrschenden nicht — soziale Medien wurden so zum Sicherheitsventil des Status quo.
Aus dem Maschinenraum
Hinter den Kulissen von Manova wurde in den vergangenen Wochen einiges umgebaut, vieles davon können Sie bereits selbst entdecken. Doch das war erst der Anfang: Weitere Verbesserungen und neue Funktionen sind bereits in Arbeit.
Duma, Drohnen, Demokratie
Im Manova-Gespräch mit Walter van Rossum schildern Ulrich Heyden, Flo Osrainik und Nicolas Riedl ihre Beobachtungen der zurückliegenden Parlamentswahl Russlands und skizzieren das dortige Stimmungsbild hinsichtlich Krieg und Frieden.
Die schwerste Entscheidung
Abtreiben oder nicht? Gerade für sensible Frauen ist die Abwägung oft quälend, weil sie zwischen zwei Optionen wählen müssen, die beide eigentlich „nicht gehen“.
Der neue Amtseid
Spitzenpolitiker sollten bei der Wahrheit bleiben und bei Amtsantritt besser schwören, „Ungerechtigkeit gegen jedermann zu üben“.
Der entmündigte Bürger
Die Effizienzsteigerung durch Technisierung und Digitalisierung macht den Menschen zu einem Objekt der Technik und zerstört jeden Raum für Leben.
Schweizer Sensenmann
Beihilfe zum Mord, gemeinhin „Waffenexport“ genannt, soll durch eine Reform des Kriegsmaterialgesetzes erleichtert werden.
München piekst
Auf dem Oktoberfest wurden Besucher, die kaum mehr Herr ihrer Sinne waren, mit Impfangeboten behelligt.
Mitten im Leben
Ob virtuelle oder spirituelle Weltflucht — beide dienen nicht dem Leben auf der Erde und sind zu überwinden.
GlobKult
Universalismus, decolonialism und geschichtliche Wirklichkeit
von Herbert Ammon
In einem Artikel zum 250. Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung der USA ( H.A. in: Globkult, 02.07.2026, https://www.globkult.de/
Ein früherer Kollege bemerkte dazu, er möchte die These "Dekolonialismus als pervertierte Form des Universalismus" gerne näher erläutert wissen. Ich nehme die Kritik als Anstoß zu Überlegungen, die auf eine Erklärung der maßgeblich von den USA ausstrahlenden Ideologie zielen. Es geht darum, den – unter dem Etikett „wokeism“ firmierenden - jüngeren Linksradikalismus auf seine Wurzeln hin zu untersuchen und ihn aus den dem „westlichen“, aufklärerischen Denken innewohnenden Widersprüchen herzuleiten.
Die Wurzel aller politischen Bewegung – und aller Radikalismen, ob „rechts“ oder „links“ - liegt in der Auflehnung von Individuen, Gruppen oder Kollektiven gegen die jeweils etablierte Ordnung. Somit trägt auch die in den demokratischen Revolutionen etablierte Herrschaftsform den de facto unaufhebbaren Widerspruch von Herrschenden und Beherrschten (oder Regierenden und Regierten) – manifest in Begriff und Funktion der „Eliten“ - in sich. Was wir im Namen von „decolonialism“ bzw. „critical whiteness“ derzeit in den USA und in Westeuropa erleben, ist – in dialektischer Umkehrung – das Produkt des im Westen geborenen Universalismus.
Wissen & Erfahrung
Kalte Sonne
Forscher zerlegen Klimaschutz-Politik der EU im Auto-Sektor
Das atmosphärische Muster, das das Klima Grönlands seit Jahrtausenden prägt
Australiens Niederschlagsmuster während der Eiszeit waren komplexer als bisher angenommen
Die Sache mit den Hurricanes
Mittelalterliche Klimaanomalie und die Kleine Eiszeit in Südamerika
Warum unsere Wälder der Windkraft geopfert werden
Städte weltweit sinken durch Grundwasserentnahme – doch der Prozess lässt sich umkehren
Ozonloch schrumpft 2025 auf eine der kleinsten Ausdehnungen seit Jahrzehnten
ScienceFiles • Kritische Wissenschaft
Eine persönliche Anmerkung
Wir pfeifen auf Kunden: grÜÜÜn liefert keinen Strom mehr – Geschäftsmodell auf Sand gebaut
Hessen El-Dorado: Wo Windturbinen wie Pilze im Wald wachsen (und dennoch nicht rentabel sind)
Klimawandel lässt Insel untergehen …
„Ich bau Dir ein Luftschloss“: Geplanter Windpark Lindenrain bei Calw – eine weitere Luftnummer
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Cyberangriff auf französische Supermärkte – Störungen auch in den Niederlanden und Belgien
In der Nacht auf Montag wurden zahlreiche Kühl- und Gefriersysteme in französischen Supermärkten sabotiert. Mutmaßlich machten Hacker aus Gefrier- und Kühlgeräten Öfen. Lebensmittel wurden vielfach zerstört. Parallel dazu kommt es[…]
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Was Statine Über-70-Jährigen bringen – Studie zeigt nüchternen Trade-off
Viele Menschen ab 70 schlucken bereits mehrere Medikamente täglich. Noch eines für den Rest des Lebens dazuzunehmen, sollte daher einen klaren, spürbaren Nutzen bringen – besonders, wenn die Person relativ[…]
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Jacob Nordangård über Klimawandel als Steuerungsinstrument der Universitäten
Am 10. und 11. Oktober 2026 hielt der schwedische Forscher Jacob Nordangård auf dem vierten Omniwar-Symposium seinen Vortrag „The Capture of Academia – The Case of Climate Change“. Die Aufzeichnung,[…]
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„Keine neuen Geldgeschenke an die WHO“
Niemand zahlt so viel Geld an die Weltgesundheitsorganisation wie die EU. Doch in Zukunft soll die EU noch mehr für die marode UN-Organisation zahlen. In einer aktuellen Presseaussendung berichtet und[…]
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Trump verkündet Waffenruhe, die Drohnen fliegen weiter
Am Sonntag erklärte Donald Trump eine Energie-Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine. Für Selenskyj war das eine „neue“ Information; kurz danach kam es zu einer Explosion bei einem ukrainischen Kraftwerk.[…]
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Wer führt im KI-Rennen?
Wer das Wettrennen um die Vorherrschaft in der Künstlichen Intelligenz gewinnt – die USA oder China –, entscheidet über wirtschaftliche und militärische Machtverhältnisse der kommenden Jahrzehnte. Eine aktuelle Recherche der[…]
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Windpark-Lärm: Die Physik, die in der Genehmigung fehlt
Eine neue Studie aus Renewable Energy zeigt wie Windparks durch auf- und abschwellenden Lärm Schlafstörungen und Krankheiten verursachen. Gestaffelte Parks sind lauter. Die Nacht ist schlimmer als der Tag. Und[…]
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Windräder sind mit Abstand die idiotischste aller Energieerzeugungsformen
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Edgar L. Gärtner
Neue Sprüche
Klima, Energie und das kulturelle Betriebssystem
Brauchen wir eine Tech-Monarchie zur Lösung der Energiekrise?
Wenn die Liebe fehlt…
Die Bibel und die Klima-Religion
Der neue Papst und die Klimareligion
Auf die Nebenwirkungen unseres Handelns kommt es an
OVALmedia • Live-TV & Investigatives
Dr. Eugen Zentner | NARRATIVE #227 by Robert Cibis
OVALmedia:
Dissenskultur Robert Cibis im Gespräch mit dem Kulturjournalisten und Autor Dr. Eugen Zentner über kritische Kunst, alternative Verlage und den Aufbau einer Gegenöffentlichkeit Zentner hat sich seit 2020 einen Namen als Chronist der maßnahmenkritischen Kulturszene gemacht; parallel veröffentlicht er Kurzgeschichten und Gedichte. Cibis und Zentner kennen sich aus jener Zeit, in der sich – so…
Der Beitrag Dr. Eugen Zentner | NARRATIVE #227 by Robert Cibis erschien zuerst auf OVALmedia.
Cayenne: Das Herzmittel, das nicht patentiert werden kann
OVALmedia:
Unbekoming Ein Essay über die Substanz, die die Kardiologie nicht beim Namen nennen will Teil der Reihe „Küchenapotheke“. In diesem Beitrag geht es um eine Substanz, die in jeder Küche zu finden ist, und um eine volkstümliche Behauptung darüber, die nie wissenschaftlich überprüft wurde. Solange die Anreizstruktur bestehen bleibt, wird dies auch nie geschehen. Sally…
Der Beitrag Cayenne: Das Herzmittel, das nicht patentiert werden kann erschien zuerst auf OVALmedia.
Prof. Dr. Dr. David Berger | NARRATIVE #226 by Robert Cibis
OVALmedia:
Kathokratie In der Sendereihe „Narrative“ empfängt Robert Cibis den Publizisten und Theologen Prof. Dr. Dr. David Berger zu einem weit ausgreifenden Gespräch, das an einer Biografie ansetzt und von dort in die Grundfragen von Macht, Religion und Menschenbild führt. Berger, von 2003 bis 2010 Professor an der Päpstlichen Thomas-Akademie und nach eigener Auskunft der jüngste,…
Der Beitrag Prof. Dr. Dr. David Berger | NARRATIVE #226 by Robert Cibis erschien zuerst auf OVALmedia.
Dr. Hannes Hofbauer | NARRATIVE #225 by Robert Cibis
OVALmedia:
Der bürgerliche Tod Es beginnt unscheinbar, mit einem Eintrag auf einer Liste. Kein Gerichtssaal, keine Anklageschrift, kein Urteil – und doch ist das Leben eines Menschen mit einem Federstrich zu Ende. Konten gesperrt, Vermögen eingefroren, der Pass quasi abgegeben, jede Reise unmöglich. Wer dem Betroffenen hilft, macht sich selbst strafbar. Genau diese Mechanik hat…
Der Beitrag Dr. Hannes Hofbauer | NARRATIVE #225 by Robert Cibis erschien zuerst auf OVALmedia.
Wissenschaft als Waffe
OVALmedia:
Wissenschaft als Waffe Die anti‑newtonschen Wurzeln der Amerikanischen Revolution 18. Februar 1996: Die Historiker Graham Lowry und Anton Chaitkin geben einen historischen Überblick über den Einfluss von Gottfried Leibniz auf die Entstehung der Vereinigten Staaten sowie über die industrielle Revolution nach Lincoln, die die Welt veränderte. Die Amerikanische Revolution war kein Steuerstreit und kein bedauerliches…
Der Beitrag Wissenschaft als Waffe erschien zuerst auf OVALmedia.
Fahrt nach Kalaurea
Die Blogs von Ingo Bading
Studium Generale
"Unser" stolzes Nomadenleben
Seit wir sicher wissen, wann, wo und wie das Urvolk der Späten Urindogermanen um 3.300 v. Ztr. als Nomadenvolk am Mittleren Dnjepr gelebt hat (Stg2024, a, b), werden alle Völker, die bis ins späte 19. oder noch bis ins 21. Jahrhundert als Nomadenvölker gelebt haben oder sogar noch leben, für uns hochgradig interessant.
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| Abb. 1: Nomadenlager der Mongolen, fotografiert von dem Schweizer Abenteuer-Schriftsteller Bruno Blum (geb. 1967) im Jahr 2010 (Alam) -Typische Raumverteilung von Nomaden-Lagern in der Steppe - Wenn sich von solchen Nomadenlagern ausgehend die Menschen bei zentralen Grabhügeln mit Rinderwagen sammeln, können wohl leicht sternförmige Wege entstehen (wie für den Mittleren Dnjepr 3.300 v. Ztr. festgestellt) |
Weil sie alle etwas aussagen können darüber, wie die Urindogermanen an der Mittleren Wolga um 4.500 v. Ztr. und am Mittleren Dnjepr um 3.300 v. Ztr. und von dort ausgehend in vielen Teilen Eurasiens eigentlich gelebt haben.
Dazu sollen im vorliegenden Beitrag einige "Bildeindrücke" und einige für uns neue Überlegungen zusammen gestellt werden. Auch über die KI können wir viele Fragen klären, die wir uns bislang noch nie bewußt gemacht hatten.
Was für ein Blick über die Weiten eines Nomadenlagers (Abb. 1 und 11)! Schafe in einer riesigen Herde gehalten, frei laufende Pferde, eingezäunte Pferde, rauchende Jurten, Weite, vereinzelt Rinder. Was für ein vielfältiges Leben!
Dazu folgen weiter unten noch weitere - historische - Abbildungen. Aber zuvor noch einige Überlegungen bezüglich der Pferdehaltung bei den Frühen und bei den Späten Urindogermanen in der Nordschwarzmeersteppe, die wir uns erst aus Anlaß der Veröffentlichung dieses Blogbeitrages bewußt machen.
Unsere heutigen Pferde wurden domestiziert - erst - um 2.200 v. Ztr. im Nordschwarzmeerraum (Stg2021).
Das heißt, sowohl bei den Frühen Urindogermanen an der Mittleren Wolga wie bei den Späten Urindogermanen am Mittleren Dnjepr spielen zwar "Pferde" eine Rolle. Aber es handelte sich - im heutigen Sinne - um Wildpferde, nicht um domestizierte Pferde. Diese Wildpferde wurden als Opfertiere zusammen mit domestizierten Schafen und Rindern niedergelegt. Ihre Rolle wird auch deutlich an den weit verbreiteten Wildpferdekopf-Zeptern, die wir hier auf dem Blog schon behandelt haben.
Auch aufgrund vieler anderer Umstände kann es nicht anders sein, als daß es schon spätestens seit 4.500 v. Ztr. ein "Pferde-Management" (1) gegeben hat bezüglich dieser Wildpferde.
Nomadenleben bei den Kirgisen im Tienshan
Wie "Pferde-Management" - auch für Wildpferde - ausgesehen haben kann, kann man - unter anderem - bei traditionell lebenden Kirgisen lernen (2). Diese arbeiten zwar mit domestizierten Pferden. Aber ihre Pferde bewegen sich die meiste Zeit des Jahres "wild" auf den Weiden. Für die Wanderung zu den Hochweiden, die innerhalb des Tianshan auf 3.000 Meter Höhe 150 Kilometer entfernt liegen, werden die Leithengste eingefangen (2, 7'11). Damit sie nicht miteinander um ihre jeweiligen Herden kämpfen, werden sie während der Wanderung von den Pferdehirten geritten.
Von den Kirgisen kann man also lernen, wie auch domestizierte Pferde noch heute wie Herdentiere auf die Weide "getrieben" und dort gemolken werden (2). Um die Stuten melken zu können, werden ihre Fohlen eingefangen und angepflockt. Wenn dann ihre Mütter sich zu ihnen gesellen, können sie ruhig gemolken werden, obwohl sie gar nicht angebunden sind.
Auf Youtube findet sich eine hinreißende Dokumentation von echtem, wildem Nomadenleben wie es in Kirgistan noch am Beginn des 21. Jahrhundert gelebt wird (2).
Man ist hingerissen von dieser Freiheit eines Nomadenvolkes, von all den vielen Tieren, von der Landschaft, von ihrer Wildheit.
Vor allem die Lebenshaltung, die große Freiheit und Ungebundenheit unserer Vorfahren, des Volkes der Späten Urindogermanen der Jamnaja-Kultur am Mittleren Dnjepr kann man über eine solche Dokumentation vielleicht besser verstehen.
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| Abb. 2: Angepflockte Fohlen und ihre Mütter in der Tschuja-Steppe im Altai (fotografiert von Alexandr Frolov, 13. Juli 2016) (Wiki) |
Auch die Kirgisen haben diese nomadische Lebensweise - vermutlich - indirekt und über viele Umwege von dem Volk der Späten Urindogermanen vom Mittleren Dnjepr geerbt. Auch sie stammen in Teilen von diesem Urvolk ab.
Denn die Späten Urindogermanen lebten diese Lebensweise als Steppennomaden erstmals in voller Ausprägung, wenn auch damals noch mit Wildpferden (Przewalski-Pferden). Aber ansonsten auch schon mit Schafen, Ziegen und Rindern. Sie waren ja die "Erfinder" dieser Lebensweise. Der Lebensraum Steppe, der zuvor kaum von Menschen genutzt wurde, wurde ja durch sie und die von ihnen erfundene Lebensweise erst ganz neu erschlossen.
Fast ist man versucht zu sagen: Wir Deutschen, wir europäischen Völker - wenn gar nichts mehr geht, wenn alles zuschanden ist, die Umwelt zerstört ist, die moderne Wirtschaft, die moderne Lebensweise zusammen bricht - womöglich kehren wir dann zu unseren Ursprüngen zurück, zu unseren Ursprüngen als Nomadenvolk.
"Digitale Nomaden" gibt es sowieso schon in rauen Mengen. Dieser Lebensstil braucht ja nicht nur hedonistisch gelebt werden. Er kann - womöglich - auch familienfreundlich gelebt werden. Und nur eine familienfreundliche Lebensweise ist auch eine zukunftsträchtige Lebensweise, eine "evolutionsstabile" Lebensweise. Wer darauf nicht achtet, ist zum demographischen Aussterben verdammt - so wie die heutigen Deutschen und alle anderen Völker in nördlichen Breitengraden. Ihr biologisches und damit auch kulturelles Überleben scheint ihnen egal zu sein. Und dann gibt es in diesen Völkern auch noch "patriotische" Politiker, "Populisten", "Rechtskonservative", die sich selbst und ihren Völkern einreden, es bräuchte im Wesentlichen nur das Kreuz auf dem Wahlzettel an der richtigen Stelle gesetzt werden, dann wäre das Überleben der Völker der nördlichen Breitengrade gesichert. Was für ein Hohn.
Alle unsere Vorfahren waren insgesamt "familienfreundlich". Wie Europäer heute sind die Nachkommen der kinderreichen Bauernfamilien der Frühen Neuzeit.
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| Abb. 3: Grasende Pferde mit Fußfesseln in Kirgistan im inneren Tienshan-Gebirge (Wiki, a) nördlich der Taklamakan - Blick auf den Fluß Naryn im Naturschutzgebiet Naryn in Kirgistan (fotografiert von Abujoy, 18. August 2018) |
Aber hat denn nicht mancher schon diesen inneren Ruf verspürt: Laßt uns der Zivilisation den Rücken kehren. Laßt uns zurück kehren in die Wildheit der Berge, in die Wildheit der Steppen, der großen Einsamkeiten. Laßt uns allein sein mit unseren Tieren, mit den Wolken, mit der Sonne und dem Wind. Und - damit - mit Gott.
Laßt uns auch zurück kehren zur Hochachtung der Mütter, wie sie Steppennomaden Jahrtausende lang selbstverständlich war (siehe dazu auch z.B. die Doku "Nomadenleben in der Mongolei" [SWR2018]).
Laßt uns verfluchen all die "Zivilisation", die seither diesen Planeten umgibt - wie ein Grauen ...
"Pferde-Management"
Noch einige Gedanken zum oben genannten "Pferde-Management": Wildpferde könnten auch mit Hilfe von Fußfesseln (Wiki) gehalten worden sein. Oder sie könnten angepflockt gehalten worden sein (Abb. 2) so wie andere Weidetiere auch. Hinweise auf die Nutzung von Fußfesseln gibt es, so finden wir es auf Wikipedia erwähnt, aus dem Alten Ägypten, bei den Skythen des 4. Jahrhunderts v. Ztr. und auch bei den antiken Persern (Wiki). Weiter unten werden wir uns von der KI noch erklären lassen, wie traditionelle Nomadenvölker Pferde an Fußfesseln und an das Anpflocken gewöhnen.
So können Anhaltspunkte gesammelt werden dafür, wie auch schon Wildpferde ab 4.500 v. Ztr. gehalten worden sein können und wie mit ihnen "Pferde-Management" betrieben worden sein kann (1).
Da wir heute zumeist in einer siedlungsdichten, lauten, schreckhaften Umgebung leben, wo man Pferde nicht frei in der Herde laufen lassen kann, liegen all diese Dinge gar nicht mehr in unserem Vorstellungsbereich. Und deshalb scheinen sich auch die Archäologen seit Jahren so schwer damit zu tun, Erklärungen dafür zu finden, wie das genannte "Pferde-Management" mit Wildpferden eigentlich konkret ausgesehen haben könnte. Auf die Anhaltspunkte, die wir im vorliegenden Blogartikel zusammen tragen, sind wir durch eigenes Nachdenken gekommen, wir haben sie nicht irgendwo in der Literatur gelesen.
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| Abb. 4: Nomadenlager - In: "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen" aus dem Jahr 1833, herausgegeben von H. O. F. Goedsche (Bildgsforsch) (Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation - inzwischen abgeschaltet) |
Die in Abbildung 2 genannte Tschuja-Steppe ist übrigens eine siebzig Kilometer lange, bis zu vierzig Kilometer breite Hochgebirgssenke. Sie liegt in der russischen Altai-Republik in Sibirien. Sie liegt auf einer Höhe von 1.750 bis 1.850 Metern. Sie gilt als der kälteste und trockenste Ort des russischen Altais. Die Hochebene ist zudem reich an archäologischen Schätzen. Es finden sich zahlreiche alte Grabstätten, Steinkreise, Felszeichnungen (Petroglyphen) und Artefakte aus der Stein- bis Eisenzeit. (Nach KI.)
Nomaden! Nomaden!
1833 wurde in Deutschland heraus gebracht eine "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen mit ausführlicher Beschreibung derselben" (3).
Der Herausgeber war Hermann Goedsche (1816-1878) (Wiki). Dies war ein Schlesier und äußerst zwielichtiger Mitarbeiter des preußischen Geheimdienstes. Er ging mit sehr seichten, Sensations-heischenden Romanen seinem Gelderwerb nach. Sein Sensations-heischender Roman "Der Judenfriedhof von Prag" konnte - dementsprechend - zu einem der Ausgangspunkte für die sogenannten "Zionistischen Protokolle" werden.
Seine "Völkergalerie" war wohl ebenfalls Teil seines Gelderwerbs (3). In dieser finden sich jedoch auch zum Teil sehr eindrucksvolle Abbildungen vom Leben von Nomadenvölker, die es im 19. Jahrhundert noch in ursprünglicherer Form gab als später (Abb. 4).
Was für ein vielfältiges Leben auch hier: Jurten werden aufgebaut, Fahnen werden aufgerichtet, Heiligtümer gibt es, Kamele werden als Lasttiere genutzt, einachsige Karren sieht man.
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| Abb. 5: "Lager der Kalmücken" - In: "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen" aus dem Jahr 1840, herausgegeben von H. O. F. Goedsche |
Ähnlich die Abbildung "Lager der Kalmücken". Ein kalmückisches Dorf wird gezeigt mit vielen Ghers, Menschen, Kamelen, Pferden, Ziegen und weiterem Vieh (Abb. 5). In der Ferne schlängelt sich ein Fluß durch die Ebene (das sieht man erst auf Abb. 6, weshalb wir auch diese einstellen). Flüsse und ihr Wasserstand waren zentral für Nomadenvölker in der Steppe (auch noch für die Arier in Nordindien - wie man zum Beispiel aus der Rigveda weiß, wo die "Sturmgötter" eingeladen wurden, auf daß sie Regen bringen und die Flüsse anschwellen lassen).
"KI, wie halten Steppennomaden Pferde?"
Beim weiteren Umsinnen der Frage, wie Steppennomaden eigentlich leben, fragen wir die KI einfach einmal "Wie halten Steppennomaden Pferde?" Und wir sehen, daß die KI sehr brauchbar ist, um sich mit ihr über solche Fragen zu unterhalten, denn wir erhalten die Antwort:
Steppennomaden, wie zum Beispiel in der Mongolei, halten Pferde traditionell als robuste Herdentiere im Freien. Die Tiere leben ganzjährig in weitläufigen Herden auf der Steppe, trotzen extremen Witterungsbedingungen ohne künstliche Unterstände und versorgen sich selbst durch das Grasen von kargem Steppengras, ohne zusätzliches Kraftfutter. Die Haltung der Steppenpferde zeichnet sich durch folgende Kernpunkte aus: Ganzjährige Freilandhaltung: Die Pferde leben das ganze Jahr über ungeschützt im Freien. Sie trotzen eisigen Temperaturen von oft unter -30°C im Winter und starker Hitze im Sommer. Durch ihr dichtes Winterfell sind sie perfekt isoliert. Natürliche Herdenstruktur: Die Tiere leben in natürlichen Sozialverbänden, die von erfahrenen Leitstuten angeführt werden. Hengste verteidigen ihre Stuten und den Nachwuchs. Dieses Herdenleben ist essenziell für das psychische Wohlbefinden der Pferde. Keine Zufütterung: Nomaden füttern selten Heu oder Kraftfutter zu. Die Pferde müssen den ganzen Tag wandern, um den kargen, aber faserreichen Bewuchs der Steppe aufzunehmen. Ihr Verdauungssystem ist exakt auf diese stetige, kleine Nahrungsaufnahme eingestellt. Große Bewegungsfreiheit: Als Lauftiere legen die Pferde täglich weite Strecken bei der Futtersuche zurück. Dies verhindert den Abbau von Muskeln und erhält den gesamten Bewegungsapparat gesund.
Und so fragen wir die KI willkürlich weiter "Woher wissen Steppennomaden, welche Tiere ihnen gehören?"
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| Abb. 6: "Lager der Kalmücken" - In: "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen" aus dem Jahr 1840, herausgegeben von H. O. F. Goedsche (andere Version von Abbildung 5) |
Und wir erhalten die Antwort:
Steppennomaden wissen primär durch traditionelle Brandzeichen (Tamga), feine Einschnitte an den Ohren sowie durch eine phänomenale persönliche Kenntnis jedes einzelnen Tieres, wem welche Pferde gehören. Da es in der Steppe keine Zäune gibt und sich Herden vermischen können, beruht ihr System auf jahrtausendealten Methoden. Die Zuordnung der Tiere basiert auf drei wesentlichen Säulen: Die Tamga (Brandzeichen): Jede Nomadenfamilie oder jeder Clan besitzt ein eigenes, seit Generationen überliefertes Symbol, die sogenannte Tamga. Dieses Zeichen wird jungen Pferden im Herbst auf den Oberschenkel eingebrannt. Die Symbole stellen oft Himmelskörper (Sonne, Mond), religiöse Zeichen oder Tiere dar und sind in der Region einzigartig. Imts (Ohrmarkierungen): Da Brandzeichen im dichten Winterfell manchmal schwer zu erkennen sind, nutzen Nomaden zusätzlich kleine, spezifische Schnitte oder Kerben an den Ohren der Tiere (Imts). Jede Familie schneidet ein individuelles Muster (z. B. eine kleine Kerbe links oder eine Spitze rechts), das sich auch auf Distanz oder im Winter schnell überprüfen läßt. Fotografisches Gedächtnis der Hirten: Die wichtigste Säule ist das persönliche Wissen. Nomaden wachsen mit ihren Tieren auf und kennen jedes einzelne Pferd genau. Sie unterscheiden sie fehlerfrei an Nuancen in der Fellfarbe, der Beinstellung, Wirbeln im Haar, Kopfformen oder dem individuellen Verhalten.Das Branding selbst ist keine rein bürokratische Angelegenheit, sondern ein zentrales kulturelles Ereignis: Wenn im Herbst die Fohlen alt genug sind, kommen benachbarte Nomadenfamilien zu einem großen Fest zusammen. Es wird gemeinsam gefeiert, während die Erfahrensten die Tamga mit glühendem Eisen präzise aufsetzen. Das Zeichen gilt als unumstößlicher Eigentumsbeweis auf den offenen Weiden.
Eine weitere historische, völkerkundliche Abbildung zeigt drei Jurten der Kalmücken, wir bringen sie hier in zwei Versionen (Abb. 7 und 8).
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| Abb. 7: Ein Lager der Kalmücken, aus: "A Trip up the Volga", 1875 (4) |
Wir fragen die KI weiter "Welche Rolle spielen Fußfesseln und Anpflocken?" Und wir erhalten die Antwort:
Fußfesseln und das Anpflocken sind für Steppennomaden die wichtigsten Methoden, um Pferde gezielt am Weglaufen zu hindern, da es in der Steppe keine Zäune gibt. Während die Hauptherde frei läuft, sichern diese Techniken die Reit- und Arbeitspferde für den täglichen Zugriff. Die beiden Methoden erfüllen im Alltag der Nomaden unterschiedliche, präzise Aufgaben: Das Fesseln der Beine (Tschidur / Shidur) Das Fesseln der Beine (Tschidur genannt) ist die flexibelste Art der Sicherung auf offenem Gelände. Funktionsweise: Zwei Vorderbeine oder ein Vorder- und ein Hinterbein werden mit einem weichen Leder- oder Seilriemen eng miteinander verbunden. Zweck: Das Pferd kann sich dadurch nicht mehr im Galopp oder Trab fortbewegen. Es kann sich nur noch in kleinen, hüpfenden Schritten vorwärtsbewegen. Vorteil: Die Pferde können trotz der Einschränkung die ganze Nacht über grasen und sich frei bewegen, entfernen sich aber nur wenige Kilometer vom Camp. Der Hirte kann sie morgens problemlos zu Fuß einholen.Das Anpflocken (Uurgatscht / Schatzi) Das Anpflocken an einem Holzpfahl oder einer langen Bodenleine wird für den direkten, schnellen Einsatz genutzt. Funktionsweise: Ein Pferd wird mit einem langen Strick am Halfter an einem in den Boden gerammten Holzpfahl (Gadas) festgebunden. Oft wird auch eine lange Leine zwischen zwei Pfählen gespannt, an der mehrere Pferde nebeneinander angebunden werden. Zweck: Dies betrifft meist die Reitpferde, die für den aktuellen Tag oder die anstehende Hütearbeit gebraucht werden, sowie die Stuten während des Melkens. Besonderheit bei Fohlen: Häufig werden tagsüber nur die Fohlen angepflockt. Da die Mutterstuten ihre Fohlen niemals im Stich lassen, bleibt die gesamte Herde dadurch freiwillig in der Nähe des Camps, ohne daß man die ausgewachsenen Tiere einsperren muß. Durch diese Kombination aus Bewegungseinschränkung und psychologischer Bindung (Mutter-Fohlen-Instinkt) behalten die Nomaden die volle Kontrolle über Hunderte von Tieren, ohne einen einzigen Meter Zaun bauen zu müssen. Möchtest du wissen, wie die Nomaden die Pferde schonend an diese Fesseln gewöhnen, oder interessiert dich, wie das Melken der Stuten mithilfe dieser Methode abläuft?
Auch hier lernen wir wieder sehr viel Neues.
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| Abb. 8: Ein Lager der Kalmücken, aus: "A Trip up the Volga", 1875 (4) (andere Version von Abbildung 7) |
Da wir die Grundzüge der Antwort auf die letztere, von der KI vorgeschlagene Frage schon in obiger Filmdokumentation kennen lernten, wollen wir über die erstere von ihr vorgeschlagene Frage mehr wissen und erfahren:
Steppennomaden gewöhnen junge Pferde primär durch Geduld, langsame Gewöhnung an Berührungen an den Beinen und die Nutzung extrem weicher Materialien an die Fußfesseln (Tschidur). Da ein panisches Pferd sich verletzen oder das Vertrauen zum Menschen verlieren würde, erfolgt dieser Prozeß schrittweise und meist im Alter von zwei bis drei Jahren, wenn das Pferd auch an Sattel und Reiter gewöhnt wird. Der Gewöhnungsprozeß folgt einem traditionellen, schonenden Ablauf: Desensibilisierung der Beine: Bevor überhaupt ein Seil fixiert wird, streichen die Nomaden den Jungpferden bei der täglichen Pflege intensiv über die Beine. Das Pferd lernt dadurch, daß Berührungen an den Hufen und Fesseln keine Gefahr bedeuten und es die Beine stillhalten muß. Weiche Materialien: Für das Training werden niemals harte oder einschneidende Seile verwendet. Nomaden nutzen geflochtenes, weiches Pferdehaar, weichgeklopftes Leder oder dicke, elastische Stoffbänder. Dies verhindert schmerzhafte Scheuerstellen oder Hautverletzungen. Das erste Fixieren unter Aufsicht: Beim ersten Mal wird die Fessel meist im Beisein der Mutterstute oder in der vertrauten Nähe des Camps angelegt. Der Hirte bleibt direkt am Pferd. Macht das Tier einen Satz, hält das weiche Material stand, ohne einzuschneiden, und der Mensch beruhigt das Tier sofort mit der Stimme. Lernen durch Nachahmung: Jungpferde schauen sich das Verhalten bei den älteren, erfahrenen Herdenmitgliedern ab. Wenn das Jungpferd sieht, daß die Leitstuten und Wallache mit den Fesseln völlig entspannt grasen, verliert es schnell die Angst vor der Bewegungseinschränkung. Kurze Trainingseinheiten: Anfangs bleibt das Pferd nur für wenige Minuten gefesselt, während es abgelenkt ist (z. B. beim Fressen). Die Dauer wird von Tag zu Tag gesteigert, bis das Pferd gelernt hat, das Gewicht fließend von einem Bein auf das andere zu verlagern und sich in kurzen, koordinierten Hüpfern fortzubewegen. Schon nach wenigen Tagen haben die Pferde die Mechanik verstanden. Sie akzeptieren die Fessel als Signal, daß nun "Ruhezeit" oder "Weidezeit" im Camp-Bereich angesagt ist, und geraten nicht mehr in Panik.
Eine Fotografie zeigt eindrucksvoll die Weiten der Kalmücken-Steppe (Abb. 9).
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| Abb. 9: Kalmückische Steppe (Fotograf: dsandzhiev [Pix]) |
Stammt von hier das "angeborene" Gefühl für Weite bei den Indogermanen? Ihre angeborene Sehnsucht nach Weite, Größe, Schönheit? Hieß nicht noch ein Wikinger-Wort: "Littila sanda, littila saeva littil ero ged guma," was auf Deutsch heißt: "Am engen Strand, an enger See wird eng des Menschen Sinn."
Die Germanen - Das Volk der Freiheit
Ist nicht genau das das "Neue", jene völlig neue Mentalität, Weltauffassung, die - womöglich - die Indogermanen in eine durch die Seßhaftigkeit und den Ackerbau "klein" und "eng" gewordene Welt hinein brauchten, "zurück" brachten? Sinn für Größe und Weite? Werden deshalb die Indogermanen und die Germanen (von Hegel und anderen) als "das Volk der Freiheit" erachtet? Weil sie sich ihre Mentalität selbst als Ackerbauern, selbst als Städter erhalten haben - jedenfalls immer dann, wenn sie sich auf sich selbst besinnen und wenn sie sich nicht durch orientalische oder christliche "Engherzigkeiten", "Verkniffenheiten", "Verschwommenheiten" davon abbringen lassen?
Diese Sehnsucht nach Klarheit - kommt sie hierher? Wurde sie in den Weiten dieser Steppen geboren? Fand hier die Geburt moderner Philosophie statt, moderner Wissenschaft? Klassischer Musik?
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| Abb. 10: Tataren in der Steppe - "Ein wanderndes Dorflager - Aul der Kundorofskischen Tataren in der Nogayischen Steppe", Kupferstich von Christian G. H. Geißler, 1793, koloriert erschienen 1812 (Stckh) (aus Abschluß-Folie in: Yt) |
Eine weitere historische Abbildung vom Nomadenleben (Abb. 10): "Tataren in der Steppe". Es wird ein "wanderndes Dorf" gezeigt. Jurten werden unzerlegt auf Karren gepackt und weiter transportiert. Auch hier werden vor allem zweirädrige Karren genutzt. In der Bildmitte sehen wir, wenn wir uns nicht irren, sogar ein Getreidefeld, von dem die Nomaden ihre Tiere abhalten mußten.
So ähnlich könnte es auch ausgesehen haben, als die Schnurkeramiker nach Europa kamen. Sie bewohnten "wandernde Dörfer" abseits der ackerbautreibenden Kulturen, mußten dabei aber Rücksicht nehmen auf die ackerbautreibenden Kugelamphoren-Leute (archäologisch nachgewiesen etwa in der Weichselniederung in Kujawien [Stg2021]). (Ähnlich auch die indogermanische Kura-Araxes-Kultur in Anatolien.)
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| Abb. 11: Jurten von Nomaden, Schafe und Kamele im Kanas-Tal im Altaigebirge, nahe der äußersten Nordspitze der Provinz Xinjiang an der Grenze zu Kasachstan, der Mongolei und Rußland. Das Kanas-Tal ist die Heimat einer großen Bevölkerungsgruppe ethnischer Tuwiner und Kasachen, von denen viele als Nomaden leben (Fotografin Leisa Tyler, 30.5.2005 [LT]) |
Wir fragen die KI noch "Welche Tiere werden zum Schlachten ausgewählt?" Und wir erhalten die Antwort:
Für die Schlachtung wählen Steppennomaden primär ausgewachsene, unfruchtbare oder ältere männliche Tiere (oft Wallache), die im Spätherbst optimal fettgeweidet sind. Da Nomaden respektvoll mit ihren Herden leben, basiert die Auswahl auf einem strengen wirtschaftlichen und ökologischen System, das die Fortpflanzung und das Überleben der Herde im Winter sichert. Die Kriterien für die Auswahl der Schlachttiere umfassen folgende Punkte: Der Ernährungszustand (Der Fettanteil): Das wichtigste Kriterium ist der Fettstatus des Tieres im Spätherbst. In der Steppe gilt Fett als überlebenswichtiger Energielieferant für den Menschen im eisigen Winter. Ausgewählt werden Tiere, die sich über den Sommer eine dicke Fettschicht anfressen konnten. Das Geschlecht und die Rolle in der Herde: Bevorzugt werden ältere Wallache (kastrierte Hengste) oder junge, überschüssige Hengste geschlachtet, die nicht für die Zucht benötigt werden. Kostbare Zuchthengste und fruchtbare Mutterstuten stehen unter absolutem Schutz und werden fast nie geschlachtet. Das Alter: Sehr junge Fohlen werden aus wirtschaftlichen Gründen geschont. Das ideale Schlachtalter für Pferde liegt meist zwischen 5 und 10 Jahren, wenn das Tier ausgewachsen ist, viel Fleisch anberaumt hat, aber das Fleisch noch zart genug ist. Auch altersschwache Tiere, die den harten Winter ohnehin nicht überleben würden, werden ausgewählt. Trächtigkeits-Ausschluß: Eine tragende Stute zu schlachten, gilt in der nomadischen Kultur als schweres Tabu und schlechtes Omen, da damit zwei Leben gleichzeitig ausgelöscht würden. Die Fruchtbarkeit wird vor der Auswahl genau geprüft. Die Schlachtung findet fast ausschließlich im Spätherbst (November/Dezember) statt. Zu dieser Zeit sind die Tiere am fettesten, und der einsetzende Frost dient als natürlicher Gefrierschrank, um das Fleisch über die harten Wintermonate haltbar zu machen, ohne daß Konservierungsstoffe benötigt werden. Möchtest du mehr über die schmerzfreie, traditionelle Schlachtmethode der Nomaden erfahren?
Ja, das wollen wir. Und wir erhalten die Antwort:
Die traditionelle Schlachtmethode der Steppennomaden ist darauf ausgelegt, dem Tier so wenig Angst und Schmerz wie möglich zuzufügen. Aus tiefem Respekt vor dem Pferd, das als heilig und als bester Freund des Menschen gilt, wird die Schlachtung ruhig, schnell und völlig ohne Blutvergießen auf dem offenen Boden durchgeführt. Diese Methode basiert auf jahrhundertelanger Erfahrung und läuft nach folgenden Schritten ab: Beruhigung des Tieres: Das ausgewählte Pferd wird nicht fixiert oder in eine Enge getrieben, was Panik auslösen würde. Ein vertrauter Hirte führt das Tier ruhig zu einem sauberen Platz abseits der restlichen Herde. Die Herde darf den Vorgang nicht sehen, um Unruhe zu vermeiden. Das sanfte Ablegen: Das Pferd wird mithilfe von Seilen vorsichtig und ohne Hektik auf die Seite gelegt. Die Nomaden sprechen dabei leise mit dem Tier, um es bis zum Schluß zu beruhigen. Der präzise Schnitt (Der Brustschnitt): Der Schlachter setzt mit einem sehr scharfen Messer einen kleinen, gezielten Schnitt in die Brusthaut nahe dem Herzen. Das Durchtrennen der Aorta: Der Schlachter führt seine Hand vorsichtig durch diesen kleinen Schnitt direkt in den Brustraum ein und drückt oder trennt die Hauptschlagader (Aorta) direkt am Herzen ab. Sekundenschneller Tod: Durch das Kappen der Aorta fällt der Blutdruck im Gehirn des Pferdes sofort auf Null ab. Das Tier verliert innerhalb weniger Sekunden das Bewußtsein und schläft schmerzfrei ein, ohne einen Todeskampf oder Todesangst zu erleiden. Kulturelle Tabus und Regeln: Diese Methode unterscheidet sich grundlegend von westlichen Schlachthöfen und ist durch strenge kulturelle Gesetze geregelt: Kein Blutvergießen auf die Erde: Das Blut sammelt sich komplett im inneren Brustraum des Tieres. Es gilt in der Nomadenkultur als schweres Tabu und Beleidigung der Erde, das Blut eines Tieres unkontrolliert auf den Boden fließen zu lassen. Später wird das Blut sauber abgeschöpft und vollständig zu Blutwurst verarbeitet. Dankbarkeit: Vor und während der Schlachtung bitten die Nomaden den Geist des Tieres um Verzeihung und bedanken sich dafür, daß es der Familie das Überleben sichert.
/ Erster Entwurf 7.12.2024 /
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- Hans J . J . G . Holm: Pre-DOM2 Horses in the Corded Ware Culture: A Necessary Correction to the Current DOM2 Narrative. 2026, Zenodo (Acad2026)
- Mertin, Wolfgang: Die neuen Nomaden von Kirgisistan (360° - GEO Reportage) MedienKontor / ARTE, 2009 (Yt)
- Goedsche, Friedrich Wilhelm: Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen mit ausführlicher Beschreibung derselben. Bd. 2. Abtg. 2. Meißen [1833]
- Munro-Butler-Johnstone, Henry Alexander (1837-1902) (Wiki): The fair of Nijni-novgorod and a trip up the Volga, 1875; auch unter dem Titel "Trip up the volga to the fair of Nijni-novgorod". With thirteen illustrations. Porter & Coates, Philadelphia
50 % Jamnaja-Herkunft in Mesopotamien
Wenn man den Indogermanen auf ihren Ausbreitungen folgt bis nach Mesopotamien, taucht man in eine einem Europäer völlig fremde Welt ein, in die Welt des gnadenlosen orientalischen Despotismus, etwa eines akkadischen Königs vom Schlage Sargon von Akkad.
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| Abb. 1: Gefangener, gefesselt an einen Nasenring, vielleicht Angehöriger eines Nomadenstammes im Zagros-Gebirge (Gutäer oder Lulubi) - Aus der Zeit des Akkadischen Reiches - Die Gutäer sollten das von Sargon von Akkad begründete Reich ab 2.150 v. Ztr. vernichten und für 75 Jahre fortsetzen - Fragment einer Vase, möglicherweise aus Uruk (2350–2000 v. Ztr.), heute Louvre, Paris (Wiki) |
Aber jene Indogermanen der Jamnaja- und Trialeti-Kultur, die ab 2.400 v. Ztr. Armenien eroberten, ebenso wie sie zeitgleich Griechenland oder Persien eroberten, waren selbst sehr gnadenlos im Umgang mit ihren Feinden. Zeitgleich eroberten die Glockenbecher-Leute England, was zu einem Aussterben der dortigen einheimischen Bevölkerung führte. Vielleicht ist der in Abbildung 1 dargestellte Gefangene eines akkadischen Königs schon ein Angehöriger jener indogermanischen Stämme, die etwa um 2.000 v. Ztr. im Zagros-Gebirge und im heutigen südlichen Kurdistan festgestellt werden.
Denn eine neue archäogenetische Studie weist auf die erste Ankunft von Indogermanen in Mesopotamien ab etwa 2.000 v. Ztr. hin (1) (s.a. Eupedia).
Um die folgenden Ausführungen zu verstehen, macht es Sinn, noch einmal nachzuvollziehen, was über die Ankunft der Jamnaja, über die zweite Welle der indogermanischen Ausbreitung südlich des Kaukasus und in Armenien seit 2022 (Stg2022) und 2023 bekannt ist. Im Jahr 2023 hatten wir dazu ursprünglich zusammenfassend festgehalten (Stg2023):
2.300 v. Ztr. - 28 % Steppengenetik kommt (erneut) in den Südkaukasus und sinkt bis in die Eisenzeit auf die Hälfte ab.
Auch damals schon war die Steppengenetik anhand des Anteils der osteuropäischen Jäger-Sammler-Herkunft festgestellt worden - so wie auch in der vorliegenden neuen Studie (siehe unten) (1).
Allerdings sind inzwischen wesentliche Neuerkenntnisse hinzu gekommen: Der Herkunftsanteil der osteuropäischen Jäger und Sammler macht zwar beim frühen Urvolk der Indogermanen um 4.500 v. Ztr., bei der Chwalynsk-Kultur, etwa 50% aus, bei dem späten Urvolk der Indogermanen ab 3.300 v. Ztr., bei der Jamnaja-Kultur, macht er allerdings nur noch etwa 35 % aus (Stg2024). Wenn man also in irgendeiner Region und Zeitepoche der Weltgeschichte den Anteil an Jamnaja-Herkunft innerhalb eines Individuums hochrechnen will ausgehend von dem osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil, dann muß man den osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil nicht mit 2 multiplizieren (wie bei den Nachkommen der Chwalynsk-Kultur), sondern mit 2,857 (100% geteilt durch 35%). Den oben aus unserem Beitrag von 2023 entnommenen Satz haben wir im Zuge der Erarbeitung des vorliegenden Beitrages inzwischen korrigiert, denn 14 % muß nicht mal 2, sondern mal 2,857 genommen werden. Und dann lautet das Ergebnis:
2.300 v. Ztr. - 40 % Steppengenetik kommen (erneut) in den Südkaukasus und sinken bis in die Eisenzeit auf 20 % ab.
In Mesopotamien werden aber in der neuen Studie in einem Individuum aus der Zeit um 2000 v. Ztr. sogar 18 % osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik festgestellt (s. Abb. 2) (1). Wenn diese 18% x 2,857 genommen werden, erhalten wir 51,4 %, also grob um die 50 % Jamnaja-Herkunft. Und daraus leiten wir den Titel des vorliegenden Beitrages ab!
Nebenbemerkung: Wir werden aufgrund dieser Neueinschätzung des osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteils als Teil der Jamnaja-Herkunft viele Beiträge hier auf dem Blog umschreiben müssen, in vielen wird sich dadurch der Steppengenetik-Anteil erhöhen, etwa auch der der antiken Griechen von acht auf etwa zwölf Prozent.
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| Abb. 3: 900 Kilometer von Jerewan in Armenien nach Bakr Awa (GMaps), |
Die genannte 50 % Jamnaja-Herkunft in Mesopotamien kommt also dadurch zustande, daß zu den 18 % hellblaue osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunft in Abbildung 2 noch so viel Kaukasus- (grüne) und anatolische (graue) Herkunfts-Anteile hinzu gerechnet werden müssen, daß man mit ihnen auf etwa 50 % kommt.
Die anderen 50 % bestehen aus denselben Kaukasus- (grün) und anatolischen (grau) Herkunftsanteilen, allerdings findet sich in dieser zweiten Hälfte auch noch Levante- und Zagros-Herkunft (orange und hellbraun). Diese zweite Hälfte ist grob die Herkunftszusammensetzung der Menschen, die vor der Ankunft der Indogermanen südlich des Kaukasus gelebt haben.
Damit ist das wichtigste Ergebnis der neuen Studie (1) schon bennannt. Nun noch weitere Erläuterungen und Hintergründe zu dieser Studie.
Tell-Hügel Bakr Awa
Es sind 17 Menschenfunde aus dem Tell-Hügel Bakr Awa (Wiki) im südlichen Kurdistan untersucht worden.
Bakr Awa liegt im mittleren Mesopotamien, im heutigen östlichsten Irak, 327 Kilometer nördlich von Bagdad (GMaps) und 900 Kilometer südlich von Jerewan (GMaps), der heutigen Hauptstadt von Armenien, jener Region, aus der die Indogermanen gekommen sein können. (Sie können aber auch aus dem Zagros-Gebirge gekommen sein, siehe unten.) Bakr Awa liegt außerdem 1400 Kilometer südlich von Wladikawkas am nördlichen Fuß des Kaukasus (GMaps) (Abb. 4), wo ungefähr der Ausgangspunkt der Ausbreitungsbewegung der Indogermanen mit ihren neuartigen Streitwagen und domestizierten Pferde vermutet werden kann.
Der Tell-Hügel Bakr Awa wird schon seit vielen Jahrzehnten erforscht. Zuletzt hatten viele unwissenschaftliche Plünderungen stattgefunden. 2010 wurde deshalb von Archäologen der Universität Heidelberg eine weitere Grabung vorgenommen. Die dabei gemachten Menschenfunde sind nun in einem australischen archäogenetischen Labor ausgewertet worden. Wir lesen in der Studie (1):
Osteuropäische Jäger und Sammler (EEHG) - eine mesolithische Jäger-und-Sammler-Metapopulation aus dem heutigen Westrußland, die als genetischer Referenzpunkt für spätere, mit der pontisch-kaspischen Steppe assoziierte Abstammungskomponenten dient [38, 49, 50] (siehe Zusatzdatei 2: Daten S6 für die einbezogenen Individuen) – sowie Abstammungskomponenten, die mit Jägern und Sammlern der südlichen Levante (sLevant_HG) in Verbindung stehen, erwiesen sich als wesentliche Faktoren für die genetische Struktur der Individuen von Bakr Awa. Die höchsten EEHG-Anteile finden sich bei den Individuen A22037 und A22039 aus der frühen bis mittleren Bronzezeit (EMBA); in der Hauptkomponentenanalyse (PCA) bilden sie ein Cluster mit Populationen aus dem Südkaukasus. Demgegenüber weisen A22038 (EMBA) und A22040 (mittlere Bronzezeit, archäologisch uneindeutige Datierung) einen etwas geringeren EEHG-Anteil auf und gruppieren sich mit Individuen aus der nordwestlichen Zagros-Region. Das Individuum A22052 aus der mittleren Bronzezeit, das in der PCA mit Populationen der südlichen Levante gruppiert, weist einen der höchsten geschätzten Anteile an sLevant_HG-assoziierter Abstammung auf - selbst im Vergleich zu bronzezeitlichen Individuen aus der südlichen Levante.Eastern European Hunter-Gatherer (EEHG) – a Mesolithic hunter-gatherer meta-population from present-day western Russia who serve as an ancestral proxy for later Pontic-Caspian Steppe￾related ancestry [38,49,50] (see Additional file 2: Data S6 for included individuals) – and southern Levantine Hunter-Gatherer (sLevant_HG)-related ancestries emerged as primary drivers of genetic structure among Bakr Awa individuals. The highest EEHG proportions occur in Early to Middle Bronze Age (EMBA) individuals A22037 and A22039, who cluster with southern Caucasus populations in PCA, while A22038 (EMBA) and A22040 (Middle Bronze Age, archaeologically ambiguous dating) show slightly lower EEHG ancestry and cluster with individuals from the northwestern Zagros mountains region. The Middle Bronze Age individual A22052, clustering with southern Levantine populations in PCA, possesses one of the largest estimates of sLevant_HG-related ancestry, even among southern Levantine Bronze Age individuals.
Die Akkader und andere semitischen Stämme bringen also Levante-Herkunft nach Bakr Awa. Das könnten - unter anderem - die semitischen Akkader gewesen sein. Zuvor aber lebten hier schon Nachkommen der Jamnaja-Leute.
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| Abb. 4: 1400 Kilometer von Wladikawkas bis nach Bakr Awa in Kurdistan (GMaps) |
Aus den weiteren Ausführungen im Text und im Anhang wird deutlich, daß die Zeitangabe "Früh- und Mittebronzezeit" sich auf die Zeit nach 2.000 v. Ztr. bezieht, also auf die Zeit, in der Armenien und der südlichen Kaukasus von den Jamanja-Leuten in Form der Trialeti-Kultur grausam erobert worden ist ebenso wie das zeitgleiche Griechenland und das zeitgleiche Persien. In der Studie wird in folgendem Zitat ein noch etwas weiterer Bogen gespannt (1):
Während die mit EEHG assoziierte Komponente der kaukasischen Abstammung erstmals Mitte bis Ende des 5. Jahrtausends v. Ztr. (6.450–5.951 ka BP) in Areni-1 auftrat [47], verschwand sie in der frühen südkaukasischen Kura-Araxes-Kultur, um Mitte des 3. Jahrtausends v. Ztr. mit der Ausbreitung von Jamnaja-Individuen aus den eurasischen Steppen erneut aufzutreten [20,38,53]. Zudem wurde die Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) als genetischer Marker identifiziert, der Populationen mit Bezug zu Jamnaja in Armenien mit solchen im nordwestlichen Zagros-Gebirge - einschließlich Hasanlu - verbindet [20,38,52]. Im Einklang mit diesem Muster zeigte unsere qpAdm-Analyse, daß der Anteil der Jamnaja-Cluster-Abstammung bei Individuen aus der Zeit nach der Kura-Araxes-Kultur (Bronzezeit im Südkaukasus sowie Bronze- und Eisenzeit im nordwestlichen Zagros) am höchsten war (Zusatzdatei 1: Abb. S5). Bemerkenswert ist, daß von den beiden Ausreißern in der Kaukasus-PCA-Analyse aus Bakr Awa das Individuum A22037 einen Jamnaja-Cluster-Abstammungsanteil am oberen Ende des für den Südkaukasus typischen Bereichs aufweist, während A22039 im mittleren Bereich liegt. Darüber hinaus trägt A22037 - der einzige männliche Vertreter unter diesen Ausreißern aus der frühen bis mittleren Bronzezeit (EMBA), datiert auf ca. 2112–1800 v. Ztr. - ebenfalls die Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) (Zusatzdatei 2: Daten S1), was einen weiteren Beleg für seine Verbindung zur kaukasischen Abstammung mit Jamnaja-Bezug liefert.Initially appearing in Areni1 in the mid-late 5th millennium BCE (6.450–5.951 ka BP) [47], the EEHG-related component of Caucasus ancestry disappeared in the early southern Caucasian Kura-Araxes culture, only to reappear in the mid-third millennium BCE with the expansion of Yamnaya-related individuals from the Eurasian steppes [20,38,53]. In addition, the Y-chromosome R-Z2103 (R1b) haplogroup has been identified as a genetic marker linking Yamnaya-related populations in Armenia to those in the northwestern Zagros, including Hasanlu [20,38,52]. Consistent with this pattern, our qpAdm analysis showed YamnayaCluster ancestry was highest among post-Kura-Araxes southern Caucasus Bronze Age and northwestern Zagros Bronze and Iron Age individuals (Additional file 1: Fig. S5). Notably, of the two Bakr Awa Caucasus-PCA outliers, A22037 possesses YamnayaCluster ancestry at the upper end of the southern Caucasus range, while A22039 falls in the middle. Moreover, A22037 – the only male among the EMBA outliers, dating to c. 2112-1800 BCE – also carries the R-Z2103 (R1b) Y-chromosome haplogroup (Additional file 2: Data S1), providing additional evidence for his connection to Yamnaya-related Caucasus ancestry.
Aus dem hohen Jamnaja-Herkunftsanteil bei A22037 könnte geschlußfolgert werden, daß sich die Indogermanen, die sich vom Südkaukasus aus nach Süden bis Bakr Awa ausgebreitet haben, sozusagen "ohne Zwischenstationen" bis dorthin ausgebreitet haben. Ab jener Zeit treten in Nordmesopotamien und im Zagros-Gebirge viele Stammes- und Völkernamen auf, denen gegenüber zumindest zum Teil indogermanische Herkunftsbezüge erörtert werden. Am klarsten sind diese Bezüge bei den Hethitern (wohl hervor gegangen aus der Kura-Araxes-Kultur), sowie bei den Mittanni und bei den Kassiten. Bei den letzteren beiden könnte es sich - grundsätzlich - auch um Nachkommen der Trialeti-Kultur handeln so wie - offenbar - das früheste indogermanische Individuum in Bakr Awa.
Die Vorfahren der nachmaligen Meder und Perser im Zagros-Gebirge scheinen ebenfalls etwa ab 2.400 v. Ztr. nach Persien vorgedrungen zu sein - so wie die Vorfahren der Armenier (als Trialeti-Kultur) nach Armenien. Und auch vom Zagros-Gebirge aus hat es offenbar eine indogermanische Ausbreitung nach Nordwesten bis nach Bakr Awa gegeben.
Die Stontium-Isotopen-Analyse des Zahnschmelzes des Individuums A22037 ergab, daß dieses - entgegen der archäogenetischen Analyse - im Zagros-Gebirge aufgewachsen ist. Es ist also auch denkbar, daß sich die indogermanischen Vorfahren der heutigen Armenier bis in das Zagros-Gebirge ausgebreitet haben und von dort dann nach Bakr Awa gekommen sind. Im Diskussionsteil heißt es (1):
Das Auftreten von mit der Jamnaja-Kultur assoziierten Abstammungskomponenten aus dem Südkaukasus bei zwei Individuen (A22037, A22039) aus der Zeit um 2000 v. Ztr. - sowie in geringerem Maße bei A22038 und A22040 - fällt zeitlich mit dem wachsenden Einfluß der Hurriter nach dem Sturz des Akkadischen Reiches durch die Gutäer (ca. 2150 v. Ztr.) zusammen. Eines dieser Individuen - der männliche Jugendliche A22037 - weist zudem die mit der Jamnaja-Kultur assoziierte Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) auf (A22039 ist weiblich); diese Haplogruppe tritt mit hoher Frequenz bei Männern der eisenzeitlichen Fundstätte Hasanlu im nordwestlichen Zagros-Gebirge auf [52, 62] (10 der 14 Männer, denen eine Y-Chromosomen-Haplogruppe zugeordnet werden konnte, gehören zur Gruppe R1b).Frühere Untersuchungen haben Mobilitätsverbindungen zwischen Hasanlu und dem Südkaukasus aufgezeigt, belegt durch gemeinsame Abstammungsanteile von europäischen Jägern und Sammlern (EHG) sowie eine hohe Frequenz der Y-Chromosomen-Haplogruppe R1b [52].The appearance of Yamnaya-related southern Caucasus ancestry in two individuals (A22037, A22039) dating to approximately 2000 BCE - and to a lesser degree A22038 and A22040 - coincides with expanding Hurrian influence after the Gutian overthrow of the Akkadian empire (ca. 2150 BCE). One of those individuals - the adolescent male A22037 - also carries the Yamnaya associated R-Z2103 (R1b) Y-chromosome haplogroup (A22039 is female), which is at high frequency in males from the northwestern Zagros Iron Age site of Hasanlu [52,62] (10 of the 14 males for which a Y chromosome haplogroup can be assigned are R1b).Previous research has identified mobility connections between Hasanlu and the southern Caucasus, evidenced by shared European hunter-gatherer (EHG) ancestry and a high frequency of the R1b Y-chromosome haplogroup [52].
Das bezieht sich auf jene Studie, die wir hier auf dem Blog ebenfalls schon ausgewertet hatten (Stg2022). Auch der hier erwähnte Fundort Hasanlu im Nordwest-Iran war von uns erwähnt worden und die dazu gehörige Einordnung der damaligen Forscher, die die Ansicht vertraten, daß die Perser und Meder erst im ersten Jahrtausend v. Ztr. in den Iran zugewandert wären. Weiter lesen wir (1):
Mittels eines konservativen Ansatzes, der auf zwei stabilen Isotopensystemen basiert, konnten wir als wahrscheinlichsten Herkunftsort für A22037 ein Gebiet östlich von Bakr Awa im Zagros-Gebirge identifizieren. Allerdings ist diese Zuordnung aufgrund der relativ einheitlichen Verteilung bioverfügbarer Strontium-Isotopenverhältnisse in Südwestasien sowie des Einflusses des Trinkwassers auf die δ18O-Werte mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Da es sich zudem um eine Einzelbeobachtung handelt, deutet sie nicht auf eine großflächige Migration zwischen dem Zagros-Gebirge und dem Gebiet jenseits des Tigris (Transtigris) hin; sie liefert jedoch Hinweise auf eine bislang unbekannte Verbindung zwischen diesen Regionen, was möglicherweise die genetischen Gemeinsamkeiten zwischen dem Südkaukasus und Bakr Awa erklären könnte.Trotz der begrenzten Datenlage deuten frühere Studien darauf hin, daß eisenzeitlichen Individuen aus den Kerngebieten des Urartäer-Reiches nahe dem Vansee Abstammungsanteile von osteuropäischen Jägern und Sammlern (EHG) fehlten [52]; allerdings weicht ein bemerkenswertes weibliches Individuum aus Çavuştepe (761-479 cal v. Ztr.) von diesem Muster ab, da es einen hohen Anteil an mit der Jamnaja-Kultur assoziierter Abstammung aufweist (siehe auch Zusatzdatei 1: Abb. S5). Vielmehr legen die Autoren nahe, daß Individuen innerhalb der hurro-urartäischen Sprachfamilie tatsächlich mit einem stärkeren Anteil an Abstammung aus der Levante in Verbindung gebracht werden könnten [52]. Während unsere multidisziplinären Ergebnisse (genetische, isotopische, archäologische und textliche Daten) zusätzliche Erkenntnisse zur Frage der Art und Weise der hurritischen Expansion nach Ostmesopotamien liefern, ist das zugrundeliegende demografische Modell, das den Südkaukasus, Ostanatolien und das Zagros-Gebirge mit Mesopotamien verknüpft, zweifellos komplex. Um dieses Modell vollständig zu klären und in den breiteren archäologischen und historischen Kontext einzuordnen, sind für künftige Forschungsarbeiten umfangreiche Probenahmen an Populationen der Bronze- und Eisenzeit in Mesopotamien, Ostanatolien und dem Zagros-Gebirge erforderlich.Notably, when utilizing a conservative dual-stable-isotope approach, we identified the most parsimonious recent origin of A22037 as east of Bakr Awa in the Zagros mountains. However, the relatively uniform distribution of bioavailable strontium isotope ratios across Southwest Asia and the influence of drinking water on δ18O values assign some degree of uncertainty to this assignment. Moreover, as this is a single observation, it does not indicate large-scale migration between the Zagros and Transtigirs; however, it offers some evidence of an unknown degree of Zagros-Transtigris connectivity, potentially explaining the ancestry links between the southern Caucasus and Bakr Awa.Despite limited data, previous research indicates that Iron Age individuals from the Urartian Kingdom's core regions near Lake Van lacked Eastern European hunter-gatherer (EHG) ancestry [52]; though, a notable female outlier from Çavuştepe (761–479 calBCE) deviates from this pattern by possessing a large fraction of Yamnaya-related ancestry (also see Additional file 1: Fig. S5). Rather, the authors propose that individuals within the Hurro-Urartian language family may actually be associated with greater Levantine-related ancestry [52]. While our multidisciplinary results (genetic, isotopic, archaeological, and textual) provide additional data surrounding the question of the nature of the Hurrian expansion into eastern Mesopotamia, the underlying demographic model connecting the southern Caucasus, eastern Anatolia, and the Zagros with Mesopotamia is undoubtedly complex. To fully elucidate this model and integrate it within the broader archaeological and historical context, future research will require extensive sampling across Bronze and Iron Age populations in Mesopotamia, eastern Anatolia, and the Zagros mountains.
Ein komplexes Geschehen, wobei unter anderem nicht klar ist, welcher Sprach- und Herkunftsgruppe die Gutäer, die die Akkader für 75 Jahre unterworfen haben, eigentlich zuzuordnen sein sollen (Wiki). Da werden weitere Forschungen abgewartet werden müssen.
Wie wir finden, wird auf der Plattform X zur Einordnung dieser Studie ganz richtig ausgeführt (Kvali,14.6.26):
Neue DNA-Analysen aus Bakr Awa deuten darauf hin, daß die indogermanische Präsenz in der Bronzezeit weiter südlich reichte als bisher angenommen. Die jüngsten Proben aus Bakr Awa belegen eine starke genetische Verbindung zur Trialeti-Kultur im südöstlichen Kaukasus. Die Trialeti-Bevölkerung sprach zumindest teilweise Indogermanisch – vermutlich auch frühe proto-armenische Gruppen. Besonders interessant ist, daß alte DNA bereits gezeigt hat, daß diese Bevölkerungsgruppen eine größere genetische und möglicherweise auch sprachliche Reichweite hatten, als ihre archäologischen Funde vermuten ließen. Eine Probe aus dem späten 3. Jahrtausend v. Ztr. in der Nähe des Urmia-Sees wies dasselbe genetische Profil auf wie die Bewohner des Kerngebiets der Trialeti-Kultur. Die neuen Daten aus Bakr Awa legen nun nahe, daß diese Gruppen noch weiter nach Süden zogen. Das Zagrosgebirge könnte für sie attraktiv gewesen sein und ihnen geeignete Bedingungen für eine nomadische Lebensweise geboten haben. Dies trägt zu dem wachsenden Bild bei, daß indogermanisch verwandte Bevölkerungsgruppen im bronzezeitlichen Nahen Osten mobiler waren und ein größeres Verbreitungsgebiet erreichten, als bisher angenommen.
Und wir fragen abschließend noch einmal die KI "Welches war das erste indogermanische Volk in Mesopotamien?" und erhalten die folgende Antwort:
Das erste historisch faßbare indogermanische (indoeuropäische) Volk mit direktem Einfluß in Mesopotamien waren die Hethiter. Die indoarische Oberschicht des Mitanni-Reiches in Nordmesopotamien und die mutmaßlich indogermanisch beeinflußte Führungsschicht der Kassiten in Babylonien folgten kurz darauf.Die Besiedlung und der Einfluß im Detail:Die Hethiter (ab ca. 1650 v. Chr.): Ihr Kerngebiet lag im heutigen Anatolien, doch unter König Muršili I. unternahmen sie spektakuläre Feldzüge nach Mesopotamien und zerstörten um 1595 v. Chr. die Stadt Babylon. Ihre Sprache (das Hethitische) ist der älteste belegte Zweig der indogermanischen Sprachfamilie.Das Volk der Mitanni (ca. 1500-1300 v. Chr.): Im Norden Mesopotamiens und in Syrien etablierte sich dieses Reich. Die breite Bevölkerung sprach Hurritisch, aber die herrschende Oberschicht (die Maryannu) war indogermanischer/indoarischer Herkunft. Sie führten die Streitwagen-Kriegskunst ein und verehrten Götter wie Mitra und Indra (bekannt aus dem indischen Sanskrit).Die Kassiten (ca. 1531-1155 v. Chr.): Sie eroberten nach dem hethitischen Überfall Babylon und herrschten dort über 300 Jahre. Ihre eigentliche Sprache war zwar nicht indogermanisch, jedoch trugen viele ihrer Könige und der Adel nachweislich indogermanische/indoarische Namen.Wichtiger historischer Kontext:Die allerersten Hochkulturen Mesopotamiens wie die Sumerer oder Akkader waren keine Indogermanen. Erstere sprachen eine isolierte Sprache, letztere gehörten zu den semitischen Völkern. Die Indogermanen wanderten erst später als Eroberer, Eliten und Einwanderer aus den eurasischen Steppen in den Nahen Osten ein.
Viele Fragen müssen einstweilen noch offen bleiben.
Anhang: Was steht im Supplement der Studie?
Im Anhang wird noch über die Geschichte von Bakr Awa ausgeführt (1, Suppl.):
Der östliche Teil der Unterstadt wurde erst in der Frühbronzezeit besiedelt; dort stieß man in mehreren tiefen Sondagen unmittelbar unter Schichten aus dem frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. auf den gewachsenen Boden. Die Keramik aus diesen Schichten umfaßte Fragmente der sogenannten „Scarlet Ware“, einer für die Frühdynastische Zeit in der Diyala-Region und dem benachbarten Luristan charakteristischen Ware (1).Die Schichten des späten 3. Jahrtausends sind durch Architektur mit Steinfundamenten gekennzeichnet. Die Keramik weist Ähnlichkeiten hinsichtlich Form und Verzierung zur akkadischen Zeit auf, doch wurden auch Fragmente der lokalen „Bakr Awa Painted Ware“ (BAPW) in Kontexten des 22. bis 19. Jahrhunderts v. Ztr. gefunden.Während der späten Früh- und der Mittelbronzezeit entwickelte sich der Ort zu einer wohlhabenden Stadt, die fest in die überregionalen Austauschnetzwerke der Ur-III-, Isin-Larsa- und frühen altbabylonischen Zeit eingebunden war.The eastern part of the lower town had not been settled until the Early Bronze Age, where in several deep soundings, virgin soil was reached directly below layers of the early 3rd millennium BC. The pottery from these layers included fragments of Scarlet Ware, a characteristic of the Early Dynastic period in the Diyala Region and neighboring Luristan (1).Layers of the late 3rd millennium are characterized by architecture with stone foundations. Pottery has analogies to shapes and decorations of the Akkadian period, but fragments of the local Bakr Awa Painted Ware (BAPW) were found in contexts of the 22nd to 19th century BC as well. During the late Early and Middle Bronze Age, the site became a prosperous city, well embedded within trans-regional exchange networks of the Ur III, Isin-Larsa, and early Old Babylonian periods.
Die beiden frühesten Menschenfunde mit indogermanischer Genetik werden auf 2.000 v. Ztr. datiert (1, Suppl):
Übergangsphase von der späten Frühbronzezeit zur frühen Mittelbronzezeit (EMBA) [um 2000 v. Ztr.]Bestattung BA1314Erdgrab• A22037 (BA1314/001):Das Grab enthielt die Überreste eines Jugendlichen (14-15 Jahre alt). Der Erhaltungszustand war gut; vorhanden waren der Schädel, der Brustkorb sowie die oberen und unteren Extremitäten. Lineare Schmelzhypoplasien deuten auf Streßphasen während der Kindheit hin. Gleiches gilt für die Arthrose am zweiten Halswirbel.Bestattung BA1348/1387Sekundärbestattung, Entsorgung?• A22038 (BA1348/001A):• A22039 (BA1348/001B):Die Grube enthielt eine vermischte Ansammlung menschlicher Überreste. Das Fundensemble umfaßte Elemente des Schädel- und des postkranialen Skeletts, darunter Knochen des Brustkorbs sowie der oberen und unteren Extremitäten. Ausgewählte Schädel stammen von zwei erwachsenen Individuen, deren Überreste in der Ansammlung nachgewiesen wurden. Aufgrund der Vermischung der Funde lassen sich die pathologischen Veränderungen am postkranialen Skelett nicht eindeutig einem der beiden Individuen zuordnen. Bei beiden Individuen wurde Karies an den Prämolaren festgestellt. Zu den postkranialen Befunden zählen arthrotische Veränderungen an der rechten Hüftpfanne (Acetabulum).Transitional late Early Bronze Age - early Middle Bronze Age (EMBA) [around 2000 BC] (...)Burial BA1314Earth grave• A22037 (BA1314/001):The grave contained the remains of an adolescent (14–15 years old). The preservation was good, with the skull, thorax, and both upper and lower limbs present. Linear enamel hypoplasia indicates stress episodes during childhood. Similarly, the osteoarthritis of the second cervical vertebra.Burial BA1348/1387Secondary burial, disposal?• A22038 (BA1348/001A):• A22039 (BA1348/001B):The pit contained a commingled assemblage of human remains. The assemblage contained elements of cranial and post-cranial skeleton, with bones of the thorax, upper and lower limbs present. Selected skulls represent two adult individuals whose remains were found in the assemblage. Due to the commingled nature of the assemblage, the pathological changes of the post-cranial skeleton cannot be ascribed to one or other individual. Evidence of caries was found on the premolars of both individuals. Post-cranial lesions include osteoarthritic changes of the right acetabulum.
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- Williams, M.P., Fetner, R., Souilmi, Y. et al. Mesopotamian ancient DNA reveals Iron Age integration of heterogeneous Bronze Age genetic ancestries following resettlement. Genome Biol (2026). https://doi.org/10.1186/s13059-026-04145-4, Published 12 June 2026 (GenomeBio2026)
In den Höllen der Eifersucht ...
Der norwegische Zeichner Olaf Gulbransson (1873-1958) lebte mit seiner norwegischen Ehefrau Dagny sein Leben lang in Bayern. Seine Ehefrau berichtet, daß ihr Ehemann auf den bloßen, ganz unbegründeten Verdacht hin, seine Eheliebste würde sich für einen anderen mehr als für ihn selbst interessieren, wild in die Berge und Wälder rannte, Tage lang nicht wieder nach Hause zurück kehrte, eine tiefe, höllische, existentielle Krise erlebte (1, S. 342). Und das alles nur, um bei seiner Rückkehr zu erfahren: Nichts von seinem ganzen, riesen großen Verdacht hatte auch nur ansatzweise Anhaltspunkte in der Wirklichkeit.*) Schlußfolgerung: Ein Liebender kann sich gerne auch geradezu mit Heißhunger in die Eifersucht stürzen - unbewußt womöglich nur, um zu erfahren, was es heißt, zu leben und - noch - leidensfähig zu sein.
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| Abb. 1: Eifersucht - Gemälde von Edvard Munch, 1898 |
Die Eifersucht, was für ein Thema. - - - Robert A. (Name wurde von der Redaktion geändert) war so aufgewühlt wie schon lange nicht mehr. Schließlich richtete er die Frage an die Göttin der Weltweisheit, genannt Google: "Kann es Eifersucht ohne Liebe geben?" (Denn er ging so manche seiner Themen gerne vom völligen Gegenteil dessen an, was ihn interessierte.)
Er fand so unzählige viele dumme Antworten. Gott!, das Internet, die gesammelte "Weltweisheit", war ein angesammelter Haufen von Dummheit. Aber sonderbar auch: Wie viele Menschen dieselbe "dumme" Frage stellten wie er selbst. Sonderbar, höchst sonderbar. Aber dumm, ach dumm auch all die vielen, vielen Antworten. Wie kann das sein?
All das Verwirrende, das er in sich erlebte, es kam durch die noch viel größere Verwirrung im Internet keineswegs zur Klärung.
Wo war Klarheit? Wo war Klärung? Nichts von dem, was er da fand, erreichte ihn.
Dann las er den Wikipedia-Artikel über Eifersucht. Nichts erreichte ihn, nichts. War denn Eifersucht einfach nur - - - "dumm", "egoistisch"? Oder war sie - - - groß? Merkwürdig, wie wenig Klarheit es in der Weltantwort-Zentrale, genannt Internet, gab. Zu diesem, womöglich entscheidenden Thema.
Erste Antworten - Edvard Munch
Edvard Munch war erwähnt (Wiki). Natürlich, dieser große Kerl. Ja, von seinen Bildern geht Wahrheit aus. Wer wollte das infrage stellen? Dieser Maler, er hat so gräßliche Bilder gemalt. Und er hat die Wahrheit dabei gemalt. Ohne Frage (Abb. 1). "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang," hatte doch einer gedichtet, einer, der es aushalten wollte, aushalten konnte - - - das Schöne (gemeint ist R. M. Rilke). Oder der doch - zumindest - wie ein Wilder in Berge rennen konnte ...
Und er? Er sehnte sich nach Wahrheit, nach wahrhaftiger Einsicht. Mochte er damit nun im Himmel oder in die Hölle landen.
Er beschäftigte sich ein wenig mit jener Dagny Juel, die den Anstoß für so viele Bilder von Edvard Munch gegeben hatte. Was für eine Frau. Was für ein Schicksal (Yt23) (2). Solche Frauen scheinen dazu zu gehören, zum Leben, eine solche "femme fatale". Wem hätte es nicht schon wohlige Schauer über den Rücken gejagt bei dem Gedanken, einer solchen zu begegnen? Und wer würde es, sollte er wirklich einer solchen begegnet sein, jemals wirklich bereuen, in die Höllen-Flammen ihrer Liebe getreten zu sein - ? Wer? Mag er nun zu Leben aufgeflammt sein in diesen Höllen-Flammen oder mag er an ihnen zugrunde gegangen sein - - -?
War es nicht die Größe allein, die zählte? Die Größe, das Feuer des Erlebten? Sei es nun Himmel oder Hölle gewesen?
Ach, so war es wohl. So dachte man wohl, damals, im "Ferkel", im Künstlerkreis um Edvard Munch und Dagny Juel in Berlin-Mitte. Nur groß sein, nur groß lieben, groß handeln - niemals kleingeistig.
Ja, Teufel, geh weg mit deiner Kleingeistigkeit, geh weg. Kleingeistigkeit ist die Hölle - auch wenn diese nur noch von den wenigsten überhaupt wahrgenommen wird.
Weiter Antworten - Die Nibelungen
Und so fragte er Google einfach ganz willkürlich weiter: "Welche Rolle spielt die Eifersucht in der Nibelungensage?" Ja, natürlich: darin spielt sie eine große Rolle. Mensch, und Wikipedia hatte diese Rolle gar nicht erwähnt. Wie kann das sein? Verleugnet Wikipedia das Große?
Nun gut, sie ist wichtig: die Nibelungensage.
Denn es ist nicht trivial, was passiert - möglicherweise - wenn Eifersucht im Spiel ist. Möglicherweise. Helden können daran zugrunde gehen. Mit dem Speer im Rücken. Helden können durch ein Flammenmeer schreiten und die Frau ihres Lebens erobern - wie Siegfried die Brünhildis auf dem Brünhildisfelsen.
Gut, wichtig.
