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Junge Freiheit
Bundeskanzlerin der Öffentlichkeit Das unglückliche Talent des Friedrich Merz

Beim Blick auf die PR-Desaster rund um Kanzler Merz drängt sich unweigerlich der Stromberg-Vergleich auf. Die katastrophale Außendarstellung hat auch etwas Gutes, sie enthüllt die Machtverhältnisse in der Koalition. Ein Kommentar von Robert Willacker.
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Nach JF-Recherche Masturbation und sexuelle Spiele: Behörde verteidigt Kita-Erziehungskonzept

Ende April deckte die JF auf, dass Kitas der sozialistischen „Falken“ Selbstbefriedigung und sexuelle Spiele für kleine Kinder propagieren. Jetzt reagiert das zuständige Landesjugendamt – ohne jedes kritische Wort.
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Platzt die Koalition? Markus Söder und das nächste schwarz-rote Krisentreffen

Nach gegenseitigen Angriffen und dem Aus der 1.000-Euro-Prämie geht es im Koalitionsausschuss nun um die Steuerreform. Kommt es zum großen Knall oder gibt die Union klein bei? Und welche Rolle spielt Markus Söder? Eine Analyse.
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Verbrecher ausgeflogen Ein Abschiebeflug mit Afghanen kostet 335.000 Euro

Ende April fliegt die Bundesregierung 25 afghanische Schwerverbrecher aus. Allein für das Flugzeug muss der Steuerzahler sehr viel Geld aufbringen.
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EIKE
Die UN steht vor dem drohenden Finanzkollaps – Guterres bittet dringend um Geld
Von Jo Nova, 06.05.2026
Es hätte keinem netteren parasitären Komitee passieren können.
Das passiert, wenn man seinen Hauptgeldgeber für dumm verkauft und alles daransetzt, ihn in einen Vasallenstaat des globalistischen Konzerns zu verwandeln.
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Nicht vergessen: die Eisheiligen stehen vor der Tür!
Vorschau: Wie werden die fünf Tage vom 11. bis zum 15. Mai auch diesmal ausfallen? Matthias Baritz, Josef Kowatsch. Seit Jahrhunderten bekannter Kaltluftvorstoß in der Mitte des Monats Mai Die kirchlich festgelegten Eisheiligentage gibt’s tatsächlich Entgegen des allgemeinen Temperaturverlaufs werden die Eisheiligentage sogar kälter Die Eisheiligen halten sich nicht an den wärmenden CO₂-Treibhauseffekt. Der Mai […]
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IPCC räumt ein: Apokalyptische Klimaszenarien sind „unplausibel“ – was bedeutet, dass die meisten Panikmache-Berichte der Medien der letzten 15 Jahre offiziell als Unsinn gelten
Chris Morrison, THE DAILY SCEPTIC Aktivistische Klimaforscher, Journalisten und von der „Net Zero“ besessene Politiker stehen unter Schock, nachdem der Weltklimarat (IPCC) offiziell eingeräumt hat, dass eine Reihe von Schlüsselannahmen „unplausibel“ sind, die seit 2011 eine Klimakrise propagieren. Die berüchtigten, stets unwahrscheinlichen Annahmen des RCP8.5-„Pfads“, die in Computermodelle einflossen, mit denen versucht wurde, ein unmessbares […]
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me658 Zwischen patriotisch, anti-woke und libertär
Zwischen patriotisch, anti-woke und libertär
»Mit Donald Trump, Elon Musk und Javier Milei nehmen drei unkonventionelle Macher den Kulturkampf der Linken an, sind entschlossen, deren Vorherrschaft im Westen zu brechen. Diese haben allen Grund, das ungewöhnliche Trio zu fürchten.« — Claudio Casula (NiUS), 15.11.2024 ⋙ Link
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me657 Hans-Georg Maaßen würdigt die NZZ als „Westfernsehen“
„Rechtsextremist“ Maaßen nutzt „Westfernsehen“
Dr. Hans-Georg Maaßen war Chef des Verfassungsschutzes. Jetzt gilt er seiner früheren Behörde als „Rechtsextremist“.
Siehe: Dushan Wegner: „Danke, Herr Maaßen!“, 1.2.2024 ⋙ Link
Die Aktenauszüge selbst lesen ⋙ Link
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eigentümlich frei
Bücher. Handel. Messe.: Über eine Branche in der Krise
Susanne Dagen: Deutschlands letzte Buchhändlerin
ef-Konferenz 2026 (ef-TV) Teil 9: Jasmin Kosubek: Familie, Freunde und Netzwerke
Kowalskys Presseagentur meldet: Faule Illusionen
Im Visier, die Waffenkolumne: Die Geschichte der Kampfpanzer
Tichys Einblick
Nach Shell, Equinor, TotalEnergies und ArcelorMittal verabschiedet sich auch BP aus der Klimawirtschaft
Die grüne Subventionswirtschaft gerät unter Druck. Auf der ganzen Welt ziehen sich Unternehmen aus Öko-Projekten zurück und konzentrieren sich wieder auf ihre klassischen Geschäftsfelder. In Deutschland legte ArcelorMittal sein milliardenschweres Projekt zur Umstellung zweier Werke auf grünen Stahl trotz turmhoher Förderzusagen auf Eis. Shell strich ein großes Biokraftstoffprojekt in Rotterdam von seiner Agenda, und Equinor
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Erhöhung der Kriegsgefahr, der Steuern und der Abgaben
Es ist nicht eine Partei, die Deutschland in die Katastrophe steuert, sondern es sind Deutschlands dysfunktionale Eliten, das Ergebnis des erfolgreichen linken Marschs durch die Institutionen, politisch organisiert im Brandmauer-Komplex – und genaugenommen dann doch eine Partei, die Brandmauereinheitspartei, die Deutschland auch ohne Krieg zerstört. Sieben Zahlen belegen, weshalb den Bundesvizekanzler und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil
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Ein chaotischer Rechtsstaat nur für Vermögende
Bei einer Verkehrskontrolle erfährt Toni A. (Name von der Redaktion geändert), dass eine Anzeige gegen ihn wegen eines Posts vorliegt. Da zeigt der Kalender das Jahr 2022. Drei Jahre lang passiert dann erst einmal: nichts. Erst im Juli 2025 lädt ihn die Münchner Polizei zu einer Anhörung vor. Er geht hin, es ist August. Dann
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Jedes zwölfte Unternehmen sieht eigenen Fortbestand gefährdet
Die Krise der deutschen Wirtschaft geht weiter. Nach einer aktuellen Konjunkturumfrage des Münchner Ifo-Instituts vom April sehen 8,1 Prozent der Unternehmen in Deutschland den eigenen Fortbestand gefährdet. Damit steht rechnerisch etwa jedes zwölfte Unternehmen unter existenziellem Druck. „Die wirtschaftliche Lage bleibt angespannt“, sagte Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen. „Die Insolvenzzahlen dürften vor dem Hintergrund der
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Börsenwoche: Risk-on-risk-off-Rhythmus und Inflationsdynamik
Die holprig verlaufende Erholung am deutschen Aktienmarkt könnte sich in der neuen Woche fortsetzen. Weiterhin hoffen die Anleger, dass der wackelige Waffenstillstand im Nahost-Krieg hält und die für den Energiehandel wichtige Straße von Hormus letztlich wieder geöffnet wird. Allerdings zeige die Vergangenheit, dass Rückschläge in einem möglichen Annäherungsprozess einkalkuliert werden müssten, schrieb Analyst Christian Reicherter
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Achse des Guten
Amadeu Antonio Stiftung – staatsnaher Polit- und Immobilienkonzern geht gegen freie Presse vor
Anpfiff mit Grimm: Die Angst der Grünen vorm Energie-Vampir
Meeresspiegelanstieg? Nicht in Grönland!
Tom des Tages
Wer hat’s gesagt? (Auflösung)
Im Stellungskrieg um die Meinungsfreiheit
Es hätte überhaupt
nichts Gutes und Großes
gegeben, wenn jeder
stets gedacht hätte:
Du änderst doch nichts!
ROBERT BLUM (1807–1848)
Michael Klonovsky • Acta diurna
13. Februar 2026
Niemand darf zu streng sein mit unserer couragepreisbehängten Haltungsschickeria, mit all den Böhmermanns, Berbens, Grönemeyers und anderen Gegen-Rechts-Kämpfer:…
Der Beitrag 13. Februar 2026 erschien zuerst auf KLONOVSKY.
9. Februar 2026
Grünen-Chef Felix Banaszak fühlt sich durch die Maßnahmen Donald Trumps gegen illegale Migranten an die Nationalsozialisten erinnert (obwohl…
Der Beitrag 9. Februar 2026 erschien zuerst auf KLONOVSKY.
Meldung des Tages
Die Welt berichtet, dass die Trump-Regierung ein geplantes Treffen mit Vertretern von SPD und Grünen abgesagt hat und…
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6. Februar 2026
Die Universität Glasgow, lese ich, stufe „Harry Potter und der Stein der Weisen“ künftig als „potenziell belastend” ein…
Der Beitrag 6. Februar 2026 erschien zuerst auf KLONOVSKY.
Drei Variationen über ein knalldeutsches Them
Erschienen in den letzten drei Ausgaben der Zeller Zeitung (Link). Der Mann ist genial.
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31. Januar 2026
Mit der Figur des Don Ottavio haben Mozart und Da Ponte den Prototyp des exaltierten Resolutionsunterzeichners geschaffen. ***…
Der Beitrag 31. Januar 2026 erschien zuerst auf KLONOVSKY.
Pendants der Saison
Auf dem X‑Account von Alexander Wendt fand ich diese Gegenüberstellung. „Man hasst sie noch nicht genug”, schrieb einer…
Der Beitrag Pendants der Saison erschien zuerst auf KLONOVSKY.
26. Januar 2026
In Florian Henckel von Donnersmarcks Märchenfilm „Das Leben der Anderen” – Märchenfilm nicht wegen der darin geschilderten Atmosphäre,…
Der Beitrag 26. Januar 2026 erschien zuerst auf KLONOVSKY.
Boris Reitschuster
Rührend dumm: Die Prämie, die keiner wollte

Eine Entlastung, die Arbeitgeber zahlen. Kompensiert mit einer Steuer, die nur dem Bund nützt. Und am Ende steht die Regierung staunend da: Dass jemand dieses absurde Theater durchschaut, haben sie nicht eingeplant. Von Thomas Rießinger.
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Erst lösen, dann reden, dann leugnen

Laumann will Probleme lösen – weiß nur nicht wie. Merz will darüber reden – am liebsten über Erfolge, die es nicht gibt. Und Bas? Die hat die eleganteste Lösung: Es gibt gar keine Probleme. Thomas Rießinger über das Berliner perpetuum incompetibile.
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Anschlag auf Rüstungsfabrik in Tschechien – finanziert mit deutschem Steuergeld?

Ein Feuer mit Millionenschaden sorgt bei unseren Nachbarn für Aufregung – denn die Spuren führen auch ins linksextreme Milieu in Deutschland. Ein Abgeordneter fordert Aufklärung, die Präsidentin des Bundestags duckt sich weg. Von Kai Rebmann.
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Ramelow und der Reichtum, der uns ruiniert

17.750 Euro im Monat, zehn Jahre Regierungsverantwortung – und die felsenfeste Überzeugung: Migration macht stark. Dante hatte für solche Leute ein eigenes Stockwerk – wie Thomas Rießinger erläutert.
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Hamburger Milliardäre bauen der Volksfront die neue Echokammer

Alle haben über den X-Abgang von SPD, Grünen und Linken berichtet. Was dabei unterging: die Psychologie dahinter, die ernüchternden Zahlen – und die milliardenschweren Stiftungen, die jetzt die Sandkiste für die Debattenflüchtlinge bauen.
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Alexander Wendt • Publico
Zeller der Woche: Falschbezichtigung

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Alte & Weise

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Algorhythmushölle, Hölle, Hölle

Die Führung von Grünen, SPD und SED verlässt X mit Krawall. Andere dramatisieren ihr Ausharren auf der teuflischen Plattform. Gemeinsam scheinen sie auf eine Art EU-Twitter zu hoffen. Aber auch das würde ihnen in der neuen Medienwelt nichts nützen Die Mitteilung erfolgte per Einheitstextbaustein aller drei Beteiligten, der folgendermaßen lautete: ...
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Zeller der Woche: Ehrliches Interview

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Alte & Weise

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Der große Irrtum der antipopulistischen Alchemisten

Nach fester Überzeugung der Wohlgesinnten bringen Orbán, Trump und die AfD erst ihre Wähler hervor – und nicht etwa umgekehrt. Dabei könnten die Linken ihre Feinde wirklich beseitigen – mit einem einfachen Opfer Der äußerte sich zwar etwas inkonsistent, fasste dafür aber praktisch alle Kommentarinhalte pars pro toto zusammen: In ...
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The GermanZ
Armenien schwimmt sich frei in Richtung Westen – und Moskau reagiert wie immer: mit Kriegsdrohungen, Fake News und Internet-Lügen
von KLAUS KELLE MOSKAU/BRÜSSEL/ERIWAN – Freundschaft ist leicht, wenn die Sonne scheint. Aber was eine Freundschaft wirklich wert ist, das erkennt man erst,...
Der Beitrag Armenien schwimmt sich frei in Richtung Westen – und Moskau reagiert wie immer: mit Kriegsdrohungen, Fake News und Internet-Lügen erschien zuerst auf The Germanz.
Das „Lost German Girl“ – das ikonische Foto vom 8. Mai 1945, das uns bis heute beschäftigt
PRAG/PILSEN – s war der 8. Mai 1945, der Tag, an dem die deutsche Wehrmacht endlich kapitulierte, und der Zweite Weltkrieg wenigstens in...
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AfD bärenstark bei Bürgermeisterwahl in Zehdenick
ZEHDENICK – Der ehemalige CDU-Abgeordnete in Berlin und dann Gründer der Partei „Die Freiheit“, René Stadtkewitz, ist seit heute erster direkt gewählter hauptamtlicher...
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AfD Bayern: Katrin Ebner-Steiner wackelt, gerät auch Stephan Protschka unter Druck?
MÜNCHEN – In der AfD Bayern spitzt sich offenbar ein Machtkampf zu. Es steht im Raum, dass es bereits in diesem Jahr zu...
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Für Putin läuft die Zeit ab
von KLAUS KELLE MOSKAU – Nein, der Mann tut mir nicht leid. Alles, was er gerade erlebt, hat er sich durch seinen menschenverachtenden...
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Deutschland-Kurier
Gründung der „Politischen Akademie“ in Bayern: AfD schmiedet die Elite für die Regierungsübernahme!
Das Berliner Establishment hat einen neuen Grund zum Zittern: Die AfD stellt die Weichen für die Regierungsübernahme und baut ihre eigene geistige Infrastruktur konsequent aus. Unter der Schirmherrschaft von Dr. Roland Hartwig, dem strategischen Vordenker und Gründer der Politischen Akademie, sowie dem bayerischen AfD-Bundestagsabgeordneten Rainer Rothfuß, dem Leiter der neuen bayerischen Bildungsstätte, wurde nun der […]
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Unfassbar: 20.000 Euro Steuergeld für bizarres Zensur-Computerspiel zum Klimaschwindel!
Die Bundesregierung hat unter dem Deckmantel der „politischen Bildung“ ein bizarres Computerspiel entwickeln lassen, mit dem Schüler lernen sollen, Internet-Kommentare zum Klimaschwindel in einem fiktiven sozialen Netzwerk zu löschen. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) bestätigte einen Medienbericht („NiUS“), wonach die Entwicklung des „Spiels“ die deutschen Steuerzahler rund 20.000 Euro kostet. In der Beschreibung zur […]
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Söder (CSU): „1.000 Euro Entlastungsprämie ist vom Tisch“ – Höhere Tabaksteuer kommt trotzdem
Der bayerische Ministerpräsident, CSU-Chef Markus Söder, hält die vom Bundesrat vorerst gestoppte Arbeitnehmer-Entlastungsprämie von 1.000 Euro für endgültig gescheitert. Söder sagte in der ARD, die Prämie sei eine „gut gemeinte Idee“ gewesen. Söder sprach sich dafür aus, das für die Maßnahme eingeplante Geld stattdessen in die Einkommenssteuer-Reform zu investieren. Der Clou: Die höhere Tabaksteuer, mit […]
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58,4 Prozent: AfD gewinnt erstmals bei Bürgermeisterwahl in Brandenburg
Nach einer Neuwahl im brandenburgischen Zehdenick (nördlich von Berlin) zieht AfD-Kandidat René Stadtkewitz mit haushohem Vorsprung als neues Stadtoberhaupt ins Rathaus ein. Stadtkewitz ist damit erster direkt gewählter hauptamtlicher AfD-Bürgermeister in Brandenburg. Auf den früheren Berliner CDU-Abgeordneten entfielen 58,4 Prozent der Stimmen – mehr als doppelt so viele wie auf den Mitbewerber von der FDP. […]
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Saustall EU: Wo sind 577 Corona-Milliarden geblieben? Rüge des EU-Rechnungshofes
Der Europäische Rechnungshof hat eine mangelnde Transparenz bei der Verwendung der Milliarden aus dem sogenannten Corona-Wiederaufbaufonds gerügt. Es geht um 577 Milliarden Euro, deren Verbleib zumindest teilweise unklar ist. Man habe keinen vollständigen Überblick darüber, was mit den Geldern geschehe, heißt es in einem Bericht des EU-Rechnungshofs. Tausende Empfänger der Gelder, darunter zahlreiche Unternehmen, seien […]
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Tiere würden AfD wählen! – Carina Schießl & Nicole Hess von „Tierschutz in der AfD“ im Gespräch
„Tiere würden AfD wählen!“ — Die Bundestagsabgeordneten Carina Schießl & Nicole Hess von der „Arbeitsgemeinschaft Tierschutz in der AfD“ im Gespräch mit Oliver Flesch
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Mit dem Ersten lügt man noch besser: ARD-Tagesschau warnt vor „rechten“ Angriffen auf Reporter, zeigt aber „Antifa“-Mob
Die ARD-Tagesschau warnte in einem Interview auf ihrer Webseite vor rechten Angriffen gegen Journalisten. Bebildert wurde der Artikel allerdings mit Fotos von einer linksextremen Attacke auf ein ZDF-Team – eine der brutalsten Medienangriffe in den vergangenen Jahren, wie das Portal „Apollo News“ aufdeckte. Anlass der Berichts und des Interviews mit dem Geschäftsführer von „Reporter ohne […]
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Labour-Debakel: Briten-Premier Starmer gerät nach Farage-Triumph immer stärker unter Druck
Nach den erdrutschartigen Verlusten seiner sozialdemokratischen Labour-Partei bei den Regional- und Kommunalwahlen in Großbritannien gerät Premierminister Keir Starmer immer heftiger unter Druck. Mehrere Labour-Abgeordnete fordern einen „Zeitplan“ für einen Führungswechsel in der Partei. Grund: Bei den Wahlen in England, Schottland und Wales hatte die national-patriotische Partei „Reform UK“ von Nigel Farage massiv an Stimmen hinzugewonnen. […]
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PI-News
Der alltägliche Wahnsinn
Von RAINER K. KÄMPF | Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, geht bei Caren Miosga mit ihrer Partei, der SPD, ins Gericht. In Hinsicht auf die sinnbefreiten Entgleisungen ihrer Parteichefin Bärbel Bas, deren Zeichens Bundesministerin für Arbeit und Soziales, kommt sie allerdings deutlich ins Rudern. Die jedenfalls sorgte in der Bunten Republik für allgemeine Entzückung […]
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Putins Angebot alarmiert Kriegstreiber
Von WOLFGANG HÜBNER | Das ist das Dogma des Ukraine-Kanzlers, der Aufrüstungsprofiteure und der „antifaschistischen“ schwarzen und grünen Nazinachkömmlinge: Russland ist der Feind und soll es bleiben. Wer dieses Dogma bezweifelt oder es gar ablehnt, muss zum öffentlichen Schweigen gebracht werden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass das Angebot des russischen Präsidenten Wladimir Putin, den […]
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Weltwoche Daily: Gerhard Schröder soll Frieden im Ukraine-Krieg vermitteln
„Weltwoche Daily Deutschland“ – Roger Köppels täglicher Meinungs-Espresso gegen den Mainstream-Tsunami. Von Montag bis Freitag ab 6:30 Uhr mit der Daily-Show von Köppel und pointierten Kommentaren von Top-Journalisten. Die Themen in dieser Ausgabe: Starmer, Merz und Macron: Drei wandelnde Tote führen Europa Keir Starmer, Friedrich Merz und Emmanuel Macron – drei wandelnde Tote der gescheiterten […]
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NiUS-LIVE: Fliegt die Koalition beim „D-Day am Dienstag“ in die Luft?
Jeden Morgen von 6 bis 9 Uhr beleuchtet NiUS-LIVE die Themen, die Millionen Menschen bewegen und über die Deutschland spricht. Am Montag begrüßt Moderator Alexander Kissler seine Gäste Julian Reichelt, Chefredakteur NIUS, Pauline Voss, stellvertretende Chefredakteurin NIUS, Waldemar Hartmann, Reporter-Legende und Joachim Steinhöfel, Medien-Anwalt und Autor im Studio. Die Themen: D-Day am Dienstag? Fliegt die […]
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René Stadtkewitz schreibt Geschichte: Erster AfD-Bürgermeister in Brandenburg
Historischer Triumph in Zehdenick: Mit einem klaren Sieg von 58,4 Prozent der Stimmen hat René Stadtkewitz als AfD-Kandidat die Bürgermeisterwahl im ersten Wahlgang klar gewonnen. Erstmals stellt damit die Alternative für Deutschland den Rathauschef in einer brandenburgischen Kommune – und das mit deutlichem Abstand. Die Bürger haben gesprochen, und ihr Votum ist unmissverständlich. Bei hoher […]
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Evidenzbasierte Politik
Von DR. HANS HOFMANN-REINECKE | Die deutsche Regierung hat angeregt, die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung stärker an der „evidenzbasierten Medizin“ auszurichten – also nur noch solche Therapien zu finanzieren, deren Nutzen für den Patienten wissenschaftlich belegt ist. Neu ist dieser Gedanke allerdings nicht. Spätestens seit Hippokrates sind Ärzte durch ihren Eid verpflichtet, genau diesem Prinzip […]
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Warte, warte noch ein Weilchen
Von RAINER K. KÄMPF | Als die Deutschen 1918 ein halbwegs funktionierendes und über die Jahrhunderte bewährtes staatliches System abschafften und das Wagnis eingingen, sich in Demokratie zu versuchen, erwies sich dieses Unterfangen als Flop. Bis heute. Gut 100 Jahre später allerdings besteht die berechtigte Hoffnung, der Feldversuch könne, wenn auch reichlich verspätet, doch noch […]
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Imam Idriz kam mit Hilfe von CSU und FDP aus VS-Beobachtung raus
Der Weg von Imam Bayrambejamin „Benjamin“ Idriz ist von vielen Skandalen und tiefen Verflechtungen mit islamistischen Kreisen begleitet. Folgerichtig wurde er von 2007 bis 2010 im Bayerischen Verfassungsschutzbericht mit seinen intensiven Kontakten zu Hardlinern wie Muslimbrüder und Milli Görüs dargestellt. Doch 2011 war er plötzlich nicht mehr im VS-Bericht zu finden. Obwohl Idriz und seine […]
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Epoch Times
Reiche: Bund verlängert Garantie für Raffinerie Schwedt
Jeder neunte Onliner von Cyberkriminalität betroffen
Deutsche in Europa: Schweiz als Wohnsitz am beliebtesten - Spanien holt auf
Wie schaffen es „Superager“ geistig fitter zu bleiben als ihre Altersgenossen?
Gasheizung wieder erlaubt: Geplantes Heizungsgesetz bringt alte Freiheiten und neue Kosten
Neues Kindschaftsrecht soll Gewaltopfer besser schützen
DGB-Chefin Fahimi mit großer Mehrheit bestätigt
Pflegereform: CSU geht auf Distanz zu Warken und fordert mehr Bundesmittel
NiUS • Die Stimme der Mehrheit
1 Milliarde Euro für Integrationskurse, nur jeder Dritte schließt ab
Endspiel um die Macht: Finanzminister Klingbeils geheimer WM-Plan
Gebete gegen die AfD? Die Kirche macht sich lächerlich
„Was ist in diesem Land los?“ Waldemar Hartmann sprachlos angesichts der simulierten Verhaftung von Alice Weidel an Schulen
Deutlicher Vorsprung für René Stadtkewitz in Zehdenick: AfD gewinnt erstmals bei Bürgermeisterwahl in Brandenburg
Julian Reichelt über staatliche Willkür: „Ohne die Arbeit von Joachim Steinhöfel und NIUS gäbe es die Meinungsfreiheit nicht mehr“
„Völlig inakzeptabel“: Trump weist neuen iranischen Verhandlungsvorschlag zurück
20.000 Euro Steuergeld für bizarres Computerspiel: Als vierarmiger Oktopus sollen Schüler lernen, wie man Social-Media-Posts zensiert
Apollo News
Auch Frauen können „toxisch männlich“ sein, meint der DLF – und stellt Weidel in eine Reihe mit NSU-Terroristin

Deutschlandfunk Kultur hat in den sozialen Medien mit einem Beitrag über „toxische Männlichkeit“ bei Frauen für Aufsehen gesorgt. Der auf ...
The post Auch Frauen können „toxisch männlich“ sein, meint der DLF – und stellt Weidel in eine Reihe mit NSU-Terroristin appeared first on Apollo News.
„Keine Parteipolitik, sondern Sachpolitik“: Bei Miosga zerlegt ein Bürgermeister die Brandmauer

Luca Piwodda ist Bürgermeister der brandenburgischen Landstadt Gartz. In der ARD-Sendung Miosga zeigte er den Teilnehmern der Abendsendung die politische ...
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Landesmedienanstalt soll Kontrolle ausüben: Wolfram Weimer will jetzt auch YouTube „neuen Regeln“ unterwerfen

„Freiheit braucht Regeln“ – dieses Statement stammt aus einem Welt-Gastbeitrag von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Unter dem Titel „Wenn YouTube das ...
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„Niemand wandert in unsere Sozialsysteme ein“: Schwesig windet sich bei Miosga um Bas-Satz

„Niemand wandert in unsere Sozialsysteme ein“ – mit diesem Satz hatte Arbeitsministerin Bärbel Bas im Bundestag für Kritik gesorgt. Bei ...
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550.000 Migranten in Libyen: Griechenland warnt vor neuer Migrationswelle

Mehr als eine halbe Million Migranten wartet wohl derzeit in Libyen auf eine Möglichkeit, nach Europa überzusetzen. Das erklärte der ...
The post 550.000 Migranten in Libyen: Griechenland warnt vor neuer Migrationswelle appeared first on Apollo News.
„Völlig inakzeptabel“: Trump weist iranischen Gegenvorschlag scharf zurück

Donald Trump hat die iranische Antwort auf den amerikanischen Friedensvorstoß im Nahostkrieg scharf zurückgewiesen. Die Antwort der sogenannten iranischen „Vertreter“ ...
The post „Völlig inakzeptabel“: Trump weist iranischen Gegenvorschlag scharf zurück appeared first on Apollo News.
Chef der Bundesnetzagentur mahnt Bürger zum sorgsameren Gasverbrauch

Vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs und der dadurch ausgelösten Energiekrise hat die Bundesnetzagentur zu einem sparsamen Umgang mit Gas geraten ...
The post Chef der Bundesnetzagentur mahnt Bürger zum sorgsameren Gasverbrauch appeared first on Apollo News.
Schwesig attackiert Bundesregierung wegen 1000-Euro-Prämie: „Das ist unprofessionell“