Ein weiterer Schritt zur Einsicht in das Wesen der Eifersucht: die Nibelungensage. Eifersucht kann die Stelle sein, in der du allein noch verwundbar bist - in all deiner stumpfen oder auch veredelten Unverletzlichkeit.
Wikipedia meinte sogar - oh Gott, wie dumm! - Eifersucht wäre ein Wort und Konzept der Neuzeit. Wie so durch und durch ungebildet kann Wikipedia sein. Wie so enttäuschend. Und es hätte in der Antike keine Eifersucht gegeben? Glaubst du das wirklich, Wikipedia? (Auch der "Große Brockhaus" aus den 1880er Jahren gibt sich in seinem Artikel "Eifersucht" erstaunlich wortkarg.)
Aber dieser Gedanke an die Nibelungensage erhebt das Thema gleich hoch, sehr hoch. Ins Große. Dorthin, wo es - sicherlich - gehört. Denn wer möchte schon "im Kleinen" sein? Im Niedrigen, Seichten, Flachen, im nichtigen Nichts? Wollen wir denn nicht alle, daß die Dinge uns etwas - - - bedeuten? Und nicht nur im Sinne von "angenehm" oder "unangenehm"?
Beim weiteren Nachdenken gingen ihm irgendwann Worte durch den Sinn, von denen er zunächst nur die "Stimmung" wahrnahm, den "Rhythmus" derselben, den er in Erinnerung hatte. Dann erst dämmerte ihm, um welche Worte es sich handelte:
... Hast du der Gaspara Stampadenn genügend gedacht ...
Ja, nun war er angekommen.
Dort war die Antwort. Dort wollte er hin. Hier war sie, die Antwort in all der Verwirrung. Das waren Worte, die waren ihm schon früher ins Blut gegangen. Berühmt genug waren sie. Aber wer, dem sie schon einmal ins Blut gegangen sein mochten, wußte eigentlich jemals schon, warum sie ihm ins Blut gegangen waren? Einfach nur, weil einem wertvolle Dichtung überhaupt leicht ins Blut geht - - - ?
Angekommen - Rainer Maria Rilke
Die Worte stammen aus den Duineser Elegien, also natürlich von Rainer Maria Rilke. Und, ja, sie sind berühmt genug, und zwar mit Recht. Aber indem er nun "Rilke Gaspara Stampa" googelte, erhielt er eine Deutung dieser Dichtung, die ihm jetzt - zum ersten mal - auch rein gedanklich wirklich einging, die sich ihm jetzt zum ersten mal wirklich erschloß:
Rainer Maria Rilke verewigte die italienische Dichterin Gaspara Stampa (1523-1554) in der Ersten Elegie seiner Duineser Elegien. Er porträtiert sie als das Urbild der unerfüllt Liebenden, die ihren Schmerz in höchste künstlerische Hingabe und Energie verwandelte.Die Bedeutung von Gaspara Stampa bei RilkeDas Vorbild der Liebenden: Gleich zu Beginn der Ersten Elegie fragt Rilke, ob ein verlassenes Mädchen nicht an Gaspara Stampa denken und sich wünschen sollte: "daß ich würde wie sie?"Liebe als Befreiung: Er stilisiert sie zum Sinnbild dafür, sich liebend vom Geliebten zu befreien, indem man die Spannung des Kummers aushält.Gesammelt im Absprung: Rilke nutzt sie als Metapher für spirituelle und emotionale Transformation: Sie hält dem Liebeskummer stand, "wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung mehr zu sein als er selbst."
Nun mit einem mal erschloß sich ihm eine ganze neue Welt in dieser Dichtung.**) Und er las noch einmal ein wenig in den Elegien (s. Kalliop). Und er wußte: Hier stand die Antwort. Und in diesen Elegien würde er künftig noch häufiger lesen. Denn darum ging es. Darum allein.
Und er wußte auch: Rilke hatte Ähnliches erlebt. Rilke hatte Ähnliches durchgestanden. Für Rilke war dies nichts weniger als der Weg zu Gott.
Rilke über die Ehe
Rilke hat wertvolle, große Liebe zu Frauen erfahren, etwa zu Lou Andreas-Salomé, etwa zu Sidonie Nádherná oder zu Lou Albert-Lasard. Zum Schluß zu Baladine Klossowska. Und damit sind wohl auch nur einige der bedeutenderen Begegnungen genannt. Wobei ja für Rilkes Leben gilt, daß es in diesem eigentlich gar nichts "Unbedeutendes" gab. Am Ende seines Lebens stand die Liebe zu Baladine Klosswska. Er las (KulturC):
1920 begegnet die Malerin Baladine Klossowska dem Dichter Rainer Maira Rilke wieder. Sie, die geschiedene Mutter zweier halbwüchsiger Söhne - einer ist der Maler Balthus -, verliebt sich leidenschaftlich in ihn. Nach einer kurzen Amour fou geht Rilke immer mehr auf Abstand zu der Geliebten. Wo sie unbedingte Nähe und Gemeinschaft sucht und sich in der Liebe zu ihm verliert, braucht er Abstand und Ruhe, um schreiben zu können. Sie schreiben sich sehnsuchtsvolle Briefe, immer auf der Suche nach dem richtigen Maß von Nähe und Distanz. "Mouky" nennt Rilke seine Freundin darin zärtlich. Ein Brief an sie wird der letzte sein, den er kurz vor seinem Tod schreibt.
Diese "Suche nach dem richtigen Maß von Nähe und Distanz" hat im Leben von Rainer Maria Rilke schon früh begonnen. Von der KI kann man sich belehren lassen, was Rainer Maria Rilke schon im Jahr 1901 für sein Leben erkannt hatte:
In seinen "Briefen an einen jungen Dichter" beschreibt Rainer Maria Rilke eine tiefe, reife Form der Liebe, die nicht auf Besitz oder Klammern beruht, sondern darauf, einander den Raum zur Entfaltung zu lassen. Das entsprechende Originalzitat lautet: „Ich halte dies für die höchste Aufgabe einer Verbindung zwischen zwei Menschen: daß jeder die Einsamkeit des anderen behütet und bewacht.“ In einem anderen bekannten Brief aus derselben Sammlung formuliert er diesen Gedanken ganz ähnlich: „... der Liebe, die darin besteht, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.“ Für Rilke war das Alleinsein keine schmerzhafte Leere, sondern ein fruchtbarer Zustand. Er sah die Einsamkeit als eine notwendige Voraussetzung für inneres Wachstum und die Entfaltung der eigenen Kreativität.
Und er fand, daß Rilke in diesen "Briefen an einen jungen Dichter" noch viel mehr geschrieben hatte. Er hatte im Jahr 1901 geschrieben (Rilke1901):
Es fällt niemandem ein, von einem einzelnen zu verlangen, daß er “glücklich� sein soll, - heiratet aber einer, so ist man sehr erstaunt, wenn er es nicht ist! (Und dabei ist es wirklich gar nicht wichtig, glücklich zu sein, weder als Einzelner noch als Verheirateter.)
Was für Worte. - Was für Worte. - - - Und Rilke schrieb auch (Rilke1904):
Es handelt sich in der Ehe für mein Gefühl nicht darum, durch Niederreißung und Umstürzung aller Grenzen eine rasche Gemeinsamkeit zu schaffen, vielmehr ist die gute Ehe die, in welcher jeder den anderen zum Wächter seiner Einsamkeit bestellt und ihm dieses größte Vertrauen beweist, das er zu verleihen hat.
Aber von einigen dieser Frauen hat sich Rilke schwer, nur sehr schwer wieder gelöst.
Aber er hat sich gelöst.
Und er ist früh gestorben.
Einsam.
Seine letzten Jahre waren einsam. Und es ist ja bekannt, daß Einsamkeit nicht gerade das Leben verlängert. Rilke aber hatte es bewußt so für sich entschieden. Und in den Elegien waren die Gründe dafür klar und deutlich verzeichnet. Von Seiten eines Mannes, der dem Leben alles abgerungen hatte, was ihm abzuringen war.
Schon in dieser ersten Elegie steht - fast - alles über sein Leben: Die Spannung aushalten. Sich der Liebe ergeben, sich ihr ausliefern - aber nicht vollständig. Achtung behalten, Distanz wahren. Vor ihrer großen Macht.
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Die historische Gaspara StampaWer war sie? Eine der bedeutendsten italienischen Dichterinnen der Renaissance (geboren um 1523 in Padua, gestorben 1554 in Venedig).Literarisches Schaffen: Sie war eine Kurtisane und führte einen literarischen Salon. Sie gilt als die größte italienische Lyrikerin des 16. Jahrhunderts.Ihr Werk: Ihre berühmte Gedichtsammlung Rime kreist um die schmerzhafte, unglückliche Liebe zu dem Grafen Collaltino di Collalto.
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- Dagny Björnson Gulbransson: Das große Olaf Gulbransson Buch. Wilhelm Heyne Verlag, München 1979
- Nos, Karolina: Dagny, czyli Jutrzenka. O artystce i muzie – Dagny Juel (zu Deutsch: "Dagny oder Jutrzenka. Über die Künstlerin und Muse – Dagny Juel") 2016 (NiezlaSztuka2016)
Rückzugsorte später Jäger und Sammler - An der Moldau und im Böhmerwald
Nach und nach mehren sich archäologische Studien, durch die die späten Jäger und Sammler Mitteleuropas, die zur Ethnogenese zahlreicher mittel- und spätneolithischer Völker und Kulturen maßgeblich beigetragen haben, nach und nach besser faßbar werden. Die Archäologen tasten sich langsam - weiterhin noch vergleichsweise langsam - Schritt für Schritt an die Thematik dieser in Randregionen fortlebenden Jäger-Sammler-Populationen heran.
| Abb. 1: Blick in das Wittingauer Becken im südlichen Böhmen (Wiki) (Fotograf: Pavel Rychtecký) |
Eine solche Region ist das Einzugsgebiet der Oberen Moldau in Böhmen, bzw. Tschechien. "Auf'd Wulda, auf'd Wulda, scheint Sunna so gulda" - so heißen die ersten Worte eines deutschen Volksliedes auf diese Moldau, auf die "Wulda", die im Böhmerwald entspringt. Sie fließt von dort nach Prag, um hinter Prag in die Elbe zu münden (Abb. 3) (Rbg).
Die Moldau trägt einen Namen germanischen Ursprungs. Nach der Besiedlung Böhmens durch die Tschechen erhielt die Moldau von den Slawen aber ebenfalls einen eigenen Namen, nämlich den Namen Vltava. Vom Böhmerwald nach Norden fließend kommt die Moldau unter anderem auch durch die Stadt Budweis. Zwanzig Kilometer östlich der Stadt Budweis befindet sich dann das Wittingauer Becken, das über den Fluß Fluß Lainsitz (tschechisch: Lužnice) (Wiki) in die Moldau entwässert (Abb. 1-3).
Dieses Wittingauer Becken wird im vorliegenden Beitrag eine Rolle spielen. Deshalb wird eine flüchtige geographische Einordnung desselben voran gestellt.
Das Wittingauer Becken liegt rund um die Stadt Wittingau und es liegt im Bezirk Wittingau (Wiki). Die Stadt Wittingau liegt nur zwanzig Kilometer von der im Südosten gelegenen, heutigen österreichischen Grenze entfernt (GMaps). Der Bezirk Wittingau war dennoch immer schon tschechisch besiedelt. Er gehörte nicht zu dem bis 1945 von Deutschen besiedelten "Sudetenland". Um sich diesen Umstand klar zu machen, ist ein Blick auf die Abbildung 2 hilfreich. Dort sehen wir, daß es im südlichen Teil des Sudentenlandes einen ("weißen") Bezirk gibt, der immer schon tschechisch und nicht deutsch besiedelt war: der Bezirk Wittingau. Vielleicht waren es die weiter unten noch weiter erörterten landschaftlichen Charakteristika des Wittingauer Beckens, die es den deutschen Bauern weniger attraktiv erscheinen ließen für eine Besiedlung. Die Laisnitz, von der das Becken durchquert wird, mündet 45 Kilometer weiter nördlich in die Moldau (Abb. 3).
Zwei neue tschechische archäologische Studien
In zwei neuen tschechischen archäologischen Studien, in der auch dieses Wittingauer Becken eine Rolle spielt, werden jene durch die Archäogenetik aufgeworfenen Fragen erneut behandelt, die uns auch hier auf dem Blog schon seit einigen Jahren beschäftigen (1, 2).
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| Abb. 2: Der Anteil der deutschen Bevölkerung bis 1945 in den Gerichtsbezirken des Sudentenlandes |
Es wird etwa das folgende ausgeführt (1):
Fortschritte in der aDNA-Forschung zeigen auf, daß vormals vorherrschende Abstammungslinien (Völker) fortbestehen oder wiederaufleben, lange nachdem sie durch ihnen nachfolgende Ausbreitungsbewegungen (von Völkern) vermeintlich verdrängt worden waren. Aber diese Ergebnisse geben selten Aufschluß darüber, von woher diese wiederauflebenden Abstammungslinien eigentlich stammen. Einige Autoren vertreten die Ansicht, daß solche Herkunftsanteile durch demische Ausbreitung aus den Randgebieten der von großen Ausbreitungsbewegungen betroffenen Regionen wieder eingeführt wurden - also aus Gebieten, in denen sich ältere Herkunftsanteile innerhalb lokaler Gruppen erhalten hatten (Beau et al. 2017; Da Silva et al. 2025; Immel et al. 2021; Papac et al. 2021). Während dieses Szenario in bestimmten, mittels Admixture-Analysen untersuchten Fällen zutreffen mag (z. B. die von Papac et al. 2021 in verschiedenen neolithischen Populationen nachgewiesenen vielfältigen Quellen mesolithischer Abstammung; vgl. dazu Brami 2023, der auf die Grenzen dieser Tests hinweist), bleibt es in den meisten anderen Fällen weitgehend deduktiv begründet.Although advances in aDNA sampling reveal substantial persistence or reappearance of earlier ancestries long after they were thought to have been erased by subsequent migrations, these results rarely indicate where the source populations may have come from. Some authors argue that such ancestries were reintroduced through demic expansions from the outskirts of areas affected by major migrations, where archaic ancestries remained available within local groups (Beau et al. 2017; Da Silva et al. 2025; Immel et al. 2021; Papac et al. 2021). While this scenario may hold in certain cases tested through admixture analyses (e.g. multiple sources of Mesolithic ancestry identified in various Neolithic populations by Papac et al. 2021,cf. Brami 2023, who highlights the limitations of these tests), it remains largely deductive in most other instances. More importantly, it implicitly reproduces the assumption that ‘otherness’ can be situated only at the outer frontiers, rather than within the interior landscapes of central Europe.
Insgesamt wecken die beiden Studien solchen Fragen gegenüber unseres Erachtens nun aber mehr Erwartungen als sie dann einlösen können. Immerhin präzisieren sie allmählich Schritt für Schritt zumindest die archäologischen Fragestellungen und Fragehorizonte.
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| Abb. 3: Reliefkarte von Böhmen und Mähren - In der Vergrößerung sind Wittingau und der Fluß Laisnitz zu sehen |
Es werden zunächst die zeitlich versetzten Abläufe während des Frühneolithikums in fünf verschiedenen Regionen in und um Böhmen miteinander verglichen (1) (Abb. 4 und 5). Die Bandkeramik breitete sich bekanntlich von ihrer "Urheimat", dem Wiener Becken, ausgehend Donau-aufwärts aus.
Saatgerste und den Timopheev-Weizen im Südlichen Böhmen ab 5.200 v. Ztr.
Ab 5.400 v. Ztr. kam die Bandkeramik nach Bayern - "innerhalb einer Generation" von Wien bis Schweinfurt wie wir andernorts schau ausführten (Stg2022). Ab 5.350 v. Ztr. kam sie nach Mähren, kurze Zeit später an die Obere Elbe und erst ab 5.230 v. Ztr. in die Region an der Oberen Moldau ("Upper Vlatava") (Abb. 5). Über die zeitlich versetzte, bäuerliche Besiedlung der Region der Oberen Moldau wird ausgeführt (2):
Die durchschnittlichen Zeitunterschiede (der Besiedlung) der Region der Oberen Moldau und der Tiefländer (Böhmens) betragen zwischen 136 und 172 Jahren, was etwa 5 bis 7 Generationen entspricht. (...) Das im Allgemeinen einheitliche und nicht sehr breite Spektrum der von den frühen Bauern in Mitteleuropa angebauten Nutzpflanzen (Kreuz und Marinova 2017) wurde in der Region der Oberen Moldau durch die Saatgerste und den Timopheev-Weizen erweitert. Beide Arten gelten als geeignet für rauere Bedingungen; wenngleich sie im Gesamtspektrum der Nutzpflanzen nur einen geringen Anteil einnehmen läßt sich ihr Anbau als Anpassung an die lokale Umwelt deuten (Ptáková et al. 2024).The median time difference between the Upper Vltavaand lowland regions ranges between 136 and 172 years, which equals approximately 5–7 generations. (...) The generally uniform and narrow spectrum of crops cultivated by early farmersin central Europe (Kreuz and Marinova 2017) was diversified in the Upper Vltava region by common barley and Timopheev’s wheat. Both species are considered suit-able for harsher conditions, and their cultivation, although still low in the total spec-trum of crops, can be interpreted as an adaptation to the local environment (Ptákováet al. 2024).
Von dem hier erwähnten Tricum timopheevii (Wiki) hören wir an dieser Stelle zum ersten mal. Auf Wikipedia heißt es, daß die Wildform dieses Weizens zwar in der Südosttürkei vorkommen würde, daß die domestizierte Form aber (heute?) allein in Georgien, also im Südkaukasus angebaut würde.
Und dennoch wäre sie von den anatolisch-neolithischen Bauern bis an die Obere Moldau mitgebracht worden!?! Obwohl sie selbst in ungünstigen Regionen nur in geringen Anteilen angebaut wurde? Reimt sich das zusammen? Es sei erst einmal nur so hier festgehalten.
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| Abb. 4: Geographische Regionen in und um Böhmen (aus 2) - Obere Moldau=Upper Vlatava, Egerland=Upper Beounuka |
/ Ergänzung 25.7.26: Eine neue Studie geht dem Phänomen des Timopheev-Weizens weiter nach (3):
Populationsgenomische Analysen zeigen eine mosaikartige Haplotypzusammensetzung des domestizierten tetraploiden Timopheev-Weizens, was darauf hindeutet, daß er einst in einem größeren geografischen Gebiet angebaut wurde. Dies wird durch die Entdeckung „fossiler“ Haplotypsegmente in Brotweizen-Landsorten weiter untermauert, die wahrscheinlich von heute ausgestorbenen Populationen des domestizierten Timopheev-Weizens abstammen.
Da deutet sich also an, daß es zu dem Thema künftig noch weitere Erkenntnisse geben könnte. / Dennoch, so die Autoren weiter (2), ...
... war die Besiedlung der Region der Oberen Moldau sehr begrenzt. Bislang wurden lediglich 17 frühneolithische Siedlungen nachgewiesen, die sich größtenteils auf wenige kleine Cluster verteilen; diese orientieren sich an den ökologisch günstigsten Nischen der Region. Paradoxerweise läßt sich eine solche geringe Anzahl durchaus als Siedlungsboom werten, da die nachfolgenden Epochen durch eine noch spärlichere Fundlage gekennzeichnet waren. (...) Ein noch deutlicherer Rückgang der Siedlungsdichte ist in den Regionen der Oberen Moldau für den Zeitraum von ca. 4600 bis 3200 v. Ztr. zu verzeichnen; aus dieser Zeit liegen nur wenige Belege für eine Besiedlung vor. (...) Eine ähnliche Situation ergab sich nach 4600 v. Ztr. im Egerland (in der Region der Oberen Beraun, tschech. Berounka). Obwohl die Anzahl der Fundstellen hier etwas höher ist, erreicht sie dennoch nicht die Dichte, die im Tiefland verzeichnet wurde (Metli�ka 2015; Neustupný 2013).The occupation of the Upper Vltava area was very limited. To date, only 17 Early Neolithic settlements have been identified being distributed mostly within afew small clusters that follow the environmentally most convenient niches of theregion. Paradoxically, such low numbers can be considered a settlement boom, asthe following periods were marked by even scantier records. (...) An even more pronounced decrease in settlement den-sity took place in the Upper Vltava regions in c. 4600–3200 BC during which verylittle evidence of occupation is available. (...) A similar situation occurred in the Upper Berounka region after 4600 BC. Although the num-ber of sites is slightly higher here, it still does not reach the density recorded in thelowlands (Metli�ka 2015; Neustupný 2013).
Daß das Egerland zuvor schon in bandkeramischer Zeit besiedelt worden wäre, dafür scheint es bislang noch weniger Belege zu geben.
Das Wittingauer Becken - Ein Rückzugsort der späten Jäger und Sammler
Nun aber hören wir doch von einigen etwas grundlegenderen neuen Erkenntnissen (2):
Die erst zeitlich versetzt einsetzende Besiedlung der Region der Oberen Moldau durch frühbäuerlicher Gemeinschaften könnte den dortigen Jägern und Sammlern die Möglichkeit geboten haben, ihre Subsistenzweise länger beizubehalten als andernorts. Insbesondere das im östlichen Teil der Region gelegene Wittingauer Becken (TÅ™eboň-Becken), das von zahlreichen Seen früh-postglazialen Ursprungs durchsetzt ist, könnte eine attraktive ökologische Nische für Menschen geboten haben, die an der Lebensweise von Jägern und Sammlern festhielten (HoÅ¡ek et al. 2019; Ptáková et al. 2023). Besonders gut belegt ist diese späte Präsenz am Schwarzenberg-See: Dort wurden am Ufer bereits elf Lagerplätze identifiziert, und die geschichteten paläoökologischen Befunde aus der Litoralzone sowie aus den Seesedimenten zeugen von einem erheblichen menschlichen Einfluß. Dieser äußert sich unter anderem in periodischen Brandereignissen, die vermutlich darauf abzielten, die Ufervegetation zu beseitigen und so die Bedingungen für Jagd und Sammeltätigkeit zu verbessern. Zudem wurden Makroreste eßbarer Wildpflanzen – von denen einige nicht zur typischen Flora von Seeumgebungen gehören – sowie weitere Pflanzenarten nachgewiesen, die indirekt auf menschliche Aktivitäten hinweisen (Pokorný et al. 2010; Å Ãda und Pokorný 2021).The delayed arrival of early farming communities in the Upper Vltava region could open a window of opportunity for local hunter-gatherers to retain their subsist-ence practices longer than elsewhere. In particular, the TÅ™eboň Basin, located in theeastern part of the region and scattered with numerous lakes of early post-glacialorigin, might offer an attractive ecological niche for people retaining hunter-gath-erer practices (HoÅ¡ek et al. 2019; Ptáková et al. 2023). Their late presence is best evidenced by Å varcenberk Lake, where eleven campsites have already been identified along the shore, and the stratified palaeoenvironmental records in the littoralzone, as well as in lake sediments, revealed considerable human impact. It involvesperiodic burning events, likely aimed at clearing lake shore vegetation to improvehunting and gathering opportunities. The presence of macroremains from consum-able wild plant species has also been identified, some of which are not indigenous tolake environments, along with other plant species indirectly indicating human activities (Pokorný et al. 2010; Å Ãda and Pokorný 2021).
Dem wasserreichen Wittingauer Becken (Wiki) sieht man es auf den ersten Blick an (s. Abb. 1), daß sich eine zahlenmäßig größere Fischer-, Jäger- und Sammler-Population in vergleichsweise höherer Siedlungsdichte hier für Jahrtausende ganz gut müßte gehalten haben können. Die Region erinnert vielleicht an die wasserreiche Region der Oberen Theiß und des Körös, wo Genetik der Karpaten-Jäger-Sammler festgestellt worden ist.
| Abb. 5: Ankunft der Bandkeramik (aus 2) |
Und weiter (2):
Bemerkenswert ist die räumliche Nähe zwischen den Fundplätzen des späten Mesolithikums und jenen der bäuerlichen Bevölkerung im Gebiet der Oberen Moldau. Jäger und Sammler nutzten den Schwarzenberg-See sowie weitere Seen, die unmittelbar an das Siedlungsgebiet der Bauern angrenzten (Einzelheiten siehe Ptáková et al. 2023). Da die beiden Fundplatztypen oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt lagen, ist es kaum vorstellbar, daß die jeweiligen Bewohner nichts voneinander wußten. Überraschenderweise liefern die derzeit vorliegenden Daten keine Hinweise auf gegenseitige Beeinflussung; beide Gemeinschaften hielten an ihren jeweiligen Subsistenzstrategien fest. Nicht nur griffen die Bauern kaum auf wildlebende Nahrungsressourcen zurück, auch bei der Herstellung von Steinwerkzeugen und der Rohmaterialbeschaffung zeigten sich Unterschiede. Bereits seit dem frühen Mesolithikum nutzten die Jäger und Sammler der Oberen Moldau überwiegend lokale Materialien zur Herstellung vorwiegend mikrolithischer Werkzeuge (Vencl 2006). Opal, Quarz und andere Materialien, deren Vorkommen bis zu 50 km von den Fundplätzen entfernt lagen, machten 75 bis 90 % des Rohmaterialspektrums an den Lagerplätzen am Å varcenberk-See aus (z. B. Å Ãda 2017; 2021; Å Ãda et al. 2019). Die Bauern hingegen setzten auf nicht-lokale Materialien, die sie zu größeren Klingen verarbeiteten. Diese Materialien wurden vermutlich in Form von Kernen oder Halbfertigprodukten über größere Entfernungen aus benachbarten Regionen herangeführt. Trotz Anzeichen für Rohstoffknappheit - etwa häufige Wiederverwendung und vollständige Ausnutzung der Kerne in den Fundkomplexen der oberen Moldau - gaben die dortigen frühen Bauern dieses Beschaffungssystem nicht auf. Die deutlichen Unterschiede bei den Rohmaterialspektren und der Technologie widerlegen zudem die Hypothese, daß die anthropogenen Aktivitäten im Gebiet des Schwarzenberg-Sees im späten 6. und im 5. Jahrtausend v. Ztr. auf neolithische Gemeinschaften zurückzuführen sein könnten, die saisonal zwischen Ackerbau und Wildbeutertum wechselten.Archäologische Forschungen haben belegt, daß die Interaktionsformen zwischen Jägern und Sammlern einerseits und Bauern andererseits je nach Region stark variieren konnten (z. B. Allentoft et al. 2024a; Bánffy 2019; Bollongino et al. 2013; Hofmanová et al. 2016; Jones et al. 2017; Shennan 2018; Simões et al. 2024). Insbesondere in Seegebieten konnten Jagd, Sammeln und Fischerei ein langfristig tragfähiges Wirtschaftssystem darstellen, das entweder eigenständig betrieben oder lediglich durch Ackerbau ergänzt wurde (Wieckowska-Lüth et al. 2021). In den Tiefländern, die von der frühen Ausbreitung der Bauern erfaßt wurden, sind Belege für einen engen Kontakt hingegen spärlich (Shennan 2018, S. 82–85); dies steht im Kontrast zur Region der Oberen Moldau. Hier deuten die vorliegenden Daten auf ein getrenntes Nebeneinander von spätmesolithischen Jägern und Sammlern sowie Bauern hin, wobei zu beachten ist, daß viele Anzeichen einer Vermischung aufgrund der lückenhaften archäologischen Überlieferung verborgen geblieben sein könnten. Da beide Gruppen jedoch unterschiedliche ökologische Nischen und Ressourcen der Region nutzten, stand ihre Beziehung wahrscheinlich nicht in Konkurrenz zueinander; vielmehr dürften sie einen dauerhaften *Modus vivendi* gefunden haben, insbesondere als die bäuerliche Bevölkerung in diesem Gebiet nach 5000 v. Ztr. zurückging. Auch wenn der Anteil nicht-lokaler Steinmaterialien bei den Jägern und Sammlern gering war, gelangten diese Objekte auch nach 5200 v. Ztr. in ihren Besitz - zu einer Zeit, als der Transport über Zwischenstationen von weit entfernten Rohstoffvorkommen bis zur Oberen Moldau von den neuen, in ganz Mitteleuropa ansässigen Bauerngesellschaften abhing.The spatial proximity between the Late Mesolithic and farming-based sites inthe Upper Vltava region is notable. Hunter-gatherers utilized Å varcenberk andother lakes that immediately neighbor the zone occupied by farming-based settle-ments (see Ptáková et al. 2023 for details). The two types of sites were often onlya few kilometers apart, so it is difficult to imagine that their inhabitants would beunaware of each other. Surprisingly, there is no evidence in the currently availabledata for mutual influences; both communities adhered to their subsistence strategies.Not only did farmers make minimal use of wild food resources, but differences canalso be observed in the techniques and procurement of raw materials for stone tools. Since the Early Mesolithic, hunter-gatherers of the Upper Vltava region utilized alarge portion of local materials to produce mostly microlithic tools (Vencl 2006).Opal, quartz, and other materials, which outcrop up to 50 km from the site, cre-ate between 75 and 90% of the spectra at Å varcenberk campsites (e.g., Å Ãda 2017;2021; Å Ãda et al. 2019). Farmers, on the other hand, relied on non-local materials,which they chipped into larger blades. These materials should have been imported inthe form of cores or semi-products over larger distances from neighboring regions.Despite signs of material shortages, such as frequent reutilization and total extrac-tion of cores identified in Upper Vltava assemblages, local early farmers did notabandon this procurement system. The sharp difference in raw material spectra and technology also refutes the hypothesis that the late sixth and fifth millenniumanthropic activities around Å varcenberk Lake could refer to Neolithic communities,which might have altered between farming and foraging on a seasonal basis.Archaeological research has documented that the ways in which hunter-gather-ers and farmers interact might considerably differ region by region (e.g., Allentoftet al. 2024a; Bánffy 2019; Bollongino et al. 2013; Hofmanová et al. 2016; Joneset al. 2017; Shennan 2018; Simões et al. 2024). Especially in lake zones, hunting,gathering, and fishing could prove a long-term sustainable economic system prac-ticed independently or just supplemented by agriculture (Wieckowska-Lüth et al.2021). Nevertheless, in the lowlands reached by the early expansion of farmers, evi-dence for close contact is sparse (Shennan 2018, pp. 82–85), which contrasts withthe Upper Vltava region. Here, the available data point to the separate co-existenceof Late Mesolithic hunter-gatherers and farmers, but it should be noted that manyattributes of mingling may remain hidden due to the scarcity of the archaeologicalrecord. Still, as both groups utilized the different ecological niches and resources ofthe region, their relationship was likely not competitive, and they might have estab-lished a sustainable modus vivendi, especially when the farming population in thearea declined after 5000 BC. Although the proportion of non-local stone materi-als among hunter-gatherers was minor, these objects had to find their way into theirhands even after 5200 BC, when the down-the-line transport from distant outcropsto the Upper Vltava relied on the new farmer societies settled throughout central Europe.
Mit solchen Studien werden also die späten Jäger und Sammler Mitteleuropas, die zur Ethnogenese zahlreicher mittel- und spätneolithischer Völker und Kulturen maßgeblich beigetragen haben, nach und nach besser faßbar. Man erkennt: Die Archäologen tasten sich langsam - weiterhin noch sehr langsam - Schritt für Schritt an die Thematik dieser in Randregionen fortlebenden Jäger-Sammler-Populationen heran.
Wir möchten allerdings meinen, daß die neuen mittel- und spätneolithischen Kulturen des böhmischen Raumes, die aus der Vermischung zwischen Bandkeramikern und Jägern und Sammlern entstanden, eher im Karpatenraum entstanden sind, wo es womöglich noch volkreichere Jäger-Sammler-Stämme gegeben haben könnte als an der Oberen Moldau und im Böhmerwald. Aber diesbezüglich gibt es noch viele weiße Flecken auf unserer Wissenslandkarte.
Böhmen ab 3.000 v. Ztr.
Zur Zeit der Ankunft der Indogermanen in Mitteleuropa ab 2.900 v. Ztr. gab es dort neben der ostmitteleuropäischen Kugelamphorenkultur und der nordeuropäischen Trichterbecherkultur noch zahlreiche weitere spätneolithische "Regional-Kulturen", in Böhmen insbesondere die Řivná�-Kultur (2.900 bis 2.400 v. Ztr.) (Wiki), in Ostbayern und im heutigen deutschsprachigen Alpenraum bis nach Nordtirol hinein gab es die Chamer Kultur (3.500-2.400 v. Ztr.) (Wiki).
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| Abb. 6: Die Ankunft der Indogermanen in Böhmen und Mitteleuropa - "SGR burials" = Schnurkeramiker/Glockenbecherleute (aus 2) |
Hier auf dem Blog hatten wir darüber schon anhand der aufregenden archäogenetischen Böhmen-Studie aus dem Jahr 2021, auf die auch im ersten hier gebrachten Zitat insbesondere Bezug genommen war, festgehalten (Stg2021):
Die Forscher vermuten, daß Böhmen zur Zeit der Ankunft der Schnurkeramiker zeitgleich besiedelt wurde einerseits von Gruppen der Kugelamphoren-Kultur und anderseits von Menschen der Řivná�-Kultur. Beide Gruppen unterschieden sich nicht nur kulturell, sondern auch genetisch voneinander. Als Ausnahme fand sich ein sequenziertes Individuum bestattet im Kontext von Řivná�-Kultur, trug aber in sich die Genetik der Kugelamphoren-Kultur.
Über die Řivná�-Kultur hatten wir aus der 2021-Böhmen-Studie unter anderem die Worte zitiert (Stg2021):
Sie trat hauptsächlich in Mittelböhmen auf, aber auch in Nordwestböhmen und vereinzelt auch in Ostböhmen. In West- und Südböhmen gab es eine mit Řivná� zeitgenössische Chamer Kultur.
Die Indogermanen treten nun als Schnurkeramiker auf ab 2.880 v. Ztr. an der Oberen Elbe, ab 2.700 v. Ztr. an der Oberen Donau und ab 2.500 v. Ztr. in Mähren (Abb. 6). Darüber wird ausgeführt (1):
Die Regionen Süd- und Westböhmens liefern nur wenige Hinweise auf eine Besiedlung während des Großteils des 4. Jahrtausends v. Ztr., doch gegen dessen Ende nimmt die Zahl der Fundplätze deutlich zu (John 2021; Metli�ka 2015). Sie werden den Kulturen von Řivná� und Cham zugeordnet.
Das hieße also: Die Řivná�-Kultur hätte sich von Mittelböhmen aus nach Westen ausgebreitet und die Chamer Kultur hätte sich von Ostbayern aus nach Böhmen ausgebreitet. Und weiter (1):
Sie waren Teil eines umfassenderen mitteleuropäischen Horizonts des Spätneolithikums, der durch gemeinsame Keramikmerkmale - wie etwa aufgerauhte Oberflächen oder plastische Leisten - sowie durch Siedlungen mit Grubenhäusern ("semi-sunken houses") gekennzeichnet war; diese Siedlungen waren häufig befestigt und lagen an exponierten Stellen, meist auf felsigen Kuppen oder Geländespornen über Flüssen (z. B. Bogner 2017; Engelhardt 2002; Gohlisch & Reisch 2001; Medunová 1977; Zápotocký & Zápotocká 2008; Zuber 2019). Aus Westböhmen sind fast 80 solcher Fundplätze bekannt, aus Südböhmen etwa zehn (John 2010; 2021). Im Einklang mit dem allgemeinen zeitlichen Rahmen der Řivná�- und Cham-Kulturen in Böhmen wurden sie zunächst in den Zeitraum 3200–2800/2700 v. Ztr. datiert (Zápotocký 2013). Erst durch Radiokarbondatierungen - bei denen häufig Makroreste von Kulturpflanzen untersucht wurden - konnte nachgewiesen werden, daß die Gemeinschaften in Süd- und Westböhmen diese Siedlungsplätze weiterhin bewohnten und die Keramiktradition bis mindestens 2400 v. Ztr. fortführten. Dies ist ein um etwa drei Jahrhunderte längerer Zeitraum als in den benachbarten Regionen Mittelböhmen, Ostbayern und Mähren (Vondrovský et al., im Druck). Das Fortbestehen der Traditionen von Höhensiedlungen ging mit einer nur geringfügigen Integration neuer materieller Elemente einher - vor allem Schaftlochäxte und schnurverzierte Becher -, die im frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. vorwiegend in Einzelgrabfeldern in ganz Mitteleuropa aufkamen.
Und zwar eben von Seiten des indogermanischen „Schnurkeramik-Volkes“.
Die Frankenalp ab 3000 v. Ztr.
Wir lesen weiter (1):
Manche Gruppen nahmen diese Neuerungen nur zögerlich an oder lehnten sie weitgehend ab. In Süd- und Westböhmen fehlen nennenswerte Belege für dieses materielle Repertoire und für Einzelgräber, obwohl entsprechende Gräberfelder in den nordwestlichen und zentralen Gebieten Böhmens bereits ab 2900 v. Ztr. nachweisbar sind (DobeÅ¡ et al. 2021). Aus kulturhistorischer Sicht galten Süd- und Westböhmen während der Zeit der Schnurkeramik somit als weitgehend unbesiedelt (MenÅ¡Ãk 2017). Die materiellen Hinterlassenschaften der Schnurkeramik sowie der späteren Glockenbecherkultur beschränken sich in diesen Regionen auf wenige isolierte Keramikfragmente und Streufunde von Streitäxten (John 2021; MetliÄ�ka et al. 2007). (...) Ein Fall ist aufschlußreich: Ein typischer Streitaxtkopf von der Höhensiedlung Stupno-BÅ™asy deutet darauf hin, daß den westböhmischen Höhensiedlungsgemeinschaften die neuen materiellen Ausdrucksformen, wie sie auf Gräberfeldern der Nachbarregionen auftraten, durchaus bekannt waren.Vom späten 4. bis zum frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. nahm auch im Gebiet der nördlichen Frankenalb (Bayern) die Intensität der Besiedlung und Landnutzung zu (Fuchs et al. 2011; Kothieringer et al. 2023; Pechtl 2024). Spätneolithische Kulturgruppen (Bernburg - Burgerroth - Cham - Goldberg III - Wartberg) bestanden hier bis weit in das 3. Jahrtausend hinein fort (Übersicht bei Nadler 2023, 912-25). So erbrachten beispielsweise Ausgrabungen in Voitmannsdorf-Stroholz eine Höhensiedlung mit einem charakteristischen Keramik- und Steinartefaktinventar, das keine eindeutigen Elemente der Schnurkeramik aufwies - und dies, obwohl eine Radiokarbondatierung an einem Tierknochen eine Besiedlung bis mindestens 2600-2300 v. Ztr. belegte (Dürr et al. 2004). Zu diesem Zeitpunkt waren die Erscheinungsformen der Schnurkeramik (insbesondere durch charakteristische Bestattungen) im benachbarten Flachland bereits fest etabliert (Seregély 2008; Ullrich 2008; Vondrovský et al. i. Vorb.), und im Nordwesten Bayerns traten um 2550 v. Ztr. erste Inventare der Glockenbecherkultur auf (Ullrich 2008). In dieser Zeit setzten die Gemeinschaften im Norden der Fränkischen Alb zudem die lokale Tradition der Höhlenbestattungen fort, die bis in das Mesolithikum und das frühe Neolithikum zurückreicht (Richter 2023, 669–72; Seregély 2012). In der Kirschbaumhöhle wurden im Zeitraum von 2900 bis 2600 v. Ztr. menschliche Körper niedergelegt (Seregély et al. 2015).Andere Fundplätze zeugen jedoch von einer gewissen Integration von Objekten und materiellen Ausdrucksformen der Schnurkeramik-Kultur. Diese wurden in der Fränkischen Alb vereinzelt in eher ungewöhnlichen Kontexten dokumentiert, etwa an Felsüberhängen und an markanten Felsformationen (Falkenstein 2012). Eine faszinierende Mischung kultureller Elemente zeigt sich in Wattendorf-Motzenstein, einer zwischen 2630 und 2470 v. Ztr. besiedelten Fundstelle. Obwohl der Platz als Beispiel für eine Siedlung der Schnurkeramik-Kultur angeführt wird (Müller & Seregély 2008; Seregély 2008), weist er wesentliche Merkmale des späten Neolithikums auf: eine Höhenlage sowie Grubenhäuser. Elemente der Schnurkeramik manifestierten sich dennoch in der Keramik, sowohl in Hinsicht auf ihren Stil als auch in Hinsicht auf ihre Herstellungstechnik. In dieser Hinsicht weist die Fränkische Alb Parallelen zu einigen Fundorten entlang der Westgrenze der Verbreitung der Schnurkeramik im Alpenvorland auf, wo schnurverzierte Keramik in die Traditionen der dortigen Seeufersiedler integriert wurde (Suter 2017). Es ist jedoch darauf hinzuweisen, daß eine chronologische Überschneidung von Fundkomplexen des Spätneolithikums und der Schnurkeramik für Süddeutschland allgemein anerkannt ist (Dunne et al. 2023; Furholt 2003) und eine vergleichbare Vermischung gut belegt ist für Burgerroth, etwa 80 km südwestlich der Fränkischen Alb - eine befestigte Höhensiedlung, die bis ins 26. Jahrhundert besiedelt war (zuletzt Link 2025). Die Fränkische Alb ist somit am besten als räumlich spezifisches Beispiel für Prozesse zu verstehen, die sich im 3. Jahrtausend in einem größeren Gebiet der deutschen Mittelgebirge abspielten (Drummer 2025).
Am Hohlen Stein bei Bad Staffelstein wurden ja auch Schnurkeramiker zusammen mit Wildpferden bestattet, und zwar auch eher in einer abgelegenen Höhenlage (s. Stg2021).
Insgesamt wird ein vergleichsweise vielfältiges kulturelles Nebeneinander deutlich sowohl im Frühneolithikum wie auch im Spätneolithikum in Mitteleuropa. Menschen und Kulturen sehr unterschiedlicher genetischer und kultureller Herkunft trafen aufeinander und lebten Jahrzehnte und Jahrhunderte nebeneinander her.
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- Václav Vondrovský: Not just a Single Story: Conceptualising the Diversity of Neolithic Lifeways in Central Europe. Proceedings of the Prehistoric Society (2026), Juni 2026, 1–15 (Resg26)
- Rethinking Key Transformations in the Neolithic and Bronze Age Central Europe: A Radiocarbon Modeling Approach. Václav Vondrovský, Václav HrnÄ�ÃÅ™, Daniel Hlásek ... Michaela Ptáková. Journal of Archaeological Research 34(2):1-58, December 2025 (Resg25)
- Evolutionary dynamics of the Timopheevii wheat lineage. Laxman Adhikari, Emile Cavalet-Giorsa, Michael Abrouk, Dal-Hoe Koo, Samara Correia de Lemos, Thomas Lux, Georg Haberer, Vitaly Portnoy, Adil Salhi, Xin Gao, Péter Mikó, István Molnár, Nathalie Rodde, John Raupp, Hakan Özkan, Manuel Spannagl, Nadia Kamal, Assaf Distelfeld, Jesse Poland, Simon Krattinger. bioRxiv 2026.07.20.739399; doi: https://doi.org/10.64898/2026.07.20.739399 (bioRxiv2026)
Krasse IQ-Unterschiede zwischen den Völkern Westeurasiens - Zwischen 6000 und 2000 v. Ztr.
Vorbemerkung: Ach, Ihr armen deutschen Archäologen. Jetzt müßt Ihr irgendwann auch noch "The Bell Curve" (Wiki) lesen oder Richard Lynn lesen (gnxp2006), um zu verstehen, was für Prozesse Ihr da schon seit vielen Jahrzehnten erforscht. Ihr werdet irgendwann auch noch zu Evolutionären Anthropologen umschulen müssen. Keiner von euch wollte das, gewiß nicht. Nein. Aber jetzt könnt ihr dem bald gar nicht mehr ausweichen. Dieser Blog möchte euch herzliches Beileid wünschen anläßlich des Untergangs so vieler Weltbilder, die ihr gerade miterlebt. Nun, es gibt einen Trost: Das Gerücht vom Absterben veralteter Weltbilder spricht sich manchmal nur verzweifelt "Schnecken-haft" herum. Im Zeitlupen-Tempo. Insofern sind solche Beileidwünsche sicherlich noch etwas verfrüht. Womöglich wißt ihr noch gar nicht, wer gestorben ist. Womöglich wißt ihr noch gar nicht, welch große Trauerzeit auf euch zukommt ...
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| Abb. 1: Angeborene Eigenschaften verschaltet an nur einem einem Genort - Gerichtete Selektion zwischen 8000 vor heute und heute (aus 1) |
Jedenfalls: Während der Durchschnittsmensch - und damit auch der Durchschnitts-Archäologe - aufgrund der öffentlich-rechtlichen Desinformation mehrheitlich immer noch der diffusen Meinung anhängt, Intelligenz und Schulerfolg wären vornehmlich abhängig von Umwelteinflüssen und Lern-Anstrengungen, ist innerhalb der Wissenschaft längst klar, daß die Intelligenz-Unterschiede zwischen den Menschen zu 80 % erblich sind und - - - daß sie in den letzten 10.000 Jahren eine erhebliche evolutionäre Entwicklung durchlaufen haben - zusammen mit unglaublich vielen anderen angeborenen Eigenschaften. Und daß sie deshalb auch sehr deutlich unterschiedlich auf Völker verteilt sind oder sein können, sowohl in der Geschichte wie in der Gegenwart.
Wenn damit keine Weltbilder zusammen krachen - - - womit, bitteschön, sollen sie denn dann noch zusammen krachen?
Weltbilder krachen zusammen
Die neueste und sehr revolutionäre "Nature"-Studie zu diesem Thema (1) haben wir schon behandelt anhand eines Interviews von David Reich (Stg26), sowie anhand einer Parallel-Studie von Davide Piffer (Stg26a). Im vorliegenden Beitrag blicken wir noch einmal in den Text selbst der Reich-Studie hinein, sowie in ihre Abbildungen (Abb. 1 bis 3) und und lassen am Ende noch einige Zitate der Wissenschaftsberichterstattung über diese Studie auf uns wirken. In der Studie heißt es unter der Zwischenüberschrift "Hundreds of cases of directional selection" (1):
Wir fanden Hinweise auf 479 unabhängige Loci (410 unter Ausschluß der HLA-Region). (...) Die tatsächliche Zahl der unter Selektion stehenden Loci dürfte wahrscheinlich weitaus höher liegen. (...) Wir identifizierten 7.689 Nicht-HLA-Loci, was auf mehr als 3.800 unabhängige Selektionsereignisse hindeutet. (...) Downsampling-Analysen zeigten, daß weitere Erhöhungen der Zahl der auszuwertenden Archäogenome die Anzahl der detektierten Loci voraussichtlich weiter erhöhen werden, wobei Menschen, die vor mehr als 8.000 Jahren lebten, den größten zusätzlichen Nutzen bringen (werden Extended Data 1d,e).We found evidence of 479 independent loci (410 excluding the HLA region). (...) The actual number of loci under selection is likely to be much larger. Using a threshold of |X| > 3.61 (FDR = 50%), we identified 7,689 non-HLA loci, implying more than 3,800 independent episodes of selection. (...) Downsampling analyses showed that further increases in sample size are expected to increase the numberof detected loci further, with people living more than 8,000 years ago providing the most added power (Extended Data Fig. 1d,e).
Gehen wir die angeborenen Eigenschaften in der Reihenfolge durch, in der sie als Grafiken in der Studie präsentiert werden (siehe hier Abb. 1 bis 3).
Zunächst werden 36 angeborene Eigenschaften behandelt, die nur an einem einzigen Genort verschaltet sind, der schon für sich genommen erhebliche phänotypische Auswirkungen hat (Abb. 1 und 2). (Hierbei handelt es sich also nicht um "Small-Effect"-Gene, sondern um Gene mit erheblicher Auswirkung. Es handelt sich um "monogen" verschaltete Eigenschaften.)
Beispiele: Zöliakie, Tuberkulose, helle Pigmentierungen
In Abbildung 1a sehen wir, daß es Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) (Wiki) vor 2000 v. Ztr. in Westeurasien gar nicht gab und ihre Häufigkeit dann stetig bis heute angestiegen ist. Man fragt sich, welcher selektive Vorteil damit einher gegangen sein soll. Auf Wikipedia finden wir dazu zunächst keine Hinweise. In Abbildung 1c sehen wir, daß glattes Haar und die Neigung zu Glatzenbildung in den letzten 4000 Jahren deutlich zugenommen hat (oder soll das bedeuten: daß sie deutlich zurück gegangen ist?). Die Tuberkulose-Wahrscheinlichkeit lag bei den Jamnaja ab 3.300 v. Ztr. sehr hoch und erreichte bis 2000 v. Ztr. in Westeurasien - also seit und nach ihrer Ausbreitung - ihren Höhepunkt. Wir erwähnen hier nicht alles in den Abbildungen Präsentierte. Das kann der Leser sich das ja selbst vervollständigen durch eigene Durchsicht.
Verschiedene Genorte, die mit heller Haut- und Haarfarbe in Verbindung stehen, waren bei der anatolisch-neolithischen Herkunft und bei der Jamnaja-Herkunft vergleichsweise häufig und ihre Häufigkeiten sind in den Völkern Westeurasiens dann seit der Vermischung der beiden Vorfahrengruppen miteinander bis heute stetig weiter gestiegen (Abb. 1 j-q).
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| Abb. 2: Angeborene Eigenschaften verschaltet an nur einem einem Genort - Gerichtete Selektion zwischen 8000 vor heute und heute (aus 1) |
In Abb. 2s und t finden sich die gerichteten Selektionstrends von zwei weiteren Erbvarianten für Zöliakie dargestellt.
Noch mal erläutert: Was heißt "Polygenic Score"?
In Abb. 3 werden dann angeborene Eigenschaften behandelt, die an viele Genorten mit Small-Effekt-Genen verschaltet sind, für die also ein "polygenic Score" erstellt werden muß. Im nächsten Zitat werden wir noch hören, daß insbesondere psychische angeborene Eigenschaften polygenetisch verschaltet sind.
Oben links ist der Rückgang der Häufigkeit von dunkler Hautfarbe in Westeurasien dargestellt, dann der Rückgang von Fettleibigkeit. In der zweiten Reihe ist dargestellt der Rückgang einer erblichen Variante der Schizophrenie. Von der waren die anatolisch-neolithischen Bauern schon recht gut durch Selektion "kuriert", aber die europäischen Jäger und Sammler und die Jamnaja noch nicht. Für die Interpretation dieses Sachverhaltes gibt es sicherlich sehr, sehr unterschiedliche Ansätze. Im Text der Studie wird in diesem Zusammenhang noch mal das Prinzip des "polygenic Score" recht treffend erklärt (1):
Wir stellen eine negative polygenetische Selektion fest gegen Allele, die heute mit Psychosen wie der bipolaren Störung (γ = −0,63 ± 0,13) und der Schizophrenie (γ = −0,74 ± 0,12; Abb. 4) assoziiert sind. (...) Psychische Eigenschaften weisen qualitativ andere genetische Architekturen auf als Merkmale des Blut-, Immun- und Entzündungssystems; sie zeichnen sich durch eine höhere Zahl modulierender Genorte aus, die zugleich durchschnittlich jeweils für sich genommen geringere Auswirkungen auf den Phänotyp haben.We detected negative polygenic selection against alleles associated today with psychoses such as bipolar disorder (γ =%−0.63 ± 0.13) and schizophrenia (γ =%−0.74 ± 0.12; Fig.4). (...) Brain traits have qualitatively different genetic architectures from blood–immune–inflammatory traits, with a higher proportion of sites modulating them and smaller effect sizes on average per allele.
In der untersten Reihe ist die Gehgeschwindigkeit dargestellt, die bei den europäischen Jägern und Sammlern deutlich geringer war als bei Bauern und Steppenhirten. Wenn wir das recht in Erinnerung haben, steht dieses angeborene Merkmal in Zusammenhang mit der Intelligenz. Die angeborene Intelligenz folgt dann. Das ist ja schon im letzten Blogartikel behandelt worden. Dann folgen noch die Selektionstrends für "polygenic Scores" für Haushaltseinkommen und Bildungshöhe ("years of schooling"), die beide einen Zusammenhang mit der Intelligenz aufweisen. Im Text der Studie heißt es dazu (1):
Schließlich beobachteten wir Selektionssignale für Allelkombinationen, die heute mit drei korrelierten Verhaltensmerkmalen assoziiert sind: Ergebnisse in Intelligenztests (zunehmendes γ = 0,74 ± 0,12), Haushaltseinkommen (zunehmendes γ = 1,12 ± 0,12) und Zahl der Schuljahre (zunehmendes γ = 0,63 ± 0,13). Diese Signale sind allesamt hochgradig polygen; wir müßten 449 bis 1.056 Loci eliminieren, damit die Signale nicht mehr signifikant wären (Extended Data, Fig. 10). Die Signale werden maßgeblich durch Selektion aus der Zeit vor etwa 2.000 Jahren bestimmt, woraufhin γ gegen null tendiert (Extended Data, Fig. 9).We finally observed signals of selection for combinations of alleles that today are associated with three correlated behavioural traits: scores on intelligence tests (increasing γ = 0.74 ± 0.12), household income (increasing γ = 1.12 ± 0.12) and years of schooling (increasing γ = 0.63 ± 0.13). These signals are all highly polygenic, and we have to drop 449–1,056 loci for the signals to become non-significant (Extended Data Fig. 10). The signals are largely driven by selection before approximately 2,000 years )*, after which γ tends towards zero (Extended Data Fig. 9).
Der letzte Satz geht über sehr entscheidende Schwankungen in der Evolution der angeborenen Intelligenz viel zu schnell hinweg. Ansonsten werden ausgesprochene Intelligenzforscher (wie David Becker oder Heiner Rindermann in Deutschland) noch allerhand mehr dazu sagen können, warum die drei Kurven dennoch nicht völlig identisch sind. Das sind, soweit wir sehen, Detailfragen, denen wir an dieser Stelle erst einmal nicht weiter nachgehen wollen. (David Becker hat sich auf Facebook [Fb] zu dieser Nature-Studie noch nicht geäußert, womöglich wird er das ja künftig noch tun ...)
Da steht wohl eine etwas gründlichere Beschäftigung mit der modernen Intelligenz-Forschung an ...
Weiter heißt es dazu (1):
Bei der Interpretation von Signalen polygener Adaption sind gewisse Vorbehalte angebracht – insbesondere in Hinsicht auf die drei genetisch korrelierten Merkmale: Ergebnisse in Intelligenztests, Haushaltseinkommen und Schuljahre. Diese Merkmale sind lediglich für moderne Gesellschaften relevant und wären in schriftlosen Gesellschaften - also während des weitaus größten Teils des Zeitraums, in dem Selektion wirksam war - gar nicht meßbar gewesen.There are caveats when interpreting signals of polygenic adaptation, especially for the three genetically correlated traits of scores on intelligence tests, household income and years of schooling. These traits are only relevant to modern societies and would have been unmeasurable in preliterate societies over the vast majority of the period during which selection acted.
Uns ist nicht klar, was die Autoren bei diesem Satz reitet. Intelligenz ist sehr wohl in allen bekannten Gesellschaften weltweit relevant - auch in ihrem Unterschied zum Beispiel zu den Neandertalern und so weiter. Es ist manchmal ein bisschen merkwürdig, auf was für ein banales Niveau sich Wissenschaftler herablassen können, nur um ja nicht zu sehr irgendwelche ideologischen Scheuklappen infrage zu stellen. Wozu gibt es die "Social-Brain"-Theorie von Robin Dunbar und unzähligen anderen, wenn Gehirngröße und damit korrelierte Intelligenz nicht über den gesamten Stammbaum der Tiere hinweg "relevant" wäre und damit natürlich auch für menschliche "schriftlose" Kulturen.
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| Abb. 3: Angeborene Eigenschaften mit gerichteter Selektion zwischen 8000 vor heute und heute (aus 1) |
Soweit uns bekannt, gibt es im übrigen auch Intelligenztests für Menschen ohne Lesefähigkeit. Für die Buschleute in Südafrika ist ja auch eine durchschnittliche angeborene Intelligenz festgestellt worden (z.B. ausgewertet von Richard Lynn [gnxp2006]). Es wird an vielen Stellen deutlich, daß David Reich und Mitarbeiter bewußt oder unbewußt so tun, als bräuchten sie sich mit der modernen Intelligenzforschung gar nicht weiter zu beschäftigen und als wäre es wissenschaftlich seriös, unter Nichtbeachtung derselben solche Aussagen zu tätigen. Weiter heißt es (1):
Die Interpretationsschwierigkeiten werden dadurch noch verstärkt, daß jene Allele, die die Häufigkeit von Merkmalen im Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes senken, in hohem Maße mit jenen korreliert sind, die zu höheren Werten bei den Merkmalen Schuljahre, Haushaltseinkommen und Intelligenz beitragen (Extended Data Fig. 13). Schließlich gibt es Hinweise darauf, daß sich diese Selektionsdrücke im Laufe der Zeit gewandelt haben57 – so etwa in Island im vergangenen Jahrhundert, wo eine signifikante Selektion zugunsten einer Verringerung des Prädiktors „Schuljahre“ stattfand; ein Trend, der im Gegensatz zu der von uns festgestellten langfristigen Zunahme steht.The difficulty of interpretation is enhanced by the fact that the alleles driving down the frequency of type 2 diabetes-related traits are highly correlated to those contributing to the increased scores for years of schooling, household income and intelligence (Extended Data Fig. 13). Finally, there is evidence of change in these selection pressures over time57, for example, in Iceland in the past century in which there was significant selection to decrease the predictor of years of schooling, opposite to the long-term increase that we detected.
Letzterer Umstand ist hochgradig relevant.
"Die bedeutendste Arbeit meiner letzten zehn Jahre"
Nun noch ein Blick in die Wissenschaftsberichterstattung. David Reich wird im "Science Magazine" zitiert mit den Worten (ScMa26):
„Dies ist die bedeutendste Arbeit, an der ich seit zehn Jahren beteiligt war. … Sie löst endlich das Versprechen alter DNA ein, über die (menschliche) Biologie ebenso viel aussagen zu können wie über die (menschliche) Geschichte.“
Und (ScMa26):
"Das Genom ist voller Signale", sagt Reich. Er beobachtet "eine Phase ungewöhnlich intensiver … und gleichzeitig schwankender natürlicher Selektion - die Häufigkeit von Varianten steigt sprunghaft an und sinkt dann wieder."
Und der Hauptautor Ali Akbari wird zitiert mit den Worten (ScMa26):
"Das (menschliche) Genom stand in den letzten 10.000 Jahren unter enormem Selektionsdruck. Unsere Lebensweise hat sich grundlegend verändert, und das spiegelt sich in unserem Genom wider, das versucht, sich anzupassen."
Nun, es handelt sich sicherlich um ein Wechselspiel, nicht nur die Kultur wirkt auf die Gene zurück, sondern die Gene wirken auch auf die Kultur zurück.
Gen-Kultur-Koevolution - Seit Lumbsden/Wilson (1981)
Das wird schon seit Jahrzehnten unter dem Stichwort "Gen-Kultur-Koevolution" (Wiki) behandelt. Edward O. Wilson und Charles Lumbsden hatten schon 1981 und 1983 in ihren Büchern "Genes, Mind and Culture - The Coevolutionary Process" und "Promethean Fire - Reflections on the Origin of Mind" (letzteres ist auch auf Deutsch erschienen) eine solche Gen-Kultur-Koevolution erörtert. Sie hatten dabei die Möglichkeit erörtert, daß sich wesentliche neue Erbvarianten innerhalb von tausend Jahren innerhalb eines Volkes durchsetzen könnten. Genau diese bislang nur theoretisch formulierte Hypothese wird nun doch offensichtlich durch die Archäogenetik in der Empirie bestätigt. (Sie wurde übrigens auch schon bestätigt zum Beispiel durch den IQ-Unterschied zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden, da die aschkenasischen Juden ja nur 1000 Jahre alt sind.) Auf Wikipedia wird zu diesem Buch ausgeführt, daß es diese Theorie begründet hat, aber ... (Wiki):
Das erste war "Genes, Mind and Culture" von Charles Lumsden und E. O. Wilson. Dieses Buch skizzierte eine Reihe mathematischer Modelle, die darlegten, wie die genetische Evolution die Selektion kultureller Merkmale begünstigen könnte und wie kulturelle Merkmale ihrerseits die Geschwindigkeit der genetischen Evolution beeinflussen könnten. Obwohl es das erste veröffentlichte Buch war, das beschrieb, wie Gene und Kultur koevolvieren könnten, hatte es verhältnismäßig geringen Einfluß auf die weitere Entwicklung der Dual Inheritance Theory. Einige Kritiker waren der Ansicht, daß ihre Modelle zu stark auf genetischen Mechanismen fußten – auf Kosten kultureller Mechanismen. Auch die Kontroversen um Wilsons soziobiologische Theorien könnten die nachhaltige Wirkung dieses Buches geschmälert haben.The first was Charles Lumsden and E.O. Wilson's Genes, Mind and Culture. This book outlined a series of mathematical models of how genetic evolution might favor the selection of cultural traits and how cultural traits might, in turn, affect the speed of genetic evolution. While it was the first book published describing how genes and culture might coevolve, it had relatively little effect on the further development of DIT.[80] Some critics felt that their models depended too heavily on genetic mechanisms at the expense of cultural mechanisms.[81] Controversy surrounding Wilson's sociobiological theories may also have decreased the lasting effect of this book.
Nun, daß die "genetischen Mechanismen" keineswegs als zu stark einschätzt worden waren von Lumsden und Wilson wird nun durch die Archäogenetik klar. Da gibt es jetzt allerhand "Stoff", um auch das Konzept der Gen-Kultur-Koevolution völlig neu anzugehen.
Im "Science Magazine" wird dann aber erneut die irrtümliche Aussage getätigt (ScMa26):
Frühere Studien zur menschlichen Evolution, die sich größtenteils auf die Analyse der DNA moderner Menschen stützten, kamen zu dem Schluß, daß unsere Genome in den letzten Zehntausenden von Jahren relativ stabil waren. Das liegt daran, daß moderne Bevölkerungsgruppen wie Westeuropäer, Afrikaner und Ostasiaten eine beträchtliche genetische Ähnlichkeit aufweisen, was darauf hindeutet, daß seit der Trennung der Menschen auf diesen Kontinenten nicht viel Evolution stattgefunden hat.
Daß hier nur Bezug genommen wird auf einige wenige, ausgewählte Studien, während hier offensichtlich ein großer Teil der Forschung der letzten 25 Jahre ignoriert wird, darauf hatten wir schon im letzten Blogartikel hingewiesen. Allein die immensen IQ-Unterschiede zwischen den Völkern in der heutigen Zeit sind ein Hinweis darauf, daß diese grundsätzlich auch schon innerhalb der letzten 10.000 Jahre vorgelegen haben müssen. Das letzte Zitat ist also eine krasse Irreführung. Seit 2018 liegt ja auch der polygenetische "Score" für Intelligenz vor, so daß auch anhand dessen aufgezeigt werden kann (und sicherlich aufgezeigt worden ist und wird), daß - zum Beispiel - Ostasiaten durchschnittlich eine höhere durchschnittliche Intelligenz aufweisen als Europäer (und so weiter). (Dazu unten gleich mehr.) Es wird auch eine, ein wenig naive Frage angeführt wie die folgende (ScMa26):
"Diese Studie ist das Ergebnis fast zehnjähriger intensiver Arbeit, aber sie kratzt erst an der Oberfläche", sagt die Harvard-Evolutionsbiologin Annabel Perry, eine weitere Co-Autorin. "Im Neolithikum gab es noch keine Hochschulbildung, also welches Merkmal veränderte sich tatsächlich? Dies ist eine Aufforderung an die Forschung, diese Zusammenhänge genauer zu untersuchen."
Offensichtlich ist eine solche Naivität gesund für eine Karriere an der Elite-Universität Harvard. Das ist eine Aussage, die mal eben so viele Jahrzehnte IQ-Forschung völlig ignoriert. Da möge sie mal weiter an der Oberflächen kratzen an der Harvard University. Bloß keinen Spaten nehmen und tiefer graben ...
Es gibt schon weitere, neue Studien ....
Es wird aber auch noch folgender Hinweis gegeben (ScMa26):
Reich hofft, daß zukünftige Forschungen diese Fragen in anderen Teilen der Welt untersuchen werden. Mehrere kürzlich veröffentlichte Preprints - darunter einer von einigen der Autoren der Nature-Studie - deuten darauf hin, daß ähnliche Dynamiken auch in anderen Populationen wirkten.
Eine hier genannte Studie schaut sich die Intelligenz-Unterschiede zwischen Europäern und Asiaten an (Biorxiv4/26), stellt also die Frage, die wir oben schon stellten. Ebenso gibt es eine weitere Völker-vergleichende Studie (Biorxiv1/26). Abschließend heißt es (ScMa26):
Auch in anderen Zeiträumen könnten rasche evolutionäre Veränderungen stattgefunden haben, die jedoch nicht untersucht wurden oder werden können. „Der spannendste Zeitraum dürfte die Zeit zwischen 1.800.000 und 300.000 Jahren vor unserer Zeit sein, als sich das Gehirn der Homininen verdreifachte und der moderne Mensch entstand“, sagt er (David Reich). „Uns fehlen diese Daten.“
Jetzt gräbt David Reich endlich wieder tief und stellt die richtigen Fragen. Mit ebenso spannenden Fragen wird er in einem anderen Bericht zitiert (TheBrief):
„Inwieweit werden wir ähnliche Muster in Ostasien sehen oder in Ostafrika oder bei den Ureinwohnern Mesoamerikas und der zentralen Anden?“
Die wissenschaftliche Revolution, die im Jahr 2000 begann, unter anderem mit dem Aufsatz von Charles Murray "Deeper into the Brain" (AEI2000), diese Revolution wird jetzt, 26 Jahre später, offenbar Mainstream-Forschung.
... Und was sagt die deutschsprachige Wissenschaftspresse?
Ergänzung 4.6.26: Auch die deutsche Wissenschafts-Presse hat die hier behandelten Forschungsergebnisse aufgegriffen. Unter dem Titel "Hoher Anpassungsdruck prägte menschliches Genom - Rote Haare, Glatze, Intelligenz" heißt es beim ORF und in österreichischen Regionalzeitungen unter anderem (ORF26, NOEN26, BVZ26):
Auch in den Daten ausmachen lassen sich den Autoren zufolge Gruppen an Genveränderungen, die (...) im Heute ihren Trägern im Durchschnitt ein etwas besseres Abschneiden bei Intelligenztests, ein tendenziell höheres Einkommen oder längeres Verweilen in Ausbildungssystemen bescheren.
Nunja, "etwas besseres Abschneiden" ist nicht "ganz" richtig. Aber gut. Das ist - soweit wir das überblicken - der einzige deutschsprachige Artikel, der auch das Thema Intelligenz wenigstens erwähnt. Aber man muß schon sehr genau danach suchen. Die "Frankfurter Rundschau schreibt unter dem Titel "Evolution des Menschen hat in den letzten 10.000 Jahren massiv an Tempo zugelegt" (FRd26):
Bislang kannten Forschende nur etwa 21 Beispiele für sogenannte gerichtete Selektion – jene Form der natürlichen Auslese, bei der sich vorteilhafte Genvarianten in einer Population durchsetzen. Die neue Studie identifiziert nun 479 solcher Genvarianten, die sich in Westeurasien seit dem Ende der Eiszeit verbreitet oder zurückgebildet haben.
Das Thema Intelligenz wird nicht erwähnt. Das Schweizer Nachrichtenportal "20min" titelt: "Immer mehr Rothaarige - dafür sorgt die natürliche Selektion" (20min26, l'ess26). Intelligenz wird nicht erwähnt. Die Bildzeitung titelt "Rothaarige werden immer mehr - Evolutionsvorteil" (Bild26). Intelligenz wird nicht erwähnt. SmartUpNews titelt "Evolution läuft weiter: Studie zeigt, wie sich der Mensch heute noch verändert" (Smart26). Derselbe Artikel ist unter einem "Rote Haare"-Titel auch im "Focus" erschienen (Focus26). Intelligenz wird in beiden Artikeln nicht erwähnt.
Wie lautet der Fachbegriff? - - - "Lückenpresse"? 👀 👀 👀
Hinter einer Zahlschranke verbergen sich die Beiträge in der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ26) ("Von der letzten Eiszeit bis heute - So entwickelt sich der Mensch evolutionär weiter"), in der Süddeutschen Zeitung und im Schweizer Tagesanzeiger (SdtZtg26, TAnz26) ("Der Mensch hat sich in den vergangenen 10 000 Jahren schneller verändert als gedacht") sowie in "Spektrum der Wissenschaft" (SpdWis2026) ("Auch der moderne Mensch unterliegt natürlicher Selektion") (übrigens nicht in der Papier-Ausgabe dieser Zeitschrift enthalten, bislang).
Es finden sich vereinzelt auch wissenschaftsnahe Autoren im deutschsprachigen Raum abseits des Mainstream, die das Thema aufgreifen. An dieser Stelle sei nur einer heraus gegriffen. Auf ihn stoßen wir im Zusammenhang mit dieser Recherche zum ersten mal, nämlich der X-Autor Dieter Kief. Er wiederholt auf seinem (offenbar nur wenig von anderen verfolgten) Accout - zumindest in den letzten Monaten - anhand von Studien und Daten sein Mantra "Sarrazin hat recht" (in Bezug auf die Erblichkeit der Intelligenz und der Ungleichverteilung dieser Intelligenz auf Völker). Und er bezieht sich unter anderem auf den US-amerikanischen Journalisten Steve Sailer, den wir hier auf dem Blog schon vor zwanzig Jahren als kenntnisreich und lehrreich entdeckt hatten. Am 4. Mai 2026 bezieht sich Kief (X4.5.26) auf einen Beitrag von Steve Sailer vom 16. April 2026 (Sailer2026).
Die Zusammenhänge, die Sailer herausarbeitet, hatten wir ja auch schon versucht anzudeuten. Aber macht es Sinn, auf zwanzig oder auch nur fünfzehn Jahre alten Diskussionen so herumzureiten wie es hier geschieht? Das ist nicht die Art, mit der hier auf dem Blog mit diesen Themen umgegangen wird. Dieter Kief wird auf X aktuell offenbar kaum gelesen. Aber wir "folgen" ihm dort jetzt mal probehalber.*)
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*) Es findet sich auch noch ein einstündiger Podcast über die Akbari/Reich-Studie (Butales26) - aber soweit wir das beim kurzen Reinhören feststellen können, nur auf sehr niedrigem intellektuellen Niveau.
- Akbari A, Perry A, Barton AR, Kariminejad M, Gazal S, Li Z, Zeng Y, Mittnik A, Patterson N, Mah M, Zhou X, Price AL, Lander ES, Pinhasi R, Rohland N, Mallick S, Reich D (2026) Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia. Nature, 15.4.2026 (Nature2026) (pdf)
Studium generale • Kurzbeiträge
Warum die große Artenvielfalt bei Blütenpflanzen?
- Why Are There So Many Flowering Plants? A Multiscale Analysis of Plant Diversification Tania Hernández-Hernández, John J. Wiens, The American Naturalist, https://www.journals.uchicago.edu/doi/abs/10.1086/708273
Es kann inzwischen unterlassene Hilfeleistung sein, einen Gentest NICHT zu empfehlen
- Genomics breeds new legal questions. By Jennifer Couzin-Frankel. Science Mag., 10 May 2019, Vol. 364, Issue 6440, pp. 521, DOI: 10.1126/science.364.6440.521,https://science.sciencemag.org/content/364/6440/521
Ausbreitung der Schafzucht nach Tibet ab 1.000 v. Ztr.
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| Abb. 1: Ausbreitung der Schafzucht nach Tibet um 1.000 v. Ztr. (aus: 1) |
Integrated diagram of the inferred demographic history of the late-Holocene human and sheep populations on the Qinghai-Tibetan Plateau (QTP).(A) Distribution and approximate dates of prehistoric archeological sites of sheep in the QTP and surrounding areas. The thick brown line indicates the Tang–Bo Ancient Road (Chen et al. 2015; Zhang et al. 2017).(B) A proposed demographic scenario for the development of agriculture on the QTP based on archeological records of domestic animals (e.g., sheep, cattle, pig, and dog) and crops (e.g., millet, barley, and wheat) (supplementary table S2, Supplementary Material online), with sheep and wheat as representative species shown on the figure.(C) A proposed demographic scenario of sheep on the QTP based on genetic data in this study.(D) The best-supported demographic model of Chinese sheep populations inferred from the approximate Bayesian computation (ABC) approach.
- The Genome Landscape of Tibetan Sheep Reveals Adaptive Introgression from Argali and the History of Early Human Settlements on the Qinghai–Tibetan Plateau Xiao-Ju Hu Ji Yang Xing-Long Xie Feng-Hua Lv Yin-Hong Cao Wen-Rong Li Ming-Jun Liu Yu-Tao Wang Jin-Quan Li Yong-Gang Liu ... Show more Molecular Biology and Evolution, Volume 36, Issue 2, 1 February 2019, Pages 283–303, https://doi.org/10.1093/molbev/msy208 Published: 16 November 2018, https://academic.oup.com/mbe/article/36/2/283/5184913
Ja, da stimme ich zu, auch die Germanen hatten keine klaren Vorstellungen darüber, ob es ein Weiterleben nach dem...
Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Ehepaar Ludendorff und den führenden Nationalsozialisten aufzuzählen, dazu ist ein solcher Kommentarbereich nicht der richtige Ort. Auf dem Gebiet der MORAL, der ETHIK dürften die Unterschiede am größten sein. Ansonsten hier erst mal nur folgende Hinweise:
1. In dem Buch "Die machtvolle Religiosität des deutschen Volkes vor 1945" werden die sehr interessanten und differenzierten religiösen Auseinandersetzungen innerhalb des deutschen Volkes während des Dritten Reiches aus der Sicht des Ehepaares Ludendorff dokumentiert. Dürfte eine interessante Lektüre für Dich sein.
2. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen wurde den Nationalsozialisten rund um Alfred Rosenberg SELBST klar, was Ludendorff immer sagte, daß eine diffuse Weltanschauung noch keine ausgearbeitete Philosophie ist, deshalb gab es eine Arbeitsgruppe, die an den philosophischen Grundlagen des Nationalsozialismus arbeitete: https://studiengruppe.blogspot.com/2011/08/eduard-baumgarten-eine-groe.html
Meines Erachtens "mußte" man das nur tun, weil man tunlichst einen Bogen schlagen "mußte" um die Hitler-Gegner Erich und Mathilde Ludendorff, denn hier lagen und liegen moderne, belastbare philosophische Grundlagen für die Gestaltung eines freiheitlichen, völkischen Staates sehr wohl bestens vor.
3. Auch auf dem Gebiet an der angewandten Moral, also des Handelns, kann man Gemeinsamkeiten und Unterschiede feststellen. Ludendorff warnte vor Hitlers "hirnverbrannter Außenpolitik" seit 1929 öffentlich. Deshalb wurde er von Hitler schon ab 1930/31 mit niedrigsten, undeutschesten Mitteln bekämpft:
https://studiengruppe.blogspot.com/2011/12/um-seiner-verdienste-um-die-bewegung.html
Deshalb wurden ab Juni 1937 sogar neue Röhm-Putsch-Morde gegen Erich Ludendorff vorbereitet von Adolf Hitler persönlich:
https://studiengruppe.blogspot.com/2013/01/hitlers-mordplane-gegen-ludendorff-im.html
Damit nur mal wenige Hinweise. Hitler und die NSDAP wurden meines Erachtens in klassischer Weise dazu von den monotheistischen Hintergrundmächten dazu benutzt, um die deutsche völkische Bewegung zu vernichten und auf immer und ewig zu diskreditieren. Genauso wie es Erich Ludendorff auch vorausgesagt hat 1933
https://studiengruppe.blogspot.com/2013/08/ludendorffs-emporte-telegramme.html
ebenso wie 1937 in seinem persönlichen Gespräch mit Hitler selbst und in seinem nachfolgenden Aufsatz zu Hitlers Geburtstag.
http://studiengruppe.blogspot.com/2013/06/diese-tapfere-frau-ernst-hanfstaengl.html
"Genetic determinism rides again"
"Polygenic scores have been shown to improve risk predictions for prostate, ovarian and breast cancers. They can point to traits that might have been influenced by local adaptation, and gauge the pace of evolutionary change."
"Es konnte inzwischen gezeigt werden, daß polygenetische Auswertungen die Risiko-Voraussagen für Prostata-, Eierstock- und Brustkrebs verbessern können. Sie können auf Merkmale hinweisen, die auf lokale Anpassung zurück zu führen sind, …"
"... und die den Weg des evolutionären Wandels nachverfolgen lassen."In der Tat, scheint diese "polygenetische Revolution" etwas völlig Neues darzustellen. Und in dem Buch von Robert Plomin kann man sich über diese Revolution kundig machen. Es wird dann auch gleich geunkt, daß die Abwesenheit jeder Erwähnung des Wortes "Rasse" in diesem Buch sehr verdächtig sei, da dieses Konzept offenbar überall mitgelesen werden kann.
"Some research presents ethical quandaries as to how the scores might be used: for example, in predicting academic performance."__________________________________________________________
- Comfort, Nathaniel: Genetic determinism rides again Nathaniel Comfort questions a psychologist’s troubling claims about genes and behaviour. Nature, 25.9.2018, https://www.nature.com/articles/d41586-018-06784-5
- Plomin, Robert: Blueprint - How DNA Makes Us Who We Are. Allen Lane (2018)
- Warren, Matthew: The approach to predictive medicine that is taking genomics research by storm. Nature, 10.10.2018, https://www.nature.com/articles/d41586-018-06956-3
Gesellschaftlicher Aufbruch – jetzt?
Was ist das Göttliche?
Am 15. und 16. September 2026 habe ich zum Thema des vorliegenden Blogartikels zwei Videos veröffentlicht (Livestreams) (Yt2026, Yt2026b).
In öffentlichen und privaten Rückmeldungen sind sie auf manches Verständnis und manche Zustimmung gestoßen. Ich habe mir zum ersten mal eine Zusammenfassung jedes dieser beiden Videos durch die Künstliche Intelligenz geben lassen. Ich bin überrascht, daß ich durch diese Zusammenfassungen noch einmal einen ganz anderen Blick auf meine eigenen Ausführungen bekomme. Auch die KI hat mich verstanden, mitunter womöglich sogar besser als ich mich selber verstanden habe. ;-)
Denn mit der KI klingt alles ja doch noch ein bisschen "seriöser", sachlicher, weniger persönlich.
Was ist das Göttliche?
Zusammenfassung des ersten Videos ("Was ist das Göttliche?") durch die KI (Yt2026):
Kerngedanke
Der Vortrag versucht, die Frage „Was ist das Göttliche?“ nicht primär religiös-theologisch, sondern kulturphilosophisch zu beantworten. Die zentrale These lautet: Der Ausweg aus der heutigen „Matrix“ führt nicht durch eine andere Politik, sondern durch eine Wiederentdeckung von Sinn, Idealismus, Kultur und einem bewussten Verhältnis zum Göttlichen.
1. Kritik an der Fixierung auf Politik
Der Autor sieht die moderne Gesellschaft zu stark auf Politik konzentriert. Auch politische Alternativen blieben letztlich innerhalb desselben politischen Systems. Deshalb bezweifelt er, daß ein Wechsel der Partei die grundlegenden gesellschaftlichen Probleme lösen könne.
Entscheidend sei vielmehr eine Veränderung der Menschen selbst: Wenn sich die Menschen nicht verändern, könne sich auch die Politik nicht grundlegend verändern. Die offene Frage lautet dabei: In welche Richtung sollen sich Menschen verändern?
2. Vom Idealismus zum Existentialismus/Nihilismus
Ein großer historischer Bruch wird um 1914 bzw. 1945 angesetzt. Der Autor beschreibt die ältere westliche Kultur als von einem idealistischen Weltbild geprägt: Das Leben habe einen höheren Sinn, Kunst und Kultur hätten einen besonderen Wert und Menschen hätten sich an höheren Zielen orientiert.
Nach den Erfahrungen der Weltkriege habe sich dagegen ein existentialistisches bzw. später nihilistisches Weltbild ausgebreitet, in dem der Sinn des Lebens zunehmend fraglich oder verneint werde. Der Autor sieht darin eine wesentliche Ursache der heutigen kulturellen Orientierungslosigkeit.
3. Was bedeutet „das Göttliche“?
Das Göttliche wird nicht eindeutig als der Gott einer bestimmten Religion definiert. Vielmehr verbindet der Autor damit:
- Sinn und einen höheren Lebenszweck
- Idealismus und geistige Orientierung
- Kunst, Philosophie und Wissenschaft
- eine „Bereitschaft der Seele“
- Unschuld und innere Tiefe
- die Fähigkeit, sich einer Sache zu widmen, die über das eigene individuelle Glück hinausgeht.
- Das Göttliche wäre damit etwas, das Menschen aus reinem Egoismus und bloßer Oberflächlichkeit herausführt.
4. „Aus der Matrix aussteigen“
Der Begriff „Matrix“ bezeichnet im Vortrag die kulturelle und geistige Ordnung der Gegenwart. Auffällig ist dabei die Umkehrung einer üblichen Vorstellung: Wer aus der Matrix aussteigen will, müsse nicht einfach das politische System wechseln*) oder an einen anderen Ort gehen.
Vielmehr müsse man die eigenen geistigen und kulturellen Voraussetzungen verändern. Dazu gehöre insbesondere, sich nicht mehr ausschließlich an Konsum, persönlichem Glück, Unterhaltung und politischer Auseinandersetzung zu orientieren.
5. Kultur als Gegenmittel
Eine wichtige Rolle spielt für den Autor die Kunst. Er beruft sich unter anderem auf Rilke und dessen Gedicht Der Schwan. Der Schwan wird zum Bild für den Menschen, der zunächst unbeholfen mit dem Göttlichen umgeht, weil ihm die entsprechende kulturelle und geistige Übung fehlt.
Kunstwerke könnten Menschen „umkrempeln“, ihnen eine andere innere Ausrichtung geben und ihnen wieder Zugang zu einer tieferen Dimension des Lebens ermöglichen.
6. Erziehung und Jugend
Der Autor sieht einen entscheidenden Ansatzpunkt bei jungen Menschen. Kinder hätten zunächst noch eine Art natürliche Unschuld und unmittelbaren Zugang zum Leben. Durch die moderne Kultur würden sie jedoch früh an die herrschenden gesellschaftlichen Rhythmen und Formen der Unterhaltung angepasst.
Besonders Musik und kulturelle Gewohnheiten spielen für ihn dabei eine Rolle. Wer wirklich aus der Matrix herauswolle, müsse deshalb auch die kulturellen Rhythmen verändern, in denen Menschen leben.
7. Die Bedeutung von Krieg und kulturellem Bruch
Der Autor verbindet den Verlust des Sinnbewusstseins stark mit den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Er beschreibt 1945 als einen tiefen kulturellen Bruch und meint, danach sei das Bewusstsein für den geistigen Gehalt der eigenen Kultur weitgehend verloren gegangen.
Als Gegenbild nennt er ältere Literatur und Kulturwerke, die trotz der Katastrophen des 20. Jahrhunderts nach Möglichkeiten suchten, ein guter Mensch zu bleiben und dem Leben weiterhin Sinn zu geben. Als Beispiel führt er einen Roman an, der ihn persönlich stark beeinflusst habe.
8. Kultur und nationale Identität
Ein weiterer, politisch besonders relevanter Teil des Vortrags beschäftigt sich mit der deutschen Kultur. Der Autor beklagt einen Verlust deutscher kultureller Identität und verbindet diesen mit demografischen und migrationsbezogenen Veränderungen.
Dabei argumentiert er, dass die entscheidende Frage nicht durch Grenzpolitik oder eine bestimmte Partei gelöst werde. Vielmehr müsse sich Deutschland auf den geistigen und kulturellen Gehalt seiner eigenen Tradition besinnen. Er überträgt dieses Prinzip auch auf andere Völker: Engländer sollten den inneren Gehalt der englischen Kultur bewahren, Franzosen den der französischen usw.
9. Die persönliche Konsequenz
Am Ende steht weniger ein konkretes politisches Programm als eine Aufforderung zur persönlichen und kulturellen Umorientierung:
Nicht noch mehr Politik, sondern die Wiederentdeckung von Sinn, Kultur, geistiger Tiefe und dem Göttlichen.
Der Einzelne soll sich fragen, welche Lebensentscheidungen ihn dem Göttlichen näherbringen oder davon entfernen. Oberflächlichkeit, bloßer Hedonismus und das „Mitmachen“ gesellschaftlicher Trends werden abgelehnt. Stattdessen soll man sich anspruchsvollen kulturellen und geistigen Inhalten aussetzen.
Kurzfassung in einem Satz
Der Vortrag vertritt die These, dass die gegenwärtige gesellschaftliche Krise nicht primär politisch gelöst werden kann, sondern eine geistig-kulturelle Erneuerung erfordert: Menschen sollen wieder Sinn, Idealismus, kulturelle Tiefe und eine Beziehung zum „Göttlichen“ entwickeln und dadurch unabhängiger von den kulturellen Zwängen der Gegenwart werden.
Ein auffälliger Punkt des Textes ist allerdings, dass „das Göttliche“ letztlich eher umschrieben als systematisch definiert wird: Der Begriff bleibt bewusst weit und umfasst Sinn, Kultur, Kunst, moralische Orientierung, Unschuld und Transzendenz zugleich.
Soweit das erste Video.
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Zusammenfassung: „Das Göttliche – Trauma, Sucht und Prägung“
Die Grundlage des zweiten Videos (Yt2026b) ist insbesondere ein Blogartikel, der schon im Mai diesen Jahres veröffentlicht worden war (1). Hier nun eine inhaltliche Zusammenfassung dieses Videos durch die KI:
Hier ist eine zusammenhängende Zusammenfassung des Transkripts. Ich gebe dabei die Gedankenführung des Vortrags wieder, ohne die darin enthaltenen psychologischen oder wissenschaftlichen Aussagen zusätzlich zu bewerten.
Der Vortrag setzt eine frühere Auseinandersetzung mit dem Thema „das Göttliche“ fort. Ausgangspunkt ist eine persönliche Entwicklung des Autors: Er habe sich früher intensiv mit Politik, Verschwörungstheorien und der Aufklärung über politische bzw. gesellschaftliche Verbrechen beschäftigt. Dabei sei ihm zunehmend die Erfahrung von Machtlosigkeit entstanden. Selbst wenn sehr viel Wissen über Mißstände vorhanden sei, führe dieses Wissen nicht automatisch zu Veränderungen. Daraus entwickelt er die Frage, was Menschen tatsächlich Kraft geben könne. Seine Antwort ist die Verbindung mit dem Göttlichen.
1. Trauma als Unterbrechung der Verbindung zum Göttlichen
Ein zentraler Bezugspunkt ist die Arbeit von Gopal Norbert Klein. Der Vortragende verbindet dessen Konzept der frühkindlichen Traumatisierung mit einer spirituellen Perspektive.
Für ihn entsteht durch eine gute frühe Beziehung zu den Eltern Urvertrauen. Dieses Urvertrauen wird als eine Art ursprüngliche Einbettung des Menschen in das Göttliche verstanden. Fehlt es aufgrund früher Traumatisierung, entsteht dagegen eine „Wand“ zwischen dem Menschen und dem Göttlichen. Die Traumatisierung wirkt damit nicht nur psychologisch, sondern auch als Störung der spirituellen Beziehung.
Der Vortragende geht noch weiter und vertritt die These, daß die Verbindung zum Göttlichen auch für Traumaheilung entscheidend sei. Er vermutet, daß frühere Kulturen trotz erheblicher traumatischer Erfahrungen besser mit diesen umgehen konnten, weil ihre Verbindung zum Göttlichen stärker gewesen sei.
2. Prägung und erste Erfahrungen
Neben Trauma sieht der Vortragende einen zweiten Mechanismus: Prägung.
Er erläutert zunächst den Begriff anhand von Konrad Lorenz und der Nachfolgeprägung bei Gänseküken. Davon ausgehend unterscheidet er frühe, besonders dauerhafte Lernprozesse von späterem, stärker durch Belohnung und Konditionierung geprägtem Lernen.
Eine besondere Bedeutung schreibt er den ersten sexuellen Erfahrungen zu. Diese könnten seiner Auffassung nach die spätere Sexualität stark prägen. Ein positives und als wertvoll empfundenes erstes Erlebnis könne einen günstigen Einfluß auf das weitere Leben haben; ein negatives oder vom Göttlichen entferntes Erlebnis könne dagegen einen langfristigen „Schatten“ erzeugen.
Der Vortragende verbindet dies mit einer allgemeinen Kulturkritik: Frühzeitige Sexualisierung, Party- und Alkoholkultur sowie eine Orientierung an möglichst vielen Erlebnissen könnten seiner Ansicht nach Prägungen erzeugen, die später das Verhältnis zu Liebe, Sexualität und zum Göttlichen erschweren.
3. Sucht, Liebe und Bedürftigkeit
Das dritte große Thema ist Sucht. Der Vortragende versteht Sucht nicht ausschließlich als Abhängigkeit von bestimmten Substanzen oder Verhaltensweisen. Auch Liebe, Gewohnheiten und Bedürfnisbefriedigung können seiner Darstellung nach suchtförmige Eigenschaften annehmen.
Wenn eine erfüllende Form von Liebe fehlt, könnten Ersatzsüchte entstehen. Entscheidend sei deshalb, welches System im Menschen die Oberhand gewinnt: das Streben nach unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung oder eine Orientierung am Göttlichen.
Dabei unterscheidet er zwischen guten und schlechten Gewohnheiten, Süchten und Prägungen. Nicht jede Gewohnheit sei eine Sucht; zwischen beiden gebe es jedoch Übergangsbereiche.
4. Das „Streß- und Bedürftigkeitssystem“
Der wichtigste konzeptionelle Schritt des Vortrags ist die Unterscheidung zwischen einem Streß-/Bedürftigkeitssystem und einer anderen, zunächst verborgenen seelischen Instanz.
Beim traumatisierten Menschen könne das Streßsystem dauerhaft aktiviert sein. Bei süchtigen Menschen trete entsprechend das Suchtsystem in den Vordergrund. Der Vortragende faßt beides zu einem System zusammen, das durch Bedürfnisse, Streß und Bedürfnisbefriedigung bestimmt wird.
Dieses System könne so dominant werden, daß andere Dimensionen des Seelenlebens kaum noch wahrgenommen würden. Der Mensch befinde sich dann gewissermaßen in einer „Traumwelt“, in der er äußere Situationen ständig als Bedrohung interpretiert.
Hier greift der Vortragende erneut auf Gopal Norbert Klein zurück. Dessen Ansatz versteht er so, daß traumatisierte Menschen gegenwärtige Situationen aufgrund ihrer inneren Projektionen als bedrohlich erleben. Das Streßsystem benötigt gewissermaßen ständig neue „Nahrung“ und der Kopf produziert Erklärungen dafür, warum eine Gefahr vorhanden sei.
5. Die gesellschaftliche Ebene
Der Vortrag überträgt dieses Modell anschließend auf die Gesellschaft. Auch gesellschaftliches und politisches Leben werde häufig von Bedürftigkeiten und Streß bestimmt: Wer bekommt was? Geht es uns gut oder schlecht? Wo gibt es Krieg, Krise oder Terror?
Der Vortragende sieht darin eine gesellschaftliche Dominanz des Streßsystems. Ständiger Streß verhindere seiner Auffassung nach, daß Menschen das Göttliche wahrnehmen können.
Hier verbindet sich seine frühere politische Beschäftigung mit seiner jetzigen spirituellen Perspektive: Er möchte nicht mehr hauptsächlich politische Mißstände analysieren, sondern fragt, was Menschen innerlich so verändert, daß sie sich überhaupt von solchen Zuständen lösen können.
6. Das zentrale Bild: Keller, Tür und Garten
Der persönlichste und zugleich wichtigste Teil des Vortrags ist das Bild eines Kellers mit einer verschlossenen Tür zu einem verwilderten Garten.
Der Keller steht für einen seelischen Zustand, in dem man jahrzehntelang nur auf der Ebene von Streß, Bedürfnissen und Reaktionen gelebt hat. Die Tür zum Garten wird dagegen zu einem Bild für einen bis dahin völlig unbeachteten Bereich der eigenen Seele – für eine Ressource, die zwar vorhanden ist, aber außerhalb des bisherigen Aufmerksamkeitsfeldes liegt.
In diesem Keller entdeckt der Vortragende außerdem das Bild einer Leiche. Sie symbolisiert für ihn etwas Abgestorbenes bzw. lange Nichtbeachtetes im eigenen Inneren. Das Bild sei zugleich unheimlich, weil mit dem Öffnen der Tür etwas zum Vorschein komme, das jahrzehntelang verdrängt oder unbeachtet gewesen sei.
Der entscheidende Gedanke lautet:
Die Tür selbst ist die Ressource.
Es geht also nicht zunächst darum, bereits über fertige psychische Kräfte zu verfügen. Entscheidend ist zunächst, überhaupt wahrzunehmen, daß es diesen anderen Bereich gibt und Zugang zu ihm zu gewinnen.
7. „Bei sich selbst ankommen“
Aus dieser Entdeckung entwickelt der Vortragende eine persönliche Konsequenz: Er möchte sich nicht mehr ausschließlich an den eigenen Bedürfnissen oder den Bedürfnissen anderer orientieren, sondern „bei sich selbst ankommen“.
Damit verbindet er das Göttliche mit Selbstfreundschaft, Wahrheit und innerer Aufmerksamkeit. Ein Mensch soll sich selbst gewissermaßen „der beste Freund“ werden. Dazu gehören für ihn Nähe zum Göttlichen, Offenheit für Wahrheit und die Fähigkeit, nicht ständig in Bedürftigkeits- und Reaktionsmustern gefangen zu sein.
Das Öffnen der Tür geschieht nach seiner Darstellung nicht plötzlich. Es könne Wochen oder Monate dauern, sich an den neuen inneren Zustand zu gewöhnen. Auch der Garten sei zunächst nicht schön und verwildert. Entscheidend sei zunächst, daß überhaupt Licht und frische Luft hineinkommen.
8. Der persönliche Schluß
Am Ende beschreibt der Vortragende diese Entwicklung als ein Gefühl, „bei sich selber zu Hause“ zu sein. Daraus könnten sich neue Möglichkeiten entwickeln, die vorher nicht sichtbar waren.
Auch seinen YouTube-Kanal versteht er in diesem Zusammenhang teilweise als eine Form von Selbsttherapie: Das Sprechen über die eigenen Erfahrungen helfe ihm selbst, unabhängig davon, wie viele Menschen tatsächlich zuhören. Er überträgt diese Idee sogar allgemein: Menschen könnten davon profitieren, ihre eigenen Erfahrungen auszusprechen und dadurch mit sich selbst ins Gespräch zu kommen.
Der letzte programmatische Schritt ist die Abkehr von der politischen Fixierung: Statt ständig über Politik zu sprechen, möchte der Vortragende bewußt über das Göttliche sprechen, weil er darin die grundsätzlichere Frage sieht.
Die Argumentationsstruktur in Kurzform
Politische Aufklärung → Erfahrung von Machtlosigkeit → Suche nach einer tieferen Kraft → das Göttliche
und auf der psychologischen Ebene:
Trauma / Sucht / Prägung → Dominanz von Streß und Bedürftigkeit → eingeschränkte Aufmerksamkeit → Verlust des Zugangs zu wertvollen inneren Bereichen → Entdeckung einer „Tür“ → Zugang zum eigenen Inneren → Selbstfreundschaft / Wahrheit → erneuerte Beziehung zum Göttlichen.
Der eigentliche Erkenntnisschritt des Vortrags besteht somit darin, daß nicht nur Trauma oder Sucht das Problem sind, sondern auch die Aufmerksamkeit selbst: Ein Teil der eigenen seelischen Wirklichkeit kann jahrzehntelang außerhalb des „Lichtkegels“ der Aufmerksamkeit liegen. Die Heilung besteht deshalb nicht allein darin, traumatische Inhalte zu analysieren, sondern darin, überhaupt einen Zugang zu dem bislang unbeachteten inneren Bereich zu finden. Genau hier sieht der Vortragende die Verbindung zwischen Aufmerksamkeit, Selbstsein und dem Göttlichen.
Wichtig: Das ist eine Zusammenfassung der im Transkript vertretenen Gedanken. Insbesondere Aussagen über Trauma, Prägung, Sexualität, Sucht, „Streßsystem“ und die heilende Funktion des Göttlichen werden hier als Positionen des Vortragenden wiedergegeben, nicht als wissenschaftlich überprüfte Tatsachen.
Soweit die KI. Ich mag die KI. ;-)
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*) Das klingt hier so, als gäbe es meinerseits doch eine - nicht ausgesprochenermaßen - Tendenz, mir ein anderes politisches System zu wünschen. Nun gut, der schwammige Begriff "System" kann sehr viel heißen. Deshalb hier soviel zur Klarstellung: Wenn mit "System" eine im Grundgesetz nicht vorgesehene Herrschaft von Hintergrundmächten gemeint ist (nennen wir sie einmal ganz allgemein "Epstein-Strukturen", "Epstein-System"), dann ist ein solches "System" natürlich sehr dringend zu "wechseln", damit die verfassungsmäßige Ordnung, also die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die in unserem Grundgesetz vorgesehen ist, endlich - vermutlich zum ersten mal - tatsächlich verwirklicht wird. Es geht also darum, Verfassungstheorie und Verfassungswirklichkeit in Einklang miteinander zu bringen und sie aus dem lächerlich krassen Widerspruch heraus zu holen, in dem sie aktuell zueinander stehen. Es geht also um eine erstmalige Verwirklichung, nicht um Abschaffung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. "Systemwechsel" ist deshalb ein irreführender Begriff, da er leicht mit Verfassungsfeindlichkeit statt Verfassungstreue assoziiert wird. Bekanntlich brauchen Hintergrundmächte "Verfassungsfeinde", damit sie sich selbst als "die Guten" darstellen können.
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- Bading, Ingo: Gopal Norbert Klein - - - und das von der Aufmerksamkeit völlig Unbelichtete - Gopal Norbert Klein: Was wir von ihm lernen und was uns bei ihm (noch) fehlt. 14. Mai 2026 (Stg2026)
Ein wenig Kunst
Thema: Potiphar's Weib
Notwendiger denn je ist heute das eine: Den vielfältigsten Versuchungen und Verführungen unseres Zeitalters zu widerstehen.
Aber wie widersteht man denn eigentlich Versuchungen und Verführungen?
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| Abb. 1: Joseph und Potiphar's Weib - Gemälde von Cornelis Bisschop (1630-1674) (Ausschnitt) |
Womöglich kann uns die Kunstgeschichte dazu einige Hinweise geben.
Da gibt es doch diese alttestamentarische Geschichte rund um Joseph und "das Weib des Potiphar" (Wiki). Joseph ist als Sklave des Potiphar tätig. Während der Abwesenheit des Potiphar will ihn dessen Weib verführen. Er aber entzieht sich der Verführung. Dabei entreißt sie ihm Teile seiner Kleidung.
Als Potiphar zurückkehrt, verklagt seine verschmähte Frau Joseph bei ihrem Ehemann, daß er sie vergewaltigt habe und zeigt als Zeugnis dafür die ihm entrissene Kleidung.
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| Abb. 2: Joseph und Potiphar's Weib - Gemälde von Antonio Mara Esquivel (1806-1857) (Wiki) |
Es ist ja selten genug in der Geschichte so gewesen, daß Männer weiblichen Verführungen hatten standhalten können. Kein Wunder, daß auch dieses "seltene" Thema Künstler immer einmal wieder zur Darstellung gereizt hat.
Und zwar spätestens seit dem Spätmittelalter (WikiC) und auch sogar von Buchminiaturen (WikiC).
Im vorliegenden Beitrag soll deshalb einmal eine kleine Auswahl davon zusammen gestellt werden.
Eine wie wir finden besonders gelungene psychologische Deutung hat der niederländische Maler Cornelis Bisschop (1630-1674) vorgelegt. Er trifft einerseits die Abneigung, den Abscheu des Joseph recht markant. Andererseits kommt auch die freundliche, zugewandte, fast liebevolle Verführung durch das Weib des Potiphar zu gelungener Darstellung (Abb. 1).
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| Abb. 3: Joseph und Potiphar's Weib - Gemälde von Antonio Mara Esquivel (1806-1857) |
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat der spanische Maler Esquivel gleich zwei recht passable Darstellungen zu diesem Thema geschaffen (Abb. 2 und 3).
Im ersten dieser beiden Gemälde scheint das Weib alles auf seine Nacktheit zu legen und glaubt, keiner weiteren Verführungs-"Künste" zu bedürfen. Joseph schaut deshalb auf diesen Versuch auch eher mit Verwunderung als daß er Willensstärke bräuchte. Er scheint nicht wirklich in Gefahr zu sein. So auch im zweiten Gemälde.
Hier kommt Potiphar's Weib mit ihren Verführungskünsten als ein wenig unbeholfen und schlicht zur Darstellung.
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| Abb. 4: Joseph und Potiphar's Weib - Gemälde von Jean-Baptiste Nattier (1678-1726, Paris) (Wiki) |
Der französische Maler Nattier hat schon einhundert Jahre zuvor ein hinreißendes, verführerisches blondes Weib gemalt. Seine Erregung ist schon am geröteten Gesicht erkennbar.
Dieses Weib macht sicherlich alles richtig, soweit es um Verführungskünste geht.
Um so "naiver" und zugleich willensstärker und entschiedener muß sich der Joseph dieses Gemäldes von ihr abwenden.
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| Abb. 5: Joseph und Potiphar's Weib - Zeichnung von Rembrandt (1606-1669) |
Beim großen Rembrandt van Rijn (1606-1669) ist das Weib des Potiphar lüsterner, es wirkt direkter und verworfener als bei fast allen anderen Darstellungen zu diesem Thema (Abb. 5).
Schamlos rückt der Künstler ihre lüsterne, dunstige Scham ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Auf diese scheint ihm in dieser Darstellung alles anzukommen.
Aber auch hier scheint das Weib in seiner Vorgehensweise als gar zu plump dargestellt. Und dennoch scheint es dem Joseph nur mit Mühe zu gelingen, sich außer Reichweite dieser schwülen, schwülstigen Szene zu bringen.
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| Abb. 6: Potiphar's Weib und Joseph - Miniatur aus der Furtmeyr-Bibel, Regensburg, Ende 15. Jhdt. (Wiki) |
Auch eine spätmittelalterliche Miniatur des Regensburger Buch-Illustrators Berthold Furtmeyr (vor 1470 bis nach 1501) (Wiki) findet sich zu diesem Thema. Tatsächlich ist dieses Weib des Potiphar schon die Königin selbst, die den Reiz ihres Körpers, sowie ihre Königskrone unverfroren ausspielt. Weit wallen ihre langen blonden Haare über ihren Rücken hinunter.
Mit überlegenen Mienen schaut sie auf den Potiphar. Sie ist sich ihres Sieges gewiß.
Der hier ebenfalls blond dargestellte Joseph scheint geradezu fröhlich zu sein über diesen Versuch. Zugleich aber weiß er auch um die Gefahr. Er bleibt bei sich und bei Sinnen. Ihm fällt es nicht schwer, die Situation zu meistern. Zu diesem Berthold Furtmeyr sei übrigens noch zitiert (Bav):
Noch heute beeindruckt seine Malerei durch virtuose Farbigkeit, fantasievolle Ornamentik und erzählerischen Reichtum. Besonders feinfühlig gestalten sich seine Menschendarstellungen.
Diese Worte sehen wir anhand dieser Miniatur voll bestätigt.
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| Abb. 7: Potiphars Weib und Joseph - Gemälde des Franzosen Auguste Toulmouche (1829-1890) |
Auch der Franzose Auguste Toulmouche (1829-1890) malt ein hinreißend schönes Weib.
Sein Joseph muß sich vor ihren Sirenen-Klängen die Ohren verschließen. Er ist so fürchterlich abgewandt, daß wir keine Gelegenheit haben, in seinem vermutlich entsetzten Mienenspiel zu lesen.
Auch in den Mienen des Weibes liegt schon dreierlei, einerseits ihre Siegesgewissenheit, andererseits die Vergeblichkeit ihres Mühens und zum dritten sogar schon ihre Rachegelüst.
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| Abb. 8: Bartolome Murillo - Joseph und Potiphars Weib |
Eine lebendige Darstellung zu diesem Thema hat auch der spanische Maler Barolome Murillo (1618-1682) (Wiki) gegeben (Abb. 8).
Auch der Maler Lovis Corinth hat sich dieses Themas angenommen - übrigens. Er hat dies aber so außerordentlich unbeschwert getan, daß es uns nicht lohnend erscheint, ihn in unsere Sammlung mit aufzunehmen. Das von ihm dargestellte Weib ist voll Fröhlichkeit. Nirgendwo ist erkennbar oder auch nur erahnbar, daß dieses Weib als Verschmähte und Zurückgestoßene den Joseph später verklagen wird. Wozu dann dieser Darstellung den Titel "Weib des Potiphar" geben?
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| Abb. 9: Joseph und Potiphar's Weib - Gemälde von Cornelis Bisschop (1630-1674) |
Abschließend sei das eingangs nur in einem Ausschnitt eingestellte Gemälde von Cornelis Bisschop noch ganz eingestellt (Abb. 9). Die Wirkung ist grandios, wenn es auch als Ganzes betrachtet wird, wohl vor allem infolge der Farbgebung.
Insgesamt: Eine solche Vielfalt an Möglichkeiten der Versuchung. Und eine solche Vielfalt an Möglichkeiten, der Versuchung zu widerstehen!
Wohlan, Mensch, mach dich auf den Weg in dieses dein Zeitalter.
"Das unerreichbare Herz" (II)
Ende März 1941: Deutsche Gebirgsjäger-Divisionen aus dem Salzburger Land und aus anderen Teilen Österreichs und Deutschlands marschieren durch Bulgarien.
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| Abb. 1: Angehörige des Gebirgsjäger-Regiments 141 im Rahmen der 6. Gebirgsdivision im Anmarsch auf das Belasiza-Gebirge in Südbulgarien, Anfang April 1941 (FdW) |
Was zum Teufel bringt denn deutsche Gebirgsjäger dazu, durch Bulgarien zu marschieren? Nun, es war Krieg. Deutschland war mit Italien verbündet. England hatte ein Friedensangebot Deutschlands abgelehnt. In Deutschland wurde der Krieg gegen die Sowjetunion vorbereitet, wie sich umgekehrt die Sowjetunion zum Krieg gegen Deutschland vorbereitete. England landete Truppen in Griechenland (9, S. 46f):
... Unterdessen war der verhängnisvolle Verbündete Italien in arge Bedrängnis geraten. Mussolini hatte, ohne Hitler vorher zu informieren, seine Truppen am 26. Oktober 1940 von Albanien aus Griechenland angreifen lassen. Die Engländer benutzten diese Aggression, landeten am 3. November 1940 ein Expeditionskorps in Griechenland und besetzten Kreta.In Nordafrika überrannten die Engländer am 9. Dezember 1940 die Italiener und trieben sie tief nach Libyen hinein. Die Griechen, ihrerseits den Italienern waffen- und munitionsmäßig weit unterlegen, schlugen die Eindringlinge machtvoll zurück und verfolgten sie bis tief nach Albanien. Nun sank der italienische Größenwahn und Mussolini, dessen Ansehen in Italien infolge dieser schweren Rückschläge bedenklich gelitten hatte, rief um Hilfe. Hitler blieb nichts anderes übrig, als dem Bundesgenossen, der dem Ansehen der Achse schwersten Schaden zugefügt hatte, zu Hilfe zu kommen. (...)Im weiteren Verlauf des deutschen Schicksalskampfes sollte sich diese notwendige Hilfsaktion aber für den Kampf im Osten kriegsentscheidend auswirken. Die verlorene Zeit des Einsatzes auf dem Balkan konnte einfach nicht mehr eingeholt werden. Noch dazu, weil der unerwartet früh hereinbrechende Winter Stalin zu Hilfe kam. Von all dem wußten die Jäger der 6. Gebirgsdivision nichts.
Das heißt: Die "notwendig" gewordene Niederwerfung Griechenlands und Jugoslawiens ab 6. April 1941 verschob den Angriff auf die Sowjetunion, die ihrerseits ihren Angriff auf Europa vorbereitete, um entscheidende Wochen und Monate, nämlich schließlich auf den 22. Juni 1941.
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| Abb. 2: Am Kalabak im Belasiza-Gebirge (FdW) mit Blick Richtung Struma-Tal - Der Kalabak ist der höchste Berg des Belsica-Gebirges mit 2029 Metern (sein Name lautet heute "Radomir") |
Dabei sind die Deutschen dem geplanten sowjetischen Angriff nur um vierzehn Tage zuvor gekommen. - Aber zurück zum dem Marsch der Gebirgsjäger durch das gottverlassene Bulgarien (9, S. 47):
Vom 12. bis 29. Februar 1941 rollte die 6. Gebirgsdivision in 79 Eisenbahnzügen über Ungarn nach Rumänien. (...) Am 2. März 1941 brachen die Regimenter auf, setzten (...) über die Donau nach Bulgarien. Dann folgten zwölf Marschtage, in denen die 6. Gebirgsdivision Bulgarien auf 430 Kilometer Länge von Norden nach Süden durchquerte, um bei Petritsch in Bereitstellung zu gehen. Vor den Gebirgsjägern ragten nun bis zu 2000 Meter die Höhen des Belasica-Gebirges auf, der Sperriegel nach Griechenland. In der Nacht vom 4. auf den 5. April 1941 begann für die 12.000 Jäger ein mühsamer Aufstieg. Erst nach 24 Stunden konnten sie die Ausgangsstellung knapp unter der Kammlinie besetzen.
Die Grenze Bulgariens mit Griechenland verläuft entlang dieses Hauptkammes des Belasiza-Gebirges (Wiki) (damals von den Deutschen "Belsica-Gebirge" geschrieben).
Einer der hier genannten 12.000 Gebirgsjäger der 6. Gebirgsdivision war der 29-jährige Oberjäger Ingo Ruetz (1912-1941) (FdW, RiP), im Zivilberuf Lehrer aus Werfenweng im Salzburger Land, kurz zuvor noch Seminar- und Schulungsleiter auf der Burg Hohenwerfen (1-3) (Abb. 9, 19).
Was sich Soldaten wie er wohl dabei gedacht haben, daß sie erst durch Rumänien transportiert wurden, dann durch dieses gottverlassene Bulgarien marschieren sollten, um Krieg zu führen mit Griechenland?
Im "Aufruf des Führers an die Soldaten der Südfront" vom 6. April 1941 wurden dann zwar viele Worte gemacht. Vor allem von dem "Herrn Churchill", der Polen, Frankreich, Norwegen, Griechenland und Jugoslawien benutzen würde, um mit diesen Krieg gegen Deutschland und Italien zu führen (10, S. 33).
Wer aber selbständig nachdachte, dem war doch mehr oder weniger klar, daß da nicht alles gesagt worden sein konnte, was über dieses sonderbare Geschehen hätte gesagt werden können. Warum blieb England im Krieg, obwohl es doch - offiziell - überhaupt keine machtvollen Bündnispartner auf dem Festland in Europa hatte? Insgesamt wird es den Nachdenklicheren unter ihnen doch unverständlich geblieben sein, was für feine Dinge sich die Diplomaten da scheinbar auf politischer Ebene so ausgedacht hatten. Und ob die deutsche Reichsregierung diesem feingesponnenen Spiel der Diplomaten wirklich gewachsen war. Jedenfalls sollten die Landser nun um dieses feingesponnenen diplomatischen Spieles wieder einmal ihre Haut zu Markte tragen.
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| Abb. 4: Gebirgsjäger des Gebirgsjäger-Regiments 141 auf dem Berg Kalabak (Radomir) im Belsica-Gebirge (FdW) |
Und dann war auch noch - auf rein militärischer Ebene - die griechische Metaxas-Linie völlig von der deutschen militärischen Führung unterschätzt worden. Denn sie war besser und stärker ausgebaut als die einstmals so gefürchtete Maginot-Linie in Frankreich. Ein griechischer Historiker schreibt (4):
Die Deutschen hatten nur lückenhafte Informationen über die Verteidigungsanlagen, die in völliger Geheimhaltung und von den Bulgaren unbemerkt errichtet worden waren. Die Wehrmacht hatte nicht mit nennenswertem griechischen Widerstand gerechnet und konnte sich zudem auch nicht vorstellen, daß die Stellungen schwerem Bombardement standhalten würden, wie es bei den Anlagen im Belasiza-Gebirge bis zum Nestos-Fluß der Fall war. So wurden die Angreifer am ersten Tag des deutschen Angriffs trotz überlegener Feuerkraft und Luftunterstützung zurückgeschlagen, zum Teil mit größeren Verlusten.
Diese Worte gelten für die am Rupel-Paß angreifende 5. Gebirgsdivision. Sie gelten nicht für die im Belasiza-Gebirge angreifende 6. Gebirgsdivision.*)
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| Abb. 5: Gebirgsjäger des Gebirgsjäger-Regimentes 141 mit Maschinengewehr 34 auf dem Berg Kalabak (Radomir) im Belsica-Gebirge (FdW) |
Allerdings wurden bei letzterer die gleichen folgenden Erfahrungen gemacht (4):
Aus einem Fernschreiben der 12. Armee vom 7. April 1941 geht hervor, daß die Wehrmacht erkannt hatte: a) daß die griechischen Verteidigungsstellungen unvergleichlich stärker sind als erwartet und b) daß die Verteidiger zum Sterben entschlossen sind - denn wo immer es den deutschen Kräften gelang, die Oberhand zu gewinnen, trafen sie auf der Gegenseite nur auf Tote. Am 8. April 1941 hielt Joseph Goebbels in seinem Tagebuch den schwierigen Vormarsch der Wehrmachtstruppen auf griechischem Boden fest und würdigte die Griechen als tapfere Kämpfer. Er erwähnt sogar, daß auch der „Führer“ die Tapferkeit der Griechen bewundere, die vielleicht noch etwas von den alten Griechen in sich trugen (Goebbels, 1992, 8. April 1941). Am selben Tag meldete die 12. Armee, daß die griechischen Kräfte anscheinend nicht die Absicht hätten, sich zu ergeben. Trotz des heldenhaften Widerstands der Verteidiger und der Tatsache, daß die Festungen aufgrund ihrer Konstruktion und der Selbstaufopferung der griechischen Soldaten den heftigen Angriffen weitgehend standhielten, dauerte die Schlacht nur vier Tage, da der deutsche Angriff über jugoslawischem Gebiet die Verteidigungsstellungen einkreiste und so den griechischen Truppen in den Rücken zu fallen drohte. Am 9. April 1941 wurde die Kapitulation unterzeichnet (Buchner, 1957, 118 ff.). Nachdem Thessaloniki erobert worden war, stießen die deutschen Einheiten zügig nach Süden vor und nahmen am 27. April Athen ein. Parallel dazu wurden bis Anfang Mai 1941 die wichtigsten ägäischen und Ionischen Inseln besetzt und die Vorbereitungen zur Einnahme Kretas liefen an.
Auch bei der Einnahme Kretas sollten dann wieder deutsche Gebirgsjäger zum Einsatz kommen.
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| Abb. 6: Dojransee im Westen, Struma-Paß im Osten, dazwischen das Belasiza-Gebirge und alles befestigt durch die Metaxas-Linie - Angriffsraum der 6. und der 5. Gebirgsjäger-Divisionen am 6. April 1941 (GMaps) (Weg zwischen Marino Pole und Dojransee über Ano Poroia) |
Der griechische Historiker kennt auch weitere Einzelheiten über dieses "Unternehmens Marita" (4):
Die Operation in Griechenland wurde von der 12. deutschen Armee unter Generalfeldmarschall Wilhelm List durchgeführt. Die deutsche Invasion begann am 6. April 1941, durchgeführt von Einheiten des XVIII. Gebirgs-Korps, das in der Gegend von Petritsi eingesetzt wurde sowie des XXX. Armeekorps, das nördlich von Xanthi lag. Das 18. Korps bestand aus der 2. Panzer-Division, der 5. und 6. Gebirgs-Division im Belesiza-Gebirge, dem 125. Grenz-Infanterie-Regiment am Rupel-Paß und der 72. Infanterie-Division auf der Hochebene von Kato Nevrokopi. (...) Bis zum Ende des Unternehmens verfügten die deutschen Einheiten über etwa 180.000 Mann, mehr als 500 Panzer und 1000 Flugzeuge, während alle Pionier-, Artillerie-, Flak- und sonstigen Mittel der 12. Armee beim Griechenlandfeldzug eingesetzt wurden (Buchner, 1957, 18 ff.). Es ist klar, daß die deutschen Streitkräfte unvergleichlich besser ausgerüstet waren als die griechischen, denen es an Panzern und essentieller Luftunterstützung fehlte. Fast alle griechischen Kräfte waren an der albanischen Front in den noch andauernden Kämpfen gegen die Italiener gebunden; so oblag es der Metaxas-Linie, die Last des deutschen Angriffs abzufangen. Die Sperranlagen verfügten über ausreichenden Vorrat an Munition, Wasser und Nahrung, um ohne Nachschub mehrere Tage auskommen zu können. Ziel war es, die Wehrmacht aufzuhalten, bis weitere griechische Divisionen und die Alliierten eingreifen konnten. Dies sollte jedoch nicht geschehen.
Der Krieg sollte innerhalb einer Woche entschieden sein. Aber in vielen Bereichen hielt die Metaxas-Linie bis zum Waffenstillstand.
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| Abb. 7: Auszug aus dem Gefechtsbericht des Gebirgsjäger-Regiments 141 zum 6. April 1941 |
Das Gebirgsjäger-Regiment 141 griff - im Rahmen der 6. Gebirgsjäger-Division unter General von Schörner - in der Gegend nördlich der griechischen Ortschaft Ano Poroia an. Die griechischen Soldaten, die in dieser Region die Metaxas-Linie verteidigten, stammten fast alle selbst aus dieser Ortschaft zwischen den Verteidigungsanlagen. Ein Fliegeroffizier namens Deichmann war im Stab der angreifenden deutschen Schlachtflieger-Verbände tätig und schrieb in sein Tagebuch, daß die Bombardements kaum Wirkung zeigten (LdW):
Mit Hellwerden beginnt das Artillerie-Feuer, dann kommen die Bomben-Einsätze. Einige Bomben gehen auch in die Bereitstellungen der 5. Gebirgs-Division - 1 He 123 stürzt in eine Flak-Stellung. Die Infanterie geht dann vor. Erst ist nur geringer Widerstand, der sich dann an den Bergbefestigungen als so stark zeigt, daß die 5. Gebirgs-Division nicht weiter vorkommt. Die Stukas werfen schlecht. Die Bergbunker sind schwer zu treffende Ziele. Die Infanterie an der Straße bleibt liegen. Artillerie, selbst die in vorderster Linie vorgezogenen 2-cm Flak, noch die Bomben machen den Gegner nicht weich. Er schießt eisern mit Artillerie und MG-Garben, so daß unsere Infanterie große Verluste hat. Immer wieder angesetzte Bombenangriffe bleiben erfolglos. Der Angriff auf die Rupel-Paßenge ist fehlgeschlagen. Der Grieche zeigt sich als der bisher zäheste Gegner. Er verfügt hier auch über durch Bomben zu schwer erreichbare Befestigungen in den Bergmassiven.Nur der 6. Gebirgs-Division gelingt überraschend der Grenzübergang. Bis zum Abend kommt sie bis ostwärts Doriansee. Dort muß sie auch schwere Gegenangriffe durchstehen. Unsere Fliegerverbände unterstützen sie laufend.
Über das Geschehen am Rupel-Paß und rund um das Struma-Tal im Bereich 5. Gebirgs-Division wird auf Wikipedia viel detaillierter berichtet als über das Geschehen im Belasiza-Gebirge im Bereich der 6. Gebirgs-Division.*) Zur Lage des erwähnten Dojransees siehe Abbildung 6.
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| Abb. 8: Blick vom Belasiza-Gebirgskamm oberhalb von Ano Poroia nach Süden auf die Ebene (GMaps), links der Kerkini-See (Wiki) |
An ihr wird erkennbar, daß die 6. Gebirgsdivision - zumindest an ihrem rechten Flügen - an diesem ersten Angriffstag viel schneller und zügiger voran kam als die 5. Gebirgsdivision. Die Menschenverluste waren aber trotzdem ähnlich.
Viele Bunker der Metaxas-Linie, die als Maschinengewehr-Stände angelegt waren, sind noch heute erhalten. An einem derselben nördlich von Ano Poroia befindet sich heute eine Gedenkstätte für den dort gefallenen griechischen Verteidiger Dimitrios Itsios (Wiki) (GMaps). Er gilt als Nationalheld und bezeugt erneut, daß die griechischen Soldaten zum Sterben bereit waren. Er stammte - zusammen mit fast allen seinen Kameraden - direkt aus dem Dorf Ano Poroia unterhalb der von ihm verteidigten Stellung. Auch viele seiner Kameraden sind in dieser Region gefallen und stammten aus demselben Dorf.
Auf Google Maps finden sich zu dieser Gedenkstätte viele Fotografien und Kurzvideos eingestellt, über die man sich einen Eindruck von den dortigen landschaftlichen Verhältnissen machen kann (GMaps). Aber die dortigen Abhänge des Belasiza-Gebirges waren im April 1941 keineswegs so dicht bewachsen wie heute, sondern sie boten den Verteidigern ein freies Schußfeld. Und dieses freie Schußfeld verursachte viele Verluste bei den deutschen Angreifern.
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| Abb. 9: Ingo Ruetz, gefallen am 6. April 1941 beim Angriff auf dem Südhang des Belasiza-Gebirges oberhalb von Ano Poroia |
Wir lesen im Gefechtsbericht des Gebirgsjäger-Regiments 141 zum 6. April 1941 (s. Abb. 7):
Das II./141 erhielt sofort nach Angriffsbeginn gut liegendes und zum Teil flankierendes Feuer, es wurde in einen schwierigen Graben- und Bunkerkampf verwickelt. Langsam wurde Boden gewonnen. Hier sowie auch bei den anderen Bataillonen waren ganz besonders unangenehm die feindlichen Scharfschützen, durch sie entstanden die meisten Verluste. Gegen 6:20 fiel unmittelbar am Grenzkamm der Kommandeur des Geb.Jäg.Rgt. 141 Oberstleutnant Ebeling durch Kopfschuß.
Beziehungsweise (9, S. 47):
Der Kommandeur des 141. Gebirgsjägerregiments, Oberst Ebeling, fiel neben General Schörner, der in vorderster Linie den Angriff beobachtete, mit Kopfschuß.
Angriffsbeginn war am 6. April um 5:20 Uhr. Um 5:30 Uhr ist der eingangs erwähnte Lehrer Ingo Ruetz (1912-1941) aus Werfenweng und Werfen schon gefallen (2). Noch 50 fünfzig weitere Kameraden seines Regiments sollten an diesem Tag fallen.
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| Abb. 10: Die Hänge oberhalb Ano Poroia und oberhalb des MG-Betonbunkers des Itsios (GMaps), unterhalb des Hauptkammes des Belasiza-Gebirges |
All diese deutschen Soldaten sind nach dem Ende der Kämpfe zunächst an Ort und Stelle begraben worden. Anhand der Bestattungsorte der Gefallenen ("Erstgrablagen") kann man sich im Grunde ein sehr detailliertes Bild vom Verlauf des Angriffs nördlich von Ano Poroia machen (Abb. 15).
Auf dem Gebirgskamm gab es ein bulgarisches Postenhaus mit der Nummer 20, direkt daneben auch ein griechisches Postenhaus (vielleicht in der Gegend, wo heute noch eine Hütte steht: GMaps). Westlich dieser Postenhäuser fielen unmittelbar auf dem Kamm vier Gebirgsjäger (Abb. 15). Entlang des Bergpfades Richtung "Griech. Grenzkaserne", bzw. "Militärbaracke" lagen fünf Gebirgsjäger bestattet. Die griechischen Betonbunker mit MG-Ständen sind offenbar unterhalb dieses Bergpfades und parallel zu diesem eingezeichnet. Auch in ihrer Nähe fielen - wohl erst in der Mittagszeit, im späteren Verlauf der Kämpfe um die Einnahme dieser Bunker - weitere fünf Gebirgsjäger.
Oberjäger Ruetz muß mit seinen Kameraden im Sturmlauf schon in den ersten zehn Minuten des Angriffs bis zur "Griechischen Grenzkaserne", bzw. zur "Militärbaracke" gekommen sein. Denkbar, daß diese ähnlich heftig verteidigt wurde wie griechischen MG-Stände in den Betonbunkern. In der Nähe derselben ist er dann gefallen - zusammen mit acht weiteren Kameraden (Abb. 15 und 11).
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| Abb. 11: Womöglich Überreste jener "Griech. Militärkaserne", bzw. "Militärbaracke" von 1941, in deren Nähe Ingo Ruetz gefallen ist (GMaps) |
Der Weg vom Gebirgskamm bis zum Bunker des Itsios beträgt 2,3 Kilometer (GMaps). Es stehe dahin, ob diese 2,3 Kilometer innerhalb von zehn Minuten hatten überwunden werden können. Deshalb wird der Angriff auf diese "Griech. Grenzkaserne" wohl eher direkt vom Gebirgskamm aus abwärts erfolgt sein.
Während Ingo Ruetz Oberjäger in der 11. Kompanie des Gebirgsjägerregiments 141 war, gehörten acht weitere in dieser Region gefallene Kameraden ebenfalls zur 11., sowie zur 12. und 13. Kompagnie. Zu mehreren Gefallenen der 11. und 13. Kompanie heißt es: "Erstgrablage: Kataltas, Südhang, nördlich Ano Poroia, Militärbaracke 3 Kilometer westlich bulgarischem Grenzposten 20 b. Kataporoiain." (FdW)
Wie die griechischen Soldaten auf der anderen Seite diese Kämpfe erlebt haben, erzählte noch in hohem Alter einer der überlebenden Maschinengewehr-Schützen in diesen Bunkern den griechischen Zeitungen (Sidirokastro2021):
Ich war am Rasenmähen! Weißt du, was ich mit Rasenmähen meine? Nein. Äh… hey… wo sind denn die jungen Männer?! Die sind den Hang runter gerannt, und ich war am Rasenmähen. Durch das ständige Maschinengewehrfeuer wurde der Lauf sehr heiß, und mit feuchten Handtüchern habe ich ihn raus genommen und den Ersatzlauf eingesetzt. Die deutschen Infanteristen hatten uns nicht bemerkt. Ich begann die Ernte erneut.
In einem neueren Video wird vor Ort noch einmal die Geschichte erzählt rund um Dimitrios Itsios und die drei Maschinengewehr-Bunker, die er befehligte und die mit anderen, noch weiter oben liegenden Maschinengewehr-Bunkern den Angreifern die Verluste zufügten (Yt2024) (ab Minute 36).
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| Abb. 12: Angehörige des Gebirgsjäger-Regiments 141 oberhalb von Ano Poroia (FdW) - Es geht offenbar um Aufbau einer Funkverbindung |
Dabei wird noch einmal die völlig unglaubhafte und inzwischen wohl überholte Legende wiederholt, nach der Itsios nach seiner Gefangennahme und nach einem Gespräch mit dem Divisionsgeneral von Schörner von den Deutschen auf Befehl Schörners hin erschossen worden wäre.
Es hätte nicht viel Mühe gekostet zu recherchieren, daß auf dem griechischen Wikipedia heute - unter Bezugnahme auf den schon zitierten - ausführlichen Augenzeugenbericht ausgeführt wird (Wiki):
Nach 2014, im Alter von 95 Jahren, präsentierte Itsios Kamerad und Dorfmitbewohner Ioannis Kozartsis eine andere Version seines Todes. Er behauptete, Itsios sei getötet worden, als er mit seiner Arabeske aus dem Bunker 8 heraus stürmte.
Mit "Arabeske" ist wohl eine Pistole vom Typ Walther Q5 gemeint (s. ForgottenWeapons).
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| Abb. 13: Gebirgsjäger neben der Leiche des gefallenen Itsios (Sidirokastro2021) |
Der Bunker des Itsios hielt sich noch bis zum frühen Nachmittag, während Teile der deutschen Truppen ihn schon längst umgangen hatten und ins Tal abgestiegen waren. Der einstige Mitkämpfer von Itsios, den wir schon zitierten, berichtete weiter (Sidirokastro2021):
Die Deutschen kamen immer näher, ohne daß einige von ihnen gesehen werden konnten, weil unser Maschinengewehr weder an den Seiten noch hinten ein Schießschartenloch hatte. Da näherte sich jemand von hinten - er war Grieche, ich weiß nicht, ob er auch Deutscher war - und sagte auf Griechisch zu uns: „Kinder, ergebt euch, die Deutschen werden euch nichts tun. Ergebt euch. Sie sind in die Ebene hinabgestiegen und marschieren auf Saloniki zu.“ Itsios wollte es nicht glauben und packte meine Arabeske, rannte schreiend hinaus, voller Patriotismus und Leidenschaft. Die Deutschen standen am und um das Maschinengewehr herum. „Peng…“ Ich öffne die Tür weiter und sehe ihn mit dem Gesicht nach unten liegen. Sein Helm ist abgefallen. Er war am Kopf getroffen worden. Ich gehe mit erhobenen Händen hinaus und laufe zu ihm. Er war über und über mit Blut bedeckt. (...) Ich drehte ihn so, daß er den Himmel „sehen“ konnte (...) ich wischte das Blut ab und deckte ihn mit seiner Decke zu. Die anderen kamen auch heraus. Die Deutschen näherten sich und unterhielten sich. Sie ließen uns in Ruhe.
Es gibt auch zwei Fotografien, die wohl unmittelbar nach dem Tod des Itsios entstanden sind (Abb. 12 und 13). Dieser überlebende Kriegskamerad des Itsios berichtete weiter über die deutschen Soldaten, von denen sie gefangen genommen worden waren (Sidirokastro2021):
Einer von ihnen bedeutete uns, zu gehen. Es war nach Mittag, und wir rannten in Richtung des Dorfes, da ringsum immer noch Zerstörungen stattfanden. (...) Wir kamen spät in Rodopolis an. Was für ein Anblick! Überall Deutsche, die auf dem Marsch nach Kilkis waren.
Rodpolis liegt 5 Kilometer südlich von Ano Poroia (GMaps). Die 6. Gebirgsdivision kam - wie oben schon erwähnt - noch am selben Tag bis östlich des Dojransees.
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| Abb. 14: Gebirgsjäger nach der Einnahme des von Itsios verteidigten Bunkers, im Vordergrund der gefallene Itsios (Sidirokastro2021) |
Zum folgenden 7. April 1941 schrieb der oben schon zitierte Fliegeroffizier Deichmann in sein Tagebuch (LdW):
Die 6. Gebirgs-Division hält zäh die erreichte Stellung, hat aber stark ausgebaute, gegnerische Stellungen vor sich. Um den Gegner zu schwächen, werfen wir direkt vor die 6. Gebirgs-Division feste Bomben. Die 5. Gebirgs-Division greift morgens sehr vorsichtig an und kommt nachmittags gegen Neon Petrich vor.
An dieser Stelle soll der weitere Kriegsverlauf in Griechenland aber nicht weiter verfolgt werden.
Noch im Jahr 1941 sind die nördlich Ano Poroia gefallenen deutschen Soldaten auf den 40 Kilometer weiter östlich gelegenen Soldatenfriedhof im bulgarischen Marino Pole umgebettet worden (s. RIP) (GMaps). Dort wurde ein großer Teil der im Krieg gegen Griechenland gefallenen deutschen Soldaten gesammelt. Marino Pole liegt - wie die ganze hier behandelte Gegend - etwa 100 Kilometer nördlich von Thessaloniki (GMaps).
1939 - Burg Hohenwerfen
Der Oberjäger Ingo Ruetz war nur 29 Jahre alt geworden. Er hinterließ in Werfen seine Witwe Helga Ruetz und einen Sohn. Ihr Trauzeuge war der Schriftsteller Karl Springenschmid (1897-1981) gewesen. Dieser hatte zur selben Zeit als Nachrichtenoffizier am Balkanfeldzug teilgenommen (Laserer, S. 89). Er überbrachte der Witwe die Nachricht vom Tod ihre Ehemannes (1, S. 91).
Ingo Ruetz war in dem kleinen Schulhaus von Werfenweng aufgewachsen (2). Er wird Sohn des Schulleiters von Werfenweng gewesen sein namens J. Ruetz.**) Ingo Ruetz hatte wie sein Trauzeuge Springenschmid die Lehrerausbildung durchlaufen und war Hauptschullehrer in Großarl geworden.
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| Abb. 15: Karte des Wehrmachtgräber-Offiziers mit den Orten der Erstbestattung der Gefallenen des Gebirgsjäger-Regiments 141 |
Als Nationalsozialist wurde er schließlich - wie sein Freund Springenschmid - im Ständestaat aus dem Lehrdienst entlassen. Von da an widmete sich Ruetz ganz der Jugend- und Schulungsarbeit in der nationalsozialistischen Untergrundbewegung in Österreich - wiederum ähnlich wie Springenschmid.
In dieser Zeit der Illegalität wird die Freundschaft zwischen Springenschmid und Ruetz entstanden sein. Sie gehörten beide dem illegalen nationalsozialistischen Lehrerbund an.
Nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich wurden auch in Österreich Gauführerschulen (Wiki) eingeführt. Springenschmid suchte als neuer Leiter des Unterrichtswesens im Gau Salzburg nach einem Ort für die Gauführerschule für den Reichsgau Salzburg. Er fand sie in der Veste Hohenwerfen. Die dortige Gauführerschule wurde am 5. März 1939 durch Salzburgs Gauleiter Friedrich Rainer eröffnet. Ihr Leiter war Karl Springenschmid, als Burgkommandant hatte er sich Ingo Ruetz gewählt.
| Abb. 16: Gefallene Soldaten werden bestattet (hier des Infanterie-Regiments 195 am Rupel-Paß), April 1941 |
Ingo Ruetz war selbst ebenfalls schriftstellerisch tätig - so wie sein Freund Springenschmid. In Google-Bücher-Ausschnitten finden wir zunächst folgende Angaben:
Dem Gauschulungsamt unterstand auch die Schulungsburg Hohenwerfen, mit deren Leitung Ingo Ruetz betraut war. Eine zentrale Aufgabe bildete die Koordination der vielen Schulungstätigkeiten, die auch von den Gliederungen und Verbänden durchgeführt wurden und teilweise miteinander konkurrierten. Das Gauschulungsamt ...
(So in: Embacher/Weidenholzer: "Machtstrukt. d. NS-Herrschaft", GB2014, S. 36)
Wir lesen:Der Salzburger Gauschulungsleiter Ingo Ruetz hält im Laufe des Jahres 1939 bei den Ortsgruppen der NS-Frauenschaft Vorträge über die „Stellung und Pflichten der deutschen Frau in der Volksgemeinschaft“. Seinen Ausführungen zufolge ist die „größte Aufgabe“ der Frauen im Nationalsozialismus, „Mutter zu sein“, Kinder zu erziehen und sparsam zu wirtschaften.
(In: Katharina Scharf: Kartoffelschaukochen, illegale Kämpferinnen und Krieg. Frauen im nationalsozialistischen Salzburg. Verlag Anton Pustet, Salzburg 2021, S. 30, GB2019.)
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| Abb. 17: Soldatenfriedhof in Marino Pole in Südbulgarien (FdW) |
Und offenbar über eine Veröffentlichung von Ingo Ruetz ist zu lesen:
... Ingo Ruetz, Kommandant der „ Gauschulungsburg", indem er Adolf Hitler, der bekanntlich unweit des Untersberges residierte, als den „Führer" Kaiser Karl darstellte, der aus dem Untersberg steige, das Volk sammle und in die ...
(So in: Burkhard Pöttler, Ulrike Kammerhofer-Aggermann: Tourismus und Regionalkultur: Referate der Österreichischen ..., Österreichischer Fachverband für Volkskunde, 1994, Seite 177)
Das bezieht sich möglicherweise auf einen Aufsatz von Ingo Ruetz (GB1996, S. 354):
Ingo Ruetz: „Der Kampf im Norden", Identifikation Barbarossa - Hitler (Mitteilungsblatt des NS-Lehrerbundes Oktober 1940)
Im Oktober 2025 ist auf der Burg Hohenwerfen eine kleine Dauerausstellung zu dieser Gauführerschule eingerichtet worden (Erinnern, Salzb2025, Unterird). Auf alten Fotografien und durch Zeitungsberichte und Zeitzeugenberichte wird deutlich, welche Inhalte die Kultur- und Schulungsarbeit auf der Gauführerschule Hohenwerfen hatte.
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| Abb. 18: Deutscher Soldatenfriedhof am Ortsausgang von Marino Pole in Bulgarien heute (GMaps) |
Karl Springenschmid stellt vergleichsweise ausführlich dar, welche Rolle die Burg Hohenwerfen für sein Leben hatte (1, S. 90-98):
Diese Burg ist mir zum Schicksal geworden. (...) Wie ein Traum war dies alles. (...) Als Leiter fand ich einen jungen Lehrer, einen begeisternden Redner, eigentlich ein heimlicher Dichter, einen Mann also - wie soll ich nur sagen? -, in dem die Ideen, die uns bewegten, wahrhaftig Gestalt angenommen hatten. Die Arbeit auf der Burg konnte beginnen. In kleinen Gruppen holten wir die Menschen auf die Burg. Hier oben, hoch über der Bedrängnis des Tages, auch fernab der Grenzen und der Beschränktheit, die der politische Dienst erforderte, nur die Berge, nur den Himmel über uns, versuchten wir in Worte zu fassen, was uns bewegte. Früh, viel zu früh, ist Ingo, der junge Burgherr, mein Freund, der als der Krieg ausbrach, nur mehr Soldat sein wollte, gefallen. Helga, seine Frau, stand mit dem Kind allein da. Hochgebildet, intelligent und energisch versuchte sie auch unter denen, die nach dem Tode Ingos die Burg führten, den Geist ihres Mannes wachzuhalten.
An eines der auf der Burg Hohenwerfen behandelten Themen wollten sich nach 1945 die Menschen noch am wenigsten erinnern. Ab 1939 haben sich nämlich etwa 80 % der Südtiroler für ihre Umsiedlung in das Deutsche Reich entschieden (als sogenannte "Optanten") (Wiki).
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| Abb. 19: Reichsfrauenführerin Gertrud Scholz-Klink, Gauschulungsleiter Ingo Ruetz und der Salzburger Gauleiter Friedrich Rainer (aus GB2021) |
Auch etwa der Dichter des Südtiroler-Liedes "Wie ist die Welt so groß und weit", Karl Felderer, hatte sich für die Umsiedlung entschieden. Die geistige Vorbereitung auf diese Umsiedlung fand nun unter anderem auf der Burg Hohenwerfen statt. Denn Springenschmid selbst war seiner Herkunft nach Tiroler und hat sich Zeit seines Lebens sehr für die Südtiroler eingesetzt. Er saß deshalb auch einmal im italienischen Gefängnis. Die folgende Schilderung veranschaulicht ein wenig, wie es in jenen Jahren auf der Burg Hohenwerfen zuging (3):
Im November 1940 - mitten im Krieg - fand auf der Festung Hohenwerfen im Salzburger Land ein „Führerlager“ für Südtiroler Mitglieder der Hitler-Jugend, der Jugend- und Nachwuchsorganisation des Nationalsozialismus, statt. (...) Der Südtiroler Schulungskurs im November 1940 erstreckte sich gar über drei Wochen: Nach dem Beginn der Unterweisungen in Innsbruck wurden die männlichen wie weiblichen Kursteilnehmer von Burghauptmann Ruetz empfangen und von Untergauführerin Inge Mühlhofer und Bannführer Alf Schopper, den beiden „Lagerführern“, zur Betreuung übernommen. Ruetz starb noch im Mai 1941 im Kriegseinsatz und wurde (von) Karl Springenschmid, dem NS-Leiter des Salzburger Schulwesens (...) als leuchtendes Vorbild nationalsozialistischer Gesinnung gefeiert. Inge Mühlhofer war Führungskraft des Bundes Deutscher Mädel.
Über diese "Option" wurde, soweit übersehbar, nach 1945 mehr geschwiegen als gesprochen.
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| Abb. 20: Volkstanz auf Burg Hohenwerfen |
Weder von Karl Felderer noch von Karl Springenschmid ist sie in Erinnerungen erwähnt worden, obwohl es von beiden reichhaltige Erinnerungs-Berichte gibt. Die Tatsache, daß der Nationalsozialismus sie dazu veranlaßte, eine Entwurzelung der Südtiroler zuzustimmen und zu fördern, die ihrer ganzen sonstigen Einstellung widersprach, wird nicht wenig dazu beigetragen haben, daß sich Menschen ihrer Art nach 1945 kopfschüttelnd von ihrem Engagement für den Nationalsozialismus abgewandt haben. Sie wird ihnen die Erkenntnis erleichtert haben, daß Heimat wichtiger ist als alle Ideologien.
Aber natürlich fand auch die sonstige Lehrer-Ausbildung und die vielfältige nationalsozialistische Schulungsarbeit auf der Burg Hohenwerfen statt.
Aber als noch wesentlicher erscheint uns heute aus dem Nachhinein: Springenschmid blieb in guter Freundschaft mit Helga Ruetz verbunden, die in Werfen wohnte, und die Springenschmid unter anderem im Sommer 1945 während seiner Waldgänger-Zeit kurz besuchte. Über das Gespräch mit ihr berichtet er sehr ausführlich (1, S. 93-98).
Herbst 1945 - Ein Neuanfang in Bozen
Über dieses Gespräch und über ihre Haltung dachte er auch in der Folgezeit noch oft nach. Dieses Gespräch gab ihm schließlich noch im Herbst 1945 die Anregung für seinen ersten Nachkriegsroman "Das unerreichbare Herz" (6, 7). Diesen schrieb er in einem ersten Entwurf in wenigen Wochen bei Freunden in Bozen nieder in der Zeit während und nach der Weinlese. Er legte diesen Roman dann seinem Schriftsteller-Freund Bruno Brehm vor, der sogleich erkannte, daß Springenschmid in diesem Roman zu einem völlig neuen Stil und zu einer neuen Aussage hin gefunden habe.
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| Abb. 21: Parteibonzen, höhere Parteibeamten werden auf auf der Burg Hohenwerfen empfangen - Sie werden von einem Dreigesang (ganz links) begrüßt |
Springenschmid selbst berichtet über seine Bozener Zeit im Herbst 1945 (1):
Regen und wieder Regen.Der Regen kommt meiner Arbeit zugute. Ich habe eine beglückende Entdeckung gemacht: Ich kann wieder schreiben. Einfälle, Gedanken, Ideen bestürmen mich so heftig, daß ich kaum Zeit genug finde, sie festzuhalten. Es ist freilich etwas Verändertes, was mich bewegt, etwas völlig Neues, vor dem ich mitunter geradezu erschrecke. Eine ganz neue Form, ein neuer Stil, wesentlicher als zuvor, ernster, tiefer. Alle Not, alles Leid dieser Zeit liegt darin.Keine Novelle soll es werden. Das ist mir nun klar geworden. Vielmehr ein Roman wird es sein, eine gewichtige Arbeit. Auch das Thema steht nun fest. Ich muß dabei allerdings über das Schicksal Helgas hinausgreifen. Die Frau, die ich in diesem Roman schildern will, Getrud, war mit dem jungen Dozenten Rainer Gorenflor - der Name kommt aus dem Französischen: "Coeur en fleur", Herz in der Blume - überaus glücklich verheiratet. Rainer Gorenflor gerät als deutscher Offizier in ein Gefecht mit slowakischen Partisanen. Seither wird er vermißt. Gertrud ist allein. Ein Wort, das Helga zu mir gesprochen hat, bald nachdem ich ihr die Nachricht vom Tod ihres Mannes auf die Burg Hohenwerfen gebracht hatte, läßt mich nicht mehr los: "Du warst nicht nur unser Trauzeuge, Till, auch Zeuge unserer Liebe. Ich vermag mir nicht vorzustellen, daß ich noch jemals einen Mann für immer so lieben könnte, wie ich Ingo geliebt habe. Verstehst du das? Man kann nur ein einzigesmal in seinem Leben einem Mann so ganz und vorbehaltlos gehören. Dies aber bedeutet für mich, daß ich nie mehr zu einer neuen Ehe finden werde. Aber - ich möchte ein Kind, Till. Das verstehst du doch. Mutter eines Kindes möchte ich sein. Ist es wirklich widersinnig, wie manche sagen, sich wohl ein Kind zu wünschen, nicht aber einen Mann, mit dem man sein ganzes Leben teilen muß?" Dies ist das Problem, vor dem Gertrud Gorenflor steht. Mit anderen Worten: Bedeutet das "Kind außerhalb der Ehe" für das Schicksal einer mütterlich empfindenden Frau eine echte, überzeugende Lösung? Ich will in diesem Roman keine allgemein gültigen Maximen aufstellen. Vielmehr nur mit diesem Buch aufzeigen, wie in einem einzelnen Fall eine Lösung dieser heiklen Frage versucht worden ist.Immer tiefer wühle ich mich in dieses Problem hinein. -
Dieser Roman ergreift auch ganz unabhängig von der hier behandelten sehr "komplizierten" Fragestellung. Erst gegen Ende des Romans wird diese überhaupt wichtig.
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| Abb. 22: Eine Gruppe junger Frauen (wohl in der Lehrerausbildung befindlich?) während eines Lagers oder einer Schulung auf Burg Hohenwerfen |
Und wichtig ist uns auch die Feststellung, die deshalb noch einmal wiederholt werden soll:
Ich will in diesem Roman keine allgemein gültigen Maximen aufstellen. Vielmehr nur mit diesem Buch aufzeigen, wie in einem einzelnen Fall eine Lösung dieser heiklen Frage versucht worden ist.
Wer im übrigen das Buch "Der Waldgänger" gelesen hat, weiß, daß alle Figuren in den Nachkriegsromanen von Springenschmid (so wie auch schon in seinem Romanen und Geschichten zuvor) zutiefst selbst erlebt worden waren: Männer, die aus sibirischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kehren, Bauernmägde prall gefüllt mit Lebenslust, schrullige Professoren, erdfeste Bauern - das war für Springenschmid täglich erlebte Wirklichkeit, nichts theoretisch "Erdachtes".
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| Abb. 23: Fotografie aus einem zeitgenössischen Bericht über die Gauführerschule Burg Hohenwerfen |
Und wer diesen Roman "Das unerreichbare Herz" lieb gewonnen hat, wem er ans Herz gewachsen ist (GAj2014), der interessiert sich auch für alle Umstände, aus denen heraus er entstanden ist.
Aus diesem Interesse heraus ist der vorliegende Beitrag entstanden.
Freilich wird deutlich, daß Springenschmid im Roman mit Gertrud und Rainer Gorenflor ein wohl insgesamt doch recht anderes Ehepaar gezeichnet hat als er es - als erste Anregung - aus der Wirklichkeit her kannte.
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| Abb. 24: Der erste bedeutende deutsche Nachkriegsroman, erschienen 1949 |
Jedenfalls gehören die im vorliegenden Beitrag zusammen getragenen Umstände mit zu dem Bild, das zur Geschichte der Burg Hohenwerfen in den Jahren 1938 bis 1945 zu zeichnen ist. Vielleicht ist der aus diesen Zusammenhängen heraus entstandene Roman viel länger gültig, viel länger wesentlich als alles allzu Zeitbehaftete, was da sonst geschehen sein mag in den Jahren 1938 bis 1945.
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*) Die Verhältnisse waren aber ähnlich (Wiki):
Das I. Bataillon / Gebirgsjäger-Regiment 100 wurde vor Beginn des Angriffs, für den frontalen Angriff auf die Befestigungen im Zugang des Rupel-Paß, der über das Grenzgebirge nach Saloniki führt, dem verstärkten Infanterie-Regiment 125 unterstellt. (...)Der gesamte Angriff verlief nicht planungsgemäß, da der Einsatz von Artillerie und Sturzkampfbombern im Gebirge nicht die erwartete Wirkung zeigte, und führte letztlich zu vielen Verlusten bei der Division und den unterstellten Truppen. Die deutsche Aufklärung hatte die Komplexität und den Ausbau der Befestigungen der Metaxas-Linie unterschätzt. Anders als beim Angriff auf die Maginot-Linie gerieten 3,7-cm-Panzerabwehrkanonen, 5-cm-Panzerabwehrkanonen, 8,8-cm-Flak und Infanteriegeschütze, welche im direkten Beschuß die Schießscharten der Bunker bekämpfen sollten, selber unter gezieltes gegnerisches Feuer, da diese im bergigen Gelände nicht über größere Distanz wirken konnten und schon beim Instellunggehen erkannt wurden. Weiterhin wirkten die gut geplanten Bunker flankierend zueinander, so daß wenige Räume im Vorfeld der Befestigungen nicht ständig beschossen wurden. Die verbunkerten Höhenstellungen wurden durch eigenes Artilleriefeuer geschützt (u. a. 6 × 10,5 cm und 8 × 15 cm). Erst nachdem erste Werke der Linie nicht mehr kämpften, konnten die deutschen Truppen die schwere Flak wirksam gegen die verbliebenen Bunker einsetzen.Das III./ Geb.Jäg.Rgt. 85 verlor beispielsweise beim Angriff auf die Höhen des Werk Istibei am 6. April an Toten 3 Offiziere und 37 Mann und Verwundeten 4 Offiziere und 137 Mann, was einem Drittel der Gefechtsstärke des Bataillons entsprach. Die Witterungsbedingungen (Sturm, Regen, Schnee) in der Nacht vom 6. auf den 7. April ermöglichten stellenweise das Vorziehen von Ersatztruppen und das Verschließen und Zuschütten von Bunkerscharten. Die griechische Abwehr wurde von einzelnen britischen Bomberangriffen auf die deutschen Stellungen hinter der Front unterstützt. Am Morgen des 7. April wurde auf der Ostseite des Werk Kelkaja der Eingang zu diesem Werk entdeckt und das III./ Geb.Jäg.Rgt. 100 begann die Anlage zu stürmen, woraufhin sich die überlebende Besatzung aus 4 Offizieren und 150 Mann nach etwa eineinhalb Stunden der Kämpfe im Inneren ergab. Die griechischen Verluste in diesem Werk betrugen etwa 110 Tote und Verwundete. Es folgten weitere Kämpfe um die anderen Werke.
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- Springenschmid, Karl: Der Waldgänger. Roman. Leopold Stocker Verlag, Graz und Stuttgart 1975
- Springenschmid, Karl: Ingo Ruetz zum ewigen Gedenken. Salzburger Volksblatt, Folge 110 vom 12. Mai 1941 (FdW)
- Obermair, Hannes: "Großdeutschland ruft!" Südtiroler NS-Optionspropaganda und völkische Sozialisation. März 2020 (Resg2020) (s.a. Salto)
- Dimitris K. Apostolopoulos: Der Einmarsch der Wehrmacht in Griechenland (April-Mai 1941). Veröffentlicht 02.02.22 (Comdeg2022)
- Deutsche militärische Karten zur Metaxas-Linie (Fb2025)
- Streitter, Beatus (d.i. Karl Springenschmid): Das unerreichbare Herz. Stocker-Verlag, Graz 1949 (437 S.)
- Bading, Ingo: "Das unerreichbare Herz" (1949). Der erste Nachkriegsroman von Karl Springenschmid. Gesellschaftl. Aufbr. jetzt!, 9.9.2014 (GAj2014)
- Springenschmid, Karl: Heiteres Podium. Erlebnisse und Geschichten. Rudolf Schneider Verlag, München [1974]
- Kern, Erich: Generalfeldmarschall Ferdinan Schörner. Ein deutsches Soldatenschicksal. K. W. Schütz KG Preußisch-Oldendorf 1976 (Lizenzausgabe für den Mut-Verlag, Asendorf)
- Heiss, Friedrich: Der Sieg im Süden. Ein Bericht vom Kampf des deutschen Volksheeres in Serbien und Griechenland. Volk und Reich Verlag, Berlin 1943
"Wo saßet ihr ..."
Sonette an die Zeit
I
Wo saßet ihr, als wir auf raschen Wegenhinuntereilten in das Stahlgewitter?Wo häuftet ihr das Korn, als wir im Regenund Schlamm uns bogen, selber Korn dem Schnitter?Wo aßet ihr der Halme gelben Segen,als unser Brot im Blute wurde bitter?Und konntet euch zum Weibe ruhig legen,wenn wir hinaufschrien bis zum Sternengitter.Vergittert rundum, o wie Gitter schlossenuns tausendfach ans Sterben Stahl und Blei.Wie Strand, zerfressen, schützend und umflossen,Ihr standet weit, vielleicht im Schmerz dabei.Doch als wir heimgekehrt mit leeren Trossen,da war für uns klein Platz im Rate frei.II
Da sitzen sie und mischen ihren Brei:Der sprach kein Wort, das nicht sein Wohlsein galt.Der lügt sogar im Schweigen. Der ist treudem Pfeffersack und der ist kindischalt.Der ist ein Schaf und schwänzelt wie ein Leu.Der lächelt süß, sein Herz ist dürr und kalt.Der weiß sehr viel, drum sitzt er auch dabei.Und der ruft nach, was ihm entgegenschallt.Und jeder dreht des Volks Kolumbusei.Im Hirne kriecht der Hoffart nasser Wurm.Hier ist für uns kein Platz im Rate frei.Wir standen kühl und schweigend vor dem Turm.Die Uhr schlug an. Wie spät es denn wohl sei,wir fragten nicht, wir wußten: Vor dem Sturm.Heinrich Zillich
Im Dritten Reich sind um 1935 herum Gedichtsammlungen erschienen (Beispiele: 1, 2), die einen so ganz andersartigen Geist atmen als alle Gedichte, die nach 1945 veröffentlicht worden sind. Gedichte wie das vorstehende (aus 1) können aber eine geistige Haltung verständlich machen, bringen sie auf den Punkt, aus denen heraus das Dritte Reich entstanden ist und die zumindest in seinen Anfangsjahren auch seine emotionale Grundhaltung bildete.
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| Abb. 1: Aus: Frontbilder 1918 von Litographien von Elk Eber (1892-1941) (Wiki) |
Es ist der sogenannte "Frontkämpfergeist". Es gab ja sogar den "Roten Frontkämpferbund" (Wiki), den paramilitärischen Wehrverband der Kommunistischen Partei Deutschlands. In diesem wurde vermutlich gar nicht einmal so ganz anders gedacht als es in vorstehendem Gedicht wiedergegeben worden ist (Wiki):
Die Spannungen im Alltagsleben in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg ergaben sich neben der Niederlage, dem Verhalten der Siegermächte sowie der politischen Zerrissenheit und Radikalisierung auch aus der großen Zahl (um die 5 Millionen) von meist demobilisierten Soldaten. In ihren Reihen entwickelte sich eine spezifische Frontkämpferkultur, die unabhängig von der politischen Richtung der jeweiligen Gruppe oder Formation über gleiche Rituale und ein bedingt gleiches Selbstverständnis verfügte.