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat das Vorgehen der Bundesregierung bei der geplanten 1000-Euro-Entlastungsprämie scharf kritisiert. In der ARD-Sendung „Caren Miosga“ ...
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Zuerst!
Folge der Massenzuwanderung? Messerattacken in Katalonien
Barcelona. Ein regelrechtes Messer-Wochenende – aber es hat natürlich, will man der etablierten Politik glauben, rein gar nichts damit zu tun, daß im Land mindestens […]
Der Beitrag Folge der Massenzuwanderung? Messerattacken in Katalonien erschien zuerst auf ZUERST!.
Karaganow für härtere Gangart gegenüber dem Westen: „Wir müssen ihnen panische Angst einflößen“
Moskau. Der russische Politikwissenschaftler Sergej Karaganow, Doktor der Geschichtswissenschaften und Ehrenvorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik Rußlands, ist immer wieder für provokante […]
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Abschiebe-Tief: Wo ist die „Migrationswende“ geblieben?
Osnabrück. Gerade einmal 4.807 ausreisepflichtige Illegale verließen Deutschland im ersten Quartal dieses Jahres. Das sind 1.344 weniger als im Vorjahreszeitraum – ein Rückgang von stattlichen […]
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Der Preis der Zuwanderung: Sexualverbrechen in Spanien explodieren
Brüssel/Madrid. Der sozialistische spanische Regierungschef Sánchez läßt sich in diesen Wochen feiern, weil er rund eine halbe Million Illegaler legalisieren will. Das ist nicht der […]
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Neuer Rechtsextremismus-Verdacht: Pilates im Fadenkreuz der Woken
New York. Die linkswoke Empörungsindustrie hat ein neues Feindbild ausgemacht. Nach Schnitzel, Verbrenner und Eigenheim sind nun Frauen an der Reihe, die auf ihren Körper […]
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Noch mehr gute Nachrichten: Keine neuen US-Raketen für Deutschland
Washington/Berlin. US-Präsident Donald Trump will die Deutschen für ihre fehlende Loyalität im Irankrieg bestrafen – aber letztlich ist es eine gute Nachricht: jetzt wurde bekannt, […]
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Diesmal ohne Bürgerkrieg: Der 1. Mai in Berlin – weniger Gewalt, mehr Dreck
Berlin. Die Bürgerkriegsszenarien früherer Jahre sind diesmal ausgeblieben. Ohne Krawalle ging der 1. Mai in der Hauptstadt aber auch heuer nicht ab. Einsatzkräfte der Polizei […]
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Emmanuel Todd: Die USA sind zum „nihilistischen Mordstaat“ verkommen
Paris/Tokio. Die USA unter Präsident Donald Trump bewegen sich nach Überzeugung des französischen Historikers und Anthropologen Emmanuel Todd auf eine „dritte Niederlage“ zu – ausgelöst […]
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Preußische Allgemeine
Östlich von Oder und Neiße - So will die Friedenskirche ihrer Entstehung treu bleiben
Öko-Desaster mit Ansage - Dürre durch „Klimaschutz“
Afrikas neuer Champion - Wo Licht und Schatten scharf aufeinandertreffen
Deutschland auf der Sandbank
Fakten, nicht Kalter Krieg - „Die Vatererde heimholen“
Es wird eng für die britischen Konservativen - Die letzte Hoffnung der Tories
Der Wochenrückblick - Verflucht
„Die Polizei – dein Freund und Helfer“?
Die freie Welt
Physik-Nobelpreisträger warnt vor Künstlicher Intelligenz: KI droht zur Gefahr für die Menschheit zu werden
Rekord an wertlosem Solarstrom bringt Netze zum Kollabieren und belastet den Steuerzahler
Compact
1.000 Brust-Amputationen an Minderjährigen
Die größte Vereinigung plastischer Chirurgen der USA hat sich gegen Geschlechtsoperationen an Minderjährigen ausgesprochen...
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Kinderkommission: AfD übernimmt Vorsitz
Im Bundestag übernimmt die AfD ab heute turnusgemäß den Vorsitz der Kinderkommission des Deutschen Bundestages. Das passt alten Parteien, Kirchenbonzen und Medien ganz und gar nicht. Sie werden sich daran gewöhnen müssen. Wir setzen 2026 auf die Wende! Höcke, Weidel, Chrupalla und der Reichstag. Vier COMPACT-Medaillen, jetzt im Schmuckrahmen sichern. Hier mehr erfahren. Ab dem [...]
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20. Juni: Festveranstaltung für Katharina die Große
Katharina II. wird in Russland als große Kaiserin verehrt, vor allem von Putin. In ihrem Mutterland Deutschland hingegen ist sie fast vergessen. COMPACT erinnert am 20. Juni an die Deutsche auf dem Zarenthron. Tickets für die Festveranstaltung am Ende dieses Textes. Katharina hat als einzige Herrscherin in der Weltgeschichte den Beinamen «die Große» erhalten. Schon [...]
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Sachsen und Brandenburg: Patrioten räumen ab!
Am Sonntag konnte die AfD ihr erstes Bürgermeisteramt in Brandenburg erringen. In Görlitz hat AfD-Mann Sebastian Wippel und in Aue-Bad Schlema der Freie Sachse Stefan Hartung noch Chancen, zum OB gewählt zu werden. Jetzt ist es Zeit für die Wende: Alle AfD-Silberstücke von COMPACT gibt es jetzt im Komplett-Set – mit Reichstagsmedaille. Investieren Sie in Deutschlands Zukunft! Hier [...]
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22.8.26: COMPACT-Sommerfest / 21.8.26 Rock für Frieden
Buchen Sie jetzt schon ihr Ticket für das COMPACT Sommerfest am 22. August 2026, wie immer auf André Poggenburgs Rittergut in 06667 Stößen, Nöbeditz 1, von 11 bis 18 Uhr (plus gemütlicher Ausklang). Zusatzangebot: Am Vorabend, 21.8., machen wir am selben Ort ein Konzert „Rock für den Frieden“. Beginn 18 Uhr. Zwei Bands haben wir [...]
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Spahn in Stellung
Zitat des Tages: „Er (Spahn) ist der neue starke Mann in der Union. Und potenzieller Gegenspieler von Merz in den eigenen Reihen (…) Nutzt er dann seine Machtposition, um Merz zu stürzen und sich selbst in Rennen zu bringen, womöglich als Chef einer Minderheitsregierung? Oder stützt er die Koalition und damit den Kanzler, weil sein [...]
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Panzerschlacht: Er war dabei – heute sagt er „Nie wieder!“
Wolf D. Kroll ist Überlebender der großen Panzerschlacht von Seelow. Jetzt ist ein Film über ihn erschienen. Wir waren bei der Premiere. Der Veteran hat eine deutliche Botschaft. BRANDNEU: Bestellen Sie unsere „COMPACT Reichstag Silbermedaille– Dem Deutschen Volke!“ und den Schmuckrahmen mit Weidel-, Chrupalla-, Höcke- und Reichstag-Medaille – 2026 Das Volk an die Macht! [...]
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Sturm auf den Thron
Gewaltloser Putsch, blutiges Ende. An einem Sommermorgen des Jahres wird Katharina um sechs Uhr früh von Alexei Orlow, dem Bruder ihres Liebhabers, geweckt. Sie ist in großer Gefahr, reagiert aber kaltblütig und nimmt die Herausforderung an. Jetzt gilt es! Dieser Artikel erschien im neuen COMPACT-Geschichte 26: „Katharina die Große. Die Deutsche auf dem Zarenthron“. _ [...]
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Ansage!
Schweinefleisch-Alarm in der Hansestadt Bremen: Wenn sich die Fleischwurst radikalisiert
In der Hansestadt Bremen gibt es aktuell den größten Skandal seit den Stadtmusikanten. Nicht etwa wegen maroder Brücken oder dem ewigen Streit um Parkplätze – nein, die Bedrohung ist weitaus fleischiger, fettiger und kommt nicht halal daher. In einer Bremer Kindertagesstätte wurde Schweinefleisch gesichtet. Die Folge: Großalarm, Sondersitzungen und der Einsatz des Staatsschutzes wegen des […]
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„Merkel-Ferkel“ Steffen Seibert und sein pathologischer Israelhass
Der landläufige gemeine Judenhasser macht sich mitunter die Mühe der Verstellung und camoufliert seine eingefleischten Ressentiments mit Scheinbildung, gekonnten Relativierungen und Aufbietung selektiver Quellen. So gibt es sich scheinbar vertraut mit der Geschichte und Innenpolitik Israels, weiß um die Rechtsradikalität der Orthodoxen vermeintlich genau Bescheid und ist im Bilde über die Feiertage im Judentum – […]
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Deutschlands Gesundheitssozialismus: Am Ende Mangelniveau wie in Kuba, aber mit den teuersten Beiträgen
Die „Gesundheitsreform“ der Bundesregierung ist eine weitere schallende Ohrfeige für all diejenigen, dieses System mit ihren Beiträgen stützen. Anstatt beim Hauptproblem anzusetzen, welches auch hier die illegale Massenmigration ist – da Millionen Migranten auf Kosten der Beitragszahler die bestmöglichen medizinischen Leistungen erhalten, während diejenigen, die diesen ganzen Wahnsinn bezahlen, für immer mehr Geld immer weniger […]
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Inszenierte Weidel-Verhaftungen: Wenn Schule zur Kampfzone wird
Es gibt Settings, die mehr über den Zustand eines Gemeinwesens verraten als hundert “Tagesschau”-Ausgaben. Vor zwei Gesamtschulen in Niedersachsen parkte jüngst tagelang der zum Gefangenentransporter umgebaute Bus „Adenauer SRP+“: mit Blaulicht und Lautsprecher in Gefängnisästhetik. In dem Fahrzeug: Alice Weidel als Puppe hinter Gittern. Eingeladen vom „Runden Tisch gegen Rechts – für Integration“ der Gemeinde […]
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Deutschland und seine Minister: Eine permanente “Erfolgsstory”? Die Schweiz könnte Anregungen liefern
Es ist unzweifelhaft: In den Augen von Außenstehenden – und das bin ich als hier lebender Schweizer ja unzweifelhaft – befindet sich Deutschland in einer Abwärtsspirale. Es gibt Stimmen, die gar von einem Niedergang reden. Die Gründe dafür sind vielschichtig und nahezu in allen Bereichen des öffentlichen Lebens unübersehbar. Dass darunter auch der gesellschaftliche Zusammenhalt […]
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Impotente Politik: Deutschland kriegt keinen mehr hoch
Natürlich ist in der Überschrift die Rede von Wachstum und Beschäftigung; wovon sonst. Unternehmer und ihre Wirtschaftsverbände werden nicht müde, weiterhin nach Hunderttausenden Arbeitskräften zu rufen; nicht nach den inländischen Millionen in Deutschland, die sich in die soziale Hängematte gelegt haben, sondern nach Ausländern. Gleichzeitig nahm der Stellenindex seit Mai 2022 ab, meldet die BA-X-Statistik […]
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Journalistenwatch
Zwischen Gräueln und Barmherzigkeit: Das Ringen der Kirche um einen angemessenen Umgang mit homosexuellen Partnerschaften
Julia Neigels Kampf gegen die Corona-Justiz in Sachsen geht in die nächste Runde
Zehdenick oder: Die Politikwende beginnt im Osten
„Geheimdienstkontrolle“ nur durch Altparteien und ohne die Opposition: Deutschlands gelenkte Demokratur
Deutschlands Gesundheitssozialismus: Am Ende Mangelniveau wie in Kuba, aber mit den teuersten Beiträgen
Höchst brisant: Deindustrialisierung in Echtzeit
Tickende Zeitbombe – Alarm in Athen: 550.000 Migranten warten in Libyen auf die Überfahrt nach Europa
Der Sandwirt
Wasserstoff? – Ist aus!
Wasserstoff galt als das ersehnte Wundermittel der „Energiewendehälse“ – doch hohe Kosten und mangelnde Nachfrage bremsten viele Projekte aus. Peter Würdig zeigt am Beispiel einer geschlossenen Tankstelle in Münster, wie schwer sich die Technologie bis heute im Alltag durchsetzt.
Der Beitrag Wasserstoff? – Ist aus! erschien zuerst auf Der Sandwirt.
Corona-Amnestie jetzt!
Während Bayern Corona-Bußgelder nicht weiter verfolgt, bleiben strafrechtliche Verfahren hingegen bestehen. Michael R. Moser plädiert deshalb für eine gezielte Amnestie im Corona-Strafrecht – als Schritt zu Rechtsfrieden, Verhältnismäßigkeit und der längst fälligen politischen Aufarbeitung.
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Auf dem Plattenspieler: Kiss
Kiss stehen exemplarisch für eine Band, die mehr als Symbol denn als Klang funktioniert – besonders sichtbar im „demaskierenden“ Wendepunkt, ihrem Song „Lick It Up“. Dawid Baran zeigt, wie hinter Make-up und Mythos ein bewusst konstruiertes Konzept steckt, das ihren bis heute andauernden Erfolg erklärt.
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Schwäche im offenen Feld, Strategie im Hinterhalt
Grüne, Linke & SPD verlassen X mit identischem Gejammer – vollständige Kapitulation. Ohne Zensur und ÖRR halten ihre Narrative nicht stand. Nun bilden sie eine linke Einheitsfront … Ein Kommentar von Oliver Gorus.
Der Beitrag Schwäche im offenen Feld, Strategie im Hinterhalt erschien zuerst auf Der Sandwirt.
Sind Wähler dumm?
Sind „rechtspopulistische“ Wähler nun ungebildet oder Werkzeug der Eliten? Stefan Blankertz zeigt: Beides greift zu kurz. Entscheidend sind nicht Schichten, sondern Interessen – und politische Versprechen ändern daran meist nichts ...
Der Beitrag Sind Wähler dumm? erschien zuerst auf Der Sandwirt.
Die Hanse gegen den Staat
Andreas Schnebel zeigt am Beispiel der Hanse, dass politische und wirtschaftliche Ordnung auch ohne zentralen Staat und Gewaltmonopol funktionieren kann. Entscheidend sind dabei dezentrale Städtebünde, Wettbewerb und freiwillige Kooperation statt staatlicher Einheitsmacht ...
Der Beitrag Die Hanse gegen den Staat erschien zuerst auf Der Sandwirt.
Staat: Die große (Ent-)Täuschung
Der Staat gilt vielen als Garant für Ordnung, Sicherheit und Gerechtigkeit. Doch Andreas Tiedtke stellt diese Annahme grundlegend infrage: Er zeigt den modernen Staat weniger als Schutzinstanz für Bürger, sondern als Machtapparat mit eigener Logik – und plädiert für eine nüchterne „Entzauberung“ staatlicher Versprechen ...
Der Beitrag Staat: Die große (Ent-)Täuschung erschien zuerst auf Der Sandwirt.
Macht und Magie der Mikrostaaten
Während Großgebilde wie die Europäische Union weiter wachsen und zunehmend mit strukturellen Problemen konfrontiert sind, zeigen Mikrostaaten wie Liechtenstein, Monaco oder Malta, dass wirtschaftlicher Erfolg, Stabilität und Wohlstand oft gerade im Kleinen entstehen. Michael Brückner zeichnet nach, warum Größe kein Garant für Stärke ist – und weshalb Leopold Kohrs Idee vom „menschlichen Maß“ aktueller sein könnte denn je ...
Der Beitrag Macht und Magie der Mikrostaaten erschien zuerst auf Der Sandwirt.
Vera Lengsfeld
Deutschlands neue Kreuzfahrer 4
Mietenkataster und „Mieterpolizei“: Berlins neuer Zugriff auf den Wohnungsmarkt
Das Panoptikum-Projekt – Die Krise als Wegbereiter
Die modernen Kreuzfahrer 3
Endlich wieder Exportweltmeister
Dushan Wegner
Typisch menschlich, das Gute ebenso
Sachsen-Anhalt wird die letzte Entblößung sein
Welchen Nutzen hatte diese Regel?
Der Hölle mit dem Himmel trotzen
Erst ist da ein Berg
Matthias Matussek
Matussek: Elton Johns „Yellow Brick Road“, Broders 80. & das Ende der linken Träume
Ein Rückblick in das schicksalhafte Jahr 1973: Während Elton John mit „Goodbye Yellow Brick Road“ das goldene Zeitalter des Pop besang, vollzog Peter Schneider in seiner Erzählung „Lenz“ den Bruch mit den linken Besserwissern. Matussek reflektiert über Willy Brandts Ausländerstopp, den Aufstieg auf den Vesuv aus Prinzip und den Moment, in dem das Denken die Richtung ändert. Eine Reise zwischen Traumreich und politischem Erwachen. Jetzt reinhören!
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Matussek an Helge Lindh: Identitätspolitik statt Arbeitsplätze – Der Verrat am Facharbeiter
Die einstige stolze Arbeiterpartei ist bei 12 Prozent angekommen. Matussek rechnet mit Helge Lindh ab, den er als Gesicht dieses Niedergangs sieht. Während Facharbeiter bei Daimler und Bosch um ihre Existenz bangen, flüchtet sich die SPD-Führung in Identitätspolitik und Gender-Fragen. Ein offener Brief über den Verlust der Realität und den Zorn derer, die das Land am Laufen halten. Jetzt lesen!
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Matussek an Trump: Der welthistorische Sieg über das Iran-Regime
In nur 45 Tagen hat Donald Trumps Kriegsmaschine das schiitische Regime im Iran faktisch ausgeschaltet. Matussek analysiert den Einsatz von Präzisionsschlägen und kreativer KI, die selbst die tiefsten unterirdischen Bunkerstädte vernichtet haben. Ein Ende der Bedrohung durch Atombomben und Waffenfabriken. Glückwunsch zu einem militärischen Meisterstück! Jetzt lesen!
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Matussek: Trump-Attentat, linker Wahn & warum uns ein Greg Gutfeld fehlt
Wenn der amerikanische Traum zum Albtraum wird. Begleitet vom legendären Eagles-Klassiker „Hotel California“ analysiert Matussek das Attentat auf Donald Trump. Er seziert den Wahn der Linken, der einen Attentäter glauben macht, er begehe einen heldenhaften Tyrannenmord, und entlarvt den blanken Verliererhass auf einen erfolgreichen Präsidenten. Jetzt reinhören!
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Matussek & Klonovsky: Genuss als Rebellion gegen grünen Puritanismus
Schlemmen gegen den Zeitgeist! Michael Klonovsky, Romanautor und Aphoristiker, präsentiert bei Matussek sein neues gastrosophisches Pamphlet „Bei Tisch altert man nicht“. Ein launiges Gespräch über Weine, Whiskys, Bismarcks unglaublichen Austern-Appetit und die subversive Kraft eines guten Essens in einer genussfeindlichen Zeit. Jetzt reinhören!
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Roger Letsch • Unbesorgt
Wir haben keine Zeit mehr
Wir müssen mal wieder über Donald Trump sprechen. Die Medien in den USA und Europa tun ja ohnehin seit Jahren nichts anderes. Hinter seinen teils unterhaltsamen, teils völlig überzogenen Äußerungen, seiner Angewohnheit, zehn Schlachten gleichzeitig zu beginnen, sehen seine Kritiker nur Dummheit und Gier. Zwei Eigenschaften, die sich zwar gegenseitig im Weg stehen, aber wer […]
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Die Legende vom CIA-Putsch, der so nie stattfand
Im Iranbild der deutschen Linken gibt es zwei Kulturkonstanten. Prügelperser zu Mozarts Zauberflöte in Berlin und der CIA-Putsch gegen Mossadegh im Jahr 1953. Die Kurzfassung der Legende: der Iran war auf einem guten demokratischen Weg, dann brachten die USA den Despoten Pahlavi an die Macht, gegen den sich die Bevölkerung nur zur Wehr setzen konnte, […]
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Bomben und Kuchen
Völkerrechtsexperten sind die Kanarienvögel des Status Quo, nur dass sie nicht wie in den Kohleminen vergangener Jahrhunderte von den Stangen fallen. Vielmehr fangen sie an zu piepsen und zu zetern, stoßen Warnungen aus und schöpfen dabei aus der Erfahrung, die sie im Inneren ihres Gedankenkäfigs gesammelt haben, große Gewissheiten. Das Völkerrecht ist verletzt und deshalb […]
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StarTrek mit „Woke zehn“ unterwegs nach San Francisco
Wenn Yelp der erklärte Feind schlechter Küche und Gastlichkeit ist, dann hat YouTube diese Rolle für Filme und TV-Serien, die seit mehr als einer Dekade aus Hollywood auf die Welt losgelassen werden. Und die Produzenten von TV-Trash fühlen sich nicht weniger missverstanden als Köche, die die Vermählung von Zucker, Zimt und Zungenragout für etwas halten, […]
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Von Papageien, ihren Trainern und scharfer Munition
Man kann buchstäblich jeden Unsinn in die Köpfe der Menschen pflanzen. Alles, was es dazu braucht, sind Geld, Zeit und Isolation. Sekten und Ideologien funktionieren so, wobei Sekten in erster Linie das Geld ihrer Anhänger benutzen, während Ideologien gern der Allgemeinheit unter Vorspiegelung höherer Ziele auf der Tasche liegen. Wie die Mistel den Baum braucht […]
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Hadmut Danisch
Hurra! Fachkräfte! Unsere Probleme sind gelöst!
Leiterplatten werden jetzt auch teurer
WD Elements 2,5 Zoll 5TB
Scheiß Traum …
Buy American!
Geolitico
Friedrich Merz ist heute schon Geschichte
Charles III. gibt eine Lehrstunde für Donald Trump
Rom als moralische Gegenmacht – Ist Papst Leo der unterschätzteste Akteur der Weltpolitik?
Orbáns Niederlage und die Folgen für Europa
Wolfgang Kubicki rettet die FDP – oder?
Fassadenkratzer
Menschenrechte der Bevölkerung werden bei den Krankenhaus-Schließungen einfach ignoriert
Eine „Grundwertekommission“ des BSW soll für Frieden und Freiheit sorgen
Ärzte mit Gewissen in den Zeiten der Corona-Staatsverbrechen
Der Druck zur Gewinnorientierung im Krankenhaus – Wie die Heilkunst ihre Freiheit verlor
Prof. Homburg: Die Vernebelung der Daten und Fakten – in Tirol wie in Deutschland
Alexander Wallasch
Der russische Botschafter im Dialog: „Wir sind harte Burschen – wir kommen schon durch“
Die BSW-Politikerin Sevim Dağdelen ist mit ihrem Dialog ein Wagnis eingegangen. Der Botschafter selbst bekam jedenfalls keine Gratiswerbung für die russische Sache. Hat Frau Dağdelen der Sache des Friedens einen Dienst erwiesen? Sie bleibt stabil.
Schweigen Sie – denn wer den Mund aufmacht, ist verdächtig
Gelegentlich schaue ich prüfend zurück, was ich ein Jahr zuvor schrieb. Heute habe ich mich dabei erschrocken. Es ist alles noch schlimmer geworden.
Melnyk am sowjetischen Ehrenmal in Berlin: „Die Ukrainer haben Berlin befreit“
Während Ukrainer und Russen heute zu Hunderttausenden in den Schützengräben sterben, legte Andrij Melnyk 2022 als ukrainischer Botschafter in Berlin einen Kranz am Sowjet-Ehrenmal nieder und behauptete damals: „Die Ukrainer“ hätten die Stadt vom Faschismus befreit. Eine Erinnerung an das, was die Rote Armee 1945 in Deutschland wirklich hinterließ.
Auf Mission: Vom Homo-Experiment zum Spiegel-Kreuzzug gegen einen AfD-Kandidaten
Während Bill Kaulitz zugibt, er wollte „dem AfD-Vollidioten einfach einen reinwürgen“, feiert Marc Röhlig das Urteil als Triumph über die Rechten. Der gleiche Autor, der einst seine eigene homoerotische Phase beschrieb, seit Jahren queere Themen und die Amadeu-Antonio-Stiftung verteidigt, Kita-Broschüren mit „Murat spielt Prinzessin“ verteidigt und Eltern als homophob abkanzelt – nutzt den Fall nun für eine weitere Abrechnung. Ein Lehrstück in voreingenommener Berichterstattung.
AfD-Kandidat Julian Adrat als „Gefahr für den Bundestag“ eingestuft – Zutritt verweigert
Der Berliner AfD-Abgeordnetenhaus-Kandidat Julian Adrat wollte spontan zu einer kleinen Feier von AfD-Abgeordneten in den Bundestag. Trotz Einladung eines MdB und blütenreiner Weste wurde ihm der Zutritt verwehrt. Die Sicherheitskräfte erklärten ihm wörtlich, er sei eine „Gefahr für das Haus“. Adrat spricht von politisch motivierter Schikane.
Staatsanwaltschaft Hannover verweigert weiter Nennung der Nationalität des Kindesentführers – „kein öffentliches Interesse“
Nach der versuchten Kindesentführung auf einem Spielplatz in Hannover-Badenstedt am 1. Mai, bei dem ein 46-Jähriger die Großmutter mehrfach mit einer Schere verletzte, verweigert die Behörde bis heute die Nennung der genauen Nationalität des Täters.
Milosz Matuschek
Der Absurditismus regiert mit Absicht
Wie kommt man am besten durch diese Zeit?
Schweizer Impfstoffbeschaffung: Der Betrug des Blankovertrages
Die tun doch was ins Wasser, oder?
Das mordRNA-Konsortium vor Gericht
Egon W. Kreutzer
Der Staat bedient sich seiner Kassen
Gehören die Beitragseinnahmen der gesetzlichen Sozialversicherungen automatisch dem Staat? Na klar. Wem denn sonst? Der Staat alleine bestimmt darüber, wer unter welchen staatlich festgesetzten Bedingungen wieviel einzuzahlen hat, und der Staat alleine bestimmt darüber, wer unter welchen staatlich festgesetzten Bedingungen etwas davon erhält. Die einzige – unsichtbare und nirgends festgeschriebene – Obergrenze für Beitragseinnahmen, wie auch die Untergrenze für Leistungen ist die Angst, ein Über- oder Unterschreiten könnte einen offenen Aufstand auslösen. Wem also gehört ||| ... weiterlesen
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Trumps Waffenruhe – Rettung von Kiew und Moskau?
Die Situation war hochexplosiv. Selenskis Andeutungen, die Parade auf dem Roten Platz mit einem Drohnenbesuch zu ehren, und Putins Ansage, im Falle einer Störung der Gedenkfeier durch die Ukraine das Zentrum Kiews dem Erdboden gleich zu machen, standen im Raum. Beide konnten nicht mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren. … und plötzlich kommt Trump daher, der sich doch aus dem Krieg der Europäer schon zurückgezogen hatte, und verkündet eine dreitägige Waffenruhe und einen Gefangenenaustausch ||| ... weiterlesen
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Julies Woche – frisch nachgeladen
Alles, was in der letzten Woche wichtig, interessant und wissenswert war, finden Sie, vom Blickwinkel der Alternativen Medien her gesehen, wieder in Julies Woche. Wetten, dass Ihnen davon bis jetzt nur ein kleiner Teil vor die Augen gekommen ist? Aktuelle Ausgabe vom 9. Mai 2026 Lesenswertes aus den letzten sieben Tagen – Direkt zu Julies Woche .
Der Beitrag Julies Woche – frisch nachgeladen erschien zuerst auf egon-w-kreutzer.de.
Die Zeit nach Merz
PaD 19 /2026 – Hier auch als PDF verfügbar: Pad192026 Die Zeit nach Merz Irgendwie fühlt es sich so an, als befände sich ganz Deutschland schon in einer Art Freudentaumel in Erwartung des vorzeitigen Abgangs des Bundeskanzlers Friedrich Merz. Der Anteil der Befragten, die Merz nichts mehr zutrauen, liegt irgendwo zwischen 80 und 90 Prozent. Alle rechnen damit, dass er vorzeitig abdanken wird, aber niemand wagt es, dafür einen Termin zu nennen, außer dass es ||| ... weiterlesen
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And the winner is – Jens Spahn
208 Abgeordnete sind eigentlich gar nicht so wenige. Früher nannte man so etwas eine „Personaldecke“. Als man die aber zur Wahl des Fraktionsvorsitzenden gelüftet hat, war nur noch Jens Spahn zu finden. Meine ernsthafte Suche nach Gegenkandidaten, die bei der so genannten Wahl gegen Jens – Maskendeal – Spahn angetreten wären, blieb erfolglos. Er hat insgesamt 167 Stimmen erhalten. Nach meiner Rechnung sind das 80,3 Prozent. Weil aber nur 196 Abgeordnete von CDU und CSU ||| ... weiterlesen
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Krieg (10) Freies Geleit
Es gibt einen neuen Plan für die Straße von Hormus. Vor lauter Timmy und Fritze haben hierzulande viele schon vergessen, dass es diese Meerenge überhaupt gibt, zumal der Tankrabatt ja wirkt, wie es heißt. Nur zur Erinnerung: Nach dem Überfall der USA und Israels auf den Iran, beginnend mit dem so genannten „Enthauptungsschlag“ am 28. Februar, hat der Iran nicht nur sämtliche US-Basen im Nahen Osten mit Raketen beschossen und dabei auch vieles getroffen, sondern ||| ... weiterlesen
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Dr. Thomas Hartung
Wenn Schule zur Kampfzone wird
Die billionenteure Fata Morgana
Gibt es keine rechten Tanten?
Öffentlich-rechtliches Öffentlichkeitsmonopol?
Öffentlich-rechtliche Volksverhetzung
Wenn „Gemeinwohl“ zur Waffe wird
Das Gehirn umerziehen
„Christliches Abendland“: Kampf- oder Ausfluchtsbegriff?
Die große Flucht vor der Konsequenz
Vom „Mediazid“
Bastian Barucker (Archiv)
Ab 1. November 2025: Neue Blog-Webseite. Dieser Blog bleibt als Archiv erhalten.
Sehr geehrte Interessierte,ab dem 1. November 2025 werde ich meine Recherchen und Interviews nur noch auf meinem neuen Substack-Blog publizieren. Dort können Sie sich auch für meinen Newsletter anmelden und meine Artikel kommentieren. Alle bereits veröffentlichten Beiträge sind ebenfalls dort zu finden, bleiben aber auch hier erhalten.
Der Beitrag Ab 1. November 2025: Neue Blog-Webseite. Dieser Blog bleibt als Archiv erhalten. erschien zuerst auf Auf Spurensuche nach Natürlichkeit.
Vor Gericht: Paul-Ehrlich-Institut gesteht fehlende Überwachung der Corona-Impfstoffe ein
von Bastian Barucker; als Podcast verfügbar Im Rahmen eines von mir angestrengten presserechtlichen Eilverfahrens, in dem es um die vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zurückgehaltenen Daten der SafeVac2.0-App geht, äußert sich die nach dem Arzneimittelgesetz für die Überwachung der Impfstoffsicherheit zuständige Behörde erstaunlich offen zu der Tatsache, dass ein aussagekräftiges Monitoring zu den Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe noch immer fehlt. In […]
Der Beitrag Vor Gericht: Paul-Ehrlich-Institut gesteht fehlende Überwachung der Corona-Impfstoffe ein erschien zuerst auf Auf Spurensuche nach Natürlichkeit.
«Staats(räson)funk – Deutsche Medien und der Genozid in Gaza» mit Fabian Goldmann
Der freie Journalist und Islamwissenschaftler Fabian Goldmann hat sich intensiv mit der Berichterstattung zum Thema Gaza auseinandergesetzt. Dafür hat er unter anderem 5.000 Schlagzeilen deutscher Leitmedien analysiert. Ein Teilfazit seiner umfangreichen Recherche lautet wie folgt: „Es mag schwer sein, unabhängige Informationen aus Gaza zu bekommen. Doch deutsche Medien scheinen es nicht einmal zu versuchen.” Seine […]
Der Beitrag «Staats(räson)funk – Deutsche Medien und der Genozid in Gaza» mit Fabian Goldmann erschien zuerst auf Auf Spurensuche nach Natürlichkeit.
Völkermord in Gaza: Eine Analyse mit dem Völkerrechtler Norman Paech
Der emeritierte Professor für Politikwissenschaft und Öffentliches Recht sowie ehemalige außenpolitische Sprecher der Partei Die Linke, Norman Paech, hat zusammen mit der Politikwissenschaftlerin und Journalistin Helga Baumgarten im Mai 2025 ein Buch mit dem deutlichen Titel „Völkermord in Gaza” veröffentlicht. Die Autoren nähern sich darin aus juristischer und politischer Perspektive einem durchaus brisanten Thema. Denn Deutschland, die USA […]
Der Beitrag Völkermord in Gaza: Eine Analyse mit dem Völkerrechtler Norman Paech erschien zuerst auf Auf Spurensuche nach Natürlichkeit.
Der ehemalige Familienrichter Christian Dettmar im Exklusiv-Interview
Im April 2021 kam der in Weimar tätige Familienrichter Christian Dettmar, ausgehend von dem Hinweis einer Mutter und auf Grundlage dreier Expertengutachten, zu dem Schluss, dass die Corona-Maßnahmen, die Kinder und Jugendliche in Schulen betrafen, eine potenzielle Kindeswohlgefährdung darstellten. Er erließ einen diesbezüglichen Beschluss für zwei Kinder an zwei Schulen. Seine Entscheidung wurde vor allem […]
Der Beitrag Der ehemalige Familienrichter Christian Dettmar im Exklusiv-Interview erschien zuerst auf Auf Spurensuche nach Natürlichkeit.
Bastian Barucker auf Substack
Einblick in die Corona-Enquetekommission mit Kay-Uwe Ziegler (MdB, AfD)
Corona-Impfung: US-Senator enthüllt potentielle Unterschlagung von Alarmsignalen
Verwaltungsgericht Darmstadt verhindert Presseauskunft über Impfnebenwirkungen
Unterstützung für Gemeinschaftshaus und Biolädchen gesucht
«Der Wahrheitskomplex»: Ein globales Zensurnetzwerk - im Gespräch mit Norbert Häring
Joh. K. Poensgen • Fragen zur Zeit
Gedankensplitter (72): Ach ja, irgendwer hat auf Trump geschossen
Nichts passiert jemals, bis es passiert
Audiotext: Nichts passiert jemals, bis es passiert
Die Ratsche des Rechtsstaates
Völlig egal, warum Orbán verloren hat
Audiotext: Völlig egal, warum Orbán verloren hat
Atlas Initiative
Der mündige Mensch und das Gerüst der Unfreiheit (Buchvorstellung)
Neues Buch der Atlas-Initiative
Jetzt Bargeld-Initiative unterschreiben und aktiv mitgestalten!
Gedenken an Prof. Dr. Hanns-Christian Salger
Wahlen in Gefahr – unterstützen Sie die Verfassungsbeschwerde zur Landtagswahl Sachsen 2024
„Die deutsche Frage“ von Wilhelm Röpke
Connections.News
Goldstandard? Deutschland als Ingenieursnation versagt bei der Aufarbeitung
Kunst ist Widerstand – Die Band Doctor Krápula
Verflechtungen von Justiz und Politik – Was das Verfahren Julia Neigel offenlegt
„Voodoo“ statt Wissenschaft? Enquete-Kommission deckt Grundlagen der Schulschließungen auf
Parteienfinanzierung – Teil 3: parteinahe Stiftungen
Parteienfinanzierung – Teil 2: Parteien und Fraktionen
Bornemann-Aktuell
Manuela Schwesig hat offensichtlich nichts verstanden
Klingbeil sucht die Schuldigen immer bei den anderen
Wieder eine Glanzleistung der sauberen Demokraten CDU und SPD
Die sauberen Demokraten haben wieder zugeschlagen
Roderich Kiesewetter und seine Gedanken zum Frieden
Die Aufregung des Deutschlandfunks wegen eines Interviews mit Björn Höcke
International
Neue Zürcher Zeitung
Hanta ist nicht Corona – vier Gründe, die gegen den Ausbruch einer neuen Pandemie sprechen
Streit um die 10-Millionen-Schweiz: Gemeinden, Städte und Kantone warnen vor einem Bruch mit der EU
Herzchirurgie-Skandal in Zürich: FDP bringt eine PUK ins Spiel – «Das hätte nie, nie passieren dürfen»
DIE NEUESTEN ENTWICKLUNGEN - Hantavirus auf der «Hondius»: Zwei weitere Passagiere positiv getestet +++ Letzte zwei Evakuierungsflüge starten am Montag
Schweizer Monat
10-Millionen-Initiative: Migration ohne Sozialismus
Is Democracy a Failed Experiment?
Die ästhetischen Anfänge des Liberalismus
Ob anonym oder nicht: Banksy macht die Welt hässlicher
Fall Fischer: Warum es richtig ist, falsche Gesetze zu brechen
Deutschland investiert – in den Sozialstaat
Die deutsche Politik will neue Steuern und mehr Schulden – dabei könnte sie mühelos 250 Milliarden sparen
Der dritte Teufel im Bunde: In der Affäre Fischer spielt auch die Justiz eine unrühmliche Rolle
Budapester Zeitung
Es wird neu kalkuliert
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Noch 13.000 Enthusiasten
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Ungarn skeptischer als andere
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Der ganze Sinn des Rechts
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Justizminister gleich ausgetauscht
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Ratschläge an die Nachfolger
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Hintergangen
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Ist Magyar des Amtes würdig?
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Unser Mitteleuropa
„Ad Astra!“ – zu den Sternen! Elon Musk gründet eine Schule für junge Genies (Videos)
Er ist ja immer für eine Überraschung und Schnappatmung bei den westlichen Eliten gut. Während das Bildungsniveau in Europa, insbesondere in Deutschland immer weiter nach unten sackt, weil man ja alles dem untersten Niveau anpassen muss, um nur ja niemanden auszugrenzen, geht Elon Musk den genau entgegengesetzten Weg: Er hat eine Schule für Hochbegabungen gegründet […]
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Islamische Mehrheit an Wiener Schulen als Folge gescheiterter Migrationspolitik
Mit großer Sorge reagiert die freiheitliche EU-Abgeordnete Petra Steger auf aktuelle Berichte über den massiv gestiegenen Anteil muslimischer Schüler an Wiener Mittelschulen. Für Steger sind diese Entwicklungen kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger politischer Fehlentscheidungen auf nationaler und europäischer Ebene. Folge verantwortungsloser Politik „Was wir heute in Wien erleben, ist die direkte Folge einer völlig […]
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Griechenland schlägt Alarm: 550.000 Migranten warten in Libyen auf Überfahrt nach Europa
+ Pentagon veröffentlicht erstmals bisher geheime Ufo-Akten + AfD gewinnt erstmals bei Bürgermeisterwahl in Brandenburg – mit mehr als 58 Prozent + Wegen Schuldspruch – Terrorist beschwerte sich beim Höchstgericht + Berlin nimmt neuen Anlauf für Kauf von amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpern + Pentagon veröffentlicht erstmals bisher geheime Ufo-Akten Das Pentagon gibt erstmals Hunderte Akten zu nicht […]
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Von der Wohlstands- zur Werte- und Kriegsunion
Erinnern wir uns, mit welchen Versprechen die Europäische Union gegründet wurde: Europa sollte eine Region mit ständigem Wirtschaftswachstum und dementsprechend ständigen Wohlstandsmehrung für alle sein Bürger sein! Daraus wurde aber nichts!
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So mischte sich die EU in die Ungarn-Wahlen ein
In den letzten zehn Jahren haben sich die Institutionen der Europäischen Union und mit der EU verbundene Akteure mehrfach und nachweislich in die politischen Prozesse in Ungarn eingemischt – insbesondere im Zusammenhang mit den Parlamentswahlen 2022 und 2026.
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FPÖ zu muslimisch-religiösen Druck an Schulen
Der Freiheitlicher Bildungssprecher Hermann Brückl fordert Maßnahmen zum Schutz der Schüler und zur Stärkung der österreichischen Leitkultur im Bildungswesen.
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Sergej Lawrow im Außenministerium in Moskau zum Gedenktag des Sieges 1945
Von 1946 bis zum Jahr 2016 blieb der Nachdruck von „Mein Kampf“, welcher schon ab dem Jahr 1925 seine weite Verbreitung fand, aufgrund des Urheberrechtes untersagt. Das mag dazu beigetragen haben, dass die konzeptuelle Zielrichtung deutscher Außenpolitik, wie von der NSDAP sehr früh schon ausgerufen und 1941 im Unternehmen Barbarossa kulminierte, weiten Teilen der Bevölkerung inzwischen nicht mehr voll gewahr und bewusst sein dürfte.
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unzensuriert.at
Von der Barrikade zur Hormontherapie: “Antifa”-Rapper entscheidet sich, nun eine Frau zu werden
Kunasek mit Abstand beliebtester Landeshauptmann, Ludwig am unbeliebtesten
Polizei warnt vor “fahrendem Volk” und erntet Dienstaufsicht-Prüfung
ORF bringt FPÖ ohne Zusammenhang mit Naziparolen in Verbindung
Wiederkehrs Schulpläne von vielen Seiten unter Druck: Sogar Koalitionspartner führt ihn vor
Indische Transe ohne permanente Aufenthaltsgenehmigung in Parlament gewählt
Rechtspartei One Nation zieht erstmals in Repräsentantenhaus ein
Höcke-Podcast erreicht Millionen – und zeigt Schwäche des linken Establishments
America Out Loud News
Feine Magazine
CATO
Editorial Heft 3 | 2026
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UNABHÄNGIG, KRITISCH, GUTGELAUNT
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HÖCHSTE ZEIT FÜR REALISMUS
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»ICH BIN NICHTS BESONDERES«
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DER ARZT AM SCHEIDEWEG
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»DER ABENDLÄNDER IST PATRIOT«
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MIT RUSSLAND
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TUMULT
Roman Raskolnikow: ANGST, TOD, MODERNE UND DER WEG HIN ZUR SELBSTÜBERWINDUNG
Edmund Piper: WIRKLICHKEITEN. ÜBER DEN KÜNSTLER FRANK SCHÄPEL UND DIE RÄNDER DES SICHTBAREN
Thomas Hartung: DAS GEHIRN UMERZIEHEN
Karol Sauerland: DEUTSCH-POLNISCHES. EINE REAKTION AUF MARKUS C. KERBER
Markus C. Kerber: DEUTSCHLAND – POLEN. EIN UNVERHÄLTNIS?
Sezession
Der Schattenmacher antwortet
8. Mai – Verbeugung vor einem Deutschen
Deutsche Vita: Was woll’n die beiden?
Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muß
KI – eine Renaissance?
Kritik der Woche (80): In den Tag
Recherche D
Recherche D startet Gegneranalyse
Druckausgabe zu den 100 wichtigsten Deutschen
Patriotische Wirtschaft?
Kritische Gedanken zum Kampf um Hegemonie
Die 100 wichtigsten Deutschen
Innovativ war einmal: Deutschland fliegt aus Top 10
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Wikipedia-Projekt: 82 Lebensläufe in Ordnung gebracht
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Wir selbst
China und Taiwan: der große und der kleine Bruder
Ewiger Kriegsverlierer Deutschland
Die Rache des Philosophen
Die Höllenfahrt der Republik
Europa, dieser Nasenpopel …
Krautzone
Filmkritik: „Stromberg – Wieder alles wie immer“ (2025)
Wir müssen es uns wieder schwerer machen
Die Brandmauer bröckelt
Amokfahrt in Leipzig – Warum war der Täter auf freiem Fuß?
Freilich
Klassenkampf war gestern: Antifa-Rapper wird zur Frau
Immer mehr Inder an deutschen Unis – Behörden warnen vor Missbrauch
Vorwurf: Hessen lud umstrittene Islamisten zum Staats-Iftar
Asyl-Hochhaus wird Millionenfalle: Hamburg zahlt bis zu 2.000 Euro pro Migrant
Studentenverbindungen und die Sozialen Medien – Der digitale Tresen
Libratus • Das Magazin
Corrigenda
Kolumne von Oliver Stock: Los, gehen wir tanken!
Unsere Kolumnisten haben viele schöne Momente beim Tanken verbracht. Sie sind den Konzernen dankbar, dass die sie daran erinnern.
Charlie Kirks Buchvermächtnis: Ruhe, um Gottes willen!
Das Testament des im September ermordeten US-Aktivisten Charlie Kirk ist kein politisches Programm, sondern eine Einladung, die Sonntagsruhe zu pflegen. Sabbat wie Sonntag lehren den Ausweg aus dem endlosen Getriebe der Welt. Kirk schwebte nichts weniger als ein kultureller Reset vor.