Diese "Frontkämpferkultur" und dieser "Frontkämpfergeist" bildeten also einen ganz wesentlichen Teil der emotionalen Grundlagen der Anfangsjahre des Dritten Reiches. Der Dichter Heinrich Zillich (1898-1988) (Wiki), von dem diese "Sonette an die Zeit" stammen, stammte aus Siebenbürgen. Er hatte am Ersten Weltkrieg bei den Tiroler Kaiserjägern teilgenommen.
Ein weiterer Dichter, der zu dieser Literatur beigetragen hat, war der Marineoffizier Bogislav von Selchow (1877-1943) (Wiki). Er hatte sich als Angehöriger der Kaiserlichen Marine während des Ersten Weltkrieges zum Marinekorps nach Flandern versetzen lassen und dort am Krieg teilgenommen. Von ihm stammen Gedichte wie:
Du glaubst nicht, was ein Mensch vermag
Du glaubst nicht, was ein Mensch vermag,Mit heißem BlutUnd harten Händen.Er kann durch einen starken Schlag,Er kann an einem starken Tag,Hat er nur Mut,Das Schicksal wenden.Du glaubst nicht, was ein Mensch vermag.
Von ihm stammt auch das folgende Gedicht:
Du
Die deutschen Berge brennenRot vor Scham,Weil sie es nicht fassen können,Wie alles kam.Es glühen die deutschen FlurenIn wehem Leid,Seit sie die Schande erfuhren,Die Schande der Zeit.Es bäumen sich deutsche MeereGegen den Strand;Sie haben deutsche EhreAnders gekannt.Und ob der Schmach, der feigen,Die alles nahm,Deutsche Eichen neigenIhr Haupt vor Gram.Nur einer sieht der SchandeGelassen zu;Deutscher in deutschem Lande,Das bist Du!
Der Idealismus und der heiße Wille, Gutes für Deutschland tun zu wollen und das unendlich große Unrecht, das Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg zugefügt worden ist, "wiedergutzumachen", der aus all diesen Gedichten spricht, dieser wird seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges als "sinnlos" erachtet. Er wird sogar für das ganze Unheil verantwortlich gemacht, das während des Zweiten Weltkrieges über Deutschland, Europa und die Welt gekommen ist.
Nun, es ist ja immer gut, wenn ein Schuldiger gefunden ist.
Alle sonstigen Mitschuldigen sehen durch diesen dann plötzlich wie die reinsten Unschuldslämmer aus - und betreiben ihr unheilstiftendes Handwerk weiter. Noch dazu lächerlich billig vertarnt.*) Und es ist ihnen nur recht, daß sich ihnen kein Idealismus und kein heißer Wille mehr entgegen stellt.
Die Dichter solcher Gedichte freilich hatten dazu schon nach dem Ersten Weltkrieg das Ihrige zum Ausdruck gebracht. Ist ein solcher heißer Wille wirklich so "sinnlos"?
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*) Aber wie kann überhaupt noch von "Tarnung" die Rede sein, wenn ein Blick - sagen wir - auf die Epstein-Files gerichtet wird?
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- Kampfgedichte der Zeitenwende. Eine Sammlung aus deutscher Dichtung seit Nietzsche. Albert Langen / Georg Müller, München 1935
- von Selchow, Bogislav: Von Trotz und Treue. N. G. Elwert Verlag, Marburg 1936
"Der" deutsche Nachkriegsroman
Wenn das eigene Leben zum "Roman" wird, kann dann ein Roman nicht auch einmal zum Leben werden?
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| Abb. 1: Eine Studien-Zeichnung des italienischen Malers Pietro da Cortona (1596-1669) |
Der Beginn des 7. Kapitels auf Seite 87 las sich so:
Ein Wunder war geschehen. Über dem Hofe in der Röth lag ein neuer, nie gehörter Klang.Novè sang!Professor Klaar richtete sich erstaunt von seinem Lager auf. ... An diesem Morgen, einem ganz gewöhnlichen Morgen, zwischen Kühemelken und Schweinefüttern, sozusagen mitten hinein in die unterschiedlichen Geräusche eines landwirtschaftlichen Betriebes erklang "Solveig's Lied", gesungen von einer Magd, keiner gewöhnlichen Magd allerdings; vielmehr von einem Mädchen, das, wie er selbst, vom bitteren Schicksal dieser Zeit wahrhaftig nicht verschont worden war. Und doch - dieses Mädchen sang, sang so unbekümmert, so selbstverständlich, wie sich die Knospen der Sonne auftaten, wie die ersten grünen Halme aus dem Acker brachen ...Unwirsch schob er die Aspirintabletten zur Seite ...
"Solveig's Lied"? Aus Peer Gynt von Henrik Ibsen? Vertont von Edvard Grieg? Der Leser fragt sich vielleicht: Wie klang das eigentlich noch mal (Yt)? Und wie lautete eigentlich noch einmal der Text (... "Der Winter mag scheiden")?
Warum ergreifen uns Romane so? Oder genauer: Warum ergreifen uns manche Romane so stark? Etwa weil sie schildern, was es - sowieso - "nur im Roman" gibt?
Nein, darauf kann es doch eigentlich nicht beruhen.
Die Zeit ist aus den Fugen!
Die Zeit nach 1945 war die Hochzeit des Existentialismus. Er wurde - und wird immer noch und weiterhin - propagiert. Wenn man die Zeit vor 1945 ebenfalls mit einem Schlagwort kennzeichnen möchte, so würde wohl gesagt werden können, daß sie beherrscht war - sozusagen - von Idealismus. Zumindest kann das für Deutschland gesagt werden. Mit all dem ist nicht gemeint, was Politiker "reden". Damit ist gemeint, was Menschen in ihrem Lebensalltag leben - zumindest auch leben. Damit ist gemeint, welche Bücher gelesen werden. Damit gemeint, was in Schulen und in Ferienfreizeiten der Jugend als "Ideal" gelehrt und vorgelebt wird.
Dem Zusammenbruch aller "idealistischen" "Illusionen" in der deutschen Nachkriegsliteratur, in der "Trümmerliteratur" (Wiki), in der "Kahlschlagliteratur" - "nomen es omen", im Geist der "Ohne mich"-Haltung nach all den erschütternden Erfahrungen der Jahre 1939 bis 1947, all dem etwas entgegen stellen, das - dennoch - "Bestand" hat, das "trägt", einen Roman schreiben, dessen Inhalte es eben nicht nur "im Roman" gibt, sondern der das Leben selbst ist, dies mag sich als Aufgabe gestellt haben der österreichische Schriftsteller Karl Springenschmid (1897-1981) (Metapedia, Wiki, Salzburg-Wiki).
Hat er diese Aufgabe gelöst?
... Nachdem er die Aspirintabletten zur Seite geschoben hatte?
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| Abb. 2: Blick vom Hausruck nach Süden zum Hochgebirge des Salzkammergutes (GMaps) (hier vom Botanischen Garten Frankenburg) |
Ja. Als Leser steht man völlig "verdattert" vor dieser Lösung. Man fragt sich: Wie schafft er das?
Reichte es, auf "Solveigs Lied" zu hören?
Noch heute ist das Leid, das 1945 zu tragen, zu verarbeiten war, völlig unverarbeitet. Noch heute stehen wir - als Volk, als Kulturraum, als Nation - genau dort, wo unsere Vorfahren im Jahr 1945 gestanden sind. Dem Wesen und der Sache nach hat sich seit 1945 nichts geändert: Vorherrschender Existentialismus, Materialismus, Zynismus, Desillusionierung, flüchten in seichte Oberflächlichkeit oder tiefste Verbitterung auf der einen Seite - und auf der anderen Seite: eine kleine, sehr kleine Minderheit, die - demgegenüber, sozusagen - danach strebt, "das Herz auf dem rechten Fleck" zu behalten, die danach strebt, daß Idealismus, Ideale, Werte, Anständigkeit, Redlichkeit, Liebe, Liebe zur Heimat, Liebe zum heimatlichen Boden keine leeren Worte bleiben. Sondern daß sie gelebt sind, daß sie "authentisch" bleiben.
Mit jedem Jahr wird die innere Not jener, die sich um Letzteres bemühen, größer.
Dabei: Sie war doch schon im Jahr 1945 .... gar nicht zu begreifen - - -
Vom Hausruck und von Linz in Oberösterreich über Mattersburg, Budapest nach Temeschwar, nach Kikinda und zurück (GMaps) - diesen Weg läßt der Schriftsteller Springenschmid seine Romanfigur "Novè" gehen. Er läßt sie gehen einen schweren Weg. Einen Weg, der von tiefem Leid geweiht ist. Ungefähr im Jahr 1949. An diesem Weg liegt das Massengrab, in dem ihre Eltern und tausende anderer Banater Schwaben verscharrt liegen. An diesem Weg liegen Stätten des Grauens und der Verwüstung. An diesem Weg trifft sie auf Menschen, die durch den Kommunismus verändert wurden. Und sie trifft auf solche, die unverändert geblieben sind. Der Weg läßt sie Schwerstes erleben. Und den Roman bewegt die Frage: Wird die Romanfigur durch dieses Erleben verändert? Oder bleibt sie - im tiefsten Innern - diejenige, die sie war? Findet sie ins Leben zurück? Ist es die Liebe, die ihr Leben trägt - weiterhin, trotz allem? Der Roman zeichnet dabei - - - ein "Mädchenschicksal zwischen Ost und West".
Immer wieder und immer wieder erneut legt man den Roman zutiefst erschüttert beiseite.
Höchste Werte - aber nicht auf Propaganda-Plakaten vor sich her getragen, sondern in stiller, ehrlicher, unmittelbarer Trauer - oder Freude - nach innen gelebt. Ohne zu beachten, ja, ohne überhaupt nur zu fragen, was "all die anderen" denken, reden, tun. Sich selbst der Maßstab sein. Sich über jene - wenigen - freuen, die noch "ein Herz haben". Mit jenen nachsichtig sein, denen das Herz - aus welchen Gründen auch immer - unter Verbitterung oder Oberflächlichkeit - zeitweise - verschüttet ist.
Wer diesen schweren Weg gegangen ist - mit der Romanfigur "Novè" - ist derjenige in der Lage, sich in ein "besseres" Verhältnis zu stellen zu der orientierungslos gewordenen Zeit von heute? Hat er einen Standpunkt gefunden, der trägt? Man legt den Roman so erschüttert weg, daß man eigentlich nur noch in diesem Roman weiter leben möchte. Weil man sich nur dort - in diesem Roman - "echt" fühlt. Weil das eigene Leben gegenüber diesem Roman sich so unendlich schal, hohl anfühlt, so außerhalb alles "Eigentlichen" stehend.
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| Abb. 3: Blick vom Hausruck nach Süden - Frankenburg am Hausruck, Aussichtsturm (Fotograf: Thomas Ledl, 2017) (Wiki) |
Ist dieser Roman nicht wie eine moderne "Bibel" oder besser: wie ein "heiliges Buch"? Da in ihm so durch und durch heilige Wege begangen werden, da sich in ihm so durch und durch Gehaltvolles ausspricht - ? Ohne alle Aufdringlichkeit?
Wer möchte, könnte in dem Roman einen vergleichsweise seichten Mädchenroman sehen. Er könnte einen Roman darin sehen, der mit viel Oberflächlichkeit dahin plätschert. Die schweren, tragischen Inhalte drängen sich dem Leser nicht auf. Sie sind - wenn man so sagen will - fast "versteckt". Hat man sie aber einmal entdeckt, lassen sie einen nicht mehr los. Sie schütteln einen durch und durch. Sie drehen das Inwendige nach außen.
Ein Roman kann wie Musik sein: leichte, fröhliche, heitere Töne --- und zwischendurch klingen dunkle, drohende, erschütternde Akkorde auf - aus tiefer Tiefe. Kontrabässe und Chelli steigen aus dem Dunkel, markieren das Dunkle, das Drohende, Abgründige. Die Fröhlichkeit und Leichtigkeit der Geigen und Flöten blickt erschreckt auf all das Drohende, bleibt aber doch in der Leichtigkeit, die ihnen eigen ist. Es mag aber auch sein, daß die Musik zeitweise fast ganz abbricht. Weil so viel Grauen gar nicht mehr in Musik gefaßt werden kann. Und in Worte schon gar nicht.
Der Roman spielt zu Anfang und am Ende im Hausruck, einem langgestreckten Höhenzug nördlich vom Salzkammergut zwischen Salzburg, Passau und Linz. Man blickt von dort über hügelige Bauernlandschaft auf das ferne Gebirge des Salzkammergutes (Abb. 2 und 3). Karl Springenschmid kannte diesen Hausruck sehr gut. Denn er beschreibt ihn auch in seinem autobiographischen Roman "Der Waldgänger" als verborgenen Weg all jener Menschen, die im Jahr 1945 auf der Flucht oder auf dem Weg in ihre Heimat waren und die dabei möglichst wenig mit den neuen Besatzungsmächten in Berührung kommen wollten. Ihnen fühlte er sich verbunden. Der Roman spielt zwischen Eberschwang und Pattingham (GMaps).
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| Abb. 4: Danielle Darrieux, eine französische Schauspielerin - der die Novè des Romans ähneln soll (S. 269) |
Der Roman spielt beim "Bauern in der Röth". Man könnte denken, daß das angespielt ist auf die Gemeinde Rödt (Wiki), neun Kilometer südlich von Ried im Innkreis.
Erwähnt werden im Roman ansonsten die Ortschaften: Riegerting, Waldzell, Pattingham, Pramet, Eberschwang, Baumbach, Ried im Innkreis und Haag am Hausruck (GMaps). Auch Marienkirchen (S. 85). Diese Ortschaften sind gegenüber den anderen Inhalten des Romans so "nebensächlich", man liest so leicht darüber hinweg, daß man sie im Roman erst konzentriert suchen muß, um sich klar zu machen, wo dieser Roman eigentlich spielt. Spielt er nicht - eigentlich - "über" Raum und Zeit, spielt er nicht eigentlich jenseits von Raum und Zeit?
Fünf Kilometer nördlich von Rödt liegt "Schachen". Im Roman ist von einem "Schacha" die Rede. Beide können aber kaum identisch sein, denn zu dem "Schacha" des Romans kommt man nach langen Wegen durch den Wald und es hat Ausblick nach Süden, zum Gebirge zu. Dieses Schacha ist nicht leicht zu finden. Fürs erste tippen wir auf eine der Waldinseln bei Oberedt bei Frankenburg am Hausruck, von wo man vielleicht einen ähnlichen Ausblick nach Süden hat wie etwa in den Abbildung 2 und 3.
Man kann es auch so sagen: Die Aufgabe des Dichters könnte es sein, das Schicksal nacherlebbar zu machen, das Tausende, Millionen erlebt und erlitten hatten, und es neu vor sie hinzustellen und sie es diesmal - wenigstens im Roman - "bestehen" zu lassen. Die Aufgabe des Dichters könnte es sein, "leicht" an dieses Schicksal zu rühren, zu erschüttern - aber ohne die Gegenwart selbst dabei aus den Augen zu verlieren oder gar ins Abseits des Lebens zu geraten. Sondern vielmehr umgekehrt die Menschen fest ins Leben hinein zu stellen.
Als die "Trümmerliteratur" zur allein selig machenden Literatur erklärt wurde in Deutschland, lag darin schon beschlossen, was spätestens im Jahr 2015 mit so großer Macht - und scheinbar "plötzlich" - sichtbar werden sollte: nämlich daß ein Volk, das Herzvolk Europas, nicht mehr leben will. Daß es sich nicht mehr zum Leben aufraffen will. Daß ihm die Simulation eines Aufraffens - in Form von "Politik" - ausreicht. Alles das lag schon in dem Umstand, daß den Menschen Trümmerliteratur "genug" war. Daß sie nach anderem - scheinbar - nicht mehr fragten.
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| Abb. 5: Soltur im serbischen Banat - Das Heimatdorf von Novè (GMaps) heute (Serbisch "Banatsko Veliko Selo") |
"Politik" beendet seit 2015 nur, was die Herzen schon in vielen Jahrzehnten zuvor entschieden hatten. Und was sie jeden Tag neu entscheiden.
Denn wir - wir heute - sind die Totengräber Deutschlands.
Der eigentlich repräsentative Roman der deutschen Nachkriegsliteratur, der möchte, daß die Deutschen als Volk lebendig bleiben, heißt "Novè". Er erschien im Jahr 1951. Er ist eingerahmt von zwei weiteren Romanen desselben Autors, nämlich von dem Roman "Das unerreichbare Herz" aus dem Jahr 1949 und von dem Roman "Das goldene Medaillon" aus dem Jahr 1953. Alle drei Romane behandeln Frauen- bzw. Mädchenschicksale.
"Novè" ist der Nachkriegsroman der Deutschen.
Denn man muß verstehen, auf wie vielen Trümmern von Leid unser Jahrhundert und das deutsche Schicksal - seither - errichtet ist. Diese Trümmer von Leid werden durch den Existentialismus nicht adressiert.
Und man muß verstehen, daß derjenige, der nicht wirklich froh ist, auch die unergründlichen Berge von Leid nicht ermessen kann, denen alle Fröhlichkeit und Leichtigkeit leicht zu erliegen drohen.
Hat nicht Deutschland also tatsächlich einen "Roman" erlebt, der noch viel zu wenig erzählt worden ist? Aber warum ist er viel zu wenig erzählt worden? Weil das, was Deutschland erlebt hat, nicht "als Roman" erlebt werden konnte?
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| Abb. 6: "Novè - Mädchenschicksal zwischen Ost und West" |
- - - In Teilen ist das gewiß so. Aber in anderen Teilen auch nicht.
Der Roman ist übrigens gewidmet "Dem Gedenken der Mädchen von Cernje". Was es damit auf sich hat, muß - wenn überhaupt - noch einmal in ganz anderen Zusammenhängen aufgegriffen werden (s. Hrastovac).
Man kann allerdings die Frage auch anders stellen: Warum mutet die Weltgeschichte den Menschen so außerordentlich Schweres zu? Was ist damit "beabsichtigt"? Welchen Sinn hat das?
Diese Frage wird man nur beantworten können, wenn man nach und nach an diesem schweren Leid wächst, um ihm schließlich auch wirklich "gewachsen" zu sein. Nicht jeder wird dazu bereit sein. Millionen von Menschen waren es bislang nicht. Aber die Antwort wird für den, der dazu bereit ist, vielleicht irgendwann tatsächlich lauten: Ja, die Weltgeschichte hat einen Sinn. Dieser Sinn mag allerdings Äonen-weit entfernt sein von jenem Unsinn, der sich heute so trampelig und dummbröselig in den Vordergrund drängt und der welche Art von "Fortschritt" auch immer angeblich repräsentieren will.
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Anhang
"Gefährlich" - ? Immer noch? - Ein Buch, das vor 200 Jahren entstand?
Der bedeutendste Hamburger in der Geschichte war der Bibel- und Christentumskritiker Hermann Samuel Reimarus (1694-1758) (Wiki). Er war als solcher bedeutender als G. E. Lessing oder G. W. Leibnitz. Wenn dieser Name aber auch belesenen Menschen unter Kirchen- und Christentumskritikern des Jahres 2026 auf den ersten Blick nichts sagt (so wie es auch dem Verfasser dieser Zeilen ging), dann ist das ein höchst auffallender Befund. Wie kann es sein, daß ein so bedeutender Mann niemandem bekannt ist außer studierten Theologen?
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| Abb. 1: Hermann Samuel Reimarus (1694-1758) |
Und keiner der in den letzten Jahrzehnten prominent hervor getretenen Christentums- und Bibelkritiker hätte seinen Namen bekannt gemacht? Die deutsche Giodano-Bruno-Stiftung hätte sich womöglich noch nie mit ihm beschäftigt, hätte noch nie auf ihn aufmerksam gemacht? Reimarus ist heutigen studierten christlichen Theologen durchaus ein Begriff und sie wissen einiges über ihn auszusagen (11).
Wir hatten belesene Hamburger unter unseren Lesern gefragt: Wer war der bedeutendste Hamburger in der Geschichte? Reimarus, niemand geringerer als der bedeutendste Christentums- und Bibelkritiker der Geschichte und weltweit, war niemandem unter ihnen bekannt. Auch der Verfasser dieser Zeilen mußte sich in diesem Zusammenhang eingestehen, daß ihm der Name Reimarus durch fünf Lebensjahrzehnte hindurch nie zu einem Begriff geworden war.*) Und doch hatte der Verfasser dieser Zeilen Bücher gelesen wie "Der Gotteswahn" von Richard Dawkins oder "Denn sie wissen nicht, was sie glauben" von Franz Buggle, sowie allerlei ähnlich ausgerichtete Schriften (beispielsweise "Jehovas gesammelte Werke" von William S. Ross und so weiter). Und doch hat er streckenweise die Arbeit der Giordano-Bruno-Stiftung mit großem Interesse verfolgt. Der Name Reimarus ist ihm aus keiner dieser Lektüren in Erinnerung geblieben.
Die bis 1758 entstandene "Apologie" des Reimarus ist erst 1972 (!!!) erstmals vollständig veröffentlicht worden. Und sie ist antiquarisch derzeit nicht unter 85 Euro zu erhalten. Sie ist noch in keine weitere, verbreitete Sprache dieser Welt übersetzt worden. Und doch handelt es sich um eines der Hauptwerke in der Geschichte der Bibelkritik überhaupt (7). Nein, bei genauerer Betrachtung handelt es sich um das Hauptwerk, auf dessen Inhalt die Mehrheit der Theologen noch heute auf Abstand geht (11). Niemand hat seit Reimarus besser aufgezeigt, wie so durch und durch "von Menschen gemacht" die Bibel ist. Nein, mehr noch, wie so durch und durch von Gaunern gemacht die Bibel ist.
Reimarus lebte Anfang des 18. Jahrhunderts. Er muß in einer liebevollen und entspannten Umgebung aufgewachsen sein. Er stand - von seiner Kindheit und Erziehung her - noch mitten in der Glaubenswelt der Bibel. Er blickte während seiner ganzen Lebenszeit weiterhin noch voller Verwunderung mitten hinein in diese Glaubenswelt seiner Kindheit. Doch im Erwachsenenalter blickte er als "aufgeklärter" Zeitgenosse in die Bibel und versuchte, alles das nun mit "natürlicher Vernunft" zu begreifen.
Bibelkritik ohne Zynismus
Und das Ergebnis dieser Betrachtung war und ist niederschmetternder als jede andere Sichtweise auf die Bibel, die zumindest uns bekannt ist. Nämlich insbesondere deshalb weil sie aus so geradezu liebevoller, entspannter Grundhaltung heraus nieder geschrieben wird. Die innige, emotionale Vertrautheit mit den Bibelinhalten ist noch auf jeder Seite seiner Betrachtungen zu spüren. Zugleich bleibt Reimarus immer ganz entspannt auf Seiten seiner "natürlichen Vernunft". Was für ein Ergebnis muß dabei heraus kommen? Zeitgleiche und nachherige Bibelkritiker bis heute schauten und schauen in der Regel einfach nur noch voller Hohn und Zynismus auf die Bibel. Bei Reimarus ist die Haltung eine grundlegend andere. Es ist eigentlich eine Haltung der Verwunderung über all die vielen Entdeckungen, die er da macht, indem er - mit "natürlicher Vernunft" - aber zugleich mit tiefem Ernst und akribischer Nachforschung in die Bibel schaut und dabei keineswegs in eine zynische Haltung hinüberwechselt. Er bleibt völlig bei sich. Und läßt die Bibel Bibel sein und läßt sie für sich sprechen.
Das Ergebnis ist geradezu vernichtend. Das Ergebnis ist so vernichtend, daß noch der heutige, nichtchristliche Leser sein Werk nicht einmal "einfach so" in einem Zug durchlesen kann. Er muß immer wieder innehalten. Zu kräftig ist der "Toback", der hier geliefert wird. Das muß verdaut werden.
Niemand als Reimarus hat besser verständlich gemacht, welche historischen Textschichten innerhalb der Bibel übereinander getürmt worden sind. Niemand hat besser aufgezeigt, daß dabei die jeweils jüngere Textschicht in grandiosen, haltlosen Widersprüchen zu den älteren Textschichten steht.
Durch dieses Werk des Reimarus steht man also mitten drin in der Entstehungsgeschichte des Judentums selbst, des Monotheismus selbst, sowie des Christentums selbst in den jeweiligen "inneren Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhängen" und von den Motiv-Lagen der jeweiligen Verfasser der diesbezüglichen Bibeltexte. Und zwar klarer und deutlicher als jemals zuvor. Man ist einfach nur noch erschreckt. Womöglich ist das der Grund, warum vor diesem Buch bis heute "gewarnt" wird, bzw. es gar nicht groß bekannt gemacht wird.
Im vorliegenden Beitrag sollen also einige Gründe zusammen getragen werden, warum dieser bedeutendste Bibel- und Christentumskritiker - noch heute - außerhalb von Theologie und Religionswissenschaft so auffallend wenig bekannt ist.
Freilich kann uns heute ChatGPT in Sekundenschnelle gute Gründe zusammen tragen für eine grundlegende Kritik am Christentum. Darauf machte uns schon vor drei Jahren Daniel Hermsdorf aufmerksam (GAj23). Aber selbst Ausführungen von ChatGPT zum Thema sind selten so punktgenau, so ausführlich und so strukturiert wie Hermann Samuel Reimarus das Thema angeht (7).
Eineinhalb Jahrtausende waren die Völker des Abend- und des Morgenlandes von der Bibel hypnotisiert. Sie sind es zum Teil heute noch. Sie hatten kein ChatGPT. Und auch nichts Vergleichbares. Ebenso waren sie vom Papsttum hypnotisiert. Martin Luther hat die Völker des Abendlandes ab 1518 von der Hypnose durch das Papsttum befreit. Im Gegenzug dazu war aber die Hypnose durch die Bibel - durch seine Übersetzung ins Deutsche und durch den Buchdruck - nur noch verstärkt worden und nachhaltiger verankert worden. Wie doppelt hypnotisiert starrten die Völker und ihre bigotten Priester seither auf die Bibel. Und die Völker wurden dabei ganz konfus und an sich selbst irre. Aber vor allem: Sie wurden durch die Hypnose so lenkbar in der Hand von Priestern wie sie es bis heute geblieben sind. Und das war - womöglich - der einzige Zweck des Verfassens dieser Bibeltexte. Insofern könnte das Buch des Reimarus noch heute zur Befreiung aus all dieser, von Generation zu Generation weiter getragenen Unmündigkeit beitragen. Ganz egal, ob die heutige Unmündigkeit nun noch durch die Bibel gerechtfertigt wird oder nicht. Die unmündige Haltung lebt - erschreckend - weiter.
Lessing
Zweihundert Jahre nach Martin Luther und hundert Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg war dann also Hermann Samuel Reimarus gekommen. Der "bedeutendste Religionsphilosoph zwischen Leibniz und Lessing", so wird uns gesagt (4). War denn Leibnitz wirklich der bedeutendere Religionsphilosoph im Vergleich zu Reimarus? Und war Lessing wirklich ein bedeutenderer Religionsphilosoph im Vergleich zu Reimarus? Wir stellen das in Zweifel. Leibnitz und Lessing waren bedeutend, ohne Frage. Aber wer hätte jemals die Bibel so gründlich auseinander genommen wie Reimarus? Und ist das nicht die wesentlichste Aufgabe eines "Religionsphilosophen" - in christlichen Zeiten im Abendland?
Im Frühjahr 1937 gab die Bibel- und Christentums-Kritikerin Mathilde Ludendorff (1877-1966) (Wiki) eine Lessing-Biographie heraus (1). An dieser hatte sie schon seit 1935 gearbeitet. Daß es dafür Hinweise gibt, wird weiter unten noch ausgeführt werden.
Die "Glaubenskrise" während des Dritten Reiches und der daraus geborene Überlebenskampf der christlichen Kirchen - genannt "Kirchenkampf" - war 1931 nicht zum wenigsten durch Mathilde Ludendorffs Buch "Erlösung von Jesu Christo" (3) ausgelöst worden. Ein Buch der gründlichsten, inhaltlichen Kritik des Neuen Testamentes, das ein Hermann Samuel Reimarus sicherlich mit der aller größten Anteilnahme gelesen haben würde. Dieses Buch ist völlig im Geist des Reimarus verfaßt worden, noch ganz ohne daß auch diese Autorin damals den Reimarus kannte. Reimarus und Mathilde Ludendorff sind von völlig denselben Anliegen geleitet.
Die christlichen Kirchen tobten und rasten ab 1931 - wild und fanatisch - gegen das Buch von Mathilde Ludendorff an. Spätestens ab diesem Zeitpunkt stand sie in der Tradition jenes geistigen Ringens, mit dem in der Öffentlichkeit unter anderem Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) (Wiki) begonnen hatte: nämlich im geistigen Ringen um die Befreiung der Völker von der Bibel-Hypnose und von unmündiger Haltung ihr gegenüber.
Interessant eigentlich, daß man Lessing selten mit der zeitgleichen "Sturm und Drang"-Periode (Wiki) der deutschen Literatur-Geschichte in Verbindung bringt. Auf dem diesbezüglichen Wikipedia-Artikel ist er gar nicht erst verzeichnet. Und das ist gut so. Denn das Rütteln eines Gotthold Ephraim Lessing an den Grundfesten des Christentums in seinem "Fragmentenstreit" (Wiki) ab 1777 "Sturm und Drang" zu nennen, wäre ja nun wirklich - sozusagen verharmlosend. Dieses Rütteln aber machte erst die Bahn frei dafür, daß sich dann die deutschen Dichter und Denker in der Zeit um 1800 herum so offen und frei äußern konnten - auch über Christentum und Kirche.
Lessing hat deshalb der weiteren freiheitlichen Geistesentwicklung in Europa mit viel machtvollerem Wirken den Weg gebahnt als alle anderen. Diesen Umstand macht man sich selten klar. Und Lessing tat das auch nur dadurch, daß er Bruchstücke, "Fragmente" des großen Werkes des Hermann Samuel Reimarus veröffentlichte. Schon Bruchstücke dieses großen Werkes genügten, um die Fundamente des Christentums, der Kirchen und der Synagogen ins Wanken zu bringen.
Schon wenige Jahre nach seinem "Fragmentenstreit" konnten viel Autoren viel kritischer über die Bibel und das Christentum schreiben in der Öffentlichkeit als das bis zum Einsetzen des "Fragmentenstreits" irgendjemand auch nur ansatzweise gewagt hätte. Reimarus selbst hat bis zu seinem Tod gegenüber der Öffentlichkeit nicht die leisesten Andeutungen gemacht, daß er der Verfasser eines so grundlegenden, kritischen Buches ist, das er auch keinesfalls zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wissen wollte. Reimarus war ein frei Denkender, ein Gelehrter, ein gemäßigt denkender Mensch. Es bleibe aber festgehalten, für wie schmachvoll er es für sein Zeitalter erachtete, daß er es nicht wagen durfte, sein Werk zu veröffentlichen (7, Bd. 2, S. 519f):
Ich wiederhole die Beschwerde über den Religions-Zwang, welchen die Christenheit aller Sekten (...) gebraucht: daß wenn nun ein nachdenkender Mensch nach vielem Kampf mit sich selbst endlich aus seinem blinden Glauben zur Erkenntnis der gesunden Vernunft gekommen ist, er nicht einmal das Herz haben darf, seine Einsicht öffentlich zu bekennen, sondern wider sein Gewissen heucheln muß, dafern er nicht will von seinen Freunden gehasset, von der Priesterschaft verlästert oder gar von der Obrigkeit verfolget sein. (...) Diese Schrift kann die Welt überzeugen, daß es eine Schande für die gesamte Christenheit und Schade für das ganze menschliche Geschlecht sei, daß man lieber allen Sekten und Religionen als der reinen vernünftigen eine freie Toleranz und öffentliche Ausübung verstattet.
Reimarus vertrat in seinem Werk die hier angesprochene "reine, vernünftige Religion", der gegenüber zu seinen Lebzeiten keine religiöse Toleranz geübt wurde.
Denn das gesamte Volk war und die gebildeten Schichten waren zu seinen Lebzeiten noch von der Bibel und seinen Auslegern vollkommen hypnotisiert, vollkommen urteilsunfähig ihr gegenüber gemacht worden. Und diese Urteilsunfähigkeit ist bis heute in weiten Teilen aufrecht erhalten worden, auch wenn es der Bibel gegenüber längst gleichgültig geworden sein sollte. Die mit der Bibel eineinhalb Jahrtausende lang eingeführte Urteilsunfähigkeit und Feigheit wirken bis heute fort. Oder könnte das irgend ein Leser dieser Zeilen übersehen?
Es war ganz klar, daß Erich und Mathilde Ludendorff insbesondere aufgrund dieser besonderen Bedeutung von Lessing sich mit seinem Lebenswerk und seinem machtvollen Wirken eng verbunden fühlten. Mitten in der Glaubenskrise während des Dritten Reiches stehend und mitten im Abwehrkampf der christlichen Kirchen dagegen haben sie im Jahr 1936 ihre flammende Schrift ins Volk geworfen (4):
"Das große Entsetzen - Die Bibel nicht Gottes Wort".
Schon die Kapitel-Überschriften in dieser Schrift haben sich seither als vollkommen zutreffend erwiesen. Sie lauten: "Das alte Testament - ein junges Buch" und: "Das 'fabrizierte' neue Testament". Der israelische Archäologe Jonathan Adler hat erst vor wenigen Jahren aufgezeigt, daß es die jüdische Religion erst seit etwa 250 v. Ztr. gibt (5) (!!!), und daß deshalb diese jüdische Religion nicht - wie propagandistisch von ihrem ersten Bestehen an behauptet worden war - die "älteste" aller Religionen weltweit wäre. Nein: Sie ist - so lächerlich wie nur möglich: die jüngste aller Religionen weltweit. Und sie ist schlichtweg "fabriziert" worden wie das niemand besser aufgezeigt hat als Hermann Samuel Reimarus.
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| Abb. 2: G. E. Lessing um 1755 - Gemalt von Johann Heinrich Tischbein (Md) |
Wenn man nun Mathilde Ludendorffs Lessing-Biographie des Jahres 1937 liest, dann spürt man deutlich, wie diese Biographie insbesondere ab dem 4. Kapitel innerlich "Fahrt" aufnimmt. Betitelt ist es "Lessing kämpft für die Freiheit der Bibelkritik gegen orthodoxe Priester". Sie behandelt darin Lessings Ringen im sogenannten "Fragmentenstreit" (Wiki). In diesem rüttelte Lessing - wie gesagt - an den Grundlagen des Christentums so wie Mathilde Ludendorff selbst ab 1931.
Im Januar 1778 war Lessings Ehefrau Eva König - nach einjähriger, tief und wahr erlebter Ehe - bei der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes gestorben. Mathilde Ludendorff schreibt über die Folgezeit (1, S. 126f):
Von dem Sterbezimmer seiner lieben Frau aus, das seit ihrem Tode seine Arbeitsstätte geworden war, focht er seinen Kampf mit den orthodoxen Pastoren, der für das Deutsche Volk eine noch stärkere Nachwirkung haben sollte als der Kampf Luthers gegen Rom. (...) Lessing hat (...) vor allem Volke Bruchstücke eines Deutschen Werkes (...) veröffentlicht, das mit Deutschen Moralwertungen und klarer Vernunft an die Beurteilung der Bibel herantrat, Buch für Buch unerbittlich beleuchtet und verurteilt hat. (...) Die Kraft der Sprache, die unerbittliche Folgerichtigkeit des Denkens, die ernste Deutsche Moral, mit der es geschrieben war, war von ganz ungeheurer Wirkung. (...) Lessings Tat war das erste Rütteln an der protestantischen und katholischen Priestertyrannei in Deutschland.
Das sind Worte wie sie in die geistigen Stürme der Zeit des Jahres 1937 hinein geschrieben worden sind. Es waren das jene Jahre, in denen der Nuntius Pacelli auf Reisen nach Frankreich und in die USA jenen Krieg gegen Deutschland mit vorbereiten half, dessen geplantes Völkermord-Ende von 1945 in den USA dann konsequent von Seiten des Kardinal Spellman gegenüber dem US-amerikanischen Staatsoberhaupt befürwortet wurde (6), nämlich: Ausbreitung des atheistischen, sowjetischen Machtbereiches bis an die Elbe, Vertreibung von 15 Millionen Deutschen, sowie Ermordung von Millionen von Deutschen in Ostmitteleuropa, Traumatisierung von Millionen von Deutschen bis in die heute lebende "Kriegsenkel"-Generation hinein (Wiki).
Wer weiß es denn etwa, daß auch die Ehefrau des Bundeskanzlers Helmut Kohl als Zwölfjährige 1945 in Sachsen von mehreren russischen Soldaten vergewaltigt worden ist und "wie ein Sack Zement" aus dem Fenster geworfen worden ist (Wiki)? Sie litt viele Jahre an chronischen Schmerzen und nahm sich im Jahr 2001 mit 68 Jahren um dieser willen das Leben. Wie wird es ihren Söhnen gehen, die - damit - ebenfalls "Kriegsenkel" sind? Folgen von Priestertyrannei. Nicht die letzten wie alle wissen, die die täglichen "Nachrichten" auf sich einprasseln lassen. Sie handeln durchgehend fast nur noch von Regierungskriminalität.
Priestertyrannei
Und warum sollte es eigentlich schon 1937 so "übertrieben" gewesen sein, von "Priestertyrannei" zu sprechen? Hatte doch die katholische Kirche Österreich auch schon in den Ersten Weltkrieg hinein getrieben (siehe den ungeheuren Satz: "Papst billigt scharfes Vorgehen Österreichs gegen Serbien") (s. Wiki). Und haben wir denn Priestertyrannei heute wirklich überwunden? Hat nicht die orthodoxe Priesterschaft unterschwellig das Sagen in Israel? Und ist nicht von ihrem Wollen das außenpolitische Handeln Israels und damit der USA und womöglich vieler anderer Staaten weltweit geleitet? Wurde nicht auch im Iran eine orthodoxe Priesterschaft installiert, um den Völkern der Welt gegenüber besser die "Strategie der Spannung" fahren zu können? Priestertyrannei wirkt bis heute und in der nachhaltigsten Weise fort. Sie ruft in einem fort Kriege und Krisen hervor. Und neuerdings auch die allseits so beliebte, von nicht wenigen Verblödeten, Urteilsunfähigen sogar als dringend "notwendig" erachtete und geförderte "Migrationskrise". Mit Millionen Entwurzelten, die darum nur noch um so leichter lenkbar sind und Tyrannei dulden statt sie abzuwerfen.
Mathilde Ludendorff referiert in ihrem Lessing-Buch vom Frühjahr 1937 in groben Zügen die Geschichte der Kritik an Bibel und Christentum, die ab 1697 durch den französischen Aufklärer Pierre Bayle (1647-1706) (Wiki) begonnen worden war. Diese wurde dann durch die Veröffentlichungen mehrerer britischer "Deisten" (Wiki) fortgesetzt.
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| Abb. 3: G. E. Lessing um 1767/68 - Gemälde der deutschen Porträtistin Anna Rosina de Gasc (1713-1783), einer Freundin Lessings (Wiki) - Gleimhaus (mitunter Georg May zugeschrieben) |
Sie stellt die Dinge im wesentlichen so dar, wie sie heute auch auf Wikipedia dargestellt werden wie sie aber viel zu wenig bekannt sind (Wiki):
Den Hauptvertretern des Deismus (wie etwa John Locke oder dessen Schüler John Toland) ging es vor allem darum, „natürliche“ Gesetze der Vernunft dem Offenbarungsglauben entgegenzustellen. (...)Matthew Tindal veröffentlichte im Jahr 1730 sein Werk (...), das (...) bald als „Bibel des Deismus“ galt. Unter allen Religionen hielt er allein ein von Offenbarung befreites Christentum, die deistische Urreligion, für wahrhaftig. Die Bibel sei das Dokument dieser natürlichen Religion, welches vernünftig zu interpretieren sei. Wunder und Prophezeiungen, die in der Bibel geschildert werden, lehnte er ebenso ab wie jede anthropomorphe Gottesvorstellung. „Offenbarung“ bezeichnete er als Schwindel, der der Welt durch Priester untergeschoben worden sei. Die Religion solle auf moralischen Grundsätzen beruhen und eine tolerante Haltung gegenüber Andersdenkenden einnehmen (...). Bereits im Jahr 1741 wurde der Text ins Deutsche übersetzt und gewann danach einigen Einfluß in protestantischen aufgeklärten Kreisen der deutschen Länder. Ein Buch Tindals wurde 1710 auf Veranlassung des Unterhauses verbrannt. (...)Der Deismus war im aufgeklärten Absolutismus großer Teile Deutschlands weniger verbreitet als in seinem Herkunftsland. (...) Hermann Samuel Reimarus war ein Wegbereiter der Bibelkritik, hielt sich in der Öffentlichkeit aber zurück. Die von Gotthold Ephraim Lessing zwischen 1774 und 1778 veröffentlichten Fragmente seiner Schriften (Fragmente eines Ungenannten) führten zum so genannten Fragmentenstreit, der wichtigsten polemisch geführten Auseinandersetzung zwischen Aufklärung mit mehr oder weniger deistischen Positionen, verbunden mit detaillierter radikaler Bibelkritik einerseits und der protestantischen Orthodoxie auf der anderen Seite. Die Hauptkontrahenten waren Lessing und Johann Melchior Goeze.
Mathilde Ludendorff sagt, durch Immanuel Kant oder durch Bibelkritiker wie David Friedrich Strauß hätte die Bibelkritik der französischen, britischen und deutschen Deisten des 18. Jahrhunderts in keiner Weise an Aktualität verloren. David Friedrich Strauß etwa hat während seines Lebens seine Positionen immer mehr verändert und stand der Bibel am Ende völlig gleichgültig gegenüber. Aufgrund einer solchen Haltung konnte er einen Reimarus nicht ersetzen und auch nicht die englischen Deisten. Mathilde Ludendorff schreibt (1, S. 134):
Die Kritiken, die die Deisten über die Bibel schrieben, bestehen für alle Zeiten unantastbar. (...) Für kein Werk gilt das so wie für das Werk des Reimarus.
Sie schreibt über eine 1862 erschienene Reimarus-Schrift von David Friedrich Strauß (1, S. 134f):
Nur soweit er Reimarus wörtlich anführt, bekommen wir ein Bild von der Wucht der Beweisführung dieses Verfassers.
"Von der Wucht der Beweisführung des Verfassers", diese Worte seien wiederholt.**) Sie zitiert einige Passagen und sagt dann (1, S. 137):
Mögen diese Worte genügen, um den Leser ahnen zu lassen, welches erschütternde Ergebnis nun bei der Prüfung der gesamten Bibel, Buch für Buch des alten und des neuen Testamentes, durch Reimarus zustande kommt. (...) Das Ergebnis ist vernichtend für die ganze Bibel. (...) So wurde die Bibel vollkommen nackt enthüllt und ihr Offenbarungwert vernichtet. (...) Der Morallehre Jesu konnte der Deismus des Reimarus noch keine überlegene Moral gegenüberstellen. So ergänzt sein Werk nur mein Buch "Erlösung von Jesu Christo".
Reimarus hat nach ihren Worten schon vieles vorweg genommen, auch bei der Kritik des Neuen Testamentes. Aber diese Kritik sieht Mathilde Ludendorff nur als eine "ergänzende" an zu der Kritik ihres eigenen Buches "Erlösung von Jesu Christo". Und ab dieser Stelle merken wir allmählich: Der eigentliche Held der Lessing-Biographie von Mathilde Ludendorff ist gar nicht Lessing selbst, sondern - - - Hermann Samuel Reimarus.
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| Abb. 4: Eva König, die Ehefrau von Lessing |
Deshalb brandmarkt Mathilde Ludendorff in ihrem Buch auch immer und immer wieder den Umstand, daß das so wesentliche, grundlegende, Bibel-kritische Werk des Reimarus selbst im Jahr 1937, 180 Jahre nach dessen Tod immer noch nicht veröffentlicht ist. Sondern daß man sich mit den von Lessing herausgegebenen "Fragmenten" begnügen muß und mit den Zitaten und Inhaltsangaben, die man bei David Friedrich Strauß findet (9). Schon diese "Fragmente" hatten zu diesen großen geistigen Erschütterungen geführt. Wie dann erst das gesamte Werk?
Und so stellt sich uns auch heute noch als Leser der Lessing-Biographie von Mathilde Ludendorff die Frage, ob sich bezüglich dieses Umstandes der Nichtveröffentlichung eines der bedeutendsten Bibel-kritischen Werke der europäischen Geistesgeschichte seit 1937 etwas geändert haben mag.
Sechs Jahre nach dem Tod Mathilde Ludendorffs ...
Und da finden wir: 1972, sechs Jahre nach dem Tod Mathilde Ludendorffs - und während des Verbots der von ihr begründeten geistigen Bewegung, des "Bundes für Gotterkenntnis" - wird das Gesamtwerk des Reimarus endlich heraus gegeben (7). Wir lesen über den Herausgeber, den Hamburger Bibliothekar Gerhard Alexander (1903-1988), daß dieser ab 1969 in den Ruhestand gegangen sei (Wiki):
Er erstellte die erste vollständig kommentierte Edition der Bibelkritik Hermann Samuel Reimarus. (...) Die Arbeit Alexanders, bei der er Reimarus Handschriften verwendete, kann als eine seiner größten Leistungen angesehen werden.
Mit welchen Worten hätte Mathilde Ludendorff wohl die Deutschen und alle frei Denkenden auf dieses Werk hingewiesen. Wie sehr hätte sie es ihren Lesern ans Herz gelegt, diese Gesamtausgabe nun auch in die Hand zu nehmen und zu studieren. Das weiß man, wenn man ihre Lessing-Biographie gelesen hat. Aber haben diese Aufgabe denn nun ab 1972 ihre "Nachfolger" übernommen? Davon ist uns vorderhand nichts bekannt.
Mathilde Ludendorff sah das Werk des Reimarus - obwohl sie nur so wenig von ihm im Wortlaut hatte lesen können - als eine wesentliche Ergänzung zu ihrem eigenen Buch "Erlösung von Jesu Christo" an und zu dem übrigen geistigen Ringen gegen die mosaischen Religionen und die mit ihnen verbundene Priestertyrannei. Sie sah in Reimarus einen Gleichgesinnten, der unbefangen, mit klarer Vernunft und ruhiger, gelassener Moral an die Inhalte der Bibel heran gegangen ist.
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| Abb. 5: Reimarus-Ausgabe 1972 |
Mathilde Ludendorff hatte am Ende der Zitate, die sie aus dem Fragmentenstreit gebracht hatte, schon geschrieben (1, S. 159):
"Jeder, der aufmerksam diese kurzen Auszüge aus Lessings Kampf gegen die Orthodoxie liest, für den wird Lessing lebendig, für den steht Lessing heute in unserer Reihe, für den siegt sein Wirken über Zeit und Raum und hilft in unseren Tagen noch."
Das selbe hätte sie mit dreifachem, vierfachem Recht von Hermann Samuel Reimarus sagen können, wenn sie denn jemals sein Werk vollständig in die Hände bekommen hätte.
Seit der ersten vollständigen Reimarus-Ausgabe des Jahres 1972 nimmt die Fachwissenschaft von dem Reimarus durchaus Kenntnis und es reißt innerhalb der Theologie die Auseinandersetzung mit ihm nicht mehr ab. 2004 wird etwa über Reimarus festgehalten (8):
Reimarus, der bedeutendste Religionsphilosoph zwischen Leibniz und Lessing, wurde erst 1862 durch D.F. Straußens Reimarusschrift einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert. Sein Werk "Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes", die er als Hamburger Professor für orientalische Sprachen am Akademischen Gymnasium heimlich schrieb, stellt ein Hauptwerk deistischer Religionskritik dar. Dieses herausragende Zeugnis der deutschen Aufklärung entstand in den Jahren 1735-68.
Die zuletzt genannte Jahreszahl 1768 ist falsch, Reimarus starb - in Frieden und Gelassenheit - im Jahr 1758. Aber "herausragend" gewiß. Vieles andere an diesem Zitat mag immer noch falsch eingeordnet sein: "Heimlich" hat Reimarus sein Werk nicht geschrieben. Heimlichtuerei war seine Sache nicht. Er hat es Freunden übergeben, seine Familie wußte um das Werk. Er hat es ausdrücklich für die nachfolgenden Generationen geschrieben als "Schutzschrift" für diese. Er hat es nur nicht selbst in Druck gehen lassen.
Heimlichtuerei ist eine falsche Kennzeichnung. Freilich nachvollziehbar: Die Theologen rühmten das übrige Lebenswerk des Reimarus, so lange sie nicht wußten, daß Reimarus der Verfasser der "Schriften eines Unbekannten" war, die Lessing heraus gegeben hatte. Das änderte sich mit einem Schlag, als seine Verfasserschaft bekannt wurde. Da fühlten sie sich von ihm hintergangen und unterstellten ihm christliche Heimlichtuerei. Wie sie mit ihm umgegangen wären, hätte er sein Werk zu Lebzeiten veröffentlicht, das möchte freilich keiner wissen. Wie übel sie ihn und seine Familie zugerichtet hätten, das blenden sie vermutlich gerne aus.
2018, 250 Jahre nach dem Tod des Hermann Samuel Reimarus, sind zahlreiche Aufsätze über Reimarus, über sein Leben und sein Wirken erschienen. Keiner dieser Aufsätze stellt seine geistesgeschichtliche Bedeutung in einer solchen Klarheit und Deutlichkeit heraus wie das die Lessing-Biographie von Mathilde Ludendorff im Jahr 1937 getan hatte. Und wie an dem eben gebrachten Zitat erkennbar wurde, scheint darüber bis heute selbst innerhalb der Wissenschaft keine ausreichende Klarheit zu bestehen.
Den modernen Christentumskritikern - wie etwa einem Richard Dawkins - scheint Reimarus sogar völlig unbekannt zu sein. ChatGPT weiß darüber jedenfalls nichts. Was für ein krasser Mißstand!
Sechzig Jahre nach dem Tod Mathilde Ludendorffs
In der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main liegt die Reimarus-Ausgabe von 1972 in einer ganz unerwartet abgegriffenen, viel benutzten, das heißt: viel gelesenen Ausgabe vor (Abb. 6). Dieser Umstand überrascht. Das heißt ja doch, daß diese Ausgabe in den letzten fünfzig Jahren sehr sehr fleißig ausgeliehen worden sein muß, fleißig gelesen worden sein muß. Das gilt gewiß nicht für alle Bücher, die man an viel frequentierten Universitätsbibliotheken so ausleihen kann.
Man fragt sich: Wer hat dieses Werk wohl in den letzten fünfzig Jahren so fleißig studiert? Die Jesuiten vom Jesuitenkollegium in Frankfurt? Aber werden die nicht ihre eigene Ausgabe besitzen? Aber von wem dann?***) Es scheinen das vor allem Theologen gewesen zu sein, denn uns ist kein Christentumskritiker bekannt, der jemals auf dieses Werk des Reimarus überhaupt aufmerksam gemacht hätte. Dabei ist dieses Werk für Christentumskritiker geschrieben worden - nicht für Theologen.
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| Abb. 6: Speckig und abgegriffen, weil viel gelesen - die "Apologie" des Reimarus in ihrer Erst- und Letzt-Ausgabe von 1972 in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main |
Aber gerade auch weil sie so abgegriffen und stark benutzt ist, überlegen wir, eine eigene solche Ausgabe zu erwerben. Erneut große Überraschung: Im Buchantiquariat ist eine solche gebrauchte Ausgabe nicht unter 85 Euro zu erhalten (Abb. 7). Und auch für einen solchen und höhere Preise stehen offenbar nur wenige Exemplare zur Verfügung.
Und da stellen wir dann auch fest: Das Werk wurde 1972 beim Insel-Verlag herausgegeben als "einmalige Auflage in 1200 Exemplaren" (s. Abb. 7). - - - Insel-Verlag?!? - - - 1200 Exemplare? Was denkst du dir dabei?
Um nur einen - völlig willkürlich gewählten - Vergleich zu nennen: 1968 war bei Reinbek bei Hamburg das Buch von Joachim Kahl (geb. 1941) (Wiki) erschienen "Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott". Es erfuhr "mehrere Auflagen; Übersetzungen ins Englische, Japanische, Italienische, Niederländische. Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe 1993 sowie 2014".****)
Es hätte also auch anders gehen können mit dem Reimarus. Im Jahr 1968 hatte die größte Kirchenaustrittsbewegung eingesetzt, die es seit jener von 1937 bis 1940 in Deutschland gegeben hat und die bis heute nicht mehr abgeebbt ist (Abb. 8).
Krasse Leistung, Insel-Verlag (!) - Sage und schreibe 1200 Exemplare gingen 1972 in Druck
Und von einem Hermann Samuel Reimarus, der sich für eine "Humanität mit Gott" eingesetzt hatte, druckt ihr also gerade einmal 1200 Exemplare? Und seit diese 1200 Exemplare verkauft worden sind, ist euch dieses Hauptwerk der Christentumskritik egal? Von diesen 1200 Exemplaren sind vermutlich die Hälfte schon von Bibliotheken erworben worden. Die andere Hälfte vermutlich von Theologen, für die das Werk des Reimarus seither unbestritten - aber selten ausdrücklich hervor gehoben - zum Grundwissen ihres Faches gehört (11). Und der Rest?
Was für ein krasser Mißstand. So etwas kommt doch in der Geistesgeschichte der zweiten Hälfte des 20. und der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts sonst nur noch äußerst selten vor.
Wer will denn hier, daß diese Schrift ungelesen bleibt? Wer wollte denn hier keine "Volksausgabe" heraus bringen und bewerben? Wer wollte denn Christentumskritiker in Deutschland mit der Herausgabe dieses Reimarus gar nicht erst in Unruhe versetzen? Und selbst Verleger der Ludendorff-Bewegung, unter denen es doch wirklich einige wache gab, sind in all den Jahren nicht auf dieses wesentliche Werk aufmerksam geworden und haben Nachdrucke organisiert?
Das bedeutende Werk des Reimarus ist heute auch - soweit übersehbar - im Internet nicht frei verfügbar (etwa auf Archive.org oder ähnlich).
Der Herausgeber Gerhard Alexander gibt in der Einleitung des zweibändigen Reimarus-Werkes übrigens eine sehr detaillierte Übersicht über die Überlieferungsgeschichte der Handschriften des Reimarus, die seiner ersten vollständigen Druck-Ausgabe zugrunde liegen. Er berichtet, daß jene Handschrift, die Lessing seinem Braunschweiger Herzog ausliefern mußte, nachdem der Fragmenten-Streit so hohe Wellen geschlagen hatte, und nachdem Lessing deshalb Veröffentlichungsverbot erhalten hatte, daß genau diese Handschrift bis heute verloren (!) gegangen ist.
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| Abb. 7: Die Reimarus-Ausgabe von 1972 ist erst ab 85 Euro antiquarisch zu erhalten (!) |
Zum Glück handelte es sich nicht um die letzte Fassung des Werkes, an der Reimarus noch bis an sein Lebensende gerarbeitet hatte, und die erhalten geblieben ist. Lessing selbst schon hatte das Gesamtwerk des Reimarus im Druck heraus bringen wollen. Allerdings haben ihm wohl seine Freunde Mendelsohn und Nicolai davon abgeraten. Auch das ein sicherlich bezeichnender Umstand.
"Gefahr!" - "Gefahr!" - "Gefahr!"
Aber es wird noch "erbaulicher". Auch noch Alexander schreibt im Jahr 1972 (!) über die "Gefahr", daß dieses grundlegende Werk des Reimarus zur "falschen Zeit" öffentlich gemacht werden würde (7, Bd. 1, S. 19):
Die Gefahr, daß die Apologie zu politischer Propaganda mißbraucht würde, bestand: wie aus den Beilagen zur Hamburger Handschrift hervor geht, versuchten 1935 Anhänger der "Ludendorff-Bewegung", den Direktor der Bibliothek, Professor Wahl, zur Herausgabe des Werkes zu bestimmen. Professor Wahl lehnte aus Kostengründen ab, was zu einem sehr polemischen Briefwechsel führte.
Wenn die Einsichtnahme eines Hauptwerkes der Geschichte der Christentums- und Bibelkritik in Deutschland, das zweihundert Jahre zuvor entstanden war, "aus Kostengründen" abgelehnt wird, wird man wohl durchaus "polemisch" reagieren können, so möchten wir meinen. Aber - was denn: Wie kann denn die Veröffentlichung eines Werkes, das über zweihundert Jahre alt ist, und das über zweihundert Jahre lang unveröffentlicht geblieben ist, noch zweihundert Jahre später eine - - - "Gefahr" darstellen?!? Mit was für einem "Brandsatz" haben wir es denn hier zu tun? Welche Explosivkraft enthält dieses Werk?
Wir werden zu diesem Blogartikel noch einen zweiten Teil veröffentlichen. Da werden wir uns dann eingehend mit dem Inhalt der beiden Reimarus-Bände beschäftigen. Einen ersten Eindruck kann man sich durch eine unterhaltsame Theologen-Vorlesung aus dem Jahr 2021 verschaffen (11).
Wenn dieses Buch aber noch heute so "gefährlich" ist, dann verstehen wir schon, daß es nur noch für 85 Euro zu erwerben ist und daß dieser "Brandsatz" im Internet nicht frei verfügbar ist.
Wir entnehmen dieser Anmerkung aber auch, daß die Vorarbeiten für das Lessing-Buch von Mathilde Ludendorff offenbar schon im Jahr 1935 begonnen hatten, und daß offenbar Anhänger Mathilde Ludendorffs in Hamburg bei diesen Vorarbeiten versuchten, mitzuhelfen.
Man müßte einmal die Zeitschriften-Bände der Ludendorff-Bewegung ab 1935 und ab 1972 auf das Suchwort "Reimarus" hin befragen.
Reimarus war weitsichtiger als Schiller und Hölderlin
Reimarus war vielleicht weitsichtiger als alle deutschen Dichter und Denker noch der Zeit um 1800. Er hat den religionslosen, atheistischen Fanatismus des Marxismus, des Anarchismus und des Nationalsozialismus voraus gesehen. Er forderte - um 1750 herum! - jene unter seinen Lesern, die sich von der Unmöglichkeit, noch Christ sein zu können, überzeugt hatten, auf (7):
Machet eine unverbrüchliche Verbindung unter euch, daß ihr euer Licht durch Zucht, Ehrbarkeit und Wohlstand, durch Gerechtigkeit, Dienstfertigkeit, Verträglichkeit und Menschenliebe, durch die innigste Hochachtung und Anbetung eures weisesten, gütigsten und mächtigsten Schöpfers und durch die möglichste Erfüllung seiner Absichten, gleichsam in einem Wettstreit mit der Christenheit wollet leuchten lassen; und diejenigen durchaus nicht für eure Mitglieder erkennt, welche die Vernunft und Menschlichkeit durch Schandtaten und Bosheiten entehren. Dann wird euch diese Schrift leicht gegen die falschen Beschuldigungen und Verleumdungen, welche euch mögen aufgebürdet werden, schützen und verteidigen können.
Reimarus nahm also noch einen Schöpfergott an. Er wußte aber sicher, daß dieser sich nicht durch die Bibel offenbart hatte. Und Reimarus sieht so klar und so wahr die Bedeutung seiner eigenen Schrift. Er blickt über künftige Jahrhunderte hinweg. Seine "Verteidigungsschrift", seine "Apologie", seine "Schutzschrift" sollte also gemäßigte, verträgliche Menschen vor falschen Verdächtigungen in Schutz nehmen, nicht aber schändliche und boshafte Menschen, die ihre "Gottlosigkeit" dazu benutzen, nur noch schändlicher und boshafter zu werden.
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| Abb. 8: Kirchenaustritte in Deutschland seit 1900 in Prozent der Mitglieder (n. Detlef Pollack in Resg2016) - ab 1907 Monistenbund, ab 1918 Sozialdemokraten, ab 1933 Wiedereintritte, ab 1935 Gottgläubigkeit, ab 1945 Adenauer-Restauration, dann 68er Bewegung |
Genau um solcher Umstände willen hat diese Schutzschrift für alle nichtchristlichen Gottgläubigen noch heute einen so unglaublich großen Wert und eine so unglaublich große Aktualität. Vielleicht ist ja genau deshalb dieses Buch 1972 nur in sage und schreibe 1200 Exemplaren in Druck gegangen, gedruckt allein für Bibliotheken und Theologen und deshalb heute nur noch für 85 Euro gebraucht zu kaufen. Vielleicht war es genau deshalb seither nie ein volkstümliches Buch. Es hätte unter seinen Lesern einen anderen Geist hervor gebracht als viele andere Bibel-kritische Werke, die seit 1972 erschienen sind.
Wenigstens wurde das Hauptwerk des Reimarus 1943 vor den britischen Bombern bewahrt
Aber hat denn der oben genannte Professor Gustav Wahl (1877-1947) (Wiki), der die Veröffentlichung dieses Werkes im Jahr 1935 für "gefährlich" hielt, und der 1938 Mitglied der NSDAP wurde (die er also mit 61 Lebensjahren offenbar nicht für "gefährlich" hielt), hat denn dieser Herr Wahl diese Worte nicht gelesen in dem von ihm "gehüteten" Werk? Wie hätte er es denn für "gefährlich" erachten können anstatt als "Schutz" vor Gefahr - wenn er diese Worte gelesen hätte? Immerhin werden wir in diesem Zusammenhang auch noch auf das folgende aufmerksam (Wiki):
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bibliothek 1943 in der Operation Gomorrha weitgehend zerstört, der Westflügel bei einem weiteren Luftangriff im Juni 1944. Von den bis dato vorhandenen 850.000 Bänden wurden 700.000 bei den Luftangriffen vernichtet. Nur ein geringer Teil des Bestandes war zuvor ausgelagert worden. Die Hamburger Bibliothek gilt als die deutsche Bibliothek mit den größten Kriegsverlusten.
Was für eine "Gefahr" schwebte also noch Anfang der 1940er Jahre über der Handschrift des Reimarus - weil sie bis dahin immer noch nicht in Druck gegeben worden war. Offenbar aber hatte Professor Wahl nun wenigstens dafür gesorgt, daß dieses Werk zu dem "geringen Teil des Bestandes" gehörte, der zuvor ausgelagert worden war. Wenigstens das.
Wie hätte die Herausgabe dieser im Ton so außerordentlich gemäßigten Schrift Mitte der 1930er Jahre einen Schutz darstellen können gegenüber den Schandtaten und der Boshaftigkeit, die damals - unter anderem von Seiten des Sicherheitsdienstes der SS - unter anderem auch im Namen der Ablehnung von Christentum und Kirche begangen wurden. Auf einen Hermann Samuel Reimarus, der "Zucht, Ehrbarkeit und Wohlstand, Gerechtigkeit, Dienstfertigkeit, Verträglichkeit und Menschenliebe" hoch hielt, hätten sich diese "gottgläubigen" Nichtchristen in der SS gewiß nicht berufen können. (Zur Erinnerung: Innerhalb der führenden Ränge der SS war die Mehrheit der Angehörigen ab 1935 aus der Kirche ausgetreten und nannten sich "gottgläubig", ebenso die Mehrheit der NSDAP-Abgeordneten des Deutschen Reichstages [2]. Zahlreiche SS-Offiziere, die an den Massenerschießungen der Sonderkommandos im Osten beteiligt waren, im Rahmen jener Sonderkommandos also, die von Werner Best aufgestellt worden waren, nannten sich - - - "gottgläubig". Von jenem Werner Best aufgestellt, vor dessen schändlicher und boshafter Mordmoral in den "Boxheimer Dokumenten" Erich Ludendorff schon 1931 öffentlich gewarnt hatte.)
Heiner Jestrabek 2013
Ergänzung 26.7.2026: Das bis heute fortdauernde Nicht-zur-Kenntnisnehmen des Hermann Samuel Reimarus unter Christentums- und Kirchenkritikern wird besonders augenfällig, wenn man mit den Suchworten "Humanistischer Pressedienst Reimarus" sucht. Diese Suche bringt sage und schreibe ein Suchergebnis, das als relevant eingeschätzt werden kann. Mit diesem finden wir die Rezension eines 2013 erschienenen Buches eines rührigen württembergischen Freidenkers namens Heiner Jestrabek (geb. 1956) (Wiki) (Jestr) (12). Wenn man die einleitenden Worte dieser Rezension liest, glaubt man zunächst endlich das "Missing link" innerhalb der christentumskritischen Szene gefunden zu haben. Denn da heißt es (13):
Selbst sehr engagierten Freidenkern, Freigeistern und Humanisten dürften wohl die Namen Matthias Knutzen, Johann Joachim Müller und Samuel Reimarus kaum oder gar nichts sagen. Dabei nehmen diese drei Männer einen herausragenden Platz in der frühen deutschen Aufklärung und Religionskritik ein. Sie und ihre maßgeblichen Werke der Vergessenheit entrissen zu haben, ist das Verdienst des rührigen Freigeistes und Publizisten Heiner Jestrabek. Zum besseren Verständnis der rund 300 Jahre alten Schriften leistet Jestrabeks Einleitung unter der Überschrift „Frühe deutsche Religionskritik“ einen wichtigen Beitrag.
Das hier besprochene Buch behandelt, soweit wir das erkennen können, zunächst zwei geistig ziemlich unbedeutende deutsche Atheisten, die vor Reimarus gelebt haben. Sollten Reimarus die Schriften dieser beiden Atheisten bekannt gewesen sein, hätten sie für ihn sicherlich genau das repräsentiert, gegen das sich seine eigene Bibelkritik ausgesprochenermaßen richtete. Denn seine Bibelkritik war ja eine "Schutzschrift" nicht für Atheisten, sondern im Gegenteil für "die vernünftigen Verehrer Gottes".
Im weiteren hat sich der Buchautor Jestrabek dann allerdings - wenn wir es recht verstehen - in seinem Buch erneut mit der Behandlung der Fragmente des Reimarus zufrieden gegeben.
Ja, gut, möchte man sagen, wenn Ihr den Theologen weiterhin die gründliche Kenntnis des Reimarus überlassen wollt, dann wird Euch wohl wirklich kaum mehr zu helfen sein, euch aufgeklärten Humanisten und Freidenkern.
Uns drängt sich aus diesem Anlaß der Eindruck auf, daß der Geist der vorwiegend auf Atheismus oder Agnostizismus ausgerichteten Christentums-Kritik unter heutigen Humanisten und Freidenkern vermutlich sowieso ein ganz anderer sein wird als der Geist eines Hermann Samuel Reimarus. Insofern wäre die so augenfällige und durchgehende Nichtbeachtung des Gesamtwerkes des Reimarus durch Humanisten und Freidenker seit vielen Jahrzehnten natürlich auch wieder stimmig. - Augen zu und durch, oder? Merkt schon keiner ...
__________
- Ludendorff, Mathilde: Lessings Geisteskampf und Lebensschicksal. Ludendorffs Verlag München 1937 (GB)
- Erich und Mathilde Ludendorff: Die machtvolle Religiosität des Deutschen Volkes vor 1945. Dokumente zur deutschen Religions- und Geistesgeschichte 1933 bis 1945. Freiland-Verlag, Süderbrarup 2004 (Archiv)
- Ludendorff, Mathilde: Erlösung von Jesu Christo. Ludendorffs Volkswarte Verlag, München 1931 (Archiv)
- Ludendorff, Erich und Mathilde: Das große Entsetzen - Die Bibel nicht Gottes Wort. Ludendorffs Verlag 1936 (Archiv)
- Adler, Yonathan (bzw. Jonathan): The Origins of Judaism. An Archaeological-Historical Reappraisal (The Anchor Yale Bible Reference Library) Yale University Press, 15. November 2022 (Amz, GB)
- Bading, Ingo: Wie kam Stalin in die Mitte Europas? - Kriegsziele der westlichen Demokratien seit 1941. Magisterarbeit Mainz 1993; 2011 (Lulu)
- Reimarus, Hermann Samuel: Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes (unveröffentlichtes Manuskript seit 1730er Jahren geschrieben), erste vollständige Ausgabe im Auftrag der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften, Hamburg herausgegeben von Gerhard Alexander. In 2 Bänden. Insel Verlag, Frankfurt 1972
- Kuhn, T.K. (2004). Reimarus, Hermann Samuel. In: Vinzent, M. (eds) Theologen. J.B. Metzler, Stuttgart. https://doi.org/10.1007/978-3-476-02948-5_151
- David F Strauss: Hermann Samuel Reimarus: Und seine Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes. Brockhaus, Leipzig 1862 (288 S.)
- Kahl, Joachim: Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott. Rowohl Taschenbuch-Verlag, Reinbek 1968 (Archiv)
- Thorsten Dietz: Gotthold Ephraim Lessing - Bibelkritik in der Aufklärung. Worthaus Sommercamp - Volkenroda: 15. August 2021 (Yt2021)
- Jestrabek, Heiner: Frühe deutsche Religionskritik: Matthias Knutzens Flugschriften, von den drei Betrügern Moses, Jesus, Mohammed, Reimarus-Fragmente. Verlag Freiheitsbaum edition Spinoza Reutlingen 2013
- Krebs, Siegfried R.: Von den drei Betrügern. Humanistischer Pressedienst, 30.09.2013 (HPD2013)
Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte
Professor Wolfram Bernhard (1931-2022) - Nachruf
"... diesen Charakter der steten Vernichtung"
Mein Lehrer am Anthropologischen Seminar der Universität Mainz, Professor Wolfram Bernhard (1931-2022) (Uni Mainz), ist im Februar diesen Jahres mit 90 Jahren gestorben (Tr.a.).
Ich habe 1993 bis 1995 bei ihm studiert und mich von ihm auch für das Erste Staatsexamen in Biologie prüfen lassen (schriftlich und mündlich).
Ich habe ihn immer als sehr menschlich, ja, geradezu als behutsam erlebt.
Ich habe es persönlich nie erlebt, aber ich weiß, daß er an der Universität Mainz scharfer Kritik ausgesetzt war. Insbesondere von Seiten von Studenten, die sich als besonders "fortschrittlich" wähnten, wenn sie eine altüberkommene Forschungsrichtung wie die Physische Anthropologie der übelsten Absichten und Machenschaften verdächtigten und beschuldigten. Solche Angriffe (die auch am Anthropologischen Seminar in Hamburg und vielerorts sonst wüteten) waren in jenen Jahren vollkommen ungerechtfertigt.
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| Prof. Bernhard |
Meines Wissens und meiner Erfahrungen nach war Professor Bernhard gar nicht in irgendeiner Weise ein "Kämpfertyp", der solche Art von Anfeindungen und Kritik besonders leicht weggesteckt hätte. Von seiner ganzen Haltung her war er Mediziner, Arzt.
Aus der Traueranzeige, die viel von der zurückhaltenden, menschlich anmutenden Art von Professor Bernhard atmet, geht hervor, daß Professor Bernhard drei Kinder und elf Enkelkinder zurück gelassen hat. Offenbar sind alle seine drei Kinder ebenfalls Ärzte geworden.
"Ein der Wissenschaft gewidmetes Leben ist zu Ende gegangen,"
ist dort festgehalten dort (Tr.a.):
"Wir sind dankbar dafür, daß er uns ein wertvoller Unterstützer und Ratgeber war und zu dem gemacht hat, was wir heute sind."
Der Traueranzeige in ein Schopenhauer-Wort vorangestellt:
"Das Tier lernt den Tod erst im Tode kennen: der Mensch geht mit Bewußtsein in jeder Stunde seinem Tode näher, und dies macht selbst dem das Leben bisweilen bedenklich, der nicht schon am ganzem Leben selbst diesen Charakter der steten Vernichtung erkannt hat."
Das ist ja eigentlich doch auch ein schreckliches Wort für einen Nachruf. Aus ihm kann man - wenn man will - viel von der inneren Trauer, ja, geradezu von der "Vernichtung" heraushören, die die Jahre langen Angriffe an der Universität auf ihn ausgelöst haben, und die man während seiner Vorlesungen auch glaubte, schon so erahnen zu können.
Politische "Aktivisten" jeder Coleur mögen solche Worte zweimal lesen, um eine Ahnung zu bekommen von dem, was sie anrichten, anrichten können bei weniger grobschlächtigen Menschen als sie selbst es - nur allzu meist - sind. Wie auch wollte man mit gar zu heftigen, emotionalen und vollkommen ungerechten Verunglimpfungen und Herabsetzungen die Welt zu einem "besseren Ort" machen? Völlig unmöglich.
Ja, Professor Bernhard konnte auf seine Mitmenschen zeitweise wie erstorben wirken. Ja. Und man konnte den Eindruck gewinnen, daß dort die Behutsamkeit und die Freundlichkeit herrührten, mit denen er auf Menschen zuging.
Sucht man nun nach der Herkunft dieser Schopenhauer-Worte, kann man finden, daß sie in einem Aufsatz enthalten sind, der ebenfalls von einer Mainzer Hochschullehrerin verfaßt worden ist (1), und zwar von einer solchen, die in jenen Jahren bei dem hoch zu schätzenden Philosophie-Professor und Vorsitzenden der Schopenhauer-Gesellschaft Rudolf Malter wissenschaftliche Hilfskraft war, in denen ich selbst ebenfalls bei ihm studiert habe.
Rudolf Malter wird sie also mit seiner Schopenhauer-Begeisterung ebenso angesteckt haben wie er so viele andere in seinen Vorlesungen und Seminaren für Philosophie ganz allgemein begeistern konnte. Wo immer Menschen aufeinander treffen, die einmal in Vorlesungen bei Rudolf Malter gesessen haben, da ist sofort eine inneres Band da, eine "Gemeinsamkeit", die höher ist als alle Vernunft (so möchten wir hier einmal sagen).
Und so sicherlich auch bei jenen, die Professor Bernhard einmal kennen und schätzen gelernt haben.
Wundervolle, schöne, leidreiche Mainzer Studentenjahre, wohin seid ihr entschwunden!
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- Helke Panknin-Schappert (Mainz): Arthur Schopenhauer und die Paradoxie des Todes. In: Schopenhauer-Jahrbuch 2006 (pdf)
Die "Republik der Gelehrten"
"Republic of letters" (Wiki) - der Begriff fällt ins Auge und begeistert, wenn man ihn in einer Rezension erwähnt findet (1). Zu Deutsch "Republik der Gelehrten" (Wiki). Und zwar in der Rezension eines neuen Buches über die europäische Wissenschaftsgeschichte. Da ist nämlich die Rede von ... (1)
... den wissenschaftsgeschichtlichen Stichworten, nach denen die Wissenschaftsgeschichte heute üblicherweise gegliedert wird (die Revolution der Druckerpresse, die Republik der Gelehrten, der Öffentliche Raum, die Aufklärung, Demokratie und die Industrielle Revolution).
Lauter bedeutsame Dinge. Zuvor war schon die Rede gewesen von ebenso bedeutsamen Dingen, von den ... (1)
... bekannten europäischen Marksteinen des Fortschritts: Kopernikanisches Weltbild, Newton'sches Weltbild, Naturgeschichte nach Linnae, Elektromagnetismus nach Maxwell.
In so wuchtigen, kurzen Aufzählungen benannt, was das Leben von Tausenden, von Millionen Menschen erfüllte, prägte, formte, was uns heute ausmacht. Aber von all diesen Dingen fällt uns bei dieser Gelegenheit am meisten ins Auge: "Republic of letters", "Republik der Gelehrten". Was für ein großes Bild ersteht vor uns, was für ein Panorama entfaltet sich allein schon mit der Nennung dieser kurzen Worte: "Republic of letters".
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| Abb. 1: Charles Alexandre de Calonne (1734-1802) (Wiki) - französischer Reformpolitiker und Finanzminister unter Ludwig XVI. - Portrait der französischen Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun (1755-1842) (Wiki), die auch sonst viele hinreißende Portraits geschaffen hat, darunter mehrere der preußischen Königin Luise |
Was für eine Zeit, als edelgesinnte Geister und Gemüter - über ganz Europa hinweg - eine unsichtbare Republik bildeten, eine Republik von Gelehrten und Schöngeistern, die in einer "anderen Zeit" lebten oder gar "zeitlos", die jedenfalls ihrer eigenen Zeit weit voraus waren, die den Niederungen des Alltags entwunden waren, die einem schöneren, edleren Zeitalter entgegen strebten - durch Wissenschaft und Forschung, durch Beschäftigung mit Kunst und Kunstgeschichte, mit Literatur und Literaturgeschichte, durch Liebe und Begeisterung für alles Edle und Schöne.
Oh, Republik der Gelehrten, komm wieder. Möchte man nicht in die Arme dieser Republik sinken, sich in sie fallen lassen, frei sein, edel sein, dem Fortschritt zugeneigt sein? Wozu soll man noch - - - "Reichsbürger" sein, wenn man Angehöriger einer Republik von Gelehrten sein kann?
Die Republik der Gelehrten geht auch noch über die schöngeistigen Tafelrunden, wie sie etwa am Hofe Friedrichs des Großen in Sanssouci stattgefunden haben, hinaus. Sie führt direkt in die Studierzimmer der Gelehrten selbst. All das "Zwischenmenschliche", all die - womöglich oberflächlichen - Neckereien, Heiterkeiten, all der Zank auch, der neckische oder ernsthaftere, all der Unfriede, all die äußere, aufreibende Unruhe der Zeit, die auch noch bis in manche Tafelrunde und in manchen Salon hinein geschwappt sein mögen, sie alle sind aus dieser "Republik" verbannt.
Hier brennt die ewige Sonne der Wahrheit.
Hier brennt die ewige Sonne der Freiheit.