Ein Jahr Papst Leo XIV. Franziskus II.?
Seit heute ist Papst Leo XIV. genau ein Jahr im Amt. Trifft es zu, dass er in Kontinuität zur progressiven Agenda seines Vorgängers steht? Die Meinungen unserer beiden Autoren gehen auseinander.
CDU: Eine liberale oder christlich-konservative Partei?
Ist die CDU wirklich eine weichgespülte „Partei liberaler Christen“? Geht man der Frage mit dem geeigneten Instrumentarium nach, kommt man zu einem klaren Ergebnis: nein. Eine Replik
Ein Jahr Regierung Merz: Die Brandmauer ist die Mutter aller Probleme
Deutschland steckt in einer tiefen Krise. Die neue Regierung hat daran ihren Anteil. Aber die Hauptursache liegt in der politischen Unkultur, die das Land seit 2015 gefangen hält. Ein Gastkommentar
Manova
Selektiver Edelmut
Als 1980 die Olympischen Spiele in Moskau stattfanden, gab es Boykottaufrufe und einen großen Entrüstungsfuror. 2026, im Jahr des Irankriegs, findet niemand etwas dabei, dass in den USA gebolzt wird.
Kontinent unter Waffen
Auch wenn die militaristische EU-Verfassung vor 20 Jahren am Willen vieler Bürger gescheitert ist — ihr „Geist“ lebt weiter und kommt 2026 zu einer ungeahnten Blüte.
Die Antibabyspritze
Die jährliche Geburtenzahl in Deutschland sank auf den niedrigsten Stand seit 1946 — vieles spricht für einen Zusammenhang mit den mRNA-Impfungen.
Der künstliche Gott
Im Manova-Gespräch mit Walter van Rossum erläutern die Politologen Tariq Hübsch, Ullrich Mies sowie der Ingenieur Alexander Paprotny, dass die Technik hinter AI stets der Herrschaft diente und dennoch „dümmer“ ist, als die meisten glauben.
Kein Mensch ist digital
Die weltweit ausgerollte digitale Identität ist für die individuelle Freiheit die derzeit größte Bedrohung — ein kompakter Analyse-Report von Above Phone zeigt neben den Funktionen und Gefahren der eID auch Lösungswege auf.
Der große Schwindel
Tatort Vergangenheit: Das Buch von Gerd Reuther zeigt, dass die Antike in der Renaissance erfunden wurde.
Neutralität als Selbstschutz
Die NATO ist in ihrem gegenwärtigen Zustand kein Sicherheitsgarant, sondern ein Risikofaktor — Deutschland sollte die Konsequenzen ziehen. Exklusivauszug aus „Deutschland Neutral“.
Das veruntreute Paradies
Der Produktivitätsfortschritt könnte vielen Menschen in Deutschland Wohlstand bei guter Work-Life-Balance bescheren — dazu kam es aber bisher nie, weil die Gewinne immer in die falschen Kanäle flossen.
Die Wutsuche
Zornig zu werden, hat oft nichts mit destruktiver Aggressivität zu tun — vielmehr deutet dieses Gefühl auf die klare Wahrnehmung einer Schieflage hin, die zur Veränderung ansteht.
Das inszenierte Rentenproblem
Wir werden bei der Frage der Alterssicherung nicht weiterkommen, solange wir uns nicht aus den Fesseln der herrschenden ökonomischen Theorie befreien.
GlobKult
Nationale Identität als Fluchtweg aus der Geschichte. Eine Erinnerung an Henning Eichberg
von Herbert Ammon
Vorbemerkung:
In der laufenden Auseinandersetzung mit der AfD spielt „Ethnopluralismus“ als Kennzeichen „neurechter“ Ideologie eine zentrale Rolle. Der inkriminierte Begriff geht maßgeblich auf Henning Eichberg zurück, dessen Werk in nachfolgendem Aufsatz dargestellt wird. Es ist im voraus zu betonen, dass der „umstrittene“ Begriff „Ethnopluralismus“ bei Eichberg nichts mit Apartheid-Ideologie zu tun hatte.
Ende der 1970er Anfang der 1980er Jahre gab es in Deutschland eine in Wellenbewegungen verlaufende Diskussion um die „nationale Frage“. Auf der Linken setzte mit der Ausbürgerung des regimekritischen Sängers Wolf Biermann aus der DDR eine Debatte ein, die aus der Ökologiebewegung regionalistische und kulturnationale Impulse aufnahm und in und in die von – realen und imaginären - Ängsten, Hoffnungen und Forderungen inspirierte Friedensbewegung mündete. Ausgelöst anno 1979 von dem - als Antwort auf neue sowjetische Atomraketen konzipierten - „Doppelbeschluss“ der NATO zur Aufstellung von atomar bestückten Mittelstreckenraketen, vereinte der Protest gegen das nukleare Wettrüsten unterschiedliche Strömungen - von der SED-gesteuerten DKP bis hin zu Abweichlern in der CDU/CSU. Hauptträger der Bewegung waren linke Sozialdemokraten und linke Christen - obenan die Exponenten eines pazifistisch orientierten Protestantismus – sowie die sich aus heterogenen Elementen als Partei formierenden Grünen.
Wissen & Erfahrung
Kalte Sonne
US-Klima zeigt seit 1899 einen Rückgang sowohl heißer als auch kalter Extremtemperaturen
Die verschrienen «Ewigkeitschemikalien» kommen auch in Solarpanels vor
Balkanische Wildflüsse im stetigen Niedergang: Studie
Die wilden „weiter so Geschichten“
Noch mehr AMOC
Die neuen Leiden des Eckart H.
Bielefeld legt Wasserstoff-Müllwagen-Flotte still
Der Klimabericht zu Europa und Mainzelmännchen im hohen Norden
ScienceFiles • Kritische Wissenschaft
Dead Man Walking – Keir Starmer spooked seine Partei auch nach dem Wahldebakel weiter [Wahlanalyse]
Die alten Ägypter wären heute an deutschen Schulen weit unterfordert
EUROPOL verstößt seit Jahren gegen EU-Gesetze – Die EU-Polizei der Straftäter
Keir Starmer ist der Totengräber: Labour nach Wahlen nur noch Marginalie
Himmlische Zeckenkannister: Wie doof darf Verschwörungstheorie sein?
TKP • Der Blog für Science & Politik
„Die Witwenstraße“: Auftakt zur besten Art der Aufklärung und des Widerstands
Elektromagnetische Strahlung ist kein Thema im Mainstream. Menschen, die auf diese Strahlung sensibel reagieren, existieren für die Öffentlichkeit nicht. Die Betroffenen selbst wissen ihr Leiden nicht einzuordnen. Das ändert sich gerade. Eine weitere Dokumentation von Klaus Scheidsteger vermittelt komplexe Inhalte verständlich, kurzweilig und menschlich. Die Stille während der Vorführung der neuen Dokumentation von Klaus Scheidsteger [...]
Der Beitrag „Die Witwenstraße“: Auftakt zur besten Art der Aufklärung und des Widerstands erschien zuerst unter tkp.at.
Milliarden-Flut durch Österreich und keine Kontrolle
20 Milliarden in bar – Euro und Dollar – und dazu kiloweise Gold wurden mittlerweile via Österreich in die Ukraine transportiert. Aber wofür dieser Reichtum in der Ukraine genutzt wird und woher es kommt, weiß das Finanzministerium nicht. Wer sich gedacht hätte, die Milliarden, die die EU und die USA der Ukraine seit 2022 zukommen [...]
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Die Auswirkungen der WHO-Reform
Die teilweise militärische Aktion gegen das ungefährliche Hantavirus ist ein Musterbeispiel für die Auswirkungen der neuen WHO-Vorschriften. Erstmals kommen sie zum Einsatz, das wird wohl bald häufiger passieren. Die WHO-Reform – Änderung der internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV) und Pandemievertrag – konnte kaum verhindert werden. Die meisten Länder haben die IGV angenommen und in nationale Gesetze gegossen [...]
Der Beitrag Die Auswirkungen der WHO-Reform erschien zuerst unter tkp.at.
Die „Rote Linien“-Illusion: Wie der Stellvertreterkrieg in der Ukraine die Welt an den Abgrund führt
Der Ukraine-Konflikt ist längst kein regionaler Streit mehr. Er hat sich zu einem offenen Stellvertreter- und Hybridkrieg des kollektiven Westens gegen Russland entwickelt – mit direkter Beteiligung von NATO-Staaten an Angriffen auf russisches Territorium, darunter Raketenbeschuss, die Invasion der Kursk-Region und sogar Attacken auf das nukleare Frühwarnsystem sowie Teile der nuklearen Triade. Lange Zeit wurde [...]
Der Beitrag Die „Rote Linien“-Illusion: Wie der Stellvertreterkrieg in der Ukraine die Welt an den Abgrund führt erschien zuerst unter tkp.at.
Europas Führer können ihre katastrophalen Fehlentscheidungen nicht länger leugnen – Wall Street Journal
Selbst das Wall Street Journal, sonst nicht gerade als Kritikerin des transatlantischen Establishments bekannt, kann es nicht mehr schönreden. In einem aktuellen Bericht räumt das Blatt ein, was jeder aufmerksame Beobachter seit Jahren sieht: Die europäischen Staats- und Regierungschefs sind so unbeliebt wie nie zuvor. Während Brüssel und die etablierten Medien noch vor Kurzem jede [...]
Der Beitrag Europas Führer können ihre katastrophalen Fehlentscheidungen nicht länger leugnen – Wall Street Journal erschien zuerst unter tkp.at.
Herzinfarkt vom Windrad durch Infraschall: Hier sind die Wirk-Mechanismen im Überblick
Windräder sind eindeutig nachweisbar gesundheitsschädlich. Eine der Wirkungen ist dem Infraschall geschuldet, der zwangsläufig auftritt, sobald sich das Rad zu drehen beginnt. In der Folge die Infraschall-Mechanismen im Detail: Wie tieffrequente Schallwellen auf Zellen, Gewebe und speziell das Herz wirken. Infraschall bezeichnet Schallwellen mit Frequenzen unterhalb von 20 Hz – also unterhalb der menschlichen Hörschwelle. [...]
Der Beitrag Herzinfarkt vom Windrad durch Infraschall: Hier sind die Wirk-Mechanismen im Überblick erschien zuerst unter tkp.at.
Trumps Untergang?
Der Untergang von Präsident Donald Trump wird nicht durch seine Angriffskriege oder einen Völkermord mehr oder weniger ausgelöst werden, sondern durch die nicht mehr zu übersehende Korruption bei schwächelnder Wirtschaft. So die Aussage eines Artikels, der das im Einzelnen erklärt. Vor der Wahl hatte er sich mit Hoffnungsträgern umgeben und den Amerikanern den Eindruck vermittelt, [...]
Der Beitrag Trumps Untergang? erschien zuerst unter tkp.at.
Vom Dinner-Club zum Weltlenkungsinstrument: Die Geschichte der US-Denkfabriken und ihr langer Arm nach Deutschland
Wir haben in dieser Artikelserie bereits gezeigt, wie einzelne Strategiepapiere – von „Which Path to Persia?" bis „Extending Russia" – in reale Kriege und Krisen mündeten. Doch woher kommen diese Institutionen? Wer gründete sie, für wen, und mit welchem Ziel? Und wie gelang es ihnen, noch im besiegten Nachkriegsdeutschland Fuß zu fassen und die politische [...]
Der Beitrag Vom Dinner-Club zum Weltlenkungsinstrument: Die Geschichte der US-Denkfabriken und ihr langer Arm nach Deutschland erschien zuerst unter tkp.at.
Edgar L. Gärtner
Neue Sprüche
Wenn die Liebe fehlt…
Die Bibel und die Klima-Religion
Der neue Papst und die Klimareligion
Auf die Nebenwirkungen unseres Handelns kommt es an
Die Apokalypse ist fester Bestandteil der abendländischen Kultur
Angst vor einem europaweiten Blackout
OVALmedia • Live-TV & Investigatives
Dr. Predrag Slijepcevic | NARRATIVE by Robert Cibis #140 (DE)
OVALmedia:
Biozivilisationen – Dr. Predrag Slijepcevic (Mit deutschen Untertiteln) Wenn der Mensch sich als Krone der Schöpfung begreift, übersieht er nach Ansicht des Biowissenschaftlers Predrag Slijepcevic das Wesentliche: Das Leben existiert seit etwa vier Milliarden Jahren, der Homo sapiens hingegen erst seit zwei- bis dreihunderttausend Jahren. In einem Gespräch mit Robert Cibis entwirft Slijepcevic, Autor des…
Der Beitrag Dr. Predrag Slijepcevic | NARRATIVE by Robert Cibis #140 (DE) erschien zuerst auf OVALmedia.
Patient als Beute
OVALmedia:
Der Dokumentarfilm untersucht, wie im deutschen und französischen Gesundheitssystem jährlich über 300 Milliarden Euro fließen – und wer davon profitiert. Trotz der hohen Summen erleben Patienten lange Wartezeiten, gehetzte Ärzte und steigende Zuzahlungen. Der Film zeigt anhand mehrerer Fallbeispiele, wie wirtschaftliche Interessen die Patientenversorgung beeinflussen. Pharmaindustrie: Der Fall Avastin vs. Lucentis Der US-Konzern Genentech entwickelte in…
Der Beitrag Patient als Beute erschien zuerst auf OVALmedia.
WarWeekly#4 – James Patrick & Robert Cibis
OVALmedia:
WarWeekly #4 – James Patrick & Robert Cibis Diese Folge von „War Weekly“ mit James Patrick und Robert Cibis behandelt die zunehmenden Spannungen zwischen Israel, der Türkei, Zypern und Griechenland, sowie die weiterreichenden systemischen Auswirkungen des Iran-Kriegs. Spannungen zwischen Israel, Griechenland und der Türkei Das neue Abkommen der Achse Israel-Griechenland-Zypern scheint eine Provokation gegenüber der…
Der Beitrag WarWeekly#4 – James Patrick & Robert Cibis erschien zuerst auf OVALmedia.
In Erinnerung an Prof. Dr. Peter Duesberg
OVALmedia:
In Erinnerung an Prof. Dr. Peter Duesberg, Berkeley, CA, USA Johannes Kreis Am 13.01.2026 starb im Alter von 89 Jahren Prof. Dr. Peter Duesberg. Peter Duesberg hatte vor einigen Jahren einen Schlaganfall erlitten und war danach nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten. Siehe auch, Prof. Dr. Duesberg war Professor für Molekularbiologie an der Universität von…
Der Beitrag In Erinnerung an Prof. Dr. Peter Duesberg erschien zuerst auf OVALmedia.
Alles über Angela
OVALmedia:
Demnächst exklusiv auf OVAL.media die erste Episode der Dokuserie: Alles über Angela – Merkels Ost-Vergangenheit (in KGB-Kreisen?) Wer war Angela Merkel, die bis zum 36. Lebensjahr hinter einer Mauer lebte? Oder lebte sie gar nicht, wie Millionen andere Ostbürger, gefangen hinter der Mauer? Was brachte sie an die Macht? Diesen und viele anderen Fragen gehen wir in…
Der Beitrag Alles über Angela erschien zuerst auf OVALmedia.
Fahrt nach Kalaurea
Die Blogs von Ingo Bading
Studium Generale
Eleonore von Bulgarien
Krankenschwester und Königin
"Helden des Willens" heißt ein Buch, auf das man in einer Bücher-Telefonzelle stoßen kann und das man ja einmal mitnehmen kann (1). Erschienen in erster Auflage 1928, in zweiter Auflage 1933. Vorsatz-Bild der zweiten Auflage: "Reichskanzler Adolf Hitler". Eine recht willkürlich anmutende Zusammenstellung von Lebensbildern. Das erste Kapitel über den deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte liest sich gar nicht so ungut. Also kann man ja mal ein bisschen weiter stöbern in diesem Buch.
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| Abb. 1: Eleonore von Bulgarien (1860-1917) |
Und man könnte sich festlesen in einer Lebensbeschreibung der Königin Eleonore von Bulgarien (1860-1917) (Wiki), einer geborenen Prinzessin von Reuß aus Niederösterreich. Diese Prinzessin war doch in Weltgegenden unterwegs, auf die wir hier auf dem Blog eigentlich erst seit der Beschäftigung mit der Archäogenetik aufmerksam geworden sind, nämlich einmal in der Mandschurei zwischen Sibirien, Korea und China und zum anderen am Rhodopen-Gebirge zwischen Bulgarien im Norden und Nordmazedonien im Süden.
Viele Details aus dieser Lebensbeschreibung finden sich so auch noch gar nicht auf Wikipedia. Die Lebensinhalte der Eleonore von Reuß ergaben sich vor allem durch ihre verwandtschaftliche Nähe zur Zarenfamilie in Rußland.
1908 heiratete Eleonore mit 47 Jahren (!) den Fürsten Ferdinand I., den nachmaligen König von Bulgarien (1861-1948) (Wiki). Auf dem bulgarischen Wikipedia ist darüber verzeichnet (Wiki):
1907 wandte sich Ferdinand I. an Großfürstin Maria Pawlowna mit der Bitte, ihm eine neue Gemahlin vorzuschlagen, die wenig Aufmerksamkeit erwarte und sich wohltätigen Zwecken widme. Die Großfürstin schlug ihre Cousine ersten Grades, Eleonora Reuß-Köstritz, vor. (...) Die Ehe zwischen Eleonore und Ferdinand war rein formaler Natur und Ferdinand hegte keinerlei Gefühle für seine neue Gemahlin. Bezeichnenderweise bestand Ferdinand selbst darauf, daß die beiden während ihres Besuchs bei König Carol I. von Rumänien, der während ihrer Flitterwochen stattfand, getrennte Schlafzimmer erhielten.
Wie Eleonore selbst über eine so wundervolle Ehe dachte, ist vorderhand nicht bekannt. Wenn wir unserem Buch folgen, hat sich Eleonore womöglich bemüht, den positiven Seiten ihres neuen Ehegatten Beachtung zu schenken.
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| Abb. 2: Eleonore von Bulgarien (1860-1917) |
Diese werden sogar ein wenig übertrieben dargestellt (1, S. 167):
König Ferdinand, den man den bedeutendsten Geist unter den europäischen Herrschern seiner Zeit genannt hat, zeichnet sich durch eine außergewöhnliche wissenschaftliche Bildung und einen geläuterten ästhetischen Geschmack aus.
Wenn dieser König schon der bedeutendste Geist gewesen wäre, dann würde das womöglich doch mehr über die anderen europäischen Herrscher aussagen als über ihn. Wie auch immer. Die Frauenzeitschrift "Die Bunte" wußte 2016 folgendes über diese Ehe (Bunte2016):
Wenn man Ferdinand und Eleonora einmal zusammen sehen könnte, seien Spannungen zwischen ihnen nicht zu ignorieren gewesen. Während er sich seiner Frau abweisend gegenüber zeigte, habe sie es mit stoischer Ruhe ertragen.
Insgesamt hat man den Eindruck, daß diese Ehe auch für Eleonore eher eine "Zweckehe" gewesen sein könnte, bekam sie doch durch diese einen Wirkungskreis, wie sie ihn sich zuvor immer ersehnt hatte.
Man sieht Eleonore ja schon auf dem Verlobungsbild nicht lächeln (Abb. 13). Womöglich hat das damals von einer 47-Jährigen auch niemand mehr erwartet. Damalige Frauen des Hochadels haben in Bezug auf Ehen manches mitmachen müssen.
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| Abb. 3: Eleonore von Bulgarien (1860-1917) |
Immerhin (Wiki) ...
... gewann Eleonore schnell die Zuneigung von Ferdinands Stiefkindern und des gesamten bulgarischen Volkes.
Unsere Buchautorin Clara Ebert-Stockinger schreibt über die drei Stiefkinder von Eleonore (1):
Diese hingen denn auch bald mit schwärmerischer Liebe an ihrer zweiten Mutter.
In unserem Buch heißt es über Eleonore (1):
Sie nahm die Werbung an und sprach mit großer Freude von den ernsten Aufgaben, die sie den verwaisten Kindern des Fürsten gegenüber und als Mutter eines ganzen Volkes zu erfüllen haben würde.
Auch aus diesen Worten geht keine große Erwartung gegenüber der geschlossenen Ehe hervor. Eleonore reizte offenbar insbesondere der große Wirkungskreis in Bulgarien, der sich ihr durch diese Heirat eröffnete.
Leitung des russischen Lazarett-Wesens in der Mandschurei (1904)
Denn sie war - wie womöglich unsere Buchautorin - gelernte Krankenschwester. Sie hatte 1904 im Russisch-japanischen Krieg die Leitung des Lazarett-Wesens auf dem asiatischen Kriegsschauplatz inne gehabt und hatte in der Zeit danach an ihre Freundin geschrieben (zit. n. 1):
Ich sehne mich nach meiner Arbeit zurück. Ich vermag es nicht mehr, hier in der Stille meine Tage zu verbringen. Ich muß in großem Stile arbeiten und schaffen können und helfen, das Elend zu lindern. Hier kommt mir alles so klein und eng vor nach der unbegrenzten Größe Sibiriens und nach den Mitteln, mit welchen ich meine Ziele erreichen konnte.
Was uns an dem Leben von Eleonore von Reuß interessiert, ist, wie schon gesagt, daß sie sich in abgelegenen Gegenden bewegte, auf die wir schon verschiedentlich hier auf dem Blog zu sprechen gekommen waren. So heißt es über den von ihr geleitete Lazarettzug im Jahr 1904 (1, S. 165):
Sie führte den Zug wiederholt vom Baikalsee durch die Mandschurei nach Charbin.
Siehe dazu die Karte in Abbildung 4. Harbin (Wiki) (Charbin) ist eine der größten Städte der Mandschurei. Von den sechs Millionen Einwohnern sind heute 93 Prozent Chinesen und 4,6 Prozent Mandschu. Die genannte Strecke gehört zum östlichen Teil der Transsibirischen Eisenbahn (Wiki), bzw. zu einer Nebenstrecke derselben.
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| Abb. 4: Die Bahnstrecke vom Baikalsee nach Charbin / Harbin in der Mandschurei (Wiki) |
Kurz einiges zu diesem Krieg: Rußland hatte Port Arthur 1897 für 25 Jahre gepachtet als Hafen. Gleichzeitig verstärkte es seinen Einfluß in Korea, das sich diesem Einfluß auch öffnete, und zwar als Gegengewicht gegen Japan (Wiki):
Am 13. Januar 1904 forderte der japanische Botschafter in St. Petersburg die Anerkennung der japanischen Vorherrschaft in Korea im Gegenzug für die Erklärung Japans, daß die Mandschurei außerhalb ihres Einflußbereichs liege. Die russische Regierung rechnete nicht mit einem Krieg und ordnete das Verhalten der japanischen Diplomatie als Bluff ein.
Am 9. Februar 1904 griff Japan Port Arthur mit Kriegsschiffen an. Anhand der folgenden Karte kann der Ablauf des Krieges in groben Zügen nachvollzogen werden.
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| Abb.: 5 Der japanisch-russische Krieg im Jahr 1904 |
Der Hauptteil der Russischen Pazifikflotte war in Port Arthur versammelt. In mehreren japanischen Angriffen konnte diese Pazifikflotte ausgeschaltet werden, zuletzt als die Reste dieser Flotte nach Wladiwostok ausbrechen wollten.
Die Russen hatten nun viel zu wenige Landstreitkräfte in Ostasien stationiert. Ein Nachziehen von Truppen über die Transsibirische Eisenbahn in nachhaltiger Stärke würde sechs Monate dauern. Diesen Umstand nutzten die japanischen Landstreitkräfte aus, die bei Inchon im heutigen Korea (heutiger Flughafen) gelandet wurden und dann über Seoul nach Norden vorstießen.
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| Abb. 6: Japanische Batterie auf den Höhen von Chusanp, 1904 |
Der Fluß Yalu war von russischen Truppen nur unzureichend mit Streitkräften besetzt. In einer Durchbruchschlacht wurden die Russen besiegt und die Japaner stießen von dort einerseits nach Süden, nach Port Arthur durch, um diesen Hafen zu belagern und drangen andererseits nach Norden vor bis Wladiwostok, das von den Japanern von der Seeseite her belagert wurde.
Schließlich kam es zum Friedensschluß. Korea blieb Japan als Einflußsphäre zugesprochen. Japan erhielt außerdem die Südhälfte der Halbinsel Sacchalin.
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| Abb. 7: Blick über ein Feldlager japanischer Truppen in der Mandschurei, 1904 |
Aufgrund der Niederlage Rußlands bracht 1905 in Moskau und entlang der Transsibirischen Eisenbahn die Revolution aus. Vermutlich eine "Probemobilmachung" der Arbeiterklasse für die vorgesehene künftige Revolution, in der dann endgültig die Macht übernommen werden sollte.
Im Frühjahr 1906 kehrte Eleonore von Reuß aus diesen Revolutionswirren in ihre Heimat nach Niederösterreich zurück. Sie schrieb am 9. April 1906 an ihren vormaligen Mitarbeiter Dr. Colmers (1, S. 165):
Jetzt habe ich Heimweh da hinaus, denn wenn es auch wohtuend für mich ist, zu Hause zu sein, so sehne ich mich doch nach meiner Arbeit, meinen Kranken, dem Lärm, dem Sturm, dem Sonnenschein der Mandschurei. Mit dem Friedensschluß fing übrigens unsere Mühsal erst recht an, mit den Bahn- und Poststreiks usw. Sieben Wochen währte unsere letzte Reise von Bangupocinokre, und erst in den letzten Tagen des Januar kamen wir mit unseren Kranken in Petersburg an. Fast in ganz Sibirien der Aufstand, in Kpnenopekr, Ruma, Irkutsk, überall Brand, Mord und Totschlag, das damals im Sommer so berühmte Bjogubemokr ein rauchender Trümmerhaufen.
Das sind alles Lebensinhalte dieser Eleonore, die in den nachmaligen Stürmen des Ersten Weltkrieges völlig in Vergessenheit gerieten.
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| Abb. 8: Russische Artilleriestellung am Dolinskypas, 1904 |
Aufgrund dieser doch nicht uninteressant zu lesenden Darstellung fragen wir nach der Autorin, nach Clara Ebert-Stockinger (1863-1949) (Wiki). Sie hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Bücher über Kinderpflege, Kindererziehung, Hauswirtschaft und fleischlose Ernährung veröffentlicht. Aber sie strebte über diesen Lebenskreis hinaus. 1928 veröffentlichte sie dann als 65-Jährige unser Buch, das gewiß eine ungewöhnliche Zusammenstellung von Biographien darstellt, an deren Ende dann auch noch ausgerechnet diejenige Adolf Hitlers gestellt ist.
Ihre Schrift "Die Mutterschaft" erschien in erster Auflage vor 1917. Denn das Vorwort zu ihr war von Anna Fischer-Dückelmann (1856-1917) (Wiki) verfaßt worden (Eb), die schon 1890 bis 1896 als eine der ersten Frauen in der Schweiz Medizin studiert hatte, und die 1901 ihr Buch heraus gegeben hatte "Das Geschlechtsleben des Weibes", das 1902 in siebter und 1910 in zehnter Auflage erschienen ist. Wir erfahren über Fischer-Dückelmann (Wiki):
1900 und 1901 veröffentlichte sie ihre Bestseller "Das Geschlechtsleben des Weibes" und "Die Frau als Hausärztin", für die Fischer-Dückelmann auch kritisiert wurde - vor allem wegen ihrer liberalen Einstellung zu Sexualität und Verhütung. Sie schrieb zum Beispiel: „Die Frau ist keine willenslose Geburtenmaschine mehr.“ Und auch: „Ebenbürtigkeit des Weibes ist der Schlüssel zu einem neuen Liebeshimmel!“
In der Tradition dieser Fischer-Dückelmann stand dann etwa auch eine Mathilde Ludendorff, vorherige von Kemnitz, als sie vor dem Ersten Weltkrieg Medizin studierte und als sie 1919 ihr Buch heraus brachte "Das Weib und seine Bestimmung".
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| Abb. 9: Lazarettzug Anfang des 20. Jahrhunderts (Geo2026) |
Und in der Tradition dieser Fischer-Dünckelmann scheint nun auch Clara Ebert-Stockinger gestanden zu sein. Ihre Schrift "Die Mutterschaft" ist 1929 in siebter Auflage erschienen und war dann "ärztlich bearbeitet" worden von ihrer Tochter Dr. med. Anna Ebert, einer Fachärztin für Kinderheilkunde. Und 1928 folgte dann das Buch "Helden des Willens".
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| Abb. 10: Der Beginn der Russischen Revolution im Jahr 1905 - Die Schüsse auf dem Palastplatz am 22. Januar - Gemälde von Ivan Alexeyevich Vladimirov (Kd) |
Zurück zu Eleonore, inzwischen Königin von Bulgarien. Bulgarien war dann Teilnehmer an den Balkankriegen 1912/13, erst Bündnispartner gegen das Osmanische Reich, dann Kriegsgegner seiner vorherigen Bündnispartner.
Der beiden Balkankriege 1912/13
Diese Balkankriege haben viel von jenen Massakern an der Zivilbevölkerung vorweg genommen, die dann bei Kriegsende 1945 vor allem die deutsche Zivilbevölkerung in ganz Ost- und Ostmitteleuropa erleiden mußte. Vor dem Hintergrund der Kriegsgreuel der Balkankriege nehmen sich die Greuel an den Deutschen im Jahr 1945 nicht mehr als ganz so "außergewöhnlich" aus (5).
Sind solche Kriegsgreuel hervor gerufen durch "slawische Mentalität", so fragt man sich unwillkürlich. Oder handelt es sich um ein allgemein menschliches, bzw. unmenschliches Phänomen?
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| Abb. 11: Die Barrikaden von Presnya, einem Stadtteil von Moskau im Dezember 1905 - Gemälde von Ivan Vladimirov (Wiki) |
Clara Ebert-Stockinger gibt eine eindrucksvolle Darstellung der Ereignisse (1, S. 170f):
Der zweite Balkankrieg wurde gegen Bulgarien entschieden und ihre Stammesgenossen in Mazedonien und Thrazien bekamen die furchtbare Hand der erbarmungslosen Sieger zu fühlen. Was nicht massakriert wurde und nur irgenwie konnte, ließ Hof und Heimat im Stich und flüchtete nach Bulgarien. Sofia war das Ziel und die Hoffnung all dieser unglücklichen Flüchtlinge, deren Zahl mehr als 130.000 betrug. Auf drei Wegen strömten sie der Hauptstadt zu, über Palanka-Küstendiel und über Dumaja und Dunica. Der dritte Strom kam aus Thrazien. Besonders dieser Zug der Flüchtlinge war ein wahrer Zug des Grauens. Hinter sich hatten sie die Feinde, vor sich die Mauer des Rhodope-Gebirges, durch das nur ein einziges Tor, das Kresnadefilee, nach Bulgarien führte. (...) Im Kresnatal stand die bulgarische Armee, um dieses Einbruchstor gegen die anstürmenden Griechen zu verteidigen. (...) Das Kresnatal ist ein großes Kindergrab.
Clara Ebert-Stockinger schreibt fast so, als wäre sie selbst dabei gewesen (1, S. 172):
Wenn möglich noch schlimmer war die Not der Flüchtlinge aus der Türkei und aus Gallipoli, wo die dort ansässigen Bulgaren nach Abzug der bulgarischen Armee der Rachsucht der Baschi-Boschuks ausgeliefert waren. Halb nackt kamen sie in Varna an, mit blutenden Füßen, die Cholera und die schwarzen Blattern im Gefolge. Über siebentausend kranke, halb verhungerte Menschen mußte das kleine Varna aufnehmen. Auf den Straßen lagen die Kinder und starben zu Dutzenden.
Königin Eleonore hatte erneut das Lazarett-Wesen unter sich, war überall vor Ort und kümmerte sich um alles.
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| Abb. 12: Die Riviera von Genua - Es wird vermutet, daß dieses Gemälde von Eleonore von Reuß stammt, denn auf der Rückseite des Rahmens heißt es: "Peint par S. A. La Princesse Reuß Koostritz" (Kastern2025) |
In ihrer Jugend könnte sie auch gemalt haben. Jedenfalls wird ihr ein Gemälde im Kunsthandel zugesprochen (Abb. 12).
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| Abb. 13: Eleonore von Bulgarien (1860-1917) als Verlobte im Jahr 1908 |
Königin Eleonore starb 1918, ihr Ehemann mußte wenig später abdanken und verbrachte seine letzten drei Lebensjahrzehnte in Coburg. Dort starb er 1948.
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- Clara Ebert-Stockinger: Königin Eleonore. In: Helden des Willens. Lebenswerke aus neuerer Zeit. Verlag von Strecker und Schröder, Stuttgart, 2. Auflage 1933 (EA 1928), S. 162-177
- Fischer-Dückelmann, Anna: Das Geschlechtsleben des Weibes – Eine physiologisch-soziale Studie mit ärztlichen Ratschlägen. Berlin 1900. (19. Auflage. 1919) (Archiv)
- Fischer-Dückelmann, Anna: Der Geburtenrückgang - Ursachen und Bekämpfung vom Standpunkt des Weibes. Stuttgart 1914
- Manuel Opitz: Hospital auf Schienen - Wie ein Medizinerehepaar mit Lazarettzügen an die Front fuhr. 14. April 2026 (Geo2026)
- Katrin Boeckh: Die Balkankriege 1912/13 - Kriegsführung, Kriegsgräuel, Kriegsopfer (Osmikon)
Ingrid Visser
Die beste Walretterin der Welt
Der deutsche Tier- und Naturschützer und Kameramann Robert Marc Lehmann (geb. 1983) (Wiki) nennt sie die beste und erfahrenste Walretterin der Welt, die neuseeländische Walforscherin Dr. Ingrid Visser (geboren am 20. Februar 1966) (Wiki, engl) (OrcaResearch).
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| Abb. 1: Ingrid Visser, Meeresbiologin |
Die Vorgänge rund um den in der Ostsee nun schon mehrfach gestrandeten Buckelwal, genannt "Timmy" (Wiki), lassen uns erstmals aufmerksam werden auf den Tierschützer und Tierfilmer Robert Marc Lehmann.
Durch seine detaillierte und umfassende Dokumentation seiner eigenen immer wohl durchdachten, kenntnisreich und praxisnah organisierten Rettungsaktion (Yt17.4.26) bekommt man Hochachtung vor seinem Engagement, vor seinem Wissen, seiner Urteilsfähigkeit und seiner Erfahrung. Und wenn er dann davon spricht, daß er "Walretten" gelernt hat bei Ingrid Visser, dann möchte man natürlich auch über diese Frau mehr erfahren.
Lehmann hat 2022 eine hervorragende mehrteilige Dokumentation über Ingrid Visser und ihre Arbeit erstellt und heraus gebracht (Yt2022).
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| Abb. 2: Ingrid Visser - Ted Talk |
Man findet aber auch sonst genug über sie im Internet. Ansprachen, Interviews, Dokus, Forschungsstudien ...
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| Abb. 3: Ingrid Visser - Am meisten lacht sie, wenn sie mit Orcas zusammen ist |
Vielleicht wollen wir zu all dem demnächst noch mehr zusammen tragen in dem vorliegenden Beitrag.
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| Abb. 4: Mehrteilige Doku von Robert Lehmann, 2022 |
Zunächst seien einmal nur einige eindrucksvolle Fotografien von und mit Ingrid Visser eingestellt.
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| Abb. 5: Ingrid Visser, 2005 |
Schon mit 39 Jahren veröffentlichte sie "Lebenserinnerungen" im Jahr 2005 (1). Und wenn man diese liest und erfährt, wie umtriebig diese Ingrid Visser war, um - zwar persönlich ermutigt durch David Attenborough (1, S. 27) - aber dann weitgehend aus eigener Kraft heraus eine Doktorarbeit über die Schwertwale Neuseelands zu schreiben - gegen alle Hürden und Widerstände innerhalb des akademischen Bereiches, dann mag das für den einen oder anderen einstigen Doktoranden auch einen vergleichenden Blick ermöglichen auf die - mitunter zeitgleichen - eigenen Bemühungen, eine Doktorarbeit auf den Weg zu bringen und fertig zu schreiben.
Ingrid Visser ist derselbe Jahrgang wie der Verfasser dieser Zeilen. Und ihre Lebenserinnerungen geben ihm diesbezüglich manches zu denken. Ihre Doktorarbeit hat sie im Jahr 2000 veröffentlicht.
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| Abb. 6: Mehrteilige Doku von Robert Marc Lehmann, 2022 |
Alles, was sie in Neuseeland aufgebaut hat, hat sie aus eigener Kraft aufgebaut.
Ihr Vater besaß eine Farm mit über tausend Schafen und Kühen auf Neuseeland. Er ist, als sie 16 Jahre alt war, mit seiner ganzen Familie vier Jahre lang rund um die Erde gesegelt. Ingrid Visser sagt, daß sie diese vier Jahre tief geprägt haben.
Wie gesagt: Dieser Beitrag wird wenn möglich nach und nach vervollständigt. Menschen, die mit Tieren und mit der Natur verbunden sind, sind immer wieder so ermutigend. Das fing für den Bloginhaber an mit Leuten wie Konrad Lorenz oder Jane Goodall oder Irenäus Eibl-Eibesfeldt oder Hans Hass. All diese haben Nachfolger gefunden, zum Beispiel Ingrid Visser in Neuseeland. Zum Beispiel Robert Marc Lehmann in Deutschland.
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- Visser, Ingrid: Swimming with Orca. My Life with New Zealand's Killer Whales. Penguin Books, 2005
Die Piasten stammten in männlicher Linie von den Wikingern ab
Die Y-chromosomale Linie der Piasten findet sich im Frühmittelalter in England
Der erste polnische König Mieszko I. (945-992) (Wiki) begründete das polnische Herrscherhaus der Piasten (Wiki).
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| Abb. 1: Mittelalterliche Halskette, ausgestellt im Piasten-Museum von Ostrów Lednicki (Wiki) zwischen Posen und Gnesen, der Ort, der als Keimzelle des polnischen Staates gilt (Yt2022)*) |
Seit vielen Jahrzehnten gibt es in der Geschichtswissenschaft eine Erörterung darüber, ob das Piastenhaus von Wikingern begründet wurde oder welcher Herkunft dieses Herrscherhaus sonst wäre. Der Verfasser dieser Zeilen saß 1988 an der Universität Mainz bei Professor Gotthold Rhode im Hauptseminar für polnische Geschichte und erinnert sich noch gut, mit welcher "Behutsamkeit" Professor Rhode dieses Thema angesprochen hat. Es bestand ohne Frage große Sorge, polnische Nationalgefühle zu verletzen. Und Professor Rhode wollte wirklich nur das referieren, was wissenschaftlich gesichert oder wenigstens plausibel war. Eine besonders große Sicherheit gab es zu dieser Zeit zu dieser Frage nicht.
Im Zusammenhang mit der Erörterung der spannenden Wikinger-Studie aus der Forschungsgruppe um Eske Willerslev waren wir hier auf dem Blog schon einmal auf diese Thematik zu sprechen gekommen (Stg19). Da sich nach dieser Studie Wikinger-Genetik die Weichsel aufwärts ausgebreitet hat ebenso wie in anderen Teilen Osteuropas, war es immer nahe liegender geworden, daß sich die Wikinger-Herkunft des Piastenhauses bestätigen würde. Nun ist eine neue polnische archäogenetische Studie erschienen, in der mit allen Mitteln und in umfangreichen Untersuchungen versucht worden ist, diese Frage zu klären - anhand gesicherter Menschenreste der Piasten aus Polen selbst (1):
Unsere aDNA-Befunde ermöglichten es uns zusammen mit historischen Daten, die Skelettreste von mindestens zehn Piasten zu identifizieren. Die von uns durchgeführten Genomanalysen deuten darauf hin, daß die Piasten höchstwahrscheinlich nicht aus Polen stammten. Durch die Verfolgung der mütterlichen und väterlichen Abstammungslinien der Piasten bestätigten wir historisch belegte Verbindungen zwischen den Häusern der Piasten und den ungarischen �rpád.
Gemeint sind spätere Heiratsverbindungen, durch die die archäogenetische Rekonstruktion des Stammbaumes der Piasten in Polen bestätigt und abgesichert werden kann. Und weiter (1):
Basierend auf unseren Ergebnissen, gestützt durch genealogische Daten, ordneten wir die mitochondrialen und/oder Y-chromosomalen Haplogruppen von über zweihundert bekannten historischen Persönlichkeiten aus europäischen Dynastien und Adelsfamilien zu, darunter 18 Könige. Das so erstellte genetische Profil des Hauses der Piasten vor dem Hintergrund anderer mittelalterlicher Königsdynastien bildet die Grundlage für weitere Studien zu den Prozessen, die im 10. Jahrhundert zur Bildung neuer politischer Gebilde auf der Grundlage von Monarchie und autarker Wirtschaft führten.Our aDNA findings, together with historical data, allowed us to identify the skeletal remains of at least 10 Piasts. The genome-wide analyses we performed indicate that the Piasts most likely came from outside of Poland. By tracing both maternal and paternal Piast lineages, we confirmed historically-documented links between the Houses of Piast and Hungarian �rpád. Based on our results, supported by genealogical data, we assigned the mitochondrial and/or Y-chromosomal haplogroups of over two hundred known historical figures from European dynasties and noble families, including 18 kings. The created genetic portrait of the House of Piast against the background of other medieval royal dynasties forms the basis for further studies of the processes that led to the formation of new political entities based on monarchy and self-sufficient economies in the tenth century.
Die meisten archäogenetischen Daten der Studie stammen aus der Grablege der Piasten in Plock (Wiki) an der Weichsel. Plock liegt 110 Kilometer südwestlich von Hohensalza in Kujawien und 100 Kilometer nordwestlich von Warschau.
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| Abb. 2: Schloß Zakrzewo (Wiki) des Grafen Belina-Wesierski (1812-1875), gelegen 16 Kilometer westlich von Posen - Er gilt als Förderer der Archäologie im Landkreis Gnesen als der Urzelle des polnischen Staates |
Der rekonstruierte Y-chromosomale Haplotyp, der über die Jahrhunderte hinweg bei allen gesicherten männlichen Mitgliedern der Piasten vorliegt, findet weder heute noch in früheren Jahrtausenden bislang eine Entsprechung in Polen oder in Osteuropa. Aktuell findet sich dieser Y-chromosomale Haplotyp auch nicht in Skandinavien, weder heute noch in früheren Jahrtausenden. Aber er findet sich - entsprechend dieser Studie - überraschenderweise in Nordwesteuropa (1):
Unter den DNA-Proben, die in die Zeit vor der Entstehung des Piastenstaates datiert wurden, wurde dieselbe (Y-chromosomale) Abstammungslinie in drei derselben gefunden: CGG_023713 (datiert auf 770–540 v. Ztr.) aus dem heutigen Frankreich, CGG_107766 (datiert auf 20–200 n. Ztr.) aus den heutigen Niederlanden und VK177 (datiert auf 880-1000 n. Ztr.) aus dem heutigen England. Unsere Daten zeigen somit, daß die Piasten der Abstammungslinie R1b-BY3549 angehörten, was darauf hindeutet, daß sie Migranten nicht-slawischer Herkunft waren.Among the samples dated to the period before the Piast state formation, the same lineage was found in three ancient samples: CGG_023713 (dated to 770–540 BCE) from present-day France42, CGG_107766 (dated to 20–200 CE) from present-day Netherlands, and VK177 (dated to 880–1000 CE) from present-day England. Thus, our data revealed that the Piasts belonged to the R1b-BY3549 lineage, suggesting that they were migrants of non-Slavic origin.
Das "VK177" genannte Indiviuum aus England ist nun ein Individuum, das in der Wikinger-Studie von Eske Willerslev im Preprint im Jahr 2019 veröffentlicht worden war (Stg19). Die anderen beiden Individuen wurden ebenfalls von der Forschungsgruppe um Eske Willerslev sequenziert und sind 2024 im Preprint in ihrer Germanen-Studie veröffentlicht worden (Stg24). Im Diskussionsteil wird zu diesen nordwesteuropäischen Entsprechungen ergänzt (1):
Nach archäologischen Analysen repräsentierte das erste Individuum (aus der Zeit um 650 v. Ztr.) die westliche Hallstattkultur, das zweite Individuum (aus der Zeit um 115 n. Ztr.) wurde in einem römischen Friedhof bestattet, und das dritte Individuum (aus der Zeit um 940 n. Ztr.) war höchstwahrscheinlich ein Wikinger.According to archaeological analyses, the first individual (from c.a. 650 BCE) represented the Western Hallstatt Culture, the second individual (from c.a. 115 CE) was buried in a Roman cemetery, and the third individual (from c.a. 940 CE) was most likely Viking.
Aufgrund der zeitlichen Nähe des Wikingers "VK177" in England und von Miesko I. in Polen könnten man ja fast der Frage nachgehen, ob es sich bei beiden nicht sogar um familiär Verwandte handelte. Aber soweit sind die Forscher bislang noch nicht gegangen. Sie schreiben immerhin einleitend in ihrer Studie (1):
Mieszkos Tochter, bekannt als Sigrid die Stolze oder Gunhild von Wenden, war Königin von Schweden, Dänemark, Norwegen und England und die Mutter mehrerer Könige: Olof Skötkonung, Harald II. Svensson und Knut des Großen. Innerhalb weniger Jahrzehnte stiegen die Piasten zu einer der größten europäischen Dynastien auf. Die Piastenmonarchie endete 1370 n. Ztr. mit dem Tod von König Kasimir III. dem Großen. Andere Zweige der Piasten herrschten jedoch weiterhin über Herzogtümer wie Masowien und Schlesien, bis der letzte männliche Piastenvertreter 1675 n. Ztr. starb.Mieszko’s daughter, known as Sigrid the Haughty or Gunhild of Wenden, was the Queen of Sweden, Denmark, Norway, and England and the mother of several kings: Olof Skötkonung, Harald II Svensson, and Cnut the Great18. Within a matter of decades, the Piasts grew to become one of the largest European dynasties. The Piast monarchy ended in AD 1370 with the death of King Kazimierz III Wielki (Casimir III the Great). However, other Piast branches continued to control duchies, such as Masovia and Silesia, until the last male Piast representative died in AD 1675.
Und sie führen im Diskussionsteil aus (1):
Die nicht-polnische Herkunft der Piasten sollte Forscher auch dazu veranlassen, die Beziehungen der ersten polnischen Dynastie zu den Wikingern neu zu überdenken. Dieses Thema wird seit vielen Jahren intensiv diskutiert.The non-local origin of the Piasts should also prompt researchers to reconsider the relations of the first Polish dynasty with the Vikings. This issue has been widely discussed for many years now.
Die Studie hat aber Bedeutung für die Erforschung des europäischen Hochadels insgesamt.
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| Abb. 3: Heiratsverbindungen von Piastentöchtern mit anderen europäischen Königshäusern und Hochadelsfamilien - Unterste Reihe (dunkelbraun): Hohenzollern (aus 1, Suppl. Fig. 11) |
Aufgrund der Heiratsverbindungen innerhalb des europäischen Hochadels führen die Autoren aus (1):
Viele Töchter der Piasten und viele Frauen, die in die Familie der Piasten einheirateten, wurden bzw. waren ebenfalls Angehörige bekannter europäischer Dynastien. Daher ermöglichen die von uns erhobenen genetischen Daten der Piasten, die mitochondrialen Haplogruppen von über 200 bekannten historischen Persönlichkeiten vorherzusagen. Zu dieser Gruppe gehören 108 Piasten, 32 Rurikiden, 12 Giediminiden, 23 �rpáden, 15 Přemysliden, 13 Hohenzollern, 10 Habsburger, 8 Wettiner, 5 Anjou und 4 Wittelsbacher (Einzelheiten siehe Supplementary Fig. 11 und Supplementary Data 3).Many of Piast’s daughters and the women who married into the Piast family were also representatives of famous European dynasties; hence, the genetic data we collected for the Piast dynasty members allow us to predict mt-hgs for over 200 well-known historical figures. Within this group, there are 108 Piasts, 32 Rurikids, 12 Giediminids, 23 �rpáds, 15 Přemyslids, 13 Hohenzollerns, 10 Habsburgs, 8 Wettins, 5 Angevins, and 4 Wittelsbachs (for details, see Supplementary Fig. 11 and Supplementary Data 3).
Nach der genannten "Supplementary Fig. 11" (s. Abb. 3) ergibt sich die hier genannte Verbindung zu den Hohenzollern dadurch, daß der Habsburger Ernst der Eiserne (1377-1427) (Wiki) 1412 in zweiter Ehe die Piasten-Prinzessin Cimburgis von Masowien (1394-1429) (Wiki) heiratete. Deren Enkeltochter war dann Anna von Sachsen (1437–1512) (Wiki) aus dem Hause Wettin. Und diese war nun mit Albrecht Achilles (1414-1486) (Wiki) verheiratet, der ab 1470 Kurfürst von Brandenburg war.
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| Abb. 4: "Schwere märkische Reiter", 15. Jahrhundert (Pintr) |
Anna und Albrecht Achilles hatten nun 13 Kinder und die Töchter unter diesen vererbten somit die mitochondrialen Piasten-Haplotypen der Piasten-Prinzessin Cimburgis von Masowien weiter. Diese 13 bilden die unterste (braun gefärbte) Hohenzollern-Reihe in Abb. 3. Wir lesen (Wiki):
Die Historiographen des preußischen Königshauses charakterisierten Albrecht als „eine von Lebenslust strotzende Kraftnatur, der Körper mit Narben bedeckt, ein Meister der Heerfahrt, glänzender Redner und gewiegter Diplomat, impulsiv, gewaltsam und herrisch, trinkfest und prachtliebend, aber auch sparsam als guter Haushalter, Freund und nimmermüder Parteigänger seiner Fürstengenossen, geschworener Feind der verhassten Städte.
Nun, 15. Jahrhundert halt. Über den Sohn dieses Albrecht Achilles, über Johann Cicero (Wiki), der auch noch Piasten-Mitochondrien-DNA in sich trug, hat der deutsche Dichter Börries von Münchhausen eine immer wieder gern gelesene Ballade gedichtet, die wir hier an das Ende unserer Ausführungen stellen wollen.
Die Wunderwirkung der Latinität
(Börries Freiherr von Münchhausen, 1907)
Ihr lieben Jungens in Stadt und Land,ich weiß euch eine Geschichte!Ich kenn euch, ihr hört so trefflich zumit sehr ernsthaftem Gesichte,doch in den Winkeln am Auge blitzt's,wie von ganz anderen Sachen,und eure Lippen beben dabei, -das ist verhaltenes Lachen,ihr seid nämlich eine ganz dolle Schwefelbande!Der Kurfürst Johann von Brandenburg,der war gelehrt wie sonst keiner,er sprach das flüssigste, klarste Lateinnoch besser als selbst die Lateiner,Da nannten sie ihn den 'Cicero'er fand das übel geraten,viel besser hätte ihm 'Cäsar' gepaßt,so liebte er die Soldaten -vor allem seine sechstausend schweren märkischen Reiter!Nun hatten einst einen großen Streitdie Könige von Ungarn und Polen,da ließ der Kaiser, den das verdroß,den Johann Cicero holen:Herr Kurfürst, Ihr sprecht das berühmte Latein,so bitt' ich Euch, habt die Gnadeund zieht gen Warschau und söhnt sie ausmit Eurer lateinischen Suade,vielleicht nehmt Ihr auch ein paar Soldaten mit?Herr Kaiser, der Auftrag paßt mir gut!sprach Johann mit tiefem Verneigen,Die klassische Kunst der Rhetorik wirdsich stark an Barbaren erzeigen,Die Ungarn und Polen versöhne ichganz ohne Schwertstreich und Wunde,so wirkt der Wohllaut der Latinitätin meinem beredsamen Mundeund außerdem nehme ich meine sechstausend schweren Reiter mit!Vor Warschau, auf dem weiten Plan,da standen Ungarn und Polen,die beiden Könige rechts und links,die saßen wie auf Kohlen,denn Johann Cicero sprach und sprach,wie troff die Rede von Milde,und wenn er von christlichen Gründen sprach,so waren doch alle im Bilde.hinter ihm standen Sechstausend aufgesessen und Lanzen eingelegt!Was Johann Cicero dort gesagt,es ist der Nachwelt verloren,den feindlichen Königen klangen nurso einzelne Worte in Ohren:"Totschlago vos fortissime,nisi vos benehmitis bene!!"Da söhnten die Gegner gerührt sich aus,und Johann vergoß eine Träne,und seine sechstausend Kerle brüllten: Hurra, vivat Cicero!Ihr lieben Jungens, euch ist ja gelehrt,warum die Dichter was dichten,ihr wißt, der Zweck ist stets die Moralbei allen solchen Geschichten,drum, wenn ein Klassenaufsatz es gibtüber Münchhausens letzte Ballade,so schreibt: Ein tadelloses Lateindas ebnet im Leben die Pfade,vorausgesetzt, daß einer eine gute Faust daneben haut!
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| Abb. 5: Belina-Wesierski |
Samo (* um 600; †um 658/659) war nach der Fredegarchronik, der einzig bekannten Quelle, ein aus dem Frankenreich stammender Kaufmann und der erste namentlich bekannte Herrscher eines slawischen Reiches. Um 623/624 gründete er das in Mitteleuropa gelegene Reich des Samo (lateinisch: regnum Samoni), welches Samo bis zu seinem Tod 35 Jahre lang als König (rex) regiert haben soll. (...) In der Fredegar-Chronik (IV, 48) wird ein "homo nomen Samo, natione Francos, de pago Senonago" genannt („Ein Mann namens Samo, fränkischer Herkunft, aus dem Gau von Senonago“). Dieser Satz kann jedoch unterschiedlich übersetzt und gedeutet werden. Teilweise wird heute davon ausgegangen, daß Senonago der heutigen französischen Stadt Sens südöstlich von Paris entspricht. Anderen Quellen zufolge handelt es sich beim Senonago allerdings um Soignies oder Sennegau. Mit "natione Francos" wurden in Quellen im 7. Jahrhundert allgemein die Bewohner des Frankenreichs bezeichnet.
Die Senne ist ein Fluß, der durch Soignies und Brüssel fließt. Soignes gehört zum Hennegau. Aber wie gesagt: Mieszko I. (Wiki) lebte 300 Jahre später.
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- Zenczak, M., Handschuh, L., Marcinkowska-Swojak, M. et al. Genetic genealogy of the Piast dynasty and related European royal families. Nat Commun 17, 3224 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-71457-1, 6.4.2026 (Nat2026)
Kriegseinsatz und Archäologie - 1941 bis 1945
Wenn man das Selbstverständnis der deutschen Archäologen seit 1945 verstehen will, macht es Sinn, sich klar zu machen, mit welchen Erfahrungen die damalige Studenten-Generation 1945 aus dem Krieg nach Hause gekehrt ist. Als ein vielleicht willkürlich ausgewähltes Beispiel sollen im folgenden die Studienjahre des akademischen Lehrers heutiger bedeutender deutscher Archäologen (Harald Meller, Hermann Parzinger, Wolfgang Schier und anderer mehr) heraus gegriffen werden.
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| Abb. 1: Aus dem Studienbuch des Archäologie-Studenten Georg Kossack, Berlin 1943 (1) |
Bei diesem akademischen Lehrer handelt es sich um den Münchener Archäologen Georg Kossack (1923-2004) (Wiki, DgtBib). Dieser hatte vormals auch in Kiel gelehrt und stammte ursprünglich aus Neuruppin in der Mark Brandenburg. Über diesen Archäologen ist im Jahr 2023 eine "Virtuelle Ausstellung" eröffnet worden, auf die sich die folgenden Ausführungen vor allem stützen (1). Dieser Archäologe Georg Kossack hatte so weise Lehren für seine Studenten im Gepäck wie die folgende (1):
Der Tag hat 24 Stunden. Sieben brauchen sie zum Schlafen, der Rest ist fürs Fach.
Ohne Frage: Hier brennt jemand für die Wissenschaft.*) Angeregt zur Auseinandersetzung mit Georg Kossack wurden wir durch die mehrfache Erwähnung desselben in einem gerade veröffentlichten Gespräch zwischen den Archäologen Harald Meller und Hermann Parzinger (2), sowie durch die Entdeckung des Umstandes, daß Georg Kossack aus Neuruppin stammte, sowie des Umstandes, daß er 1943 mit 20 Jahren als Schüler des Archäologen Hans Reinerth in Berlin in die heiligen Hallen der Wissenschaft eingetreten ist. Wir lesen (3):
Georg Kossack wuchs im brandenburgischen Neuruppin auf, wo er am 25. Juni 1923 geboren wurde und am humanistischen Friedrich-Wilhelm-Gymnasium die ersten Anregungen zur Beschäftigung mit der heimischen Vorgeschichte erfuhr, sodaß er schon vor seinem Notabitur im Jahr 1940 den Entschluß faßte, Vorgeschichte zu studieren.
Der Schüler Kossack wird in Bezug auf seinen Studienwunsch sicher auch von dem damals bedeutenden Archäologischen Museum in Heiligengrabe - in der Nähe von Neuruppin gelegen - Anregungen erhalten haben. Auf dieses lange vergessene Museum haben wir hier auf dem Blog schon vor einigen Jahren aufmerksam gemacht, nachdem wir es zufällig beim Vorbeifahren entdeckt hatten (Stg2019). (Kossack selbst erwähnt es aber in seiner eigenen wissenschaftsgeschichtlichen Darstellung mit keinem Wort [6].)
Die Eltern von Georg Kossack wohnten - zumindest 1943 - in Möhringstraße 6 in Neuruppin (1) gegenüber jenem Gebäude, in dem so manches Neuruppiner Kind in den letzten Jahrzehnten die Grundschule besucht hat. Er hatte somit nur zehn Minuten Fußweg zum Gymnasium am Marktplatz. Als Beruf seines Vaters wird "Kaufmännischer Leiter" angeführt.
Eintritt als Kriegsfreiwilliger in die Wehrmacht - Am 1. Januar 1942
Georg Koassack ist am 1. Januar 1941 mit 18 Jahren als Freiwilliger in die Wehrmacht eingetreten - wie auf seinem Notabitur verzeichnet ist (DigtBibl).
Er wurde Angehöriger des brandenburgischen Infanterie-Regiments Großdeutschland (Wiki). Tat er das, weil er genug von der Schule hatte? War das eine Einzelentscheidung dieses Schülers? Oder haben sich damals viele Schüler - womöglich aufgrund von Werbeveranstaltungen? - als Freiwillige für die Wehrmacht gemeldet? Das geht aus den präsentierten Dokumenten vorderhand nicht hervor.
Ab 1942 kam er an der Ostfront zum Kriegseinsatz (DigBibl). Zu Anfang des Jahres 1942 war sein Regiment am Nordabschnitt der Ostfront im Einsatz, im Sommer 1942 im Südabschnitt derselben und am Ende des Jahres wieder im Nordabschnitt. Am 22. September 1942 erhielt er die Medaille "Winterschlacht im Osten 1941/1942". Kossack könnte ab Januar 1942 als Verstärkung des bis dahin durch die Kämpfe schon stark dezimierten Regiments Großdeutschland zum Einsatz gekommen sein. Es können das nicht nur erhebende Eindrücke gewesen sein für diesen jungen "Kriegsfreiwilligen" in dieser "Winterschlacht".**)
Ab April 1942 wurde das Regiment Großdeutschland zur Infanterie-Division Großdeutschland erweitert. Im Sommer 1942 war diese Division dann am Oberen und Unteren Don, am Donez und am Manytsch eingesetzt. Als Archäologie-Interessierter könnte Kossack die Landschaft dort als Heimat der Skythen wahrgenommen haben. (Als Urheimat der Indogermanen wird Kossack diese Region noch nicht wahrgenommen haben, denn sicheres Wissen darüber ist erst 2024 durch die Archäogenetik gewonnen worden, siehe die entsprechenden Beiträge hier auf dem Blog.)
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| Abb. 2: Lage des Frontvorsprungs bei Rschew seit Januar 1942, der erst im März 1943 von den Deutschen geräumt wurde |
Ab 10. September 1942 wurde die Division Großdeutschland dann wieder am Nordabschnitt der Ostfront eingesetzt, und zwar in den Kämpfen um den Frontbogen um Rschew (Wiki) an der Oberen Wolga. Dort wurde die Division zum Gegenstoß angesetzt (Wiki):
Die Rote Armee antwortete mit dem verbundenen Einsatz von Artillerie, Werfern, Minen und besonders vielen Scharfschützen. Die Division Großdeutschland erlitt „hohe und höchste“ Verluste, die Panzerabteilung verlor 80 % ihrer Fahrzeuge. (...) In diesem Raum sollte die Division im Bereich des XXIII. und XXVII. Armeekorps den Rest des Jahres 1942 verbringen und sich während der sowjetischen Operation Mars im Lutschessa-Tal und bei Olenino den Namen „Feuerwehr“ verdienen. Die Infanterie-Division Großdeutschland wurde von jetzt an immer an Brennpunkten der Front eingesetzt. Das Jahr 1943 war zunächst für die Division mit dem Abschluß der Einsätze im Raum südlich von Rschew verbunden. Am 9. Januar traf der Befehl zum Abtransport nach Nowy Oskol ein.
Außerdem lesen wir (Wiki):
Bis Ende Januar 1943 war die Wehrmacht im Raum Rschew, Demjansk und Leningrad pausenlosen Angriffen der Sowjetarmee ausgesetzt, die allerdings nicht stark genug waren, um einen unmittelbaren Zusammenbruch befürchten zu lassen.
Im Zusammenhang mit diesen Kämpfen dürfte Kossack dann noch vor dem 9. Januar 1943 den "Verlust beider Unterschenkel infolge Erfrierungen" erlitten haben, von dem berichtet wird. Die Unterschenkel wurden amputiert, Kossack konnte sich aber mit Prothesen fortbewegen. Es ist das die selbe Zeit, in der die 6. Armee in Stalingrad ihren letzten Kampf führte (Abb. 2).
Studienbeginn in Berlin 1943 - Als Schüler von Hans Reinerth
Nach seiner Genesungszeit wurde Kossack am 21. September 1943 aus der Wehrmacht zurück nach Neuruppin entlassen. Er hatte aber vorher schon Resturlaub erhalten und im Sommersemester 1943 in Berlin mit dem Studium begonnen.
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| Abb. 3: Studienbuch von Georg Kossack, belegte Lehrveranstaltungen im Sommersemester 1943 in Berlin |
Er studierte im Sommersemster 1943 bei Professor Hans Reinerth an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. Es war dies der bedeutendste Vertreter der sogenannten "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie (s. Stg17). Kossack hörte bei Reinerth die Vorlesungen "Die Bronzezeit" und "Die Germanen, ihre kulturelle und politische Leistung". Er nahm an einem Unter- und einem Oberseminar Reinerths teil. Außerdem hörte er bei anderen Professoren Vorlesungen, so zu "Wesen und Weltbedeutung der griechischen Kunst", zu "Geschichte der deutschen Philosophie bis Kant" und schließlich auch noch zu "Rasse und Volk" bei Professor Wolfgang Abel (Wiki). Dies war der Lehrstuhl-Nachfolger des Anthropologen Eugen Fischer. Den Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin hatte von 1992 bis 2001 Achim Leube (geb. 1936) (Wiki) inne, der 1971 in die SED eingetreten war. Er sagte 2004 über die Studenten, die bei Hans Reinerth in Berlin studiert hatten (9):
Vom Sommersemester 1935 bis Wintersemester 1944/45 studierten im 1. oder 2. Hauptfach bzw. im Nebenfach nach einer ersten Zusammenstellung 71 Studenten "Vorgeschichte", darunter 23 Frauen, d. h. ein Drittel aller Studierenden. Zu ihnen gehörten auffallend viele Berliner Stadtkinder, die aus dem mittleren oder Kleinbürgertum sowie aus Arbeiterschichten kamen (Wohnraum: Berlin-Lichterfelde und -Steglitz). Es kamen zu Reinerth aber auch Studierende aus dem gesamten Deutschland und nur vereinzelt aus dem Ausland, wie der Schwede Graf Eric Oxenstierna. Reinerth brachte anfangs von der Universität Tübingen einige Studenten mit und auch von Marburg kamen mindestens zwei Studenten.Eine vorläufige Statistik der Promotionen im Fach Prähistorie an den deutschen Universitäten ergibt, daß zwischen 1933 und 1945 mindestens 81 Promotionen und Habilitationen durchgeführt wurden. Die meisten Dissertationen wurden am Berliner "Institut für Vorgeschichte und Germanische Frühgeschichte" absolviert. So haben in Berlin 19 Studenten das Studium mit der Promotion abgeschlossen, d. h. jeder vierte. Nur neun der Dissertationen, d. h. weniger als die Hälfte, wurden jedoch publiziert. (...) In anderen Arbeiten wurden Beobachtungen aufgegriffen, die durchaus als übergreifende Forschungsthemen definiert werden könnten. Dazu gehörte die Untersuchung technischer Entwicklungen, wie der Schiffbau (Friedrich Hufnagel), das Beleuchtungswesen (Hans v. Chorus) und das Bekleidungswesen (Walter v. Stokar) (...). Nach 1945 haben im Fach nur fünf Prähistoriker aus dem Umfeld Reinerths Fuß gefaßt. Es ist eine gewisse Tragik, daß der Mehrheit dieser jungen Menschen eine Zukunft im Fach versagt geblieben ist. Viele von ihnen sind offenbar in Verwaltungen oder im Lehrerberuf verblieben. Von den 48 bekannten männlichen Studenten sind 17 Personen im Krieg gefallen, d. h. jeder dritte.
Achim Leube wird gewußt haben, wovon er sprach. Eine ähnliche "Tragik" wird es für manchen DDR-Archäologen und Archäologie-Studenten nach 1989 gegeben haben. Ansonsten: Man ist immer wieder erschüttert über die Kriegsverluste der deutschen Archäologie-Studenten. Unter der Schülerschaft von Gero von Merhart war es ähnlich (siehe unten). Wie es dazu kam, daß so wenig Schüler von Hans Reinerth nach 1945 im Fach Fuß fassen konnten, dazu hat dieser genannte Gero von Merhart allerdings sehr viel beigetragen - wie wir weiter unten noch hören werden.
Zurück zu Georg Kossack. Im Wintersemester 1943/44 studierte er Archäologie in Halle bei Walther Schulz (Wiki). Dies war der Nachfolger von Hans Hahne, des Neugestalters des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Halle. Auch sie waren beide zugehörig zur "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie.
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| Abb. 4: Das Hauptwerk von Hans Reinerth ab 1940***) |
Im Sommersemester 1944 studierte Kossack dann in Freiburg im Breisgau bei dem Archäologen Georg Kraft (1894-1944) (Propyl). Kraft hatte wiederum gemeinsam mit Reinerth in Tübingen studiert. Kossack hörte bei ihm die Vorlesung "Die Kelten", verfolgte in Freiburg auch weiterhin seine Interessen für griechischen Kunst, hörte auch die Vorlesung "Deutsche Plastik im 13. und 14. Jahrhundert". Außerdem belegte er drei Lehrveranstaltungen bei dem Professor für Anthropologie Johann Schäuble (1904-1968) (Wiki). Dieser sollte ab 1957 die "Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie" heraus geben. Sodann lesen wir (DigBibl):
Das weitere Studium in Freiburg im Breisgau war nicht mehr möglich, weil Georg Kraft bei den Luftangriffen (Operation Tigerfish) auf Freiburg am 27. November 1944 getötet worden war.
- - - Nur noch mal zur Einordnung: Das war keine reguläre Kriegsführung. Das war Kriegsverbrechen. - Was für krasse Studienjahre. Sterben war allerdings für den Studenten Georg Kossack nichts Neues. Für das Wintersemester 1944/45 wechselte Kossack zurück nach Halle.
Das Schiff sinkt ... - schnell runter ... - November 1944
Doch nun stellen wir eine entscheidende Wende im Leben von Georg Kossack fest. Innerlich scheint sich Kossack spätestens zu diesem Zeitpunkt für eine ganz andere Richtung hinsichtlich der Fortsetzung seines Studiums entschieden zu haben: Alle bisher genannten Archäologen - in Berlin, in Halle und in Freiburg - gehörten der sogenannten "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie an. Schon vor seinem Wechsel zurück nach Halle muß Georg Kossack aber nun an den schon emeritierten Marburger Archäologen Gero von Merhart (1886-1959) (Wiki) geschrieben haben und ihn um Rat gefragt haben, was die Weiterführung seines Studiums betrifft. (Der Lehrstuhlnachfolger von Merhart in Marburg, Wolfgang Dehn [Wiki], war 1944 zum wiederholten mal zur Wehrmacht eingezogen worden. Deshalb hat Merhart für ihn die Lehrveranstaltungen bis 1947 übernommen, bis Dehn aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück gekehrt ist.)
Welche Überlegungen, gegebenenfalls Gespräche unter den Studenten und akademischen Mitarbeitern Kossack bei dieser Kontaktaufnahme zu Merhart leiteten, ist bislang nicht klar. Vielleicht haben ja sogar Angehörige der Kossinna-Schule selbst Kossack zu diesem Schritt geraten. Gero von Merhart war - sozusagen - einer der führenden Köpfe der ideologischen Gegner der "Kossinna-Schule". Das wird Georg Kossack sicher deutlich bewußt gewesen sein. Und sein Wechsel nach Marburg war diesbezüglich sicher eine sehr bewußte Entscheidung. Hat Kossack mit dem nahenden Kriegsende voraus gespürt, daß es für ihn als Schüler der Kossinna-Schule in der deutschen Archäologie keine Zukunft mehr geben würde? Das haben in jenen Jahren wohl viele Archäologen ähnlich frühzeitig wahrgenommen. Denn Reinerth stand in jener Zeit schon ziemlich isoliert innerhalb seines eigenen Faches da.
Gero von Merhart hatte das Jesuiteninternat Stella Matutina in Feldkirch in der Schweiz besucht und hatte dort 1906 die Matura erworben (Acad). In den 1930er Jahren sandte er auch wieder seine eigenen Söhne auf dieses Jesuiteninternat. Unter anderem deshalb war er von Seiten der "Kossinna-Schule" als Teil eines christ-katholischen Netzwerkes wahrgenommen worden, das sogar innerhalb des Dritten Reiches sehr einflußreich geblieben sei, und aufgrund dessen mehrere Archäologen der Kossinna-Schule sogar während des Dritten Reiches glaubten, bespitzelt zu sein. Merhart wurde aufgrund dieser Gegnerschaft im Jahr 1938 als Professor beurlaubt. Er erhielt allerdings im Gegenzug einen Forschungsauftrag des SS-Ahnenerbes, den er auch annahm (8). Der erstere Umstand wurde nach 1945 hervor gehoben, der letztere Umstand trat völlig in den Hintergrund. Er ist dementsprechend auch bis heute auf Wikipedia nicht erwähnt. - Merhart antwortete nun auf Kossack's Schreiben. Und Kossack schrieb am 17. Dezember 1944 an Merhart:
Es war für mich eine große Beruhigung, in der Weiterführung des Studiums nunmehr klarer sehen zu können als es sonst der Fall sein mußte.
Er schreibt schon, daß er bezüglich der Zimmersuche in Marburg mit einer baldigen Zusage rechnet und daß er deshalb hofft, bald nach Marburg kommen zu können:
Bis zu diesem Zeitpunkt werden ja wohl hoffentlich die äußeren Umstände, unter denen wir alle im Äußersten zu leiden haben, günstigere sein.
Eine auffallend "optimistische" Äußerung für jemanden, der am 17. Dezember 1944 mitten in Deutschland lebt, und dessen akademischer Lehrer in Freiburg gerade im Bombenhagel ums Leben gekommen war.
Zunächst setzte Kossack noch bis zum Semesterende sein Studium in Halle fort, wo er wieder Vorlesungen und Seminare bei Walther Schulz besuchte. Er hörte aber auch wieder Vorlesungen zur "Erb- und Rassenlehre", sowie "Rassenbiologie", diesmal bei Professor Georg Frommolt, einem in Halle angesehenen Gynäkologen und Anthropologen.
Halle wird durch die US-Armee besetzt - 19. April 1945
Am 19. April 1945 wurde Halle durch die 104. US-Infanteriedivision („Timberwolf-Division“) eingenommen. Die Kämpfe um die Stadt dauerten vier Tage, bevor die Übergabe erfolgte. Es gab aber keine größeren Zerstörungen.
Am 23. Mai 1945 wurde für Georg Kossack vom "Military Gouvernement of Germany" eine "Temporary Registration" ausgestellt, nach der er sich nicht aus Halle entfernen durfte - unter Androhung von sofortigem Arrest.
Neubeginn in Marburg - September 1945
Erst im September 1945 wird Kossack dann für das Wintersemester 1945/46 in Marburg eingetroffen sein. Dort ist er nun für sein 5. Fachsemester an der Universität Marburg eingeschrieben. Welche inneren Verschiebungen, äußeren Erfahrungen und Gespräche mögen es gewesen sein, die den einstigen Kriegsfreiwilligen des Jahres 1940 im Verlauf der vier Jahre bis Ende 1944 nun so entschieden nach Marburg wechseln ließen?
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| Abb. 5: Gero von Merhart mit Dokotoranden und Studenten vor der Elisabethkirche in Marburg 1938 - Margarethe Philippson 2. v.r. (AktaArcha) |
Die ersten sieben Veranstaltungs-Eintragungen im Studienbuch für das Wintersemester 1945/46 liegen alle im Bereich Germanistik, in dem er bislang nicht studiert hatte. Diese germanistischen Studien hat er auch in den Folgesemestern in kleineren Anteilen fortgesetzt, ergänzt durch Lehrveranstaltungen zur allgemeinen Geschichte. So hörte er etwa auch eine Vorlesung zur "Geistesgeschichte Rußlands im 18.-19. Jahrhundert". Bei Gero von Merhart hörte er "Einführung in die Urgeschichte" (1):
Die prägenste akademische Station für Georg Kossack war das Studium im sogenannten "Marburger Laden". Neben Gero von Merhart (1886-1959) gestaltete Margarete Philippson (genannt "Der Philipp") das Institutsleben, "... weil sie aus dem Seminar einen 'Laden' formte, eine Gemeinschaft, deren Mitglieder sich in politisch schwieriger Zeit aufeinander verlassen konnten und Freundschaften schlossen, die lebenslang hielten." (G. Kossack 1986, S. 4).
So zitiert nach (4). Diese Margarete Philippson (geb. 1903) (DigBibl) war die langjährige Sekretärin Merharts (Propyl). In einer Veröffentlichung des Jahres 1973 erinnert sich jemand an die Fürsorge (GB, 1973, S. 333), ...
... die mir Merharts langjährige Sekretärin, Frau Margarete Philippson, Marburg, hat zuteil werden lassen. Sie hatte uns Jüngere ja schon während unseres Studiums betreut, war uns Kamerad geworden und zuverlässiger Mentor in schwierigen Lagen. Sie hat Merharts Schicksal treu und uneigennützig mitgetragen, verstand ihn wie niemand sonst und wußte in vielen Gesprächen die Stimmung wiederzuerwecken, die die Persönlichkeit Merharts in guten wie in schweren Tagen um sich verbreitet hat.
Erschütternd die Zeilen, die Gero von Merhart am 23. Mai 1946 an seinen vormaligen Kollegen Gerhard Bersu schrieb, der nach England emigriert war (zit. n. 8):
Von meinen und jedenfalls teilweise Ihren Schülern sind Buttler, Kersten, Holste, Wagner, Eckes, Lucke, Behaghel und Grünberg draußen geblieben und Nass in der Fremde gestorben.
Kossack blieb in Marburg bis zum Sommersemester 1947. Wir lesen (2):
Mit dem Wechsel nach Marburg 1945/46 brach für Kossack ein entscheidender neuer wissenschaftlicher und persönlicher Lebensabschnitt an. Als Teil einer jungen, in jeder Hinsicht vom Krieg versehrten Generation fand Kossack in Marburg mit Gero von Merhart nicht nur einen akademischen Lehrer, der selbst im Nationalsozialismus durch die Aktivitäten Hans Reinerths seinen Lehrstuhl verloren hatte, sondern auch eine Persönlichkeit, die für diese Generation prägend wirken sollte und für einen ideologiebefreiten Neubeginn des Faches stand.
Nunja, "ideologiebefreiter Neubeginn", das klingt ein bisschen nach Plattitüde, das klingt schon wieder für sich selbst "propagandistisch", plakativ. Nein, wir können es auch genauer sagen: Es ist nicht ideologiefrei, wenn ich bereit bin, wissenschaftlich alles für richtig zu halten nur nicht das, was ein Gustaf Kossinna und seine Schüler und "Enkel" für richtig gehalten haben. Genau das ist erneut: "Ideologie".
Die Rolle Gero von Merhart's in den Entnazifizierungsverfahren zahlreicher Fachkollegen, die fast alle Nationalsozialisten waren und der SS angehört hatten, ist schon 2012 in einer Studie kritisch hinterfragt worden (8) von einer Marburger Archäologin, die zu Gero von Merhart eine Magisterarbeit vorgelegt hatte und zu ihm auch eine Doktorarbeit erarbeitete (die wohl bis heute nicht veröffentlicht ist [?] - so groß scheint das Interesse in ihrem kritischen Hinterfragen dann innerhalb des Faches doch nicht zu sein). Zusammenfassend ist dabei festgestellt worden, daß Gero von Merhart maßgeblich zur "Legendenbildung" beigetragen hat was die Geschichte der deutschen Archäologie zwischen 1933 und 1945 betrifft (8):
Die Entnazifizierungsverfahren, an denen Merhart mitwirkte, stützen sich dabei auf den Versuch, ein Schwarz-Weiß-Bild der NS-Prähistorie zu zeichnen. Hans Reinerth bekam darin den Part des „Bösen“, also Auszuschließenden, der damit auch die Funktion hatte, die „Guten“ zu entlasten. Einher ging dies mit der Festschreibung, Reinerth habe völkisch übersteigerte Germanomanie betrieben, während die Merhart nahestehenden Forscher methodisch sauber und objektiv wissenschaftlich gearbeitet hätten. Diese Sicht steht in einem direkten Gegensatz zur gesamtgesellschaftlichen Entlastungslegende, die in der SS den Hauptakteur der deutschen Verbrechen sehen wollte. Sie schlägt sich noch zwanzig Jahre später in den beiden Arbeiten von Reinhard Bollmus (1970) und Michael Kater (1974) nieder und bestimmt, von diesen Arbeiten ausgehend, auch heute noch oft die Forschung. Einen Blick auf die direkte Nachkriegszeit zu werfen, bedeutet daher, zu den Anfängen der Legendenbildung zurückzukehren.
Wie wir unten noch sehen werden, ist auch Kossack dieser "Legendenbildung" bis zu seinem Lebensende nicht entgegen getreten, weshalb sie bis heute so außerordentlich stark nachwirkt. Übrigens weist die Rolle Gero von Merharts viele Parallelen auf mit der zeitgleichen Rolle, die der führende Pastor der Bekennenden Kirche Martin Niemöller nach 1945 bei der Rehabilitierung zahlreicher Pfarrer spielte, die zuvor den "Deutschen Christen" angehört hatten. Aber das nur nebenbei.
Der wissenschaftliche Nachlaß von Georg Kossack soll übrigens noch mancherlei spannende Details enthalten, die auf die Zusammenhänge Licht werfen könnten. Darüber wird unter anderem angeführt (3):
Ein anderes Beispiel betrifft Kossacks Sammlung von für ihn forschungsgeschichtlich interessanten Quellen. Eine dieser Quellen ist die schriftliche Dokumentation einer Veranstaltung der Stadt Ahrensburg zum Umgang mit dem Andenken an Alfred Rust unter dem Titel »Alfred Rust und die Rahmenbedingungen für die Archäologie im Dritten Reich« vom November 2000. Die Veranstaltung dokumentiert die hitzige Diskussion, ob ein archäologischer Lehrpfad nach dem Ahrensburger Ehrenbürger Alfred Rust benannt werden soll und wie Rusts Tätigkeit für das »Ahnenerbe« und seine freiwillige Meldung zur Waffen-SS zu bewerten seien (vgl. Pape 2002, 330). Diese Diskussion steht exemplarisch für die Konfliktlinien im Umgang mit deutschen Prähistorikern, deren Karrieren vor 1945 erst in den letzten 20 Jahren verstärkt Beachtung geschenkt wurde. Auch wenn Kossack sich in diesem Themenfeld in erster Linie zum Fall Merhart und zur Rolle Hans Reinerths geäußert hat, so finden sich doch zahlreiche - meist unpublizierte - Quellen und Notizen zu diesen Fragen in seinem Nachlaß (Kossack 1999, 56–76).
Es dürfte spannend sein, darüber noch mehr zu erfahren. Und wir wollen solche Fragestellungen auch hier auf dem Blog weiter im Auge behalten.
Kossack's Darstellung zur Geschichte der deutschen Archäologie im Dritten Reich (1999)
Georg Kossack wurde im Jahr 1988 emeritiert. Zehn Jahre nach seiner Emeritierung und fünf Jahre vor seinem Tod gab er eine Darstellung zur Geschichte seines Faches während des 20. Jahrhundertes und insbesondere auch während des Dritten Reiches (6). Es handelt sich um jene, die am Ende des letzten Zitates erwähnt worden ist. Diese Darstellung läßt den Leser mit eigentümlichen Gefühlen zurück. An zentraler Stelle derselben zitiert er einen Brief von Gero von Merhart aus dem Herbst 1945 an den ostdeutschen Archäologen Bolko Freiherr von Richthofen. Merhart's darin enthaltene Sichtweise auf die Entwicklung des Faches bis dahin scheint Georg Kossack noch im Jahr 1999 vollständig zu teilen. Dies gilt insbesondere auch bezüglich der Würdigung der Verdienste von Gustaf Kossinna, die sich in diesem Brief von Merhart auch findet.
1. Zur Einordnung Kossinna's in die Wissenschaftsgeschichte
Kossack führt in seiner Darstellung einleitend aus (6):
Nach dem ersten Weltkrieg trat bei manchen Archäologen in Deutschland der nationale, völkische Gedanke in den Vordergrund und spornte zu intensivierter Germanenkunde an, vor allem in den Ländern ostwärts der Elbe. Heute beurteilt man die Gelehrten, die diese Richtung vertraten, als Wegbereiter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das ist genauso irreführend als wenn man behauptete, alle Vorgeschichtsforscher der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR hätten dort die ideologischen Voraussetzungen für die „sozialistische“ Diktatur geschaffen, nur weil einige in führender Position den historischen Materialismus als einzig mögliche Methode auch prähistorischer Forschung praktizierten.
Er stellt ausführlich die Fragestellungen, Bestrebungen und Sichtweisen des Anthropologen und Archäologen Rudolf Virchow dar und die sich daran anknüpfenden Fragestellungen und Sichtweisen von Forschern anderer Fächer. In den Rahmen all dieser Bestrebungen ordnet er dann - sozusagen "harmonisch" - die Fragestellungen und Sichtweisen von Gustaf Kossinna ein.
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| Abb. 6: Titelseite der Darstellung von Georg Kossack, 1999 |
Kossinna erscheint danach keineswegs als "bracchialer Neuerer", sondern als jemand, der Fragestellungen anderer Disziplinen erstmals konkreter auf die Archäologie angewandt hat (6):
Der Grundgedanke, aus der Verbreitung typischer Formen des Sachbesitzes auf verkehrsgeographisch begründbare Räume und infolgedessen auf Territorien zu schließen, die ethnisch einheitliche Bevölkerungsgruppen bewohnten, geht auf Überlegungen der Anthropogeographie zurück. Carl Ritter (1779-1859) und Friedrich Ratzel (1844-1904) hatten dieses Wissensgebiet zu einer selbständigen Disziplin gemacht, wobei Ratzel an die philosophischen Systeme von Montesquieu und Herder anknüpfte und vornehmlich aus ethnographischen Quellen schöpfte. Die Menschen, lehrte er, seien keine beliebig manipulierbare Größe im historischen Prozeß, sie unterschieden sich nach biologischen Merkmalen wie nach ihren kulturellen Einrichtungen. Deshalb dürfe man von raumbezogenen Kulturgruppen sprechen. Aus anthropologischen Merkmalen und ethnographisch beschreibbaren Besitztümern ließen sich die Beziehungen zwischen den Völkern rekonstruieren. Außer den sprachlichen Eigentümlichkeiten müsse vor allem der Verbreitung der Gegenstände Bedeutung zugemessen werden, „weil die Gegenstände den Stempel des Volkes tragen, das sie verfertigte. Wir erkennen an ihnen, wo immer sie auftreten mögen, das Volk, von dem sie ausgehen“ (1891). Deshalb spiegele sich in ihrer geographischen Verbreitung der Verbreitungskreis des Volkes oder dessen Verkehrsraum wider. Je enger das Objekt mit denjenigen zusammenhinge, die es verwendeten, desto sicherer setze ihre Übertragung in andere Kulturkreise Völkervermengung und -mischung voraus. Diese Gedanken waren bei den Kontakten der Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte im „anthropologischen Zeitalter“ des Faches in Deutschland gemeinsame Überzeugung aller Forscher. Für die prähistorische Archäologie sie präzise formuliert zu haben, war das Verdienst eines Germanisten, Gustaf Kossina (1858-1931). Wenn zum Begriff „Volk“ seit Herder ein abgeschlossenes, mehr oder weniger dicht besiedeltes Landgebiet von annähernd einheitlicher Kultur und Sprache gehörte, müßten, folgerte Kossinna 1895, in den „archäologischen Kulturprovinzen“ Völker- oder Stammesgebiete stecken. Später erhob er diese Hypothese zum Lehrsatz: „Scharf sich heraushebende, geschlossene archäologische Kulturprovinzen fallen unbedingt mit bestimmten Völker- und Stammesgebieten zusammen“.
In einer Anmerkung nennt Kossack wissenschaftliche Literatur, die sich mit Kossinna befaßt und stellt in diesem Zusammenhang erneut fest:
... hier als einer der Wegbereiter nationalsozialistischer Ideologie beurteilt, eine Simplifizierung, die von geringer Kenntnis der Ära zeugt, die Kossinna geprägt hat (s.u. S. 39 ff).
Wie er selbst Kossinna beurteilt, wird aus den weiteren Ausführungen deutlich (6):
In Richard Wagners „Ring“, 1876 erstmals zusammenhängend aufgeführt und schon damals als nationale Tat gefeiert, schien germanisch-deutsches Wesen wiederzuerwachen. Viele Deutschbewußte verstanden dieses Erlebnis als Einladung, sich intensiver mit Germanenkunde zu befassen, die damals in der Literatur- und Sprachwissenschaft als philologische Teildisziplin Hervorragendes geleistet hatte. Indessen, der sich formierende Widerstand gegen den raschen Aufschwung experimenteller Fächer und die unheilvollen Folgen rasanter Industrialisierung, gegen den fortschreitenden Zerfall der alten Standesordnung und deren Wertbegriffe, schließlich gegen die steigende Gewinnsucht und das Imponiergehabe eines saturierten Bürgertums, er rief jene „völkische Bewegung“ ins Leben, in der sich alsbald auch namhafte Akademiker zusammenfanden. Sie verteilten sich zwar auf zahlreiche Organisationen mit variierenden Programmen, aber der Gedanke an eine Reform des Lebens, die in der edlen Größe des Germanentums ihr Vorbild haben sollte, einte sie. Insofern legten sie ein pseudophilosophisches Fundament, auf dem die „Konservative Revolution“ der zwanziger Jahre weiterbauen konnte.
So weit, sicherlich so richtig. Und man möchte fast vermuten, Kossack würde hier auch über seine eigene Jugendzeit schreiben. Ausdrücklich kenntlich macht Kossack das allerdings nicht. Kossinna, so schreibt Kossack weiter (6), ...
... ließ sich von einer geistigen Bewegung tragen, die man sehr bewußt als Abkehr von der bürgerlich-liberalen Kultur der Zeit empfand. Wer gemeinschaftlich die mannigfaltigen Erscheinungsformen der Natur, der bäuerlichen Lebensweisen und die Werke aus urbaner Vergangenheit erwanderte, für den erwuchs daraus ein geschärftes Wertbewußtsein für die Schöpferkraft, die in den Leistungen des eigenen Volkes Gestalt gewann. Dem Bedürfnis, dessen Ursprung nachzugehen, entsprach Kossinna schon 1912 in seinem Buch „Die deutsche Vorgeschichte, eine hervorragend nationale Wissenschaft“.
Auch dies ist sachlich richtig. Und man möchte auch hier wieder fast heraus hören, was Kossack selbst in seiner Jugend dazu veranlaßte, Archäologie zu studieren - als Schüler dieser Kossinna-Schule und geprägt womöglich auch aufgrund von Erfahrungen in der Hitler-Jugend des Dritten Reiches. Daß Kossack sich der Einseitigkeiten der Kossinna-Schule bewußt ist, wird ebenso deutlich und wird auch gut durch Gero von Merhart in seinem Brief vom Herbst 1946 gekennzeichnet.
2. Zur deutschen Archäologie während des Dritten Reiches
Kossack's Darstellung der Geschichte der deutschen Archäologie während des Dritten Reiches wird man nun allerdings doch recht einseitig nennen müssen. Er folgt nur der Sicht Gero von Merhart's auf diese Geschehnisse, in keiner Weise der Selbstwahrnehmung der Kossinna-Schule in dieser Zeit. Er stellt es so dar, als ob der starke, totalitäre Staat den machtlosen "redlichen" Archäologen gegenüber gestanden sei. Das ist sicherlich eine Facette dieses Geschehens - aber nicht das vollständige Bild. Unter Berufung auf (7) führt er aus, es seien von Seiten des Staates gebraucht worden (6) ...