Hier brennt die ewige Sonne der Schönheit und des Edelsinns.
In diese Republik werden nur jene Geister aufgenommen - und sie werden nur insoweit aufgenommen - als sie gleichen Willens sind, von gleicher innerer Freiheit erfüllt sind, von gleicher Hoffnung auf bessere Tage erfüllt sind, auf eine bessere Welt, von gleicher Sehnsucht nach "Zukunft", nach den Inseln der Seligen.
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| Abb. 2: Madame de Polignac, die engste Vertrauten der französischen Königin Marie-Antoinette (Wiki), gemalt 1782/83 von Élisabeth Vigée-Lebrun (heute im Palast von Versailles) - Zu jener Zeit stand sie auf der Höhe ihres Einflusses, der ab 1785 zu schwinden begann |
Ohne frage, das besprochene Buch (1) wartet offenbar auch sonst mit einigen neuen Einsichten auf: Die Kopernikanische Wende ist durch die astronomischen Beschäftigungen im islamischen Bereich während des Mittelalters vorbereitet worden. Die Newton'sche Wende durch Erkenntnisse, die nur durch Seefahrt und Seehandel zu gewinnen waren.
Das "Überleben des Stärkeren" des Charles Darwin hat sich im "Frontier"-Idealismus der US-amerikanischen Siedler wieder gefunden. Insbesondere Marxisten haben sich für die Quantentheorie, Relativitätstheorie und Genetik begeistert. Alles das ist gewiß einerseits ein wenig gar zu plakativ. Andererseits wird aber in jeder dieser Aussagen dennoch ein wesentliches Körnchen Wahrheit stecken.
Die Besprechung kommt zu dem Schluß, daß bei aller Einbindung der europäischen Wissenschaftsgeschichte in außereuropäische Bezüge sie dennoch "eurozentrisch" bleibt (1):
Auch fast alle nicht-europäischen Forscher, die hervorgehoben werden, sind entweder an europäischen oder US-amerikanischen Instituten ausgebildet worden.
Oh je, was haben Wissenschaftshistoriker heute für Sorge. An Stelle solcher Erörterungen wäre doch womöglich noch viel angemessener, daran zu erinnern, daß es solche Republiken von Gelehrten auch im antiken Griechenland gegeben hat. Ganz Griechenland war voller Gelehrter und Philosophen und Künstler in einer Dichte, wie sie es zuvor und später nie wieder gegeben hat. Eine solche Republik von Gelehrten hat es ebenso schon im Tang-zeitlichen China oder auch davor gegeben. Und auch in anderen Hochkulturen auf dieser Erde. Die Möglichkeit einer "Republik von Gelehrten" war und ist keineswegs etwas spezifisch Europäisches.
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| Abb. 3: Selbstportrait, gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun (1790) (heute in den Uffizien) |
Aber in der Neuzeit sind es eben nicht mehr China oder Griechenland oder der Vordere Orient oder Indien, die an der Spitze der geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit stehen, sondern das eben ist nun Europa. Und mit mancherlei Gründen wird ja wohl auch gemutmaßt können, daß die Tage "dieses" Europas gezählt sein könnten. (Wer darüber jubeln mag, mag es ja gerne tun ... Soweit wir heutige Stimmen zum Beispiel aus China recht verstehen, gibt es dort über ein solches Geschehen keinen Jubel, sondern eher: Entsetzen.)
Aber zurück zu unserem konkreteren Thema. Was erfahren wir zusätzlich, wenn wir uns ein wenig umschauen zu dem Thema "Republic of letters", "Republik der Gelehrten"? 1774 etwa veröffentlichte der deutsche Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) (Wiki), der damals bei allen deutschen Dichtern hoch verehrte Dichter des "Messias", sein Buch "Die deutsche Gelehrtenrepublik". Goethe schrieb damals noch im gleichen Jahr dazu:
"Klopstocks herrliches Werk hat mir neues Leben in die Adern gegossen. Die einzige Poetik aller Zeiten und Völker. Die Einzige Regeln die möglich sind!"
Damals war noch Begeisterung in der Welt. Begeisterung für Tugend, für Wahrheit, für Schönheit. Und wir erfahren (Wiki):
Klopstocks aufgeklärte Utopie "Die deutsche Gelehrtenrepublik" (1774) ist ein Konzept, das für die als regierungsunfähig angesehene Fürstenherrschaft eine gebildete Elite in die Macht einsetzt. Die Republik soll von "Aldermännern", "Zünften" und "dem Volke" regiert werden, wobei den ersteren - als den gelehrtesten - die größten Befugnisse zukommen sollte, Zünften und Volk entsprechend weniger. Der "Pöbel" hingegen bekäme höchstens einen "Schreier" auf dem Landtage, denn Klopstock traute dem Volk keine Volkssouveränität zu. Bildung ist in dieser Republik das höchste Gut und qualifiziert ihren Träger zu höheren Ämtern. Entsprechend dem gelehrsamen Umgang geht es in dieser Republik äußerst pazifistisch zu: Als Strafen zwischen den Gelehrten veranschlagt Klopstock Naserümpfen, Hohngelächter und Stirnrunzeln.
Da dürfte doch mit leichter Hand schon eine Art Gegen-Entwurf gezeichnet worden sein zu jener Art von internationaler Oligarchie ("Fürstenherrschaft"), in der wir ja noch heute in allen Teilen Europas und Amerikas zu leben gezwungen sind. Denn es dürfte sich ja wohl inzwischen herumgesprochen haben können, daß der Begriff "Demokratie" eine Verballhornung jener Verfassungswirklichkeit ist, in der wir leben, womöglich seit "Demokratie" irgendwo in der Neuzeit überhaupt offiziell eingeführt worden ist.)
Klopstock, de Calonne, Vigée-Lebrun
Auf der Suche nach einem Vorschaubild stoßen wir noch auf ganz andere Seiten dieser "Republik der Gelehrten". Und deshalb binden wir als erstes Bild (und zugleich Vorschaubild) ein Portrait des französischen Reformpolitikers und Finanzministers unter Ludwig XVI. ein, Charles Alexandre de Calonne. Dasselbe wurde geschaffen von der französischen Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun (1755-1842) (Wiki) (Abb. 1). Diese hat auch sonst viele hinreißende Portraits geschaffen. Darunter im Jahr 1801 auch mehrere der preußischen Königin Luise (GAj). Aber dieses Portrait des französischen Reformpolitikers mag aus den vielen ihrer schönen Bildern noch einmal besonders hervor stechen. Und genau deshalb stellt man sich auch die Frage, was das eigentlich für ein Mann war, der hier portraitiert worden ist.
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| Abb. 4: Élisabeth Vigée-Lebrun - Selbstportrait mit Tochter (1786) (heute im Louvre) |
Und man stellt fest: Dieser befähigte Staatsmann hätte, wenn König Ludwig XVI. ihn nicht zwei Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution entlassen hätte, diesselbe verhindern können! Und was für ein hinreißend schöner Mann war er zugleich! Zumindest auf dem Portrait dieser Künstlerin Vigée-Lebrun.
In ihrer Kunst ist auch sonst die ganze Seligkeit dieser Epoche eingefangen worden. Diese war eben nicht nur von wissenschaftlichem Wahrheitsdrang erfüllt, sondern auch von politischem Freiheitsdrang und von Sehnsucht nach Schönheit und dem Ausdruckgeben von Schönheit - in der Kunst. Wie erstaunlich, wie ungewöhnlich, dies alles in einer Zeit vereinigt zu sehen. Was für ein Wunder geradezu, wenn man darauf von heute her blickt.
Wie weit sind wir heute von all dem entfernt. Welche Fülle an begeisternden Gemälden hat allein diese eine französische Malerin geschaffen, eine Künstlerin, von der die meisten Leser vermutlich an dieser Stelle zum ersten mal erfahren - ebenso wie der Verfasser dieser Zeilen selbst erst - während der Suche nach einem geeigneten Vorschaubild - auf ihre Kunst gestoßen ist. Ihre Gemälde, Portraits und Selbstportraits sind von so viel weiblichem und künstlerischem Selbstbewußtsein getragen. Man erkennt sofort: Eine selbstbewußte, emanzipierte Frau (Abb. 2-4). Und doch zugleich ist in diesen Gemälden so viel Zartheit, so viel Menschlichkeit enthalten, so viel weibliches Mitgefühl. Und wie jung diese Künstlerin war, als sie schon solche Gemälde schuf.
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| Abb. 5: Portrait der venezianischen Schriftstellerin Gräfin Isabella Albrizzi-Teotochi (1760-1836) (Wiki), entstanden 1792, gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun nach ihrer Flucht aus Frankreich |
Man erkennt sofort: Von diesem weiblichen Selbstbewußtsein war auch die Königin Luise erfüllt, die im Jahr 1801 mehrmals zum Gegenstand der Portraitkunst der Vigée-Lebrun geworden ist. Auch sie war Reformpolitikerin, auch sie gehörte den politisch fortschrittlichen Kräften ihrer Zeit an, auch auf ihr ruhten die Hoffnungen der Besten ihres Landes und ihres Volkes. Und sie war es, die den Plan hegte, Friedrich Schiller zum preußischen Minister zu ernennen. Und just in dieser Zeit starb Friedrich Schiller einen sehr frühen Tod. Und er erhielt in Jena ein sehr merkwürdiges Begräbnis. Und sein Schädel wird bis heute mit allem Eifer von der Wissenschaft gesucht.
Unbegriffene Schicksale. Wie viel Glanz, wie viel Schönheit, wie viel strahlende Selbstsicherheit selbst unter den weiblichen Künstlerinnen dieser Epoche. Wie harmlos und selbstbewußt konnten auf den Bildern der Élisabeth Vigée-Lebrun alle Zeichen weiblicher Schönheit und weiblichen Lebens zur Darstellung kommen.
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| Abb. 6: "Die unentschlossene Tugend" ("La Vertu Irresolue"), gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun schon 1775, also mit zwanzig Jahren |
Wer möchte nicht in einer solchen Zeit gelebt haben - oder leben?
Eine Zeit, in der eine Frau, die in Bezug auf ihre Tugendhaftigkeit nicht so recht weiß, was sie will oder wollen sollte, so außerordenlich weiblich und mitfühlsam dargestellt werden konnte (Titel "Die unentschlossene Tugend", auf Französisch "La Vertu Irresolue", s. Abb. 6).
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| Abb. 7: Portrait einer jungen Dame als Flora, gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun |
Wie so außerordentlich menschlich dieses Zeitalter.
Wie so außerordentlich entfernt von Bigotterie jeglicher Art.
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| Abb. 8: Sophie von Trott als Bacchantin, gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun (1785) |
Eine Zeit, in der sich Frauen des Adels als Bacchantinnen portraitieren lassen konnten (Abb. 8).
Und so führt der Weg der Suche nach der Wahrheit und der Freiheit in letzter Instanz immer wieder zurück zur Entdeckung der Schönheit und der Liebe.
Welches Zeitalter sollte dies eher bezeugen können als das Zeitalter der "republic of letters" und einer Künstlerin wie Élisabeth Vigée-Lebrun.
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- Jorge Cañizares-Esguerra: Rethinking the “Western” revolution in science. Rez. von James Poskett's "Horizons: The Global Origins of Modern Science" (Mariner Books, 2022. 464 pp) In: Science, 28 Apr 2022, Vol 376, Issue 6592, p. 467, DOI: 10.1126/science.abo5229, https://www.science.org/doi/abs/10.1126/science.abo5229
Das "sinnvolle Maß der Ursächlichkeit" in diesem Universum
Niemals war nur Chaos
.... Oder bleibt etwa doch "alles dem Spiel des Zufalls überlassen"?
Von philosophischer Seite aus sind einmal im Jahr 1923 aus intuitiver Erkenntnis heraus das Entstehen des Universums und grundlegende Prinzipien dabei in einer umfassenden "Schau", sowie mit Bezug zum damaligen naturwissenschaftlichen Kenntnisstand umrissen worden (1). "Gott" wurde in dieser Philosophie als jenseits von Raum, Zeit und Materie begriffen und damit auch als "jenseits" der Anschauungsformen der menschlichen Vernunft, hingegen als - sozusagen "pantheistisch" - erlebbar dem Icherleben der menschlichen Seele. Zu damaliger Zeit wurde manchmal noch der "Äther" als Vorstufe der Materie begriffen. Heute wäre an seine Stelle der Begriff "Quantenvakuum" zu setzen. Es wurde da in diesem Sinne festgehalten (1, S. 9f; bzw. S. 71):
Der vollkommene Gott ist entweder ohne Erscheinung, oder aber er tritt in Erscheinung, dann ist aber auch vollendete Gesetzmäßigkeit das Kennzeichen seiner Vollkommenheit. Ja, diese vollendete Gesetzmäßigkeit aller Gotterscheinung ist in den ersten Stufen der Schöpfung am allerklarsten kundgetan und muß in der Vorstufe der Erscheinung, im Äther vollkommen wohnen. Setzen uns doch auch heute noch die Gase, die älteste Zustandsform der Stoffe, durch ihre monumentalen Gesetze und ihre restlose Einordnung so in Erstaunen. Die Druck- und Raumgesetze der Gase, die Gesetze ihrer Verbindung können uns beredet von der Gesetzmäßigkeit der Urerscheinung zeugen und weihen sie mit dem Adel vollkommener Willenserfüllung. Niemals also war Chaos, so wahr Gott die Vollkommenheit ist.
Natürlich repräsentierten auch schon die damals bekannten, hier erwähnten "monumentalen Gesetze" der Gase eine Kombination, ein Zusammenspiel von Naturgesetzen und Zufall, ein Zusammenspiel von Gesetzmäßigkeit und Chaos. Insofern muß gesagt werden, daß der Begriff "Chaos" hier so zu lesen ist als eine chaotische Zustandsform, die durch keinerlei Gesetzmäßigkeit gebändigt wäre. In diesem Sinne ist der Satz zu verstehen "Niemals also war Chaos", sprich, Chaos für sich allein - und nichts anderes als Chaos. Chaos und nur Chaos, ohne Begrenzung durch die Naturgesetze.
Daß der Begriff Chaos in diesem Zusammenhang genau so und nicht anders zu lesen ist, geht also schon deutlich genug aus dem Gesamtzusammenhang des Zitates hervor, insbesondere durch den Bezug zu den Druck- und Raumgesetzen der Gase.
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| Abb. 1: Werner Heisenberg, um 1930 |
Dennoch wird deutlich, daß der Autor im Jahr 1923 mit der schon damals gut ausgearbeiteten Wärmelehre der Gase sich noch nicht sehr viel beschäftigt hatte. Sonst hätte er präziser formuliert. Um Mißverständnisse aus heutiger Sicht auszuschließen, wäre also dieser letzte Satz des Zitates sinnvoller Weise umzuformulieren etwa in den Wortlaut:
Niemals also war - nur allein isoliert für sich - Chaos, so wahr Gott die Vollkommenheit ist.
Denn das Vorherrschen des Zufalls, ohne daß dieser von Naturgesetzten gebändigt und gesteuert würde, erst dies wäre ja jenes womöglich "vollendete Chaos", von dem aus philosophischer Sicht hier hatte die Rede sein sollen. Und so ist es dann von derselben Autorin im Jahr 1941 auch noch einmal klarer heraus gestellt worden (3, S. 167):
"Niemals war Chaos" vor dieser Schöpfung, wie Menschenwahn wähnte, von der Vorstufe der ersten Erscheinung an, in die Gott einging, herrschte Wirkungordnung. Wir haben erwiesen, daß diese Wirkungordnung, diese Kausalität nicht um ihrer selbst willen vorhanden ist, sondern nur um das Schöpfungziel zu erreichen und zu erhalten daß sie um eines göttlichen hehren Sinnes willen Maß innehält. Aber wir haben auch der Erwartung Ausdruck gegeben, daß eine vollkommen begrenzte Gesetzlosigkeit, Chaos, in dem Mikrokosmos angetroffen werden wird, (...) und daß dieses streng begrenzte Chaos niemals die Zuverlässigkeit der Naturgesetze im Makrokosmos beeinträchtigen wird.
Diese Klarstellung ist natürlich sehr bedeutend. Denn sonst könnte das erstgenannte Zitat doch auch mancherlei Mißverständnisse mit sich bringen. Auch von philosophischer Seite war also schon 1923 und 1941 der Zusammenhang benannt worden: Chaos und Gesetzmäßigkeit treten - als Grundprinzipien ein und desselben Grundzusammenhanges, nämlich des Seins schlechthin - gemeinsam und niemals getrennt voneinander auf. Es gibt kein Chaos ohne Naturgesetze. Und es gibt keine Naturgesetze ohne Chaos. Das ist der Grundgedanke, der hier formuliert wurde.
In diesem Beitrag sollen die hier benannten Zusammenhänge aus der Sicht der Theorie komplexer Systeme - andere Benennungen lauten: Theorie dissipativer Systeme, Chaostheorie, Synergetik (alles Begriffe der Physik für denselben Themenbereich, wie er sich in den 1970er Jahren heraus schälte), etwas ausführlicher umsonnen werden.
Die hier erörterten Zusammenhänge sind nämlich erst seit den 1970er Jahren von Seiten der Theoretischen Physik besser verstanden worden und einer Klärung näher gebracht worden. Dieses bessere Verständnis brachte aber noch weitaus mehr mit sich: Seither ist der Wissenschaft bewußt geworden, daß Chaos nicht nur als ein zerstörerisches Prinzip wirksam ist, sondern auch als Voraussetzung der Entstehung von Komplexität. Über diesen Zusammenhang sind unzählige wissenschaftliche Bücher und Aufsätze erschienen, nämlich über das Zusammenspiel zwischen Chaos und Ordnung, zwischen Zufälligkeit und Gesetzmäßigkeit, das allem Sein in diesem Universum zugrunde liegt. Erst damit ist dem Begriff Chaos als größtmögliche Unordnung eine ganz bestimmte, fest umrissene Bedeutung und Rolle in diesem Universum zugesprochen worden.
Es ist also erkannt worden, daß - philosophisch gesprochen - die Vollkommenheit dieses Universums in genau diesem unglaublich aufregenden, erregenden Zusammenspiel von Chaos und Ordnung besteht.
Als Nebengedanke sei erwähnt: Um die Verwendung und Bedeutung des Begriffes "Chaos" im Jahr 1923 zu verstehen, ist wohl auch zusätzlich noch zu bedenken, daß im Jahr 1923 in dem Begriff des Chaos, wenn man in Deutschland lebte, noch viel mehr mitschwang, als was wir heute mit diesem Begriff verbinden. Man empfand die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Umwälzungen, die der Ersten Weltkrieg mit sich gebracht hatte - gerade auch in Deutschland, aber mehr noch in der Sowjetunion - als "Chaos", als Zustand vollkommener Unordnung, als Zustand vollkommener Gesetzlosigkeit, als Elend unermeßlichen Ausmaßes. Es ist nachvollziehbar, daß es in solchen Zeitumständen schwer fiel, dem Chaos - als Gegenspieler zur Gesetzmäßigkeit - eine gar zu große Rolle für alles Weltgeschehen zuzusprechen. Von der Gelassenheit und Kühnheit eines Friedrich Nietzsche hatte man sich aufgrund solcher Zeitumstände weit entfernt. Von Nietzsche war ja der schöne philosophische Satz bekannt:
"Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können."
Und dieser Satz ist durch die Physik der Theorie komplexer Systeme auch glänzend bestätigt worden. Mehr noch: Nietzsche hatte schon allein schon bloß vom heutigen physikalischen Standpunkt der Stern-Physik her völlig recht: Im Innern eines jeden Sternes lodert Chaos, zusammengehalten durch die Gesetze der Schwerkraft, in "Brand gesetzt" durch die frei gesetzten, vormals gefesselten Energien, die in jedem Atomkern dieses Universums schlummern. Soweit noch einmal der genannte Nebengedanke.
Daß ein Satz "Niemals also war Chaos, so wahr Gott die Vollkommenheit ist" - isoliert für sich genommen zitiert - der Sachlage, die in der physikalischen Erkenntniswelt gegeben ist, in keinem Fall gerecht wird, ist von philosophischer Seite also schon im Jahr 1941 klar gestellt worden (3). Nun wurde die Rolle des Chaos in der Physik - und zwar vor allem auch für das Ende und die Auflösung des Universums - deutlicher philosophisch erläutert und in Rechnung gestellt (3).
Es ist unglaublich aufregend zu sehen, wie man sich von philosophischer Seite aus dem Phänomen des Chaos in unserem Universum zu unterschiedlichen Zeiten angenähert hat. Zu einem runderen Abschluß dieser Auseinandersetzung konnte es erst - so wird ja gut aus der Rückschau deutlich - in den 1970er Jahren kommen.
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| Abb. 2: Werner Heisenberg, um 1930 (Wiki) |
Aber im Jahr 1941 spürt man schon viel von der zeitgleichen und kommenden Entwicklung in der Physik voraus, von einer Entwicklung, die nicht zuletzt mit dem Namen Lars Onsager verbunden gewesen ist (siehe BzWg2/2021).
Wie aufregend, wenn man mit dem Wissen vom Beginn des 21. Jahrhunderts her auf diese damalige Auseinandersetzung zurück blickt. Wie sehr doch ein philosophischer Satz wie der eingangs angeführte, auch wenn er ohne die genannte Ergänzung zu Irrtum verleitet, das Nachdenken befeuern kann. Und wie sehr die nachfolgenden physikalischen Erkenntnisse dann erst an "Frische" und Bedeutsamkeit gewinnen, betrachtet man sie aus dem Blickwinkel dieser "nur angedeuteten" philosophischen Mißverständlichkeit des Jahres 1923 heraus.
Werner Heisenberg über den Zufall 1941/42
Im gleichen Jahr 1941 schrieb auch der deutsche Atomphysiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg Gedanken über die Rolle des Zufalls in unserem Universum nieder (4, S. 93):
... In dem Bereich der Wirklichkeit, dessen Zusammenhänge durch die Quantentheorie formuliert werden, führen die Naturgesetze also nicht zu einer vollständigen Festlegung dessen, was in Raum und Zeit geschieht; das Geschehen ist vielmehr - innerhalb der durch die Zusammenhänge festgelegten Häufigkeiten - dem Spiel des Zufalls überlassen.
Er versucht dann, sich der Bedeutung der Rolle des Zufalls im Naturgeschehen noch einmal über den Vorgang der Kristallbildung anzunähern. Er sagt zwar, daß die Naturgesetze die Anordnung der Atome in Reih und Glied, die Symmetrien und damit die Struktur des Kristalls festlegen (4, S. 94f):
Aber die besondere äußere Form des einzelnen Kristalls bleibt nach den uns bekannten Gesetzen dem Spiel des Zufalls überlassen; selbst wenn genau die gleichen äußeren Bedingungen für die Bildung eines Kristalls wiederhergestellt werden könnten, so wäre doch die Form des gewachsenen Kristalls nicht immer die gleiche: Der in kalter Luft abgekühlte Wassertropfen erstarrt zum Schneekristall. Die Symmetrie des Kristalls wird, wenn keine äußeren Störungen auftreten, stets die des Sechsecks sein; aber die besondere Form des kleinen Kristallsterns wird durch kein Naturgesetz vorher bestimmt; innerhalb der durch die sechseckige Symmetrie, die Größe des Tropfens, die Art der Abkühlung usw. bestimmten Grenzen entwirft der Zufall die unendlich vielfachen Muster der Sternchen und Plättchen, die uns ebenso kunstvoll dünken wie die Bilderfolge eines Kaleidoskops.
Heisenberg fragt sich im Anschluß an diese Überlegungen, ob eine solche Art des Zufalls per se als etwas "Sinnloses" betrachtet werden müsse (da Goethe das in einem zuvor von ihm gebrachten Zitat unterstellt hatte) (4, S. 95):
Die Bildung eines Kristalls ist ein historischer Akt, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann - und der als solcher eine wichtige Rolle auch im Zusammenhang unseres Lebens oder der Welt spielen kann, selbst wenn er nicht vorherbestimmt gewesen ist. Zusammenhänge einer Art, die uns berechtigt, das Wort "Sinn" zu verwenden, können sich auch an Ereignisse anknüpfen, die ohne jeden Grund auch anders hätten ablaufen können.
Was für ein begeisternder Gedanke.
Ja, wie zentral ist dieser Gedanke. Wir können unser persönliches, individuelles Dasein so wie es sich ergeben hat im Lauf der Dinge als ein "Zufallsereignis" verstehen. Und dennoch kann dieses so zufällig aufgetretene Sein "Sinn" haben.
Das ist eine sehr grundlegende, wesentliche Einsicht. Anders gesagt: Ein Kristall, eine Schneeflocke gibt uns den Eindruck einer einzigartigen Eigenpersönlichkeit und damit von etwas irgendwie "Sinnvollem", ob er nun zu dieser oder zu jener Eigenpersönlichkeit geworden ist durch den "historisch" einmaligen Vorgang seiner Bildung. Und dieser Gedanke kann dann auch auf das menschliche Leben angewandt werden, so wie es Heisenberg in diesen Sätzen auch andeutet ("im Zusammenhang unseres Lebens oder der Welt"): Das Spiel des Zufalls gibt jedem Menschen eine ganz bestimmte Erbausstattung mit, die seine Persönlichkeit festlegt, es läßt ihn unter ganz bestimmten Zeitumständen geboren werden in ganz bestimmten familiären Verhältnissen. All das ist Zufall. Aber die Tatsache, daß dies alles Zufall ist, bedeutet noch lange nicht, daß die Zusammenhänge, in denen dies geschieht, ebenso wie das Ergebnis dieser Zufälle "sinnlos" sind.
Zuvor hatte Heisenberg auch die Rolle des Zufalls im Zusammenhang mit der Wärmelehre (der Thermodynamik) der Physik behandelt. Hier hatte er ausgeführt, daß die Wärmelehre des 20. Jahrhunderts, also der modernen, "atomistischen Physik" sich grundlegend unterscheiden würde von der Wärmelehre der "klassischen Physik" des 19. Jahrhunderts (4, S. 79):
Eine unmittelbare Folge dieses Umstandes besteht auch darin, daß eine eindeutige Determinierung zukünftiger Vorgänge in der atomistischen Wärmelehre unmöglich ist. Denn wenn uns die Temperatur eines Körpers gegeben ist, so bedeutet dies eben einen bestimmten Grad von Kenntnis oder Unkenntnis über das mechanische Verhalten der Atome, und für ihre zukünftige Bewegung läßt sich nur die Wahrscheinlichkeit angeben, mit der ein bestimmter Vorgang eintritt.
Das sind alles Gedanken, an die dann später - quasi unmittelbar - der belgische Physiker Ilya Prigogine angeknüpft hat, und die er weiter gedacht hat - sowohl von physikalischer wie philosophischer Perspektive (7). "Später" heißt jedoch immerhin: vierzig Jahre später.
Hier im Jahr 1941 umsann Werner Heisenberg Zusammenhänge, die dann innerhalb der nächsten zehn bis dreißig Jahre weiteren Klärungen entgegen geführt werden konnten, nämlich durch die Theorie komplexer ("kooperativer") Systeme, bzw. - von ihrer "Rückseite" betrachtet - "Chaostheorie" genannt. Die Klärung wurde herbei geführt durch die immer genauere Erforschung von chaotischen Phasenübergängen in Nichtgleichgewichts-Systemen wie eben jenem der Kristallbildung, in denen sich Chaos in Ordnung umwandelt. Diese Klärung bestätigte, daß Werner Heisenberg mit seinen Überlegungen schon 1941 und noch eher intuitiv im Wesentlichen richtig lag.
Also schon 1941/42 war der Bewußtseinsstand innerhalb der modernen Physik soweit vorgedrungen, daß der sogenannte "Laplace'sche Dämon", nach dem alles im Universum schon von Anfang an "determiniert" wäre in seinem Ablauf und wir nur nicht die ausreichende Kenntnis aller dieser Determiniertheiten hätten, als eine Fehleinschätzung des 19. Jahrhunderts erkannt worden war. Allerdings wurde dies - etwa hier von Heisenberg - offenbar noch nicht gar zu betont zum Ausdruck gebracht. Denn 1941/42 fehlte dazu womöglich noch die ausreichende Sicherheit, die man dazu erst in den nächsten Jahrzehnten gewonnen hat.
Eine 64-jährige Philosophin - Und die moderne Physik
Während nun der 40-jährige Werner Heisenberg in seinem Haus in Urfeld am Walchensee - sowie in Leipzig und in Berlin - die eben angeführten Gedanken umsann, saß in Tutzing am Starnberger See eine 64-jährige Philosophin an ihrer Schreibmaschine und schrieb an einem Buchmanuskript zur Philosophie der modernen Physik, in dem sie sich - vor allem in dem Kapitel "Sinnvolles Maß der Ursächlichkeit" - mit sehr ähnlichen Grundgesetzen unserer Existenz beschäftigte. Nämlich mit der Rolle des Zufalls in allem Weltgeschehen (3). Sie hatte schon im Jahr 1923 eine philosophische Gesamtdeutung des Werdens des Weltalls und des Lebens gegeben (1), von der einleitend schon die Rede war. Wir sagten schon, daß die oben zitierte Stelle aus heutiger Sicht besser zu formulieren wäre mit einem Satz wie:
"Niemals also war nur Chaos."
Denn natürlich liegt auch schon in Bezug auf die Vorerscheinung der Materie, in Bezug auf das Quantenvakuum ein Wechselspiel vor zwischen Naturgesetzlichkeit und Zufall. Es herrschte in ihm ebenso wenig nur Zufall wie in ihm nur Naturgesetzlichkeit herrschte. Auf diese Weise kann man dieses Zitat mit dem heutigen Kenntnisstand wieder ganz gut in Einklang bringen.
So einfach war es der Autorin dieser Worte im Jahr 1941 allerdings noch nicht gemacht. Man sieht, wie sie sich damals damit abmühte, die Wahrheit, die in diesen Worten noch damals und auch noch heute enthalten waren, von dem Irrtum abzuscheiden, den diese Worte zugleich so offensichtlich enthielten (3, S. 166f). Diese Trennung konnte ihr damals noch keineswegs so glücklich gelingen wie uns das heute so geradezu selbstverständlich und mühelos gelingt.
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| Abb. 3: M. Eigen, 1983 (Wiki) |
Durch diese Buchveröffentlichung hatten sich Zusammenhänge geklärt, über die die Menschen seit vielen Jahrtausenden nachgedacht hatten, ohne jemals zu einer befriedigenden Lösung zu gelangen. Und diese Klärung erfolgte in der überraschend einfachen Form, in der wir sie gerade formulierten. Und sie ist ebenso einfach auch schon im Untertitel des Buches fast vollständig enthalten: "Naturgesetze steuern den Zufall". Mit diesen wenigen Worten ist das Grundgesetz allen Naturgeschehens - und darin auch allen menschlichen Lebens - klar umschrieben.
Ein Buch, das zu diesem Thema noch kurz zuvor den Ton angegeben hatte, und das dabei - dem Zeitgeist gemäß - die Rolle des Zufalls im Weltgeschehen weit über Gebühr hervorgehoben hatte - nämlich Jaques Monod's "Zufall und Notwendigkeit" (5) - war durch die Veröffentlichung von Manfred Eigen mit einem Schlag schon wieder Geschichte geworden.*)
1975 - Manfred Eigen klärt die Zusammenhänge
In den 1920er Jahren - und noch bis 1941 - hatte man aber diese Klarheit der Zusammenhänge auf dem Gebiet der Naturwissenschaft noch nicht. Deshalb war es damals noch möglich, daß man als Philosoph einem "ungeordneten Chaos" eine "ordnende Spontaneität" entgegen setzen konnte (3, S. 151). Beide waren als akausal, als nicht determiniert verstanden worden. Und soweit wäre ja die damalige Deutung prinzipiell auch heute noch gültig. Aber das eine, das "Chaos", wurde damals als ein bloß zerstörerisches Prinzip bewertet, während die "Spontaneität" als ein zwar akausales, aber ordnendes Prinzip verstanden wurde. Eigentlich hätte man sich auch damals schon treffender auf Nietzsche berufen und verwegen ausrufen können:
"Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können."
Aber die chaotischen politischen Umstände der frühen 1920er Jahre - von denen ja auch Werner Heisenberg in seinen Lebenserinnerungen wieder und wieder spricht und um derentwillen er seine Lebenserinnerungen "Der Teil und das Ganze" nannte - mögen viel zu groß gewesen sein und als viel zu belastend empfunden worden sein, als daß sich damals schon jeder ebenso unbefangen dem Begriff Chaos hätte zuwenden können wie das zuvor schon Friedrich Nietzsche getan hatte.
Nietzsche hat unumschränkt Recht behalten. Man sieht nun im Jahr 1941, wie die genannte Philosophin darum ringt, jenes apodiktische Urteil über das "Chaos" wie sie es 1923 formuliert hatte, einzugrenzen auf jene Bereiche, in denen es weiterhin Gültigkeit haben würde. Schon 1941 war erahnbar geworden, daß der Zufall Zufall ist und erst mit der Steuerung durch die Naturgesetze entweder eine zerstörende oder aber eine ordnende Wirkung entfaltet.**)
Vermutlich waren sie als solche auch schon im Jahr 1941 von der Autorin zu erkennen. Dennoch hält sie zäh an diesen Worten fest, indem sie meint, sie hätten sich nur auf die Makrophysik bezogen. Allerdings spielt der Zufall nach heutiger Erkenntnis auf allen Ebenen des Seins eine sehr ähnliche Rolle. Das konnte die Autorin im Jahr 1941 so deutlich noch nicht voraussehen. Deshalb ist ihr womöglich zuzugestehen, daß sie hier an Worten festhielt, die schon im Jahr 1941 sehr wackelig geworden waren. Sie schreibt (3, S. 164):
Ein sinnvolles Maß der Kausalität, ein sinnvolles Mindestmaß an Finalität, so erwartet es unsere Erkenntnis, werden wir in dieser Schöpfung vereint sehen mit einem sinnvollen Mindestmaß an Chaos.
So heißt es 1941 und dieser Satz steht völlig im Einklang mit dem, was wir auch heute über dieses Weltall und seine Naturgesetze wissen. Immerhin gibt sie gleich im Anschluß an dieses erneute Anführen des Zitates von 1923 nun eine weitaus gültigere Wortfassung der tatsächlichen Zusammenhänge (3, S. 166):
Das sinnvolle Maß der Kausalität wird uns durch ein sinnvolles Maß der Gesetzlosigkeit, durch ein streng begrenztes "Chaos" in der mikroskopischen Erscheinungwelt in erstaunlicher Klarheit enthüllt.
Wir können heute die historischen Bedingtheiten besser erkennen, aus denen heraus eine so starke Abwertung des Begriffes "Chaos" erfolgte. Und die Philosophin selbst setzte sich im Jahr 1941 genauer mit der Wärmelehre in der Physik auseinander als sie das jemals bis dahin getan hatte und mußte dabei ebenfalls erkennen, daß sie 1923 gar zu apodiktisch den Begriff Chaos als einen unangemessenen Begriff zur Beschreibung des Urgrundes allen Seins zurück gewiesen hatte.
Sie hebt nun das Chaos insbesondere in seiner Bedeutung für das gesetzmäßige Schwinden des Universums hervor. Daß es für das Werden des Universums die gleiche Bedeutung hätte, wird allerdings noch nicht so deutlich gesagt, weil eben diese Konnotation des Begriffes "Chaos" mit etwas Zerstörerischem noch zu groß war.
Sie mußte sich also diesbezüglich korrigieren, bzw., sie mußte die Begriffe, die sie verwendet hatte, präziser fassen. Aber auch bei dieser Korrektur blieb sie damals noch - sozusagen - "auf halbem Wege" stehen. Diese Erscheinung ist recht oft in diesem Buch von 1941 zu beobachten und sie macht klar, daß auch noch die 1940er Jahre eine Zeit des "Übergangs" war in unserem modernen Weltverstehen. Denn in den darauf folgenden Jahrzehnten konnte auf vielen Themengebieten der modernen Physik erst jene vollständige Klarheit und Sicherheit gewonnen werden, die damals - im Jahr 1941 - auf vielen Gebieten eben noch fehlte. Darum ist die Lektüre dieses Buches von 1941 so "spannend" und geradezu "erregend". Es "vibriert" in seinen Zeilen geradezu von Dingen, die künftig noch besser sollten geklärt werden können als sie es im Jahr 1941 waren.
Dies gilt übrigens auch für die Auseinandersetzung mit der Relativitätstheorie, die in diesem Buch enthalten ist. Auch hier bleiben die philosophischen Erörterungen - sozusagen - auf "halbem Wege" stehen, wollen sich weder völlig gegen die Relativitätstheorie von Einstein stellen, noch auch völlig für sie entscheiden. Und sie lassen die vormals, im Jahr 1923 niedergelegten philosophischen Intuitionen dabei auch - und womöglich mit manchem Recht - unangetastet.
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- Ludendorff, Mathilde: Schöpfungsgeschichte. Verlag Theodor Weicher, Leipzig 1928 (zuerst 1923), https://archive.org/details/MathildeLudendorffSchoepfungsgeschichte/
- Eigen, Manfred: Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall. Piper, München, Zürich 1975
- Ludendorff, Mathilde: Der Siegeszug der Physik - Ein Triumph der Gotterkenntnis meiner Werke. Ludendorffs Verlag, München 1941, https://archive.org/details/MathildeLudendorffDerSiegeszugDerPhysik
- Heisenberg, Werner: Ordnung der Wirklichkeit. Serie Piper, München 1989
- Monod, Jaques: Zufall und Notwendigkeit. Philosophische Fragen der modernen Biologie. Piper, München 1971 (Original 1970)
- Bading, Ingo: Studiengruppe Naturalismus: Ein kleiner Ausschnitt aus Erörterungen rund um naturwissenschaftliche Fragen in der Ludendorff-Bewegung der Jahre 1956 und 1957, 2017
- Prigogine, Ilya; Stengers, Isabelle: Dialog mit der Natur. Neue Wege naturwissenschaftlichen Denkens. Piper Verlag, München, Zürich 1980 (zahlreiche Folgeauflagen)
Als einmal vergessen wurde, einen Nobelpreis zu verleihen
Sind wir uns wirklich bewußt, daß die Welt vor ihrem Beginn "nur Theorie" war?
Wer sich allerdings "nur" mit Theorie beschäftigt, kann leicht bei der Verleihung des Nobelpreises einmal vergessen werden. So geschehen mit dem Jahrhundert-Genie Lars Onsager (1903-1976) (Wiki, engl). Es war dies ein Theoretischer Chemiker aus Norwegen. Durch seine Ehefrau hatte er auch einen persönlichen Bezug zum deutschen Sprachraum: Sie stammte aus Österreich. Den größten Teil seines Lebens verbrachte Onsager allerdings in den USA.
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| Abb. 1: Lars Onsager, Dezember 1968 in Stockholm anläßlich der Verleihung des Nobelpreises |
1968 ist Onsager der Nobelpreis verliehen worden. Und im Jahr 1970 nahm er an der Nobelpreisträger-Tagung in Lindau am Bodensee teil wie Bildunterschriften zu entnehmen ist (1). Im Jahr 1975 hat er in seinem gebrochenen Deutsch auf der Nobelpreisträger-Tagung in Lindau recht interessante Überlegungen zur Entstehung des Lebens auf der Erde vorgetragen (1). Die Abschlußveranstaltung dieser Nobelpreisträger-Tagung von 1975 fand auf der Insel Mainau nahe Konstanz statt (1, Bildunterschrift in 3:28).
In Zusammenhang mit dieser Tagung war Onsager auch zu einem Vortrag an die Universität Konstanz eingeladen worden. Und am Abend war zu Ehren seines Besuches in Konstanz eine kleine Gesellschaft zusammen gekommen. Auf dieser war die Gesprächsatmosphäre allmählich lockerer geworden, der Wein hatte die Zungen gelöst. Das Gespräch war auf die Wikinger gekommen. Und von Seiten einer jüngeren Frau ist über diese Wikinger dann ein wenig gar zu einseitige, harsche und grobe Kritik geäußert worden. Bei dieser Gelegenheit hat der Gastgeber erleben können, daß in dem ansonsten so umgänglichen Onsager doch auch ein Herz für seine wikingischen Vorfahren schlug. Der Gastgeber mußte vermittelnd in das Gespräch eingreifen, damit die Emotionen nicht gar zu hoch schlugen.
Der Bericht davon war als ein Beispiel dafür erzählt worden, daß gerade die genialsten Wissenschaftler, Künstler und Philosophen - zu denen Onsager zählte - nicht selten eine besondere gefühlsmäßige Verbundenheit zu ihrem eigenen Land, zu ihrer eigenen Herkunft, zur eigenen Geschichte und Kultur aufweisen. Man kann dies als Zeichen wahrnehmen eines durchaus auch geheimnisvollen Wirkens angeborener, sowie über prägungsähnliches Lernen weiter gegebener gruppenpsychologischer Zusammenhänge, die noch heute kaum ausreichend erforscht sind (unter Schlagworten wie etwa "Ethnozentrismus"), für die aber womöglich gerade oft bei den genialsten Vertretern einer Kultur sich die überzeugensten Belege finden lassen.
Werner Heisenberg wäre dafür ein Beispiel derselben Generation aus Deutschland. Oder - wenn wir auf frühere Jahrhunderte zurückblicken - Wolfgang Amadeus Mozart. Gibt es doch von Mozart solche Aussagen wie:
Was mich aber am meisten aufrichtet und guten Mutes erhält, ist, daß ich ein ehrlicher Deutscher bin.
Oder aber - als er sich für deutschsprachige Opern in Deutschland einsetzte:
... Doch da würde vielleicht das so schön aufkeimende Nationaltheater zur Blüte gedeihen und das wäre ja ein ewiger Schandfleck für Deutschland, wenn wir Deutsche einmal im Ernst anfangen würden, deutsch zu reden, deutsch zu handeln, deutsch zu denken und gar deutsch zu singen.
Als der Autor dieser Zeilen auf solche Zusammenhänge hingewiesen wurde, war er etwa 20 Jahre alt und hatte noch keinerlei inneren Bezug zur modernen Naturwissenschaft gewonnen. Er war es - wie die meisten Menschen - von seiner ganzen Herkunft und von seiner ganzen Interessenlage her gewohnt, Naturwissenschaft vornehmlich als etwas "Entseeltes", "Technisch-Materialistisches" anzusehen. Deshalb hatte er zur Naturwissenschaft - trotz "Physik-Leistungskurs" in der Oberstufe in den 1980er Jahren - keineswegs einen ebenso leichten Zugang gefunden. Fächer wie Geschichte oder Zeitgeschichte lagen ihm viel, viel mehr. Mit Hilfe des eben angeführten Hinweises aber auf einen solchen Zusammenhang - nun einmal nicht: zwischen "Genie und Wahnsinn", sondern zwischen "Genie und Wohlwollen für die eigene Herkunft" - auch bei Naturwissenschaftlern konnte bei ihm ein erster etwas mehr auf der Gefühlsebene gelagerter Bezug zur modernen Naturwissenschaft geweckt und angebahnt werden.
Als eine erste weitere Brücke, um einen solchen inneren Bezug herzustellen, stellte sich - wenn die Erinnerung nicht trügt - die Lektüre der Lebenserinnerungen von Werner Heisenberg dar, betitelt "Der Teil und das Ganze". Wer dem Inhalt dieses Buches hinter her horcht, wird in ihm allezeit eine große Liebe zu Deutschland finden. Diese veranlaßte Heisenberg im Jahr 1939, nicht in die USA zu emigrieren, obwohl er in Deutschland von den Anhängern einer pseudowissenschaftlichen, wissenschaftlich völlig unfruchtbaren, sogenannten "Deutschen Physik" als "weißer Jude" bezeichnet worden war und deshalb viel Undank und Ignoranz erleben mußte, obwohl er das Nahen des Krieges ahnte und obwohl er den Unrechtscharakter des Dritten Reiches vollauf durchschaut hatte und als solchen wahrnahm und obwohl er attraktive berufliche Angebote in den USA erhalten hatte.
Aber all das nur als einleitende Hinweise auf die erste Begegnung des Autors dieser Zeilen mit einem noch heute so unbekannten Jahrhundert-Genie wie Lars Onsager. Wer aber war Lars Onsager? In diesem Beitrag soll versucht werden, von seiner wissenschaftlichen Bedeutung einen gewissen Eindruck zu vermitteln, auch wenn das schwierig ist - wie gleich deutlich werden wird und was schon zu der wichtigsten Erkenntnis dieses Beitrages gehört.
Wenn sogar einem Carl Friedrich von Weizsäcker einmal die Worte fehlen ...
Junge Menschen, die eine große Begabung für Mathematik aufwiesen und Physik studierten, konnten in den 1950er Jahren zu dem schon damals - so wie heute - öffentlich kaum bekannten Lars Onsager wie zu einem Genie aufschauen. Würde man selbst jemals etwas so Großes auf dem Gebiet der Theoretischen Physik leisten können wie Lars Onsager? So konnte sich ein solcher Physik-Student fragen. Und so wurde es dem Autor dieser Zeilen auch von einem solchen über seine Jugendzeit berichtet. Aber in wem eine solche Frage damals aufkommen konnte, der wird doch wenigstens ansatzweise Anlaß gehabt haben, sie zu stellen. Das heißt, er wird sich etwas ähnlich Großes zumindest der Absicht nach grundsätzlich schon zugetraut haben.
Daß dann in den 1970er Jahren Lars Onsager einmal zu Besuch nach Konstanz kam, wird nicht zuletzt darauf beruht haben, daß sein Konstanzer Gastgeber - inzwischen selbst Professor für Biophysik - schon lange wissenschaftliche Arbeiten vorgelegt hatte - unter anderem in Zusammenarbeit mit Onsagers vormaligem Freund und Kollegen Julian Gibbs (siehe unten) - die ihn in den Augen Onsagers zu einem interessanten Gesprächspartner gemacht haben werden. Sonst hätte ja ein solcher Besuch gar nicht zustande kommen können. Sonstige Einzelheiten aber über den Anlaß und das Zustandekommen dieses Besuches von Onsager in Konstanz, sowie über Gesprächsinhalte anläßlich dieses Besuches sind (uns) einstweilen nicht bekannt geworden (bzw. werden in einer Ergänzung am Ende dieses Beitrages nachgetragen).
Für Physik-Laien ist es noch heute schwierig, sich ein Bild von der wissenschaftlichen Leistung von Lars Onsager zu machen. Das um so mehr, wenn selbst bedeutende Physiker abwinken konnten, wenn es sich darum handelte, seine Lebensleistung einer größeren Öffentlichkeit zu erläutern. Das wurde denn auch mehr als deutlich als Lars Onsager im Jahr 1968 den Chemie-Nobelpreis erhielt. In den damaligen Wissenschaftsredaktionen der Welt machte sich - begreiflicherweise - einigermaßen Ratlosigkeit breit. Man wußte nicht, wie man das wissenschaftliche Werk von Lars Onsager einer größeren Öffentlichkeit gegenüber erläutern sollte. Dafür war es nämlich viel zu abstrakt. Im Hamburger Wochenmagazin "Der Spiegel", sonst niemals um Worte verlegen, wurde damals beklommen festgehalten - und das (wie beim "Spiegel" eh häufig) vorsichtigerweise auch ohne Autorenangabe (2):
Der Hamburger Physiker und Philosophie-Professor Carl Friedrich von Weizsäcker, sonst wegen seiner Kunst gemeinfaßlicher Wissenschaftsdarstellung gerühmt, mußte diesmal passen: Onsagers Arbeiten seien nur in abstrakter Formelsprache darzustellen. Er verwies an Professor Josef Meixner Technische Hochschule Aachen; der verstehe "viel davon" - allerdings: Er werde "es wohl auch nicht allgemeinverständlich erklären" können, meinte Weizsäcker. In der Tat, auch Meixner konnte nur von einem "Prinzip des detaillierten Gleichgewichts" sprechen, oder von einer "Beziehung zwischen Thermodiffusion und Diffusionsthermoeffekt".
Immerhin versuchte der "Spiegel" sich nach solchen verstörten, einleitenden Worten dann doch noch an einer - vielleicht ansatzweise sogar brauchbaren - Erläuterung (2):
Daß Energie (beispielsweise die Bewegungs-Energie stürzender Wassermassen) nicht verlorengehe, sondern sich allenfalls in andere Formen der Energie (im Kraftwerk beispielsweise in elektrische Energie) verwandelt, hatte der Schiffsarzt Robert Mayer 1842 als ein Grundgesetz der Natur erkannt. Diesen sogenannten Ersten Hauptsatz der Wärmelehre ergänzten die Wissenschaftler hernach immer weiter. Aber alle Berechnungen, die sie über Vorgänge bei der Umwandlung verschiedener Energieformen anstellen konnten, blieben vergleichsweise wirklichkeitsfern: Sie bezogen sich auf Systeme, die in einem Gleichgewichtszustand verharren. Bei schnell ablaufenden Prozessen der Energieveränderung, wie sie in der Natur vorkommen - etwa bei einem Feuer oder bei einer Explosion -, ließen sich allenfalls der Anfangs- und der Endzustand berechnen. Onsagers wissenschaftliche Tat ist es, auch für den Übergang von einem Gleichgewichtszustand in einen anderen mathematische Formeln entwickelt zu haben, "die sich in der Praxis gut bewährt haben" (Weizsäcker). Onsager hatte diese Formeln ursprünglich nur für chemische Prozesse aufgestellt. Aber es zeigte sich, daß sie vielfältig anwendbar waren, so in der Halbleiter-Technik, in der Biologie - und schließlich auch, als US-Wissenschaftler ein Verfahren suchten, die Atombombe zu bauen.
Und in der Tat waren es ja auch "schnell ablaufende Prozesse der Energieveränderung", für die Manfred Eigen ein Jahr vor Lars Onsager den Nobelpreis erhalten hatte und bei diesem Anlaß in seiner Rede gesagt hatte, daß er sich "schämen" würde, den Nobelpreis vor Lars Onsager zu erhalten (siehe unten)(12). Auch das Nobelpreis-Komitee hatte erst noch auf die Leistungen Onsagers hingewiesen werden müssen, so sehr blühten sie auch damals schon "im Verborgenen".
In der Wochenzeitung "Die Zeit" erschien 1968 ebenfalls ein Artikel zur Verleihung des Nobelpreises an Lars Onsager. Der Artikel selbst verbirgt sich hinter einer Bezahlschranke. Aber schon der Titel sagt viel aus (3):
"Formeln für die Chemie von morgen - Lars Onsager entwickelte eine Mathematik für viele Vorgänge in der Natur."
Josef Meixner in Aachen - Ein "deutsche Onsager"?
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| Abb. 2: J. Meixner (5) |
Und wer war der im eben zitierten Text genannte Professor Josef Meixner (1908-1994) (Wiki)?
Als der bekannte belgische Chemiker Ilya Prigogine 1977 den Nobelpreis erhielt, gab es Gerüchte, daß an seiner Stelle auch Josef Meixner mit diesem hätte ausgezeichnet werden können (4):
Ein bedeutender Anteil der Forschungsarbeit von Meixner war mit der Thermodynamik irreversibler Prozesse befaßt. Er wird deshalb zu den Gründervätern dieses Forschungsgebietes gerechnet. Er wies darauf hin, daß Onsager's Symmetrie-Gesetze wichtige Konsequenzen hatten. Über viele derselben berichtete er in in einem berühmten Artikel zusammen mit Helmut G. Reik in der Encyclopedia of Physics III (Springer, 1959). Der Nobelpreis für Chemie wurde 1977 an Ilya Prigogine (1917-2003) verliehen (...), insbesondere für seine Arbeit über die Thermodynamik irreversibler Prozesse. Es wird erzählt, daß das Nobelpreiskomitee vier zusätzliche Stunden brauchte, um zu einer Entscheidung zu kommen. Und es gab Gerüchte, daß Meixner ebenfalls als Kandidat gehandelt wurde. Meixners erste grundlegende Arbeit datiert zurück auf das Jahr 1941, Prigogine's Arbeit begann 1947. Tatsächlich schreiben D. Bedeaux und I. Oppenheim in ihrem Nachruf auf Mazur: "Josef Meixner stellte 1941 und Ilya Prigogine unabhängig davon 1947 eine zusammenhänge phänomenologische Theorie irreversibler Prozesse auf, die Onsager's Reziprozitäts-Theorem beinhalteten und die explizite Berechnung für einige Systeme der sogenannten Entropie-Quellen-Stärke. Kurz danach stießen Mazur und de Groot zu dieser Gruppe der Gründungsväter hinzu des neuen Gebietes der Nichtgleichgewicht-Thermodynamik. Außerdem schreiben A. R. Vasconcellos et al.: "Vor über zwanzig Jahren gab J. Meixner in Arbeiten, die nicht die verdiente Verbreitung fanden, einige überzeugende Argumente um zu zeigen, daß es unwahrscheinlich ist, daß ein Nichtgleichgewicht ... [?] [weiteres hinter einer Bezahlschranke]". 1975 sprachen Prigogine und Meixner beide auf einer Akademie-Sitzung in Düsseldorf.Original: A major part of Meixner's research work concerned the thermodynamics of irreversible processes, and he is counted as one of the founding fathers of that field. He pointed out that Onsager's symmetry laws had important consequences, many of which he reported on in a famous article with Helmut G. Reik in Encyclopedia of Physics III (Springer, 1959). The Nobel Prize for Chemistry for the year 19777 was awarded to Ilya Prigogine (1917–2003) (...), especially for his work on the thermodynamics of irreversible processes. It was said the Prize Committee spent 4 overtime hours before reaching its decision, and there were rumors that Meixner was also a candidate. Meixner’s first basic paper in the matter dates back to 1941, Prigogine’s work started in 1947. In fact, D. Bedeaux and I. Oppenheim in their obituary notice on Mazur write: “Josef Meixner in 1941 and, independently, Ilya Prigogine in 1947 set up a consistent phenomenological theory of irreversible processes, incorporating both Onsager’s reciprocity theorem and the explicit calculation for some systems of the so-called entropy source strength. Shortly thereafter, Mazur and de Groot joined this group as founding fathers of the new field of nonequilibrium thermodynamics”. Furthermore, A. R. Vasconcellos et al. write: “J. Meixner, over twenty years ago in papers that did not obtain a deserved diffusion gave some convincing arguments to show that it is unlikely that a nonequilibrium ” (...) [?]. In 1975 both Prigogine and Meixner lectured at an Academy session in Düsseldorf.
Der Konstanzer Biophysiker Gerold Adam (1933-1996) (Wiki) studierte 1951 bis 1958 an der Technischen Hochschule Aachen. Unter diesen Umständen ist es keineswegs ausgeschlossen, daß er wichtige Anregungen (auch) durch Josef Meixner erhielt, zu den Leistungen von Lars Onsager aufzublicken und sich dem von Meixner und Onsager bearbeiteten Forschungsgebiet der Theorie irreversibler Prozesse zuzuwenden. Meixner übrigens war 1931 als Schüler des hoch geehrten Arnold Sommerfeld in München promoviert worden. Er hat während des Zweiten Weltkrieges an der Eismeerfront in Finnland Kriegsdienst geleistet. Von 1944 bis 1974 lehrte er Theoretische Physik an der Technischen Hochschule Aachen. 1942 hatte er - ebenso wie Onsager - wichtige frühe Arbeiten zur Thermodynamik irreversibler Prozesse veröffentlicht. 1962 wurde - vermutlich doch vor allem auf Betreiben von Josef Meixner - Onsager die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Aachen zuerkannt. Aus diesem Anlaß hielt Meixner eine Ansprache, die - als Onsager den Nobelpreis erhielt - auch in den "Physikalischen Blättern" veröffentlicht wurde. In dieser führte er unter anderem aus (6):
Eine weitere hervorstechende Leistung Onsagers ist die Theorie des zwei-dimensionalen Ising-Modells des Ferromagnetismus. Wir sehen hier einen ganz neuen Aspekt seiner wissenschaftlichen Arbeit. (...) Beim Ising-Modell lag ein wohlformuliertes physikalisches Problem vor, und die Leistung Onsagers ist hier als rein mathematisch anzusehen, aber als solche ein hervorragendes Kunstwerk des Geistes. Ihre überragende Bedeutung liegt in zwei Richtungen. Sie gab die exakte Lösung für eines der wichtigsten und schwierigsten Probleme der statistischen Mechanik, wenn auch nur an einem physikalisch gesehen einfachen Modell, und damit zum ersten Mal eine Beurteilungsmöglichkeit der für kompliziertere Fälle auch heute noch unentbehrlichen Näherungsverfahren. Sie stellte aber auch, neben der Einstein-Kondensation, den einzigen Fall dar, in dem es gelungen war, die statistische Theorie einer Phasenumwandlung mathematisch vollkommen explizit und streng zu behandeln.
Meixner hält außerdem fest (6):
Wir dürfen wohl annehmen, daß die theoretischen Vorlesungen (Onsagers) für den jungen Chemiker etwas schwierig sind, und so nimmt es uns nicht wunder, daß die Onsagersche Vorlesung über statistische Mechanik I und II von den Studenten (in den USA) als Norwegisch I und II bezeichnet wurde. (...) Onsager wird als ein brillanter Wissenschaftler mit einer ungeheuren Konzentrationskraft bezeichnet. Seine Erfolge sind wohl letzten Endes darin begründet, daß er nie mit halben Lösungen zufrieden war, daß er vielmehr sich stets bemühte, die physikalische Natur eines Vorgangs oder einer Eigenschaft in voller Klarheit zu erfassen, um dann sein Problem ungehindert durch alle Schwierigkeiten einer eleganten und vollständigen Lösung zuzuführen.
"Eine der höchsten geistigen Leistungen"
Auf die Lebensleistung von Lars Onsager wurde auch einmal eingegangen in einer grundlegenden Aufsatzreihe benannt "Die Evolution aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie". Hier sollte nämlich einleitend als grundlegenderer Gedankengang erläutert werden (7),
daß die Gültigkeit einer Einsicht nicht dadurch bestimmt ist, wie viele sie wirklich „verstehen“. (…) Der Nachvollzug der einzelnen Erkenntnisschritte durch andere Menschen (…) kann ein so schwieriger sein, daß er dann nur von wenigen erfolgreich begangen wird. Vor allem auch die physikalisch-theoretischen Wissenschaften bieten eine Fülle von Beispielen hierfür. Aus der Vielzahl sei hier nur noch ein weniger bekanntes Beispiel genannt, das aber für die folgenden Beiträge zu unserem Rahmenthema wesentlich ist. Im Jahre 1944 ist dem norwegischen Physiker Lars Onsager die „exakte Lösung für den feldfreien Sonderfall des zweidimensionalen Isingmodelles“ gelungen. Das „zweidimensionale Isingmodell“ stellt eine regelmäßige Anordnung von Elementarmagneten in einer Fläche dar, deren Verhalten ohne äußeres Magnetfeld von Onsager berechnet werden konnte. Die Onsager'sche Theorie stellt eine der höchsten geistigen Leistungen in den Naturwissenschaften dar. Wichtige Ergebnisse dieser Berechnungen konnten erst Jahre später von anderen Wissenschaftlern nachgerechnet werden. Wesentliche Verbesserungen dieser Lösung, wie etwa ihre Erweiterung auf die Situation mit Magnetfeld oder gar auf den dreidimensionalen Fall (räumlich-kristalline Anordnung der Elementarmagnete) sind bis heute noch nicht gelungen. Die außerordentlichen Schwierigkeiten bei der Beschreibung des Isingmodelles rühren von der ungeheuren Vielzahl der möglichen Wechselwirkungen zwischen je zweien der (sehr vielen) Elementarmagnetchen her. Die Betrachtung des gemeinsamen („kooperativen“) Verhaltens von winzigen Magneten erscheint zwar auf den ersten Blick nicht sonderlich interessant; doch ist das Isingmodell der wohl übersichtlichste Fall der Beschreibung einer Ansammlung von vielen gleichartigen, miteinander wechselwirkenden Untereinheiten. Seine mathematische Formulierung ist daher fast ohne Abänderung auf die Beschreibung einer Fülle von anderen, auf den ersten Blick grundverschiedener Anordnungen von miteinander wechselwirkenden Untereinheiten übertragbar, wie sie zum Beispiel die Moleküle bei den Vorgängen der Entmischung von Lösungen oder des Schmelzens/Kristallisierens, die Molekülsorten bei der präbiotischen Evolution oder die Menschen bei der Meinungsbildung in einer Bevölkerung darstellen.
Daß die Meinungsbildung in einer Bevölkerung den gleichen Gesetzen folgen könnte wie sie sonst in der Natur in "komplexen Systemen" vorkommen, wird etwa recht anschaulich behandelt in dem Buch "Erfolgsgeheimnisse der Natur" des Stuttgarter Physikers Hermann Haken. Dieses Buch stellt ebenfalls eine allgemeinverständliche Hinführung zum Thema der Theorie komplexer Systeme dar, für die Lars Onsager die wichtigsten theoretischen Grundlagen gelegt hatte.
Die meistzitierte Arbeit von Lars Onsager ist tatsächlich diejenige über das Ising-Modell von 1944 (8).
Wenn man einem Wissenschaftler wie Onsager also nur schwer über die Inhalte seiner Forschungen näher kommen kann, so vielleicht doch ein wenig mehr über einige Angaben zu seinem sonstigen Leben. Onsager ist in Oslo aufgewachsen, hat in er Schule eine Klasse übersprungen und im Jahr 1920 ein Chemie-Studium an der Universität Trondheim aufgenommen (14):
Schon während seines Studiums zeigte er seine Unabhängigkeit als er sich auf eigene Faust ein breites und tiefgehendes Wissen auf dem Gebiet der Mathematik aneignete und während er sich mit dem jüngst (1923) veröffentlichten Durchbruch in der Elektrolyt-Theorie von Pieter Debye und seinem Assistenten Hückel beschäftigte. Onsager fand einen Fehler in jenem Teil der Theorie, der die Leitfähigkeit des Elektrolyts betraf. Nach seinem Studienabschluß als Chemie-Ingenieur der Universität Trondheim reiste er 1925 nach Zürich, um Debye zu besuchen. Der unbekannte 22-Jährige aus Norwegen marschierte in das Arbeitszimmer des berühmten Wissenschaftlers mit den Worten: "Professor Debye, Ihre Theorie der Elektrolyte enthält einen Fehler!" Der berühmte Debye war den dreisten jungen Mann nicht hinaus. Im Gegenteil, in der nachfolgenden Diskussion war er so beeindruckt von dem jungen Norweger, daß er ihm eine Stelle als sein Assistent für das nachfolgende Jahr anbot. (...) Seine Verbesserungen der Theorie von Debye und Hückel über die Leitfähigkeit der Elektrolyte verschaffte ihm bald einen Namen unter den Elektrolyt-Experten.Already during his studies, he showed his independence by acquiring on his own a broad and profound knowledge of mathematics, and by familiarizing himself with the recently published (1923) breakthrough in electrolyte theory by Pieter Debye and his assistant Hückel. (An electrolyte is a solution of ionized molecules, and can conductelectricity.) Onsager found an error in that part of the theory which concerns the conductivity of the electrolyte. After his graduation as a chemical engineer from NTH he travelled, in 1925, to Zürich to visit Debye. The unknown 22-year old from Norway walks into the famous scientist’s office with the announcement: ‘‘Professor Debye, your theory of electrolytes is incorrect!’’ But the famous Debye does not throw out the impudent youngster. On the contrary, in the subsequent discussion, he is so impressed by the young Norwegian that he offers him a job as his assistant for following year. (...) His improvements of Debye and Hückel’s theory of electrolytic conduction quickly earned him a name among the experts on electrolytes.
1932 reichte er seine Doktorarbeit an der Universität Trondheim ein, die nur 37 Seiten umfaßte, die er aber dennoch als die "beste seiner bisherigen Arbeiten" charakterisierte. Infolge anderer drängender Arbeiten hätte er nicht die Muse, seine Doktorarbeit ausführlicher zu schreiben. Der Universität war das dennoch zu wenig. Onsager soll gesagt haben (14):
Allerhand Leute gibt es, darunter sicherlich viele talentierte, die sich mit Methoden bewaffnen und dann auf die Jagd nach behandelbaren ("vulnerable") Problemen gehen. Ein Problem aber gemäß seiner eigenen Bedingungen zu akzeptieren und sich seine eigenen Waffen schmieden - das erst ist wirklich erstklassig!There are a lot of folks, some quite talented, who arm themselves with methods and then go hunting for vulnerable problems; but to accept a problem on its own terms, and then forge your own weapons - now that’s real class!
1933 lernte Onsager in Österreich seine nachmalige Ehefrau Gretl kennen. Darüber wird berichtet (9):
Onsager blieb an der Brown-Universität bis 1933. (...) Im Sommer jenes Jahres weilte Lars in Europa und besuchte H. Falkenhagen, den österreichischen Elektrochemiker. Falkenhagen fühlte sich aber unpäßlich und bat deshalb seine Stiefschwester Gretl (Margarethe Arledter), sich um Lars zu kümmern. Gretl sah ihn die Treppen herauf kommen - einen sehr gut aussehenden jungen Mann, von dem ihr Bruder ihr gesagt hatte, er wäre "seiner Zeit weit voraus". Dann gingen sie zum Essen aus. Wie immer war Lars aber von sehr zurückhaltendem Wesen. Nach dem Essen schlief er auf der Terrasse. Dann wachte er auf und fragte sie: "Sind Sie verliebt?" Acht Tage später verlobten sie sich - Margarethe war 21 und Lars 29. Am 7. September 1933 heirateten sie.Original: Onsager remained at Brown University until 1933, when the economic depression made it necessary for his appointment to be discontinued; it would have been impossible for the chemistry department to convince the university that his services as a teacher were indispensable. In the summer of that year Lars was in Europe, and went to visit H. Falkenhagen, the Austrian electrochemist. Falkenhagen was unwell at the time and asked his sister Gretl (Margarethe Arledter) to entertain Lars. Gretl saw him coming up the stairs—a very handsome young man who her brother had told her was ‘well ahead of his times’. They went out to dinner, but Lars was his usual reticent self. After dinner he fell asleep on the patio, and then woke up and asked: ‘Are you romantically attached ?’ They became engaged 8 days later - Margarethe at 21 and Lars at 29 - and got married on 7 September 1933.
Aus der Ehe sollten vier Kinder hervor gehen. Onsager erhielt 1934 eine Professur. Da er aber nie promoviert hatte, mußte er 1935 nachträglich eine Doktorarbeit einreichen. Aber weder die Chemiker, noch die Physiker fühlten sich ihrer komplizierten Mathematik gewachsen. Sie gaben sie deshalb an die Mathematiker weiter. Dort war man dann hoch erfreut über Onsager's Arbeit und befürwortete die Promotion.
"Die Onsager'sche Lösung hätte ich nicht heraus bekommen"
Das Ehepaar Onsager kaufte sich in den USA einen Bauernhof, auf dem Lars mit großer Begeisterung Gemüse anbaute und das Landleben genoß. Onsager schwamm gerne. Und bis an sein Lebensende unternahm er Skitouren (9).
Da Gretl und Lars in den USA "Ausländer" waren, wurde Onsager nicht für jene Forschungen herangezogen, die in Zusammenhang mit der Kriegsführung standen. Für Onsager hatte das wertvolle Folgen (9):
Er fand Zeit, um so angestrengt oder noch angestrengter zu denken als er es jemals zuvor getan hatte, um ein Schlüsselproblem in der Physik zu klären, von dem andere mit guten Gründen angenommen hatten, daß es jenseits der Möglichkeiten der menschlichen Intelligenz liegen würde. (...) Sie nahm die Welt der Theoretischen Physiker im Sturm. (...) So wie es Pippard im Jahr 1961 beschrieb: "Onsager's exakte Behandlung, die eine Sensation hervorrief, als sie erschien, zeigte, daß die spezifische Wärme tatsächlich am Übergangspunkt zur Unendlichkeit anwuchs, ein Phänomen, das jene sehr grundlegend verwirrte, die sich sicher waren, daß Schwankungen immer ausgeglichen würden durch die Schroffheit, die durch die Annäherungen in der Analyse geschaffen wurden. (....) Diese Arbeit gab dem Studium kooperativer Phänomene einen ganz neuen Schwung ... und es ist sicherlich die wichtigste Einzelleistung in diesem wichtigen Forschungsfeld."Original: He was able to find the time to think as hard, or harder, than ever before and to solve a key problem in physics others might well have believed to lie beyond the reach of human intelligence. (...) It took the world of theoretical physics by storm. (...) As Pippard wrote, in 1961: "Onsager's exact treatment, which created a sensation when it appeared, showed that the specific heat in fact rose to infinity at the transition point, a phenomenon which profoundly disturbed those who were sure that fluctuations always smoothed over the asperities which were created by approximations in the analysis. This work gave a new impetus to the study of cooperative phenomena, ... and it is certainly the most important single achievement in this important field."
Unter Physikern erzählt man sich Anekdoten wie diese (9):
Lev D. Landau (...) sagte zu V. L. Pokrovskii, daß während die Arbeiten anderer Theoretiker seiner Generation für ihn keine wirkliche Herausforderung darstellen würden, er sich nicht vorstellen könne, daß er selbst die Onsager'sche Lösung des Ising-Modell's herausbekommen hätte.
Original: Lev D. Landau, whose own general phenomenological theory of phase transitions was fatally undermined by Onsager's results, told V. L. Pokrovskii that while the work of other theorists of his generation presented no real challenges to him, he could not envisage himself accomplishing Onsager's solution of the Ising model.
Der hier genannte sowjetische Theoretische Physiker Lev Landau (1908-1968) (Wiki) hatte 1929 bei Werner Heisenberg in Leipzig und bei anderen Physikern in Deutschland studiert (Wiki):
Er teilte Physiker in eine logarithmische Skala von 0 bis 5 ein (0 war die höchste Stufe), stufte Einstein bei 0,5 ein, die Väter der Quantenmechanik (Schrödinger, Bohr, Heisenberg, Bose, Dirac, Wigner) bei 1, sich selbst anfangs bei 2,5, und relativ spät in seiner Karriere bei 2.
Die Theoretischen Physiker und Chemiker der damaligen Generation erzählten sich noch viele andere, sie außerordentlich beeindruckenden Erlebnisse mit Lars Onsager. So etwa auch der bekannte amerikanische Physiker Richard Feynman (9, S. 458f). Sie berichteten auch darüber, daß Onsager das Ergebnis seiner Forschungen nicht selten intuitiv vorausahnte und mit seinen mathematischen Berechnungen diese Intuition dann nur noch rational nachvollzogen hat, also quasi "ratifiziert" hat (9).
Erst vor drei Jahren, 2018, schrieb der indischer Chemiker Biman Bagchi über Lars Onsager (10):
Über ihn wird oft gesagt, auch heute noch, daß er der "beste Mathematiker" war, den es in der Theoretischen Physik und in der Theoretischen Chemie jemals gegeben habe.Original: He is often cited, even today, as the “best calculator” that theoretical physics and theoretical chemistry has ever seen.
Mein eigener Doktorvater an der Brown-Universität, Julian H. Gibbs, verbrachte ein gemeinsames Jahr mit Onsager in Cambridge. Gibbs war dort als Guggenheim Fellow tätig. Er erzählte mir, daß Onsager sich gerne viel mit ihm zu unterhalten habe, weil sie beide die einzigen Amerikaner in der Theoretischen Physikalischen Chemie in Cambridge waren. Gibbs erzählte, daß Onsager wissenschaftlich unglaublich und ein ebenso fröhlicher wie warmherziger Mensch gewesen sei. Gibbs fand Onsagers Ansatz auf so hoher Verständnisebene angesiedelt, daß er Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten.My own thesis adviser at Brown University, Julian H. Gibbs, overlapped about a year with Onsager at Cambridge where Gibbs was a Guggenheim Fellow. Gibbs told me that Onsager used to talk a lot with him because they two were the only Americans in theoretical physical chemistry at Cambridge. Gibbs told me that Onsager was incredibly smart with science, and was quite a jolly and warm guy. Gibbs found Onsager’s approach so high level that he had to struggle to keep up with him.
Und Biman Bagchi schreibt bewundernd weiter (10):
In diesem Zusammenhang muß ich den Leser daran erinnern, daß Julian Gibbs selbst außergewöhnlich war. Neben anderem sind ja seine Theorien über die Glasbildung (Adam-Gibbs, Gibbs-DiMarzio) sehr bekannt.Original: I need to remind the reader that Julian Gibbs himself was outstanding, and his theories of glass transition (Adam-Gibbs, Gibbs–DiMarzio) among others, are well-known.
Die hier erwähnte "Adam-Gibbs"-Arbeit wurde dementsprechend 1982 mit dem "Citation Award" ausgezeichnet (11). Der Konstanzer Biophysiker Gerold Adam, mit dem zusammen Julian H. Gibbs eine der beiden eben genannten "außergewöhnlichen" Arbeiten vorlegte, erforschte später - ebenfalls als Theoretischer Physiker - Phasenübergänge bei der Nervenerregung. Vielleicht hatten diese Forschungen Onsager's Interesse geweckt, und vielleicht war Onsager in den 1970er Jahren in diesem Zusammenhang zu Besuch nach Konstanz gekommen.
Außer mit dem genannten Citation Award ist Gerold Adam unseres Wissens niemals mit einem Wissenschaftspreis ausgezeichnet worden, während Julian Gibbs und Edmund A. DiMarzio 1967 in Chicago gemeinsam den Preis für Hochpolymer-Physik der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft erhalten haben. Der Autor dieser Zeilen hat DiMarzio vor einigen Jahren (2014) angeschrieben und erfahren, daß DiMario es bedauert, Gerold Adam niemals persönlich begegnet zu sein.
Manfred Eigen - Sein Hinweis an das Nobelpreisträgerkomitee
Der Chemiker Manfred Eigen hatte 1967, ein Jahr vor Lars Onsager den Nobelpreis erhalten. Eigen berichtet darüber (12):
In meiner Nobelrede sagte ich den Satz: “I am ashamed to receive this price before Lars Onsager.” Lars Onsager war einer der großen theoretischen Chemiker unserer Zeit. Er hatte eine allgemeine Theorie irreversibler Vorgänge nahe am thermodynamischen Gleichgewicht erstellt. Die chemische Relaxationsspektrometrie, die experimentelle Methode, für die ich den Preis erhielt, basiert auf Gleichungen, die wir aus Onsagers linearen Ansätzen entwickeln konnten. Onsager, der ungefähr eine Generation älter war als ich, war klarer Kandidat für einen Nobelpreis, jedoch sein Werk war reine Theorie. Nach meinem Vortrag kam Arne Tiselius, ebenfalls ein Chemie Nobel-Laureat und zu jener Zeit Präsident der Nobel Foundation, zu mir und sagte: “If you mean what you said about Onsager, you have to write me a letter in which you state clearly that Onsager’s theory was important for the development of your experimental methods.” Ich habe diesen Brief geschrieben und Onsager bekam im darauf folgenden Jahr den Nobelpreis für Chemie.
Dieser Bericht ist noch einmal ein Hinweis darauf, daß das Bewußtsein von der wissenschaftliche Leistung von Lars Onsager auch innerhalb der Wissenschaft selbst nur bei wenigen vorhanden war. Auf diese Weise kann es immer wieder dazu kommen, daß bedeutende Wissenschaftler bei der Verleihung des Nobelpreises "vergessen" werden.
Übrigens kann gegen den Mythos, daß ein Theoretiker wie Onsager keinerlei praktische Fähigkeiten aufweisen würde, vieles angeführt werden. Es wird berichtet, daß Onsager ein begeisterter Gärtner war, daß er alle Reparaturen zu Hause selbst besorgte. Und von einer Physiker-Rundreise durch Japan anläßlich einer wissenschaftlichen Konferenz daselbst nach dem Zweiten Weltkrieg wird berichtet, daß der Reisebus von der Straße in einen Graben abgerutscht sei (14):
Die Fahrer, die örtlichen Bauern und die Physiker standen herum und brabbelten in allerhand Sprachen bis Onsager, einen Seufzer ausstoßend kraftvoll die Verantwortung übernahm. Er organisierte eine Arbeitsgruppe von örtlichen Bauern, die eine Behelfsbrücke über den Graben legen sollten, arrangierte ein System von Hebestangen und mit den Muskeln von zwanzig bis dreißig Physikern und Onsagers Ansage und Aufmunterung brachten wir den Bus - zu unserem Erstaunen - wieder zurück auf die Straße.Drivers, local farmers, and physicists stood around jabbering in several languages until Onsager, with a sigh, firmly took charge. He organised a work crew of local farmers to dismantle a log bridge over the ditch, arranged a system of levers, and with the muscle of 20 or 30 physicists and Onsagers’s direction and encouragement we, to our astonishment, put the bus back on the road.
Weitere Erinnerungen zum Onsager-Besuch in Konstanz
Ergänzung 15.2.2021: Nach Veröffentlichung dieses Beitrages erhalten wir noch ergänzende Angaben zu dem Onsager-Besuch in Konstanz im Jahr 1975 von Seiten der Ehefrau des damals einladenden Hochschullehrers. Auslöser, so schreibt sie, könnte ein wissenschaftlicher Aufsatz von 1971 gewesen sein (13), der - wie auf Google Scholar festgestellt werden kann - auffallender Weise bis heute nie zitiert worden ist, der also ansonsten heute offenbar nie die Aufmerksamkeit in der Wissenschaft auf sich gelenkt hat. Es wird jedenfalls geschrieben:
Es kann gut sein, daß Onsager selbst die Verbindung zu Gerold gesucht hat. Gerold hat auch eine Arbeit über das zweidimensionale Isingmodell veröffentlicht (1971: "Kinetik des zweidimensionalen Isingmodells in der Braggs-Williams-Näherung: Kleine Auslenkungen aus dem Gleichgewicht"). Onsager hielt einen Vortrag an der Uni, den vermutlich Gerold angeregt hat. Den Titel kenne ich nicht. Er wäre in denkbar schlechtem Englisch gewesen, meinte Gerold.