... organisatorisch begabte, selbstbewußte Naturen, die es an den Schaltstellen der Macht vor allem unter jungen Leuten in etlicher Menge gab, in Parteiämtern, im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und auch in der Notgemeinschaft (Deutsche Forschungsgemeinschaft), die seit 1920 viele Unternehmen und qualifizierten Nachwuchs finanziell gefordert hatte, aber nach der Machtübernahme Hitlers dem „Führerprinzip“ glaubte folgen zu müssen. Man begann dort alsbald, auch Rosenbergs parteiamtliche Kontrollbehörde und Himmlers Schützlinge mit erheblichen Beträgen zu unterstützen, bis 1936 die einsetzende Kriegswirtschaft („Vierjahresplan“) eine Wende in der Wissenschaftspolitik notwendig erscheinen ließ. Wie sie sich auf die Forschungsgemeinschaft auswirkte, untersuchte kürzlich Notker Hammerstein (1999). Ein Protege Himmlers, höherer SS-Offizier, im Ministerium leitend tätig, übernahm die Präsidentschaft der Forschungsgemeinschaft, weitete die Förderung auf kriegswichtige Zweckforschung aus („Reichsforschungsrat“), zu der auch die Volkstumsforschung aller einschlägigen Sparten zählte, und vergaß dabei das „Ahnenerbe“ nicht, während er Rosenberg die bis dahin reichlich fließenden Mittel sperrte. Das hinderte jedoch weder den Reichsleiter noch dessen Gehilfen im Amt Vorgeschichte, Hans Reinerth (1900-1990) daran, Professoren konservativer Geisteswissenschaften unsachlich, ja rüde zu diskreditieren.
In dem letzten zitierten Satz fehlt der logische Zusammenhang mit den vorhergehenden Ausführungen. Mittelsperrung hätte Reinerth also "hindern" sollen, "rüde zu diskreditieren"? Könnte es nicht umgekehrt sein, daß Reinerth auch in dieser Mittelsperrung Machenschaften seiner "Gegner" sah, die dazu geführt haben könnten, daß sich sein Ton und sein Verhalten gegenüber den von ihm identifizierten "gegnerischen" Netzwerken verschärfte? Daß auch eine solche Sichtweise zumindest möglich ist, fehlt uns bei der Darstellung von Kossack. Kossack weiter (6):
Das trieb etliche Studenten und Fachvertreter in die Arme der SS und ihres „Ahnenerbes“ , weil sie sich dort unangreifbar, der herrschenden Klasse zugehörig wähnten. Reinerth, bis 1934 Dozent in Tübingen, wo er sich ungerecht behandelt fühlte, im Rosenbergschen „Kampfbund für deutsche Kultur“ in leitender Position tätig, wurde 34jährig an die Berliner Friedrich Wilhelms-Universität und zugleich in die erwähnte parteiamtliche Kontrollbehörde berufen. Er setzte sich sogleich vehement für das geplante Reichsinstitut ein, auch mit unredlichen Mitteln, die er um so bedenkenloser nutzte, je mehr er Widerstand gegen seine Person und seine Forderung nach alleiniger Führerschaft vernahm (Heiber 1966, 245ff.; Bollmus 1970, 162ff. 221 ff.; Junker 1997, 55ff). Seine Gegner fand er im Marburger Kreis um Gero v. Merhart und in den Präsidenten des Archäologischen Instituts, Gerhard Rodenwaldt (1886-1945) und Theodor Wiegand (1864-1936), der zur Führungsspitze des Staates Verbindungen unterhielt.
Bei dem erwähnten "Protege Himmlers" handelt es sich um Rudolf Menzel (1900-1987) (Wiki), von dem berichtet wird, daß er schon in Göttingen "Netzwerke" geknüpft habe, und daß er ein ausgesprochener Karrierist gewesen sei. Während Kossack also noch verstehende Worte für Kossinna findet, findet er solche für Hans Reinerth in keiner Weise mehr.
Im Gegenteil. Ohne eigene Distanzierung und Einordnung zitiert er einen Brief Gero von Merhart's aus dem Herbst 1945 an den ostdeutschen Archäologen Bolko Freiherr von Richthofen, in dem Merhart Reinerth nichts weniger als einen "Lumpen" nennt, und in dem er von der "Schuld" ostdeutscher Kollegen am Niedergang des Faches spricht, und in dem er spricht von den "wissenschaftlich-politisch-weltanschaulichen Bastarden", die die Fehlentwicklung des Faches hervor gebracht hätten. Das sind schon krasse Bewertungen und Stimmungen, die aus diesem Brief sprechen. Ist es wirklich so, daß Gero von Merhart selbst völlig von "Rachsucht" frei war? Wenn dieser Brief also womöglich insgesamt auch rein sachlich die Entwicklungen innerhalb der deutschen Archäologie zwischen 1933 und 1945 ganz treffend charakterisiert, wird doch deutlich, daß Merhart persönlich in gar keiner Weise erhaben "über den Dingen" stand. Sondern auch dieser Brief schüttete nur wieder neues Öl ins Feuer. Mehrhart schreibt gar (6):
Die niederträchtige Behandlung, die Reinerth unter Deckung Rosenbergs mir widmete, hat meine Gesundheit zerschlagen.
Da scheint rein menschlich alles Porzellan zerschlagen, das überhaupt nur hatte zerschlagen werden können. Als Nachgeborener fragt man sich, woher diese überaus starken Emotionen gerührt haben mögen. Merhart selbst stellt sich nur als Opfer, nicht als Mitwirkender in Netzwerken und nicht als Nutznießer von Netzwerken dar, die ebenfalls während des Dritten Reiches über Einfluß verfügten. Kossack übernimmt diese Sichtweise Merharts offenbar vollständig. Eigenwahrnehmungen läßt Kossack nicht einfließen. Zu diesen ist sein Mund wie "zugenäht".
Walter Jens war gleichen Jahrgangs wie Kossack. Walter Jens starb zehn Jahre nach Kossack. Das Buch seines Sohnes Tilman Jens "Demenz - Abschied von meinem Vater" erschien 2009, zehn Jahre nach dem hier behandelten Aufsatz von Georg Kossack. Ob mit diesem Buch nicht auch der innere Zwiespalt, die "Demenz" und der zugenähte Mund eines ganzen Jahrgangs gekennzeichnet ist?
Soweit wir die wissenschaftliche Literatur zur Wissenschaftsgeschichte der Archäologie im Dritten Reich übersehen, werden selten bis nie Verbindungen und Überschneidungen gesehen und aufgezeigt mit dem damaligen, parallelen "Kirchenkampf" im Dritten Reich, mit der damaligen "Glaubenskrise" im Dritten Reich (rund um die sogenannten "Deutschen Christen"). Es ist aber doch deutlich, daß die Kossinna-Schule der deutschen Archäologie - ebenso wie Alfred Rosenberg selbst - klar für einen damaligen, starken neuheidnischen Impuls im deutschen Geistesleben standen. Und zumindest soweit es die Eigenwahrnehmung der Kossinna-Schule selbst betrifft, wehte ihr gerade wegen dieses fehlenden christlichen "Gesangbuches" so viel Gegenwind aus der eigenen Facharchäologie entgegen. Und sie sahen diesen Gegenwind insbesondere in Gero von Merhart verkörpert, der, wie erwähnt, nicht nur selbst in der Schweiz auf ein Jesuitengymnasium gegangen war, sondern der auch seine eigenen Söhne auf dieses schickte.
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Die endgültige Wende in der Schlacht um Moskau brachte die sowjetische Gegenoffensive ab dem 5. Dezember, welche auch das Regiment Großdeutschland traf. In der Nacht auf den 7. Dezember gab es die ersten Gefechte mit den frischen sibirischen Truppen, die hervorragend für den Winterkampf ausgebildet und ausgerüstet waren. Nachdem Generaloberst Guderian eigenmächtig für seine Panzerarmee den Rückzug befohlen hatte, begann dieser für die Einheiten des Infanterie-Regiments Großdeutschland in den Morgenstunden des 8. Dezembers. In den nächsten Wochen zogen sich die Einheiten des Regiments immer weiter nach Westen zurück. Die Gefechtsstärke der Kompanien sanken dabei auf jene von Zügen, sodaß Einheiten zusammengelegt werden mußten. Die vom Vormarsch her bekannte Stadt Mzensk passierten die dezimierten Großdeutschland-Verbände am Morgen des 22. Dezembers westwärts. In der Nähe von Bolchow wurden die Reste des Regiments in den Oka-Brückenkopf eingegliedert. Nach einigen Tagen der Ruhe griff die Rote Armee den Brückenkopf immer wieder an und fügte den dezimierten Verbänden noch weitere Verluste zu. Am 20. Januar wurden diese aus der Verteidigungsstellung herausgelöst und bis 21. Februar für lokale Angriffsunternehmen in Dörfern wie Jagodnaja oder Gorodok, die sich im Großraum Belew befanden, eingesetzt. Durch diese verlustreichen Kämpfe sank die Kampfstärke des einstmals so großen Verbandes auf drei Offiziere und 30 Unteroffiziere und Mannschaften, fast 1.000 Mann waren in den vergangenen Monaten gefallen und etwa 3.000 verwundet worden.
***) Reinerth hat sich in diesem Werk unter anderem Mühe gegeben, alle archäologischen Hinweise auf einen Odin-Glauben bei den germanischen Stämmen zusammen zu tragen. Sie finden sich verstreut in den drei Bänden. Im Zusammenhang mit dem Odin-Glauben wollten Teile der SS den heidnischen Germanen in Anlehnung an den Marburger Religionswissenschaftler Rudolf Otto ("Das Heilige", 1917) damals unterstellen, es hätte bei ihnen "Männerbünde" gegeben (die dementsprechend - in Form der SS und anderer Männerbünde - fortzuführen wären). "Neuheiden" wie Bernhard Kummer sind dieser Annahme damals entschieden entgegen getreten (wohl in Übereinstimmung mit Alfred Rosenberg). Und offenbar hat auch Hans Reinerth zu dieser Frage das Seine beitragen wollen. Das mag einer der vielen Aspekte im Leben von Reinerth sein, die vermutlich noch nicht ausreichend Aufmerksamkeit gefunden haben.
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- Dr. Gabriele Rasbach, Sandra Schröer-Spang M.A.: Georg Kossack (1923-2004) - Wegbereiter einer interdisziplinären Archäologie. Eine virtuelle Ausstellung zum 100. Geburtstag. Gestaltet von der Römisch-Germanischen Kommission, die den Nachlass Georg Kossacks aufbewahrt (DgtBib)
- Harald Meller trifft Hermann Parzinger - Skythen. Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, Veröffentlicht am 9.4.2026, aufgenommen im Jahr 2024 (Yt2024)
- Urte Dally und Christoph Jahn: Der wissenschaftliche Nachlaß von Georg Kossack (1923-2004). In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte / Band 97 / 2019 (pdf)
- Gedenkschrift für Gero von Merhart. Zum 100. Geburtstag. Frey, Otto-Hermann; Dobiat, Claus; Roth, Helmut; Merhart, Gero von. Hitzeroth, Marburg 1986
- Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Band 35. 1973 (GB, 1973, S. 333)
- Kossack, Georg: Prähistorische Archäologie in Deutschland im Wandel der geistigen und politischen Situation. In: Sitzungsberichte - Bayerische Akademie der Wissenschaften, Jg. 1999, Heft 4, 2. Juli 1999 (pdf)
- Hammerstein, Notker: Die deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich: Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur 1920-1945. 1999
- Dana Schlegelmilch: Gero von Merharts Rolle in den Entnazifizierungsverfahren „belasteter“ Archäologen. In: Regina Smolnik (Hrsg.), Umbruch 1945? Die prähistorische Archäologie in ihrem politischen und wissenschaftlichen Kontext (= Beiheft 23 der Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege), Dresden 2012, 12-19 (Acad)
- Achim Leube: Zur Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität 1933-1945 (HUBerlin2004)
2.900 v. Ztr. - Steppengenetik am Rhein - Iberer-Genetik im Pariser Becken
Soeben ist eine neue archäogenetische Studie der Forschungsgruppe um den dänischen Archäogenetiker Eske Willerslev und den dänischen Archäologen Kristian Kristiansen erschienen. Im Mittelpunkt steht die die Untersuchung von den menschlichen Überresten von mehr als 130 mittelneolithischen Personen, die in einem Galerie-, bzw. Ganggrab 50 Kilometer nördlich von Paris bestattet worden waren (in der Nähe der Ortschaft Bury) (1).
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| Abb. 1: Steppengenetik am Rhein, Iberer-Genetik im Pariser Becken um 2.900 v. Ztr. (aus 1) |
Eine eindrucksvolle, für sich sprechende Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Studie findet sich in Abbildung 1.
Interessanterweise ist an der Studie so gut wie kein Franzose beteiligt, weshalb die Studie die neuen Ergebnisse aus der Archäogenetik auch so gut wie gar nicht in den konkreten, regionalen archäologischen Kenntnisstand einordnet und diesem zuordnet.
Die Forscher stellen nämlich sehr überraschender Weise eine Ausbreitung iberischer, mittelneolithischer Genetik bis in den Pariser Raum hinein fest, wo es bis dahin eine einheimische mittelneolithische Genetik gegeben hatte, die sich ab 4.100 v. Ztr. auch schon über die britischen Inseln ausgebreitet hatte (Stg2019). Die iberische mittelneolithische Genetik trat vor 2.900 v. Ztr. im Pariser Becken zunächst nur vereinzelt auf, stellte dann aber nach 2.900 v. Ztr. 80 % der Herkunft der dortigen Bevölkerung (1):
In Übereinstimmung mit unserer Hauptkomponenten-Analyse fanden wir eine hohe Diversität bei den Individuen der Phase 1 mit unterschiedlichen Anteilen modellierter Abstammungen aus dem frühen Neolithikum Frankreichs und einer Gruppe neolithischer Iberer aus dem vierten Jahrtausend v. Ztr. (...). Dieses Muster spiegelt sich auch bei anderen zeitgleichen Individuen aus dem Pariser Becken wider, von den Fundstätten Mont Aimé hypogée (I + II), Wettolsheim und Pont-sur-Seine. Für Phase 2 hingegen ergab die Modellierung eine homogenere Population mit über 80 % (Mittelwert 83,8 % ± 0,1 % Standardabweichung) iberischer Abstammung.
Weiter heißt es (1):
Die Mischungsmodellierung zeigt eine schrittweise Ausbreitung der neolithischen iberischen Abstammung nach Norden (...). Um 2900 v. Ztr. wiesen die Bevölkerungen in Südfrankreich und auf der Iberischen Halbinsel einen großen Anteil iberischer Abstammung auf, während die Menschen im Pariser Becken, wie die Individuen der Phase 1 zeigen, noch einen gemischten Anteil an Abstammung aufwiesen. Nach 2900 v. Ztr. verdrängte eine letzte Ausbreitung der iberischen Abstammung nach Norden die bestehende lokale Abstammung im Pariser Becken teilweise, was zu der in Phase 2 beobachteten homogenen Bevölkerung führte.
Allgemeiner schreiben die Verfasser dann (1):
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts nehmen viele Autoren einen Zustrom an von Menschen von der Iberischen Halbinsel nach Nordwesteuropa, basierend auf der Verbreitung der Glockenbecherkultur im dritten Jahrtausend v. Ztr. (...). Unsere Daten belegen einen genetischen Zustrom von der Iberischen Halbinsel bereits vor dem Phänomen der Glockenbecherkultur: Wir zeigen, daß die Erbauer und ersten Nutzer des Grabes bereits um 2900 v. Ztr. weitgehend durch eine neolithische Bevölkerung aus Südfrankreich und der Iberischen Halbinsel ersetzt wurden. Dieses Datum liegt mehrere Jahrhunderte vor dem ersten bestätigten Zustrom der Glockenbecherkultur in das Pariser Becken.
Soweit übersehbar, ist die Ausbreitung von Iberer-Genetik bis in das Pariser Becken eine für die Archäologie völlig unerwartete Erkenntnis.
Eine völlig unerwartete Erkenntnis
Sie scheint uns doch sehr deutlich ein Hinweis darauf zu sein, daß auf der iberischen Halbinsel im Mittelneolithikum besonders fortschrittliche Gesellschafts- und Wirtschaftsformen ausgebildet worden sein müssen. Allerdings konnten die Archäologen in Spanien oder Katalonien bislang dafür offenbar noch nicht besonders viele konkrete Hinweise zusammen tragen (Wiki). Offenbar. In Katalonien ist die Rede von der "Kultur der Grubengräber" (Wiki) (Spanisch "Cultura de los Sepulcros de Fosa"). Es sind bislang von dieser offenbar keine Siedlungen gefunden worden, es scheinen vorwiegend Gräber und Höhlenbefunde vorzuliegen. Sie erlauben immerhin Rückschlüsse auf Fernhandel (Wiki):
Während der Blütezeit der Bestattungspraxis in Gruben oder Steinkisten (zahlreiche Beispiele finden sich in den katalanischen Regionen Solsonès und Berguedà sowie in Nachbarländern wie Andorra und Frankreich) sind Siedlungen und Hütten selten. In Solsonès wurden zudem zahlreiche Muschelarmbänder gefunden, die wahrscheinlich aus dem Ebrodelta und anderen Küstenregionen stammen. Honigfarbener Feuerstein aus Südfrankreich und Alpenäxte sind ebenfalls häufig in Gräbern von Vallès und Solsonès zu finden. Der Bergbau gewann ebenso an Bedeutung wie der Nah- und Fernhandel. Weitere Fundstücke, die diesen Handel belegen, sind polierte Keramik, typisch für eine Gruppe in Südfrankreich, Gefäße mit quadratischer Mündung und Keramik mit rotem Überzug.
Über die "Kultur der Grubengräber" Kataloniens lesen wir auch (Wiki):
Man geht heute davon aus, daß sie mit der Cortaillod-Kultur der Schweiz, der Lagozza-Kultur Norditaliens und der in Frankreich gefundenen Chasséen-Kultur verwandt war.
Nun, diese "Verwandtschaft" scheint gerade sehr deutlich durch die Archäogenetik bestätigt worden zu sein, denn sie scheint auch auf genetischer Ebene vorzuliegen (1). Inzwischen sprechen die Archäologen auch schon von einer "Chassey-Lagozza-Cortaillod-Kultur" (Wiki):
Die Chassey-Lagozza-Cortaillod-Gruppe (4600–2400 v. Ztr.) wurde wegen der Übereinstimmung ihrer Keramik als zusammenfassende Bezeichnung für die drei jungneolithischen Kulturen Chasséen, Cortaillod und Lagozza vorgeschlagen.
Diese Sichtweise dürfte durch die Archäogenetik nun deutlich untermauert worden sein. Im Pariser Becken nun war auf die Michelsberger Kultur (4.400 bis 3.500 v. Ztr.) (Wiki) die "Seine-Oise-Marne-Kultur" (3.400-2.800 v. Ztr.) (Wiki) gefolgt. Die Archäologie ahnt bislang offenbar nur vergleichsweise wenig von einer Herkunft dieser Kultur aus dem südlichen Frankreich oder gar aus Spanien (Wiki):
Die Seine-Oise-Marne-Kultur wurde nach den zahlreichen archäologischen Funden im Pariser Becken (den Einzugsgebieten der Flüsse Seine, Oise und Marne) benannt. Doch diese Kultur breitete sich weit darüber hinaus aus, durch Nordwestfrankreich und Südbelgien bis hin zu den Niederlanden. (...) Die Elemente, die Mitte des 3. Jahrtausends v. Ztr. in Nordfrankreich auftreten, finden sich in dieser Weise nirgendwo sonst und deuten auf einen lokalen Ursprung hin. (...) Die Seine-Oise-Marne-Kultur existierte zeitgleich mit der Schnurkeramik-Kultur, die sich von Ostfrankreich bis nach Rußland erstreckte. Mit dieser teilt sie so viele gemeinsame kulturelle Elemente, daß erstere als eine Untergruppe der letzteren betrachtet werden kann.
Immerhin bemerkenswerte Ausführungen. Stand die Ausbreitung der "Iberer"-Stämmigen in das Pariser Becken in irgendeinem Zusammenhang mit der Ausbreitung der Schnurkeramiker in dieser Zeit bis an den Rhein (und bis nach Jütland wie wir schon anderwärts erörterten [Stg21])?
In der Seine-Oise-Marne-Kultur begrub der Adel seine Verstorbenen in "Galeriegräbern" und stellte ihnen Stein-Stelen auf. Nach den neuen archäogenetischen Daten sollte die Seine-Oise-Marne-Kultur im Pariser Becken aus der Chasséen-Kultur im südlichen Frankreich hervor gegangen sein (Wiki):
Die Chasséen-Kultur ist eine archäologische Kultur des Mittelneolithikums, die sich zwischen etwa 4350 und 3300 v. Ztr. in Norditalien und sich später im heutigen Frankreich ausbreitete. Sie ist die einzige neolithische Kultur, die sich über einen Großteil dieses Gebiets ausbreitete.
All das, was die Archäologen hier eher zaghaft andeuten, wird durch die Archäogenetik nun deutlich "befeuert" werden. Die Archäogenetik erweitert auch hier sehr deutlich die Perspektiven und Erkenntnishorizonte, läßt mit großer Sicherheit Zusammenhänge erkennen, deren sich die Archäologen bislang gewiß nicht so sicher gewesen sind wie sie es ab jetzt sein werden.
Immerhin: Wir hatten hier auf dem Blog schon behandelt, daß die ältesten Eigendarstellungen der mittelneolithischen Bauern Europas aus Spanien stammen (Stg2019).
Eine Männer-dominierte Gesellschaft schon vor Ankunft der Indogermanen?
Interessanterweise wurden viel mehr Männer als Frauen in den Adelsgräbern bestattet. Mehr als die Hälfte der weiblichen Mitglieder dieser Familien scheinen nicht in diesen Adelsgräbern bestattet worden zu sein. Das mag ein starker Hinweis darauf sein, wie "Männer-dominiert" diese Gesellschaften schon damals waren, also auch hier einmal erneut schon vor Ankunft der Indogermanen.
Außerdem geht die Studie einmal erneut einem "neolithic decline" um 3.000 v. Ztr. nach, einem in weiten Teilen Nordeuropas beobachteten Bevölkerungsrückgang mit erneuter verstärkter Bewaldung. Nun einen solchen "neolithic deline" hat es in den westlichen Regionen der Bandkeramik an ihrem Ende offenbar auch gegeben wie wir erst jüngst berichteten (Stg26). Auch am Ende der "Völkerwanderung" um 500 n. Ztr. sehen wir einen solchen zeitweisen Bevölkerungsrückgang in vielen Regionen Ostmitteleuropas vor der Neubesiedelung durch die Slawen. "Der" "neolithic decline" dürfte also nicht so einzigartig sein wie hier unterstellt wird, sondern im Wechsel der Kulturen und Völker zwischendurch immer einmal wieder aufgetreten sein.
***
Für uns mag all dies ein Anlaß sein, einen Blogartikel-Entwurf aus dem April 2024 hier mit zu veröffentlichen:
Mittelneolithische Megalithkultur - Ihre Ethnogenese in Portugal
Sie entstand im Gebiet der im Gebirge lebenden späten Jäger und Sammler
Die archäogenetische Forschung tastet sich immer näher an die Ursprungsorte der Ethnogenese der mittelneolithischen Völker und Kulturen heran. Zu diesem Thema ist soeben eine archäogenetische Studie zum neolithischen Portugal erschienen (2).
Der Ursprünge der Megalithkultur an der Atlantikküste Westeuropas werden schon seit vielen Jahrzehnten in der Forschung erörtert. Zunächst war angenommen worden, die Megalithgräber-Kultur sei vom Mittelmeerraum durch direkte Bevölkerungs-Ausbreitung an die Atlantikküste gelangt. Die C14-Datierungen schlossen eine solche Erklärung aber aus. Denn die Megalithgräber in Portugal an der Atlantikküste waren älter als die im Mittelmeerraum, sie gehören zu den ältesten der Megalithkultur überhaupt (Wiki).
Nachdem dies klar war, nahm man an, die Megalithgräber in Portugal und anderwärts wären vor allem von den Nachkommen der frühesten bäuerlichen Besiedlung in diesen Räumen errichtet worden. Dieses waren die Hirten und Bauern der sogenannten Cardial-Kultur (Wiki), die sich vom Levanteraum rund um das ganze Mittelmeer und auch entlang der Atlantikküste ausgebreitet hat.
Ab den 1960er Jahren wurde aber von einigen Archäologen auch eine bis heute nur wenig publizierte These vertreten, die der portugiesische Archäologe Manuel Heleno (1994-1970) (Wiki) in Umlauf gebracht hat, nämlich ...
... daß die frühesten Erbauer der Megalithgräber in Portugal direkte Nachkommen der mesolithischen Jäger und Sammler des Muge-Tales waren, die aus dem Tejo-Tal in die inneren Zentral-Gebiete Südportugals eingewandert waren. Dies wäre der Fall bei den Erbauern der Megalithgräber im Montemor-o-Novo-Gebiet in der zentralen Ebene des Alentejo (Heleno, unveröffentlicht; siehe Gonçalves und Andrade, 2020; Rocha, 2009/10), und diesen konnten später ähnliche Gräber im Monchique-Gebirge an der Algarve (Formosinho et al., 1953) zugeordnet werden (Abb. 1B).Entsprechend dieser Sichtweise sind die in diesen Regionen reichlich vorhandenen kleinen, zistenartigen Gräber aus Steinplatten für Einzelbestattungen Zeugnisse dieses Prozesses und stellten die ersten Grabarchitekturen des Neolithikums dar.... that the earliest megalith builders of the country were direct descendants of Muge Mesolithic hunter-gatherers who migrated from the Tagus valley to the interior areas of central-southern Portugal. Such would be the case with the builders of the Montemor-o-Novo megalithic area in the central plains of Alentejo (Heleno, unpublished; see Gonçalves and Andrade, 2020; Rocha, 2009/10), to which similar tombs of the Monchique mountain range in Algarve (Formosinho et al., 1953) would be added later (Fig. 1B).According to this view, the abundant number of small, cist-type graves built with stone slabs for individual burial known in those regions bore witness to the process and represented the first funerary architectures of the Neolithic.
Der hier genannte Tejo-Fluß (Wiki) ist der längste Fluß der iberischen Halbinsel. Er durchfließt diese von Osten nach Westen. Er durchfließt eindrucksvoll in gebirgiger Gegend die Städte Aranjuez und Toledo, 40 Kilometer südlich von Madrid (bekannt z.B. aus Schillers Drama "Don Carlos"). Der Tejo mündet schließlich bei Lissabon in den Atlantik.
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| Abb. 2: Von den spätmesolithischen zu den neolithischen Beisetzungen in Westiberien zusammen mit archäogenetischen Ergebnissen |
Und weiter (2):
Aus diesen architektonisch einfacheren Steinbauten dürften sich die späteren und größeren Gräber mit Passagen und polygonalen Kammern entwickelt haben. Tatsächlich gehen einige Autoren immer noch davon aus, daß diese kleinen Gräber zu gleicher Zeit eine späte Manifestation autochthoner mesolithischer Gruppen und das früheste Stadium der Megalith-Sequenz sind – daher der Begriff „Proto-Megalithismus“ (z. B. Silva und Soares, 2000).The later and larger tombs with passages and polygonal chambers would have evolved out of these architectonically simpler stone structures. Indeed, a number of authors still envisage these small tombs as being simultaneously a late manifestation of autochthonous Mesolithic groups and the earliest stage of the megalithic sequence—hence the term “proto-megalithism� (e.g., Silva and Soares, 2000).
Nun, all das folgt einer "Regel", die überall in Europa zu beobachten ist: An der Ethnogenese der mittelneolithischen Völker nahm die ursprünglich in Europa einheimische Bevölkerung, die westeuropäischen Jäger und Sammler, fast überall Anteil.
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| Abb. 3: Der portugiesische Archäologe Manuel Heleno |
Zum Stand der archäologischen Erkenntnisse zum Neolithikum Portugals wird nun dementsprechend referiert (2):
Um 5500 v. Ztr. wurde die bäuerliche Lebensweise entlang der Küstengebiete der Estremadura und der Westalgarve eingeführt. Von dort aus breitete sich diese Lebensweise im Landesinneren und im Norden aus, wo sie bereits um 5100 v. Ztr. bezeugt ist (gemäß der derzeit verfügbaren Radiokarbon-Chronologien für Zentral-Nordportugal und Galizien). Der Bau von Megalithen begann um oder kurz nach 4000 v. Ztr. (Tabelle 1). Zumindest in den ersten paar Jahrhunderten der etwa 1500-jährigen Dauer des frühen Neolithikums lebten Bauern mit mesolithischen Jägern und Sammlern im unteren Tejo- und Sado-Tal und an der Alentejo-Küste zusammen (Abb. 1A), bevor sie sich in Regionen ausbreiteten, die nur spärlich oder überhaupt von letzteren besiedelt waren.Farming economies were established along the coastal areas of Estremadura and western Algarve by 5500 BC. From there, farming spread to the interior and the north, where its presence is documented by 5100 BC (according to the currently available radiocarbon chronologies for central-northern Portugal and Galicia). Megalith building started around, or a little after 4000 BC (Table 1). During at least the first couple of centuries of the ca. 1500-years duration of the Early Neolithic, farmers coexisted with Mesolithic hunter-gatherers in the lower Tagus and Sado valleys and the Alentejo coast (Fig. 1A) before spreading to regions sparsely, if at all occupied by the latter.
Andernorts war auch schon Kontakt über die Atlantikküsten nach Frankreich und bis nach Schottland deutlich geworden (Stg11, Abb. 2). [Gegebenenfalls muß diese Darstellung zur archäogenetischen Erkenntnissen in Portugal noch vervollständigt werden.]
_________
- Seersholm, F.V., Ramsøe, A., Cao, J. et al. Population discontinuity in the Paris Basin linked to evidence of the Neolithic decline. Nat Ecol Evol (2026). https://doi.org/10.1038/s41559-026-03027-z, 3.4.2026 (NatEcolEvol2026)
- Hunter-gatherer genetic persistence at the onset of megalithism in western Iberia: New mitochondrial evidence from Mesolithic and Neolithic necropolises in central-southern Portugal. By A Faustino Carvalho, E Fernández DomÃnguez u.a.. In: Quaternary International, Volumes 677–678, 20 December 2023, Pages 111-120 (Sci)
Studium generale • Kurzbeiträge
Warum die große Artenvielfalt bei Blütenpflanzen?
- Why Are There So Many Flowering Plants? A Multiscale Analysis of Plant Diversification Tania Hernández-Hernández, John J. Wiens, The American Naturalist, https://www.journals.uchicago.edu/doi/abs/10.1086/708273
Es kann inzwischen unterlassene Hilfeleistung sein, einen Gentest NICHT zu empfehlen
- Genomics breeds new legal questions. By Jennifer Couzin-Frankel. Science Mag., 10 May 2019, Vol. 364, Issue 6440, pp. 521, DOI: 10.1126/science.364.6440.521,https://science.sciencemag.org/content/364/6440/521
Ausbreitung der Schafzucht nach Tibet ab 1.000 v. Ztr.
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| Abb. 1: Ausbreitung der Schafzucht nach Tibet um 1.000 v. Ztr. (aus: 1) |
Integrated diagram of the inferred demographic history of the late-Holocene human and sheep populations on the Qinghai-Tibetan Plateau (QTP).(A) Distribution and approximate dates of prehistoric archeological sites of sheep in the QTP and surrounding areas. The thick brown line indicates the Tang–Bo Ancient Road (Chen et al. 2015; Zhang et al. 2017).(B) A proposed demographic scenario for the development of agriculture on the QTP based on archeological records of domestic animals (e.g., sheep, cattle, pig, and dog) and crops (e.g., millet, barley, and wheat) (supplementary table S2, Supplementary Material online), with sheep and wheat as representative species shown on the figure.(C) A proposed demographic scenario of sheep on the QTP based on genetic data in this study.(D) The best-supported demographic model of Chinese sheep populations inferred from the approximate Bayesian computation (ABC) approach.
- The Genome Landscape of Tibetan Sheep Reveals Adaptive Introgression from Argali and the History of Early Human Settlements on the Qinghai–Tibetan Plateau Xiao-Ju Hu Ji Yang Xing-Long Xie Feng-Hua Lv Yin-Hong Cao Wen-Rong Li Ming-Jun Liu Yu-Tao Wang Jin-Quan Li Yong-Gang Liu ... Show more Molecular Biology and Evolution, Volume 36, Issue 2, 1 February 2019, Pages 283–303, https://doi.org/10.1093/molbev/msy208 Published: 16 November 2018, https://academic.oup.com/mbe/article/36/2/283/5184913
Ja, da stimme ich zu, auch die Germanen hatten keine klaren Vorstellungen darüber, ob es ein Weiterleben nach dem...
Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Ehepaar Ludendorff und den führenden Nationalsozialisten aufzuzählen, dazu ist ein solcher Kommentarbereich nicht der richtige Ort. Auf dem Gebiet der MORAL, der ETHIK dürften die Unterschiede am größten sein. Ansonsten hier erst mal nur folgende Hinweise:
1. In dem Buch "Die machtvolle Religiosität des deutschen Volkes vor 1945" werden die sehr interessanten und differenzierten religiösen Auseinandersetzungen innerhalb des deutschen Volkes während des Dritten Reiches aus der Sicht des Ehepaares Ludendorff dokumentiert. Dürfte eine interessante Lektüre für Dich sein.
2. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen wurde den Nationalsozialisten rund um Alfred Rosenberg SELBST klar, was Ludendorff immer sagte, daß eine diffuse Weltanschauung noch keine ausgearbeitete Philosophie ist, deshalb gab es eine Arbeitsgruppe, die an den philosophischen Grundlagen des Nationalsozialismus arbeitete: https://studiengruppe.blogspot.com/2011/08/eduard-baumgarten-eine-groe.html
Meines Erachtens "mußte" man das nur tun, weil man tunlichst einen Bogen schlagen "mußte" um die Hitler-Gegner Erich und Mathilde Ludendorff, denn hier lagen und liegen moderne, belastbare philosophische Grundlagen für die Gestaltung eines freiheitlichen, völkischen Staates sehr wohl bestens vor.
3. Auch auf dem Gebiet an der angewandten Moral, also des Handelns, kann man Gemeinsamkeiten und Unterschiede feststellen. Ludendorff warnte vor Hitlers "hirnverbrannter Außenpolitik" seit 1929 öffentlich. Deshalb wurde er von Hitler schon ab 1930/31 mit niedrigsten, undeutschesten Mitteln bekämpft:
https://studiengruppe.blogspot.com/2011/12/um-seiner-verdienste-um-die-bewegung.html
Deshalb wurden ab Juni 1937 sogar neue Röhm-Putsch-Morde gegen Erich Ludendorff vorbereitet von Adolf Hitler persönlich:
https://studiengruppe.blogspot.com/2013/01/hitlers-mordplane-gegen-ludendorff-im.html
Damit nur mal wenige Hinweise. Hitler und die NSDAP wurden meines Erachtens in klassischer Weise dazu von den monotheistischen Hintergrundmächten dazu benutzt, um die deutsche völkische Bewegung zu vernichten und auf immer und ewig zu diskreditieren. Genauso wie es Erich Ludendorff auch vorausgesagt hat 1933
https://studiengruppe.blogspot.com/2013/08/ludendorffs-emporte-telegramme.html
ebenso wie 1937 in seinem persönlichen Gespräch mit Hitler selbst und in seinem nachfolgenden Aufsatz zu Hitlers Geburtstag.
http://studiengruppe.blogspot.com/2013/06/diese-tapfere-frau-ernst-hanfstaengl.html
"Genetic determinism rides again"
"Polygenic scores have been shown to improve risk predictions for prostate, ovarian and breast cancers. They can point to traits that might have been influenced by local adaptation, and gauge the pace of evolutionary change."
"Es konnte inzwischen gezeigt werden, daß polygenetische Auswertungen die Risiko-Voraussagen für Prostata-, Eierstock- und Brustkrebs verbessern können. Sie können auf Merkmale hinweisen, die auf lokale Anpassung zurück zu führen sind, …"
"... und die den Weg des evolutionären Wandels nachverfolgen lassen."In der Tat, scheint diese "polygenetische Revolution" etwas völlig Neues darzustellen. Und in dem Buch von Robert Plomin kann man sich über diese Revolution kundig machen. Es wird dann auch gleich geunkt, daß die Abwesenheit jeder Erwähnung des Wortes "Rasse" in diesem Buch sehr verdächtig sei, da dieses Konzept offenbar überall mitgelesen werden kann.
"Some research presents ethical quandaries as to how the scores might be used: for example, in predicting academic performance."__________________________________________________________
- Comfort, Nathaniel: Genetic determinism rides again Nathaniel Comfort questions a psychologist’s troubling claims about genes and behaviour. Nature, 25.9.2018, https://www.nature.com/articles/d41586-018-06784-5
- Plomin, Robert: Blueprint - How DNA Makes Us Who We Are. Allen Lane (2018)
- Warren, Matthew: The approach to predictive medicine that is taking genomics research by storm. Nature, 10.10.2018, https://www.nature.com/articles/d41586-018-06956-3
Gesellschaftlicher Aufbruch – jetzt?
"Gefährlich" - ? Immer noch? - Ein Buch, das vor 200 Jahren entstand?
Einleitend wollen wir einmal die Hamburger unter den Lesern fragen: Wer war der bedeutendste Hamburger in der Geschichte? - Der Verfasser dieser Zeilen muß gestehen: Er weiß es nicht. Er könnte keinen Namen nennen. Aber wenn man sich die lange Liste bedeutender Hamburger anschaut (Wiki), dann fällt einem vielleicht doch der eine oder andere Name ins Auge: Der Afrikaforscher Heinrich Barth (1821-1865) etwa: er wurde in Hamburg geboren. Der Biologe und Philosoph J. J. von Uexküll (1864-1944) etwa: er verbrachte seine beiden letzten Lebensjahrzehnte in Hamburg.
Waren das schon die bedeutendsten Hamburger? Wem ist bewußt, daß der bedeutendste Hamburger der Geschichte der bedeutendste Bibel- und Christentums-Kritiker weltweit und bis heute war? Er hieß Hermann Samuel Reimarus (1694-1758) (Wiki).
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| Abb. 1: G. E. Lessing um 1755 - Gemalt von Johann Heinrich Tischbein (Md) |
Seine bis 1758 entstandene "Apologie", die erst 1972 (!!!) erstmals vollständig veröffentlicht worden ist, und die antiquarisch derzeit nicht unter 85 Euro zu erhalten ist, ist eines der Hauptwerke in der Geschichte der Bibelkritik (7). Nein, es ist das Hauptwerk, auf dessen Inhalt die Mehrheit der Theologen noch heute auf Abstand geht. Niemand hat seit Reimarus besser aufgezeigt, wie so durch und durch "von Menschen gemacht" die Bibel ist. Niemand hat besser verständlich gemacht, welche historischen Textschichten innerhalb der Bibel übereinander getürmt worden sind. Niemand hat besser aufgezeigt, daß dabei die jeweils jüngere Textschicht in grandiosen, haltlosen Widersprüchen zu den älteren Textschichten steht.
Durch dieses Werk also versteht man die Entstehungsgeschichte des Judentums, des Monotheismus, sowie des Christentums in den jeweiligen "inneren Gesetzmäßigkeiten" und von den Motiv-Lagen der jeweiligen Verfasser der Bibeltexte klarer und deutlicher als jemals zuvor.
Und Sie haben, lieber Leser, so wie der Verfasser dieser Zeilen bis vor wenige Wochen den Namen Reimarus noch nie gehört? Obwohl Sie - wie der Verfasser dieser Zeilen - schon einige Lebensjahrzehnte auf diesem Planeten verbracht haben? Wenn das mal nicht "Methode" hat - ?
Im vorliegenden Beitrag werden einige Gründe zusammen getragen, warum dieser bedeutendste Bibel- und Christentumskritiker - noch heute - außerhalb von Theologie und Religionswissenschaft so auffallend wenig bekannt ist.
Freilich, heute kann uns ChatGPT in Sekundenschnelle gute Gründe zusammen tragen für eine grundlegende Kritik am Christentum. Darauf machte uns vor drei Jahren Daniel Hermsdorf aufmerksam (GAj23). Aber selbst Ausführungen von ChatGPT zum Thema sind selten so punktgenau, ausführlich und strukturiert wie Hermann Samuel Reimarus das Thema angeht (7).
Eineinhalb Jahrtausende waren die Völker des Abend- und des Morgenlandes von der Bibel hypnotisiert. Sie sind es zum Teil noch heute. Sie hatten kein ChatGPT. Und auch nichts Vergleichbares. Ebenso waren sie vom Papsttum hypnotisiert. Martin Luther hat die Völker des Abendlandes ab 1518 von der Hypnose durch das Papsttum befreit. Die Hypnose durch die Bibel hatte er durch seine Übersetzung ins Deutsche aber nur noch verstärkt und nachhaltiger verankert. Wie doppelt hypnotisiert starrten die Völker und ihre bigotten Priester seit Martin Luther auf die Bibel. Und die Völker wurden dadurch ganz konfus und an sich selbst irre. Aber vor allem: Sie wurden durch die Hypnose so lenkbar - in der Hand von Priestern. Und das war der einzige Zweck des Verfassens der Bibeltexte. Und die Völker sind bis heute so schmachvoll lenkbar geblieben.
Zweihundert Jahre nach Martin Luther und hundert Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg kam dann: Hermann Samuel Reimarus. Der "bedeutendste Religionsphilosoph zwischen Leibniz und Lessing", so wird uns gesagt (4). War denn Leibnitz wirklich der bedeutendere Religionsphilosoph im Vergleich zu Reimarus? Und war Lessing wirklich ein bedeutenderer Religionsphilosoph im Vergleich zu Reimarus? Wir stellen das in Zweifel. Leibnitz und Lessing waren bedeutend, ohne Frage. Aber wer hätte jemals die Bibel so gründlich auseinander genommen wie Reimarus? Und ist das nicht die wesentlichste Aufgabe eines "Religionsphilosophen" in christlichen Zeiten im Abendland?
Im Frühjahr 1937 gab die Bibel- und Christentums-Kritikerin Mathilde Ludendorff (1877-1966) (Wiki) eine Lessing-Biographie heraus (1). An dieser hatte sie schon seit 1935 gearbeitet, worauf wir weiter unten noch einen Hinweis anführen werden.
Die "Glaubenskrise" während des Dritten Reiches und der daraus geborene Überlebenskampf der christlichen Kirchen - genannt "Kirchenkampf" - war 1931 nicht zum wenigsten durch Mathilde Ludendorffs Buch "Erlösung von Jesu Christo" (3) ausgelöst worden. Ein Buch der gründlichsten inhaltlichen Kritik des Neuen Testamentes, das ein Hermann Samuel Reimarus sicherlich mit der aller tiefsten Anteilnahme gelesen hätte. Denn Reimarus und Mathilde Ludendorff sind von völlig denselben Anliegen geleitet. Die christlichen Kirchen tobten und rasten ab 1931 - wild und fanatisch - gegen das Buch von Mathilde Ludendorff an. Spätestens ab diesem Zeitpunkt stand sie in der Tradition des geistigen Ringens, mit dem in der Öffentlichkeit unter anderem Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) (Wiki) begonnen hatte: nämlich im geistigen Ringen der Befreiung der Völker von der Bibel-Hypnose.
Interessant eigentlich, daß man Lessing selten mit der zeitgleichen "Sturm und Drang"-Periode (Wiki) der deutschen Literatur-Geschichte in Verbindung bringt. Auf dem diesbezüglichen Wikipedia-Artikel ist gar nicht erst verzeichnet. Und das ist gut so. Denn das Rütteln eines Gotthold Ephraim Lessing an den Grundfesten des Christentums in seinem "Fragmentenstreit" (Wiki) ab 1777 "Sturm und Drang" zu nennen, wäre ja nun wirklich nicht angemessen. Dieses Rütteln aber machte erst die Bahn frei dafür, daß sich dann die deutschen Dichter und Denker in der Zeit um 1800 herum so offen und frei äußern konnten - auch über Christentum und Kirche.
Lessing hat deshalb der weiteren freiheitlichen Geistesentwicklung in Europa mit viel machtvollerem Wirken den Weg gebahnt als alle anderen. Diesen Umstand macht man sich selten klar. Und Lessing tat das auch nur dadurch, daß er Bruchstücke, "Fragmente" des großen Werkes des Hermann Samuel Reimarus veröffentlichte. Schon Bruchstücke dieses großen Werkes genügten, um die Fundamente des Christentums, der Kirchen und der Synagogen ins Wanken zu bringen.
Schon wenige Jahre nach seinem "Fragmentenstreit" konnten viel Autoren viel kritischer über die Bibel und das Christentum schreiben in der Öffentlichkeit als das bis zum Einsetzen des "Fragmentenstreits" irgendjemand auch nur ansatzweise gewagt hätte. Reimarus selbst hat bis zu seinem Tod gegenüber der Öffentlichkeit nicht die leisesten Andeutungen gemacht, daß er der Verfasser eines so grundlegenden, kritischen Buches ist, das er auch keinesfalls zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wissen wollte. Reimarus war ein frei Denkender, ein Gelehrter, ein gemäßigt denkender Mensch. Er verzichtete dankend darauf, als "Ketzer" auf Scheiterhaufen öffentlich verbrannt zu werden oder sich auch nur in die tobende Meute von - - - Theologen hinein zu begeben.
Denn das gesamte Volk war und die gebildeten Schichten waren noch zu seinen Lebzeiten von der Bibel und seinen Auslegern vollkommen hypnotisiert, vollkommen urteilsunfähig ihr gegenüber gemacht worden. Und diese Urteilsunfähigkeit ist bis heute in weiten Teilen aufrecht erhalten worden, auch wenn es der Bibel gegenüber längst gleichgültig geworden sein sollte. Die mit der Bibel eineinhalb Jahrtausende lang eingeführte Urteilsunfähigkeit und Feigheit wirken bis heute fort. Oder könnte das irgend ein Leser dieser Zeilen übersehen?
Es war ganz klar, daß Erich und Mathilde Ludendorff insbesondere aufgrund dieser besonderen Bedeutung von Lessing sich mit seinem Lebenswerk und seinem machtvollen Wirken eng verbunden fühlten. Mitten in der Glaubenskrise während des Dritten Reiches stehend und mitten im Abwehrkampf der christlichen Kirchen dagegen haben sie im Jahr 1936 ihre flammende Schrift ins Volk geworfen (4):
"Das große Entsetzen - Die Bibel nicht Gottes Wort".
Schon die Kapitel-Überschriften in dieser Schrift haben sich seither als vollkommen zutreffend erwiesen. Sie lauten: "Das alte Testament - ein junges Buch" und: "Das 'fabrizierte' neue Testament". Der israelische Archäologe Jonathan Adler etwa hat erst vor wenigen Jahren aufgezeigt, daß es die jüdische Religion erst seit etwa 250 v. Ztr. gibt (5) (!!!), und daß deshalb diese jüdische Religion nicht - wie propagandistisch von ihrem ersten Bestehen an behauptet worden war - die "älteste" aller Religionen weltweit wäre. Nein: Sie ist - so lächerlich wie nur möglich: die jüngste aller Religionen weltweit. Und sie ist schlichtweg "fabriziert" worden wie das niemand besser aufgezeigt hat als Hermann Samuel Reimarus.
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| Abb. 2: G. E. Lessing um 1767/68 - Gemälde der deutschen Porträtistin Anna Rosina de Gasc (1713-1783), einer Freundin Lessings (Wiki) - Gleimhaus (mitunter Georg May zugeschrieben) |
Wenn man nun Mathilde Ludendorffs Lessing-Biographie des Jahres 1937 liest, dann spürt man deutlich, wie diese Biographie insbesondere ab dem 4. Kapitel innerlich "Fahrt" aufnimmt. Betitelt ist es "Lessing kämpft für die Freiheit der Bibelkritik gegen orthodoxe Priester". Sie behandelt darin Lessings Ringen im sogenannten "Fragmentenstreit" (Wiki). In diesem rüttelte Lessing - wie gesagt - an den Grundlagen des Christentums so wie Mathilde Ludendorff selbst ab 1931.
Im Januar 1778 war Lessings Ehefrau Eva König - nach einjähriger, tief und wahr erlebter Ehe - bei der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes gestorben. Mathilde Ludendorff schreibt über die Folgezeit (1, S. 126f):
Von dem Sterbezimmer seiner lieben Frau aus, das seit ihrem Tode seine Arbeitsstätte geworden war, focht er seinen Kampf mit den orthodoxen Pastoren, der für das Deutsche Volk eine noch stärkere Nachwirkung haben sollte als der Kampf Luthers gegen Rom. (...) Lessing hat (...) vor allem Volke Bruchstücke eines Deutschen Werkes (...) veröffentlicht, das mit Deutschen Moralwertungen und klarer Vernunft an die Beurteilung der Bibel herantrat, Buch für Buch unerbittlich beleuchtet und verurteilt hat. (...) Die Kraft der Sprache, die unerbittliche Folgerichtigkeit des Denkens, die ernste Deutsche Moral, mit der es geschrieben war, war von ganz ungeheurer Wirkung. (...) Lessings Tat war das erste Rütteln an der protestantischen und katholischen Priestertyrannei in Deutschland.
Das sind Worte wie sie in die geistigen Stürme der Zeit des Jahres 1937 hinein geschrieben worden sind. Es waren das jene Jahre, in denen der Nuntius Pacelli auf Reisen nach Frankreich und in die USA jenen Krieg gegen Deutschland mit vorbereiten half, dessen geplantes Völkermord-Ende von 1945 in den USA dann konsequent von Seiten des Kardinal Spellman gegenüber dem US-amerikanischen Staatsoberhaupt befürwortet wurde (6), nämlich: Ausbreitung des atheistischen, sowjetischen Machtbereiches bis an die Elbe, Vertreibung von 15 Millionen Deutschen, sowie Ermordung von Millionen von Deutschen in Ostmitteleuropa, Traumatisierung von Millionen von Deutschen bis in die heute lebende "Kriegsenkel"-Generation hinein (Wiki). Wer weiß es denn etwa, daß auch die Ehefrau des Bundeskanzlers Helmut Kohl als Zwölfjährige 1945 in Sachsen von mehreren russischen Soldaten vergewaltigt worden ist und "wie ein Sack Zement" aus dem Fenster geworfen worden ist (Wiki)? Sie litt am Ende ihres Lebens an chronischen Schmerzen und nahm sich um dieser willen das Leben. Wie wird es ihren Söhnen gehen, die - damit - ebenfalls "Kriegsenkel" sind? Folgen von Priestertyrannei. Nicht die letzten wie seither in den täglichen Nachrichten zu besichtigen ist.
Priestertyrannei
Und warum sollte es eigentlich schon 1937 so "übertrieben" gewesen sein, von "Priestertyrannei" zu sprechen? Hatte doch die katholische Kirche Österreich auch schon in den Ersten Weltkrieg hinein getrieben (siehe den ungeheuren Satz: "Papst billigt scharfes Vorgehen Österreichs gegen Serbien") (s. Wiki). Und haben wir denn Priestertyrannei heute wirklich überwunden? Hat nicht die orthodoxe Priesterschaft unterschwellig das Sagen in Israel? Und ist nicht von ihrem Wollen das außenpolitische Handeln Israels und damit der USA und womöglich vieler anderer Staaten weltweit geleitet? Wurde nicht auch im Iran eine orthodoxe Priesterschaft installiert, um den Völkern der Welt gegenüber besser die "Strategie der Spannung" fahren zu können? Priestertyrannei wirkt bis heute und in der nachhaltigsten Weise fort.
Mathilde Ludendorff referiert in ihrem Lessing-Buch vom Frühjahr 1937 in groben Zügen die Geschichte der Kritik an Bibel und Christentum, die ab 1697 durch den französischen Aufklärer Pierre Bayle (1647-1706) (Wiki) begonnen worden war. Diese wurde dann durch die Veröffentlichungen mehrerer britischer "Deisten" (Wiki) fortgesetzt.
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| Abb. 3: Hermann Samuel Reimarus |
Sie stellt die Dinge im wesentlichen so dar, wie sie heute auch auf Wikipedia dargestellt werden wie sie aber viel zu wenig bekannt sind (Wiki):
Den Hauptvertretern des Deismus (wie etwa John Locke oder dessen Schüler John Toland) ging es vor allem darum, „natürliche“ Gesetze der Vernunft dem Offenbarungsglauben entgegenzustellen. (...)Matthew Tindal veröffentlichte im Jahr 1730 sein Werk (...), das (...) bald als „Bibel des Deismus“ galt. Unter allen Religionen hielt er allein ein von Offenbarung befreites Christentum, die deistische Urreligion, für wahrhaftig. Die Bibel sei das Dokument dieser natürlichen Religion, welches vernünftig zu interpretieren sei. Wunder und Prophezeiungen, die in der Bibel geschildert werden, lehnte er ebenso ab wie jede anthropomorphe Gottesvorstellung. „Offenbarung“ bezeichnete er als Schwindel, der der Welt durch Priester untergeschoben worden sei. Die Religion solle auf moralischen Grundsätzen beruhen und eine tolerante Haltung gegenüber Andersdenkenden einnehmen (...). Bereits im Jahr 1741 wurde der Text ins Deutsche übersetzt und gewann danach einigen Einfluß in protestantischen aufgeklärten Kreisen der deutschen Länder. Ein Buch Tindals wurde 1710 auf Veranlassung des Unterhauses verbrannt. (...)Der Deismus war im aufgeklärten Absolutismus großer Teile Deutschlands weniger verbreitet als in seinem Herkunftsland. (...) Hermann Samuel Reimarus war ein Wegbereiter der Bibelkritik, hielt sich in der Öffentlichkeit aber zurück. Die von Gotthold Ephraim Lessing zwischen 1774 und 1778 veröffentlichten Fragmente seiner Schriften (Fragmente eines Ungenannten) führten zum so genannten Fragmentenstreit, der wichtigsten polemisch geführten Auseinandersetzung zwischen Aufklärung mit mehr oder weniger deistischen Positionen, verbunden mit detaillierter radikaler Bibelkritik einerseits und der protestantischen Orthodoxie auf der anderen Seite. Die Hauptkontrahenten waren Lessing und Johann Melchior Goeze.
Mathilde Ludendorff sagt, durch Immanuel Kant oder durch Bibelkritiker wie David Friedrich Strauß hätte die Bibelkritik der französischen, britischen und deutschen Deisten des 18. Jahrhunderts in keiner Weise an Aktualität verloren. David Friedrich Strauß etwa hat während seines Lebens seine Positionen immer mehr verändert und stand der Bibel am Ende völlig gleichgültig gegenüber. Aufgrund einer solchen Haltung konnte er einen Reimarus nicht ersetzen und auch nicht die englischen Deisten. Mathilde Ludendorff schreibt (1, S. 134):
Die Kritiken, die die Deisten über die Bibel schrieben, bestehen für alle Zeiten unantastbar. (...) Für kein Werk gilt das so wie für das Werk des Reimarus.
Sie schreibt über eine 1862 erschienene Reimarus-Schrift von David Friedrich Strauß (1, S. 134f):
Nur soweit er Reimarus wörtlich anführt, bekommen wir ein Bild von der Wucht der Beweisführung dieses Verfassers.
"Von der Wucht der Beweisführung des Verfassers", diese Worte seien wiederholt.*) Sie zitiert einige Passagen und sagt dann (1, S. 137):
Mögen diese Worte genügen, um den Leser ahnen zu lassen, welches erschütternde Ergebnis nun bei der Prüfung der gesamten Bibel, Buch für Buch des alten und des neuen Testamentes, durch Reimarus zustande kommt. (...) Das Ergebnis ist vernichtend für die ganze Bibel. (...) So wurde die Bibel vollkommen nackt enthüllt und ihr Offenbarungwert vernichtet. (...) Der Morallehre Jesu konnte der Deismus des Reimarus noch keine überlegene Moral gegenüberstellen. So ergänzt sein Werk nur mein Buch "Erlösung von Jesu Christo".
Reimarus hat nach ihren Worten schon vieles vorweg genommen, auch bei der Kritik des Neuen Testamentes. Aber diese Kritik sieht Mathilde Ludendorff nur als eine "ergänzende" an zu der Kritik ihres eigenen Buches "Erlösung von Jesu Christo". Und ab dieser Stelle merken wir allmählich: Der eigentliche Held der Lessing-Biographie von Mathilde Ludendorff ist gar nicht Lessing selbst, sondern - - - Hermann Samuel Reimarus.
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| Abb. 4: Eva König, die Ehefrau von Lessing |
Deshalb brandmarkt Mathilde Ludendorff in ihrem Buch auch immer und immer wieder den Umstand, daß das so wesentliche, grundlegende, Bibel-kritische Werk des Reimarus selbst im Jahr 1937, 180 Jahre nach dessen Tod immer noch nicht veröffentlicht ist. Sondern daß man sich mit den von Lessing herausgegebenen "Fragmenten" begnügen muß und mit den Zitaten und Inhaltsangaben, die man bei David Friedrich Strauß findet (9). Schon diese "Fragmente" hatten zu diesen großen geistigen Erschütterungen geführt. Wie dann erst das gesamte Werk?
Und so stellt sich uns auch heute noch als Leser der Lessing-Biographie von Mathilde Ludendorff die Frage, ob sich bezüglich dieses Umstandes der Nichtveröffentlichung eines der bedeutendsten Bibel-kritischen Werke der europäischen Geistesgeschichte seit 1937 etwas geändert haben mag.
Sechs Jahre nach dem Tod Mathilde Ludendorffs ...
Und da finden wir: 1972, sechs Jahre nach dem Tod Mathilde Ludendorffs - und während des Verbots der von ihr begründeten geistigen Bewegung, des "Bundes für Gotterkenntnis" - wird das Gesamtwerk des Reimarus endlich heraus gegeben (7). Wir lesen über den Herausgeber, den Hamburger Bibliothekar Gerhard Alexander (1903-1988), daß dieser ab 1969 in den Ruhestand gegangen sei (Wiki):
Er erstellte die erste vollständig kommentierte Edition der Bibelkritik Hermann Samuel Reimarus. (...) Die Arbeit Alexanders, bei der er Reimarus Handschriften verwendete, kann als eine seiner größten Leistungen angesehen werden.
Mit welchen Worten hätte Mathilde Ludendorff wohl die Deutschen und alle frei Denkenden auf dieses Werk hingewiesen. Wie sehr hätte sie es ihren Lesern ans Herz gelegt, diese Gesamtausgabe nun auch in die Hand zu nehmen und zu studieren. Das weiß man, wenn man ihre Lessing-Biographie gelesen hat. Aber haben diese Aufgabe denn nun ab 1972 ihre "Nachfolger" übernommen? Davon ist uns vorderhand nichts bekannt.
Mathilde Ludendorff sah das Werk des Reimarus - obwohl sie nur so wenig von ihm im Wortlaut hatte lesen können - als eine wesentliche Ergänzung zu ihrem eigenen Buch "Erlösung von Jesu Christo" an und zu dem übrigen geistigen Ringen gegen die mosaischen Religionen und die mit ihnen verbundene Priestertyrannei. Sie sah in Reimarus einen Gleichgesinnten, der unbefangen, mit klarer Vernunft und ruhiger, gelassener Moral an die Inhalte der Bibel heran gegangen ist.
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| Abb. 5: Reimarus-Ausgabe 1972 |
Mathilde Ludendorff hatte am Ende der Zitate, die sie aus dem Fragmentenstreit gebracht hatte, schon geschrieben (1, S. 159):
"Jeder, der aufmerksam diese kurzen Auszüge aus Lessings Kampf gegen die Orthodoxie liest, für den wird Lessing lebendig, für den steht Lessing heute in unserer Reihe, für den siegt sein Wirken über Zeit und Raum und hilft in unseren Tagen noch."
Das selbe hätte sie mit dreifachem, vierfachem Recht von Hermann Samuel Reimarus sagen können, wenn sie denn jemals sein Werk vollständig in die Hände bekommen hätte.
Seit der ersten vollständigen Reimarus-Ausgabe des Jahres 1972 nimmt die Fachwissenschaft von dem Reimarus durchaus Kenntnis und es reißt innerhalb der Theologie die Auseinandersetzung mit ihm nicht mehr ab. 2004 wird etwa über Reimarus festgehalten (8):
Reimarus, der bedeutendste Religionsphilosoph zwischen Leibniz und Lessing, wurde erst 1862 durch D.F. Straußens Reimarusschrift einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert. Sein Werk "Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes", die er als Hamburger Professor für orientalische Sprachen am Akademischen Gymnasium heimlich schrieb, stellt ein Hauptwerk deistischer Religionskritik dar. Dieses herausragende Zeugnis der deutschen Aufklärung entstand in den Jahren 1735-68.
Die zuletzt genannte Jahreszahl 1768 ist falsch, Reimarus starb - in Frieden und Gelassenheit - im Jahr 1758. Aber "herausragend" gewiß. Vieles andere an diesem Zitat mag immer noch falsch eingeordnet sein: "Heimlich" hat Reimarus sein Werk nicht geschrieben. Heimlichtuerei war seine Sache nicht. Er hat es Freunden übergeben, seine Familie wußte um das Werk. Er hat es ausdrücklich für die nachfolgenden Generationen geschrieben als "Schutzschrift" für diese. Er hat es nur nicht selbst in Druck gehen lassen.
Heimlichtuerei ist eine falsche Kennzeichnung. Freilich nachvollziehbar: Die Theologen rühmten das übrige Lebenswerk des Reimarus, so lange sie nicht wußten, daß Reimarus der Verfasser der "Schriften eines Unbekannten" war, die Lessing heraus gegeben hatte. Das änderte sich mit einem Schlag, als seine Verfasserschaft bekannt wurde. Da fühlten sie sich von ihm hintergangen und unterstellten ihm christliche Heimlichtuerei. Wie sie mit ihm umgegangen wären, hätte er sein Werk zu Lebzeiten veröffentlicht, das möchte freilich keiner wissen. Wie übel sie ihn und seine Familie zugerichtet hätten, das blenden sie vermutlich gerne aus.
2018, 250 Jahre nach dem Tod des Hermann Samuel Reimarus, sind zahlreiche Aufsätze über Reimarus, über sein Leben und sein Wirken erschienen. Keiner dieser Aufsätze stellt seine geistesgeschichtliche Bedeutung in einer solchen Klarheit und Deutlichkeit heraus wie das die Lessing-Biographie von Mathilde Ludendorff im Jahr 1937 getan hatte. Und wie an dem eben gebrachten Zitat erkennbar wurde, scheint darüber bis heute selbst innerhalb der Wissenschaft keine ausreichende Klarheit zu bestehen.
Den modernen Christentumskritikern - wie etwa einem Richard Dawkins - scheint Reimarus sogar völlig unbekannt zu sein. ChatGPT weiß darüber jedenfalls nichts. Was für ein krasser Mißstand!
Sechzig Jahre nach dem Tod Mathilde Ludendorffs
In der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main liegt die Reimarus-Ausgabe von 1972 in einer ganz unerwartet abgegriffenen, viel benutzten, das heißt: viel gelesenen Ausgabe vor (Abb. 6). Dieser Umstand überrascht. Das heißt ja doch, daß diese Ausgabe in den letzten fünfzig Jahren sehr sehr fleißig ausgeliehen worden sein muß, fleißig gelesen worden sein muß. Das gilt gewiß nicht für alle Bücher, die man an viel frequentierten Universitätsbibliotheken so ausleihen kann.
Man fragt sich: Wer hat dieses Werk wohl in den letzten fünfzig Jahren so fleißig studiert? Die Jesuiten vom Jesuitenkollegium in Frankfurt? Aber werden die nicht ihre eigene Ausgabe besitzen? Aber von wem dann?**)
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| Abb. 6: Speckig und abgegriffen, weil viel gelesen - die "Apologie" des Reimarus in ihrer Erst- und Letzt-Ausgabe von 1972 in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main |
Aber gerade auch weil sie so abgegriffen und stark benutzt ist, überlegen wir, eine eigene solche Ausgabe zu erwerben. Erneut große Überraschung: Im Buchantiquariat ist eine solche gebrauchte Ausgabe nicht unter 85 Euro zu erhalten (Abb. 7). Und auch für einen solchen und höhere Preise stehen offenbar nur wenige Exemplare zur Verfügung.
Und da stellen wir dann auch fest: Das Werk wurde 1972 beim Insel-Verlag herausgegeben als "einmalige Auflage in 1200 Exemplaren" (s. Abb. 7). Insel-Verlag? 1200 Exemplare? Was denkst du dir dabei? Um nur einen Vergleich zu nennen: 1968 war bei Reinbek bei Hamburg das Buch von Joachim Kahl erschienen "Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott". Es erfuhr "mehrere Auflagen; Übersetzungen ins Englische, Japanische, Italienische, Niederländische. Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe 1993 sowie 2014". Es hätte also auch anders gehen können mit dem Reimarus. Im Jahr 1968 hatte die größte Kirchenaustrittsbewegung eingesetzt, die es seit 1937 bis 1940 in Deutschland gegeben hatte.
Krasse Leistung, Insel-Verlag (!) - Sage und schreibe 1200 Exemplare gingen 1972 in Druck
Und von einem Hermann Samuel Reimarus, der sich für eine "Humanität mit Gott" eingesetzt hatte, druckt ihr gerade einmal 1200 Exemplare? Und seit diese 1200 Exemplare verkauft worden sind, ist euch dieses Hauptwerk der Christentumskritik egal? Von diesen 1200 Exemplaren sind vermutlich die Hälfte schon von Bibliotheken erworben worden. Die andere Hälfte vermutlich von Theologen, für die das Werk des Reimarus inzwischen unbestritten und selten hervor gehoben zum Grundwissen ihres Faches gehört. Und der Rest?
Was für ein krasser Mißstand. So etwas kommt doch in der Geistesgeschichte der zweiten Hälfte des 20. und der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts sonst nur noch äußerst selten vor.
Wer will denn hier, daß diese Schrift ungelesen bleibt? Wer wollte denn hier keine "Volksausgabe" heraus bringen und bewerben? Wer wollte denn Christentumskritiker in Deutschland mit der Herausgabe dieses Reimarus gar nicht erst in Unruhe versetzen? Und selbst Verleger der Ludendorff-Bewegung, unter denen es doch wirklich einige wache gab, sind in all den Jahren nicht auf dieses wesentliche Werk aufmerksam geworden und haben Nachdrucke organisiert?
Das bedeutende Werk des Reimarus ist heute auch - soweit übersehbar - im Internet nicht frei verfügbar (etwa auf Archive.org oder ähnlich).
Der Herausgeber Gerhard Alexander gibt in der Einleitung des zweibändigen Reimarus-Werkes übrigens eine sehr detaillierte Übersicht über die Überlieferungsgeschichte der Handschriften des Reimarus, die seiner ersten vollständigen Druck-Ausgabe zugrunde liegen. Er berichtet, daß jene Handschrift, die Lessing seinem Braunschweiger Herzog ausliefern mußte, nachdem der Fragmenten-Streit so hohe Wellen geschlagen hatte, und nachdem Lessing deshalb Veröffentlichungsverbot erhalten hatte, daß genau diese Handschrift bis heute verloren (!) gegangen ist.
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| Abb. 7: Die Reimarus-Ausgabe von 1972 ist erst ab 85 Euro antiquarisch zu erhalten (!) |
Zum Glück handelte es sich nicht um die letzte Fassung des Werkes, an der Reimarus noch bis an sein Lebensende gerarbeitet hatte, und die erhalten geblieben ist. Lessing selbst schon hatte das Gesamtwerk des Reimarus im Druck heraus bringen wollen. Allerdings haben ihm wohl seine Freunde Mendelsohn und Nicolai davon abgeraten. Auch das ein sicherlich bezeichnender Umstand.
"Gefahr!" - "Gefahr!" - "Gefahr!"
Aber es wird noch krasser. Auch noch Alexander schreibt im Jahr 1972 (!) über die "Gefahr", daß dieses grundlegende Werk des Reimarus zur "falschen Zeit" öffentlich gemacht werden würde (7, Bd. 1, S. 19):
Die Gefahr, daß die Apologie zu politischer Propaganda mißbraucht würde, bestand: wie aus den Beilagen zur Hamburger Handschrift hervor geht, versuchten 1935 Anhänger der "Ludendorff-Bewegung", den Direktor der Bibliothek, Professor Wahl, zur Herausgabe des Werkes zu bestimmen. Professor Wahl lehnte aus Kostengründen ab, was zu einem sehr polemischen Briefwechsel führte.
Wenn die Einsichtnahme eines Hauptwerkes der Geschichte der Christentums- und Bibelkritik in Deutschland, das zweihundert Jahre zuvor entstanden war, "aus Kostengründen" abgelehnt wird, wird man wohl durchaus "polemisch" reagieren können, so möchten wir meinen. Aber - was denn: Wie kann denn die Veröffentlichung eines Werkes, das über zweihundert Jahre alt ist, und das über zweihundert Jahre lang unveröffentlicht geblieben ist, noch zweihundert Jahre später eine - - - "Gefahr" darstellen?!? Mit was für einem "Brandsatz" haben wir es denn hier zu tun? Welche Explosivkraft enthält dieses Werk?
Wir werden zu diesem Blogartikel noch einen zweiten Teil veröffentlichen. Da werden wir uns dann eingehend mit dem Inhalt der beiden Reimarus-Bände beschäftigen. Der Leser mache sich auf mancherlei Überraschungen gefaßt.
Wenn dieses Buch aber noch heute so "gefährlich" ist, dann verstehen wir schon, daß es nur noch für 85 Euro zu erwerben ist und daß dieser "Brandsatz" im Internet nicht frei verfügbar ist.
Wir entnehmen dieser Anmerkung aber auch, daß die Vorarbeiten für das Lessing-Buch von Mathilde Ludendorff offenbar schon im Jahr 1935 begonnen hatten, und daß offenbar Anhänger Mathilde Ludendorffs in Hamburg bei diesen Vorarbeiten versuchten, mitzuhelfen.
Man müßte einmal die Zeitschriften-Bände der Ludendorff-Bewegung ab 1935 und ab 1972 auf das Suchwort "Reimarus" hin befragen.
Reimarus war weitsichtiger als Schiller und Hölderlin
Reimarus war vielleicht weitsichtiger als alle deutschen Dichter und Denker noch der Zeit um 1800. Er hat den religionslosen, atheistischen Fanatismus des Marxismus, des Anarchismus und des Nationalsozialismus voraus gesehen. Er forderte - um 1750 herum! - jene unter seinen Lesern, die sich von der Unmöglichkeit, noch Christ sein zu können, überzeugt hatten, auf (7):
Machet eine unverbrüchliche Verbindung unter euch, daß ihr euer Licht durch Zucht, Ehrbarkeit und Wohlstand, durch Gerechtigkeit, Dienstfertigkeit, Verträglichkeit und Menschenliebe, durch die innigste Hochachtung und Anbetung eures weisesten, gütigsten und mächtigsten Schöpfers und durch die möglichste Erfüllung seiner Absichten, gleichsam in einem Wettstreit mit der Christenheit wollet leuchten lassen; und diejenigen durchaus nicht für eure Mitglieder erkennt, welche die Vernunft und Menschlichkeit durch Schandtaten und Bosheiten entehren. Dann wird euch diese Schrift leicht gegen die falschen Beschuldigungen und Verleumdungen, welche euch mögen aufgebürdet werden, schützen und verteidigen können.
Reimarus nahm also noch einen Schöpfergott an. Er wußte aber sicher, daß dieser sich nicht durch die Bibel offenbart hatte. Und Reimarus sieht so klar und so wahr die Bedeutung seiner eigenen Schrift. Er blickt über künftige Jahrhunderte hinweg. Seine "Verteidigungsschrift", seine "Apologie", seine "Schutzschrift" sollte also gemäßigte, verträgliche Menschen vor falschen Verdächtigungen in Schutz nehmen, nicht aber schändliche und boshafte Menschen, die ihre "Gottlosigkeit" dazu benutzen, nur noch schändlicher und boshafter zu werden.
Genau um solcher Umstände willen hat diese Schutzschrift für alle nichtchristlichen Gottgläubigen noch heute einen so unglaublich großen Wert und eine so unglaublich große Aktualität. Vielleicht ist ja genau deshalb dieses Buch 1972 nur in sage und schreibe 1200 Exemplaren in Druck gegangen, gedruckt allein für Bibliotheken und Theologen und deshalb heute nur noch für 85 Euro gebraucht zu kaufen. Vielleicht war es genau deshalb seither nie ein volkstümliches Buch. Es hätte unter seinen Lesern einen anderen Geist hervor gebracht als viele andere Bibel-kritische Werke, die seit 1972 erschienen sind.
Wenigstens wurde das Hauptwerk des Reimarus 1943 vor den britischen Bombern bewahrt
Aber hat denn der oben genannte Professor Gustav Wahl (1877-1947) (Wiki), der die Veröffentlichung dieses Werkes im Jahr 1935 für "gefährlich" hielt, und der 1938 Mitglied der NSDAP wurde (die er also mit 61 Lebensjahren offenbar nicht für "gefährlich" hielt), hat denn dieser Herr Wahl diese Worte nicht gelesen in dem von ihm "gehüteten" Werk? Wie hätte er es denn für "gefährlich" erachten können anstatt als "Schutz" vor Gefahr - wenn er diese Worte gelesen hätte? Immerhin werden wir in diesem Zusammenhang auch noch auf das folgende aufmerksam (Wiki):
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bibliothek 1943 in der Operation Gomorrha weitgehend zerstört, der Westflügel bei einem weiteren Luftangriff im Juni 1944. Von den bis dato vorhandenen 850.000 Bänden wurden 700.000 bei den Luftangriffen vernichtet. Nur ein geringer Teil des Bestandes war zuvor ausgelagert worden. Die Hamburger Bibliothek gilt als die deutsche Bibliothek mit den größten Kriegsverlusten.
Was für eine "Gefahr" schwebte also noch Anfang der 1940er Jahre über der Handschrift des Reimarus - weil sie bis dahin immer noch nicht in Druck gegeben worden war. Offenbar aber hatte Professor Wahl nun wenigstens dafür gesorgt, daß dieses Werk zu dem "geringen Teil des Bestandes" gehörte, der zuvor ausgelagert worden war. Wenigstens das.
Wie hätte die Herausgabe dieser im Ton so außerordentlich gemäßigten Schrift Mitte der 1930er Jahre einen Schutz darstellen können gegenüber den Schandtaten und der Boshaftigkeit, die damals - unter anderem von Seiten des Sicherheitsdienstes der SS - unter anderem auch im Namen der Ablehnung von Christentum und Kirche begangen wurden. Auf einen Hermann Samuel Reimarus, der "Zucht, Ehrbarkeit und Wohlstand, Gerechtigkeit, Dienstfertigkeit, Verträglichkeit und Menschenliebe" hoch hielt, hätten sich diese "gottgläubigen" Nichtchristen in der SS gewiß nicht berufen können. (Zur Erinnerung: Innerhalb der führenden Ränge der SS war die Mehrheit der Angehörigen ab 1935 aus der Kirche ausgetreten und nannten sich "gottgläubig", ebenso die Mehrheit der NSDAP-Abgeordneten des Deutschen Reichstages [2]. Zahlreiche SS-Offiziere, die an den Massenerschießungen der Sonderkommandos im Osten beteiligt waren, im Rahmen jener Sonderkommandos also, die von Werner Best aufgestellt worden waren, nannten sich - - - "gottgläubig". Von jenem Werner Best aufgestellt, vor dessen schändlicher und boshafter Mordmoral in den "Boxheimer Dokumenten" Erich Ludendorff schon 1931 öffentlich gewarnt hatte.)
__________
- Ludendorff, Mathilde: Lessings Geisteskampf und Lebensschicksal. Ludendorffs Verlag München 1937 (GB)
- Erich und Mathilde Ludendorff: Die machtvolle Religiosität des Deutschen Volkes vor 1945. Dokumente zur deutschen Religions- und Geistesgeschichte 1933 bis 1945. Freiland-Verlag, Süderbrarup 2004 (Archiv)
- Ludendorff, Mathilde: Erlösung von Jesu Christo. Ludendorffs Volkswarte Verlag, München 1931 (Archiv)
- Ludendorff, Erich und Mathilde: Das große Entsetzen - Die Bibel nicht Gottes Wort. Ludendorffs Verlag 1936 (Archiv)
- Adler, Yonathan (bzw. Jonathan): The Origins of Judaism. An Archaeological-Historical Reappraisal (The Anchor Yale Bible Reference Library) Yale University Press, 15. November 2022 (Amz, GB)
- Bading, Ingo: Wie kam Stalin in die Mitte Europas? - Kriegsziele der westlichen Demokratien seit 1941. Magisterarbeit Mainz 1993; 2011 (Lulu)
- Reimarus, Hermann Samuel: Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes (unveröffentlichtes Manuskript seit 1730er Jahren geschrieben), erste vollständige Ausgabe im Auftrag der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften, Hamburg herausgegeben von Gerhard Alexander. In 2 Bänden. Insel Verlag, Frankfurt 1972
- Kuhn, T.K. (2004). Reimarus, Hermann Samuel. In: Vinzent, M. (eds) Theologen. J.B. Metzler, Stuttgart. https://doi.org/10.1007/978-3-476-02948-5_151
- David F Strauss: Hermann Samuel Reimarus: Und seine Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes. Brockhaus, Leipzig 1862 (288 S.)
Rituelle Gewalt - Zwölf Überlebende berichten von solcher innerhalb der katholischen Kirche
2012 wurde der Verein "False Memory Deutschland e. V. (FMD) - Arbeitsgemeinschaft Falsche Mißbrauchserinnerung" (Wiki) gegründet. Der Verein hat 140 Mitglieder. Viele von diesen Mitgliedern wurden - wie sie sagen - zu Unrecht beschuldigt, sexuelle Gewalt gegen Kinder verübt zu haben. Der Verein vertritt die Interessen solcher Menschen und berät sie.
Auffällig ist zunächst vor allem, daß dieser Verein in der Öffentlichkeit insbesondere dann tätig wird, wenn es um rituelle Gewalt geht.
Aufgrund der Aktivitäten dieses Vereins saß Kerstin Schön, eine Ehrenbürgerin der Stadt Erfurt, ein Jahr lang in Untersuchungshaft. Ihren Fall haben wir auf unserem Blog ausführlich behandelt (GAj2019), wundern uns aber noch immer, daß dieser Fall sonst nur in der regionalen Presse - und in der Alternativen Öffentlichkeit bislang gar keine - Beachtung gefunden hat.
Vorsitzende dieses Vereins "False Memory" ist aktuell eine Heidemarie Cammans (geb. 1942). 2023 äußert sie sich in einem Radiofeature des SWR - unserem Empfinden nach - außerordentlich flapsig, außerordentlich unsensibel und außerordentlich plump zum Thema "Falsche Erinnerung" (1). Cammans selbst hat 1984 "Sekten Info Essen" gegründet (SekInf, a), eine Beratungsstelle die heute noch besteht und die Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Cammans hat 1998 zwei Bücher heraus gebracht mit den Titeln "Ratgeber Okkultismus" und "Sekten - Die neuen Heilsbringer".
Zweiter Vorsitzender dieses Vereins ist aktuell ein Hans-Detlev Fink (FMD). Kurz seien einige weitere ehemalige Vorstandmitglieder genannt: ein Thomas Hartmann aus Meppen, offenbar Küchenleiter für einen Golfclub daselbst, sowie Hotelier (s. Xing). Bis 2021 hat er auch einen Koch-Blog betrieben, den er aktuell "aus gesundheitlichen Gründen" nicht mehr weiter führt (GKoch). Hilke Steffens aus Kronberg ist studierte Betriebswirtin, arbeitet im Business-Consulting und war Ehrenamtliche Richterin am Arbeitsgericht Frankfurt (Xing, LIn), ähnlich der Wirtschaftsingenieur Federico Avellán Borgmeyer, der ebenfalls in Kronberg ansässig ist (efcom).
2013
Schon 2013 ist hier auf dem Blog über eine Fachtagung in Münster berichtet worden (GAj!2013), deren Thema lautete: "Rituelle Gewalt in satanistischen Sekten - Therapeutische Einsichten, polizeiliche Erkenntnisse, Erfahrungsberichte". Neben Michaela Huber war auch der Prodekan der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen Vortragender, selbst Polizeipsychologe und Psychotherapeut. Von der Leiterin der Beratungsstelle in Münster und der Organisatorin der Tagung Brigitte Hahn gibt es aus dem Jahr 2013 auch ein Interview (Yt2013) und es wurde auch eine Video-Dokumentation zu dem Thema erstellt (2).
Über diese Tagung war zwar - auffällig genug - nicht in der Bild-Zeitung oder in anderen überregionalen Zeitungen berichtet worden, aber immerhin doch in regionalen, westfälischen Zeitungen, sowie auf einschlägigen Blogs. Wir hatten damals den Eindruck, daß es der katholischen Kirche ein ernsthaftes Anliegen wäre, über rituelle Gewalt und über satanistische Sekten aufzuklären und Überlebenden dieser Gewalt zu helfen.
2014
2014 wurde die Zeugenaussage der Niederländerin (oder Flämin?) Toos Nijenhuis bekannt, nach der unter anderem Kardinal Joseph Ratzinger in Belgien im Jahr 1987 in rituellen, satanistischen Zusammenhängen ein Kind ermordet haben soll (s. Yt2014, Yt2014a, erneut Yt2020, Yt2023). "Faktenchecker" versuchen bis heute darzustellen, diese Aussage wäre unglaubwürdig. Wirklich gute Argumente führen sie dazu nicht an (siehe z. B. Mimikama2019).
Im Jahr 1987 war Kardinal Ratzinger als Kardinalpräfekt der Glaubenskongregation längst einer der weltweit einflußreichsten Vertuscher von Pädokriminalität innerhalb der katholischen Kirche geworden. 2005 war er zum Papst gewählt worden. Am 11. Februar 2013 hat er überraschend seinen Rücktritt vom Papstamt erklärt.
2022
2022 veröffentlichte das Bistum Münster eine Studie zur sexuellen Gewalt innerhalb des Bistums Münster und Michaela Huber weist auf den folgenden Umstand hin (3):
„In der vom Bistum Münster im Jahr 2022 vorgelegten Mißbrauchsstudie sind sechs Fälle rituellen Mißbrauchs beispielhaft dokumentiert.“
2023
Nun wurde - wieder einmal - der Verein "False Memory" aktiviert. Im März 2023 erschien im "Spiegel" der Artikel "Im Wahn der Therapeuten" (Sp23; s.a. SatPan, GWUP). In diesem Artikel wurde die Ansicht vertreten, Erinnerungen an rituelle Gewalt seien Überlebenden nur von Therapeuten eingeredet worden. Der Artikel äußert diesen Vorwurf insbesondere gegen die Psychotherpeutin Jutta Stegemann, eine der beiden damaligen Mitarbeiterinnnen der Beratungsstelle in Münster.
Das Bistum Münster hat daraufhin die Beratungsstelle für Überlebende ritueller Gewalt geschlossen (den "Beratungsdienst Sekten und Weltanschauungen", bzw. den "Fachdienst") (Sp23) (BistMünst). Wir selbst werden auf diesen Umstand erst jetzt aufmerksam. Der WDR berichtete 2023 das folgende darüber (WDR2023):
Eine weitere Betroffene hat nach Westpol-Recherchen ganz aktuell ihren Fall beim Bistum und bei der Staatsanwaltschaft eingereicht. Sie berichtet von jahrelanger schwerster sexueller Gewalt durch einen Exorzistenzirkel innerhalb der Kirche und möchte, daß ihr Leid anerkannt wird.
Als Grund für die Schließung wird genannt (WDR2023):
Es habe Beschwerden gegeben über die Beratung. Von wem genau und wie viele Beschwerden, das möchte das Bistum Münster nicht sagen. Westpol liegen aber Hinweise vor, daß es dabei vor allem um eine ganz bestimmte Beschwerde ging. So meldete sich im vergangenen Jahr beim Bistum der Verein „False Memory“ (zu Deutsch: Falsche Erinnerung). Nach eigenen Angaben setzt sich der Verein für Menschen ein, die angeblich zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs beschuldigt werden. Außerdem bestreitet False Memory, daß es so etwas wie sexuelle Gewalt durch rituelle Täterorganisationen überhaupt gibt.
Der „Spiegel“ griff die Vorwürfe einer einzigen Patientin auf ...
... und machte aus dem einen Fall einen Artikel, der nahe legt, es habe System, daß Betroffenen diese Form von rituellem und organisiertem Mißbrauch in Therapien eingeredet wird. Die Therapeutin bestreitet auf Anfrage, jemals einer Patientin etwas eingeredet zu haben. Es habe sich auch nie zuvor eine andere Patientin über sie beschwert. Die Beratungsstelle des Bistums Münster allerdings wurde zwei Tage nach der Veröffentlichung des „Spiegel“ geschlossen.
Das ist ein außerordentlich krasser Vorgang. Für uns tritt in diesem Bericht auch erstmals der Verein "False Memory" aus seiner Anonymität heraus und es wird seine Vorsitzende genannt, nämlich die schon genannte Heide-Marie Cammans.
Es gab zu der Schließung mindestens eine kritische Stellungnahme von Seiten einer Vertretung Überlebender sexueller Gewalt in der katholischen Kirche (Yt2023).
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| Abb. 2: Toos Nijenhuis berichtet 2014 über Rituelle Gewalt und Morde in Belgien |
Nun aber noch einmal grundsätzlich: "Rituelle Gewalt in der katholischen Kirche"? Nichts ist doch im Grunde nahe liegender als das! In der katholischen Kirche ist doch alles "Ritual". Sexualisierte Gewalt gibt es in der katholischen Kirche - und im Jesuitenorden - zu Hauf. Diese sexualisierte Gewalt wurde Jahrzehnte lang (wohl Jahrhunderte lang) "systematisch" praktiziert, geduldet und vertuscht. Warum soll der Schritt zu ritueller Gewalt da sein so großer sein für hohe Kirchenbeamte?
Und zu welchen Verbrechen waren die katholische Kirche und der Jesuitenorden in den letzten Jahrhunderten nicht fähig? Haben sie nicht zu Kriegen gehetzt - etwa zum Dreißigjährigen Krieg, zum Ersten Weltkrieg - hat US-Kardinal Spellman 1944 nicht die Vertreibung der Ostdeutschen befürwortet, einen Völkermord? Hat die katholische Kirche Psychosekten wie die Colonia Dignidad in Chile nicht Jahrzehnte lang geduldet und verharmlost? Hat sie nicht den Regierungskriminellen Franz-Josef Strauß belobhudelt (Kardinal Ratzinger etwa bei dessen Beerdigung)? Welches Verbrechen hat die katholische Kirche nicht begangen oder befürwortet in ihrer tausendjährigen "Kriminalgeschichte"? Und da soll eine solche Institution zu ritueller Gewalt nicht fähig und willens sein?
Ermittlungsbehörden scheinen - wie so oft - nicht tätig zu werden. So wie der weltliche Staat seit Jahrzehnten und Jahrhunderten gegenüber der systematischen, sexualisierten Gewalt in der katholischen Kirche "wegsieht", so wie er diesbezüglich in der von ihm geförderten Odenwaldschule Jahrzehnte lang "weg gesehen" hatte. Mehr als nahe liegend, daß deshalb auch ansonsten noch nie in der Mainstream-Berichterstattung ernsthaft die Vermutung behandelt worden ist, daß es im katholischen, kirchlichen Kontext - neben der viel behandelten sexualisierten Gewalt, die seit 2010 nicht mehr durch Schweigegeld-Zahlungen "unter dem Deckel" gehalten werden kann - auch rituelle Gewalt gegeben haben könnte und gibt.
2025
Aber erstmals jetzt im Oktober 2025 kommt die Vermutung ritueller Gewalt in Zusammenhängen der katholischen Kirche doch in die Mainstream-Berichterstattung. Das Bistum Münster hatte 2023 eine Anwaltskanzlei damit beauftragt, Zeugenberichte von 12 Menschen, vor allem Frauen, die von ritueller Gewalt in kirchlichen Zusammenhängen berichten, auf Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen (BistumMünster).
Nachdem man den diesbezüglich erstellten und nun veröffentlichten Bericht der Anwaltskanzlei gelesen hat, muß man doch sagen, daß man es bei diesen Vorwürfen mit einer völlig neuen Kategorie zu tun hat. Natürlich gibt es genug Berichte über sexualisierte Gewalt im Rahmen der Kirche und des Jesuitenordens. Aber eben nicht über rituelle Gewalt. Und hier wird gleich quasi die Gesamtheit der Weihbischöfe, Kardinäle etc. Nordwestdeutschlands beschuldigt. Auf so etwas kommen doch 12 Leute, vor allem Frauen, die davon als Zeugen und Opfer berichten, nicht aus heiterem Himmel.
Irrwitziger Weise erfährt man von diesen Beschuldigungen nur durch den Bericht einer Rechtsanwaltskanzlei. Und dieser Bericht macht für diese Zeugenaussagen die zuvor so überraschend aufgelöste katholische Sekten-Beratungsstelle in Münster verantwortlich, von der gesagt wird, sie seit zurecht aufgelöst worden. Deren Arbeit war in den Jahren zuvor von vielen Seiten immer als sehr wertvoll angesehen worden.