Nach dem Vortrag saß er in Gerolds Arbeitszimmer in der Uni und schwieg und Gerold machte ihm einen Tee und schwieg auch.
Wir hatten ihn auch bei uns zuhause zu Besuch. Er freute sich über die 4 kleinen weißen Stiefelpaare (der Kinder) vor unserer Haustüre. An ihn selbst kann ich mich kaum erinnern. Er muß schon 70 Jahre alt gewesen sein.
Im Gespräch ging es auch über Steine mit Keilschriften, die in Mittelamerika gefunden worden waren. Das bedeutete, daß Europäer schon dort gewesen sind. Er: man weiß es, aber es wird nicht darüber gesprochen, d.h. es wird verschwiegen. Den Wortlaut weiß ich nicht mehr genau.
Seine Frau stamme aus "Marburg an der Drau“, ich wußte, daß dies das heutige Maribor ist, unsere anderen Gäste, ein junges Wissenschaftlerpaar, jedoch nicht.
Er, ein Weinkenner, wußte auch, wie ein bestimmter Kärntner Wein 1936 (?) schmeckte. Auf die Frage Gerolds, was er von unseren französischen Rotweinen von 1933 und 1943 hielte: wenn wir je dran denken wollten, sie zu trinken, sollten wir nicht mehr allzu lange warten.
Es war in meiner Erinnerung ein sehr netter Abend gewesen.
Eingeleitet worden war die Zuschrift mit den Worten:
Deine Anfrage hat alte Erinnerungen wieder aufleben lassen. 1974 - Dez. 1976 wohnten wir in einem sehr kleinen Häuschen zur Miete in Konstanz/Wollmatingen, Mitte Dez. 76 zogen wir in unser eigenes Haus.
____________
- Onsager, Lars: Zur Frage des Ursprungs des Lebens,
Nobelpreisträger-Tagung in Lindau 1975,
https://www.mediatheque.lindau-nobel.org/videos/31467/once-upon-a-time-questions-on-the-origin-of-life-german-presentation-1975/meeting-1975.
- Raunen auf dem Gang. In: Der Spiegel, 45/1968, 04.11.1968, https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45935170.html.
- Hopmann, Rudolf: Formeln für die Chemie von morgen - Lars Onsager
entwickelte eine Mathematik für viele Vorgänge in der Natur, ZEIT Nr.
45/1968, 8. November 1968,
https://www.zeit.de/1968/45/formeln-fuer-die-chemie-von-morgen.
- Paul L.Butzera, Tom H.Koornwinderb: Josef Meixner: His life and his orthogonal polynomials. In: Indagationes Mathematicae, Volume 30, Issue 1, January 2019, Pages 250-264, https://doi.org/10.1016/j.indag.2018.09.009.
- F. Schlögl: Persönliches: Josef Meixner. In: Physik Journal. 50, 1994, S. 584–584, doi:10.1002/phbl.19940500619.
- Meixner, Josef: Chemie‐Nobelpreis 1968 für Lars Onsager. (Laudatio vom 23. Juli 1962 anläßlich der Ehrenpromotion von Prof. Onsager an der Rheinisch‐Westfälischen Technischen Hochschule Aachen), In: Physikalische Blätter, Februar 1969, https://doi.org/10.1002/phbl.19690250204.
- Leupold, Hermin: Wie erweist sich die Richtigkeit intuitiver Einsichten? Verifikationsprobleme bei wissenschaftlichen und philosophischen Problemen. In: „Die Deutsche Volkshochschule, Folge 61, Mai 1989, S. 1-13 [Zweiter Beitrag der Aufsatzreihe zum Rahmenthema: Die Evolution aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie]
- Onsager, Lars: Crystal Statistics. I. A Two-Dimensional Model with an Order-Disorder Transition. In: Phys. Rev. 65, 117 – Published 1 February 1944, https://journals.aps.org/pr/abstract/10.1103/PhysRev.65.117
- Longuet-Higgins, Hugh Christopher; Fisher, Michael Ellis: Lars Onsager, 27 November 1903 - 5 October 1976 - Obituary. Biographical memoirs. Published:01 November 1978, https://doi.org/10.1098/rsbm.1978.0014
- Bagchi, Biman: Lars Onsager (1903–1976). In: Resonance, Oktober 2018
- Adam, Gerold; Gibbs, Julian H.: On the Temperature Dependence of Cooperative Relaxation Properties in Glass‐Forming Liquids. In: J. Chem. Phys. 43, 139 (1965)
- Eigen, Manfred: Anmerkungen eines Preisträgers. In: Das Göttinger Nobelpreiswunder - 100 Jahre Nobelpreis - Vortragsband, hrsg. von Elmar Mittler und Fritz Paul, Göttingen 2004, S. 53ff
- Adam, Gerold: Kinetik des zweidimensionalen Ising-Modelles in der Bragg-Williams-Näherung: kleine Auslenkungen aus dem Gleichgewicht. In: Zeitschrift für Physikalische Chemie, Bd. 74, S. 78-80 (1971), doi:10.1524/zpch.1971.74.1_2.078, https://www.degruyter.com/document/doi/10.1524/zpch.1971.74.1_2.078/html
- Hauge, Eivind H.: Lars Onsager - The NTH student who became one of the greatest scientists of the 20th century. In: Energy 30 (2005), S. 787-793 (Academia)
Die Liebe, die Wissenschaft und Max Delbrück
Der Konstanzer Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer (geb. 1947) (Wiki) hat die bis heute ausführlichste und gelungenste Biographie über den deutsch-amerikanischen Biophysiker und Nobelpreisträger Max Delbrück (1906-1981) (Wiki) geschrieben. In der Erstauflage trug sie den Titel "Licht und Leben" (1). Bei dieser Biographie handelt es sich um ein hinreißendes Buch. Der Geist zweier Generationen von Wissenschaftlern, die im Leben von Max Delbrück eine Rolle gespielt haben - sowohl jener Generation, durch die Max Delbrück angeregt worden ist (Niels Bohr etwa) oder jene Generation, die von Max Delbrück angeregt worden ist - beides findet sich in diesem Buch wieder.
Der Öffentlichkeit ist Ernst Peter Fischer nach der Veröffentlichung dieser Biographie bis heute durch viele weitere Bücher und Vorträge bekannt geworden. Viele Vorträge und Interviews von ihm finden sich auch in Videoform im Internet. Ein Interview aus dem Jahr 2018 mag man nicht zuletzt auch deshalb als wichtig empfinden, weil darin - in den Minuten 14'35 bis 19'48 - davon die Rede ist, daß Max Delbrück als letzte Bemerkung vor seinem Tod an seinen Biografen noch die Frage gerichtet hatte (2):
Wie kannst du es wagen, mein Leben zu beschreiben, wenn du nichts über mein Sex-Leben weißt?
Im Anschluß an das Erzählen dieser Frage bringt Fischer gleich als Beispiel Werner Heisenberg, und daß ein Biograph bei Heisenberg genug zu tun hätte, dessen Wissenschaft zu beschreiben. Doch gerade auch der Fall Heisenberg könnte ebenso gut deutlich machen, wie sehr Max Delbrück mit seiner Bemerkung ins Schwarze getroffen hatte. Denn auch für Heisenberg war - wie wir heute wissen (3) - die erste große, unerfüllte Liebe in seinen Leben für viele Jahre ein sehr bedeutender Lebensinhalt. Er war ihm wichtiger als der Nobelpreis, den er in derselben Zeit erhalten hat. Heisenberg gab in dieser Zeit sogar zum Ausdruck, daß sein ganzes Leben scheitern könne, wenn er bezüglich dieser unerfüllten Liebe nicht zu einer gelungenen Lösung finden würde (3).
Mit wie viel Lebensernst Heisenberg über solche Fragen dachte, geht deutlich genug aus dem sich über viele Jahre hinweg erstreckenden Briefen an seine Eltern hervor (3). Deshalb wird diese Frage von Max Delbrück natürlich auch nicht "die Schnappsidee eines alten Mannes, der stirbt" sein - wie das Ernst Peter Fischer so unernst charakterisiert. Sondern es handelt sich ja schließlich um das menschlichste Thema, das es überhaupt gibt. Es handelt sich um jenes Thema, das uns Menschen erst zu Menschen macht.
Fischer hat nun aber tatsächlich "gewagt", seine Biographie über Max Delbrück zu schreiben, ohne auf dieses Thema Bezug zu nehmen, ohne auf dasselbe einzugehen (1). Und diese Biographie hat nun auch in der Tat aufregende Inhalte genug, als daß es der Behandlung dieses Themas noch zusätzlich bedurft hätte, um sie zu einer aufregenden zu machen. Allerdings hatte der Leser schon bei der ersten Lektüre derselben das Gefühl, daß er mehr wissen können sollte und daß er gerne mehr wissen würde über die Beziehungen von Max Delbrück zu jenen Frauen, die in seinem Leben eine Rolle gespielt haben.
Wenn man aber nun noch zusätzlich erfährt, daß Max Delbrück sogar in dieser Weise eine klare Anregung gegeben hatte, noch dazu kurz vor seinem Tod, so bedauert man es um so mehr, daß sich Fischer auf dieses "Wagnis" eingelassen hat. Die ersten Andeutungen allerdings, die Fischer dann gibt - hinsichtlich des fröhlichen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens in Cold Spring Harbour - sind dann viel zu ungenügend, um aus diesen irgendwelche Schlußfolgerungen ziehen zu können.
James Watson hat in Erinnerungen (4) und Büchern wie "Genes, Girls and Gamov" (5) - vielleicht auch in anderen wie etwa in "Avoid Boring People" - zu diesen Dingen ja ebenfalls schon Andeutungen gegeben, wertvolle Andeutungen. Letzteres ist dem flapsigen Titel des genannten Buches nicht unbedingt anzumerken.
Vom August 1965 bis Dezember 1966 war mein Onkel, der vormalige Konstanzer Biophysiker Gerold Adam (1933-1966) (Wiki), Mitarbeiter von Max Delbrück in Pasadena. Diese Zeit in Kalifornien hat ihn sehr maßgeblich geprägt. Bis zum Tod von Max Delbrück blieb Gerold mit Max in freundschaftlicher Verbindung und im regen Austausch von Briefen. Gerold hatte auch eine Professur erhalten an der - unter maßgeblicher Mithilfe von Max Delbrück gegründeten - Forschungsuniversität Konstanz.
"Du bist Ishi!" (1967)
Mit Hilfe des Briefwechsels zwischen Gerold und Max Delbrück sowie mit Hilfe dessen, was Gerold darüber zu Lebzeiten erzählt hat, können die von Ernst Peter Fischer angesprochenen Fragen noch eine zusätzliche Erläuterung und Veranschaulichung erhalten. Gerold hat erzählt, daß Manny und Max Delbrück während seines Aufenthaltes in Pasadena immer wieder versucht haben, ihn mit jungen Frauen zusammen zu bringen. Denn sie waren der Meinung, es würde ihm gut tun, verheiratet zu sein. Zu diesem Zweck wurden junge Frauen zu gemeinsamen Essen eingeladen. Gerold erzählte, daß Manny und Max Delbrück ihm zum Abschied die damals ganz neu erschienene Biographie über Ishi (Wiki), den berühmten, letzten frei lebenden Indianer Kaliforniens, geschenkt hätten, benannt "Ishi in two worlds" (6). Manny habe in diesem Zusammenhang zu Gerold gesagt: "Du bist Ishi!" Gerold hat auch wiederholt gerne von Ishi selbst erzählt. Ishi ist als letzter Überlebender seiners Stammes auf Angebote von jungen, weißen Frauen, mit ihm Kinder zu haben, nicht eingegangen. Gerolds Unterton war, daß er sich tatsächlich oft selbst als ein solcher "Letzter seines Stammes" fühlte und - wie die Aussage von Manny andeutet - auch von damaligen Freunden so wahrgenommen worden ist.
Gerold ist dann im Dezember 1966 von Pasadena aus - über Island - nach Marburg an seine Heimat-Universität zurück gekehrt (nach fünfjährigem Auslandsaufenthalt). Um die warmherzige Art zu charakterisieren, die Max dann zeitlebens gegenüber Gerold innehielt, sei hier zitiert, was Max gleich nach der Abreise an Gerold schrieb:
Prost Neujahr! Ich hoffe, daß du nicht auf Island stecken geblieben bist. Ich hatte noch versucht, Dich am Huntington Hotel zu treffen, um Dir Brecht's "Kalendergeschichten" als Reiselektüre mitzugeben. Leider kam ich erst in dem Augenblick an, als Dein Bus schon losfuhr. Zu viel Party letzte Nacht! Alles ist nun sehr ruhig in den Phyco- und Phage-Laboren. M.Der Abschied von Gerold war - wie man an diesen Worten erkennen kann - ausgiebig gefeiert worden. Man erhält hier Anregung, einmal in die Kalendergeschichten von Bertolt Brecht (Wiki) hinein zu schauen, die 1949 erschienen sind. Am 27. Januar 1967 beendete Max einen längeren Brief an Gerold mit den Worten:
Original: Prosit Neujahr! Hope you did not get stuck in Iceland. Tried to see you off at Huntington Hotel and give you Brecht's „Kalendergeschichten“ as Reiselektüre but got there just as your bus pulled out. Too much party in the night before! Now all very quiet in the Phyco and Phage labs. M.
Wir alle vermissen Dich. Vor allem ich. M.Auch der damals junge Biologe Martin Heisenberg (Sohn von Werner Heisenberg), der damals noch länger bei Max Delbrück blieb, stand kurzzeitig mit Gerold im Briefwechsel. Am 11. März 1967 schrieb Max in einem Brief an Gerold in Marburg etwa auch:
We all miss you. I especially. M.
Lieber Gerold, wie umständlich, einen langen Brief schreiben zu müssen, anstatt einfach runter in die Halle zu zuckeln, um dort die Dinge mit Dir durchzusprechen.Der Briefwechsel enthält dann natürlich viel "schwere Kost", nämlich wissenschaftliche Erörterungen im Bereich der theoretischen Biologie und auch Erörterungen darüber, wo Gerold seine wissenschaftliche Laufbahn weiter führen könne. Das kann andernorts noch einmal ausführlicher dokumentiert werden. Es sollen hier nur noch die Ausschnitte zitiert werden, die Bezug haben zu den von Ernst Peter Fischer in seinem Interview aufgeworfenen Fragen. Am 14. April 1967 schrieb Manny an Gerold:
Dear Gerold: What a nuisance it is to have to write a long letter to you rather than trotting down the hall and talking things over.
Lieber Gerry, (...) ich bin froh, daß Du "Ishi" bekommen hast und mit ebenso viel Sympathie für seine Persönlichkeit gelesen hast wie ich schon fest erwartet hatte.
Dear Gerry, (...) I am glad, you received and read "Ischi" with as much sympathy as I counted on you to feel for this personality.
Damit wird deutlich, daß über Ishi schon vor der Abreise von Gerold gesprochen worden war. Manny hatte Gerold das Buch nachgeschickt.
"Was macht dein Liebesleben?" (1968)
Ein Jahr später, am 26. Juni 1968, schrieb Manny aus dem vom Sommersturm umbrausten Cold Spring Harbor an Gerold einen vierseitigen Brief. Sie schildert lebhaft und bildhaft das fröhliche, wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Leben dort, das ja aus vielen Berichten über Max gut bekannt ist. Unter anderem schreibt sie:
Gestern Abend hatten wir eine Hummer-Wein-Party. Jim Watson und seine neue, junge Frau waren da und es sieht dem ersten Augenschein nach nach einer glücklichen Zukunft für sie aus. - Deshalb sagt Max, daß auch Du Mut fassen sollst, eines Tages wirst Du auch eine Begleiterin finden, was um so kostbarer sein wird, nachdem Du so lange ohne eine solche gelebt hast.Das sind so schöne, verständnisvolle Worte. Wer wünscht sich nicht solche Freunde? Und - tatsächlich! Nur wenige Wochen später sollte Gerold seine nachmalige Frau kennen lernen. Max wußte davon freilich noch nichts und schrieb am 27. Oktober 1969 an Gerold als handschriftlichen Zusatz zu einem Brief:
Last night we had a lobster wine party. Jim Watson and his new young wife were there and from first appearances it looks like a happy future for them - so Max says, you should take heart for one day you too will find a compagnion, the more precious for having gone long without.
Was macht Dein Liebesleben? Martin hat Dich überholt.
What about your love life? Martin got ahead of you.
Damit wird Martin Heisenberg gemeint sein. Es ist dies die Zeit, in der Max Delbrück den Nobelpreis erhalten hat. Von da an war er von viel Rummel umgeben. Und es ist dies die Zeit, in der Gerold eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Konstanz erhalten hat.
Hochzeit (1969)
Gerold heiratete am 6. Dezember 1969 in Salzburg. Ob er oder Martin Heisenberg nun schneller waren, wäre womöglich noch einmal zu klären. Als Hochzeitsreise fuhr das junge Paar mit dem Auto durch die Pyrenäen nach Spanien. Manny schrieb am 21. Januar 1970 mit sehr viel Anteilnahme:
Eure Heiratsanzeige und den Bericht von Eurer wunderschönen Reise durch Spanien haben wir erhalten noch bevor wir Euch hatten gratulieren können! Natürlich hofften wir, Euch rund um den Hochzeitstermin herum zu sehen, irgendwann vor unserem nächsten Besuch in Konstanz, wo wir dann hoffen, Deine Frau kennenzulernen. Ich fragte Patty Reau (?) (die jetzt wieder zurück in Pasadena ist und in Max's Labor an ihrem eigenen Phyco-Projekt arbeitet). Sie sagte aber, daß Deine Frau bei ihr in Konstanz niemals aufgetaucht sei.
We have your wedding announcement and the description of your beautiful trip through Spain already came before we got around the congratulations! Of course, we expected you to see around to the wedding sometime before our next visit to Konstanz when we'll look forward meeting your wife. I questioned Patty Reau (?) (who is now back in Pasadena, installed in Max's lab with her own phyco project) but she replied that your wife never did show up in Konstanz to her.
Seid glücklich miteinander! Eure Manny und Max.
Be happy together! Yours Manny and Max.
Was für eine herzliche Anteilnahme. So viel an dieser Stelle als Ergänzung zu den Andeutungen von Ernst Peter Fischer, ebenso als eine Ergänzung natürlich zu den wissenschaftlichen Biographien von Gerold und Max Delbrück.
Übrigens kommt uns, nachdem wir diesen Beitrag einmal wieder nach längerem zeitlichen Abstand durchsehen die Erinnerung an Andeutungen Gerolds dahingehend, daß es von Seiten des weiblichen Teils der Mitarbeiterschaft an der Universität in Konstanz sehr wohl gelegentlich Versuche gab, das ausschließliche Band Gerolds zu seiner Frau als doch nicht so ausschließlich zu erachten. Ohne Erfolg.
/ Ergänzung 11.3.25 / Gerold gelang es aber noch in seinen späten Lebensjahren spielend, junge Frauen für sich einzunehmen. Der Verfasser dieser Zeilen weiß, wovon er redet. Seine eigene damalige Partnerin war von Gerold zeitweise mehr eingenommen als von ihm selbst. Was zeitweise sehr viel Unfrieden zwischen den Verfasser dieser Zeilen und sie brachte.
Dummheiten (1980)
Es soll an dieser Stelle noch auf ein weiteres Interview hingewiesen werden, das in den letzten Jahren zugänglich geworden ist (7). Es handelt such um ein im Jahr 1980 mit Max Delbrück geführtes Gespräch. Das war ein Jahr vor seinem Tod. Max ist deshalb in diesem schon sehr alt. Er antwortet in demselben deshalb vielleicht auch etwas zögerlicher als er das in jüngeren Jahren getan haben wird. Insbesondere anfangs scheint er nach den Worten seiner deutschen Muttersprache zu suchen, die er ja in den USA nicht mehr täglich benutzte.
Aber immer einmal wieder bricht auch in diesem Gespräch sein famoser Humor durch, eine famose, mehr nach innen gekehrte Heiterkeit. Es wird auch deutlich, wie überlegt, wie ernst im Überdenken Max sein konnte, um wie viel Genauigkeit er auch in einzelnen Einschätzungen bemüht war. Als er nach einer etwaigen "preußischen Disziplin" in seinem Elternhaus gefragt wird, verneint er diese zunächst, korrigiert sich dann aber noch einmal: Es wäre vielleicht eine gemäßigte gewesen. Es ist sehr schön zu erleben, wenn ein Mensch so genau ist.
Spürbar ist auch, wie vieles er unausgesprochen läßt, wie vieles er noch außerdem sagen könnte.
Kennzeichnend für ihn ist, daß er mehrmals über Dummheiten redet, die dann erstaunliche Wirkungen zeigten. Die Dummheiten in den Vermutungen von Niels Bohr über Biologie führten dazu, daß er, Delbrück, sich der Biologie zugewandt hat. Sie hatten also eine positive Wirkung. Zuvor hatte seine eigene Dummheit dazu geführt - und auch die von Bohr und anderen - daß die Atomkernspaltung erst im Jahr 1937 entdeckt worden ist und nicht schon drei oder fünf Jahre früher. Ganz richtig sagt Delbrück - aber auch mit jenem überlegenem Abstand, der sich selbst nicht gar so wichtig nimmt, daß sich ohne seine damalige Dummheit die Weltgeschichte doch beträchtlich anders hätte entwickeln können. Er sagt das mit einem so feinen Humor, mit einer so famosen, sanften Heiterkeit.
Vaterfiguren und prägungsähnliches Lernen
Nur allzu offensichtlich ist, daß Gerold einen Menschen wie Max sehr lieben und verehren mußte. Das geht aus mancher Stelle der Briefe zwischen ihnen hervor. Gerold beklagt einmal, daß er in Konstanz niemanden hätte, mit dem er sich so gut unterhalten könne wie mit ihm. Max hatte aber einen außerordentlich großen Freundeskreis. Er kam vielen Aufgaben nach im internationalen Wissenschaftsleben aufgrund seiner großen Bekanntheit. Deutlich ist, daß er für Gerold später nicht mehr so viel Zeit hatte wie Gerold es sich gerne gewünscht hätte.
Mit einem solchen Interview jedoch (7) merkt man, was für eine Gunst des Schicksals - und natürlich auch eigenen Verdienstes - es war, im Leben auf einen solchen Freund wie Max getroffen zu sein. Solche Menschen hat es - vermutlich - schon zu Lebzeiten von Gerold
nur noch selten gegeben. Als ich die Biographie "Licht und Leben" einige Jahre nach Gerolds Tod das erste mal las (auf die mich Gerold zu seinen Lebzeiten nie hingewiesen hatte), ging mir erst auf, wieviel an der Art von Gerold auf sein vormaliges Zusammensein mit Max Delbrück zurück zu führen sein könnte. Gerold konnte auch ebenso famos heiter sein wie Max. Und er konnte ähnlich begeisterungsfähig sein wie Max.
Womöglich kann von einer Art prägungsähnlichem Lernen gesprochen werden, das sogar noch an mich - wenigstens ansatzweise - weiter gegeben worden ist, der ich von Gerold sicherlich ebenso stark beeindruckt war, wie Gerold zuvor von Max. Deshalb ist es für den Autor dieser Zeilen auch immer wieder so bewegend, sich mit all diesen Dingen zu beschäftigen. Durch die Person Gerolds hindurch ist er "genötigt" einen Menschen wie Max zu lieben. Womöglich hat Gerold eine bestimmte Art zu sprechen von Max übernommen, eine bestimmte Art zu überlegen, ja, womöglich auch eine bestimmte Art zu lachen. Was für eine glänzende Zeit muß das damals in Pasadena gewesen sein.
Gerold hat noch manches mehr davon erzählt, als jetzt hier wieder gegeben werden soll. Etwa von Ausflügen in die Sierra Nevada. Gerold hat sogar einmal einen Dia-Vortrag darüber gehalten.
Auch hat man das Gefühl, daß Delbrück in dem obigen Interview oft darum bemüht ist, seinen Humor nicht zu sehr durchbrechen zu lassen. Denn er wird da ja doch von einem so durch und durch steifen, trockenen Gesprächspartner interviewt. Der ist ja auch wirklich schon überraschend trocken. Und das konnte eigentlich schon ein Unterhaltungswert für sich sein für Max. Dieser Gesprächspartner ist ja fast eine lebende Karikatur. Aber das durfte Delbrück natürlich nicht zum Ausdruck bringen. Dennoch fragt man sich beim Ansehen ständig - und Delbrück wollte scheinbar diesen Eindruck auch nicht völlig verwischen: Sollten zwei so unterschiedliche Menschen wie diese beiden einander wirklich etwas zu sagen haben?
Interessant auch, wie Delbrück in dem Interview die Zeit in der Atomphysik in Göttingen nach 1925 charakterisiert. Wenn man es recht versteht, hat womöglich Max Delbrück vieles von seiner persönlichen Art wiederum übernommen von seiner eigenen Vaterfigur, als die er ja in diesem Interview so klar und deutlich Niels Bohr charakterisiert.
Was für eine Zeit, was für ein Leben. All diesen Reichtum hat Gerold ohne Zweifel an all jene weiter gegeben, die ihn enger persönlich kennen lernen konnten. Es wäre zu wünschen, daß wir alle uns diesem Reichtum ausreichend würdig gegenüber verhalten würden und uns nicht in Schmach und Schande einem leerlaufenden Mühlrad eines geistlosen, gänzlich unbeschwingten Zeitalters ausliefern würden - so wie diesem heute Milliarden von Menschen ausgeliefert sind.
- Fischer, Peter: Licht und Leben. Ein Bericht über Max Delbrück, den Wegbereiter der Molekularbiologie. Universitätsverlag, Konstanz 1985 [Konstanzer Bibliothek, Bd. 2] (= Das Atom der Biologen. Max Delbrück und der Ursprung der Molekulargenetik. Piper-Verlag, München 1988)
- Helmut Fink: Fischer • Podcast-Gespräch • Verzauberung oder Entzauberung? Kortizes, 19.12.2018, https://youtu.be/hs9nwJuPpEs
- Bading, Ingo: Werner Heisenberg - Seine erste große unerfüllte Liebe, 10. Januar 2019, https://fuerkultur.blogspot.com/2019/01/werner-heisenberg-und-seine-liebe-zu.html
- Watson, J. D.: Growing Up in the Phage Group. In: Cairns, J.; Stent, G.S.; Watson, J.D. (eds.): Phage and the Origins of Molecular Biology. New York 1966; Expanded Edition. Cold Spring Harbor Laboratory Press 1992, S. 239-245 (Deutsch: Phagen und die Entwicklung der Molekularbiologie. Festschrift für Max Delbrück zum 60. Geburtstag. Berlin (Ost) 1972)
- Watson, James D.: Gene, Girls und Gamow. (After the Double Helix, engl. 2001) Piper-Verlag, München 2003
- Kroeber, Theodora: Ishi in two worlds. A biography of the last wild Indian in North America. 1961, viele Folgeauflagen; deutsch: Der Mann, der aus der Steinzeit kam (1967)
- Zeugen des Jahrhunderts. Max Delbrück im Gespräch mit Peter von Zahn. 1980, https://youtu.be/ynobDNSnMKc
- Bading, Ingo: http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/11/die-pipette-ist-meine-klarinette.html
- Detlev Ganten über Max Delbrück. Videokanal des Max Delbrück Centrum, 24.03.2016, https://youtu.be/ZdAYHrOJ7aQ
- Göldenboog, Christian: Das Loch im Walfisch. Die Philosophie der Biologie. Klett-Cotta, Stuttgart 2003 (Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
Studiengruppe Naturalismus
Der Putsch-Versuch vom 1. Mai 1923 in München
Im Bundesarchiv gibt es eine Mappe mit verschiedenen Dokumenten zu dem sporadischen Austausch zwischen Erich Ludendorff und Alfred von Tirpitz zwischen den Jahren 1916 und 1924 (BArch N 253/175) (Archiv-Portal).
Tirpitz hätte Reichskanzler werden sollen - 1917
Alfred von Tirpitz (1849-1930) (Wiki) hat in den 17 Jahren vor dem Ersten Weltkrieg die deutsche Hochseeflotte aufgebaut. Sein Flottenbau zog in jenen Jahren viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Die Prinzipien seines Flottenbaus bestätigten sich in der Seeschlacht vom Skagerrak am 31. Mai 1916 (Wiki), in der die kleinere deutsche Hochseeflotte der britischen Hochseeflotte schwere Verluste beibrachte. Daß sie dabei die britische See- und Hungerblockade aufbrechen könne, war dennoch von Vornherein unwahrscheinlich gewesen.
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| Abb. 1: Alfred von Tirpitz (1849-1930) |
Alfred von Tirpitz war schon im März 1916 als Marine-Minister entlassen worden, weil er den uneingeschränkten U-Boot-Krieg gefordert hatte. Tirpitz war 16 Jahre älter als Ludendorff. Fragt man die KI "Trage alles zusammen, was über das persönliche Verhältnis zwischen Ludendorff und Tirpitz bekannt ist", erhält man unter anderem folgende Ausführungen (leicht überarbeitet):
Ludendorff und Tirpitz teilten im Ersten Weltkrieg dieselben politischen Ziele. Sie sprachen sich beide für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg aus. Trotz ihrer politischen Übereinstimmung kam es zu keiner echten persönlichen Freundschaft. Ihr Verhältnis war von strategischem Zweckbündnis, gegenseitigem Respekt und Spät-Anerkennung geprägt. Das persönliche Verhältnis zwischen Erich Ludendorff und Alfred von Tirpitz umfaßt folgende Kernpunkte: Politische Allianz gegen Bethmann Hollweg: Beide lehnten den politischen Kurs von Theobald von Bethmann Hollweg ab. Im Februar 1917 versuchten Ludendorff und Hindenburg beim Kaiser, Tirpitz als neuen Reichskanzler durchzusetzen. Kaiser Wilhelm II. lehnte dies jedoch vehement ab. Gemeinsame politische Ziele nach dem Krieg: Nach der Niederlage waren beide in der deutschnationalen, völkischen Szene aktiv. Tirpitz wurde Politiker der deutschnationalen DNVP, während Ludendorff als Politiker in der Deutsch-Völkischen Freiheitspartei tätig war.
Der älteste Sohn von Alfred von Tirpitz, Wolfgang von Tirpitz, geriet schon 1914 nach einem Seegefecht vor England in britische Kriegsgefangenschaft (Wiki). Deshalb wird ein maschinengeschriebener Bericht über den Besuch von Erich Ludendorff am 7. Februar 1919 in Hamburg und über ein Gespräch mit Erich Ludendorff aus diesem Anlaß von Seiten des zweiten Sohnes von Alfred von Tirpitz stammen, von Max von Tirpitz (1893-1956) (NDB). (Wohl von Raffael Scheck falsch zugeordnet [5, S. 89].)
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| Abb. 2: Ludendorff, Hindenburg und Tirpitz bei der Beisetzung von Kaiserin Augusta in Sanssouci am 19. April 1921 (Wiki) - (weitere Fotografien ---> [StgNat2012]) |
In diesem Bericht wird der Eindruck geschildert, den die Person Ludendorff auf den Tirpitz-Sohn machte. Der Eindruck war so groß, daß er "Herzklopfen" hatte, als er mit Ludendorff persönlich ins Gespräch kommen konnte. Ludendorff hatte zuvor in seiner Ansprache kritisiert, daß die deutsche Flotte so lange geschont worden war und erst 1916 nach langem Drängen zum Einsatz gekommen war.
In dem Gespräch mit Ludendorff hat dann der Tirpitz-Sohn einerseits von der Angriffsbereitschaft der jungen Marineoffiziere in der Deutschen Flotte der ersten Kriegsjahre gesprochen, die ihm Ludendorff auch durchaus zugestand. Andererseits sprach Erich Ludendorff nach diesem Bericht den Sohn von Alfred von Tirpitz mit den Worten an:
Ihr Vater ist ein großer Mann; es ist bedauerlich, daß er nicht Reichskanzler geworden ist. Als Hindenburg und ich 17 unseren ersten Angriff gegen Bethmann ansetzten, schlugen wir Ihren Herrn Vater als Nachfolger dem Kaiser vor. Doch der Kaiser ließ sich in derartigen Ausdrücken über Ihren Vater aus, daß eine weitere Diskussion unmöglich war.
Ludendorff und Tirpitz nahmen beide teil an der Beisetzung der Kaiserin im April 1921 in Potsdam (Abb. 2).
Hitlers Putsch-Versuch - 1. Mai 1923
Daß Erich Ludendorff schon im Juni 1923 auch bei Alfred von Tirpitz Sympathien mit Adolf Hitler voraussetzen konnte, geht aus dem im folgenden zitierten, handschriftlichen Brief an diesen hervor. Er bezog sich darin auf Ereignisse vom 1. Mai 1923 in München, auf die Erich Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen (1) gar nicht eingeht. In seiner Schrift "Auf dem Weg zur Feldherrnhalle" aus dem Jahr 1937 geht er ebenfalls nur kurz auf die Ereignisse vom 1. Mai 1923 ein. Dort schreibt er (2, S. 33):
Warm begrüßte ich die nun folgende Annäherung der völkischen Verbände Münchens zu einem Kampfbunde. Allerdings verlief der 1. Mai noch nicht recht glücklich für sie. Sie hatten sich zu viel zugemutet. Am 20.5. fand in Schliersee die Enthüllung ...
... des Oberlanddenkmals statt, an der Erich Ludendorff teilnahm. Also drei Wochen nach den Ereignissen vom 1. Mai 1923. Zur Enthüllung des Oberlanddenkmals ist schon ein eigener Artikel hier auf dem Blog erschienen (StgNat2011). Ludendorffs Brief an Tirpitz, geschrieben im Sommer 1923, ergänzt die Sichtweise Ludendorffs auf die damaligen Ereignisse.
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| Abb. 3: Erich Ludendorff an Tirpitz im Juni 1923 (erste Seite) |
Lassen wir uns von der KI zunächst erläutern, worum es am 1. Mai 1923 ging:
Adolf Hitler und völkische, „vaterländische Kampfverbände“ in München versuchten, eine Machtprobe mit der Regierung zu erzwingen, indem sie die Maikundgebung der Gewerkschaften störten. Die Aktion scheiterte jedoch, da Polizei und Reichswehr das Gelände abriegelten und die Nationalsozialisten zur Aufgabe zwangen.Die Ereignisse des Tages liefen in folgenden Schritten ab: Machtdemonstration der Linken: Die Gewerkschaften und die SPD hatten zu einer großen Kundgebung und einem Maiaufmarsch auf der Theresienwiese aufgerufen, an der rund 25.000 Menschen teilnahmen. Rechter Putschversuch: Die NSDAP und ihr angeschlossene paramilitärische Verbände (wie die SA und der Bund Oberland) wollten dies unterbinden. Die Rechte sah den 1. Mai zudem als symbolträchtiges Datum für die Niederschlagung der Münchner Räterepublik im Jahr 1919. Plan der Rechten: Hitler hatte vor, die Gewerkschaftsveranstaltung zu überfallen, die rote Führung zu verhaften und damit die bayerische Regierung zu erpressen. Bewaffnete Putschisten sammelten sich auf dem Oberwiesenfeld (dem heutigen Olympiapark). Eingreifen des Staates: Die bayerische Regierung unter Ministerpräsident Eugen von Knilling zeigte überraschend Stärke und lehnte ein Verbot des Gewerkschaftsumzugs ab. Polizei und Reichswehr stellten sich schützend vor die Arbeiterbewegung und riegelten das Oberwiesenfeld ab. Entwaffnung: Die putschenden Verbände wurden umstellt und teilweise entwaffnet, um ein Blutbad zu verhindern. Hitler mußte klein beigeben und seine Männer abziehen, was für die Nationalsozialisten eine empfindliche und peinliche Niederlage bedeutete.
Erich Ludendorff schrieb nun in der nachfolgenden Zeit an Alfred von Tirpitz:
München, Heilmannstr. 8.6. [1923]
Hochzugebietender Herr Großadmiral!
Euer Exzellenz danke ich für die gütigen Zeilen vom 25. Ich kann meinen Besuch in Elsdorf (?) nicht in Aussicht stellen, da ich nicht weiß, wann ich wieder mal nach Preußen komme. Ich sitze hier fest. Selbstverständlich werde ich gern Herrn A. Hitler unterstützen wie jeden, der praktische Arbeit tut, aber ich kann ihm so gar nichts Bestimmtes in Aussicht stellen, muß auch nicht nur seine ... worüber Sie etwas hören wollen oder worüber mit ihm nun zu sprechen ist.
Hier hat der 1. Mai unendlich viel zerschlagen. Die Schuld liegt bei Regierung und Nationalsozialisten. Bei ersteren wohl die größere, wenn auch die schwarze, rot-goldene u. feige bürgerliche Presse es anders darstellt. Die deutsche schwarz-weiß-rote Bewegung hat Schaden erlitten. Partikularismus, Separatismus können zufrieden sein. Wenn die maßgebenden Stellen im Norden nur diese Wegrichtung erkennen würden. Man will sie nicht sehen u. man glaubt mir wieder nicht, und so wird es kommen, wie es kommen muß, wenn man ... nach dieser Richtung in der Zukunft .. als politische ... solche Menschen hinstellt.
In Würzburg (?) am 4. 5. Mai hatte ich schöne Eindrücke. ... zu einer Hochschulring Woche. Ich sprach über die deutsche Armee, ich weiß nicht, ob die Zeitungen mein Werk bringen. Ich lege sie zur gütigen u. nachsichtigen Beurteilung bei.
In Verehrung bin ich, Herr Großadmiral,
Euer Exzellenz gehorsamer
Ludendorff
Studenten des hier erwähnten völkischen "Deutschen Hochschulrings" (Wiki) sollten am 8./9. November 1923 auch am Hitler-Ludendorff-Putsch beteiligt sein. Dieser Brief macht darauf aufmerksam, daß es schon am 1. Mai 1923 Hoffnungen auf einen Rechtsputsch in Bayern gegeben hatte.
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| Abb. 4: Erich Ludendorff an Tirpitz im Juni 1923 (zweite Seite) |
Außerdem gibt es einen Brief, der offenbar aus dem November 1924 an von Tirpitz geschrieben worden ist.
"Kolonnen, die getrennt geschlagen werden" - Ludendorff und Tirpitz im Reichstag 1924
Darin wird Bezug genommen auf den 29. August 1924.
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| Abb. 5: Erich Ludendorff an Tirpitz, November 1924 |
Wir lassen uns durch die KI belehren:
Am 29. August 1924 nahm der deutsche Reichstag den Dawes-Plan an. Dieses Abkommen regelte die Reparationszahlungen des Deutschen Reichs nach dem Ersten Weltkrieg neu. Die Annahme des Plans markierte einen entscheidenden Wendepunkt für die Weimarer Republik: Das Abstimmungsergebnis: Zur Annahme war eine Zweidrittelmehrheit erforderlich, da hierfür Verfassungsänderungen nötig waren. Die Zustimmung wurde durch die Stimmen der demokratischen Parteien sowie überraschend der Hälfte der Abgeordneten der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) gesichert. Die Bedingungen: Im Gegenzug zur Festlegung der neuen, an die Wirtschaftskraft gekoppelten Zahlungen, sicherte Frankreich das Ende der Ruhrbesetzung zu. Zudem wurden internationale (vor allem US-amerikanische) Anleihen und Kredite ermöglicht. Die Folgen: Der Vertrag legte den Grundstein für die „Goldenen Zwanziger“. Er leitete eine Phase der wirtschaftlichen Stabilisierung ein, ebnete den Weg für den politischen Entspannungskurs von Außenminister Gustav Stresemann und führte zum Abzug der alliierten Truppen aus dem Ruhrgebiet.
Am 4. Mai 1924 ist Erich Ludendorff für die Deutsch-völkische Freiheitspartei zum Abgeordneten des Deutschen Reichstages gewählt worden und Alfred von Tirpitz für die DNVP.
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| Abb. 6: "Eröffnungssitzung des neuen Reichstages am 27. Mai 1924. (...) Der frühere Großadmiral von Tirpitz (X) begibt sich zur Sitzung" - zusammen mit Walter von Keudell (rechts) (Fotograf Georg Pahl) (Bdarch) (weiteres: Wiki) |
So erlebten beide die Abstimmung im Deutschen Reichstag über den Dawes-Plan am 29. August 1924 mit. Im gleichen Jahr brachte Alfred von Tirpitz sein Buch heraus "Der Aufbau der deutschen Weltmacht" (Cotta Nachf., Stuttgart/Berlin 1924). Offenbar hat er es Ludendorff zugesandt zusammen mit einem Brief. Ludendorff antwortete:
München, Heilmannstr. 11.11. [1924]
Hochverehrter Herr Großadmiral!
Euer Exzellenz danke ich für die gütige Zusendung Ihres bedeutungsvollen Werks mit der gleich bedeutungsvollen Zuschrift. Mögen die Kolonnen (?) dafür sorgen, daß sie nicht getrennt geschlagen werden. Ich kann meine schwere Sorge nicht unterdrücken, daß das am 29. August geschehen ist.
In Verehrung bin ich Herr Großadmiral
Euer Exzellenz
gehorsamer Ludendorff
Vielleicht hatte von Tirpitz in seinem Brief davon geschrieben, daß die "Kolonnen" der Deutschvölkischen Freiheitspartei einerseits und der Deutschnationalen Volkspartei andererseits zwar - wie seit 1866 die militärische Redensart geht - "getrennt marschieren, aber vereint schlagen" würden. Ludendorff war diesbezüglich seit dem 29. August 1924 offenbar nicht mehr so zuversichtlich wie von Tirpitz.
Der Freimaurer von Tirpitz und der Stahlhelm - 1929
In den Folgejahren ist dann viel passiert. Ludendorff hat sich von der Parteipolitik ganz abgewendet. Er trat aus der Evangelischen Kirche aus und nahm 1927 seinen Freimaurer-Kampf auf. Alfred von Tirpitz hingegen war - - - Freimaurer. Wie von Tirpitz über den Freimaurer-Kampf Erich Ludendorffs dachte, ist vorderhand nicht bekannt.
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| Abb. 7: Admiral von Tirpitz im Gespräch mit dem Stahlhelm-Führer Duesterberg (rechts Seldte) - Reichsfrontsoldatentag vom Stahlhelm und Bund der Frontsoldaten am 1./2. Juni 1929 (Bdarch) |
1928 zog Alfred von Tirpitz nach Feldafing bei München. Er nahm noch 1929, ein Jahr vor seinem Tod, an einer Stahlhelmtagung in München teil, bei der 100.000 Stahlhelmleute versammelt gewesen sind (Abb. 7). Ein Jahr zuvor schon hatte Erich Ludendorff auf ein Grußtelegramm des "Stahlhelm" bei einer solchen Gelegenheit geantwortet (3, S. 75):
"Den hunderttausend Frontsoldaten danke ich für den Gruß. Wir waren im Weltkrieg Landsknechte der überstaatlichen Mächte trotz unserer Hingebung für Kaiser und Reich. Mögen die Frontsoldaten das endlich erkennen und den Kampf gegen jene Mächte aufnehmen. Unsere Befreiung wird dann leicht sein."
Das Telegramm sei während der Tagung unterdrückt und nicht verlesen worden, so berichtet es Ludendorff. Da es in der Stahlhelm-Führung ebenfalls viele Freimaurer gab (dazu neuerdings: 4), war es sicher nahe liegender, im Folgejahr den greisen Großadmiral als Ehrengast einzuladen als den Freimaurer-Gegner Ludendorff.
Die Briefe von Alfred von Tirpitz an Ludendorff, die hier nicht zitiert werden konnten, werden im Ludendorff-Archiv in Tutzing liegen.
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- Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1941 (Archiv)
- Ludendorff, Erich: Auf dem Weg zur Feldherrnhalle. Ludendorffs Verlag, München 1937
- Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen, Band 2, 1926 bis 1933. Verlag Hohe Warte, Pähl 1951
- Fahrenwaldt, Matthias Albrecht: Der „Feldherr“ als Publizist. Erich Ludendorff 1919-1937. Dissertation, Düsseldorf, Heinrich-Heine-Universität, 2023; Online-Ressource Hochschulschrift (kostenfrei zugänglich) (UniDüsseldorf)
- Scheck, Raffael: Der Kampf des Tirpitz-Kreises für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg und einen politischen Kurswechsel im Deutschen Kaiserreich 1916-1917. In: Militärgeschichtl. Mitteilungen 55/1996, S. 69-91 (freies pdf)
Der "Mohr", der "Schild", der "Sündenbock" - Begibt sich auf den Präsentierteller
Daß die Ereignisse des 9. November 1923 im Wesentlichen eine Auseinandersetzung waren zwischen den separatistischen, ultramontanen Kräften in Bayern unter dem Oberbefehl des Nuntius Pacelli einerseits und dem sich - durch diese - zum Antiklerikalen und Völkischen weiter entwickelnden General Erich Ludendorff auf der einen Seite, wird man in Darstellungen derselben noch heute selten lesen. Eigentlich nie.
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| Abb. 1: Der Mohr - G. von Kahr (Q) |
Höchst selten wird noch heute sogar das eigentliche Vordergrund-Geschehen so dargestellt, wie es darzustellen wäre, nämlich: Die bayerische Staatsregierung ventiliert den Gedanken eines "Marsches auf Berlin" in Zusammenarbeit mit den völkischen Wehrverbänden in Bayern und um - gegebenenfalls - in Berlin den bayerischen Kronprinzen Rupprecht zum Kaiser von Deutschland auszurufen. Sie findet aber den "Absprung" für diese Aktion nicht, jenen Absprung, den dann Adolf Hitler mit einem Pistolenschuß im Bürgerbräukeller am 8. November 1923 "beschleunigt". Die Mitglieder der bayerischen Staatsregierung geben im Bürgerbräukeller ihr Wort, daß sie bei diesem Staatsputsch dabei sind, werden in ihre Ämter entlassen und wenden sich noch in der Nacht gegen die völkischen Putschisten. Der umjubelte Marsch der Putschisten durch München am Folgetag wird von Regierungstruppen zusammen geschossen. Die Empörung darüber schlägt hohe Wellen in München. Gustav von Kahr verliert sein ganzes, vorheriges Ansehen. Die Putschisten werden vor Gericht gestellt. Sie werden zu keineswegs hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Ludendorff wird sogar ganz frei gesprochen.
Bezüglich dieses komplexen Geschehens wird in den meisten Fällen der Scheinwerfer allein auf das Handeln Hitlers und der Nationalsozialisten gerichtet. Dabei sind Hitler und die Nationalsozialisten im Geschehen rund um den 9. November 1923 im Grunde eher "Randfiguren", sozusagen die "Bauern" im Schachspiel der Mächtigen. Zu allen Zeiten hatte die bayrische Staatsregierung die Fäden in der Hand behalten. Und es verdichten sich die Hinweise immer mehr, daß Gustav von Kahr von Seiten der regierenden Kreise in Bayern "benutzt" wurde dazu, die völkischen Putschisten zum Losschlagen zu verleiten, um die in Teilen antiklerikale, völkische Bewegung in Bayern dadurch um so besser zerschlagen zu können. Wobei es vor allem darauf ankam, die NSDAP von dem konsequent antiklerikalen Ludendorff zu trennen.
Also auch die komplexere, offizielle, vorwiegend am Vordergrund-Geschehen orientierte Version verliert um so mehr an Gewicht, um so mehr Quellen von Seiten der handelnden Personen zugänglich werden - und zwar hundert Jahre später! Vorher durfte das offenbar nicht passieren. Die wichtigste Quelle sind in diesem Zusammenhang die Nuntiatur-Berichte des Nuntius Pacelli aus München an den Vatikan in Rom (Stgr2025). Sie werden ergänzt durch Tagebuch-Einträge des Münchner Kardinal Faulhabers (Stgr2025). Und neuerdings geraten auch die Lebenserinnerungen des Gustav von Kahr (1862-1934) (Wik) ins Blickfeld dieses Blogs, die spätestens seit 2018 ausgewertet werden (1, 2). Um die Einordnung der letzteren soll es im vorliegenden Blogbeitrag vor allem gehen.
Während Erich Ludendorff also seine Sichtweise auf die Zusammenhänge schon während des Prozesses vor dem Volksgerichtshof in München im Februar 1924 öffentlich bekannt gemacht hat und von diesen auch sonst immer wieder öffentlich geschrieben hat (3), werden wesentliche Aspekte der Sichtweisen Pacelli's, des Kardinals Faulhaber und des Gustav von Kahr erst heute, fast hundert Jahre nach den Ereignissen (!) öffentlich.
Wären die Sichtweisen von Pacelli, Faulhaber und Kahr schon einige Jahrzehnte früher so unzweideutig sichtbar geworden wie sie es heute sind, wäre womöglich noch mehr Leuten außer diesem Blog aufgefallen: So falsch waren die Vermutungen, Verdächtigungen und Wahrnehmungen des "Verschwörungstheoretikers" Erich Ludendorff über die Machenschaften der ultramontanen Kräfte in Bayern gar nicht. Heute hingegen ernten diese Veröffentlichungen bestenfalls noch ein Achselzucken. Sie sind "zu lange her" als daß sich nur irgend jemand großartig darüber aufregen würde.
Tiktok-Scrollen ist sowieso längst wichtiger geworden für die nachwachsende Generation. Zwar sollte diese doch eigentlich in einer Demokratie zu selbstständigem Denken und Forschen erzogen werden. Sollte. Aber sind die heutigen Demokraten eigentlich wirklich an selbstständigem Denken des Volkes interessiert? Sind sie es? Wirklich? Müßten sie dann nicht ganz anders handeln? Aber das sind an dieser Stelle nur Fragen am Rande.
Richtungswechsel - Die ultramontanen Kräfte in Bayern, September 1923
Ludendorff verdächtigte die ultramontanen Kräfte Bayerns, des Rheinlandes, des Saarlandes und der Pfalz des Separatismus. Das war für ihn der Hauptgrund, sich in die bayerische Politik einzumischen. Der separatistische Gedanke verlor aber während des Jahres 1923 an Zugkraft. Ludendorff schreibt dazu (3, S. 51):
Die separatistischen Absichten in Bayern waren durch den Fuchs-Machhaus-Prozeß in Mißkredit geraten. Es schien einfacher (...), daß Kronprinz Rupprecht von Bayern sei es als Reichsverweser, sei es als Kaiser nach Berlin geführt wurde. Der Ruf "Los von Berlin", der bis dahin nur allzu oft in München zu hören war, wandelte sich in den Ruf "Auf nach Berlin". Ich hätte mich hierüber freuen müssen. Der Ruf begrub den Separatismus als solchen. Mir war aber doch bei diesem Ruf etwas unheimlich zumute, zu tief hatte ich in die Verhältnisse geblickt.
Die ultramontanen Kräfte in Bayern wechselten also - in der Wahrnehmung Ludendorffs - mit einem male die Zielrichtung, gingen auf die Zielrichtung der völkischen Kräfte in Bayern zu. Sie gaben zumindest vor, die Möglichkeit eines Erfolges eines "Marsches auf Berlin" nach verschiedenen Richtungen hin zu ventilieren und erste Schritte zur Vorbereitung desselben zu unternehmen. Verschiedene Personen der bayrischen Staatsregierung machten Reisen nach Berlin, um das Terrain zu erkunden, verschiedene Persönlichkeiten aus Norddeutschland kamen nach München, um Pläne zur Zusammenarbeit zu erörtern.
Indem die vorherigen separatistischen Pläne aufgegeben worden waren, sahen sich die ultramontanen, regierenden Kräfte Bayerns weiterhin als "Ordnungszelle" im Deutschen Reich und wollten - angeblich - von Bayern aus eine Wiedererstarkung Deutschlands herbeiführen. Aber Ludendorff war dabei "etwas unheimlich" zumute, wie er sagt. Daß das alles nur ein taktisches Vorgeben sei, um die völkischen Kräfte in Bayern durch dieses Vorgeben in einem zweiten Schritt um so nachhaltiger zerschlagen zu können - nämlich nachdem sie "vorgeprescht" wären, hat er zu diesem Zeitpunkt offenbar noch nicht durchschaut. Die 1920er Jahre beschreibt Erich Ludendorff selbst als einen stetigen politischen Lernprozeß für sich selbst.
Die ultramontanen Kräfte Bayerns liebäugelten also mit einer Zusammenarbeit mit den völkischen Kräften in Bayern rund um Hitler und Ludendorff und rund um die den beiden unterstellten "Kampfverbände", bzw. "Wehrverbände" (unter anderem mit dem Bund Oberland). Gustav von Kahr sagte es dem Nuntius Pacelli am 3. Oktober 1923 deutlich genug: Mit Hitler glaubte er dabei zusammen arbeiten zu können - mit Ludendorff nicht (Stgr2025). Das ist eine zentrale Äußerung, die wesentlich tiefer in die damaligen Zusammenhänge blicken läßt als das zuvor möglich gewesen war. Sie paßt zu dem gesamten Geschehen ab dem Jahr 1925, in dem sich Ludendorff von Hitler trennte, eben weil dieser sich nicht gegen die ultramontanen Kräfte stellen wollte. Innerlich war diese Trennung von Seiten Hitlers offenbar schon vor dem Putsch vom 9. November 1923 vollzogen worden.
Der Präsentierteller
Nachdem nun einige Wochen lang von Seiten der ultramontanen Kräfte das Vorhaben ventiliert wurde, von Bayern aus in Deutschland die Macht zu übernehmen, wobei sie in ständigem Austausch mit Ludendorff und Hitler standen, entschied man sich offenbar um den 6. November 1923 herum dazu, Hitler zum Losschlagen zu "verleiten", indem die Versammlung im Bürgerbräukeller anberaumt wurde, in der ein großer Teil der "führenden Kreise" Münchens und Bayerns versammelt war, und in der Gustav von Kahr eine wichtige Rede hatte halten sollen. Man bot Hitler hierdurch die Möglichkeit des Putsches praktisch "auf dem Präsentierteller" an. Dabei sollte zunächst ein Zusammengehen mit ihm vorgetäuscht werden, um danach um so sicherer und zuverlässiger die völkische Bewegung in Bayern - polizeilich und militärisch - zu zerschlagen. Dabei würde vermutlich auch Blut vergossen werden müssen, so wußte Nuntius Pacelli schon im Vorhinein, wenn es nicht sogar seine Hoffnung war. Er telegrafierte am Morgen des 9. November 1923 nach Rom (Stgr2025):
Generalkommissar Kahr schloß sich, soweit ich weiß, der Bewegung offenbar zunächst nur an, um freie Hand zu bekommen und um Gegenmaßnahmen ergreifen zu können; man geht davon aus, daß er in Kürze wieder in sein Amt eingesetzt wird, aber wahrscheinlich nicht ohne Blutvergießen.
Derjenige, der diese Zusammenarbeit mit den Völkischen von Seiten der bayerischen Staatsregierung vortäuschen sollte, war der Generalstaatskommissar von Kahr.
Der "Schild", der "Mohr", der "Sündenbock"
Er sah sich selbst dabei offenbar sehr deutlich als das "Werkzeug" anderer an, als "Mohr, der seine Schuldigkeit tun mußte" (im Dienste der ultramontanen Kräfte , siehe unten). Erich Ludendorff bezeichnet Gustav von Kahr in seiner Schrift "Auf dem Weg zur Feldherrnhalle", die im Jahr 1937 erschienen ist, als "den ausgesprochenen Vertrauensmann des Kronprinzen Rupprecht" (3, S. 50). Er schreibt (3, S. 51):
Die Stellung des Generalstaatskommissars v. Kahr war eigenartig. Er hatte von der Bayerischen Regierung die volle Regierungsgewalt erhalten, sie selbst aber blieb voll im Amte. Der Generalstaatskommissar war sozusagen das Schild geworden, hinter dem die Bayerischen Volkspartei, die Anhänger des Hauses Wittelsbach und Rom ihre dunklen Pläne durchführen wollten.
Genau so kennzeichnet der Münchener Historiker Ferdinand Kramer (geb. 1960) (Wiki) nun die Rolle Gustav von Kahrs ebenfalls in seinen beiden Vorträgen dazu von 2018 und 2023. Er sagte dazu 2018 gleich am Anfang seines Vortrages (2):
"Kahr ist im Lande ein Symbol" - diese Worte stammen, glaubt man den Erinnerungen Gustav von Kahrs, vom Rektor der Universität München. In der aufgewühlten politischen Atmosphäre des Jahresanfangs 1922 hatte die Bayerische Volkspartei den Plan intensiviert, die Verfassung des Freistaats Bayern um das Amt eines bayerischen Staatspräsidenten zu erweitern. Über den Parteien stehend sollte dieser Staatspräsident integrierend wirken und die Staatlichkeit Bayerns im besonderen repräsentieren. Manch einer dachte dabei auch an die Restauration der Monarchie auf diesem Wege. Heinrich Held, Vorsitzender der stärksten Fraktion im Bayerischen Landtag, der Bayerischen Volkspartei, führt eine Reihe von Gesprächen mit Persönlichkeiten, die er mit dem neuen Amt präsentieren wollte. Ja überhaupt war vorherzusehen, daß das Staatspräsidenten-Amt und die entsprechende Verfassungsänderung per Volksentscheid nur durchzusetzen war, wenn man Parteien und Öffentlichkeit mit dem Amt selbst eine Persönlichkeit präsentieren konnte, die breite Zustimmung finden würde. Zuerst bot Held das Amt Kronprinz Rupprecht an, der mit Gustav von Kahr Rücksprache hielt und schließlich ablehnte. Ein König könne sich nicht wählen lassen, so die Begründung Kahrs. Dann führte Held Unterredungen mit dem Präsidenten der Universität München, mit Pfeilschifter, der das Ansinnen ebenfalls ablehnte und auf Kahr verwies. Dieser oder keiner sollte Staatspräsident werden, denn er ist eben im Lande ein Symbol.
Womöglich ist es ein bemerkenswerter Umstand, daß überlegt worden war, den katholischen Theologen, Kirchenhistoriker und Rektor der Universität München Professor Georg Pfeilschifter (1870-1936) (Wiki) für die Übernahme dieses Amt zu bewegen und daß dieser dankend abgelehnt hat. Auf den Namen Pfeilschifter waren wir letztes Jahr in den Tagebüchern des Kardinals Faulhaber in einem ganz anderen Zusammenhang gestoßen. Faulhaber hatte am 18. Februar 1923, also ein Jahr nachdem das Staatspräsidenten-Amt geschaffen worden war, in seinem Tagebuch einige Ausführungen über innerkatholische Gegner des Kronprinzen Rupprecht gemacht. Über den engsten Mitarbeiter des Kronprinzen Rupprecht, über den Grafen Soden hatte er dabei ausgeführt (s. Stgr2025):
Graf Soden beklagt sich, daß er persönlich verdächtigt würde, „der Kronprinz stehe unter jesuitischem Einfluß“, Ludendorff sei die Quelle - leider sei der Rektor Pfeilschifter ein Anhänger von Ludendorff.
Pfeilschifter ein Anhänger von Ludendorff - an dieser kurzen Bemerkung wird blitzartig deutlich, welch großen Einfluß man schon im Februar 1923 Ludendorff innerhalb der bayerischen Politik zugeschrieben hat, insbesondere unter all jenen, die den ultramontanen Kräften innerhalb Bayerns auch als Katholiken kritisch gegenüber standen. Und von diesen gab es viele. Der weiter unten noch erwähnte Münchner Historiker Karl Alexander von Müller zum Beispiel gehörte auch zu ihnen. Wir hatten zu diesen Faulhaber-Worten schon letztes Jahr geschrieben (s. Stgr2025):
Der jesuitische Einfluß auf den Kronprinzen Rupprecht, so lautet also der Verdacht, ginge über den Grafen Soden. Worauf sich dieser Verdacht gründet, ist vorderhand nicht gleich erkennbar. Vielleicht unter anderem auf den Umstand, daß der Graf Soden das Wilhelmsgymnasium in München besucht hat, das - einst von Jesuiten gegründet - bis heute "von der tiefen Religiosität der Jesuiten geprägt" ist (s. Wilhelmgymn).
In seinem Vortrag von 2023 charakterisiert der Historiker Ferdinand Kramer die Rolle Gustav von Kahrs noch weitaus deutlicher (2; Minute 40):
Mit der Bestellung von Gustav von Kahrs zum Generalstaatskommissar und dem damit verbundenen Ausnahmezustand in Bayern versuchte die bayerische Staatsregierung eine Person zu nutzen, von der man hoffte, sie könne in einem aktuellen Krisenbündel einen Putsch Hitlers verhindern. (...) Mit Gustav von Kahr verband sich in akuten Krisen 1920 und 1923 und mit Hilfe von Ausnahmezuständen die Hoffnung auf Stabilisierung des Staates. Während damit die demokratisch legitimierten Amtsträger und Institutionen, die ihn installierten, weiter an Ansehen verlieren mußten, die Verantwortung weiter schoben und ihn später auch - wie man das bei Karl Schwend sehen kann - zum alleinigen Sündenbock abstempelten.
Die ultramontanen Kräfte in Bayern wußten: Derjenige, der die völkische Bewegung in Bayern zerschlagen würde, dessen Sympathien würden in Bayern nicht wachsen. Und so schoben sie die Verantwortung dafür an Gustav von Kahr als "Sündenbock" weiter und wuschen sich weiter die Hände in Unschuld.
Kahr - Er "wußte nicht, wohin er geführt würde"
Enkel des bayerischen Politikers Gustav von Kahr haben 2016 den Historikern Aufzeichnungen ihres Großvaters zugänglich gemacht, Vorarbeiten zu seinen Lebenserinnerungen, an denen er bis zu seiner Ermordung während der "Röhm-Putsch"-Morde des Jahres 1934 weiter gearbeitet hatte, und in denen er darum rang, sich gegenüber einer Öffentlichkeit zu rechtfertigen, der gegenüber er sich durch sein Handeln am 8. und 9. November 1923 zwischen alle Stühle gesetzt hatte, und die ihn seither von allen Seiten kritisch betrachtete, und die sich von ihm abwandte, von ihm, der zuvor in Bayern so viele Sympathien, ja, "Gott-ähnliche" Verehrung genoß, wie es vereinzelt hieß. In seinen Erinnerungen versuchte er nun, sein Leben darzustellen als geleitet vom Prinzip der "Treue". Allerdings erwecken auch die Ausführungen des Historikers Kramer über diese Lebenserinnerungen eher der Eindruck, daß die "Treue" des Gustav von Kahr vor allem auf geheimen Ordensobere hin orientiert war als auf irgend etwas anderes hin (siehe unten).
Erich Ludendorff schreibt in seinen Lebenserinnerungen über die zweite Jahreshälfte des Jahres 1920, über die Zeit, nachdem er von Berlin nach München gezogen war (3, S. 138):
Durch Oberst Bauer lernte ich auch bald die Herren v. Kahr und Pöhner kennen. Herr v. Kahr klein, untersetzt und leicht aufgeschwemmt, sowie alles andere als nordisch, war Protestant, aber Mitglied der Bayerischen Volkspartei. (...) In den Blicken des Herrn v. Kahr lag eine gewisse Verschlagenheit. Wie abhängig er von dem Willen des tatsächlichen Führers der Bayerischen Volkspartei, dem Bauerndoktor Geheimrat Heim, und damit von Nuntius Pacelli und Kardinal Faulhaber tatsächlich war, war mir damals noch unbekannt. Polizeipräsident Pöhner war eine ganz andere Erscheinung als Ministerpräsident v. Kahr. Er war groß und hager, sein Gesicht trug energische Züge. Er hatte die Polizei Münchens von allen zweifelhaften Elementen gesäubert; hier herrschte tatsächlich Ordnung. Irgendwelche bolschewistischen Unruhen waren in München unmöglich geworden. (...) Welche Gedanken die beiden Herren im einzelnen hatten, offenbarte sich nicht. Herr v. Kahr wußte gewiß selbst nicht, wohin er geführt werden würde, und Herr Pöhner dachte wohl nur in seinem Innersten an die Errichtung einer großen Wittelsbachischen Monarchie.
Der Historiker Ferdinand Kramer führt nun anhand der bis heute unveröffentlichten Lebenserinnerungen des Gustav von Kahr aus (1, Minute 36):
In den Erinnerungen versucht Kahr darzulegen, wie er seiner fränkisch-protestantischen Herkunft zwar treu blieb - das ist eben elementar für ihn - aber wie ihn in seiner Landshuter Zeit das bayerische Oberland, dann die bayrische Haupt- und Residenzstadt, sowie sein dortiges Engagement für den Staat und insbesondere seine intensiver werdenden Kontakte zum Königshaus faszinierten. Insofern bietet er uns einen Weg zum Verständnis der gesellschaftlichen und staatlichen Integrationsprozesse des Königreichs Bayern an. Der evangelische Franke wird zunehmend ein Altbayer, will man sagen.Dabei thematisiert Kahr unter anderem wiederholt seine Positionen zur evangelischen und katholischen Kirche. Dabei klingt vereinzelt eine starke Verbitterung über seine Kirche durch, da ihn einzelne evangelische Pfarrer wegen der Niederschlagung des Hitler-Putsches kritisiert haben und angegriffen haben. Nur zweimal deutet er an, daß er zwar seiner evangelischen Kirche treu sei, seine Religiosität aber weitgehend verloren habe.
Wie könnte wohl ein hohlerer Begriff von "Treue" formuliert werden als hier? Gustav von Kahr und offenbar auch viele Leser scheinen sich diese ausgesprochene Hohlheit gar nicht einmal bewußt zu machen. Womöglich ist eine solche "hohle Treue" zu irgendeiner christlichen Kirche noch heute reine Selbstverständlichkeit bei vielen "Altbayern" und anderen Deutschen. Warum bloß werden wir so polemisch? "Deutsche Treue"? So? Und wird eiskalt bei dem Lesen solcher Dinge. Aber die Hohlheit des Begriffes Treue bei Gustav von Kahr tritt noch krasser zutage (1):
Dagegen fasziniert ihn das repräsentative Auftreten der katholischen Geistlichkeit wie er es vor allem an Faulhaber ausführt, mit dem ihm vor allem dessen entschiedener Monarchismus und die Ablehnung der Republik verbunden hat. Der Verlust der vom Großvater und Vater ausgehenden Religiosität habe ihn bewogen, das Amt des Superintendenten in Bayern auszuschlagen. Ob dies nun das zentrale Motiv war oder ob Kahr nicht viel mehr wissen mußte, daß er sich damit in eine Minderheitenposition im politischen und gesellschaftlichen Leben Bayerns begeben hätte, muß ebenfalls nach den Memoiren dahin gestellt bleiben. Jedenfalls ermöglichte die dargestellte wachsende Distanzierung zum Protestantismus und Kahrs Interesse für das Katholische, daß er auch als Protestant breite Akzeptanz und als Ministerpräsident und Generalstaatskommissar auch Rückendeckung bei der katholischen Kirche, im starken politischen Katholizismus und damit auch in breiteren Schichten nicht zuletzt des Münchner Bürgertums finden konnte.
Was für eine beklemmende "Treue". Fast möchte man ausrufen: Nur ein toter Protestant ist auch ein "guter" Protestant - so ja offenbar die Sicht des hier dargestellten "starken politischen Katholizismus" in München. Das "repräsentative Auftreten der katholischen Geistlichkeit" läßt den Gustav von Kahr Sympathien zu dieser entwickeln. Und sonst nichts? Und das, obwohl er überhaupt keine Religiosität mehr besitzt? Geht es eigentlich noch krasser, absurder, hohler?
| Abb. 2: In Stein gemeißelt: Vordergrund-Politiker ohne Eigenwillen und "weise" "Hintergrund"-Lenkung (im Freimaurer-Denkmal genannt "Völkerschlachtdenkmal" in Leipzig, errichtet 1913) |
Ist es nicht sehr passend gewählt, wenn wir den Figuren-Schmuck der Leipziger Freimaurer-Kolosses wählen, um diese Art der "Dienstfertigkeit" geheimen Oberen gegenüber zu kennzeichnen, die doch hier offenbar bei Kahr vorlag (s. Abb. 2)? Figuren, "Streiter" ohne allen Eigenwillen und darum im vollkommenen Einklang mit denen, die "hinter" ihnen stehen.
Aber noch passender zur Verbildlichung einer solchen Haltung erscheinen uns hohle, riesige Samson-Figuren wie sie im Lungau in Österreich bei Festumzügen herum getragen werden (Abb. 3).
Wird die Haltung eines von Kahr nicht überhaupt typisch sein für die eines "Karrieristen", der in einem zutiefst katholischen Umfeld - noch dazu als Protestant - Karriere machen will? Kramer führt weiter aus (1):
So konnte Kahr der erste fränkische, evangelische Ministerpräsident des Freistaats Bayern werden, ein Thema daß ja dieser Tage wieder instrumentalisiert wird.
Mit "diesere Tage" ist im Jahr 2018 auf den fränkischen, evangelischen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder gemeint, vielleicht eine ähnliche "Sprech-Puppe" ... Uns fällt noch ein: "Der deutsche Protestantismus auf dem Wege nach Rom" lautete ein Schlagwort in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und Gustav von Kahr könnte gewiß als einer der besten Repräsentanten von Menschen auf einem solchen Weg gelten. Aber sind nicht unzählige sogenannte "christliche" Politiker aller Parteien seit Jahrzehnten und Jahrhunderten auf solchen Wegen ...? Der Historiker Kramer weiter über Gustav von Kahr (1):
Die Nationalsozialisten beschimpften ihn später als "Ehren-Jesuiten" und warfen ihm vor, er habe sich in der Nacht des Hitler-Putsches von Faulhaber zu einer Wende seiner Position und zum Kampf gegen die Putschisten bewegen lassen.
An dieser Stelle sei noch einmal in Erinnerung gebracht, was Gustav von Kahr dem Nuntius Pacelli am 3. Oktober 1923 sagte: Mit Hitler glaubte er schon leicht zu einem Modus vivendi kommen zu können - aber nicht mit Ludendorff (Stgr2025). Mußte da nicht Hitler selbst bewußt sein, daß er schon vor dem 9. November 1923 bei den ultramontanen Kräften in Bayern mehr oder weniger wohl gelitten war? Immerhin ist es auch sehr auffallend, wenn Erich Ludendorff noch im Jahr 1937 etwas sagte, was inzwischen durch die Nuntiatur-Berichte Pacelli's als widerlegt angesehen werden muß. Er sagte nämlich (2, S. 53):
Während Adolf Hitler in ablehnender Haltung gegen den Generalstaatskommissar v. Kahr und dieser gegen ihn standen, trennten sich Hauptmann Heiß und seine Reichsflagge von dem Kampfbunde und stellten sich Herrn v. Kahr zur Verfügung! (...) Ich war tief empört über das Verhalten.
Gemeint ist: Der Hauptmann Heiß trennte sich vom Kampfbund Oberland, der sich der politischen Leitung Hitlers unterstellt hatte. Haben Hitler und Kahr hier - im gegenseitigen Einvernehmen - nur nach außen hin einen "Gegensatz" "gepflegt", den es in Wahrheit - nach den Worten Kahrs gegenüber Pacelli - gar nicht gab?
Man fragt sich jedenfalls bei den genannten Inhalten der Lebenserinnerungen des Gustav von Kahr, in welche Abhängigkeiten derselbe sich schon in jungen Jahren - womöglich schon in seinen Landshuter Jahren - begeben haben könnte. Sein ganzes Leben und auch Argumentieren mutet so an, als hätte er sich in Abhängigkeiten begeben. Als wäre er - ggfs. - Eidverpflichtungen eingegangen zum Beispiel gegenüber einem jesuitischen Männergeheimbund. Denn Gustav von Kahr deutet sein ganzes Leben - und sogar den Verlust seiner Religiosität - so, daß er dabei jederzeit in Einklang bleiben kann mit den klerikal-Wittelsbacherischen Interessen in Bayern, die zugleich ultramontane Interessen waren.
Warum dann aber diese Kreise 1934 dennoch keine schützende Hand über von Kahr gehalten haben - was sie doch gewiß anderen Personen gegenüber getan haben - muß an dieser Stelle einstweilen offen bleiben. War von Kahr eben doch - - - "nur" ein Protestant? Blieb ihm letztlich ein wirklicher Respekt versagt innerhalb jener Kreise, denen er sich gegenüber verpflichtet fühlte? Er war offenbar tatsächlich - wie der Historiker Kramer es ausdrückt - "der Mohr, der seine Schuldigkeit getan" hatte.
Kramer beschreibt, wie von Kahr sich selbst von der Außenwelt wahrgenommen wünschte (1):
Sein eigentliches Streben sei das nach der Position eines hohen, überparteilich agierenden bayerischen Staatsbeamten gewesen. Das Amt des Regierungspräsidenten von Oberbayern gilt ihm als das schönste, das Bayern zu vergeben habe. Dagegen sei der Weg in die Politik ein Opfer gewesen, das er 1920 und 23 nur auf langes Drängen und um des Staates will auf sich genommen habe.
Sprich: "auf Befehl" hin. Und weiter (1):
Dann sieht er den Dualismus und Kontrast zwischen einer ungemeinen hohen Popularität im Lande, seine Wirkung als Symbol, als ein vom Volk und den "Kahrianern" vergötterter Ministerpräsident und als Gegenstück dazu der Verlassene, der Isolierte, der Mohr, der seine Schuldigkeit getan hat.
Es geht also insgesamt um das scheinbare Zusammenarbeiten von Kahrs mit den Putschisten des Hitler-Ludendorff-Putsches von 1923 und der von ihm dann koordinierte Niederschlagung des Putsches. Wie das Agieren des Gustav von Kahr grundsätzlich einzuordnen ist, war uns hier auf dem Blog schon einigermaßen abschließend deutlich geworden durch das Studium der Berichte des Nuntius Pacelli aus jener Zeit nach Rom (StgNat2025). Aus ihnen geht hervor: Die katholisch-Wittelsbacherischen Kreise hätten in der Zusammenarbeit mit Hitler 1923 gerne Bayern vom Reich abgetrennt (Separatismus) oder wären auch gerne zusammen mit Hitler von Bayern aus auf Berlin marschiert (so wie zuvor Mussolini nach Rom marschiert war). Da aber der antiklerikale Erich Ludendorff die starke antiklerikale Strömung innerhalb Bayerns unter den Putschisten repräsentierte, wurde von Seiten der Wittelsbacherisch-klerikalen Kräfte in Bayern (Pacelli, Faulhaber, Kronprinz Rupprecht, Heim, Held, von Kahr uam.) der Plan gefaßt, daß von Kahr scheinbar auf die Zusammenarbeit mit dem Putschisten eingehen würde, um sie zum Losschlagen zu bewegen, um sie dann als Putschisten um so leichter niederschlagen zu können.
Es scheint unter diesen Kräften Personen gegeben zu haben, denen der Gedanke nicht unangenehm war, daß bei dem gewaltsamen Niederschlagen des Putsches führende Putschisten auch ums Leben kommen könnten, etwa Erich Ludendorff.
Gustav von Kahr hat in der Zeit nach dem 9. November 1923 immer offen davon gesprochen, daß der Putsch so abgelaufen sei, wie der Ablauf von ihm geplant gewesen sei. Natürlich mußte er aufgrund seines Narratives von diesem Putsch von Seiten der Nationalsozialisten und Völkischen - mit denen er zuvor freundschaftlich zusammen gearbeitet hatte - als schlimmster "Verräter" angesehen werden. Umgekehrt hatte er es sich aber auch mit sämtlichen sonstigen politischen Kreisen Bayerns verdorben, weil diese es ihm nicht wirklich abnehmen wollten, daß er sich nur zum Schein auf eine Zusammenarbeit mit den Putschisten eingelassen gehabt hatte. Viele waren der Meinung, daß von Kahr ganz ebenso auf die Anklagebank gehörte wie die anderen "Hochverräter".
Sein öffentliches Ansehen war also nach dem Putsch völlig dahin. Und die klerikal-Wittelsbacherischen Kreise Bayerns mußten Gustav von Kahr auf lange Sicht opfern. Von all dem liest man noch heute auf Wikipedia kein Sterbenswort. Aber man erfährt all das in dem Vortrag von Ferdinand Kramer aus dem Jahr 2018. Darin stellt Kramer das hohe Ansehen Gustav von Kahrs vor dem November 1923 heraus. (Wir hatten hier auf dem Blog schon davon gehört, daß etwa auch der Münchener Tiermaler Heinrich von Zügel bis 1923 zu den "Kahrianern" gehört hatte [Stgr2025].) Kramer sagt, daß die Person Gustav von Kahrs geradezu "Symbolcharakter" gehabt hätte. Er setzt dann fort (1):
Der Symbolcharakter Kahrs erlebte 1923 nach dem Hitler-Putsch eine abrupte Wende in seiner Deutung. Seine Popularität verschwand über Nacht, konkret vom achten auf den neunten November 1923. Im Lager der Rechten wurde ihm die Niederschlagung des Putsches als Kampf gegen die Nationalen zum Vorwurf gemacht. Im bürgerlichen Lager wurde ihm Nähe zu den Putschisten, seine bis heute unklare Haltung in der Putsch-Nacht und die Bereitschaft zur Mitwirkung an einem im Spätherbst 1923 geplanten Rechtsputsch im Reich angelastet. Heinrich Held, der Kahr - zwar mit Vorbehalten aber letztlich doch - auf den Schild gehoben hatte, sprach 1924 im Landtag von der "Unordnungszelle Bayern", die Kahr ermöglicht habe, und in der man seines Lebens nicht mehr sicher gewesen sei.