Der Betroffenenbeirat bei der deutschen Bischofskonferenz (DBK) kritisiert das erstellte Gutachten der Rechtsanwaltskanzlei und den Umgang der katholischen Kirche mit diesem Thema stark (Katholisch2025):
Die Betroffenenvertreter kritisieren, das Gutachten sage nichts darüber aus, ob in den untersuchten Bistümern Netzwerke existierten, in denen Personen von mehreren klerikalen Tätern mißbraucht oder Opfer bewußt anderen Tätern zugeführt wurden. Auch zu der Frage, ob Täter während ihrer Taten ritualisierte, kirchliche Handlungen vollzogen, treffe das Gutachten keine Aussage. Daher sei der "tatsächliche Aussagewert dieser Studie" aus Sicht des Beirats "äußerst gering". Es bestehe die Gefahr, daß das Gutachten genutzt werde, um die Existenz von Täter-Netzwerken oder ritualisierten Mißbrauchspraktiken im kirchlichen Kontext zu verneinen. (...) Psychische Erkrankungen würden in solchen Gutachten oft als Hinweis auf eingeschränkte Glaubwürdigkeit interpretiert. Daher lehne der Betroffenenbeirat diese Praxis ab.
Das sind klare und eindeutige Aussagen!
Unsere Einschätzung
Sagen wir es einmal andersherum: Man kann sich sehr wohl vorstellen, daß die hier behandelten Zeugenberichte stimmen, daß solches in der katholischen Kirche zumindest grundsätzlich geschieht. Im Grunde KANN es sich gar nicht anders verhalten, nachdem man schon bei Cathy O'Brien nachlesen konnte, daß es sowohl ein katholisches wie ein freimaurerisches Code-System bei der Mind control-Programmierung gibt (GAj2011), und seit Cathy O'Brien durch deutsche Dokumentar-Krimi's wie "Operation Zucker - Jagdgesellschaft" in nicht unwesentlichen Teilen bestätigt worden ist (GAj2017). Die ganze mediale Auswertung dieses Doku-Krimis zeigt, wie umfangreich im Argen die Aufklärung über dieses Thema in Deutschland liegt (GAj2017).
Wenn organisierte, elitäre, internationale Pädokriminalität und ritueller Satanismus in der Politik eine Rolle spielen - und wer wollte nach so und so vielen Fällen daran noch zweifeln (Epstein, Savile etc. etc pp.) - wie wollen die katholische Kirche und der Jesuitenorden in dieser Politik dann eigentlich noch Mitspieler sein, wenn sie nicht die gleichen Methoden anwenden? Wie sonst sollte es auch denkbar sein, daß die katholische Lobby immer noch so unglaublich viel Einfluß in der Politik hat? Ohne einen solchen Einfluß wäre die Psychosekte Jesuitenorden ja längst verboten worden, wäre ein Papst Joseph Ratzinger längst vor Gericht gestellt worden.
Auch ist die christliche und katholische Lobby in allen Parteien - einschließlich der AfD - außerst einflußreich, selbst in der SPD, wo es aufgrund dieser Lobby bis 2022 (!!!) keinen laizistischen Arbeitskreis geben durfte (Wiki). Für die CDU/CSU muß der Einfluß dieser Lobby ja nicht großartig belegt werden. Neuerdings ist diese Einflußnahme auch wieder durch den Youtuber Erik Ahrens thematisiert worden (GAj2025). Aus katholischer Ecke stammen Götz Kubitschek und Ellen Kositza. Karlheinz Weißmann ist von Kubitschek als der "katholischste Protestant" gekennzeichnet worden, den er je kennen gelernt habe. Über all diese Dinge ist hier auf dem Blog schon in früheren Jahren viel geschrieben worden (Schlagwort Rechtskatholisch). Und dieser Umstand ist durch Erik Ahrens einmal erneut voll bestätigt worden. Ebenso "Vordenker" wie Alain de Benoist sind als solche katholischen Einflußnehmer erkennbar geworden (GAj2015). Und auch das sind alles immer nur Spitzen von Eisbergen ....
Der katholische Hintergrund ist auch bei einem der intellektuell Fähigsten in der AfD völlig klar, nämlich bei Maximilian Krah. Dieser hat früher ausgerechnet für die Pius-Bruderschaft als Rechtsanwalt gearbeitet.
Diese Berichte Überlebender von ritueller Gewalt in der katholischen Kirche müssen jedenfalls ernst genommen werden und als ein wichtiges, fehlendes Puzzle-Teil Beachtung finden.
Am wichtigsten aber wird die moralische Einordnung all dieser Dinge sein: Keiner der Täter kann - womöglich - wirklich etwas dafür, da es sich - so wie es in den vielen Berichten beschrieben wird - um ein sich selbst perpetuierendes Terror-System handelt, in das die Täter in der Regel von der Kindheit oder von der frühen Jugend an hinein wachsen, mit Terror hinein gepeitscht worden sind oder in das sie aufgrund unglücklicher Umstände hinein verführt worden sind. Wer würde sich in solchen Kreisen wirklich "freiwillig" bewegen wollen? Wer würde "freiwillig" in solchen Kreisen agieren wollen, aus ihnen heraus handeln wollen? Diese Überlegungen setzen die sonst üblichen moralischen Beurteilungskriterien völlig außer Kraft. Im Grunde sind die Täter ja ebenso zutiefst bemitleidenswerte Sklaven wie die Opfer.
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"Der Zeitgeist diktiert Stillschweigen in einer sehr wichtigen Frage ..."
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| Abb. 1: M. Huss um 2010 (Rg) |
Dr. Mathilda (vormals Martina) Huss (Resg) ist bekannt geworden als Besitzerin der Potsdamer Adlon-Villa (Wiki), die sie 2011 mit ihrem damaligen Lebensgefährten Wilhelm Wilderink gekauft hat und die sie mit diesem gemeinsam offenbar bis heute betreibt, und wo 2023 eine Tagung stattgefunden hat, der in der Öffentlichkeit große Bedeutung zugesprochen worden ist, was dementsprechend viele Folgen nach sich gezogen hat (Wiki).
Außerdem ist bekannt geworden, daß Mathilda Huss zeitweise Lebensgefährtin des AfD-Politikers Maximilian Krah gewesen ist, mit dem zusammen sie offenbar auch ein Buch über Humangenetik und ihre Bedeutung für die Politik der heutigen Zeit hatte veröffentlichen wollen.
Vor einigen Tagen hat sie ein 3-stündiges Interview bei "Ben {ungeskriptet}" gegeben, das schon nach einem Tag 160.000 mal aufgerufen worden war (1). Dadurch wird die Aufmerksamkeit erstmals mehr auf ihre eigenen inhaltlichen Aussagen gerichtet, als nur auf ihre bislang bekannten äußeren Lebensumstände als Besitzerin einer Tagungs-Villa.
Schon in der Titelgebung dieses Interviews stellt sich der Interviewer Ben ja im Grunde innerlich auf Seiten der Mathilda Huss: "Verfassungsschutz jagt Biologin - die verbotene Wahrheit".*)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Cambridge bis 2014
Diese Neurobiologin Mathilda Huss jedenfalls hat 17 Jahre lang als Studentin und Mitarbeiterin am "Laboratory of Molecular Biology" an der Universität Cambridge (Wiki) gearbeitet. Am dortigen "Centre for Neuroscience in Education" (CNE) hat sie auch promoviert. Vor dieser Zeit hat sie drei Jahre in Paris studiert, davor in Freiburg und Tübingen.
Sie hat in Cambridge über den Hörprozeß von Legastheniker-Kindern geforscht. Dementsprechend war sie zwischen 2009 und 2021, soweit erkennbar, Mitautorin zahlreicher wissenschaftlicher Studien, die an diesem Institut entstanden sind (Publ, Resg).**)
2014 ist Mathilda Huss, so erzählt sie, nach Deutschland zurück gekommen. Sie hat aktuell zwei minderjährige Kinder.
Der dänische Intelligenz-Forscher Emil O. W. Kirkegaard (DK, X) hat längere Zeit bei ihr zur Miete gewohnt und der Youtuber Erik Ahrens (Wiki) sagt neuerdings, daß er sein eigenes "rechtes" Weltbild vor allem durch Gespräche mit Mathilde Huss und Emil Kirkegaard erworben hätte.
In einem ebenfalls im Oktober 2025 veröffentlichten Vortrag setzt sich Mathilde Huss unter anderem mit Parallelen zwischen der Hegel'schen Weltdeutung und einer denkbaren modernen naturwissenschaftlichen Weltdeutung auseinander. Sie macht sich Gedanken über die Willensfreiheit vor dem Hintergrund des modernen, naturwissenschaftlichen Weltbildes (2).
Von jenen vielfältigen Themen, die Mathilda Huss aufwirft, ist in den vergangenen Jahren vergleichsweise selten die Rede gewesen, und zwar ebenso wenig in der Mainstream-Öffentlichkeit als auch in einer politisch wie auch immer ausgerichteten alternativen Öffentlichkeit. Dabei sind das alles Themen, die für den Fortbestand von Völkern und Kulturen weltweit von größter Bedeutung sind. Dementsprechend sind diese Themen auch diesem Blog schon seit 15 Jahren wichtig.
Der Anthropologischer Paradigmenwechsel seit dem Jahr 2000
Schon im September 2024 hat Mathilde Huss als Preprint einen Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel "Anthropologischer Paradigmenwechsel" (Resg). Unter diesem Schlagwort haben wir hier auf dem Blog schon seit 2008 Blogartikel verschlagwortet (GAj!), die diesen Paradigmenwechsel ins Auge fassen, bzw. hatten wir 2007 auch ein umfangreiches Buchprojekt zu diesem Thema vorgestellt (Resg).
Mathilda Huss ist in ihrem Denken aktuell - wie wir auf unseren Blogs - vor allem von den Forschungen rund um den "Polygenic Score" geleitet. Sie bezieht sich unter anderem auf die auch für uns wesentlichen Bücher "Blue Print" von Robert Plomin aus dem Jahr 2018 und "The Genetic Lottery" von Kathryn Paige Harden (Wiki) aus dem Jahr 2021.
In diesen Büchern sind jene naturwissenschaftlichen Erkenntnissen enthalten, die als Voraussetzung für ein modernes Menschenbild, für Kultur-, Politik- und Lebensgestaltung, sowie auch Pädagogik in Rechnung zu stellen sind (Stg2018).
Mathilda Huss bringt ihre Gedanken in Einklang mit einem offenbar ziemlich katholischen Weltbild und kulturellen Hintergrund, aus dem heraus sie nach eigenen Angaben sogar auch noch ziemlich große Probleme mit dem Protestantismus hat. (Warum sie solche abstrusen Probleme hat, ist uns noch nicht ganz klar geworden, wird aber an ihrem Katholizismus liegen ....)
In dem Interview erzählt sie auch, daß sie in ihrer Kindheit zeitweise auf dem Nachbargrundstück von Konrad Lorenz in Altenberg bei Wien gelebt hat.
Wir haben das Interview selbst noch gar nicht vollständig genug angesehen. Dieser Artikel könnte deshalb künftig noch vervollständigt werden.
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Forschungstag, St. John's College, Cambridge15.03.07 – „Rhythmus- und Leseprojekt“. Mitglieder des MRC-Projektteams hielten Vorträge vor einem geladenen Publikum von Schulleitern, Lehrkräften und Hilfspersonal, Eltern der teilnehmenden Kinder und den Kindern selbst. Professor Usha Goswami gab einen Überblick über das Projekt, während Dr. Mathilda (ehemals Martina) Huss (Abteilung für Psychologie, Universität Cambridge) und Dr. Tim Fosker erklärten, wie die verschiedenen Aufgaben entwickelt werden und welche Ergebnisse zu erwarten sind.Research Day, St John's College, Cambridge15/03/07 - "Rhythm and Reading Project". Members of the MRC Project Team gave presentations to an invited audience of headteachers, teachers and support staff, parents of participant children and the children themselves. Professor Usha Goswami provided a background to and overview of the project while Dr. Mathilda (formerly Martina) Huss (Department of Psychology, University of Cambridge) and Dr. Tim Fosker explain how the different tasks are developed and what outcomes might be anticipated.
2020 erinnert sich eine andere wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Zusammenarbeit mit ihr an diesem Institut (CanadAudiologist2020).
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- Verfassungsschutz jagt Biologin - die verbotene Wahrheit. Interview mit Mathilda Huss, {ungeskriptet} by Ben, 543.000 Abonnenten, 162.904 Aufrufe, aufgenommen am 9.9.25, veröffentlicht am 22.10.2025 (Yt2025)
- Mathilda Huss: Naturwissenschaft, Gott und die Sinnfrage. Vortrag auf dem "Thing IX" vom 10. bis 12. Oktober 2025 unter dem Leitmotto: "Die Rechte und die Religion", Videokanal des Steuerberaters Michael Dangel, 17.10.2025 (Yt2025)
Jung sein, heißt: die Welt zu heben aus den Angeln, wenn sie rosten
Ein Gedicht, das dem Bloginhaber schon seit seiner Jugendzeit (um 1985 herum) wichtig war, soll hier einmal zur Veröffentlichung gelangen. Es hat keinerlei Vergessenheit verdient.
| Abb. 1: "Speerwerferin" - Skulptur des Bildhauers Ernst Seger (1868-1939) aus dem Jahr 1937, Grugapark Essen |
Jung seinJung sein, heißt die Zukunft zwingen,ihr bestimmte Formen geben!Mit sich selbst muß Jugend ringenwill sie bau’n ein starkes Leben!Jung sein, heißt: für alles Hohe,alles Schöne, alles Freiein sich schüren hell zur Loheder Begeistrung lautre Weihe!Jung sein, heißt: mit starken Händenfest das schwerste Schicksal packen,alles Leiden muß sich wenden,beugst du nicht vor ihm den Nacken!Jung sein, heißt: des Lebens Pfortenzu umranken rot mit Rosen,heißt: mit Tat und FlammenwortenTrost zu reichen Hoffnungslosen!Jung sein, heißt: die Welt zu hebenaus den Angeln, wenn sie rosten,Lust zu streuen, Glück zu geben,alle Seligkeit zu kosten!Jung sein, heißt: im Lebenslenzemitzutun der Menschheit Kriege,jeder Tag reicht neue Kränze,neue Wunden, neue Siege!
Abschließend noch einige Worte zur Erläuterung: Es handelt sich hier um ein Gedicht des Arbeiterdichters Ludwig Lessen (1873-1943) (Wiki). Offenbar ist es erstmals veröffentlicht worden im Jahr 1924 und wäre dementsprechend ein Ausdruck des kulturellen Aufbruchgeistes der damaligen Zeit (1). Die Zeitschrift "Der Steinarbeiter" brachte 1929 Zeilen aus dem Gedicht (2). Eine Vertonung des Liedes, die nach unserer Meinung das Gedicht aber keineswegs aufwertet, ist 1934 von Ernst Lothar von Knorr (1896-1973) (Wiki) veröffentlicht worden (s. deutscheslied) (s. Yt).
Über das Büchlein von 1924, das dieses Gedicht - wohl - enthält, finden wir die Worte (ZVAB):
Man braucht den Jahren nach kein Junger mehr sein und kann dennoch mit den Jungen fühlen und denken. Das trifft auch für den zu, der die Gedichte dieses Büchleins den jugendlichen Arbeitern als Gabe reichen möchte. Von einem, der also fühlt und denkt, wollen die Gedichte erzählen, dessen Titel einer Anfangszeile eines in dem Buche enthaltenen Liedes entnommen ist. Ludwig Lessen, eigentlich Louis Salomon, geboren: 17. 09. 1873, gestorben: 11. 02. 1943, deutscher Lyriker, Redakteur, Journalist, Herausgeber, 1933 erhielt Lessen als Jude und Sozialdemokrat Berufsverbot. Die ständigen Verfolgungen durch die Nationalsozialisten trieben ihn 1943 zum Selbstmord.
Und noch zum Vorschaubild: In Nordrhein-Westfalen sind mehrere Skulpturen des Bildhauers Ernst Seger aufgestellt (s. Kulturraum).
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- Ludwig Lessen: Wir wollen werben, wir wollen wecken: Gedichte für die arbeitende Jugend. Arbeiterjugend-Verlag, 1924 (42 Seiten) (GB)
- Der Steinarbeiter. Zeitschrift des Zentralverbandes der Steinarbeiter Deutschlands. 13.7.1929 (pdf)
- Adalbert Wichert: Lessen, Ludwig. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 14, Duncker & Humblot, Berlin 1985, ISBN 3-428-00195-8, S. 335 f. (Digitalisat)
- Ingmar Burghardt: Jung sein, 8.5.2024 (Yt2024)
Ein jüdischer Multimillionär, der zugleich "Holocaust denier" ist
Ron Unz - Er geht davon aus, daß die "Protokolle der Weisen von Zion" zwar eine Fälschung sind, aber dennoch von jemanden geschrieben worden sind, der gute Kenntnisse von den tatsächlichen Verhältnissen hatte
In den USA gibt es einen Menschen, den dieser Blog bislang nicht ausreichend wahrgenommen hat: Ron Unz (geb. 1961) (Wiki, engl).
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| Abb. 1: Ron Unz im Gespräch mit Germar Rudolf, Oktober 2025 |
Ron Unz ist ein Multimillionär, der in der Publizistik der amerikanischen Konservativen schon seit Jahrzehnten eine Rolle spielt. Da dieser Blog schon seit etwa 2005 Leuten wie dem Journalisten Steve Sailer (geb. 1958) (Wiki) oder dem Genetik-Blogger Razib Khan (geb. 1977) (Wiki) mit Interesse gefolgt ist, hat dieser Blog immer schon mit Publikationsorganen zu tun gehabt, die von Ron Unz gefördert worden sind, nämlich zum Beispiel mit den Online-Zeitschriften "Vdare" und "The Unz Review", in denen beide Genannte publizierten.
Ron Unz vermutet unter anderem, daß John F. Kennedy vom Mossad ermordet worden wäre, und auch, daß der Mossad hinter 9/11 stecken würde und noch einiges mehr auf dieser Linie (Wiki). Alles das sind Dinge, die in Deutschland so deutlich niemand auch nur ansatzweise zu behaupten wagt - zumindest soweit er sich auf einer öffentlichen Einflußebene bewegt, auf der sich ein solcher Ron Unz bewegt.
Ron Unz über die Rolle des Mossad
Welche Meinung man auch immer über seine Ansichten haben mag: "Holocaust-Leugnung" (Wiki) darf nicht unter Strafe gestellt werden. Diesen Standpunkt vertritt dieser Blog seit Jahrzehnten, letztlich seit 1994 diesbezüglich ein Strafparagraph (Wiki) eingeführt wurde, bzw. "konkretisiert" wurde. Wer einen solchen Straftats-Bestand überhaupt einführt, sagt schon an sich sehr viel über sich. Im Grunde genommen das meiste. Oder alles. Nämlich über die Sache selbst. Und ebenso wie man möchte, daß damit umgegangen wird.
Nur die wenigsten deutschen Historiker haben damals widersprochen, daß ihre Forschungsfreiheit in einer so wesentlichen Frage so grundlegend eingeschränkt worden ist. Einer dieser wenigen war Ernst Nolte - unserer Erinnerung nach. Als Student habe ich Ernst Nolte bewundert als ich in seinen Vorlesungen an der FU Berlin saß - wenn auch nicht unbedingt mit ihm "sympathisiert". Die Vorlesungen waren voll und es schlug ihm aus diesen - meiner Wahrnehmung nach - viel Feindseligkeit entgegen.
Eine der übelsten Folgen dieses Strafrechtsparagraphen ist eine seit manchen Jahren häufiger wahrnehmbare Unernsthaftigkeit, mit der mit diesem Thema umgegangen wird. Viele Menschen machen sich lustig darüber, daß eine Wahrheit, die unter den Schutz von Strafe gestellt werden muß, im Grunde gar keine Wahrheit im modernen Sinne mehr ist, sondern dem Geist der monotheistischen, mittelalterlichen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch folgt: Eine Wahrheit, die im Prinzip gar nicht mehr falsifizierbar ist. Im Grunde eine Unmöglichkeit, zumal in der heutigen Zeit.
Diese Unernsthaftigkeit scheint man aber in Kauf zu nehmen und sie dann überall dort, wo sie sich in irgend einer Form äußert, ebenfalls "fröhlich" abzustrafen. All das hat viel zu viele "Geschmäckle" und deutet auf den Grundzustand unserer Zeit und unserer Welt überhaupt hin. Sie ist unserer Meinung nach Ausdruck in einer ungeheuer krassen Schieflage.
Aber auch alle übrigen von Ron Unz geäußerten Ansichten müssen frei erörtert werden können. Sonst breitet sich ein Mief und eine geistige Verkrüppelung aus, wie man sie nur aus dem Mittelalter, aus der Sowjetunion oder dem Dritten Reich kennt.
... Und nun noch ein Gespräch mit Germar Rudolf ...
Am 17. Oktober 2025 hat Ron Unz ein Interview mit dem deutschen "Holocaust denier" Germar Rudolf (geb. 1961) (Wiki) geführt, auf das wir hier auf dem Blog vorsichtshalber schon einmal gar nicht erst verlinken. Denn es steckt ja voller Holocaust-Leugnung. Es ist aber zum Beispiel auf X.com zu finden. Und es könnte die Aufmerksamkeit wacher Menschen bezüglich einer Person wie Ron Unz doppelt wecken. Es weckt im Grunde ganz sonderbare Gefühle, Holocaust-Leugnung von einer solchen vergleichsweise einflußreichen, zumindest finanziell schwer angreifbaren Person in den USA öffentlich debattiert zu sehen. Hui. Ebenso gilt dies für die anderen von ihm aufgeworfenen "kontroversen" Themen.
Uns hier auf dem Blog war ja immer schon zum Beispiel wichtig, daß die meisten Hinweise für den Mord an Uwe Barschel Richtung Mossad weisen (s. GAj2009). Schon deshalb halten wir diesbezüglich vieles für möglich. Zumal die geistige und politische Elite in Deutschland nicht ansatzweise bereit zu sein scheint, dieses Thema aufzuarbeiten. Ein völlig unwürdiger Zustand. Die Geschichte des Mossad ist - wie die Geschichte aller Geheimdienste - auch des CIA natürlich, auch des bundesdeutschen Verfassungsschutzes - eine Aufeinanderfolge von übelsten Schandtaten. Soviel steht auf jeden Fall schon einmal fest. Bei Berücksichtigung von Gestapo, Wehrmacht-Abwehr, NKWD, Stasi etc. sowieso.
Ron Unz vermutet sogar (Wiki), die "Protokolle der Weisen von Zion" wären zwar durchaus eine Fälschung, seien aber dennoch von Leuten verfaßt, die die tatsächlichen Bestrebungen elitärer Juden recht gut gekannt und überblickt hätten. Und wir ergänzen: Indem man ein solches Dokument wie diese "Protokolle" in Umlauf bringt und dann - ziemlich simpel - als "Fälschung" entlarvt, kann man die darin enthaltenen Unterstellungen natürlich leicht der vollen Lächerlichkeit preisgeben. Natürlich. Psychologisch wäre das im Grunde nicht gar so schlecht gemacht. Wenn denn nicht die Menschen von heute sich inzwischen für so umfassend belogen ansehen, daß sie auch ein solches Vorgehen zumindest für plausibel halten können.
Insgesamt ist dieser Ron Unz - soweit wir das beim groben Überblick erkennen können - in den US-amerikanischen Medien relativ entspannt sichtbar. Wie gesagt: soweit wir das überblicken. Von einer irgendwie gearteten "Brandmauer" ihm gegenüber scheint man in den USA noch ziemlich weit entfernt zu sein. - Aber bei Gelegenheit und falls es notwendig wird, wird man das ja womöglich auch in den USA ändern können. Wenn es psychologisch geschickt genug vorbereitet worden ist. Vielleicht ist ein solches Interview schon ein erster "Probierstein", wie viel "Notwendigkeit" für so etwas derzeit oder künftig bestehen könnte.
Aber es sei noch darauf hingewiesen, daß in dem genannten Interview - zum Beispiel - erörtert wird, daß weder de Gaulle, noch Churchill, noch andere führende Politiker des Zweiten Weltkrieges in ihren Erinnerungen über den Zweiten Weltkrieg den Holocaust überhaupt nur erwähnt haben. So wird es jedenfalls behauptet, ich will das jetzt nicht überprüfen. Es wäre mir jedenfalls bis dato noch nicht bewußt gewesen. Ich erwähne dies nur deshalb, weil es zu zentralen Erkenntnissen des deutschen Historikerstreites von 1985 paßt. Und ebenso zu meiner - diese Erkenntnisse weiter führenden - Magisterarbeit aus dem Jahr 1993 (s. Lulu, Acad). Nach dieser war die britische Außenpolitik schon lange vor Bekanntwerden des Holocaust von zutiefst verbrecherischen, genozidalen Zielsetzungen bestimmt. Sie bedurfte also dieses Holocaust gar nicht, um verbrecherische Ziele zu verfolgen. Ein Umstand, über den es bis heute weiterhin ein großes Schweigen in der deutschen und internationalen Historikerschaft gibt, obwohl es doch gar nicht unter Strafe steht, diese Dinge zu erörtern.
Ganz schön viel - unnötige - Selbstzensur, liebe Historikerschaft.
Wie wird Ron Unz von ChatGPT eingeordnet?
Wir fragen ChatGPT: "Mit wem könnte der Multimillionär Ron Unz in Deutschland oder Europa verglichen werden?" Und wir erhalten dazu eine recht differenzierte Antwort, die am Ende dann folgendermaßen zusammen gefaßt wird:
Ron Unz ist im europäischen Vergleich eine hybride Figur - ein wohlhabender Intellektueller, der sein Vermögen nutzt, um eine Plattform für radikale Gegenmeinungen zu betreiben.Vom Typus her steht er zwischen Peter Thiel, Jürgen Elsässer und David Irving, je nachdem, ob man den Unternehmer, den Publizisten oder den Ideologen betrachtet.
Wir möchten meinen: Also eine in der heutigen politischen Landschaft vergleichsweise "krasse" und reichlich einzigartige Figur.
Der grauen, langweiligen Einförmigkeit der Meinungsbildung in den Mainstream-Medien weltweit wird jedenfalls durch seine Beiträge kräftig lebendige Farbe hinzugefügt. So etwas hat es zum Beispiel in der Sowjetunion nicht gegeben. Und deshalb wollen wir die gelebte westliche Demokratie (nicht die verfassungsmäßig vorgesehene, die sowieso) an diesem Punkt, in diesem einen Punkt doch einmal - - - loben.
... und dann noch ein Nick Fuentes ....
Ergänzung 19.11.2025: Wenn man die derzeitigen Diskussionen rund um Tucker Carlson und Nick Fuentes (Wiki) in den USA verfolgt, könnte man auch zu dem Schluß kommen, daß die womöglich wachsende Prominenz auch eines Germar Rudolf in den US-amerikanischen Medien womöglich nur dazu genutzt wird, um die öffentliche Meinung noch mehr auf Linie zu bringen und zu vereinheitlichen. Nämlich indem man einfach billige "Strategien der Spannung" fährt, die immer nur das Gegenteil von dem bewirken, was sich die Protagonisten dabei erhoffen. Dazu würden die Vorwürfe gut passen, daß dieser genannte Viertel-Mexikaner Fuentes in den USA für den CIA arbeitet und daß er deshalb wie "gesteuert" wirkt.
"Nach wenigen Worten erkennt der Bruder den Bruder"
Seit der Jahrhundertwende bewegte sich die Schauspielerin Tilla Durieux (1880-1971) (Wiki) in den führenden Künstlerkreisen Berlins. Dadurch wurde sie selbst zu einer der ausdruckstärksten Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts.
| Abb. 1: Tilla Durieux als Kleopatra, gemalt von Max Slevogt |
Sie ist aus dem deutschen Kulturleben des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts nicht hinweg zu denken. Sie ist die meistporträtierte Frau dieser Epoche. Von fast allen namhaften Künstlern dieser Zeit gibt es Porträts von ihr.
In diesen Jahren war sie mit dem kulturell sehr fortschrittlich gesinnten, unkonventionellen Berliner Kunsthändler Paul Cassirer (1871-1926) (Wiki) liiert und später verheiratet. Dieser hat, wie sie sagt, maßgeblichen Einfluß auf die Formung ihrer Künstler-, bzw. Schauspieler-Begabung genommen. Man möchte meinen, daß er ihr den Mut gab, ausreichend exzentrisch zu sein, um alles zum Ausdruck zu bringen, was in ihr war. Außerdem wird ihr ihre jugendliche Begeisterungsfähigkeit dabei zu Hilfe gekommen sein.
Man gewinnt - insbesondere über Fotografien und Gemälde - den Eindruck, als ob Tilla Durieux nach dem Selbstmord ihres ersten Ehemannes Paul Cassirer im Jahr 1925 nicht mehr so lebendig und eindrucksvoll als Schauspielerin wirkte wie sie das bis dahin getan hatte, daß sie ihre Rollen nun nicht mehr so exzentrisch und überschwänglich anlegte. Daran insbesondere mag der große Einfluß ihres Ehemannes Paul Cassirer erkennbar sein.
Paul Cassirer war ein emotional keineswegs ausgeglichener Mensch. Womöglich war er ähnlich emotional unausgeglichen wie die französischen, expressionistischen Maler, die er verehrte, und denen er Geltung im deutschen Sprachraum und darüber hinaus zu verschaffen versuchte: wie Vincent van Gogh, wie Gaugin und wie viele andere. Paul Cassirer hat mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen, 1925 gelang es ihm.
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| Abb. 2: "Die Cassirers - Streiter für den Impressionismus" - Buch aus dem Jahr 1991 |
Als Tilla Durieux sich wegen seines Fremdgehens, das er sich über all die Jahre nicht hat abgewöhnen können, schließlich zur Scheidung durchgerungen hatte, schützte Paul Cassirer kurz vor dem Unterzeichnen des Scheidungsvertrages Unwohlsein vor. Er ging in das Nebenzimmer und schoß auf sich. Diesmal war die Kugel tödlich, wenn er auch erst einige Tage später starb. Auch dieses Handeln kann wohl nur aus der ganzen exzentrischen Lebenshaltung heraus erklärt werden, aus der heraus Paul Cassirer handelte und lebte. Tilla Durieux schreibt über ihn (1, S. 74):
Ich verdanke Paul Cassirer die schönsten und die bittersten Stunden, meine geistige Entwicklung, meine wachsenden Erfolge an der Bühne, eine unendliche innere Bereicherung, aber auch den tiefsten Kummer. Meine Augen haben durch ihn die Herrlichkeit der Welt gesehen, aber auch die verzweifeltsten Tränen geweint.
Über das erste Zusammentreffen mit Paul Cassirer während einer Abendgesellschaft erzählt sie (1, S. 78):
Jetzt entwickelte sich ein Gespräch, wie ich es noch nie gehört. (...) Paul Cassirer ließ wahre Kaskaden von Behauptungen und Gegenbehauptungen über uns sprühen. Wie eine Fontäne sprudelte das Gespräch in die Höhe witziger Bemerkungen und glitt wieder auf den Grund tiefen Wissens zurück, um sich wieder zu den kühnsten und gewagtesten Folgerungen zu erheben. Ich glaube, ich saß wie ein Kind vom Lande mit offenem Munde da, um kein Wort zu verlieren. Das war, ja, das war die Welt, von der ich immer schon geträumt hatte, daß sie irgendwo verborgen sei! Glänzend, heiter, witzig, jeden Augenblick einen anderen Blickpunkt erschließend, Wahrheit-Dichtung-Lüge, die im nächsten Augenblick Wirklichkeit sein konnte, Scharaden-Märchen-TausendundeineNacht.
Über die Zeit des ersten Zusammenseins mit Paul Cassirer schreibt sie (1, S. 87f):
Meine Erlebnisse hatte mich reifer werden lassen. (...) Nicht jeder hat den gleichen Weg zu gehen, nicht jeder die gleiche Art, die Wahrheit zu verkünden, aber, ob es ein Musiker, ein Dichter, ein Schauspieler sei, nach wenigen Worten erkennt der Bruder den Bruder.
Was für schöne Worte!
| Abb. 3: Tilla Durieux als Herodias in Salome |
Und sie schreibt (1, S. 89):
In Haarlem im Rathaus (heute im Hl. Geistspital) aber war es, wo ich bis in Innnerste erschrak vor den letzten Bildern, die der verschollen gewesene Frans Hals als alter armer Mann gemalt hatte. (...) Vor diesen Bildern war es auch, wo Paul mir klar machte, daß mein Leben ein einziges Streben sein müsse, zu lernen, soviel ich nur immer konnte.
Und sie schreibt (1, S. 92):
Eines Tages legte Paul Cassirer Goethes Gedichte vor mich hin und forderte mich auf, seine Lieblingsgedichte zu lesen. Er hielt mir einen langen Vortrag, daß eine Schauspielerin verpflichtet sei, nicht nur ihre Rollen zu lernen, sondern auch die deutsche Literatur zu kennen, deren Sprachrohr sie doch sein wolle. Sie habe in die Schönheit der Sprache einzudringen, und wo könne sie dies besser als im Gedicht. Nie würde einem Menschen sich das Geheimnis des Klanges und des Rhythmus entschleiern, wenn er nicht unablässig im Reim danach suchen. (...) "Nur unsere Lyriker können uns den Weg zeigen. Auf ihren Spuren mußt du gehen (...), dann wird eines Tages etwas in dir zu schwingen anfangen, und die Menschen werden plötzlich aufhorchen und sagen: 'Die deutsche Sprache ist doch schön.' "
Der wesentliche Umstand, der die seelische Nähe zwischen Paul Cassirer und Tilla Durieux hervor brachte, war, daß Paul Cassirer selbst ein großer Schauspieler war.
Durieux meint, daß sie in den letzten Jahren ihrer Ehe künstlerisch selbstständiger geworden sei und sich dabei weiter entwickelt habe, ohne daß das Paul Cassirer mitbekommen habe. Wir aber möchten nicht ausschließen, daß sie sich bei diesem Urteil bis an ihr Lebensende einer Selbsttäuschung hingegeben haben könnte.
Interessant ist aber in jedem Fall auch, wie sie in ihren Lebenserinnerungen für das Jahr 1903 ihre "Mitkonkurrentin", die Berliner Schauspielerin Irene Triesch (1875-1964) (Wiki) kennzeichnet. Und sie kennzeichnet damit zugleich die Lebenshaltung einer ganzen Generation und zugleich den kulturellen Aufbruch, den Tilla Durieux selbst in der Folgezeit verkörperte.
| Abb. 4: Als "Anitra" in "Peer Gynt" |
Tilla Durieux spricht von dem Leiter des Berliner Lessingtheaters Otto Brahm (1, S. 69):
Seine Hauptdarstellerin Irene Triesch, die ungefähr die Rollen spielte, die auch ich erstrebte, war, wie die Eysoldt, ganz in der Gedankenwelt der Jahrhundertwende geblieben. Um 1900 wußte die Frau nichts von Sport, Wasser und Sonne, sie saß am liebsten elegisch und müde im sorgfältig verdunkelten Zimmer, das mit schweren Vorhängen Licht und Luft ausschloß. Vom Manne unverstanden und gelangweilt von der Umwelt hütete sie sich vor jedem Sonnenstrahl. Ein gebräunter Körper war eine Unmöglichkeit. Von morgens bis abends beschäftigte sie sich mit seelischen Qualen, die sie abends beim Souper zwischen Braten und Käse dann mit dem Tischherrn zerpflückte. Diese Art Frauen verkörperte die Triesch, und sie traf es ausgezeichnet. Als ich sie zum erstenmal in einer Ibsen-Rolle sah, fand ich diese Auffassung so fremd, daß alles in mir revoltierte. Dieses tränenreiche Stammeln und weichliche Jammern waren mir in tiefste Seele verhaßt, obwohl ich zugeben mußte, daß ich eine große Leistung sah. Ich wußte, ich würde jede dieser Rollen anders anpacken, denn dieses Hingeben ohne Abwehr, diese Trauer der schwachen Untätigen erschien mir verächtlich. Ich fühlte genau, daß ich mit dieser Ansicht allein stand. Ich konnte mir auch gar nicht genau darüber klar werden, was ich eigentlich wollte. Das Leben mußte mir erst Gelegenheit geben, einen bitteren Kampf zu kämpfen, und der Mann mußte erst erscheinen, der mir den Weg zeigte, wie man seine Gedanken in Kunst umsetzt.
Und dieser Mann war dann Paul Cassirer. Auffälliger Weise fallen diese Eindrücke in dieselben Jahre, in denen in Berlin-Steglitz der Wandervogel gegründet worden ist (1901).
Über das Gemälde von Max Slevogt aus dem Jahr 1907, wiedergegeben in Abbildung 1, wurde 2023 unter dem Titel "Männermordende Erotik" geschrieben (TAZ2023):
Max Slevogt malte sie 1907 in aufgewühlten Farben als „Kleopatra“, lasziv auf Tigerfellen lümmelnd, die Lippen aufgeworfen, schimmernd das Kleid, die Finger exaltiert gespreizt, der Busen blaß aus dem Dekolleté leuchtend. (...) Der Bildhauer August Gaul, mit dem sie in Berlin befreundet war, setzte die Durieux hingegen als nackte Circe in einer kleinen Skulptur auf ein Schwein, ein Scherz mit dem Mythos der griechischen Zauberin Circe, die Männer in Schweine verwandeln konnte.
Tilla Durieux war über ihren Ehemann Paul Cassirer mit Ernst Toller befreundet und dem Kreis um ihn.
1919 - Räterepublik in München
Aus diesem Kreis gingen 1919 führende Persönlichkeiten der Räterepublik in München hervor. Aufgrund dieser Umstände war sie 1919 Zeitzeuge des Geißelmordes in München (Wiki).
Ernst Toller, Erich Mühsam, Gustav Landauer, Eugen Leviné, Max Levien und Tobias Akselrod werden in ihren Lebenserinnerungen erwähnt.
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| Abb. 5: Tilla Durieux als Salome |
Wir lesen auf Wikipedia, daß der Geiselmord eine bewußte Provokation führender Angehöriger der Räterepublik gewesen sein könnte (Wiki):
Die Zustände im ehemaligen Gymnasium müssen sehr chaotisch gewesen sein. In der ersten Tagen der Besetzung wurde alles Habbare geplündert und gestohlen. Es fehlten klare militärische Befehlsstrukturen und militärische Autorität. Im Gymnasium befanden sich etwa 750-800 Personen, von denen aber die wenigsten regulären Dienst in der Roten Armee taten. So faßten am 20. April 750 Personen Mittagessen, obwohl der Etat nur 330 aufwies. Zum Abendappell traten dann nur 30 Mann an. (...) Der Gründer der Thule-Gesellschaft Rudolf von Sebottendorf vermutete, daß es der Plan der nun entmachteten kommunistischen Führer Levien und Leviné gewesen ist, die angespannte Situation der Bedrohung der Räterepublik durch Reichswehr und Freikorps zum Eskalieren zu bringen, um Verhandlungen zu verhindern. Dazu mußten die roten Verbände zum Kampf gezwungen werden, indem man den Gegner zum Angriff provozierte.
Wenn das stimmen sollte, wäre der Geiselmord ja sogar ein doppeltes Verbrechen gewesen, nämlich eines, was nur dazu hatte dienen sollen, das Blutvergießen im Bürgerkrieg noch zu vergrößern.
1922 - "Die Enttäuschten" in Berlin
1922 reiste der Frankfurter Maler Max Beckmann von Frankfurt am Main aus nach Berlin. Er fertigte dort die Kunstmappe "Berliner Reise" an. Darin findet sich die Zeichnung "Die Enttäuschten I", eine Zeichnung, in der eine aufgeblätterte "Kreuz-Zeitung" andeuten soll, daß es sich um die Enttäuschung der Konservativen und Monarchisten nach dem Kapp-Putsch von 1922 handelt. In der Zeichung "Die Enttschäuschten II" sind dann aber offenbar Tilla Durieux und andere dargestellt, die hinwiederum enttäuscht sind vom Sturz der Räterepublik in München. Wir lesen über diese Zeichnung (Staatsgalerie):
In "Die Enttäuschten II" erscheinen gelangweilte und gähnende Intellektuelle. Beckmann porträtiert hier rechts den Kunsthändler Paul Cassirer, sowie dessen Gattin, die Schauspielerin Tilla Durieux, im Hintergrund erscheint Max Slevogt, ein enger Freund der beiden. Der Gähnende links ist Leo Kestenberg, Redakteur der Zeitschrift "Der Bildermann". Der Verweis auf die am 15.1.1919 ermordeten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erfolgt auf den Büchern und Flugschriften, wobei die bewußte Falschschreibung von "[ROS]A LUXENBURG" und "MARKS WERKE" irritiert.
Leo Kestenberg hatte damals einen leitenden Posten im Preußischen Bildungsministerium inne.
| Abb. 6: Tilla Durieux in der "Großen Liebe" von Heinrich Mann, Lessingtheater, Berlin |
Tilla Durieux ist dann mit ihren zweiten Ehemann, der ebenfalls jüdischer Herkunft war, nach Jugoslawien emigriert.
1941 - In Belgrad während des deutschen Luftangriffs
Sie wollte mit ihm in weitere Länder emigrieren und fuhr deshalb nach Belgrad, wo sie am 6. April 1941 den Angriff der deutschen Wehrmacht auf Jugoslawien erlebte und selbst in den Bombenhagel über Belgrad geriet. Auch in den Folgewochen geriet sie zwischen die Kampffronten und konnte nur unter großen Mühen nach Triest zurück kehren. All diese Schicksale haben weder etwas mit ihrem Künstlertum, noch mit ihrer Schauspielerkarriere zu tun.
Sie hat dann lange Zeit in verarmten Verhältnissen gelebt und hat nach 1945 nur noch sporadisch im deutschen Theaterleben wieder Fuß fassen können.
| Abb. 7: Tilla Durieux in der "Großen Liebe" von Heinrich Mann, Lessingtheater, Berlin |
Dieser Beitrag kann ggfs. nach und nach noch mit weiteren Ausführungen ergänzt werden.
| Abb. 8: Tilla Durieux - Zeichnung von Emil Orlik aus dem Jahr 1909 |
Der Kunstsalon von Paul Cassirer befand sich in Berlin in der Viktoriastraße 35.
| Abb. 9: Tilla Durieux als "Delila" in dem Stück "Simson" von Frank Wedekind, 1914 |
/ Platz für zu ergänzende Textteile /
| Abb. 10: Tilla Durieux als "Delila" in dem Stück "Simson" von Frank Wedekind, 1914 |
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| Abb. 11: Tilla Durieux als "Delila" in dem Stück "Simson" von Frank Wedekind, 1914 |
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| Abb. 12: Tilla Durieux als Kleopatra, gemalt von Max Slevogt |
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| Abb. 13: Tilla Durieux als Prinzessin Eboli in "Don Carlos" von Fr. Schiller |
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| Abb. 14: Tilla Durieux als Judith |
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| Abb. 15: Der erste Ehemann der Tilla Durieux |
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| Abb. 17: Die Schauspielerin einer vorhergehenden Generation: Irene Triesch als "Nora" |
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- Durieux, Tilla: Meine ersten neunzig Jahre. Erinnerungen. Herbig, München 1971
- Tilla Durieux. Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen. Ausstellung im Leopoldmuseum in Wien 2022/23 (s. Leopold), im Georg Kolbe Museum in Berlin 2023 (Yt)
- Brühl, Georg: Die Cassirers. Streiter für den Impressionismus. Edition Leipzig, Leipzig 1991
Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte
Professor Wolfram Bernhard (1931-2022) - Nachruf
"... diesen Charakter der steten Vernichtung"
Mein Lehrer am Anthropologischen Seminar der Universität Mainz, Professor Wolfram Bernhard (1931-2022) (Uni Mainz), ist im Februar diesen Jahres mit 90 Jahren gestorben (Tr.a.).
Ich habe 1993 bis 1995 bei ihm studiert und mich von ihm auch für das Erste Staatsexamen in Biologie prüfen lassen (schriftlich und mündlich).
Ich habe ihn immer als sehr menschlich, ja, geradezu als behutsam erlebt.
Ich habe es persönlich nie erlebt, aber ich weiß, daß er an der Universität Mainz scharfer Kritik ausgesetzt war. Insbesondere von Seiten von Studenten, die sich als besonders "fortschrittlich" wähnten, wenn sie eine altüberkommene Forschungsrichtung wie die Physische Anthropologie der übelsten Absichten und Machenschaften verdächtigten und beschuldigten. Solche Angriffe (die auch am Anthropologischen Seminar in Hamburg und vielerorts sonst wüteten) waren in jenen Jahren vollkommen ungerechtfertigt.
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| Prof. Bernhard |
Meines Wissens und meiner Erfahrungen nach war Professor Bernhard gar nicht in irgendeiner Weise ein "Kämpfertyp", der solche Art von Anfeindungen und Kritik besonders leicht weggesteckt hätte. Von seiner ganzen Haltung her war er Mediziner, Arzt.
Aus der Traueranzeige, die viel von der zurückhaltenden, menschlich anmutenden Art von Professor Bernhard atmet, geht hervor, daß Professor Bernhard drei Kinder und elf Enkelkinder zurück gelassen hat. Offenbar sind alle seine drei Kinder ebenfalls Ärzte geworden.