Was für eine krasse Distanzierung gegenüber Kahr von Seiten genau jener Kreise, die ihn zuvor auf den Schild gehoben hatten. Man möchte meinen: Lasse dich nie mit den ultramontanen Kräften ein. So wie sie dich hofieren, genauso können sie dich auch wieder fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Held will hier sagen, die Aktion von Gustav von Kahr habe die antiklerikalen, völkischen Rache-Wünsche und -Reaktionen unmittelbar nach Niederschlagung des Putsches erst herauf beschworen und aus der "Ordnungszelle Bayern" eine "Unordnungszelle" gemacht. Hier opferte Heinrich Held also Gustav von Kahr auf und stellte ihn als Sündenbock hin. Dabei hatten alle klerikal-Wittelsbachischen Kreise selbst ebenfalls mit dem Gedanken eines monarchischen Rechtsputsches gespielt, auch Held selbst. Und weiter:
Vor allem auf Seiten der Sozialdemokratie und der politischen Linken, die Kahr schon seit der - unter unverhohlenem Druck der Militärs und der Einwohnerwehren erfolgten - Übernahme des Ministerpräsidentenamtes bekämpften, steigerte sich die Kritik an Kahr. Besonders der junge Landtagsabgeordnete Wilhelm Hoegner bekämpfte den vormaligen Ministerpräsidenten und Generalstaatskommissar nachhaltig und brachte ihn auch in Verbindung mit den Feme-Morden an Politikern der Kommunisten, Sozialdemokraten und des linken Zentrums. Wie kein anderer betonte Hübner Kahrs Verantwortung bei der Sammlung rechtsextremer Kräfte und beim Aufstieg des Nationalsozialismus bis zum Hitler-Prozeß 1924. Immer wieder mahnte Högner die strafrechtliche Verfolgung Kahrs an, die über ein eingestelltes Ermittlungsverfahren nicht hinausging. Högners zeitgenössische Einschätzung, die er im bayerischen Landtag und dort vor allem im Untersuchungsausschuß zum Hitler-Prozeß 1927/28 und in der anonym erschienenen Schrift "Kahr und Hitler - Die Napoleonsgrößen" (vorbrachte), teilten in wesentlichen Punkten - wenn auch nicht in dieser Schärfe - auch führende Persönlichkeiten der Bayerischen Volkspartei wie der genannte Heinrich Held oder Karl Schwend.
Der hier genannte Karl Schwend (1890-1968) (Wiki) war ein enger Vertrauter und Mitarbeiter von Heinrich Held.
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| Abb. 3: Samson-Figur aus dem Lungau in Österreich (Wiki) |
Etwas später bringt Ferdinand Kramer eine Gesamt-Einschätzung seiner Forschungen zu Kahr (1):
Seine Rolle im Hitlerputsch hat Kahr letztlich 1924 ins politische Abseits geführt. Die entscheidende Frage, ob Kahr tatsächlich zur Mitwirkung an Hitlers Abenteuer zunächst bereit war oder ob es eine Mitwirkung angesichts eines vollbesetzten, von Hitlers Schergen mit Waffen besetzten und bedrohten Bürgerbräusaales nur vorspielte, um Handlungsfreiheit für die Einleitung von Gegenmaßnahmen zu bekommen, kann letztlich bis heute nicht mit aller Sicherheit geklärt werden.Die bisherigen Thesen, das darf ich vielleicht in diesem Fall sagen, bestätigen sich wohl. Wir haben jetzt auch Briefe von Kahrs aus der Situation im Hitlerputsch gefunden, (die zeigen,) daß wohl diese These, daß er eben vorgegeben hat, um reagieren zu können, die wahrscheinlichere bleibt. Kahr hält entsprechend auch in seinen Erinnerungen an der Interpretation fest, die er im Hitler-Prozeß und anderen Gelegenheiten durchgehalten hat. Danach hat er, um eine Eskalation im Bürgerbräukeller zu vermeiden, Hitler etwas vorgespielt und dann nach seiner Freilassung die bereits im Vorfeld vorbereiteten und von seinen Mitarbeitern bereits eingeleiteten Gegenmaßnahmen forciert, bis zur Niederschlagung des Putsches auch koordiniert. Freilich geben auch die Memoiren keine detaillierte Auskunft über die Stunden von zirka 23 Uhr bis 3 Uhr morgens, nachdem er den Bürgerbräukeller verlassen hatte und die von ihm firmierten (?) Anordnungen zur Niederschlagung des Putsches an diversen Stellen dann eingingen.
Und später sagt Kramer (1):
Kahr, der im September 23 bei der Ernennung zum Generalstaatskommissar an einem weiteren Höhepunkt seines öffentlichen Ansehens stand, wurde wenige Wochen später auch in breitesten Kreisen zur "persona non grata", bald weitgehend isoliert, von allen Seiten in der Kritik. Endgültig zerstörerisch für Kahrs öffentliches Ansehen wurde freilich der Vorgang wie ihn die BVP nicht nur als Generalstaatskommissar fallen ließ, sondern dann auch aus seiner angestammten Position als Regierungspräsident von Oberbayern regelrecht abserviert wird. Kahr, der in der Inflation große Teile des Privatvermögens verloren hatte, wollte auch aus finanziellen Gründen nicht vorzeitig in den Ruhestand treten. In einem unwürdigen, von der sozialdemokratischen Presse über Monate hämisch kommentierten Posten-Schacher, bei dem das Amt des Regierungspräsidenten mit dem des Verwaltungsgerichtspräsidenten vertauscht wurde, kam Kahr schließlich in das Amt, das einst sein Vater gehabt hatte, Verwaltungsgerichtspräsident. Eine Person, die wegen Beteiligung an einem Putsch zumindest öffentlich angeklagt wurde, wenn auch nicht juristisch - und den dann zum Verwaltungsgerichtspräsidenten zu machen, das war das zentrale kritische Argument in dieser öffentlichen Auseinandersetzung. Schließlich trat 1927 der Untersuchungsausschuß im Landtag zum Hitler-Prozeß zusammen. Bei dem vor allem Wilhelm Hoegner Kahr immer wieder scharf angriff und ihn auf eine Höhe mit Hitler stellt. Besonders tief mußte Kahr den unverbrüchlichen Anhänger der Monarchie, auch treffen, daß im Zuge der öffentlichen Demontage seiner Person im Vorfeld des Hitler-Prozesses auch der Vorwurf erhoben wurde, Kahr habe schon als Regierungspräsident von Oberbayern auch in den Revolutionstagen versagt und trage damit wesentliche Verantwortung für den Sturz der Monarchie.Kahr sah sich also seit November 23 massivsten öffentlichen Vorwürfen, der starken Polemik und ihn auch persönlich zutiefst verletzenden Angriffen ausgesetzt. Nicht zuletzt verstummte auch die Forderung nach einem Hochverratsprozeß gegen Kahr nicht. Insofern stand er also - oder war er "persona non grata" für viele, als er mit den Lebenserinnerungen begann und sie dann ausarbeitete.
Kramer sagt (1):
Für rechtsnationale Kreise im Reich war Kahr spätestens seit dem Kapp-Lüttwitz-Putsch ein Ansprechpartner, der zwar selbst nicht der Auslöser eines Rechtsputsches im Reich sein wollte, der aber bereit war, im Falle eines Umsturzes, der von Norden beziehungsweise bzw. Berlin ausgehen sollte, das Potenzial Bayerns in einen solchen Rechtsputsch einzubringen. 1922 war er übrigens auch als potenzieller Reichspräsident auf der rechten Seite im Gespräch. Vor allem Kahr und seine Politik waren es schließlich auch, die mit der von ihm propagierten vermeintlichen Ordnungszelle Bayern rechte und rechtsextreme Kräfte aus dem ganzen Reich nach Bayern und nach München anzog. Man wird also erweitert fragen, welche politischen und gesellschaftlichen Kräfte sich mit Kahr identifizieren konnten, welche Erwartungen auf ihn projiziert wurden, daß Kahr zeitweise eine derart einflußreiche Figur im politischen Leben des Freistaats und für die politische Rechte im Reich bis 1923/24 werden konnte.
In seinem Vortrag aus dem Jahr 2023 (Yt2023) sagt Kramer, seine Forschungen wären unter anderem ...
... geleitet von der Frage, wie etablierte Persönlichkeiten in München die Umbrüche in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erfahren und verarbeitet haben. Martin Geier hat viel vorgearbeitet, welche Wirkung dies auf die junge Demokratie haben konnte und wie ein Teil dieser Persönlichkeiten derart kippen und die Orientierung verlieren konnte. Neben Kahr möchte ich hier nur die Schlagworte Ludwig Thoma oder auch Karl Alexander von Müller als weitere, sehr unterschiedliche Beispiele nennen.
Die hier gestellte Frage lautet also: Wie konnten solche genannten "Persönlichkeiten" "kippen" angesichts der Erfahrung einer Räterepublik in München, angesichts der Erfahrung des Versailler Vertrages, angesichts des Zerfalls des Deutschen Reiches, angesichts der Zerschlagung der Donaumonarchie, angesichts des Sturzes der Monarchien in Deutschland, Österreich, Ungarn und Rußland, angesichts der Inflation und angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs, angesichts eines verlorenen Krieges. Hätten denn die Deutschen - bitteschön! - sich nicht auch schon 1919 und in den folgenden Jahren ebenso lethargisch in das ihnen widerfahrene Geschick fügen können wie nach 1945? So lautet wohl die Frage. Und wir möchten die Gegenfrage stellen: Lag es womöglich daran, daß viele Menschen schon damals nicht mehr so recht daran glauben konnten, daß das Handeln der regierenden Kreise in den Völkern der Nordhalbkugel wirklich von dem Wohl der von ihnen regierten Völker geleitet war? Lag es womöglich daran, daß sie zu der Vermutung gelangt waren, daß eher die Epsteins dieser Welt die Fäden in der Politik ziehen als irgend jemand anderer? Aber es wäre ja wirklich sehr absurd, so etwas zu glauben. Wer käme denn noch heute auf die Idee, daß diese Menschen damals damit richtig gelegen haben könnten? Kramer jedenfalls weiter:
Demokratie im Ausnahmezustand - damit wollte ich schließlich auch darauf hinweisen, wie sehr die frühen 20er Jahre von einem multiplen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen, wohl auch psychosozialen Ausnahmezustand gezeichnet waren. Nicht nur Kahr berichtet immer wieder von einer ungeheuerlichen, emotionalen Erregtheit breiter Bevölkerungsschichten nach Krieg, Hunger, Spanische Grippe, politischem Umbruch. Nun im Herbst 1923, mit Zerstörung bürgerlicher Ersparnisse in der Hyperinflation und dann eben der Abbruch des Ruhrkampfs.
Nunja, so eine gewisse Ahnung schein der Historiker Kramer ja doch zu haben. Und weiter:
Kahr (...) war freilich als Regierungspräsident von Oberbayern insofern auch mitverantwortlich für das Ende der Monarchie, als doch die innere Sicherheit zum mindesten im näheren Umfeld von München mit zu seinem Kompetenzbereich zählte. Gleiches gilt für seine dezidierte Verantwortung für die innere Sicherheit als seit September installierter Generalstaatskommissar am 8. November 1923.
Kramer führt aus (2; Minute 29):
Separatistische Bestrebungen - wie oft in Berlin aber auch von dem inzwischen in Bayern lebenden Ludendorff vermutet und kolportiert, insbesondere auch nach der Bestellung Kahrs zum Generalstaatskommissar - lehnte Kahr dezidiert ab. Im Gegensatz dazu wollte er separatistische Bestrebungen gegebenenfalls mit Nachdruck bekämpfen. Vehement tritt er Gerüchten entgegen, er hätte ein Bündnis mit Frankreich und eine Donaumonarchie angestrebt. Wir wissen inzwischen von Peter Klaus Hartmanns und Andrea Müllers Forschungen zur französischen Gesandtschaft in München, daß der Vertreter Frankreichs Émile Dard entgegen seiner Erwartungen bei Kahr keinerlei Bereitschaft fand, sich näher auf Frankreich einzulassen. Der arme Herr Dard hatte harte Zeiten in München, er wurde zum Teil in den Restaurants angepöbelt und manch anderes mehr. Frankreich hatte völlig unterschätzt, wie stark nationalisiert inzwischen Bayern war.
Na, dann wird ja auch wirklich an all diesen Gerüchten nichts dran gewesen sein. Aber sonderbar! Genauso hohl wie sich Gustav von Kahr gegenüber Kirche und Christentum geäußert hat (siehe oben), genauso hohl - und absolut widersprüchlich - äußert er sich über seine Haltung gegenüber den Entente-Mächten. Kramer berichtet (2; Minute 33):
In zentralen politischen Anliegen und Überlegungen Kahrs spielt die Entente immer wieder eine Rolle. Die Entente gehört zu den Schlüsselbegriffen. Seine Politik und Weltsicht verortete er immer wieder vor dem Hintergrund von möglichen Reaktionen der Entente-Mächte und ihres Einflusses im Reich und in Bayern. So verwundert es auch nicht, daß er wiederholt Kapitel über Beziehungen zum Ausland, vor allem mit England, Frankreich und Amerika - zum Teil recht ausführlich - in seinen Lebenserinnerungen schreibt. Mit dem Ausnahmezustand und seiner Bestellung zum Generalstaatskommissar habe sich die Aufmerksamkeit der Entente-Mächte auf Bayern und auf ihn gerichtet, die im übrigen mit ihren Vertretern einer Entwaffnungs-Kommission in München im Hotel Vier Jahreszeiten untergebracht und ständig präsent waren. (...)Ähnlich wie die Alldeutschen hätte auch die Entente große Eroberungspläne gemacht, wonach Deutschland auf die Hälfte hätte reduziert werden sollen. Ein Friedensangebot ist Kaisers hätte die Entente schnöde abgelehnt. 1918 seien für den Fortgang des Krieges die Regierungen der Entente-Völker verantwortlich gewesen. (...) Überhaupt befand Kahr für die Jahre nach dem Krieg, allenthalben würde man zu viel Rücksicht auf die Empfindlichkeit der Entente nehmen.
Dieser Satz nimmt sich wahrlich witzig und gänzlich hohl aus, wenn man das weitere hört (2):
Gleichwohl unterhielt Kahr Kontakte zu Entente-Leuten - so seine Formulierung: "Entente-Leute" - oder zu maßgebenden offiziellen und inoffiziellen Kreisen wie er diese bezeichnete, wobei er jeglichen Verdacht auf Kooperation vermeiden will: "Ich selbst bewarb mich nun um solche Unterredungen niemals," betonte er. "Sie kamen an mich heran." Das ist eine Schutzbehauptung von Kahr, der sehr wohl vor allem in der Frage der geforderten Auflösung der Einwohnerwehren während seiner Ministerpräsidentschaft Kontakt suchte. "Das Ausland und die Einwohnerwehr" betitelte er ein Kapitel in den Lebenserinnerungen. Französische und britische Militärexperten waren Gesprächspartner genauso wie der in München etablierte französische Gesandte Émile Dard, der britische Generalkonsul William Seeds, demgegenüber er ein Stück offener war. Zudem stand Kahr offensichtlich immer wieder in Kontakt mit Geschäftsleuten aus den USA oder mit deutschen Geschäftsleuten, die in den USA aktiv waren. Darüber hinaus verfolgte er die Berichterstattung der internationalen Presse in Frankreich, England, Italien und den USA. Als Ergebnis seiner Fühlungnahmen wollte er seine weitere Politik justiert wissen. Während er gleichzeitig eine nachgiebige Politik der Reichsregierung gegenüber der Entente wiederholt kritisierte, was wiederum zum Druck auf Bayern führen würde.Die Überlegung zur Ausrufung der Monarchie - wir haben schon gehört - hat er aufgegeben nach Fühlungsnahme mit der Entente.
Und das ist natürlich keine "nachgiebige Politik gegenüber der Entente ... Und weiter (2):
Der Ausnahmezustand zur Bestellung seiner Person zum Generalstaatskommissar habe bei der Entente sofort Aufmerksamkeit hervorgerufen, habe man dort ein Ausgreifen auf das ganze Reich befürchtet und diese Befürchtung sei von Berlin aus durch eine gegen Bayern gerichtete Kampagne noch verstärkt worden.Offensichtlich versuchten sich die Entente-Mächte direkt bei Kahr kundig zu machen, der vor allem auf die Gefahr durch Hitler verwies. Er glaubte zu erkennen, daß auch bei den in der Regel gut informierten Entente-Mächten vor allem ein Putsch Hitlers befürchtet wurde. Er, Kahr, habe den Hitlerputsch auch bekämpft, weil er der Überzeugung war, er hätte im Erfolgsfall nicht nur zum Bürgerkrieg, sondern auch zum Einmarsch der in Deutschland und zum Zerfall des Reiches geführt.
Doppelmoral also einmal erneut von Allerfeinstem: Die Berliner Regierung nahm zu viel Rücksicht auf denkbare Reaktionen der Entente, er Gustav von Kahr aber nicht! Ein solcher windelweicher, hohler Politiker stand im Mittelpunkt, als es zum Hitler-Ludendorff-Putsch am Abend des 8. November 1923 in München kam.
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- Kramer, Ferdinand: Erfolgreich als Beamter, gescheitert als Politiker - Gustav von Kahr im Spiegel seiner Lebenserinnerungen. Katholische Akademie in Bayern AUDIO-Kanal, 05.03.2018 (Yt2018)
- Kramer, Ferdinand: Demokratie im Ausnahmezustand - Generalstaatskommissar Gustav Ritter von Kahr im Spannungsfeld Bayern, Reich, Entente. Staatliche Archive Bayerns, 18.09.2023 (Yt2023) [u.a. der Separatismus von Kahrs]
- Ludendorff, Erich: Auf dem Weg zur Feldherrnhalle. Lebenserinnerungen an die Zeit des 9.11.1923. Ludendorffs Verlag, München 1937 (Archiv)
Ludendorff vor dem Volksgerichtshof im Jahr 1924
Der vielseitige Rechtsanwalt, Künstler und Musiker Justizrat Otto D. Franz (1871-1963) (Würzbg.-Wiki) hat im Februar 1924 während der Verhandlungen vor dem Volksgerichtshof gegen die Führer des Hitler-Ludendorff-Putsches Skizzen angefertigt, die letztes Jahr Gegenstand einer Ausstellung im Staatsarchiv München waren (1).
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| Abb. 1: Erich Ludendorff bei seiner Verteidigungsansprache am 29. Februar 1924 - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz |
Otto D. Franz war im Jahr 1906 der Scheidungsanwalt des norwegischen Zeichners Olaf Gulbransson aus Anlaß der Scheidung von seiner ersten Frau.
1945 wurde eine Flüchtlingsfamilie bei Otto D. Franz einquartiert. Daraus entstand eine Freundschaft, die bis zum Tod des kinderlosen Franz anhielt. Nach mündlichen Berichten aus dieser Flüchtlingsfamilie war Franz im Jahr 1922 auch der Scheidungsanwalt der damaligen Mathilde von Kemnitz, spätere Ludendorff aus Anlaß der Scheidung von ihrem zweiten Ehemann Edmund Georg Kleine (1, S. 22).
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| Abb. 2: Erich Ludendorff während seiner Verteidigungsrede - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz |
Auch wird aus dieser Flüchtlingsfamilie berichtet, daß er 1925 der Scheidungsanwalt Erich Ludendorffs gewesen sei. Beide Angaben können aus anderen, unabhängigen Dokumenten bislang weder bestätigt noch widerlegt werden (1).
Ab 1923 trug Otto Franz der den Titel "Justizrat". Er war nicht nur als Rechtsanwalt tätig, sondern wird auch als geselliger und humorvoller Künstler und Musiker beschrieben.
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| Abb. 3: Erich Ludendorff während seiner Verteidigungsrede - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz |
Bei seinen Zeichnungen handelt es sich nur um Moment-Skizzen. Sie erheben wohl nicht den Anspruch, bedeutende Kunst zu sein.
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| Abb. 4: Erich Ludendorff am 27. April 1924 mit Unterschrift Ludendorffs - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz |
Immerhin dürfen sie als Zeitzeugnisse gelten. Eine Skizze vom 27. April 1924 ließ sich Franz von Ludendorff unterschreiben (s. Abb. 4).
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| Abb. 5: Die Angeklagten Kriebel und Ludendorff - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz |
Auf einer Zeichnung findet sich Ludendorff abgebildet zusammen mit seinem vormaligen Mitarbeiter in der Obersten Heeresleitung, Hermann Kriebel (1876-1941) (Wiki). Dieser ...
... war er im Stab Erich Ludendorffs, des Generalquartiermeisters der Obersten Heeresleitung (OHL), im Großen Hauptquartier in Bad Kreuznach (später nach Spa verlegt) tätig, u. a. von November 1917 bis Februar 1918 als Chef der militärischen Abteilung. Dort erlebte er mit, wie Ludendorff durch seine militärische Stellung und Verbindungen zu rechtskonservativen Kreisen politischen Einfluß auf die deutsche Regierungspolitik ausübte, ...
... nun, wohl eher versuchte auszuüben. Denn die Politiker in Berlin ließen sich ja - nach Einschätzung Ludendorffs - nur verzweifelt wenig von ihm sagen. In seiner Verteidigungsrede vor dem Volksgerichtshof erwähnte Ludendorff Kriebel auch als jemanden, mit dem zusammen er das schwere Jahr 1918 erlebt hätte und nun auch erneut eine schwere Zeit, nämlich die Zeit vom 9. November 1923.
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| Abb. 6: Ludendorffs Verteidiger Luetgebrune und Erich Ludendorff - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz |
Wir lesen in diesem Zusammenhang ganz allgemein über den Hitler-Ludendorff-Putsch des Jahres 1923, daß ... (1)
... die verfügbaren Quellen noch immer nicht in ihrer ganzen Bandbreite ausgewertet wurden. Letzteres hat auch damit zu tun, daß - vor allem in privater Hand - nach wie vor neue Quellenbestände auftauchen, die der Forschung bisher nicht oder nur mit Einschränkungen zugänglich waren. So sind - um nur zwei Beispiele zu nennen - in jüngster Vergangenheit bis dato unbekannte Aufzeichnungen des damals in Bayern mit diktatorischen Vollmachten regierenden Generalstaatskommissars Gustav von Kahr aufgetaucht, die ein neues Licht auf die Ereignisse werfen. Auch konnte der Nachlaß des mit Kahr eng verbundenen Chefredakteurs der Münchner Neuesten Nachrichten, Fritz Gerlich, kurz zuvor in das Bayerische Hauptstaatsarchiv übernommen werden.
Zwar hätte in diesem Zusammenhang auch auf die neu bekannt gewordenen Nuntiatur-Berichte Pacelli's und die Aufzeichnungen des Kardinal Faulhabers verwiesen werden können, die wir hier auf dem Blog in einem ersten Zugang ausgewertet hatten. Aber über die hier erwähnten Aufzeichnungen von Kahr's sagt uns die KI auch das folgende:
Ein zentraler Aspekt der Niederschrift ist der Abend des 8. November 1923 im Bürgerbräukeller. Kahr rechtfertigt sein damaliges Vorgehen und behält die im Hitler-Prozeß vertretene Version bei: Er habe demnach Hitlers Putschversuch nur abgewendet, indem er zum Schein mitspielte, um den Aufstand im Keim zu ersticken.
Diese Erinnerungen von Kahrs sind noch nicht veröffentlicht worden.
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| Abb. 7: Verteidiger Luetgebrune und Erich Ludendorff - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz |
Aber es gibt auf Youtube zwei sehr inhaltsreiche Vorträge über die Inhalte dieser Erinnerungen (2, 3).
Wir wollen hier auf dem Blog auf diese beiden Vorträge zurück kommen.
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| Abb. 8: Wohl täglicher Verhandlungsbeginn, wohl im Nachhinein gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz |
Sie bestätigen in vielen Details die Wahrnehmungen Erich Ludendorffs in den Jahren von 1922 bis 1923 und machen noch viele Aspekte rund um das damalige Geschehen sichtbar, die bis heute längst wieder in Vergessenheit geraten waren, auch unter Historikern. Die ganze Wahrnehmung der Zeitgenossen von der Person des Gustav von Kahr war im Grunde in Vergessenheit geraten. Sein großes politisches Ansehen hat am 9. November 1923 großen Schaden erfahren. Kahr selbst hat es so wahrgenommen als ob er als "Mohr seine Schuldigkeit getan" hatte und danach "gehen" konnte, mißachtet sowohl von vorherigen politischen Freunden - und von den vorherigen politischen Feinden sowieso.
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- Ertl, Benedik Martin; Holzapfl, Julian: Nahaufnahmen - Unbekannte Skizzen vom Hitler-Ludendorff-Prozeß und ihr Zeichner Otto D. Franz. Eine Ausstellung des Staatsarchivs München 2025 (pdf)
- Kramer, Ferdinand: Gustav von Kahr im Spiegel seiner Lebenserinnerungen. Katholische Akademie in Bayern AUDIO-Kanal, 05.03.2018 (Yt2018)
- Kramer, Ferdinand: Generalstaatskommissar Gustav Ritter von Kahr. Staatliche Archive Bayerns, 18.09.2023 (Yt2023) [u.a. über den Separatismus von G. von Kahr]
"Am Ende marschieren sie alle in dieselbe Richtung"
Im Februar 2026 ist dieses Werk in englischer Sprache erschienen (2). Frei sei eingestanden: Wir sind ziemlich irritiert - ziemlich, wenn wir nach der Durchsicht der deutschsprachigen Ausgabe (die frei zugänglich ist) im Vorwort zur englischsprachigen Ausgabe die Worte lesen (2):
... Jedoch: die Geschichtswissenschaft würde bloß aus Chronisten bestehen, gäbe es nicht jene Historiker, die sich - geleitet von intellektueller Neugier und auf der Basis transdisziplinärer Ansätze - dadurch auszeichnen, daß sie gegen die herrschende Lehrmeinung denken. Neben dem Trend zur Internationalisierung in den Geisteswissenschaften und der Offenheit für multiperspektivische Ansätze ist dies ein wichtiger Impuls, um sich von jener Fessel zu befreien, die Heinz Maier-Leibnitz, der damalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 1979 gegenüber dem Magazin "Time" beschrieb: „In Amerika muß man anders sein, um akzeptiert zu werden. Westdeutsche Wissenschaftler sind nicht sehr originell. Sie gehen keine Risiken ein. Sie beobachten, was die anderen tun, und am Ende marschieren sie alle in dieselbe Richtung.“... But history would be a mere guild of chroniclers if it weren’t for historians who, pursuing transdisciplinary approaches and driven by intellectual curios ity, distinguish themselves by thinking against the received wisdom. Alongside a trend toward internationalization in the humanities and the embrace of approaches that incorporate multiple perspectives, this is an important stimulus for throwing off the constraint that Heinz Maier-Leibnitz, then the president of the German Research Foundation, described to Time magazine in 1979: “In America, you have to be different to be accepted. West German scientists are not very original. They don’t take risks. They watch what the others are doing, and in the end they all march in the same direction.”
Unsere Irritation kann nicht größer sein. Diese Worte sind nicht zur Kritik sondern zur Lobpreisung dieses Buches geschrieben worden? - "Gegen die herrschende Lehrmeinung"? Dieses Buch beobachtet nicht, "was die anderen tun"? Dieses Buch marschiert nicht - mit alle anderen - "in dieselbe Richtung"? Welches Buch hat derjenige gelesen, der dieses Vorwort geschrieben hat?
Eine Doktorarbeit aus dem Jahr 2023
Sollen hier unterschwellig Scherze gemacht werden mit der Leserschaft?
Oder ist der Kompaß des Verfassers dieses Vorwortes um so viele Mikro-Grade genauer, daß er - doch noch - "unterschiedliche" Richtungen erkennen kann? Er muß ein Wunderstück an Kompaß besitzen, um hier eine andere Richtung feststellen zu können. Was für ein Wunderstück an Kompaß.
Aber so groß auch immer unsere Irritation sein mag: Die von uns zitierten Worte dieses Vorwortes sind - soweit wir das erkennen können - die einzigen Nennenswerten, des Zitierens werten in diesem ganzen Buch, erschienen bei dem renommierten DeGruyter-Verlag. So erschreckend uns dieser Umstand auch erscheinen mag, so daß wir fast zögern, ihn niederzuschreiben.
Dennoch eine - allerdings wirklich nur kleine - inhaltliche Anmerkung: Ab der Seite 194 der deutschsprachigen Ausgabe wird die Anti-Ludendorff-Schrift des Hitler-Anhängers Georg Ahlemann "Der Nationalsozialismus in Abwehr" aus dem Jahr 1930 auf fünf Seiten behandelt. Hier auf dem Blog war diese Schrift schon vor 15 Jahren Thema, weil wir damals eine neue Quelle entdeckt hatten, um sie historisch einzuordnen (Stgr2011). Deshalb müssen wir nun wirklich aufhorchen, wenn die genannten fünf Seiten eingeleitet werden mit den Worten (1, S. 195):
Die Quellenlage zu Georg Ahlemann scheint eher dünn zu sein.
Aha. Sollte da nicht lieber gesagt werden: "Die Recherchearbeiten des Autors Matthias Fahrenwaldt scheinen eher dünn zu sein" - ?
"Die Quellenlage scheint eher dünn zu sein ..."
Während der Recherchen zu einer so umfassenden Doktorarbeit ist Matthias Fahrenwaldt also offenbar kein einziges mal im Internet auf den vorliegenden Internetblog gestoßen - ? Wir finden jedenfalls in seiner Arbeit keinerlei Hinweise, daß er auf den vorliegenden Blog gestoßen sein könnte. (Und sei es auch nur, um ihn danach nicht zu nennen - so etwas gibt es ja auch ...)
Woran mag das liegen? Wenn wir am heutigen Tag im Inkognito-Modus "georg ahlemann ludendorff" googeln, erscheint unser Blogartikel aus dem Jahr 2011 an sechster Stelle unter den Google-Treffern. Wenn wir nur googeln "georg ahlemann", erscheint unser Blogartikel von 2011 an 23. Stelle.
Aber hätte der Autor Fahrenwaldt nicht trotzdem während seiner Recherchen wenigstens "irgendwann" einmal - vielleicht in ganz anderen Zusammenhängen - auf unsere Blogarbeit stoßen können? Sagen wir im Zusammenhang mit dem von ihm immerhin beachteten Osthilfe-Skandal (GAj2010)? Und hätte er dann diese Blogarbeit nicht wenigstens darauf durchsehen müssen, ob in dieser wichtige Geschichtsquellen ausgewertet worden sind, die andernorts noch nicht Berücksichtigung gefunden haben, die aber wesentliche Einsichten mit sich bringen, um einen bestimmten Zusammenhang einzuordnen?
Die vor fünfzehn Jahren hier auf dem Blog behandelte Tatsache, daß Georg Ahlemann noch im Jahr 1944 von Adolf Hitler ein Rittergut in Westpreußen geschenkt erhalten hat, wird von Fahrenwaldt jedenfalls mit keinem Wort erwähnt.
Daß der Doktorand den vorliegenden Blog nicht kennt, wird gewiß - gewiß!, gewiß! - zu seinen geringsten Fehlern zählen ...
Insgesamt finden wir in seiner Arbeit fast nichts, was wir nicht schon vorher wußten. Er referiert Bekanntes. Aber dieses "Bekannte" referiert er außerdem auch noch mit einer auffallenden Stumpfsinnigkeit, ja, wir möchten sagen Schlafmützenhaftigkeit. Da diese sehr weit verbreitet ist, möchte man ihm ja fast betulich auf die Schulter klopfen und sagen: "Nur weiter, guter Mann, nur weiter! Es kann nichts passieren. Dir kann nichts passieren. Du gehst kein Risiko ein." Mit schlafwandlerischer Sicherheit umgeht er alle Abgründe, die sich auftun könnten, würde man Fragen stellen wie etwa:
- Haben sich die Voraussagen von Erich Ludendorff in seiner Schrift "Weltkrieg droht auf Deutschem Boden" von 1930 erfüllt oder nicht?
- Hatte die Freimaurerei Anteil am Freimaurer-Mord von Sarajewo oder nicht? Oder spielen die Forschungsergebnisse von Vladimir Dedjer zum Thema eine Rolle oder nicht?
- War der amerikanische Geheimdienst - unkontrolliert von einer demokratischen Öffentlichkeit - bei "regime changes" weltweit beteiligt oder nicht? Tat er das im Interesse der USA oder waren "überstaatliche" Interessen im Spiel?
- Waren die dadurch ausgelösten Migrationskrisen "unbeabsichtig"? Gewiß, nicht wahr?
- Gibt es elitäre Pädokriminalität weltweit - oder nicht? Und welche Schlußfolgerungen ziehen wir daraus?
- Ist die 2010 bekannt gewordene Pädokriminalität im Jesuitenorden weltweit vernachlässigbar oder nicht, ähm, insbesondere natürlich dann, wenn ich einen bedeutenden Kritiker des Jesuitenordens im 20. Jahrhundert behandele?
- ... (usw.)
Wie viel Schlafmützenhaftigkeit gehört dazu, die Schriften des Ehepaares Ludendorff sehr, sehr gründlich zu lesen und auch inhaltlich sehr gründlich wiedergeben zu können, und solche Gedanken nicht einmal ansatzweise in sich zuzulassen? Nicht einmal ansatzweise.
Mit "idiosynkratischen", also "eigentümlichen", "von der Norm abweichenden" Verschwörungstheorien habe Ludendorff den Nationalsozialismus bekämpft (3)? Dann ist ja wohl alles zum Thema gesagt, oder?
Sind es staatliche oder "überstaatliche" Mächte, die einen Jeffrey Epstein Jahrzehnte lang so unbehelligt haben agieren lassen, lieber Herr Fahrenwaldt? Vermutlich Hirngespinste, hier von "überstaatlichen Mächten" zu sprechen, die sich der demokratischen Kontrolle schon seit langem, seit sehr langen Zeiten entzogen haben. Und entziehen. Oder ist auch nur einer von jenen Menschen, die Epstein innerhalb der Wallstreet einflußreich gemacht haben, vor die Kameras der Weltöffentlichkeit gezerrt worden, um derselben "Fragen" zu beantworten - ? ? ? Ach nein? Komisch.
Ist die Wallstreet von staatlichen oder von überstaatlichen Interessen geleitet? Nein, aber auch, so impertinente Fragen.
Bitte weiter schlafen. Bitte Mikro-Grade "Richtungwechsel" einschlagen, um nicht bloß Chronist zu sein. Bitte weiter - - - "Risiken" eingehen.
Immerhin hält Fahrenwaldt am Ende dieses Abschnittes über Georg Ahlemann fest (1, S. 199):
Bemerkenswert ist, daß der im Vergleich zur NSDAP sehr viel kleinere Tannenberg-Bund hier als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen wurde.
Das hätte ja mal ein Ausgangspunkt sein können für ... "kontrafaktische Geschichtsschreibung" ....
Ach ja, soll noch auf ein paar andere "Kleinigkeiten" eingegangen werden:
- Ist der "Drill" in der preußischen Armee vor 1914 dasselbe wie Jesuiten-Dressur? War der Verfasser bei der Bundeswehr? Hat er schon einmal ein Maschinengewehr oder ein MG3 auseinander und wieder zusammen setzen müssen, während der Feldwebel mit der Stoppuhr daneben stand? Das war sicherlich dasselbe wie Jesuiten-Dressur. Wir zweifeln nicht.
Ach, lassen wir es gut sein.
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- Fahrenwaldt, Matthias Albrecht: Der „Feldherr“ als Publizist. Erich Ludendorff 1919-1937. Dissertation, Düsseldorf, Heinrich-Heine-Universität, 2023; Online-Ressource Hochschulschrift (kostenfrei zugänglich) (UniDüsseldorf)
- Fahrenwaldt, Matthias: Merchant of Ideologies: Erich Ludendorff (1919-1937). De Gruyter Oldenbourg, 2. Februar 2026 (mit einem Vorwort von Julien Reitzenstein) (DeGruyter)
- MA Fahrenwaldt: Erich Ludendorff. Untouchable Völkisch Ideologist fighting National Socialism with Idiosyncratic Conspiracy Theories. In: Handbook Ideologies in National Socialism. Volume 1, De Gruyter 2025, Pages 327-335 (DeGruyter)
- Fahrenwaldt, Matthias A.: The Reception of Erich Ludendorff’s Memoirs in the Context of the Dolchstoß Myth, 1919–1925. Gekürzte Fassung veröffentlicht auf dem Portal Militärgeschichte mit DOI https://doi.org/10.15500/akm.18.01. Veröffentlicht am 18. Januar 2021 (PortalMilit.gesch.2021). Magisterarb. University of Oxford, 2020.
Fritz Vater (1896-1969)
Seine historischen, völkischen Romane und Novellen
Der Schriftsteller Fritz Vater (1896-1969) wurde 1896 in Wiesbaden geboren (DNB). Er hat als junger Mann als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Lehrer. In der Zwischenkriegszeit wurde er auch Mitglied des "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes", sowie des "Jungdeutschen Ordens".
Anläßlich seiner Totenfeier wurde über Fritz Vater ausgeführt (1):
Nachdem er als Lehrer in seinem Beruf Fuß gefaßt hatte, hatte er 1921 mit Gertrud Würker die Ehe geschlossen. Seine Frau war vordem selbst Lehrerin gewesen. Der Ehe entwuchsen drei Kinder, ein Sohn und zwei Töchter.Fritz Vater ist dann 1933 der NSDAP beigetreten und übernahm ab 1937 Schulungsaufträge im Rahmen der Hitlerjugend (1):
Als ihm 1937 die Möglichkeit geboten wurde, nach Frankfurt zu übersiedeln, ergriff er sie und übernahm dort auch eine Aufgabe, die ihm von seiten der Hitlerjugendführung angeboten wurde: ein Referat für Vorgeschichte innerhalb der Bannführung. "Die Aufgabe (...) schloß gleichzeitig die Möglichkeit in sich, mit führenden Männern der Museen und der praktischen Forschung Fühlung zu gewinnen und so meine eigenen Kenntnisse zu erweitern." Wegen dieser Tätigkeit und seiner (...) Mitgliedschaft bei der NSDAP entfernte man ihn 1945 aus dem Schuldienst. (...)
Schon unter dem Eindruck seiner Enttäuschungen über das nationalsozialistische Geschichtsbild, das ab 1933 plötzlich den Franken Karl zum Heros erhob, hatte Fritz Vater in den Jahren 1935 bis 1937 ein Werk über Karls Gegner Widukind verfaßt, eine "Saga vom Heldenkampf der Niedersachsen", das 1938 erschien. 1939/40 beendete er die Arbeit an "Herr Heinrich - Die Saga vom ersten Deutschen Reich". (...) Sein Referat in der HJ hatte ihn auch mit Prof. Bernhard Kummer in Verbindung gebracht, dessen Forschungen ihn in seinen Auffassungen bestärkten. Um so freudiger wandte er sich in der Zeit der erzwungenen Muße nach dem Zweiten Weltkrieg der Anregung Bernhard Kummers zu, die Sagaüberlieferung des Nordens über Siegfried mit den Berichten der römischen Geschichtsschreiber über Arminius zu verbinden und über Sigfried-Armin eine gleiche Saga zu schreiben wie über Weking-Widukind und Heinrich I.. Diese "Saga von Germaniens Befreiung" erschien 1953 im Verlag Hohe Warte. (...)
In den nun folgenden Jahren trat Fritz Vater in immer engere Verbindung zur Ludendorff-Bewegung und zum Verlag Hohe Warte. (...) Schließlich entsprach er der Bitte, Vorträge aus dem Gebiete seines großen Wissens zu halten und an Geschichtstagungen mitzuwirken. Die jungen Leute, die daran teilnahmen, und auch die Älteren, waren hingerissen und begeistert. So waren die nächsten Jahre ausgefüllt mit vielen Vortragsreisen und Tagungen. (...)
So verbrachte er noch vier Jahre als Lehrer an der Schule in Frankenberg, bis er sich vorzeitig pensionieren lassen konnte. Frische Kräfte erfüllten ihn, getreu einem Wort aus seinem "Herr Heinrich": "Es ist erst früh am Tage und die Sonne geht noch lange nicht unter."
Die historischen Romane und Novellen von Fritz Vater erfuhren auch innerhalb der Ludendorff-Bewegung und von Seiten Mathilde Ludendorffs selbst große Wertschätzung. Irgendwo erwähnt sie in ihren Briefen wohl, daß sie abendlich aus den Werken von Fritz Vater vorgelesen hat in ihrer kleinen Hausgemeinschaft mit ihrer Schwester Frieda Stahl und der Haushälterin Kruse.
Uns ist bislang nur eine Fotografie von Fritz Vater bekannt geworden (s. Abb. 1). Sie entstand auf einer Ostertagung der Ludendorff-Bewegung, die durch den Verlag Hohe Warte organisiert worden ist. Sie fand statt in Hasselborn (Wiki). Hasselborn liegt 20 Kilometer südlich von Wetzlar einsam inmitten der Wälder des Hintertaunus. Vielleicht war die Örtlichkeit von Fritz Vater ausgewählt und vorgeschlagen worden, der ja längere Zeit in Frankfurt am Main gelebt hatte.
In seinen letzten Lebensjahren entstanden auch noch die Novellenbände "Das Volk" und "Das Reich". Durch den Lehrer und Historiker Fritz Köhncke (1934-2023) sind noch in den 1980er und 1990er Jahren Lesungen aus diesen Novellenbänden zu echten Feierstunden geworden. Etwa die Lesung der Novelle über ein denkbares Gespräch zwischen der Gotenkönigin Amalaswintha und dem Gotenkönig Wittich. Wir erfahren außerdem (1):
Diesen beiden Bänden sollte noch der Band "Der Genius" folgen, in welchem Fritz Vater die entscheidenden Ereignisse im geistig-kulturellen Bereich in historischen Novellen gestalten wollte. Über diesem Vorhaben, das ihn bis zuletzt lebhaft beschäftigte, ist er gestorben.
Aus dem Nachlaß wurden in den Folgejahren noch einige Schriften und Aufsätze veröffentlicht, darunter der Aufsatz "Können wir das Tragische in der Geschichte unseres Volkes überwinden?", der Vortrag "Friedrich Schiller als Staatsmann", die Schrift "Hauptprobleme des Bismarck-Reiches (1871-1918)", sowie eine Besprechung des zweibändigen Werkes von Adolf Helbok "Deutsche Volksgeschichte" unter dem Titel "Der Weg des deutschen Volkes und die geschichtliche Wahrheit", sowie der Vortrag "Die Kulturkrisen der zwanziger und dreißiger Jahre" (mehr dazu siehe Literaturverzeichnis).
Zum Nachlaß Fritz Vaters
Wie schon vor Jahren zu erfahren war, lebte Fritz Vater gegen Ende seines Lebens im Zwist mit seiner Ehefrau. Er war auch krank. Deshalb lebte er bei Gunther Duda (1926-2010) in Dachau, dem nachmaligen langjährigen Vorsitzenden des "Bundes für Gotterkenntnis". Auf diese Weise ist der Nachlaß von Fritz Vater 1969 in den Besitz von Gunther Duda gelangt. Er befand sich zumindest vor zwölf Jahren noch im Besitz der Erben von Gunther Duda.
In diesem Nachlaß befanden sich auch unvollendete Buchmanuskripte. Obwohl nun diese Erben diesen Nachlaß von Gunther Duda vor zwölf Jahren gerne an das Ludendorff-Archiv in Tutzing abgegeben hätten, sah der Verein Ludendorff-Gedenkstätte es nicht als seine Aufgabe an, sich um solche Nachlässe zu kümmern. Wie weiterhin vor zwölf Jahren zu erfahren war, war zwischenzeitlich auch ein Teil des Nachlasses von Fritz Vater durch Wasserschaden vernichtet worden.
Warum Gunther Duda und seine Erben den Nachlaß von Fritz Vater seit 1969 der Auswertung insgesamt nicht breiter zugänglich gemacht haben, ist nicht nachvollziehbar. Kamen sie damit einem Wunsch von Fritz Vater nach? Jedenfalls ist der unwiderbringliche Verlust solcher unausgewerteten Nachlässe unverzeihlich.
1971 schrieb Duda einen Gedenkartikel auf Fritz Vater. Und offenbar aus dem Nachlaß veröffentlichte Gunther Duda noch 1974 eine Buchbesprechung von Fritz Vater in der Zeitschrift "Mensch & Maß".
/ Entwurf: 26.9.2013 /
________________________________- Köhncke, Fritz; v. Bebenburg, Franz: Worte zur Totenfeier für Fritz Vater (1896-1969) In: Mensch und Maß, Folge 22, 23.11.1969, S. 1040-1052
- Vater, Fritz; Wehmeyer, Wolfgang (Musik): Parzivals Heimkehr. Ein tragisches Spiel in einem Aufzug. Eduard Bloch Verlag Berlin o.J. (Nachwort von Fritz Vater: Biedenkopf 1927) [Norddeutsche Laienspiele, hrsg. v. Erich Scharff, Heft 5]
- Vater, Fritz: Balzar von Flammersfeld : Heimatsp. in 5 Aufz. nach d. Roman von Dr. C. Spielmann. Bearb.. Kaesberger, Westerburg 1933 (88 S.) /vorhanden?/
- Vater, Fritz: Weking. Die Saga vom Heldenkampf um Niedersachsen. Verlag Franz Eher Nachf., Berlin 1938 (3. Aufl., 16. - 30. Taus.), 1944 (6. Aufl., 46. - 55. Tsd.); Verlag Hohe Warte, Pähl 1954
- Vater, Fritz: Herr Heinrich. Die Saga vom ersten Deutschen Reich. Verlag Franz Eher Nachf., Berlin 1941, 1942 (11. - 20. Tsd.), 1943 (21. - 30. Tsd.) (524 S.) /vorhanden?/; mit zahlr. Federzeichnungen von Hans-Günther Strick. Verlag Hohe Warte, Pähl 1955, 1963
- Vater, Fritz: Sigfried. Die Saga von Germaniens Befreiung. Verlag Hohe Warte, Pähl 1953, 1961, 1963
- Vater, Fritz: Die Zerstörung der Irminsul. Eine Studie zum Feldzug des Jahres 772. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954 (31 S.)
- Vater, Fritz: Das Reich. Geschichtliche Novellen aus zwei Jahrtausenden. Franz von Bebenburg, Pähl 1961, 1963 (209 S.)
- Vater, Fritz: Das Volk - der geschichtlichen Novellen - Novellen aus zwei Jahrtausenden. Zweiter Band. Franz von Bebenburg, Pähl 1964
- Engelhardt, Eberhard: Beweisanträge vom 25. Januar 1965. In: Der Rechtsstreit. Dokumente der Gegenwart XIV, verlegt bei Franz von Bebenburg, Pähl 1965
- Seifert, Gerhard: Nachruf für den Saga-Erzähler Fritz Vater. In: Deutsche Wochenschau, 2. 1. 1970, nachgedruckt in MuM 9.3.1970, S. 233f
- Vater, Fritz: Können wir das Tragische in der Geschichte unseres Volkes überwinden? (aus dem Nachlaß hrsg. von Fritz Köhncke). Franz von Bebenburg, Pähl 1970 (64 S.)
- Freymark, Gertraude: Fritz Vater: Können wir das Tragische in der Geschichte unseres Volkes überwinden? In: Mensch & Maß, Folge 10, 23.5.1971, S. 456 - 462
- Vater, Fritz: Friedrich Schiller als Staatsmann. Vortrag gehalten Ostern 1960 auf der Geschichtstagung des Verlages Hohe Warte in Österreich. In: MuM, Folge 15, 9.8.1971, S. 677-697
- Duda, Gunther: Ein Leben für sein Volk. Fritz Vater zum 75. Geburtstag. In: Mensch und Maß, Folge 24, 23. 12. 1971, S. 1110–1117
- Vater, Fritz: Hauptprobleme des Bismarck-Reiches (1871-1918). Verlag Hohe Warte, Pähl 1972 (64 S.)
- Vater, Fritz: Der Weg des deutschen Volkes und die geschichtliche Wahrheit. Gedanken zu einem notwendigen und mutigen Buch. In: Mensch & Maß, Folge 5, 9.3.1974, S. 197-206 [zu Adolf Helbok "Deutsche Volksgeschichte", 2 Bände]
- Vater, Fritz: Die Kulturkrisen der zwanziger und dreißiger Jahre. Vortrag aus dem Jahre 1965. In: Mensch & Maß, Folge 9, 9.5.1974, S. 385-399
- Traueranzeige für Fritz Köhncke 1934-2023. Flensburger Tagblatt 21.1.2023 (FlsTgbl)
Die Deutsche Volkshochschule
Ein "Boomer" blickt zurück auf sein Leben
Einer Leserzuschrift entnehmen wir die folgende Auszüge
Da gibt es ja dieses Buch "Selbstschöpfung" von Seiten einer deutschen Philosophin aus dem Jahr 1927. Beim Lesen eines solchen Buches können einem ja schon mancherlei Gedanken kommen.
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| Abb. 1: Die verdammte Seele (aus: Das Jüngste Gericht von Michelangelo, um 1540) |
Etwa wenn man in dem Kapitel "Bildgleichnisse für Wandel und Schöpfung" liest. Man mag ja gerne von sich behaupten wollen, daß man - entsprechend des dort behandelten Bildgleichnisses - irgendwo auf der Mitte geboren worden sei zwischen Gipfel und Talsohle, vielleicht ein Stück oberhalb dieser Mitte. Und das wäre ja dann - nach nüchterner Zeitskala - etwa Mitte der 1960er Jahre gewesen.
Mit dem Eintritt in die zweite Schulklasse (dieser war in meinem Fall mit einem Schulwechsel verbunden), mag ja dann tatsächlich eine Art seelengesetzlich vorgegebener seelischer Abstieg recht deutlich bemerkbar geworden sein im Rückblick.
Denn: Was war man doch vorher für ein gottdurchflutetes Kind. In meinem Fall kann ich mir das nur an wenigen Erinnerungen deutlich machen. Etwa bezüglich der Frage, welche große Bedeutung Freundschaft für mich hatte, mit welcher "Tiefe" und Innigkeit ich sie erlebte. Und zwar ganz selbstverständlich und zutiefst "von Herzen bewegt" sozusagen. Es gibt da etwa eine Erinnerung: Als ich fünf Jahre alt war, zogen meine Eltern aus dem Harz-Dorf weg, in dem ich bis dahin aufgewachsen war. Der Abschied von meinem dortigen besten Freund, dem Sohn von einem Aussiedlerhof, wurde in aller Tiefe erlebt. In sozusagen großem, heiligen Ernst nahmen wir voneinander Abschied. Denn die Endgültigkeit des Geschehens war uns voll bewußt. Ich weiß noch genau den Ort: die hohe Mauer vor unserer Garagen-Ausfahrt.
Ach ja, ohne Zweifel waren wir als Kinder alle besser als wir es heute sind. Und es mag wirklich viel Sinn machen, sich da hinein zu sinnen. Sehen wir doch fast überall, wie edel und gottinnig Kinder sein können. Und so mag es auch durchaus nur wenig Sinn machen, sich bezüglich der eigenen Kindheit nicht gar zu viel zu verkleinern, um den Unterschied zu heute nicht gar zu kraß erleben zu müssen ...
Nun also weiter. Zwei Jahre später, ein erneuter Orts- und damit Schulwechsel bei meinem Eintritt in die zweite Schulklasse. Dieser mag manches beschleunigt haben in Bezug auf seelischen Abstieg. Anfangs spielten wir Jungen noch so warmherzig und freudig mit bei dem Dornröschen-Spiel der Mädchen auf dem Pausenhof ...
Aber wie lange wohl noch?
Vermutlich rutscht man als Jugendlicher in diesen Zeiten sowieso - so oder so - mit den Jahren deutlicher unter die Talsohle (des Bildgleichnisses) als die meisten bereit sein werden, sich das bewußt zu machen.
Die Tatsache, daß ich mir mit etwa 13 Jahren ein (Haflinger-)Fohlen nicht nur wünschen konnte, sondern auch erhielt, hielt mich ab dann wohl doch einigermaßen in meiner Mitte. Ein Pferd kann ein so guter Freund sein. Vermutlich war mir das damals in der Deutlichkeit gar nicht bewußt. Aber es hat sicherlich manches dazu beigetragen, daß ich mich daran gewöhnen konnte, "anders" zu sein als fast alle meine Schulkameraden, als zuletzt auch mein bester Freund und stattdessen meiner eigenen, inneren Ausrichtung zu folgen. Auch wenn ich damit eher für mich bleiben würde.
Schon ab etwa dem 12. Lebensjahr war ich immer einmal wieder in Mädchen verliebt. Ich warb um sie und es gab immer wieder eines, das "mehr" wollte als nur "Verliebtheit" und Wohlgefallen daran, in Hochstimmung miteinander zu sein, gerne miteinander zu tanzen und einander nahe zu sein. Aber ich hatte gewissermaßen "Angst" davor. Ich hatte Sorge, etwas zu verlieren dabei - ohne zu gewinnen. Ich konnte darüber aber nicht völlig offen mit Mädchen reden. Ich hoffte sozusagen, sie würden es von selbst verstehen. Da habe ich mich gewiß nicht immer ehrenhaft und verständnisvoll genug verhalten.
Gewiß nicht.
Aber dann traf ich ein Mädchen, bei dem alles anders war.
Alles. Aus dem Nachhinein kann ich es vielleicht so ausdrücken: Während ich bei allen Mädchen sonst immer das Gefühl hatte, sie würden das Göttliche wie durch eine Milchglasscheibe hindurch sehen und ich würde ihnen diesbezüglich - bestenfalls - mehr geben können als sie hatten und als sie mir geben könnten - traf ich mit einem mal auf ein Mädchen, bei dem war es gewiß!, gewiß! andersherum. Und das nahm - so hatte ich das Gefühl - niemand wahr außer mir (vielleicht abgesehen von ihrer jüngsten Schwester).
Hatte ich all die Jahre immer auf ein solches Mädchen gewartet - unbewußt? Ich weiß es nicht. Fast will es mir scheinen. Ich weiß heute nur, daß ein solches Verhalten wohl auch viel mit der Fähigkeit zu "Belohnungsaufschub" zu tun haben wird, die mir vielleicht mehr als anderen angeboren ist.
Es war das - dann - für mich wieder und wieder ein erschütterndes Geschehen: ihr nahe zu sein, von ihr verstoßen zu werden, ihr wieder nahe zu kommen, von ihr wieder verstoßen zu werden. Ich nahm das alles hin. Ich hatte das Gefühl: Ich hatte das alles verdient. Ihre Nähe war eine "Gnade" für mich. Und was immer auch geschah: ich hatte es verdient. Ich sah so Großes in ihr. Und ich wollte so Großem gerecht werden, wollte so Großem angemessen sein. Aber ich war nie gut genug für sie. Sie machte es mir deutlich. Und auch ich war zutiefst davon überzeugt. Denn es war die Wahrheit.
Und ich glaube auch heute noch, daß es die Wahrheit war. Was für ein großes Geschehen ist es, auf einen solchen Menschen zu treffen.
Sie hat mich so oft in die tiefsten Abgründe und Trauer "verstoßen".
Aber ich wuchs daran, Schritt für Schritt.
Denn: Ich hatte einen Freund, einen so weisen, älteren, väterlichen Freund. Er redete mir gut zu. Immer wieder und wieder. Er half mir. Er riet mir nie, von diesem Mädchen zu lassen. (Das taten gewiß alle sonst, die von uns wußten, sogar irgendwann der von mir hoch geschätzte Vater dieses Mädchens). Erst ganz zum Schluß, erst nach sechs Jahren herrlichster Höhen und tiefster Tiefen riet auch dieser väterliche Freund mir, von ihr zu lassen - und starb.
Gott im Himmel - noch heute bin ich mit diesen Dingen nicht fertig.
Ich war dreißig Jahre alt, hatte im Leben schon so viel erlebt, war auf das Leben vorbereitet wie vielleicht wenige - und stand ihm doch trotzdem noch so außerordentlich unbeholfen gegenüber.
Die Folgejahre? Ich konnte mich einfach nicht darein finden, mich mit "weniger" zufrieden zu geben, was "Mädchen", was "Frauen" betrifft, als ich erlebt hatte. Ich "konnte" es nicht. Bei einer Gelegenheit wandte ich mich von einem Mädchen ab, weil sie nicht so schnell mit der Leidenschaftlichkeit zurück lieben wollte wie ich ihr Liebe entgegen brachte. Mich empörte das - und ich wandte mich ab. Dabei hätte ich mit geduldigerem Werben vielleicht doch einen Menschen gewonnen, dem ich noch heute mit viel Verehrung und Hochachtung gegenüber stand. Wie viel Irrsinn ist doch in der Welt.
Und so war für mich irgendwann der Punkt erreicht, wo ich mit aller Gewalt nur noch heiraten und Familie gründen wollte. Und sei es über alle Konventionen, über alle Werte hinweg.
Ich hatte mich in den sechs Jahren meiner großen Liebe daran gewöhnt, außerhalb aller Konventionen und Werte zu leben - warum sollte ich mich jetzt daran gewöhnen?
Aber mußte es wirklich ausgerechnet eine Asiatin sein, mit der ich mich zusammen tat? Mußte es das? Wollte ich den Zwiespalt der unvollkommenen Menschenseele endlich beenden? Damit? Einfach nur noch "Da-Sein", "Lieben" (wie alle anderen), "glücklich sein" (wie alle anderen). Was für ein furchtbares Geschehen. Es war furchtbar für meine eigene Seele, zutiefst furchtbar. Denn es handelte sich um einen so beherzten Absprung in den tiefsten Schacht hinunter wie er wohl nur selten unternommen wird.
Tief fallen kann ja eigentlich nur, wer zuvor eine gewisse Fallhöhe erreicht hat.
Hatte ich bis dahin auf alle Menschen hinabgeschaut als "Nicht-Meinesgleichen", schaute ich nun plötzlich - als ich einmal wieder die Oper besuchte - zu ihnen "hinauf", so wie das Asiaten wohl ganz allgemein - eher unbewußt - tun gegenüber Europäern (schon aufgrund der unterschiedlichen Körpergröße).
Wie irre. Wie so vollkommen irre. Ich wollte - unbewußt - alles in mir abtöten, was vorher Gültigkeit hatte für mich. Und ich redete mir ein, "der Abweg wäre nur klein". Vollkommen irre. Wer dem Göttlichen nahe kommt, kann leicht irre werden. Zumal heute. Auch ich blieb davon nicht verschont.
Und auch Michelangelo wird schon gewußt haben, was er malte, als er die verdammte Seele malte.
Was ist das Göttliche?
Am 15. und 16. September 2026 habe ich zum Thema des vorliegenden Blogartikels zwei Videos veröffentlicht (Livestreams) (Yt2026, Yt2026b). In öffentlichen und privaten Rückmeldungen sind sie auf manches Verständnis und manche Zustimmung gestoßen. Ich habe mir zum ersten mal eine Zusammenfassung jedes dieser beiden Videos durch die Künstliche Intelligenz geben lassen. Ich bin überrascht, daß ich durch diese Zusammenfassungen noch einmal einen ganz anderen Blick auf meine eigenen Ausführungen bekomme. Auch die KI hat mich verstanden, mitunter womöglich sogar besser als ich mich selber verstanden habe. ;-)
Denn mit der KI klingt alles ja doch noch ein bisschen "seriöser", sachlicher, weniger persönlich.
Was ist das Göttliche?
Zusammenfassung des ersten Videos ("Was ist das Göttliche?") durch die KI (Yt2026):
Kerngedanke
Der Vortrag versucht, die Frage „Was ist das Göttliche?“ nicht primär religiös-theologisch, sondern kulturphilosophisch zu beantworten. Die zentrale These lautet: Der Ausweg aus der heutigen „Matrix“ führt nicht durch eine andere Politik, sondern durch eine Wiederentdeckung von Sinn, Idealismus, Kultur und einem bewussten Verhältnis zum Göttlichen.
1. Kritik an der Fixierung auf Politik
Der Autor sieht die moderne Gesellschaft zu stark auf Politik konzentriert. Auch politische Alternativen blieben letztlich innerhalb desselben politischen Systems. Deshalb bezweifelt er, daß ein Wechsel der Partei die grundlegenden gesellschaftlichen Probleme lösen könne.
Entscheidend sei vielmehr eine Veränderung der Menschen selbst: Wenn sich die Menschen nicht verändern, könne sich auch die Politik nicht grundlegend verändern. Die offene Frage lautet dabei: In welche Richtung sollen sich Menschen verändern?
2. Vom Idealismus zum Existentialismus/Nihilismus
Ein großer historischer Bruch wird um 1914 bzw. 1945 angesetzt. Der Autor beschreibt die ältere westliche Kultur als von einem idealistischen Weltbild geprägt: Das Leben habe einen höheren Sinn, Kunst und Kultur hätten einen besonderen Wert und Menschen hätten sich an höheren Zielen orientiert.
Nach den Erfahrungen der Weltkriege habe sich dagegen ein existentialistisches bzw. später nihilistisches Weltbild ausgebreitet, in dem der Sinn des Lebens zunehmend fraglich oder verneint werde. Der Autor sieht darin eine wesentliche Ursache der heutigen kulturellen Orientierungslosigkeit.
3. Was bedeutet „das Göttliche“?
Das Göttliche wird nicht eindeutig als der Gott einer bestimmten Religion definiert. Vielmehr verbindet der Autor damit:
- Sinn und einen höheren Lebenszweck
- Idealismus und geistige Orientierung
- Kunst, Philosophie und Wissenschaft
- eine „Bereitschaft der Seele“
- Unschuld und innere Tiefe
- die Fähigkeit, sich einer Sache zu widmen, die über das eigene individuelle Glück hinausgeht.
- Das Göttliche wäre damit etwas, das Menschen aus reinem Egoismus und bloßer Oberflächlichkeit herausführt.
4. „Aus der Matrix aussteigen“
Der Begriff „Matrix“ bezeichnet im Vortrag die kulturelle und geistige Ordnung der Gegenwart. Auffällig ist dabei die Umkehrung einer üblichen Vorstellung: Wer aus der Matrix aussteigen will, müsse nicht einfach das politische System wechseln*) oder an einen anderen Ort gehen.
Vielmehr müsse man die eigenen geistigen und kulturellen Voraussetzungen verändern. Dazu gehöre insbesondere, sich nicht mehr ausschließlich an Konsum, persönlichem Glück, Unterhaltung und politischer Auseinandersetzung zu orientieren.
5. Kultur als Gegenmittel
Eine wichtige Rolle spielt für den Autor die Kunst. Er beruft sich unter anderem auf Rilke und dessen Gedicht Der Schwan. Der Schwan wird zum Bild für den Menschen, der zunächst unbeholfen mit dem Göttlichen umgeht, weil ihm die entsprechende kulturelle und geistige Übung fehlt.
Kunstwerke könnten Menschen „umkrempeln“, ihnen eine andere innere Ausrichtung geben und ihnen wieder Zugang zu einer tieferen Dimension des Lebens ermöglichen.
6. Erziehung und Jugend
Der Autor sieht einen entscheidenden Ansatzpunkt bei jungen Menschen. Kinder hätten zunächst noch eine Art natürliche Unschuld und unmittelbaren Zugang zum Leben. Durch die moderne Kultur würden sie jedoch früh an die herrschenden gesellschaftlichen Rhythmen und Formen der Unterhaltung angepasst.
Besonders Musik und kulturelle Gewohnheiten spielen für ihn dabei eine Rolle. Wer wirklich aus der Matrix herauswolle, müsse deshalb auch die kulturellen Rhythmen verändern, in denen Menschen leben.
7. Die Bedeutung von Krieg und kulturellem Bruch
Der Autor verbindet den Verlust des Sinnbewusstseins stark mit den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Er beschreibt 1945 als einen tiefen kulturellen Bruch und meint, danach sei das Bewusstsein für den geistigen Gehalt der eigenen Kultur weitgehend verloren gegangen.
Als Gegenbild nennt er ältere Literatur und Kulturwerke, die trotz der Katastrophen des 20. Jahrhunderts nach Möglichkeiten suchten, ein guter Mensch zu bleiben und dem Leben weiterhin Sinn zu geben. Als Beispiel führt er einen Roman an, der ihn persönlich stark beeinflusst habe.
8. Kultur und nationale Identität
Ein weiterer, politisch besonders relevanter Teil des Vortrags beschäftigt sich mit der deutschen Kultur. Der Autor beklagt einen Verlust deutscher kultureller Identität und verbindet diesen mit demografischen und migrationsbezogenen Veränderungen.
Dabei argumentiert er, dass die entscheidende Frage nicht durch Grenzpolitik oder eine bestimmte Partei gelöst werde. Vielmehr müsse sich Deutschland auf den geistigen und kulturellen Gehalt seiner eigenen Tradition besinnen. Er überträgt dieses Prinzip auch auf andere Völker: Engländer sollten den inneren Gehalt der englischen Kultur bewahren, Franzosen den der französischen usw.
9. Die persönliche Konsequenz
Am Ende steht weniger ein konkretes politisches Programm als eine Aufforderung zur persönlichen und kulturellen Umorientierung:
Nicht noch mehr Politik, sondern die Wiederentdeckung von Sinn, Kultur, geistiger Tiefe und dem Göttlichen.
Der Einzelne soll sich fragen, welche Lebensentscheidungen ihn dem Göttlichen näherbringen oder davon entfernen. Oberflächlichkeit, bloßer Hedonismus und das „Mitmachen“ gesellschaftlicher Trends werden abgelehnt. Stattdessen soll man sich anspruchsvollen kulturellen und geistigen Inhalten aussetzen.
Kurzfassung in einem Satz
Der Vortrag vertritt die These, dass die gegenwärtige gesellschaftliche Krise nicht primär politisch gelöst werden kann, sondern eine geistig-kulturelle Erneuerung erfordert: Menschen sollen wieder Sinn, Idealismus, kulturelle Tiefe und eine Beziehung zum „Göttlichen“ entwickeln und dadurch unabhängiger von den kulturellen Zwängen der Gegenwart werden.
Ein auffälliger Punkt des Textes ist allerdings, dass „das Göttliche“ letztlich eher umschrieben als systematisch definiert wird: Der Begriff bleibt bewusst weit und umfasst Sinn, Kultur, Kunst, moralische Orientierung, Unschuld und Transzendenz zugleich.
Soweit das erste Video.
***
Zusammenfassung: „Das Göttliche – Trauma, Sucht und Prägung“
Die Grundlage des zweiten Videos (Yt2026b) ist insbesondere ein Blogartikel, der schon im Mai diesen Jahres veröffentlicht worden war (1). Hier nun eine inhaltliche Zusammenfassung dieses Videos durch die KI:
Hier ist eine zusammenhängende Zusammenfassung des Transkripts. Ich gebe dabei die Gedankenführung des Vortrags wieder, ohne die darin enthaltenen psychologischen oder wissenschaftlichen Aussagen zusätzlich zu bewerten.
Der Vortrag setzt eine frühere Auseinandersetzung mit dem Thema „das Göttliche“ fort. Ausgangspunkt ist eine persönliche Entwicklung des Autors: Er habe sich früher intensiv mit Politik, Verschwörungstheorien und der Aufklärung über politische bzw. gesellschaftliche Verbrechen beschäftigt. Dabei sei ihm zunehmend die Erfahrung von Machtlosigkeit entstanden. Selbst wenn sehr viel Wissen über Mißstände vorhanden sei, führe dieses Wissen nicht automatisch zu Veränderungen. Daraus entwickelt er die Frage, was Menschen tatsächlich Kraft geben könne. Seine Antwort ist die Verbindung mit dem Göttlichen.
1. Trauma als Unterbrechung der Verbindung zum Göttlichen
Ein zentraler Bezugspunkt ist die Arbeit von Gopal Norbert Klein. Der Vortragende verbindet dessen Konzept der frühkindlichen Traumatisierung mit einer spirituellen Perspektive.
Für ihn entsteht durch eine gute frühe Beziehung zu den Eltern Urvertrauen. Dieses Urvertrauen wird als eine Art ursprüngliche Einbettung des Menschen in das Göttliche verstanden. Fehlt es aufgrund früher Traumatisierung, entsteht dagegen eine „Wand“ zwischen dem Menschen und dem Göttlichen. Die Traumatisierung wirkt damit nicht nur psychologisch, sondern auch als Störung der spirituellen Beziehung.
Der Vortragende geht noch weiter und vertritt die These, daß die Verbindung zum Göttlichen auch für Traumaheilung entscheidend sei. Er vermutet, daß frühere Kulturen trotz erheblicher traumatischer Erfahrungen besser mit diesen umgehen konnten, weil ihre Verbindung zum Göttlichen stärker gewesen sei.
2. Prägung und erste Erfahrungen
Neben Trauma sieht der Vortragende einen zweiten Mechanismus: Prägung.
Er erläutert zunächst den Begriff anhand von Konrad Lorenz und der Nachfolgeprägung bei Gänseküken. Davon ausgehend unterscheidet er frühe, besonders dauerhafte Lernprozesse von späterem, stärker durch Belohnung und Konditionierung geprägtem Lernen.
Eine besondere Bedeutung schreibt er den ersten sexuellen Erfahrungen zu. Diese könnten seiner Auffassung nach die spätere Sexualität stark prägen. Ein positives und als wertvoll empfundenes erstes Erlebnis könne einen günstigen Einfluß auf das weitere Leben haben; ein negatives oder vom Göttlichen entferntes Erlebnis könne dagegen einen langfristigen „Schatten“ erzeugen.
Der Vortragende verbindet dies mit einer allgemeinen Kulturkritik: Frühzeitige Sexualisierung, Party- und Alkoholkultur sowie eine Orientierung an möglichst vielen Erlebnissen könnten seiner Ansicht nach Prägungen erzeugen, die später das Verhältnis zu Liebe, Sexualität und zum Göttlichen erschweren.
3. Sucht, Liebe und Bedürftigkeit
Das dritte große Thema ist Sucht. Der Vortragende versteht Sucht nicht ausschließlich als Abhängigkeit von bestimmten Substanzen oder Verhaltensweisen. Auch Liebe, Gewohnheiten und Bedürfnisbefriedigung können seiner Darstellung nach suchtförmige Eigenschaften annehmen.
Wenn eine erfüllende Form von Liebe fehlt, könnten Ersatzsüchte entstehen. Entscheidend sei deshalb, welches System im Menschen die Oberhand gewinnt: das Streben nach unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung oder eine Orientierung am Göttlichen.
Dabei unterscheidet er zwischen guten und schlechten Gewohnheiten, Süchten und Prägungen. Nicht jede Gewohnheit sei eine Sucht; zwischen beiden gebe es jedoch Übergangsbereiche.
4. Das „Streß- und Bedürftigkeitssystem“
Der wichtigste konzeptionelle Schritt des Vortrags ist die Unterscheidung zwischen einem Streß-/Bedürftigkeitssystem und einer anderen, zunächst verborgenen seelischen Instanz.
Beim traumatisierten Menschen könne das Streßsystem dauerhaft aktiviert sein. Bei süchtigen Menschen trete entsprechend das Suchtsystem in den Vordergrund. Der Vortragende faßt beides zu einem System zusammen, das durch Bedürfnisse, Streß und Bedürfnisbefriedigung bestimmt wird.
Dieses System könne so dominant werden, daß andere Dimensionen des Seelenlebens kaum noch wahrgenommen würden. Der Mensch befinde sich dann gewissermaßen in einer „Traumwelt“, in der er äußere Situationen ständig als Bedrohung interpretiert.
Hier greift der Vortragende erneut auf Gopal Norbert Klein zurück. Dessen Ansatz versteht er so, daß traumatisierte Menschen gegenwärtige Situationen aufgrund ihrer inneren Projektionen als bedrohlich erleben. Das Streßsystem benötigt gewissermaßen ständig neue „Nahrung“ und der Kopf produziert Erklärungen dafür, warum eine Gefahr vorhanden sei.
5. Die gesellschaftliche Ebene
Der Vortrag überträgt dieses Modell anschließend auf die Gesellschaft. Auch gesellschaftliches und politisches Leben werde häufig von Bedürftigkeiten und Streß bestimmt: Wer bekommt was? Geht es uns gut oder schlecht? Wo gibt es Krieg, Krise oder Terror?
Der Vortragende sieht darin eine gesellschaftliche Dominanz des Streßsystems. Ständiger Streß verhindere seiner Auffassung nach, daß Menschen das Göttliche wahrnehmen können.
Hier verbindet sich seine frühere politische Beschäftigung mit seiner jetzigen spirituellen Perspektive: Er möchte nicht mehr hauptsächlich politische Mißstände analysieren, sondern fragt, was Menschen innerlich so verändert, daß sie sich überhaupt von solchen Zuständen lösen können.
6. Das zentrale Bild: Keller, Tür und Garten
Der persönlichste und zugleich wichtigste Teil des Vortrags ist das Bild eines Kellers mit einer verschlossenen Tür zu einem verwilderten Garten.
Der Keller steht für einen seelischen Zustand, in dem man jahrzehntelang nur auf der Ebene von Streß, Bedürfnissen und Reaktionen gelebt hat. Die Tür zum Garten wird dagegen zu einem Bild für einen bis dahin völlig unbeachteten Bereich der eigenen Seele – für eine Ressource, die zwar vorhanden ist, aber außerhalb des bisherigen Aufmerksamkeitsfeldes liegt.
In diesem Keller entdeckt der Vortragende außerdem das Bild einer Leiche. Sie symbolisiert für ihn etwas Abgestorbenes bzw. lange Nichtbeachtetes im eigenen Inneren. Das Bild sei zugleich unheimlich, weil mit dem Öffnen der Tür etwas zum Vorschein komme, das jahrzehntelang verdrängt oder unbeachtet gewesen sei.
Der entscheidende Gedanke lautet:
Die Tür selbst ist die Ressource.
Es geht also nicht zunächst darum, bereits über fertige psychische Kräfte zu verfügen. Entscheidend ist zunächst, überhaupt wahrzunehmen, daß es diesen anderen Bereich gibt und Zugang zu ihm zu gewinnen.
7. „Bei sich selbst ankommen“
Aus dieser Entdeckung entwickelt der Vortragende eine persönliche Konsequenz: Er möchte sich nicht mehr ausschließlich an den eigenen Bedürfnissen oder den Bedürfnissen anderer orientieren, sondern „bei sich selbst ankommen“.
Damit verbindet er das Göttliche mit Selbstfreundschaft, Wahrheit und innerer Aufmerksamkeit. Ein Mensch soll sich selbst gewissermaßen „der beste Freund“ werden. Dazu gehören für ihn Nähe zum Göttlichen, Offenheit für Wahrheit und die Fähigkeit, nicht ständig in Bedürftigkeits- und Reaktionsmustern gefangen zu sein.
Das Öffnen der Tür geschieht nach seiner Darstellung nicht plötzlich. Es könne Wochen oder Monate dauern, sich an den neuen inneren Zustand zu gewöhnen. Auch der Garten sei zunächst nicht schön und verwildert. Entscheidend sei zunächst, daß überhaupt Licht und frische Luft hineinkommen.
8. Der persönliche Schluß
Am Ende beschreibt der Vortragende diese Entwicklung als ein Gefühl, „bei sich selber zu Hause“ zu sein. Daraus könnten sich neue Möglichkeiten entwickeln, die vorher nicht sichtbar waren.
Auch seinen YouTube-Kanal versteht er in diesem Zusammenhang teilweise als eine Form von Selbsttherapie: Das Sprechen über die eigenen Erfahrungen helfe ihm selbst, unabhängig davon, wie viele Menschen tatsächlich zuhören. Er überträgt diese Idee sogar allgemein: Menschen könnten davon profitieren, ihre eigenen Erfahrungen auszusprechen und dadurch mit sich selbst ins Gespräch zu kommen.
Der letzte programmatische Schritt ist die Abkehr von der politischen Fixierung: Statt ständig über Politik zu sprechen, möchte der Vortragende bewußt über das Göttliche sprechen, weil er darin die grundsätzlichere Frage sieht.
Die Argumentationsstruktur in Kurzform
Politische Aufklärung → Erfahrung von Machtlosigkeit → Suche nach einer tieferen Kraft → das Göttliche
und auf der psychologischen Ebene:
Trauma / Sucht / Prägung → Dominanz von Streß und Bedürftigkeit → eingeschränkte Aufmerksamkeit → Verlust des Zugangs zu wertvollen inneren Bereichen → Entdeckung einer „Tür“ → Zugang zum eigenen Inneren → Selbstfreundschaft / Wahrheit → erneuerte Beziehung zum Göttlichen.
Der eigentliche Erkenntnisschritt des Vortrags besteht somit darin, daß nicht nur Trauma oder Sucht das Problem sind, sondern auch die Aufmerksamkeit selbst: Ein Teil der eigenen seelischen Wirklichkeit kann jahrzehntelang außerhalb des „Lichtkegels“ der Aufmerksamkeit liegen. Die Heilung besteht deshalb nicht allein darin, traumatische Inhalte zu analysieren, sondern darin, überhaupt einen Zugang zu dem bislang unbeachteten inneren Bereich zu finden. Genau hier sieht der Vortragende die Verbindung zwischen Aufmerksamkeit, Selbstsein und dem Göttlichen.
Wichtig: Das ist eine Zusammenfassung der im Transkript vertretenen Gedanken. Insbesondere Aussagen über Trauma, Prägung, Sexualität, Sucht, „Streßsystem“ und die heilende Funktion des Göttlichen werden hier als Positionen des Vortragenden wiedergegeben, nicht als wissenschaftlich überprüfte Tatsachen.
Soweit die KI. Ich mag die KI. ;-)
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*) Das klingt hier so, als gäbe es meinerseits doch eine - nicht ausgesprochenermaßen - Tendenz, mir ein anderes politisches System zu wünschen. Nun gut, der schwammige Begriff "System" kann sehr viel heißen. Deshalb hier soviel zur Klarstellung: Wenn mit "System" eine im Grundgesetz nicht vorgesehene Herrschaft von Hintergrundmächten gemeint ist (nennen wir sie einmal ganz allgemein "Epstein-Strukturen", "Epstein-System"), dann ist ein solches "System" natürlich sehr dringend zu "wechseln", damit die verfassungsmäßige Ordnung, also die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die in unserem Grundgesetz vorgesehen ist, endlich - vermutlich zum ersten mal - tatsächlich verwirklicht wird. Es geht also darum, Verfassungstheorie und Verfassungswirklichkeit in Einklang miteinander zu bringen und sie aus dem lächerlich krassen Widerspruch heraus zu holen, in dem sie aktuell zueinander stehen. Es geht also um eine erstmalige Verwirklichung, nicht um Abschaffung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. "Systemwechsel" ist deshalb ein irreführender Begriff, da er leicht mit Verfassungsfeindlichkeit statt Verfassungstreue assoziiert wird. Bekanntlich brauchen Hintergrundmächte "Verfassungsfeinde", damit sie sich selbst als "die Guten" darstellen können.
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- Bading, Ingo: Gopal Norbert Klein - - - und das von der Aufmerksamkeit völlig Unbelichtete - Gopal Norbert Klein: Was wir von ihm lernen und was uns bei ihm (noch) fehlt. 14. Mai 2026 (Stg2026)
"Das wiedergefundene Antlitz" (1944)
Die Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" (1) handelt von einem Selbstbildnis Albrecht Dürers aus dem Jahr 1493 (Abb. 1).
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| Abb. 1: Das "Selbstbildnis mit dem Kissen" von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1493 (Wiki) - Entdeckt 1927 im Ossolineum in Lemberg, im persönlichen Besitz Hitlers seit 1941, seit 1975 im Metropolitan Museum in New York |
Sie entstand im Widerhall auf das merkwürdige Geschehen, das sich rund um dieses Selbstbildnis in den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges Ende Juni 1941 in Lemberg ereignete.
Die Novelle wurde laut familiärer Überlieferung im Jahr 1944 geschrieben (2). Im Druck erschien sie im Jahr 1955. Das genannte Selbstbildnis ist erst 1927 bekannt geworden. Es erfährt in der Novelle eine hinreißende Deutung.
Die Novelle weist aber auch sonst einen großen Reichtum an zeitgeschichtlichen und kulturgeschichtlichen Bezügen auf (3-11). Die Grundaussage der Novelle ist: Inmitten der Unmenschlichkeit und der Verbrechen des Krieges - des Zweiten Weltkrieges - bleibt das Menschliche, das menschliche Antlitz bewahrt oder gar: wird wiederentdeckt. Aber auch dieses zutiefst menschliche Antlitz ist "zwiespältig", mehrdeutig, verwegen oder herausfordernd im Guten wie im Schlechten - so wie das Selbstbildnis Dürers von 1493.
Dieses Selbstbildnis ist nur Teil einer Sammlung von etwa 30 Zeichnungen Albrecht Dürers, die erst 1927 entdeckt worden sind (3), und die sich bis 1941 im Lubomirski-Museum in Lemberg befand (WikiC). Diese war Teil des dortigen Ossolineums (Wiki) (GMaps). Im folgenden eine kurze Darstellung der geschichtlichen Hintergründe dieser Dürer-Sammlung des Lubomirski-Museums in Lemberg (übersetzt aus dem Englischen) (7):
Lemberg mag als ein ungewöhnlicher Ort erscheinen für eine bedeutende Dürer-Sammlung. Doch im 19. Jahrhundert gehörte die Stadt zu Österreich. Die Zeichnungen zählten vermutlich zu jenen, die Rudolf der Zweite in den 1580er Jahren erwarb und die über 200 Jahre im Besitz der Habsburger Kaiser blieben. Schließlich kaufte sie Fürst Heinrich Lubomirski, ein adliger Gutsbesitzer, und schenkte sie einem Museum, das er 1823 in Lemberg gründete. Über ein Jahrhundert lang lagen die Zeichnungen in einer Kiste im Museum, völlig unbekannt den Dürer-Forschern. Erst 1927 wurde ihre Wiederentdeckung in einem Artikel von H. S. Reitlinger im Burlington Magazine bekanntgegeben. Lemberg war plötzlich stolzer Besitzer einer der bedeutendsten Sammlungen von Dürer-Zeichnungen - nach denen des Berliner Kupferstichkabinetts, der Wiener Albertina und des British Museum. Unter den Werken befand sich eines von Dürers Meisterwerken, sein prachtvolles Feder-Selbstporträt von 1493.
Diese Dürer-Zeichnungen standen 1941 unter der Obhut des polnischen Professors und Museumsdirektors Mieczysław Gębarowicz (1893-1984) (Wiki) (Abb. 2). Dieser hatte 1929 darüber auch eine Veröffentlichung herausgegeben (5).
1940 und 1941 sind diese Dürer-Zeichnungen in Lemberg dann in Deutschland - von Seiten eines kunstliebenden Staatsoberhauptes - zur höchsten Staatsangelegenheit erhoben worden. Um alle Fragen um diese zu klären, wurde der österreichische Kunsthistoriker Kajetan Mühlmann (1898-1958) (Wiki) zum "Sonderbeauftragten" ernannt (7):
Zu den ersten NS-Funktionären, die die Stadt Lemberg betraten, gehörte Kajetan Mühlmann, der Sonderbeauftragte für den Schutz von Kunstwerken in den besetzten Gebieten. (...) Seine Mission in Lemberg, die er im persönlichen Auftrag von Reichsmarschall Hermann Göring unternahm, war die Suche nach Dürer-Zeichnungen für Hitler. Mühlmann brauchte sechs Tage, um die versteckten Dürer-Gemälde aufzuspüren. Einem Nazi-Bericht zufolge mußte der unglückliche Professor Gebarowicz „gründlich verhört“ werden, bevor er schließlich das Versteck der Zeichnungen preisgab. Mühlmann brachte sie umgehend nach Berlin und übergab sie Göring, der sie noch am selben Tag Hitler präsentierte.
In einem noch ausführlicheren Bericht ist festgehalten (10, 208f):
Die Sammlung Lubomierski in Lemberg enthielt 31 wertvolle Handzeichnungen von Albrecht Dürer. Hier kam es mit dem damaligen sowjetischrussischen Verbündeten zu einer Auseinandersetzung. Nach dem Stalin-Hitler-Pakt und dem in Zusammenhang stehenden Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28.9.1939 war Polen zwischen der Sowjetunion und Deutschland aufgeteilt worden. Lemberg lag im sowjetischen Teil. Die Russen hatten das Lemberger Museumswesen neu organisiert und die Sammlung Lubomierski aufgelöst. Als der Sonderbeauftragte der Reichsregierung im Frühjahr 1940 für das Auswärtige Amt der russischen Regierung das Angebot machte, die Dürer-Zeichnungen gegen gleichwertige Kunstwerke und literarische Denkmäler einzutauschen, lehnten die Russen ab. Hitler war nämlich der Meinung, daß die Zeichnungen Dürers nach Deutschland gehörten, da Dürer aus Nürnberg kam.Im Auftrag Görings fuhren Mühlmann und Museumsdirektor Kudlich am Tage der Einnahme Lembergs dorthin, um Nachforschungen über den Verbleib der Zeichnungen anzustellen. In diesem Zusammenhang wurde auch Prof. Gebarowicz vom Bawarowski Museum vernommen, der erklärte, man habe die Zeichnungen vor den Russen sorgfältig versteckt. Nun wurden sie den Deutschen ausgehändigt, die sie beschlagnahmten, nicht ohne den Empfang zu bestätigen. Allerdings ergibt sich aus den Akten, daß es sich nunmehr um 23 Dürer-Zeichnungen gehandelt habe. Mühlmann überreichte im Juli 1941 persönlich Göring die Zeichnungen, der sie Hitler in das Führerhauptquartier brachte, wo sie zunächst blieben. Hitler soll sie lange bei sich gehabt haben. Nach dem Kriege fand die amerikanische Besatzungsmacht die nunmehr wieder 24 Handzeichnungen im Bergwerk Altaussee, zusammen mit den anderen Kunstwerken, die für das Museum Linz vorgesehen waren. Lubomirski verlangte von den Amerikanern die Rückgabe seines Eigentums. Nachdem Andreas Hofer die Identifikät der Zeichnungen bestätigt hatte, wurden sie Lubomirski persönlich am 26.5.1950 in München ausgehändigt, als Ausnahme von der Regel, die Kunstwerke nur an die jeweiligen Regierungen zurückzugeben.
Nicht nur das Hauptgebäude des einstigen Ossolineums in Lemberg ist erhalten (Abb. 3), sondern auch das Gebäude des hier erwähnten Bawarowksi-Museums (Wiki, poln).
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| Abb. 3: Das Hauptgebäude des Ossolineums in Lemberg - Hier befand sich auch das Lubomirski-Museum |
Soweit nur einige historische Hintergründe. Die Auseinandersetzungen um die Rückgabe dieser, inzwischen weltweit verstreuten Dürer-Zeichnungen gehen bis heute weiter (7-11). Das genannte berühmte Selbstbildnis befindet sich beispielsweise seit 1975 im Metropolitan Museum in New York.
Das Ossolineum und die Lubomirski-Sammlung lagen 1941 nur sechs Fußminuten unterhalb der Zitadelle von Lemberg (GMaps). An diesem Ort endet auch der Handlungsverlauf der Novelle am 30. Juni 1941.
Das Ossolineum
Dieses Ossolineum ist 1817 von einem polnischen Kunstsammler, dem Grafen Joseph Maximilian Ossolinski (1748-1826) (Wiki), erworben worden. Es wurde, nachdem Polen Lemberg und seine Ostgebiete an die Sowjetunion abtreten mußte, nach 1945 in Breslau in Schlesien neu eröffnet (Wiki):
Nach der Nationalbibliothek in Warschau und der Jagiellonen-Bibliothek von Krakau ist das Ossolineum heute die drittgrößte polnische Sammlung ihrer Art.
Als Lemberg 1940 russisch wurde, wurde das dortige Ossolineum zur "Stefanyk-Bibliothek" umbenannt. Als solche besteht sie bis heute weiter. Während der erneuten Besetzung Lembergs durch die Deutschen ab 1941 wurden viele Bestände des bisherigen Ossolineums nach Krakau und später nach Schlesien umgelagert.
Soweit wir das einer vorläufigen Lektüre entnehmen können, wurden all diese polnischen Kunst- und Kulturschätze damals umgelagert, "sicher gestellt". Wohl nur in seltenen Fällen wurde ein endgültiger Verbleib so festgelegt, daß er nur schwer hätte rückgängig gemacht werden können. Ob es deshalb richtig ist, schlankweg und umfassend von "Kunstraub" zu sprechen, wie das seit 1945 üblich geworden ist, soll an dieser Stelle zumindest bis auf weiteres dahin gestellt bleiben.
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| Abb. 4: Einer der Ausstellungsräume des Lubomirski-Museums in Lemberg in der Zwischenkriegszeit (Lub-Mus) |
Nach 1945 wurde das Ossolineum (Wiki) mit Hilfe der umgelagerten Bestände in Breslau mit etwa einem Drittel seiner bisherigen Bestände neu begründet (Wiki).
Indem der Autor den Handlungsverlauf am 30. Juni 1941 an diesem Ossolineum in Lemberg enden läßt, in dem das Selbstbildnis Dürers aus dem Jahr 1493 beherbergt war, greift er also verschiedene historische Sachverhalte auf und verbindet sie zu einem neuen romanhaften "Ganzen", ohne daß in jedem Detail dabei Wert gelegt wäre auf historische Genauigkeit, und wobei dennoch der Wesenskern des Geschehens erhalten bleibt. Solche historischen Sachverhalte sind:
- 1927 ist der kunstinteressierten Öffentlichkeit erstmals das sehr prägnante "Selbstbildnis mit dem Kissen" Albrecht Dürers aus dem Jahr 1493 (Abb. 1) bekannt geworden. Es war bis dahin unentdeckt in Kisten des Ossolineums verborgen gewesen. Es wurde bekannt durch die Veröffentlichung eines britischen Kunstsammlers in der Zeitschrift "The Burlington Magazine" (2-4). Es handelte sich also um einen britischen Kunstsammler. Es handelte sich also dabei weder - wie in der Novelle behauptet - um einen ukrainischen Kunsthistoriker, noch um eine polnische Kunsthistorikerin.
- Ab dem 30. Juni 1941 hat der erwähnte Sonderbeauftragte Mühlmann während und nach der Besetzung Lembergs durch die Deutschen 26 Zeichnungen von Albrecht Dürer aus dem dortigen Ossoliński-Nationalinstitut unterhalb der Zitadelle von Lemberg "sichergestellt", einschließlich des Selbstbildnisses Dürers aus dem Jahr 1493. Soweit hält sich die Novelle an den historischen Sachverhalt.
- Am 30. Juni 1941 fand die deutsche Wehrmacht nach der zweiten Einnahme von Lemberg in drei dortigen NKWD-Gefängnissen etwa 4000 politische Gefangene ermordet vor (Wiki). Die umwohnende Bevölkerung, die diese Morde an ihren eigenen Familienangehörigen mitbekommen hatte, war von diesen Gefangenenmorden zutiefst aufgewühlt. Während des weiteren Vormarsches und in späteren Ausgrabungen (Katyn) sollte die deutsche Wehrmacht noch an zahlreichen anderen Orten in Polen, den baltischen Ländern, der Ukraine und in Weißrußland auf solche Gefangenenmorde stoßen. Diese summierten sich insgesamt auf etwa 100.000 Gemordete (Wiki). In der Novelle ist als Ort dieser Gefangenenmorde in Lemberg die dortige Zitadelle angegeben. Die Morde fanden aber in Lemberg in drei NKWD-Gefängnissen über die Stadt verteilt statt. Gefangenenmorde auf der Zitadelle hat es hingegen in der polnischen Stadt Soltschiw (Wiki) 70 Kilometer östlich von Lemberg gegeben.
Hat die Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" womöglich trotz mancher "historischer Ungenauigkeiten" einen besonderen, einen eigenen Wert?
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| Abb. 5: Kajetan Mühlmann rechts, hier zusammen mit dem Leiter des Generalgouvernements Hans Frank |
Fast stellt sich ja die Frage, ob in dieser Novelle noch im Jahr 1944, bzw. im Jahr 1955 die Kunstliebe des Reichsoberhauptes verherrlicht werden sollte, obwohl dieses mit keinem Wort erwähnt wird. Wäre es dann aber nicht reichlich kühn gewesen, eine solche Novelle noch im Jahr 1955 zu veröffentlichen? Es scheint uns also unwahrscheinlich, daß dieser Gedanke als Absicht hinter dieser Novelle stand.
Es muß sich schon um sehr gute Literatur handeln, wenn man - etwa - zur Zeit des Zweiten Weltkrieges und zu den Verbrechen der unterschiedlichen Völker aneinander eher einen Roman als ein Sachbuch lesen möchte. Denn im Grunde ist jedes gute Sachbuch, jeder gute Erlebnisbericht über den Zweiten Weltkrieg und über diese Verbrechen erschütternder als das ein Roman oder als das es eine Novelle je sein könnte.
Aber bei der Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" ist das anders. Sie greift einen Kern des Geschehens heraus und gibt diesem Kern eine Bedeutung, die von der Öffentlichkeit zuvor so sicherlich noch nicht wahrgenommen worden war.
So gibt sie ein Stück weit den Dingen, insbesondere der Kunst wieder jene Wertigkeit zurück, die ihnen zukommen - gerade auch in Kriegszeiten. Dies ist das Thema dieser Novelle: Die eigenartige Konfrontation der Bemühungen rund um die Bewahrung von Kunstwerken, rund um die Bewahrung eines "wiedergefundenen Antlitzes" mit den Geschehnissen in den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges von 1941.
Noch einige weitere Bemerkungen zu dieser Novelle
Karl Springenschmid*) kommt in dieser Novelle auf die Kupferstich-Sammlung der Albertina in Wien (Wiki) zu sprechen. Und er kommt noch ein zweites mal auf diese zu sprechen in seinem Roman "Das unerreichbare Herz" von 1949 (13).
In beiden Werken ist eine der Hauptfiguren Mitarbeiter dieser Kupferstich-Sammlung. Und dadurch ist es dem Autor ermöglicht, in beiden Werken über Handzeichnungen von Albrecht Dürer sprechen zu können und ihnen jene besondere Bedeutung zu zusprechen, die er ihnen in diesen Werken zuspricht, insbesondere auch den Selbstbildnissen Dürers (Wiki).
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| Abb. 6: Karl Springenschmid war selbst Soldat - Hier ganz rechts 1942 auf dem Fliegerhorst Höibugten in Karelien (ganz links General Dietl) (aus 2, S. 91) |
Einen sehr persönlichen Bezug in die gedankliche Welt der Kunsthistoriker und zu all den von ihm aufgegriffenen Themen hatte Karl Springenschmid in der Person seines Salzburger Schulfreundes, bei dem es sich nun um niemand geringeren handelte als jenen oben schon erwähnten Kunsthistoriker Kajetan Mühlmann, der aus Salzburg stammte. Dieser und seine Erfahrungen und Erzählungen scheinen dem Schriftsteller nicht nur die Anregung gegeben haben zur Novelle "Das wiedergefundene Antlitz", sondern auch zu mancherlei anderen Inhalten seiner Werke. Noch in dem entzückenden Roman "Signorina N.N." von 1958, der in Florenz spielt, ist eine der Hauptfiguren Kunststudent.
Springenschmid "erhöhte" in seinen Novellen und Romanen gerne die Wirklichkeit durch die Kunst, bzw. gab er der von ihm dargestellten Wirklichkeit durch die Kunst eine höhere Bedeutung, eine höhere Weihe.
Noch einmal zum Inhalt der Novelle "Das wiedergefundene Antlitz": In den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges hat der Kunsthistoriker "Helmut Frobenius" (das Alter Ego des Kajetan Mühlmann) aus Wien den Auftrag, mit den ersten deutschen Panzern in Lemberg einzudringen, um dort das Selbstbildnis von Albrecht Dürer in der Ossolinski-Bibliothek in Lemberg sicherzustellen.
Der ukrainische Kunstprofessor "Leonyd Lischenko" seiner Novelle ist ebenso erfunden wie auch die polnische Kunsthistorikerin "Vera Starkowna" der Novelle. "Leonyd Lischenko" steht für den polnischen Kunsthistoriker Mieczysław Gębarowicz, wofür die "Vera Starkowna" steht, wäre noch zu erforschen.
In dem Buch "Servus Heiner" erwähnt Springenschmid einen "Kai Mühlmann" als 15-jährigen Schulkamerad von Springenschmid und Waggerl auf der Salzburger Lehrerbildungsanstalt im Jahr 1912 (14, S. 10):
Wenn uns die Professoren allzu heftig mit dem Peloponnesischen Krieg, der Heronischen Formel oder schwierigen Satzgliederungen plagten, flüchteten wir in einen geheimnisvollen Winkel des weitläufigen Gebäudes. Hier führte Waggerl das Wort. Wir anderen, vor allem Kai Mühlmann, ein ähnlicher Sturmgeist wie Waggerl, wollten hier vor allem den Ärger mit der Schule los werden und zogen wütend auf die Professoren los. Doch Waggerl winkte ab. Ihm ging es nicht um das, was an dieser Schule geschah, ihn erfüllten andere Gedanken. ...
Waggerl las seinen Kameraden statt dessen aus "Sprüche und Widersprüche" von Karl Kraus vor. Mühlmann saß noch 1944 gerne mit seinen Freunden Waggerl und Springenschmid in einem bekannten Salzburger Künstlercafé. Springenschmid berichtet, wie der von der Gestapo abgehörte Gesprächsinhalt an den Salzburger Gauleiter weitergeleitet wurde, der wiederum derenthalben Springenschmid vorlud, da seine Freundschaft zu Waggerl bekannt war. Im Spitzelbericht stand (14, S. 76):
"Café Bazar 13. Oktober 1944 Uhrzeit: 21 Uhr 20. Anwesend am mittleren Kaffehaustisch, Karl Heinrich Waggerl, Kai Mühlmann, Dr. Josef Mühlmann, ferner zwei Frauen und drei weitere Männer, deren Persönlichkeit bisher nicht festgestellt werden konnte."Und die - im Nachhinein betrachtet harmlose - kritisierte Aussage von Waggerl soll gelautet haben:
"Solange nicht alle politischen und militärischen Stellen im sogenannten Großdeutschen Reich von Österreichern besetzt werden, wird alles schief gehen!"
Jedenfalls scheinen solche Gespräche mit Kajetan Mühlmann wie in diesem Cafehaus in Salzburg Karl Springenschmid auch zu einer seiner bedeutenden Novellen angeregt haben, nämlich zu "Das wiedergefundene Antlitz" (1).
Es handelt sich um ein merkwürdiges Stück Literatur. Ohne das Wissen um all die vorgenannten Sachverhalte möchte die Novelle beim Lesen auf den ersten Seiten ständig beiseite legen und sich sagen, daß dieses Büchlein nicht zu den gelungensten Werken von Springenschmid gehört. Wie kann man denn ständig so "Larifari" und oberflächlich-"nebensächlich" über Ereignisse in den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges im Juni 1941 schreiben?
Nimmt man das Büchlein trotz Verärgerung oder Verstimmung nach einiger Zeit noch einmal in die Hand und liest weiter, dann muß man sich gut zureden: Dieser Springenschmid war sowohl im Ersten wie am Zweiten Weltkrieg Soldat. Wenn er eine Novelle in dieser Weise schreibt, muß er das bewußt so tun und nicht aus Unfähigkeit.
Trotzdem: Über weite Strecken liest sich diese Novelle wie eine "Schwejkiade", wie eine Antikriegs-Novelle. Aber selbst diese Einordnung will noch nicht wirklich passen. Ist es denn möglich, mit einem so geradezu anzüglichen Ton über einen Krieg zu schreiben, einen modernen? Soll damit dem Zynismus oder der Gedankenlosigkeit des deutschen "Landsers" des Jahres 1941 ein - "Denkmal" gesetzt werden?
Im letzten Drittel der Novelle beginnt sich der Hintergrund der seltsamen Widersprüchlichkeit, in die das Herz des Lesers beim Lesen gezogen wird, ein wenig zu lichten.
Offenbar geht es darum: Diesen aufwühlenden, ja, abgründigen Zwiespalt darzustellen: Erstens Krieg, entsetzlichste Verzerrung alles Menschlichen einerseits, zweitens banales, flapsiges Landser-Idyll und zum Dritten - - - Kunst, das Ewige, das Gültige, Menschliche. In der Springenschmid-Biographie von 1987 von Seiten eines Enkelsohnes von Karl Springenschmid heißt es (2, S. 95):
"Das wiedergefundene Antlitz", eine 1944 (1944?) entstandene Novelle, sticht völlig aus der übrigen Kriegsliteratur von Springenschmid heraus. Diese meisterliche Novelle gehört zu seinen besten Werken, ja, zum Besten was Springs überhaupt je geschrieben hat. Diese Novelle gibt allerhand Rätsel auf. Wieso unterscheidet sie sich in der Sprache und in der Diktion so dermaßen von seinen anderen Werken dieser Zeit? So manche Novelle hatte Springs meist rasch vollendet und in zwei, drei Wochen Fronturlaub seiner Gattin diktiert. Entweder entstand die Novelle doch erst nach 1945, oder einfach in einer Sternstunde seiner Erzählkunst.
Man möchte meinen, daß "Das wiedergefundene Antlitz" der genau angemessene "Vorläufer" ist für die späteren, so erschütternden Romane "Das unerreichbare Herz" (1949), "Novè" (1951) und "Das goldene Medaillon" (1953). Die tiefe Erschütterung, die die Novelle beim Leser erzeugt, deutet auf genau denselben Gehalt wie in den drei Romanen, die folgten.
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*) Karl Springenschmid (1897-1981) (Metapedia, Wiki, Salzburg-Wiki)
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- Springenschmid, Karl: Das wiedergefundene Antlitz. (Verfaßt 1944) Erstveröffentlichung 1955, Arndt-Verlag, Vaterstetten 1971 (124 S.)
- Laserer, Wolfgang: Karl Springenschmid. Leben, Werke, Fotos, Dokumente. Biographie. H. Weishaupt Verlag, Graz 1987
- Reilinger, Henry Scipio: An Unknown Collection of Dürer Drawings. In: The Burlington Magazine for Connoisseurs, Vol. 50, No. 288, March 1927 (BurlMag)
- Winkler, Friedrich (Hrsg.): Zeichnungen von Albrecht Dürer in Nachbildungen. Grote, Berlin 1927 [Schriftenreihe "Zeichnungen von Albrecht Dürer in Nachbildungen" 6, begründ. von Friedrich Lippmann]
- Mieczysław Gębarowicz: Albrecht Dürers Zeichnungen im Lubomirski-Museum in Lemberg. Hrsg. von M. Gebarowicz und Hans Tietze. A. Schroll & Co., Wien 1929 (WikiC)
- Selbstbildnis mit linker Hand und Kissen, 1493, bearb. von Ehrl, Franziska, in: duerer.online. Virtuelles Forschungsnetzwerk Albrecht Dürer, Heidelberg: arthistoricum.net. DOI (abgerufen am 19.08.2026) (UniHeidlbg)
- Martin Bailey: Hitler, the prince and the Dürers: The complex story of Lviv's looted Old Master works, 31 March 1995 (TheArtNews1995)
- Martin Bailey: The Lviv Dürer story continues. Restitution claims for the Lubomirski and Ossolinski collections are complicated by the history of Lviv’s occupiers, 31 August 1998 (TheArtNews1998)
- Martin Bailey: Top Museums Face Claims For Dürers. Jan 08, 2002 (Forbes 2002)
- Günther Haase: Kunstraub und Kunstschutz. Band I: Eine Dokumentation. Books on Demand; Auflage: 1 (12. Juni 2008), (568 Seiten) (GB2008)
- Stefan Alker, Christina Köstner, Markus Stumpf: Bibliotheken in der NS-Zeit. Provenienzforschung und Bibliotheksgeschichte. V&R Unipress, 1., Aufl., (1. Januar 2008) (GB2008)
- Gnauck, Gerhard: Dürer als Beute. Polen kämpft um die Rückgabe von 26 Zeichnungen, die nach dem Krieg in alle Welt verstreut wurden. In: Die Welt 21.03.2002 (Welt2002)
- Bading, Ingo: "Das unerreichbare Herz" (1949). Der erste Nachkriegsroman von Karl Springenschmid. Gesellschaftl. Aufbr. jetzt!, 9.9.2014 (GAj2014)
- Springenschmid, Karl: "Servus Heiner!" Erinnerungen an Karl Heinrich Waggerl. Rudolf Schneider Verlag, München 1979
Preußenblog
Als Soldat und Kriegsgefangener im Elsaß 1944 bis 1947
Ergänzendes zum Lebensbericht meines Opas Otto Bading (1906-1979)
Der vorliegende Blogartikel ist eine Ergänzung zu dem schon 2012 veröffentlichten Lebensbericht über meinen Opa Otto Bading (1906-1979), der 1942 als einfacher Rekrut zur deutschen Wehrmacht eingezogen worden war und ab dann nur noch bei Ernteurlauben zu seiner Familie nach Hause kam (s. StNat2012).
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| Abb. 1: Deutsche Kriegsgefangene im Elsaß - Standbild aus dem Dokumentarfilm "La libération de l'Alsace" (Yt) - "Un film du conseil general du bas-Rhin" (1968) |
Mein Opa geriet im Elsaß in Kriegsgefangenschaft und gehörte dann zu den 37.000 deutschen Kriegsgefangenen, die nach 1945 im Elsaß festgehalten wurden (Lalsace2025) (Wiki):
Fast eine Million deutscher Kriegsgefangener wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1948 in Frankreich festgehalten, was gegen die Genfer Konventionen und den Status von Kriegsgefangenen verstieß. Sie wurden zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft und im Bergbau gezwungen.
Schon 2023 hatten wir ergänzende Ausführungen zum Lebensbericht meines Opas über die Kämpfe rund um Thann im Elsaß erarbeitet, in denen mein Opa im Dezember 1944 in Kriegsgefangenschaft geraten ist. Diese Ausführungen sollen hier zunächst den ersten Teil vorliegenden Blogartikels bilden. Danach gehen wir auf seine Zeit als Kriegsgefangener im Elsaß ein.
"Das ganze Elsaß hätte bis zum 3. Dezember 1944 befreit sein können ..."
Im Elsaß stand Ende 1944 die deutsche 19. Armee (Wiki) in Abwehrkämpfen gegen die 1. französische Armee (Wiki), die sich das Rhone-Tal entlang nach Norden vorgekämpft hatte.
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Die 19. Armee hatte im September 1943 als Besatzungsarmee die gesamte französische Mittelmeerküste besetzt gehalten und war seit August 1944 von der 1. französischen Armee ins Rhone-Tal und entlang der Schweizer Grenze in schweren Kämpfen zurück gedrängt worden. Am 20. November 1944 hatte sie die Sperrfestung Belfort räumen müssen, vierzig Kilometer südwestlich von Thann im Elsaß, wo mein Opa vier Wochen später in Gefangenschaft geraten sollte. Die Geschehnisse werden auf der Internetseite des Museums in Türkheim im Elsaß folgendermaßen dargestellt (MusTürkheim):
Das doppelte Vordringen zum Rhein14. November 1944- Beginn der alliierten Offensive in Richtung Elsaß.19. November 1944- der Rhein wird in Rosenau erreicht (CC3 der 1. Panzerdiv.)21. November 1944- Befreiung von Mühlhausen durch die 1. Panzerdivision (dann von Belfort durch die 5. PD - 2. DIM)Parallel zu diesen Operationen wird Straßburg am 23. November 1944 befreit durch die 2. Panzerdivision (General Leclerc) angeknüpft an die 7. amerikanische Armee von General Patch.Die 19. Armee ist reduziert auf 20.000 Leute, das entspricht einer französischen Division.Am 30. November 1944 ändert General de Lattre plötzlich die Angriffslinie seiner Armee, d.h. "von Süden nach Norden über das Flachland" wird zu "von Osten nach Westen über die Berge".Warum?Das ganze Elsaß hätte zum 3. Dezember 44 befreit sein können.
Was für ein erschütternder Satz. Ist hier einmal erneut - wie bei so vielen anderen Gelegenheiten - die "Hintergrund-Regie" in diesem Krieg zu spüren? Wenn die Westalliierten zu schnell vorgerückt wären, wären sie vor den Russen in Berlin oder sogar an der Oder gewesen. Die Kriegszielplanungen und -Vereinbarungen der Westmächte mit der Sowjetunion sahen aber ein Zusammentreffen beider Mächte an der Elbe vor (6) - so wie es dann auch geschehen ist - unter anderem aufgrund des langen Hinauszögerns der Errichtung der Zweiten Front im Westen. Wäre diese Entscheidung im Elsaß wiederum zurück zu führen auf "Hintergrund-Regie", hieße das einmal erneut, daß die ganzen weiteren schweren Menschenverluste im Elsaß auf deutscher wie auf westalliierter Seite zurück zu führen wären auf das westliche Kriegsziel: Sowjetisierung Osteuropas bis zur Elbe - um damit die Deutschen gründlich zu traumatisieren und für Umerziehung empfänglich zu machen - und nicht nur oberflächlich (6).
Man möchte wissen, wer der Verfasser dieses Museumstextes war und woher er seine Sicherheit bei diesem Satz nimmt. (Das Museum in Türkheim bei Colmar hat auch eine eigene Facebook-Seite [Fb]).
Der deutsche Entlastungsangriff in den Ardennen begann erst am 16. Dezember 1944, also mehr als zwei Wochen später. Soll das heißen, daß man diesem Entlastungsangriff mit der vollständigen Besetzung des Elsaß hätte zuvor kommen können? Welche Überlegungen und Umstände führten zu dieser militärischen Entscheidungen des Generals de Lattre (1889-1952) (Wiki) Ende November 1944, des nachmaligen, in Filmaufnahmen so onkelhaft auftretenden "Befreiers des Elsaß"? Dieser Frage können wir an dieser Stelle nicht erschöpfend nachgehen.
Der Frontbogen um Colmar
Im Frontbogen um Colmar sollten von Dezember 1944 bis Februar 1945 die schwersten Kämpfe des Zweiten Weltkrieges geführt werden, die innerhalb der heutigen Grenzen Frankreichs stattgefunden haben - nach denen in der Normandie im Juni und Juli 1944. Zu den Kämpfen um Colmar lesen wir (MusTürkheim):
Ein Frontbogen formt sich um Colmar: eine 160 km lange Front zieht sich zu einem Kreis zusammen, südlich von Straßburg bis Mühlhausen über die Gipfel der Vogesen.Die OperationenVerstärkung der 19. Deutschen Armee:Ankunft von frischen Truppen aus Deutschland (9 Infanteriedivisionen + 2 Panzerbrigaden).
An der linken Flanke der 19. deutschen Armee verteidigt das LXIII. deutsche Armeekorps (s. Abb. 3).
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| Abb. 3: Der Frontbogen um Colmar, deutsche Lagekarte vom 1. Dezember 1944 (LdW) - Thann wird hier von der deutschen 189. Infanteriedivision verteidigt |
Wir lesen (LexdW):
Das Korps bildete die südliche Flanke der deutschen Westgrenze und lehnte sich an die Schweizer Grenze an. Am 18. November stießen alliierte Verbände durch die burgundische Pforte und öffneten so den Weg in die elsässische Tiefebene. Am 20. November wurde Belfort durch französische Einheiten besetzt und das Korps baute östlich der Stadt eine neue HKL auf. Am Abend des 24. November befand sich die Front des Korps in der Linie Rimbach - Masevaux - Reppe - Montreux Vieux.
Den Verlauf dieser Frontlinie muß man sich klar machen, wenn man den weiteren Verlauf der Kämpfe verstehen will (s. GMaps) (Abb. 2-4-).
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| Abb. 4: Ausschnitt aus Karte 3 - Thann etwa in Bildmitte (neben der Divisions-Zahl "189") |
Dieser weitere Verlauf war offenbar sehr deutlich von der oben genannten Entscheidung des Generals de Lattre beeinflußt. Das heißt, die Deutschen verteidigten auf den waldreichen Bergen auf der Westseite von Thann die Stadt, und zwar Richtung Westen und auch Richtung Nordwesten, Richtung Bischweiler hin. Von dort her griffen die Franzosen der 1. Armee an, obwohl sie womöglich viel leichter durch die Ebene des Rheintales bei Straßburg gen Norden hätten durchstoßen können. Es ist das übrigens dieselbe Region, die während des Ersten Weltkrieges schwere Kämpfe erlebt hat, etwa rund um den nördlich von Than gelegenen Hartmannsweilerkopf. Wir lesen weiter (LexdW):
Unter ständigen alliierten Angriffen und schweren Verlusten ging das Korps bis zum 10. Dezember 1944 auf die Linie Thann - Südrand St. André - südlich von Straßburg - Südteil Nonnebruchwald - Westrand Reiningen zurück. Am 14. November hatte das Korps noch eine Kampfstärke von 9.280 Mann. An diesem Tag (10. Dezember) ging nach schweren Kämpfen der Ort Thann verloren.
Vier Divisionen standen im Rahmen dieses Korps zu jenem Zeitpunkt im Einsatz. Keine der genannten stammte, soweit übersehbar, als solche aus Brandenburg. Die 198. Infanterie-Division (Wiki) unter dem Befehl des Generals Otto Schiel (1895-1990) (Wiki) verteidigte - laut ChatGPT im Raum Thann, neben der 189. Infanterie-Division und anderen Heeresteilen, mit denen dort die deutsche Front übereilt verstärkt worden war.
Immerhin waren ja 9 Infanteriedivisionen neu der Front im Elsaß zugeführt worden. Alle Divisionen, die damals an der Westfront zum Einsatz kamen, insbesondere dann auch in der Ardennen-Offensive, waren ja dann Divisionen, die bei der Verteidigung der Ostgrenzen des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion fehlten.
Die Amerikaner hatten also im Norden den Rhein erreicht und die Franzosen im Süden. Und dazwischen hielten die deutschen Soldaten in den Vogesen den Brückenkopf Colmar.
Aus dem Tagebuch eines Elsässers in Thann
Auch in Thann wartet ein Elsässer, J. Baumann, auf die Befreiung durch die Franzosen. Er machte sich Tagebuch-Notizen, in denen er sich über die Zurückeroberung Straßburgs und Mühlhausens freute und konsequenterweise schon in den nächsten Tagen mit der Befreiung von Thann rechnete. Diese sollte allerdings - zur Überraschung aller - noch viele Wochen auf sich warten lassen (9). Wir lesen (7):
Die Amerikaner und die 2. Pz. Div. befreien Straßburg am 25. November. Die 1. (französische) Armee erreicht am 18. November den Rhein und befreit am 20. Mühlhausen. Die Befreiung von Colmar, das sich in der Mitte des Kessels befindet, der die noch von den Deutschen besetzte Region bildet, scheint daher ganz nahe. Es sollten jedoch noch zweieinhalb Monate an Kämpfen einer seltenen Heftigkeit notwendig sein, bis die 1. Armee den deutschen Widerstand bezwingen konnte.
J. Baumann berichtet, daß man ab 22. November in Thann den Gefechtslärm vom 40 Kilometer entfernten Belfort herüber hörte. Er berichtet, wie in den Folgetagen der NS-Kreisleiter des Ortes und die Leiter anderer NS-Formationen ihre Sachen packten und abreisten, begleitet von der klammheimlichen Freude der beobachtenden Elsässer vor Ort - wie J. Baumann, die dem nationalsozialistischen Deutschland ablehnend gegenüber standen.
Die Kämpfe um Thann im Elsaß
Am 1. Dezember 1944 schreibt dieser Baumann in sein Tagebuch (9):
Heute Morgen um 10.30 Uhr gab der Kampfkommandant Oberstleutnant Wellenkamp den letzten verbliebenen deutschen Zivilisten Befehle, Thann unverzüglich zu verlassen.
Am 2. Dezember (9):
Der deutsche Widerstand versteifte sich. Teile der Batterien, die nach Steinbach abgeordnet worden waren, kehrten über Nacht auf ihre alten Positionen in Thann zurück und schießen so viel sie können.
Steinbach liegt vier Kilometer östlich der Stadt (GMaps). Die deutschen Batterien schießen von Thann aus in die waldreichen Bergen westlich und nordwestlich von Thann. Dort wird mein Opa eingesetzt gewesen sein. Am 5. Dezember schreibt J. Baumann (9):
Von der Rosenburg und der Engelsburg aus feuern die Deutschen in Richtung Weckenthalkopf und in Richtung Alenborn. Truppen, zu Fuß oder motorisiert, fließen vom Saint-Amarin-Tal zurück (nach Süden) in die Ebene, während kleine Gruppen (nach Westen) ins Steinby-Tal stürmen. Sie marschieren im Gänsemarsch, müde, gleichgültig, schmutzig. Das ist freilich nicht mehr die "stolze Wehrmacht"! Und doch wehren sich diese Lumpen wie verrückt!
Saint Amarin liegt zehn Kilometer nördlich von Thann, hinter Bitschwiller. Allenbourn ist eine kleine Siedlung am gleichnamigen Bachlauf vier Kilometer nordwestlich von Thann, hinter dem Weckenthalkopf. Vielleicht befand sich mein Opa unter den im Gänsemarsch ins Steinby-Tal marschierenden Soldaten. Dort sollten - nach Aussage von J. Baumann - am 9. Dezember viele deutsche Gefangene gemacht werden. Doch zunächst schreibt er über den 7. Dezember (9, S. 2):
Es kam der 7. Dezember. Die Offensive begann. Bitschiviller wurde (von den Franzosen) genommen. Am nächsten Tag findet der Angriff auf Thann statt.
Zum selben Tag schreibt er (9, S. 10):
Um 7 Uhr morgens, nach einer relativ ruhigen Nacht erschüttert ein höllischer Lärm unsere Herzen. Es ist die Generaloffensive auf Thann. Geschosse fallen hart auf die Höhe von Leimbach. (...) Das Bombardement dauert - mit nur wenigen Unterbrechungen - bis zu 10 Stunden. Nachmittags beginnt der Tanz erneut im Bereich Steinby. Die Bevölkerung hat sich in die Keller geflüchtet und wartet ungeduldig und ängstlich auf die kommenden Ereignisse. Nach 14 Stunden wird die Brücke Halle aux Blé mit Hilfe einer gewaltigen Sprengladung gesprengt.
Am 8. Dezember kommen laut Tagebuch durch den Beschuß zahlreiche Bürger von Thann ums Leben oder werden verletzt (9).
Die Deutschen ziehen sich am 8. Dezember nach Süden und Südosten auf Vieux-Thann zurück. Sie sprengen um 11 Uhr die Bungert-Brücke. Die Franzosen ziehen in Thann ein. Der Tagebuch-Verfasser schreibt (9, S. 2):
Unsere Soldaten - Legionäre, marokkanische Infanterie, Jäger aus Afrika - erobern in schwerem Kampf die von den "Boches" gehaltenen Häuser, Haus für Haus, Straße für Straße, Viertel für Viertel. Der Zufall im Fortschritt der Kämpfe schafft seltsame Situationen. Überquellende Freude in einer Gasse, die bereits befreit ist, Angst und Unsicherheit in einer anderen, in der der Kampf immer noch tobt. Völlige Unkenntnis der Sachlage 50 Schritte weiter. Am 10. wird Thann schließlich vollständig gesäubert. Aber es ist noch nicht das Ende des Geschehens. Denn der Feind steht immer noch ganz nah. Manche bleiben nur wenige hundert Meter von der Stadt entfernt stehen, klammern sich an die "Drackhüffa", verschanzen sich in den Häusern von Vieux-Thann, werden in den Wäldern des Herrenstubenkopfes überfallen.
Der Herrenstubenkopf liegt vier Kilometer nord-nordöstlich der Stadt. Der Zeitzeuge berichtet von einem Tunnel eineinhalb Kilometer nördlich der Stadtmitte, in dem sich deutsche Truppenteile verschanzt haben. Dieser ist schwer umkämpft. Am Ende gehen dort etwa 50 deutsche Soldaten in Gefangenschaft. Drei deutsche Panzer passieren im Rückzug nach Süden das Rathaus und bekämpfen die von Norden her nachdrängenden französischen Panzer. Um 16.40 Uhr dringen die französischen Panzer bis zum Rathaus vor.
Die Deutschen halten aber immer noch die Waldregion Steinby vier Kilometer westlich der Stadt, sowie die Berge Zuber und Stauffen in den waldreichen Bergen dazwischen (GMaps). Durch das Eindringen der Franzosen nach Thann hinein sind diesen Truppenteilen die Rückzugswege abgeschnitten. Der Zeitzeuge aus Thann schildert für den 9. Dezember einzelne Abschnitte des Kampfes um Thann. Er schildert den Kampf von Mörsern und Panzern in einzelnen Stadtteilen. Von Norden her kämpfen sich die Franzosen in den waldreichen Bergen vor (9):
Bedroht davon, umgangen zu werden, nutzen die Deutschen die Nacht aus, um sich zurückzuziehen. Auch in Richtung Steinby geht der (französische) Vormarsch weiter. Am Morgen wurde dieser Bereich zwischen 8 und 12 Uhr mit extremer Gewalt bombardiert, die offenbar darauf abzielte, den Rückzug der dortigen deutschen Truppen zu verhindern, die den Stauffen verteidigten, und die ihn erst in der Nacht zuvor durch Truppenteile aus Guebwiller verstärkt hatten. Über die Rue Kléber schieben sich die Panzer bis zum Croix du Stauffen hinauf, zeitweise sogar bis zum Staudamm des Parks, nachdem er einen deutschen Maschinengewehrschützen hart getroffen und liquidiert hatte, der wie ein Verrückter vor dem Restaurant Subiger geschossen hatte. Der Unvorsichtige ist am Fuße des Gekreuzigten zusammengebrochen, seine Arme wurden amputiert.
Guebwiller liegt 18 Kilometer nordöstlich von Thann und der Stauffen ist ein Aussichtsberg im Südosten von Thann. Die Rue Kléber führt vom Zentrum des Ortes aus nach Süden bis Leimbach. Mit Croix du Stauffen ist aber hier nicht das Lothringer Kreuz auf dem Berg gemeint, sondern ein Jesuskreuz an einem Haus in der Rue Kléber, das sich wohl noch nördlich des erwähnten "Park Albert 1er" befand.
9. Dezember 1944 - Gefangennahme auf waldigen Bergeshöhen
Am 10. Dezember schreibt J. Baumann in seinen Notizen (9):
In der Nacht evakuierten die Deutschen die Höhen von Stauffen und der Zuber-Aussicht. Die französischen Panzer dringen weiter in das Steinby vor. Sie holen dort 62 Gefangene aus dem Huck-Haus. Im Jenn-Haus ergeben sich weitere 25.
Wenn wir es recht verstehen, handelte es sich dort oben in den Bergen um Wanderhütten. Es ist nahe liegend, daß sich mein Opa unter den hier gefangen Genommenen befunden hat.
In einer allgemeineren Darstellung heißt es über diesen Angriff der 1. französische Armee (7):
Die Offensive beginnt am 5. Dezember, jedoch muß sich die 1. Armee angesichts des deutschen Widerstandes mit einem Vorrücken an den Flanken des Kessels und der Befreiung von Thann im Süden (10. Dezember) und Schlettstatt im Norden zufrieden geben.
Von Thann aus wurden nicht in Gefangenschaft geratene deutsche Truppenteile auch wieder 50 Kilometer weiter nach Norden an den Mont de Sigolsheim verlegt, wo die Kämpfe dann für diese Truppenteile weiter gingen (8):
Werner Schauer, Jahrgang 1925, damals Infanterist im Grenadierregiment 1213, schrieb sehr ausführliche Erinnerungen an seine Erlebnisse im "Brückenkopf Kolmar". Sein Bericht bestätigt, wie zusammengewürfelt und zum Teil unerfahren die Einheiten waren, die in diesen Tagen eingesetzt wurden. Er hatte bereits ab 7.12. an Kämpfen um den Mont de Sigolsheim teilgenommen. Am 12.12. sollte sein Regiment, wie es im Divisionsbefehl hieß, "im Zusammenwirken mit dem von Nordwesten angreifenden Regiment Ayrer den Feind auf dem Mont de Sigolsheim (vernichten)". (...) Er berichtet aber vom Angriff des Regiments Ayrer am 12. Dezember und dem Tod des Kommandeurs. Am Vortag hatte Schauer in Kientzheim einen Stabsfeldwebel kennen gelernt, der mit 22 älteren Luft-Nachrichten-Soldaten - dem Rest seiner in früheren Kämpfen bei Thann dezimierten Kompanie - jetzt am Mont de Sigolsheim eingesetzt werden sollte. Aus seinem Bericht zum 12.12.: "Abends höre ich, daß beim Angriff morgens um 10 Uhr der Zug des Stabsfeldwebels am linken Berghang von Granatwerfer-Salven wie von einer Lawine überrollt wurde. Dem Stabsfeldwebel zerriß es die linke Hand und den Arm. Die paar Überlebenden brachten ihn nach unten in den großen Weinkeller. Er konnte glücklich sehr schnell via Ammerschweier, Colmar, Breisach nach Freiburg gebracht werden. Unser Bataillonsarzt glaubt, daß er überleben wird. Unsere Gruppe ... war in etwa Bergesmitte eingesetzt und kam heil zurück."
Wir lesen (MusTürkheim):
Am 6. Dezember übernimmt Reichsführer Himmler persönlich das Kommando aller im Kampf stehenden Truppen im Frontbogen von Colmar.Colmar hört die Kanonen und hofft, wird aber noch nicht befreit.Ende Dezember 1944: die Verteidigung von Straßburg ist in Frage gestellt durch die Gegenoffensive von von Rundstedt in den Ardennen. Eisenhower will seine Position aufgeben und seine Linien in die Vogesen (zurück) verlegen.
5. Januar 1945 - Deutsche Gegenangriffe bei Straßburg - Schwere Verlust für die Alliierten
Auf dem englischsprachigen Wikipedia lesen wir (Wiki):
Am 16. Dezember 1944 griffen die Deutschen in den Ardennen an. Die sogenannte Ardennenoffensive zwang die US-Truppen, große Mengen aus Elsaß und Lothringen nach Norden zu verlegen, um dem deutschen Angriff entgegenzuwirken. Im Januar wurden weitere US-Truppen als Reaktion auf die deutsche Gegenoffensive im nördlichen Elsaß, das Unternehmen Nordwind, nach Norden verlegt. Himmler nutzte die gedehnten alliierten Linien und befahl die Rückeroberung Straßburgs. Deutsche Truppen griffen am 5. Januar 1945 bei Gambsheim über den Rhein an und besetzten bald einen Brückenkopf mit den Städten Herrlisheim, Drusenheim und Offendorf nördlich von Straßburg. Südlich von Straßburg griffen deutsche Truppen im Colmarer Kessel am 7. Januar nach Norden in Richtung Straßburg an und fügten dem französischen II. Korps schwere Verluste zu, konnten die französische Verteidigung aber letztlich nicht durchbrechen.Verstärkt durch Teile der 10. SS-Panzerdivision, hielten die deutschen Truppen im Brückenkopf Gambsheim im Januar 1945 den US-amerikanischen und französischen Gegenangriffen stand und schlugen die 12. US-Panzerdivision bei Herrlisheim schwer. Die deutschen Erfolge im Januar markierten jedoch den Höhepunkt für das Oberrheinische Oberkommando. Der Brückenkopf Gambsheim und weiter südlich der Kessel von Colmar wurden von den Alliierten erst im Laufe des Februars 1945 eingenommen.
Die Stadt Colmar selbst ist aufgrund all dieser Vorgänge erst am 2. Februar 1945 von den Westalliierten nach schweren Kämpfen besetzt worden (Wiki) (1). In Colmar erhielt mein Opa seinen Kriegsgefangenen-Ausweis ausgestellt.
Kriegsgefangenschaft - Hunger und Zwangsarbeit
Während eines Urlaubes in Türkheim bei Colmar im Elsaß tauchen einmal erneut Fragen auf, wie es meinem Opa nicht nur in den Kämpfen bei Thann ergangen sein mag, sondern auch später in Kriegsgefangenschaft bis 1947 im Elsaß. Da sein Kriegsgefangenen-Ausweis in Colmar ausgestellt worden ist, und da er seine drei Jahre Kriegsgefangenschaft nur im Elsaß verbracht hat, könnte es nahe liegend sein zu vermuten, daß er die längste Zeit auch in einem Kriegsgefangenenlager in oder bei Colmar festgehalten worden ist.
Was es heißt, Kriegsgefangener zu sein, war meinem Opa längst klar. Er hatte selbst seit 1941 im Havelland zwei russische Kriegsgefangene auf dem Hof und hatte bis 1942 als Ortsgruppenleiter und Amtsvorsteher seines Dorfes den Bauern die Kriegsgefangenen zugeteilt oder auch wieder entzogen, wenn sie auf einem Hof schlecht behandelt worden sind. Nun war er selbst Kriegsgefangener.
Von einem deutschen Kriegsgefangenen, der bei Colmar als Kriegsgefangener festgehalten wurde, findet sich ein recht konkreter Bericht über das dort Erlebte (4). Man hat sofort das Gefühl, daß mein Opa vieles davon sehr ähnlich erlebt haben könnte - vielleicht sogar ebenfalls in Colmar oder im Umland von Colmar.
Hungerlager in Colmar (1945 bis 1947)
Das Kriegsgefangenen-Schicksal eines Franz Bernkopf, der aus dem Riesengebirge im österreichischen Schlesien stammte, könnte also in vielem dem meines Opas geähnelt haben (4):
Im August 1947 wurde mein Vater Franz Bernkopf, der 1997 verstorben ist, aus französischer Kriegsgefangenschaft in Colmar entlassen. Er konnte allerdings nicht in seine Heimat im Riesengebirge zurückkehren, sondern fand seine Familie als vertriebene Sudetendeutsche auf einem Bauernhof in Gschwendt, Gemeinde Ascha, wo sie nach einem Aufenthalt im Flüchtlingslager Muckenwinkling eine Unterkunft gefunden hatten. Ihre Adresse hatte er durch einen glücklichen Zufall erfahren. An einem heißen Augusttag stand plötzlich ein Mann in abgerissener Wehrmachtsuniform vor dem Hoftor. Instinktiv spürte ich: Das ist mein Vater! Drei Jahre, seit meinem sechsten Lebensjahr, hatte ich ihn nicht mehr gesehen.
Sehr ähnlich könnte es auch gewesen sein, als mein Opa drei Monate später, im November 1947 aus der Kriegsgefangenschaft im Elsaß entlassen worden war und zurück nach Bahnitz an der Havel kam. Der einzige Unterschied: Der älteste Sohn meines Opas war nicht neun, sondern im Jahr 1947 schon 13 Jahre alt. Wir lesen weiter in dem Bericht (4):
Nachdem sich mein Vater nach einigen Wochen an das Leben in Freiheit gewöhnt hatte, erzählte er manchmal aus der Zeit der Gefangenschaft in Frankreich. Für ein Kind mit neun Jahren hörten sich Vaters Erzählungen wie Geschichten aus einer anderen Welt an. Und es war ja auch eine andere Welt – die Welt der Gefangenschaft mit ihrem unsäglichen Leid, Hunger und Elend, die ein Kind nicht fassen konnte.Erst 22 Jahre später, 1969 wurden Colmar und die Umgebung für mich zur erlebten Gegenwart. Zufällig hatte mein Vater in alten Aufzeichnungen die Anschrift seines damaligen Kommandoführers im Gefangenenlager Colmar gefunden. Er schrieb ihm einen Brief und dankte ihm, daß er den Kriegsgefangenen, Franz Bernkopf, vor dem Hungertod gerettet hatte.Bei einem Morgenappell hatte Kommandoführer Arrus gefragt, wer mit der Sense Gras mähen könne. Vater meldete sich als Erster. Arrus nahm den Gefangenen Franz Bernkopf mit zu sich nach Hause und beschäftigte ihn für einige Zeit. Er mußte einen Bahndamm mähen und Holz hacken und wurde dort auch verpflegt. Das war seine Rettung, denn viele seiner Kameraden waren im Lager bereits an Unterernährung gestorben. Obwohl er sich noch in Kriegsgefangenschaft befand, durfte er sich frei bewegen. Für all das sei er ihm heute noch dankbar, so Franz Bernkopf in seinem Brief.
Alles das steht völlig im Einklang mit dem, was auch mein Opa erzählt hat. Auch ihm ging es nach der Einquartierung in einem Privathaushalt wesentlich besser. Auch er hat mir, dem Verfasser dieser Zeilen, das Mähen mit der Sense beigebracht. Weiter im zitierten Bericht (4):
Er bat den Oberbürgermeister, nach dem Verbleib des Herrn Arrus zu forschen und fragte, ob der Bildhauer Antonie noch am Leben sei, der mithilfe der Gefangenen das Denkmal am Hartmannsweilerkopf geschaffen habe. (...) Nur zehn Tage später erhielt Franz Bernkopf ein Antwortschreiben aus Colmar. In ihm stand die genaue Anschrift des ehemaligen Kommandoführers Louis Arrus, aber auch, daß der Bildhauer Antonie bereits gestorben sei. (...)Im August 1969 machte ich mich zusammen mit meinem Vater auf die Reise in seine Vergangenheit. (...) Der Bürgermeister (...) sprach als gebürtiger Elsässer natürlich deutsch, so war die Unterhaltung kein Problem.Plötzlich öffnete sich Tür und zur größten Überraschung meines Vaters betrat Louis Arrus den Raum. Der Bürgermeister hatte ihn in der Zwischenzeit rufen lassen. Nun hatte Vater das Ziel der Reise erreicht: Er konnte seinem „Lebensretter" danken, der ihn vor dem Hungertod bewahrt hatte. (...)Von der „Rapp-Kaserne", dem ehemaligen Gefangenenlager war nichts mehr vorhanden. Ich glaube, Vater war froh darüber. (...) Alt-Colmar mit seinen alemannischen Fachwerkhäusern gefiel uns besser. Das Viertel, die „Krütenau" (Krautgarten), wird durch seine schöne Lage am Fluß Lauch auch als „Klein-Venedig" bezeichnet. Natürlich besuchten wir auch das „Unterlinden-Museum", denn hier befindet sich der berühmte Isenheimer Altar von Mathias Grünewald.
Offenbar das Hauptgebäude der Rapp-Kaserne in Colmar ist doch noch erhalten. Man findet es nur wenige hundert Meter westlich des Hauptbahnhofs an der Ecke "avenue de la Liberté" und "avenue du Général de Gaulle" (GMaps). Diese Kaserne ist 1887 bis 1889 erbaut worden und wird als "schönes Beispiel deutscher Militärarchitektur" angesprochen (ArchiWiki). Das Zentrum der Stadt Colmar liegt östlich des Hauptbahnhofs, dort liegt auch das angesprochene Unterlinden-Museum, nur eine Viertelstunde Fußweg von der Rapp-Kaserne entfernt (GMaps).
Der Hintergrund der Haltung der Elsässer gegenüber den deutschen Kriegsgefangenen wird folgendermaßen erläutert (France24):
Die meisten Elsässer im wehrfähigen Alter, die „Malgré-nous“ (die Wehrpflichtigen), wurden zwangsweise in die deutsche Armee eingezogen. „Sie sind eine elsässische Mutter. Ihr Sohn trägt zwangsweise eine deutsche Uniform. Colmar ist befreit. Sie versteht sehr gut, was mit den deutschen Soldaten geschieht. Ich glaube, sie wollte nichts feiern“, resümiert der Historiker.
Der schon erwähnte Isenheimer Altar in Colmar spielte auch für den wohl bekanntesten deutschen Kriegsgefangenen im Elsaß, für den deutsche Maler Otto Dix, eine nicht geringe Rolle (Wintzenheim):
Der bekannteste Kriegsgefangene im KZ Colmar-Logelbach: Otto Dix (1891–1969). (...) Otto Dix wurde im Februar 1945 zum Volkssturm eingezogen. Er war in einem Bunker bei Bühl in Baden stationiert und geriet im April 1945 während des alliierten Vormarsches in Gefangenschaft. Über Baden-Baden und Straßburg erreichte er das KZ Colmar-Logelbach, das sich im ehemaligen Haussmann-Werk befand, das 1961 niederbrannte. Ein französischer Offizier aus Colmar zeigte ihm den Artikel „DIX“ in der Propyläen-Kunstgeschichte, woraufhin Dix Kontakt zu dem Maler Robert Gall aufnahm. Gall war bekannt für seine sakrale Kunst, darunter die vom Hortus Deliciarum inspirierte Dekoration, die sich noch heute auf dem Mont Sainte-Odile befindet. In Galls Atelier in Colmar, Rue Charles-Grad 12, entstanden die Skizze und das Triptychon „Madonna vor Stacheldraht und Trümmern mit Paulus und Petrus“ (Trippticon 1945). Zwischen den beiden Männern verband eine tiefe Freundschaft. Sie besuchten sich regelmäßig, um den Isenheimer Altar und die Madonna mit dem Rosenstrauch zu bewundern, die damals vorübergehend im Museum Unterlinden ausgestellt war.Offiziell arbeitete Dix als Gärtner für die Familie Gall, doch sein Gastgeber nahm ihn auch mit ins kriegszerstörte Elsaß, zu den Ruinen des ehemaligen Colmarer Kessels, wo sie gemeinsam skizzierten. Parallel dazu fand Dix Arbeit bei der Karosseriebaufirma Dürr und Gangloff und fertigte spezielle Transparentfolien für die Befreiungsfeierlichkeiten an, die das Bildnis von General de Gaulle zeigten. In dieser Zeit holte Robert Gall Dix, ohne ihn namentlich zu erwähnen, zu Jess-Borocco, um das unvergessliche Plakat zur Feier der Wiedererrichtung des von den Nazis zerstörten Rapp-Denkmals zu gestalten. Ein seltenes und bewegendes Beispiel grenzüberschreitender kreativer Zusammenarbeit im schwierigen Kontext der unmittelbaren Nachkriegszeit, genauer gesagt – offiziell – zum ersten Jahrestag der Befreiung am 2. und 3. Februar 1946. In der Zwischenzeit fertigte der Kriegsgefangene Otto Dix Auftragsarbeiten an – Porträts und Landschaften der Vogesen –, die ihm ein relativ gutes, wenn auch nicht unglückliches Überleben bis zu seiner Befreiung und Rückkehr nach Deutschland, nach Hemmenhofen, im Februar 1946 ermöglichten.Im Konzentrationslager Logelbach war Dix einer Künstlergruppe zugeteilt worden, deren Fortbestand vom Wohlwollen der französischen Behörden abhing. Hier liegt der Ursprung des Triptychons, dessen Skizze sich heute im Museum von Colmar befindet. Das gemalte Triptychon fand sofort einen Käufer und schmückte nie die katholische Gefangenenkapelle. Eine vereinfachte Version der zentralen Komposition wurde angefertigt; diese befindet sich heute in der Abtei Beuron im oberen Donautal. Das gemalte Triptychon hingegen befindet sich seit 1988 in Berlin, in der Wallfahrtskirche Maria Frieden (Bezirk Tempelhof, Ortsteil Mariendorf). Die Skizze begleitete Dix nach Hemmenhofen und kehrte erst nach seinem Tod 1969 nach Colmar zurück, als posthume Würdigung der Freundschaft zu Robert Gall, einem gebürtigen Colmarer.Auszug aus den Memoiren des Bildhauers Hermann Berges (verstorben), der 1945/46 Kriegsgefangener in Colmar war:Als Dix Teil der Künstlergruppe im Lager war, begannen die Vorarbeiten für den Altar der Kapelle. Fertiggestellt wurde jedoch nur das Marienbild. Die festen Seitentafeln wurden später von dem Maler Schober mit Kohle gezeichnet. Sie zeigten die Heiligen Petrus und Paulus in Gefangenschaft. Der unten abgebildete Holzschnitt zeigt die beiden Kohlezeichnungen von Schober an ihrem Platz.Die vereinfachte Version der Madonna, die auf einem Kupferstich von 1946 zu sehen ist, ist signiert von W. Schick (einem weiteren Kriegsgefangenen und Künstler aus dem Lager Logelbach). Sie befindet sich heute in Beuron.Ich selbst, Kriegsgefangener Hermann Berges, kehrte im Dezember 1945 krank ins Lager zurück. Als Bildhauer wurde ich Mitglied der Künstlergruppe. Otto Dix sowie die Feldgeistlichen beider Konfessionen hatten sich für mich eingesetzt. Schließlich wurde ich mit der Ausstattung der beiden Kapellen beauftragt.Im Sommer 1946 wurde ich gebeten, eine Kopie von Dix’ Madonna anzufertigen. Es war wichtig, daß sich das Original nicht mehr im Lager befand.
Das "ehemalige Haussmann-Werk" (gouvfr) befand sich in der Haussmannstraße (rue Haussmann) in Logelbach, nur 2,3 Kilometer von der Rapp-Kaserne in Colmar entfernt (GMaps).
Familienzusammenführung 1947 im Elsaß?
Mein Opa schrieb 1947 nach Hause, seine Familie solle doch ins Elsaß kommen und sie könnten sich hier eine neue Existenz aufbauen. Womöglich sah er mittelfristig sogar die Möglichkeit, im Elsaß den Bauernhof jener Madame zu übernehmen, bei der er Arbeit gefunden hatte. Meine Oma hat es aber abgelehnt, mit vier minderjährigen Kindern den eigenen Bauernhof in Bahnitz aufzugeben und ins Elsaß zu kommen. Deshalb kam es auch nicht dazu. Was war aber die Grundlage der "Idee" meines Opas?
Den deutschen Kriegsgefangenen, bzw. Zwangsarbeitern in Frankreich ist tatsächlich das Angebot gemacht worden, als Gastarbeiter in Frankreich zu bleiben. Denn der demographische Niedergang Frankreichs hatte schon viel früher begonnen als in Deutschland. Und der französischen Wirtschaft fehlten schon zu jener Zeit Arbeitnehmer, insbesondere in der Landwirtschaft und im Bergbau (Wiki):
Im November 1946 beschlossen die französischen Behörden die Einführung des sogenannten Systems der „freien Arbeiter“.
Zeitzeugen berichten (Wiki):
„Damals war Deutschland geteilt. Da ich direkt an der Ost-West-Grenze lebte, schrieb mir mein Vater: ‚Bleib noch ein bisschen hier.‘ Also arbeitete ich ein Jahr lang als freier Gefangener. Ich hatte die gleichen Rechte wie ein Franzose; ich war wirklich frei. Und dann schrieb mir mein Vater: ‚Komm nicht gleich zurück, denn die Russen sind hier.‘ Ich hörte auf ihn, lernte meine Frau kennen und blieb dann hier.“ Ähnlich erging es einem anderen freien Arbeiter, Gottfried Pelz, wie seine Frau bezeugt: „Sein deutsches Zuhause lag im sowjetischen Sektor, in Wiesenburg. Er zog es vor, in Frankreich zu bleiben, wo wir heirateten.“
Um die ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich als Arbeitskräfte zu halten, wurde ihnen schließlich sogar die Familienzusammenführung angeboten, allerdings wurde im nächsten Schritt Elsaß-Lothringen davon wieder ausgenommen (Wiki):
Für Elsaß und Lothringen galt im Hinblick auf die Familienzusammenführung und die Ansiedlung freier Arbeitskräfte eine Sonderregelung. Nach mehrwöchigen Beratungen beschloß der Ministerrat am 16. Juli 1947, daß diese Regionen zwar ausnahmslos alle Kriegsgefangenen, die sich für die Freiheit entschieden hatten, in freie Arbeitskräfte umwandeln sollten, diese aber unter keinen Umständen behalten dürften; sie sollten „in die Departements im Landesinneren“ verlegt werden. Daher war es ausgeschlossen, deutsche Familien dort anzusiedeln. Diese Sonderregelung war naturgemäß politisch motiviert, insbesondere durch die Befürchtung, die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in Elsaß-Lothringen könnte beeinträchtigt werden. Für diese Regionen beschloß die Regierung, die fehlenden deutschen Arbeitskräfte durch ungarische und italienische zu ersetzen. Unseres Wissens gab es nur eine Ausnahme von dieser regionalen Regelung. Im November 1947, angesichts der unzureichenden Zahl von Einwanderern, die in den Bergwerken der beiden Regionen arbeiteten, und der mangelnden Begeisterung der Charbonnages de France, andere Bergleute als Deutsche einzustellen, stimmte die Regierung auf Bitte des Ministers für Handel und Industrie zu, freie deutsche Arbeiter den Bergbaubetrieben des Ostens zuzuweisen und mit der Ansiedlung von 1.000 ihrer Familien zu beginnen.
Die genannte Ausnahmeregelung wird auch meinen Opa - unabhängig von der Weigerung meiner Oma - von seinen Plänen wieder abgebracht haben.
Dieser Blogartikel soll bei Gelegenheit weiter ergänzt werden.
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- 1945 - Die Befreiung von Colmar (memoire) [20.5.2023]
- Wolfgang Krebs. André Hugel, Eberhard Neher: Der Krieg im Elsaß Ende 1944 und die sinnlosen Opfer (pdf) In: diess.: Wir waren Feinde: Elsässer, Deutsche, Amerikaner erinnern an die Kämpfe um die "Poche de Colmar" im Dezember 1944. Centaurus Verlag & Media 2015 (168 S.)
- J. Baumann: Chronique de la liberation de Thann. Extraits d'un Journal de guerre. 20.11.1944-5.2.1945. Erarbeitet bis zum 1. Dezember 1945 (pdf)
- Alois Bernkopf: Die zweite Rückkehr eines Kriegsgefangenen. Arbeitskreis Heimatgeschichte Mitterfels, 15. September 2014 (Heimatgeschichte2014)
- Schuften für den Erzfeind. Ein Film von Fabien Théofilakis und Philippe Tourancheau. Saarländischer Rundfunk 2017 (Yt2017)
- Bading, Ingo: Wie kam Stalin in die Mitte Europas? - Kriegsziele der westlichen Demokratien seit 1941. Magisterarbeit Universität Mainz 1994 (Acad)
- Bading, Ingo: "Wer auf dem Tiger reitet, kann nicht absitzen" - Adolf Hitler angefeuert von Hellsehern und Astrologen. 2013 (Lulu)
"Mein Herz, das ist ein Bienenhaus!" (1898)
Unsere Vorfahren waren sangesfreudige Menschen.
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| Abb. 1: Familie Bading im Jahr 1917 - Gustav Bading (1870-1941), Emma Bading, geb. Mohr (1882-1968) mit ihren Kindern Emma (geb. 1904), Otto (1906-1979), Elfriede (geb. 1913) und Lucie (geb. 1916)*) |
Und sie erzählten sich auch gerne Geschichten. Wenn meine westhavelländische Großeltern-Generation von ihrer Jugend erzählte, wurde fast immer auch Singen, Tanz und Musik erwähnt. Meine Großtante Emma Lindenberg, geb. Bading (Abb. 1. oben links) hat mir einmal Ende der 1970er Jahre aus Wusterwitz in der damaligen DDR über ihre Jugend auf einem Bauernhof in Bahnitz an der Havel geschrieben (zit. n. Stgr2012):
Meine Kindheit war Arbeit. Bis 14 Jahren ging ich in die Schule. Als ich raus kam (1918), wurde hart gearbeitet. Die Arbeitskräfte und wir mußten arbeiten: die Kühe melken, schleudern, buttern, alles mit der Hand, wir hatten keine Maschinen, die Schweine füttern, Kartoffeln dämpfen für das Vieh, für Gänse, Hühner, Enten. Die wurden dann im Herbst geschlachtet und verkauft. Holz und Kohle reinholen, heizen. Im Winter wurde das Korn gedroschen, immer ein paar Stunden vormittags und nachmittags. Denn Geld wurde auch gebraucht und Futter brauchten wir für das Vieh auch. (...) Wir hatten noch keinen Fernseher noch Radio und haben gesungen aus voller Kehle.
Meine Oma (1910-1984) hat 1981 über ihre Kindheit in Zollchow aufgeschrieben (zit. n. Prl2017):
Unsere Kindheit war schön! Ich habe gerade einen Brief meiner Schwester Friedel in der Hand, sie schreibt, weißt Du noch ... Und Großvater Eggert, er besaß einen Schleppkahn, schipperte damit auf Elbe und Havel Frachtgut. Bis Hamburg kam er. Er konnte so viel Geschichten von seinen Fahrten erzählen. Wenn er bei uns war, fand sich auch die Jugend ein. Es dauerte nicht lange und er nahm sein Schifferklavier. Und während die Eltern und Freunde sich vor dem Haus auf der Bank unter der Linde von der schweren Arbeit ausruhten, tanzten die Jungen unter der Friedenseiche all die alten Volkstänze "Mutter Wisch", "Ich nahm die Brille von meinen Augen", "Ick sehe di", "Dreimal Samtband um Rock" oder wie all die alten Volkstänze hießen, bis mein Vater "Schluß" sagte. Am nächsten Tag früh um fünf Uhr begann ja die Arbeit wieder. Es waren schöne Jahre ...
Zu dem kurzen Liedchen "Ich nahm die Brille vor meine Augen" finden sich Belege. Als dessen Entstehungsjahre finden sich die Angaben 1924 (Volksliedarchiv) und 1930 (Schwaben-Kultur) (s.a. "Kinderspiele und Spiellieder", GB1979). Zu den anderen hier genannten "Tänzen" (?) finden sich zunächst keine Angaben. Dabei klingt doch zumindest "Dreimal Samtband um Rock" sehr spezifisch ... Es scheint sich aber doch mehr um Kinderlieder und -spiele gehandelt zu haben, von denen meine Oma berichtete.
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| Abb. 2: "Mein Herz, das ist ein Bienenhaus" (Postkarte, um 1898) |
Aus der Urgroßeltern-Generation des Verfassers dieser Zeilen hat sich überliefert, daß der Urgroßvater Gustav Hermann Otto Bading (geb. 1870 in Bahnitz; gest. 1941 in Bahnitz) (Abb. 1 oben rechts) in den 1890er Jahren seinen Vetter in Köln besucht habe und dort "mit der reichsten Jüdin Kölns" getanzt habe nach dem Schlager "Mein Herz, das ist ein Bienenhaus". In der mündlichen Familienüberlieferung war immer vom "Bienenkorb" die Rede, was zeigt, daß dieser Schlager lange wieder vergessen war. Aber dank Internet kann man ja dieser Angabe nun leicht nachgehen.
Der "Bienenhaus-Marsch" war schon 1860 von dem deutschböhmischen Kapellmeister und Komponisten Hermann Josef Schneider (1862 in Tepl, gestorben 1921 in Saaz) komponiert worden (GB) (DtLied). Sein Text lautet (s. Yt, 1930):
Mein Herz, das ist ein Bienenhaus,Die Mädchen sind darin die Bienen,Sie fliegen ein, sie fliegen aus,So wie es ist im Bienenhaus.Du meines Herzens KlauseRefrain: Holdria holdrioHoldria holdrioHoldria ho, Holdria ho,Holdria ho, Holdria ho.Sie fliegen aus, sie fliegen ein,Die lieben kleinen Bienen,Und bringen auf den Lippen fein,Den süßen Honig mir hereinIn meines Herzens Klause.RefrainDoch eine ist die Königin,Sie liebe ich vor allem,Und wenn sie mit mir ziehen will,Dann blieb ja keine andre drin.In meines Herzens Klause.RefrainUnd wenn ihr Auge trübe blickt,Und geht zum Weinen über,Dann, süße Königin, vergib,Ich hab' ja alle Mädchen lieb.Doch dich, dich liebe ich vor allen.Refrain
Wirklich populär scheint dieser Schlager aber in ganz Deutschland erst im Jahr 1898 geworden zu sein (s. Yt, 1930). Zahlreiche Bildpostkarten erschienen in diesen Jahren mit Motiven zu diesem Lied (s. Abb. 2). Sie zeigen ebenfalls auf, wie populär es war. Und auf Google Bücher finden sich zahlreiche Bezugnahmen auf diesen "Gassenhauer" in der Literatur jener Jahre und später. Ein Willi Ostermann in Berlin parodierte das Lied sogar schon im selben Jahr mit dem Text (Kellendr):
Mein Herz, das ist ein Bienenhaus,so hört man nur noch auf den Straßen.Man lärmt's und singt's in jedem Hausdas schöne Lied vom Bienenhaus.In jeder DamenkapelleAuch singt die GroßmamaHoldria holldriaUnd alte Jungfrau'n rufen's aus:Mein Herz, das ist ein Bienenhaus!
Um 1900 entstand der Wandervogel. Und zur gleichen Zeit, 1901, schrieb etwa ein Wilhelm Teichmann in einem Aufsatz zum Thema "Unsere elsässischen Volkslieder" ("Jahrbuch für Geschichte, Sprache und Literatur Elsaß-Lothringens") (GB):
Wo ist das Volkslied zu Hause? (...) Steigen wir etwas weiter hinab zu den unteren städtischen Schichten. An Sangeslust fehlt es ihnen durchaus nicht. Was uns aber in der Stadt in die Ohren tönt, ist mehr der Gassenhauer. Von der Bühne, oft auch nur aus dem Tingeltangel unter die Leute geworfen, werden Worte und Weisen begierig aufgefangen, eine Zeitlang von jedermann gesungen und gepfiffen, - und dann wieder vergessen. Welcher ordentliche Gassenjunge pfeift jetzt noch: Mein Herz, das ist ein Bienenhaus - ? Hinter diesem von der jeweiligen Mode getragenen Singsang tritt das eigentliche Volkslied in der Stadt sehr zurück ...
1898 war mein Urgroßvater 28 Jahre alt, von daher paßt die Familienüberlieferung ganz gut. Aber ansonsten kann er sich das gut und gerne auch nur ausgedacht haben, der leichtfertige Vogel, um all die Frauen zu erheitern, wenn sie beim Rübenhacken auf dem Feld versammelt waren. Daß er solche und andere Dinge beim Rübenhacken erzählt hätte, wird zumindest in der "Familiensaga" überliefert.
Sogar daß dieser Gassenhauer auch unter den "oberen Zehntausend" populär war, ist belegt. Etwa durch eine Illustration von Ferdinand von Reznicek mit dem Titel "Der Frahsee (La Française) / Mein Herz, das ist ein Bienenhaus" (Meistdr).
Wie auch immer. Schietegal! Unsere Vorfahren, das waren sangesfrohe Menschen. Und ihrem Gustav wird seine Emma (s. Abb. 1) schon Mohres gelehrt haben, was all die lieben Bienen betrifft!
Soweit zum Volksleben in Brandenburg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine weitere Großmutter des Verfassers dieser Zeilen (1910-1995) stammte aus Wien (Strg2014) und wurde früh mit ihren vier Schwestern Mitglied im "Wandervogel". Auch sie hat natürlich ihr Leben lang gerne all die vielen Volkslieder gesungen und insbesondere auch zu Weihnachten sehr gerne auch so manches gehaltvollere Weihnachtslied.
___________________
*) Fuhr ein Fotograf über die Dörfer und bot Familienfotografien an? Oder fuhr die Familie nach Brandenburg, um sich beim Fotografen fotografieren zu lassen? Da alle etwas steif wirken, ist eher letzteres zu vermuten.
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