"Ein der Wissenschaft gewidmetes Leben ist zu Ende gegangen,"
ist dort festgehalten dort (Tr.a.):
"Wir sind dankbar dafür, daß er uns ein wertvoller Unterstützer und Ratgeber war und zu dem gemacht hat, was wir heute sind."
Der Traueranzeige in ein Schopenhauer-Wort vorangestellt:
"Das Tier lernt den Tod erst im Tode kennen: der Mensch geht mit Bewußtsein in jeder Stunde seinem Tode näher, und dies macht selbst dem das Leben bisweilen bedenklich, der nicht schon am ganzem Leben selbst diesen Charakter der steten Vernichtung erkannt hat."
Das ist ja eigentlich doch auch ein schreckliches Wort für einen Nachruf. Aus ihm kann man - wenn man will - viel von der inneren Trauer, ja, geradezu von der "Vernichtung" heraushören, die die Jahre langen Angriffe an der Universität auf ihn ausgelöst haben, und die man während seiner Vorlesungen auch glaubte, schon so erahnen zu können.
Politische "Aktivisten" jeder Coleur mögen solche Worte zweimal lesen, um eine Ahnung zu bekommen von dem, was sie anrichten, anrichten können bei weniger grobschlächtigen Menschen als sie selbst es - nur allzu meist - sind. Wie auch wollte man mit gar zu heftigen, emotionalen und vollkommen ungerechten Verunglimpfungen und Herabsetzungen die Welt zu einem "besseren Ort" machen? Völlig unmöglich.
Ja, Professor Bernhard konnte auf seine Mitmenschen zeitweise wie erstorben wirken. Ja. Und man konnte den Eindruck gewinnen, daß dort die Behutsamkeit und die Freundlichkeit herrührten, mit denen er auf Menschen zuging.
Sucht man nun nach der Herkunft dieser Schopenhauer-Worte, kann man finden, daß sie in einem Aufsatz enthalten sind, der ebenfalls von einer Mainzer Hochschullehrerin verfaßt worden ist (1), und zwar von einer solchen, die in jenen Jahren bei dem hoch zu schätzenden Philosophie-Professor und Vorsitzenden der Schopenhauer-Gesellschaft Rudolf Malter wissenschaftliche Hilfskraft war, in denen ich selbst ebenfalls bei ihm studiert habe.
Rudolf Malter wird sie also mit seiner Schopenhauer-Begeisterung ebenso angesteckt haben wie er so viele andere in seinen Vorlesungen und Seminaren für Philosophie ganz allgemein begeistern konnte. Wo immer Menschen aufeinander treffen, die einmal in Vorlesungen bei Rudolf Malter gesessen haben, da ist sofort eine inneres Band da, eine "Gemeinsamkeit", die höher ist als alle Vernunft (so möchten wir hier einmal sagen).
Und so sicherlich auch bei jenen, die Professor Bernhard einmal kennen und schätzen gelernt haben.
Wundervolle, schöne, leidreiche Mainzer Studentenjahre, wohin seid ihr entschwunden!
__________________
- Helke Panknin-Schappert (Mainz): Arthur Schopenhauer und die Paradoxie des Todes. In: Schopenhauer-Jahrbuch 2006 (pdf)
Die "Republik der Gelehrten"
"Republic of letters" (Wiki) - der Begriff fällt ins Auge und begeistert, wenn man ihn in einer Rezension erwähnt findet (1). Zu Deutsch "Republik der Gelehrten" (Wiki). Und zwar in der Rezension eines neuen Buches über die europäische Wissenschaftsgeschichte. Da ist nämlich die Rede von ... (1)
... den wissenschaftsgeschichtlichen Stichworten, nach denen die Wissenschaftsgeschichte heute üblicherweise gegliedert wird (die Revolution der Druckerpresse, die Republik der Gelehrten, der Öffentliche Raum, die Aufklärung, Demokratie und die Industrielle Revolution).
Lauter bedeutsame Dinge. Zuvor war schon die Rede gewesen von ebenso bedeutsamen Dingen, von den ... (1)
... bekannten europäischen Marksteinen des Fortschritts: Kopernikanisches Weltbild, Newton'sches Weltbild, Naturgeschichte nach Linnae, Elektromagnetismus nach Maxwell.
In so wuchtigen, kurzen Aufzählungen benannt, was das Leben von Tausenden, von Millionen Menschen erfüllte, prägte, formte, was uns heute ausmacht. Aber von all diesen Dingen fällt uns bei dieser Gelegenheit am meisten ins Auge: "Republic of letters", "Republik der Gelehrten". Was für ein großes Bild ersteht vor uns, was für ein Panorama entfaltet sich allein schon mit der Nennung dieser kurzen Worte: "Republic of letters".
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| Abb. 1: Charles Alexandre de Calonne (1734-1802) (Wiki) - französischer Reformpolitiker und Finanzminister unter Ludwig XVI. - Portrait der französischen Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun (1755-1842) (Wiki), die auch sonst viele hinreißende Portraits geschaffen hat, darunter mehrere der preußischen Königin Luise |
Was für eine Zeit, als edelgesinnte Geister und Gemüter - über ganz Europa hinweg - eine unsichtbare Republik bildeten, eine Republik von Gelehrten und Schöngeistern, die in einer "anderen Zeit" lebten oder gar "zeitlos", die jedenfalls ihrer eigenen Zeit weit voraus waren, die den Niederungen des Alltags entwunden waren, die einem schöneren, edleren Zeitalter entgegen strebten - durch Wissenschaft und Forschung, durch Beschäftigung mit Kunst und Kunstgeschichte, mit Literatur und Literaturgeschichte, durch Liebe und Begeisterung für alles Edle und Schöne.
Oh, Republik der Gelehrten, komm wieder. Möchte man nicht in die Arme dieser Republik sinken, sich in sie fallen lassen, frei sein, edel sein, dem Fortschritt zugeneigt sein? Wozu soll man noch - - - "Reichsbürger" sein, wenn man Angehöriger einer Republik von Gelehrten sein kann?
Die Republik der Gelehrten geht auch noch über die schöngeistigen Tafelrunden, wie sie etwa am Hofe Friedrichs des Großen in Sanssouci stattgefunden haben, hinaus. Sie führt direkt in die Studierzimmer der Gelehrten selbst. All das "Zwischenmenschliche", all die - womöglich oberflächlichen - Neckereien, Heiterkeiten, all der Zank auch, der neckische oder ernsthaftere, all der Unfriede, all die äußere, aufreibende Unruhe der Zeit, die auch noch bis in manche Tafelrunde und in manchen Salon hinein geschwappt sein mögen, sie alle sind aus dieser "Republik" verbannt.
Hier brennt die ewige Sonne der Wahrheit.
Hier brennt die ewige Sonne der Freiheit.
Hier brennt die ewige Sonne der Schönheit und des Edelsinns.
In diese Republik werden nur jene Geister aufgenommen - und sie werden nur insoweit aufgenommen - als sie gleichen Willens sind, von gleicher innerer Freiheit erfüllt sind, von gleicher Hoffnung auf bessere Tage erfüllt sind, auf eine bessere Welt, von gleicher Sehnsucht nach "Zukunft", nach den Inseln der Seligen.
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| Abb. 2: Madame de Polignac, die engste Vertrauten der französischen Königin Marie-Antoinette (Wiki), gemalt 1782/83 von Élisabeth Vigée-Lebrun (heute im Palast von Versailles) - Zu jener Zeit stand sie auf der Höhe ihres Einflusses, der ab 1785 zu schwinden begann |
Ohne frage, das besprochene Buch (1) wartet offenbar auch sonst mit einigen neuen Einsichten auf: Die Kopernikanische Wende ist durch die astronomischen Beschäftigungen im islamischen Bereich während des Mittelalters vorbereitet worden. Die Newton'sche Wende durch Erkenntnisse, die nur durch Seefahrt und Seehandel zu gewinnen waren.
Das "Überleben des Stärkeren" des Charles Darwin hat sich im "Frontier"-Idealismus der US-amerikanischen Siedler wieder gefunden. Insbesondere Marxisten haben sich für die Quantentheorie, Relativitätstheorie und Genetik begeistert. Alles das ist gewiß einerseits ein wenig gar zu plakativ. Andererseits wird aber in jeder dieser Aussagen dennoch ein wesentliches Körnchen Wahrheit stecken.
Die Besprechung kommt zu dem Schluß, daß bei aller Einbindung der europäischen Wissenschaftsgeschichte in außereuropäische Bezüge sie dennoch "eurozentrisch" bleibt (1):
Auch fast alle nicht-europäischen Forscher, die hervorgehoben werden, sind entweder an europäischen oder US-amerikanischen Instituten ausgebildet worden.
Oh je, was haben Wissenschaftshistoriker heute für Sorge. An Stelle solcher Erörterungen wäre doch womöglich noch viel angemessener, daran zu erinnern, daß es solche Republiken von Gelehrten auch im antiken Griechenland gegeben hat. Ganz Griechenland war voller Gelehrter und Philosophen und Künstler in einer Dichte, wie sie es zuvor und später nie wieder gegeben hat. Eine solche Republik von Gelehrten hat es ebenso schon im Tang-zeitlichen China oder auch davor gegeben. Und auch in anderen Hochkulturen auf dieser Erde. Die Möglichkeit einer "Republik von Gelehrten" war und ist keineswegs etwas spezifisch Europäisches.
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| Abb. 3: Selbstportrait, gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun (1790) (heute in den Uffizien) |
Aber in der Neuzeit sind es eben nicht mehr China oder Griechenland oder der Vordere Orient oder Indien, die an der Spitze der geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit stehen, sondern das eben ist nun Europa. Und mit mancherlei Gründen wird ja wohl auch gemutmaßt können, daß die Tage "dieses" Europas gezählt sein könnten. (Wer darüber jubeln mag, mag es ja gerne tun ... Soweit wir heutige Stimmen zum Beispiel aus China recht verstehen, gibt es dort über ein solches Geschehen keinen Jubel, sondern eher: Entsetzen.)
Aber zurück zu unserem konkreteren Thema. Was erfahren wir zusätzlich, wenn wir uns ein wenig umschauen zu dem Thema "Republic of letters", "Republik der Gelehrten"? 1774 etwa veröffentlichte der deutsche Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) (Wiki), der damals bei allen deutschen Dichtern hoch verehrte Dichter des "Messias", sein Buch "Die deutsche Gelehrtenrepublik". Goethe schrieb damals noch im gleichen Jahr dazu:
"Klopstocks herrliches Werk hat mir neues Leben in die Adern gegossen. Die einzige Poetik aller Zeiten und Völker. Die Einzige Regeln die möglich sind!"
Damals war noch Begeisterung in der Welt. Begeisterung für Tugend, für Wahrheit, für Schönheit. Und wir erfahren (Wiki):
Klopstocks aufgeklärte Utopie "Die deutsche Gelehrtenrepublik" (1774) ist ein Konzept, das für die als regierungsunfähig angesehene Fürstenherrschaft eine gebildete Elite in die Macht einsetzt. Die Republik soll von "Aldermännern", "Zünften" und "dem Volke" regiert werden, wobei den ersteren - als den gelehrtesten - die größten Befugnisse zukommen sollte, Zünften und Volk entsprechend weniger. Der "Pöbel" hingegen bekäme höchstens einen "Schreier" auf dem Landtage, denn Klopstock traute dem Volk keine Volkssouveränität zu. Bildung ist in dieser Republik das höchste Gut und qualifiziert ihren Träger zu höheren Ämtern. Entsprechend dem gelehrsamen Umgang geht es in dieser Republik äußerst pazifistisch zu: Als Strafen zwischen den Gelehrten veranschlagt Klopstock Naserümpfen, Hohngelächter und Stirnrunzeln.
Da dürfte doch mit leichter Hand schon eine Art Gegen-Entwurf gezeichnet worden sein zu jener Art von internationaler Oligarchie ("Fürstenherrschaft"), in der wir ja noch heute in allen Teilen Europas und Amerikas zu leben gezwungen sind. Denn es dürfte sich ja wohl inzwischen herumgesprochen haben können, daß der Begriff "Demokratie" eine Verballhornung jener Verfassungswirklichkeit ist, in der wir leben, womöglich seit "Demokratie" irgendwo in der Neuzeit überhaupt offiziell eingeführt worden ist.)
Klopstock, de Calonne, Vigée-Lebrun
Auf der Suche nach einem Vorschaubild stoßen wir noch auf ganz andere Seiten dieser "Republik der Gelehrten". Und deshalb binden wir als erstes Bild (und zugleich Vorschaubild) ein Portrait des französischen Reformpolitikers und Finanzministers unter Ludwig XVI. ein, Charles Alexandre de Calonne. Dasselbe wurde geschaffen von der französischen Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun (1755-1842) (Wiki) (Abb. 1). Diese hat auch sonst viele hinreißende Portraits geschaffen. Darunter im Jahr 1801 auch mehrere der preußischen Königin Luise (GAj). Aber dieses Portrait des französischen Reformpolitikers mag aus den vielen ihrer schönen Bildern noch einmal besonders hervor stechen. Und genau deshalb stellt man sich auch die Frage, was das eigentlich für ein Mann war, der hier portraitiert worden ist.
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| Abb. 4: Élisabeth Vigée-Lebrun - Selbstportrait mit Tochter (1786) (heute im Louvre) |
Und man stellt fest: Dieser befähigte Staatsmann hätte, wenn König Ludwig XVI. ihn nicht zwei Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution entlassen hätte, diesselbe verhindern können! Und was für ein hinreißend schöner Mann war er zugleich! Zumindest auf dem Portrait dieser Künstlerin Vigée-Lebrun.
In ihrer Kunst ist auch sonst die ganze Seligkeit dieser Epoche eingefangen worden. Diese war eben nicht nur von wissenschaftlichem Wahrheitsdrang erfüllt, sondern auch von politischem Freiheitsdrang und von Sehnsucht nach Schönheit und dem Ausdruckgeben von Schönheit - in der Kunst. Wie erstaunlich, wie ungewöhnlich, dies alles in einer Zeit vereinigt zu sehen. Was für ein Wunder geradezu, wenn man darauf von heute her blickt.
Wie weit sind wir heute von all dem entfernt. Welche Fülle an begeisternden Gemälden hat allein diese eine französische Malerin geschaffen, eine Künstlerin, von der die meisten Leser vermutlich an dieser Stelle zum ersten mal erfahren - ebenso wie der Verfasser dieser Zeilen selbst erst - während der Suche nach einem geeigneten Vorschaubild - auf ihre Kunst gestoßen ist. Ihre Gemälde, Portraits und Selbstportraits sind von so viel weiblichem und künstlerischem Selbstbewußtsein getragen. Man erkennt sofort: Eine selbstbewußte, emanzipierte Frau (Abb. 2-4). Und doch zugleich ist in diesen Gemälden so viel Zartheit, so viel Menschlichkeit enthalten, so viel weibliches Mitgefühl. Und wie jung diese Künstlerin war, als sie schon solche Gemälde schuf.
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| Abb. 5: Portrait der venezianischen Schriftstellerin Gräfin Isabella Albrizzi-Teotochi (1760-1836) (Wiki), entstanden 1792, gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun nach ihrer Flucht aus Frankreich |
Man erkennt sofort: Von diesem weiblichen Selbstbewußtsein war auch die Königin Luise erfüllt, die im Jahr 1801 mehrmals zum Gegenstand der Portraitkunst der Vigée-Lebrun geworden ist. Auch sie war Reformpolitikerin, auch sie gehörte den politisch fortschrittlichen Kräften ihrer Zeit an, auch auf ihr ruhten die Hoffnungen der Besten ihres Landes und ihres Volkes. Und sie war es, die den Plan hegte, Friedrich Schiller zum preußischen Minister zu ernennen. Und just in dieser Zeit starb Friedrich Schiller einen sehr frühen Tod. Und er erhielt in Jena ein sehr merkwürdiges Begräbnis. Und sein Schädel wird bis heute mit allem Eifer von der Wissenschaft gesucht.
Unbegriffene Schicksale. Wie viel Glanz, wie viel Schönheit, wie viel strahlende Selbstsicherheit selbst unter den weiblichen Künstlerinnen dieser Epoche. Wie harmlos und selbstbewußt konnten auf den Bildern der Élisabeth Vigée-Lebrun alle Zeichen weiblicher Schönheit und weiblichen Lebens zur Darstellung kommen.
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| Abb. 6: "Die unentschlossene Tugend" ("La Vertu Irresolue"), gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun schon 1775, also mit zwanzig Jahren |
Wer möchte nicht in einer solchen Zeit gelebt haben - oder leben?
Eine Zeit, in der eine Frau, die in Bezug auf ihre Tugendhaftigkeit nicht so recht weiß, was sie will oder wollen sollte, so außerordenlich weiblich und mitfühlsam dargestellt werden konnte (Titel "Die unentschlossene Tugend", auf Französisch "La Vertu Irresolue", s. Abb. 6).
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| Abb. 7: Portrait einer jungen Dame als Flora, gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun |
Wie so außerordentlich menschlich dieses Zeitalter.
Wie so außerordentlich entfernt von Bigotterie jeglicher Art.
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| Abb. 8: Sophie von Trott als Bacchantin, gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun (1785) |
Eine Zeit, in der sich Frauen des Adels als Bacchantinnen portraitieren lassen konnten (Abb. 8).
Und so führt der Weg der Suche nach der Wahrheit und der Freiheit in letzter Instanz immer wieder zurück zur Entdeckung der Schönheit und der Liebe.
Welches Zeitalter sollte dies eher bezeugen können als das Zeitalter der "republic of letters" und einer Künstlerin wie Élisabeth Vigée-Lebrun.
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- Jorge Cañizares-Esguerra: Rethinking the “Western” revolution in science. Rez. von James Poskett's "Horizons: The Global Origins of Modern Science" (Mariner Books, 2022. 464 pp) In: Science, 28 Apr 2022, Vol 376, Issue 6592, p. 467, DOI: 10.1126/science.abo5229, https://www.science.org/doi/abs/10.1126/science.abo5229
Das "sinnvolle Maß der Ursächlichkeit" in diesem Universum
Niemals war nur Chaos
.... Oder bleibt etwa doch "alles dem Spiel des Zufalls überlassen"?
Von philosophischer Seite aus sind einmal im Jahr 1923 aus intuitiver Erkenntnis heraus das Entstehen des Universums und grundlegende Prinzipien dabei in einer umfassenden "Schau", sowie mit Bezug zum damaligen naturwissenschaftlichen Kenntnisstand umrissen worden (1). "Gott" wurde in dieser Philosophie als jenseits von Raum, Zeit und Materie begriffen und damit auch als "jenseits" der Anschauungsformen der menschlichen Vernunft, hingegen als - sozusagen "pantheistisch" - erlebbar dem Icherleben der menschlichen Seele. Zu damaliger Zeit wurde manchmal noch der "Äther" als Vorstufe der Materie begriffen. Heute wäre an seine Stelle der Begriff "Quantenvakuum" zu setzen. Es wurde da in diesem Sinne festgehalten (1, S. 9f; bzw. S. 71):
Der vollkommene Gott ist entweder ohne Erscheinung, oder aber er tritt in Erscheinung, dann ist aber auch vollendete Gesetzmäßigkeit das Kennzeichen seiner Vollkommenheit. Ja, diese vollendete Gesetzmäßigkeit aller Gotterscheinung ist in den ersten Stufen der Schöpfung am allerklarsten kundgetan und muß in der Vorstufe der Erscheinung, im Äther vollkommen wohnen. Setzen uns doch auch heute noch die Gase, die älteste Zustandsform der Stoffe, durch ihre monumentalen Gesetze und ihre restlose Einordnung so in Erstaunen. Die Druck- und Raumgesetze der Gase, die Gesetze ihrer Verbindung können uns beredet von der Gesetzmäßigkeit der Urerscheinung zeugen und weihen sie mit dem Adel vollkommener Willenserfüllung. Niemals also war Chaos, so wahr Gott die Vollkommenheit ist.
Natürlich repräsentierten auch schon die damals bekannten, hier erwähnten "monumentalen Gesetze" der Gase eine Kombination, ein Zusammenspiel von Naturgesetzen und Zufall, ein Zusammenspiel von Gesetzmäßigkeit und Chaos. Insofern muß gesagt werden, daß der Begriff "Chaos" hier so zu lesen ist als eine chaotische Zustandsform, die durch keinerlei Gesetzmäßigkeit gebändigt wäre. In diesem Sinne ist der Satz zu verstehen "Niemals also war Chaos", sprich, Chaos für sich allein - und nichts anderes als Chaos. Chaos und nur Chaos, ohne Begrenzung durch die Naturgesetze.
Daß der Begriff Chaos in diesem Zusammenhang genau so und nicht anders zu lesen ist, geht also schon deutlich genug aus dem Gesamtzusammenhang des Zitates hervor, insbesondere durch den Bezug zu den Druck- und Raumgesetzen der Gase.
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| Abb. 1: Werner Heisenberg, um 1930 |
Dennoch wird deutlich, daß der Autor im Jahr 1923 mit der schon damals gut ausgearbeiteten Wärmelehre der Gase sich noch nicht sehr viel beschäftigt hatte. Sonst hätte er präziser formuliert. Um Mißverständnisse aus heutiger Sicht auszuschließen, wäre also dieser letzte Satz des Zitates sinnvoller Weise umzuformulieren etwa in den Wortlaut:
Niemals also war - nur allein isoliert für sich - Chaos, so wahr Gott die Vollkommenheit ist.
Denn das Vorherrschen des Zufalls, ohne daß dieser von Naturgesetzten gebändigt und gesteuert würde, erst dies wäre ja jenes womöglich "vollendete Chaos", von dem aus philosophischer Sicht hier hatte die Rede sein sollen. Und so ist es dann von derselben Autorin im Jahr 1941 auch noch einmal klarer heraus gestellt worden (3, S. 167):
"Niemals war Chaos" vor dieser Schöpfung, wie Menschenwahn wähnte, von der Vorstufe der ersten Erscheinung an, in die Gott einging, herrschte Wirkungordnung. Wir haben erwiesen, daß diese Wirkungordnung, diese Kausalität nicht um ihrer selbst willen vorhanden ist, sondern nur um das Schöpfungziel zu erreichen und zu erhalten daß sie um eines göttlichen hehren Sinnes willen Maß innehält. Aber wir haben auch der Erwartung Ausdruck gegeben, daß eine vollkommen begrenzte Gesetzlosigkeit, Chaos, in dem Mikrokosmos angetroffen werden wird, (...) und daß dieses streng begrenzte Chaos niemals die Zuverlässigkeit der Naturgesetze im Makrokosmos beeinträchtigen wird.
Diese Klarstellung ist natürlich sehr bedeutend. Denn sonst könnte das erstgenannte Zitat doch auch mancherlei Mißverständnisse mit sich bringen. Auch von philosophischer Seite war also schon 1923 und 1941 der Zusammenhang benannt worden: Chaos und Gesetzmäßigkeit treten - als Grundprinzipien ein und desselben Grundzusammenhanges, nämlich des Seins schlechthin - gemeinsam und niemals getrennt voneinander auf. Es gibt kein Chaos ohne Naturgesetze. Und es gibt keine Naturgesetze ohne Chaos. Das ist der Grundgedanke, der hier formuliert wurde.
In diesem Beitrag sollen die hier benannten Zusammenhänge aus der Sicht der Theorie komplexer Systeme - andere Benennungen lauten: Theorie dissipativer Systeme, Chaostheorie, Synergetik (alles Begriffe der Physik für denselben Themenbereich, wie er sich in den 1970er Jahren heraus schälte), etwas ausführlicher umsonnen werden.
Die hier erörterten Zusammenhänge sind nämlich erst seit den 1970er Jahren von Seiten der Theoretischen Physik besser verstanden worden und einer Klärung näher gebracht worden. Dieses bessere Verständnis brachte aber noch weitaus mehr mit sich: Seither ist der Wissenschaft bewußt geworden, daß Chaos nicht nur als ein zerstörerisches Prinzip wirksam ist, sondern auch als Voraussetzung der Entstehung von Komplexität. Über diesen Zusammenhang sind unzählige wissenschaftliche Bücher und Aufsätze erschienen, nämlich über das Zusammenspiel zwischen Chaos und Ordnung, zwischen Zufälligkeit und Gesetzmäßigkeit, das allem Sein in diesem Universum zugrunde liegt. Erst damit ist dem Begriff Chaos als größtmögliche Unordnung eine ganz bestimmte, fest umrissene Bedeutung und Rolle in diesem Universum zugesprochen worden.
Es ist also erkannt worden, daß - philosophisch gesprochen - die Vollkommenheit dieses Universums in genau diesem unglaublich aufregenden, erregenden Zusammenspiel von Chaos und Ordnung besteht.
Als Nebengedanke sei erwähnt: Um die Verwendung und Bedeutung des Begriffes "Chaos" im Jahr 1923 zu verstehen, ist wohl auch zusätzlich noch zu bedenken, daß im Jahr 1923 in dem Begriff des Chaos, wenn man in Deutschland lebte, noch viel mehr mitschwang, als was wir heute mit diesem Begriff verbinden. Man empfand die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Umwälzungen, die der Ersten Weltkrieg mit sich gebracht hatte - gerade auch in Deutschland, aber mehr noch in der Sowjetunion - als "Chaos", als Zustand vollkommener Unordnung, als Zustand vollkommener Gesetzlosigkeit, als Elend unermeßlichen Ausmaßes. Es ist nachvollziehbar, daß es in solchen Zeitumständen schwer fiel, dem Chaos - als Gegenspieler zur Gesetzmäßigkeit - eine gar zu große Rolle für alles Weltgeschehen zuzusprechen. Von der Gelassenheit und Kühnheit eines Friedrich Nietzsche hatte man sich aufgrund solcher Zeitumstände weit entfernt. Von Nietzsche war ja der schöne philosophische Satz bekannt:
"Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können."
Und dieser Satz ist durch die Physik der Theorie komplexer Systeme auch glänzend bestätigt worden. Mehr noch: Nietzsche hatte schon allein schon bloß vom heutigen physikalischen Standpunkt der Stern-Physik her völlig recht: Im Innern eines jeden Sternes lodert Chaos, zusammengehalten durch die Gesetze der Schwerkraft, in "Brand gesetzt" durch die frei gesetzten, vormals gefesselten Energien, die in jedem Atomkern dieses Universums schlummern. Soweit noch einmal der genannte Nebengedanke.
Daß ein Satz "Niemals also war Chaos, so wahr Gott die Vollkommenheit ist" - isoliert für sich genommen zitiert - der Sachlage, die in der physikalischen Erkenntniswelt gegeben ist, in keinem Fall gerecht wird, ist von philosophischer Seite also schon im Jahr 1941 klar gestellt worden (3). Nun wurde die Rolle des Chaos in der Physik - und zwar vor allem auch für das Ende und die Auflösung des Universums - deutlicher philosophisch erläutert und in Rechnung gestellt (3).
Es ist unglaublich aufregend zu sehen, wie man sich von philosophischer Seite aus dem Phänomen des Chaos in unserem Universum zu unterschiedlichen Zeiten angenähert hat. Zu einem runderen Abschluß dieser Auseinandersetzung konnte es erst - so wird ja gut aus der Rückschau deutlich - in den 1970er Jahren kommen.
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| Abb. 2: Werner Heisenberg, um 1930 (Wiki) |
Aber im Jahr 1941 spürt man schon viel von der zeitgleichen und kommenden Entwicklung in der Physik voraus, von einer Entwicklung, die nicht zuletzt mit dem Namen Lars Onsager verbunden gewesen ist (siehe BzWg2/2021).
Wie aufregend, wenn man mit dem Wissen vom Beginn des 21. Jahrhunderts her auf diese damalige Auseinandersetzung zurück blickt. Wie sehr doch ein philosophischer Satz wie der eingangs angeführte, auch wenn er ohne die genannte Ergänzung zu Irrtum verleitet, das Nachdenken befeuern kann. Und wie sehr die nachfolgenden physikalischen Erkenntnisse dann erst an "Frische" und Bedeutsamkeit gewinnen, betrachtet man sie aus dem Blickwinkel dieser "nur angedeuteten" philosophischen Mißverständlichkeit des Jahres 1923 heraus.
Werner Heisenberg über den Zufall 1941/42
Im gleichen Jahr 1941 schrieb auch der deutsche Atomphysiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg Gedanken über die Rolle des Zufalls in unserem Universum nieder (4, S. 93):
... In dem Bereich der Wirklichkeit, dessen Zusammenhänge durch die Quantentheorie formuliert werden, führen die Naturgesetze also nicht zu einer vollständigen Festlegung dessen, was in Raum und Zeit geschieht; das Geschehen ist vielmehr - innerhalb der durch die Zusammenhänge festgelegten Häufigkeiten - dem Spiel des Zufalls überlassen.
Er versucht dann, sich der Bedeutung der Rolle des Zufalls im Naturgeschehen noch einmal über den Vorgang der Kristallbildung anzunähern. Er sagt zwar, daß die Naturgesetze die Anordnung der Atome in Reih und Glied, die Symmetrien und damit die Struktur des Kristalls festlegen (4, S. 94f):
Aber die besondere äußere Form des einzelnen Kristalls bleibt nach den uns bekannten Gesetzen dem Spiel des Zufalls überlassen; selbst wenn genau die gleichen äußeren Bedingungen für die Bildung eines Kristalls wiederhergestellt werden könnten, so wäre doch die Form des gewachsenen Kristalls nicht immer die gleiche: Der in kalter Luft abgekühlte Wassertropfen erstarrt zum Schneekristall. Die Symmetrie des Kristalls wird, wenn keine äußeren Störungen auftreten, stets die des Sechsecks sein; aber die besondere Form des kleinen Kristallsterns wird durch kein Naturgesetz vorher bestimmt; innerhalb der durch die sechseckige Symmetrie, die Größe des Tropfens, die Art der Abkühlung usw. bestimmten Grenzen entwirft der Zufall die unendlich vielfachen Muster der Sternchen und Plättchen, die uns ebenso kunstvoll dünken wie die Bilderfolge eines Kaleidoskops.
Heisenberg fragt sich im Anschluß an diese Überlegungen, ob eine solche Art des Zufalls per se als etwas "Sinnloses" betrachtet werden müsse (da Goethe das in einem zuvor von ihm gebrachten Zitat unterstellt hatte) (4, S. 95):
Die Bildung eines Kristalls ist ein historischer Akt, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann - und der als solcher eine wichtige Rolle auch im Zusammenhang unseres Lebens oder der Welt spielen kann, selbst wenn er nicht vorherbestimmt gewesen ist. Zusammenhänge einer Art, die uns berechtigt, das Wort "Sinn" zu verwenden, können sich auch an Ereignisse anknüpfen, die ohne jeden Grund auch anders hätten ablaufen können.
Was für ein begeisternder Gedanke.
Ja, wie zentral ist dieser Gedanke. Wir können unser persönliches, individuelles Dasein so wie es sich ergeben hat im Lauf der Dinge als ein "Zufallsereignis" verstehen. Und dennoch kann dieses so zufällig aufgetretene Sein "Sinn" haben.
Das ist eine sehr grundlegende, wesentliche Einsicht. Anders gesagt: Ein Kristall, eine Schneeflocke gibt uns den Eindruck einer einzigartigen Eigenpersönlichkeit und damit von etwas irgendwie "Sinnvollem", ob er nun zu dieser oder zu jener Eigenpersönlichkeit geworden ist durch den "historisch" einmaligen Vorgang seiner Bildung. Und dieser Gedanke kann dann auch auf das menschliche Leben angewandt werden, so wie es Heisenberg in diesen Sätzen auch andeutet ("im Zusammenhang unseres Lebens oder der Welt"): Das Spiel des Zufalls gibt jedem Menschen eine ganz bestimmte Erbausstattung mit, die seine Persönlichkeit festlegt, es läßt ihn unter ganz bestimmten Zeitumständen geboren werden in ganz bestimmten familiären Verhältnissen. All das ist Zufall. Aber die Tatsache, daß dies alles Zufall ist, bedeutet noch lange nicht, daß die Zusammenhänge, in denen dies geschieht, ebenso wie das Ergebnis dieser Zufälle "sinnlos" sind.
Zuvor hatte Heisenberg auch die Rolle des Zufalls im Zusammenhang mit der Wärmelehre (der Thermodynamik) der Physik behandelt. Hier hatte er ausgeführt, daß die Wärmelehre des 20. Jahrhunderts, also der modernen, "atomistischen Physik" sich grundlegend unterscheiden würde von der Wärmelehre der "klassischen Physik" des 19. Jahrhunderts (4, S. 79):
Eine unmittelbare Folge dieses Umstandes besteht auch darin, daß eine eindeutige Determinierung zukünftiger Vorgänge in der atomistischen Wärmelehre unmöglich ist. Denn wenn uns die Temperatur eines Körpers gegeben ist, so bedeutet dies eben einen bestimmten Grad von Kenntnis oder Unkenntnis über das mechanische Verhalten der Atome, und für ihre zukünftige Bewegung läßt sich nur die Wahrscheinlichkeit angeben, mit der ein bestimmter Vorgang eintritt.
Das sind alles Gedanken, an die dann später - quasi unmittelbar - der belgische Physiker Ilya Prigogine angeknüpft hat, und die er weiter gedacht hat - sowohl von physikalischer wie philosophischer Perspektive (7). "Später" heißt jedoch immerhin: vierzig Jahre später.
Hier im Jahr 1941 umsann Werner Heisenberg Zusammenhänge, die dann innerhalb der nächsten zehn bis dreißig Jahre weiteren Klärungen entgegen geführt werden konnten, nämlich durch die Theorie komplexer ("kooperativer") Systeme, bzw. - von ihrer "Rückseite" betrachtet - "Chaostheorie" genannt. Die Klärung wurde herbei geführt durch die immer genauere Erforschung von chaotischen Phasenübergängen in Nichtgleichgewichts-Systemen wie eben jenem der Kristallbildung, in denen sich Chaos in Ordnung umwandelt. Diese Klärung bestätigte, daß Werner Heisenberg mit seinen Überlegungen schon 1941 und noch eher intuitiv im Wesentlichen richtig lag.
Also schon 1941/42 war der Bewußtseinsstand innerhalb der modernen Physik soweit vorgedrungen, daß der sogenannte "Laplace'sche Dämon", nach dem alles im Universum schon von Anfang an "determiniert" wäre in seinem Ablauf und wir nur nicht die ausreichende Kenntnis aller dieser Determiniertheiten hätten, als eine Fehleinschätzung des 19. Jahrhunderts erkannt worden war. Allerdings wurde dies - etwa hier von Heisenberg - offenbar noch nicht gar zu betont zum Ausdruck gebracht. Denn 1941/42 fehlte dazu womöglich noch die ausreichende Sicherheit, die man dazu erst in den nächsten Jahrzehnten gewonnen hat.
Eine 64-jährige Philosophin - Und die moderne Physik
Während nun der 40-jährige Werner Heisenberg in seinem Haus in Urfeld am Walchensee - sowie in Leipzig und in Berlin - die eben angeführten Gedanken umsann, saß in Tutzing am Starnberger See eine 64-jährige Philosophin an ihrer Schreibmaschine und schrieb an einem Buchmanuskript zur Philosophie der modernen Physik, in dem sie sich - vor allem in dem Kapitel "Sinnvolles Maß der Ursächlichkeit" - mit sehr ähnlichen Grundgesetzen unserer Existenz beschäftigte. Nämlich mit der Rolle des Zufalls in allem Weltgeschehen (3). Sie hatte schon im Jahr 1923 eine philosophische Gesamtdeutung des Werdens des Weltalls und des Lebens gegeben (1), von der einleitend schon die Rede war. Wir sagten schon, daß die oben zitierte Stelle aus heutiger Sicht besser zu formulieren wäre mit einem Satz wie:
"Niemals also war nur Chaos."
Denn natürlich liegt auch schon in Bezug auf die Vorerscheinung der Materie, in Bezug auf das Quantenvakuum ein Wechselspiel vor zwischen Naturgesetzlichkeit und Zufall. Es herrschte in ihm ebenso wenig nur Zufall wie in ihm nur Naturgesetzlichkeit herrschte. Auf diese Weise kann man dieses Zitat mit dem heutigen Kenntnisstand wieder ganz gut in Einklang bringen.
So einfach war es der Autorin dieser Worte im Jahr 1941 allerdings noch nicht gemacht. Man sieht, wie sie sich damals damit abmühte, die Wahrheit, die in diesen Worten noch damals und auch noch heute enthalten waren, von dem Irrtum abzuscheiden, den diese Worte zugleich so offensichtlich enthielten (3, S. 166f). Diese Trennung konnte ihr damals noch keineswegs so glücklich gelingen wie uns das heute so geradezu selbstverständlich und mühelos gelingt.
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| Abb. 3: M. Eigen, 1983 (Wiki) |
Durch diese Buchveröffentlichung hatten sich Zusammenhänge geklärt, über die die Menschen seit vielen Jahrtausenden nachgedacht hatten, ohne jemals zu einer befriedigenden Lösung zu gelangen. Und diese Klärung erfolgte in der überraschend einfachen Form, in der wir sie gerade formulierten. Und sie ist ebenso einfach auch schon im Untertitel des Buches fast vollständig enthalten: "Naturgesetze steuern den Zufall". Mit diesen wenigen Worten ist das Grundgesetz allen Naturgeschehens - und darin auch allen menschlichen Lebens - klar umschrieben.
Ein Buch, das zu diesem Thema noch kurz zuvor den Ton angegeben hatte, und das dabei - dem Zeitgeist gemäß - die Rolle des Zufalls im Weltgeschehen weit über Gebühr hervorgehoben hatte - nämlich Jaques Monod's "Zufall und Notwendigkeit" (5) - war durch die Veröffentlichung von Manfred Eigen mit einem Schlag schon wieder Geschichte geworden.*)
1975 - Manfred Eigen klärt die Zusammenhänge
In den 1920er Jahren - und noch bis 1941 - hatte man aber diese Klarheit der Zusammenhänge auf dem Gebiet der Naturwissenschaft noch nicht. Deshalb war es damals noch möglich, daß man als Philosoph einem "ungeordneten Chaos" eine "ordnende Spontaneität" entgegen setzen konnte (3, S. 151). Beide waren als akausal, als nicht determiniert verstanden worden. Und soweit wäre ja die damalige Deutung prinzipiell auch heute noch gültig. Aber das eine, das "Chaos", wurde damals als ein bloß zerstörerisches Prinzip bewertet, während die "Spontaneität" als ein zwar akausales, aber ordnendes Prinzip verstanden wurde. Eigentlich hätte man sich auch damals schon treffender auf Nietzsche berufen und verwegen ausrufen können:
"Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können."
Aber die chaotischen politischen Umstände der frühen 1920er Jahre - von denen ja auch Werner Heisenberg in seinen Lebenserinnerungen wieder und wieder spricht und um derentwillen er seine Lebenserinnerungen "Der Teil und das Ganze" nannte - mögen viel zu groß gewesen sein und als viel zu belastend empfunden worden sein, als daß sich damals schon jeder ebenso unbefangen dem Begriff Chaos hätte zuwenden können wie das zuvor schon Friedrich Nietzsche getan hatte.
Nietzsche hat unumschränkt Recht behalten. Man sieht nun im Jahr 1941, wie die genannte Philosophin darum ringt, jenes apodiktische Urteil über das "Chaos" wie sie es 1923 formuliert hatte, einzugrenzen auf jene Bereiche, in denen es weiterhin Gültigkeit haben würde. Schon 1941 war erahnbar geworden, daß der Zufall Zufall ist und erst mit der Steuerung durch die Naturgesetze entweder eine zerstörende oder aber eine ordnende Wirkung entfaltet.**)
Vermutlich waren sie als solche auch schon im Jahr 1941 von der Autorin zu erkennen. Dennoch hält sie zäh an diesen Worten fest, indem sie meint, sie hätten sich nur auf die Makrophysik bezogen. Allerdings spielt der Zufall nach heutiger Erkenntnis auf allen Ebenen des Seins eine sehr ähnliche Rolle. Das konnte die Autorin im Jahr 1941 so deutlich noch nicht voraussehen. Deshalb ist ihr womöglich zuzugestehen, daß sie hier an Worten festhielt, die schon im Jahr 1941 sehr wackelig geworden waren. Sie schreibt (3, S. 164):
Ein sinnvolles Maß der Kausalität, ein sinnvolles Mindestmaß an Finalität, so erwartet es unsere Erkenntnis, werden wir in dieser Schöpfung vereint sehen mit einem sinnvollen Mindestmaß an Chaos.
So heißt es 1941 und dieser Satz steht völlig im Einklang mit dem, was wir auch heute über dieses Weltall und seine Naturgesetze wissen. Immerhin gibt sie gleich im Anschluß an dieses erneute Anführen des Zitates von 1923 nun eine weitaus gültigere Wortfassung der tatsächlichen Zusammenhänge (3, S. 166):
Das sinnvolle Maß der Kausalität wird uns durch ein sinnvolles Maß der Gesetzlosigkeit, durch ein streng begrenztes "Chaos" in der mikroskopischen Erscheinungwelt in erstaunlicher Klarheit enthüllt.
Wir können heute die historischen Bedingtheiten besser erkennen, aus denen heraus eine so starke Abwertung des Begriffes "Chaos" erfolgte. Und die Philosophin selbst setzte sich im Jahr 1941 genauer mit der Wärmelehre in der Physik auseinander als sie das jemals bis dahin getan hatte und mußte dabei ebenfalls erkennen, daß sie 1923 gar zu apodiktisch den Begriff Chaos als einen unangemessenen Begriff zur Beschreibung des Urgrundes allen Seins zurück gewiesen hatte.
Sie hebt nun das Chaos insbesondere in seiner Bedeutung für das gesetzmäßige Schwinden des Universums hervor. Daß es für das Werden des Universums die gleiche Bedeutung hätte, wird allerdings noch nicht so deutlich gesagt, weil eben diese Konnotation des Begriffes "Chaos" mit etwas Zerstörerischem noch zu groß war.
Sie mußte sich also diesbezüglich korrigieren, bzw., sie mußte die Begriffe, die sie verwendet hatte, präziser fassen. Aber auch bei dieser Korrektur blieb sie damals noch - sozusagen - "auf halbem Wege" stehen. Diese Erscheinung ist recht oft in diesem Buch von 1941 zu beobachten und sie macht klar, daß auch noch die 1940er Jahre eine Zeit des "Übergangs" war in unserem modernen Weltverstehen. Denn in den darauf folgenden Jahrzehnten konnte auf vielen Themengebieten der modernen Physik erst jene vollständige Klarheit und Sicherheit gewonnen werden, die damals - im Jahr 1941 - auf vielen Gebieten eben noch fehlte. Darum ist die Lektüre dieses Buches von 1941 so "spannend" und geradezu "erregend". Es "vibriert" in seinen Zeilen geradezu von Dingen, die künftig noch besser sollten geklärt werden können als sie es im Jahr 1941 waren.
Dies gilt übrigens auch für die Auseinandersetzung mit der Relativitätstheorie, die in diesem Buch enthalten ist. Auch hier bleiben die philosophischen Erörterungen - sozusagen - auf "halbem Wege" stehen, wollen sich weder völlig gegen die Relativitätstheorie von Einstein stellen, noch auch völlig für sie entscheiden. Und sie lassen die vormals, im Jahr 1923 niedergelegten philosophischen Intuitionen dabei auch - und womöglich mit manchem Recht - unangetastet.
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- Ludendorff, Mathilde: Schöpfungsgeschichte. Verlag Theodor Weicher, Leipzig 1928 (zuerst 1923), https://archive.org/details/MathildeLudendorffSchoepfungsgeschichte/
- Eigen, Manfred: Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall. Piper, München, Zürich 1975
- Ludendorff, Mathilde: Der Siegeszug der Physik - Ein Triumph der Gotterkenntnis meiner Werke. Ludendorffs Verlag, München 1941, https://archive.org/details/MathildeLudendorffDerSiegeszugDerPhysik
- Heisenberg, Werner: Ordnung der Wirklichkeit. Serie Piper, München 1989
- Monod, Jaques: Zufall und Notwendigkeit. Philosophische Fragen der modernen Biologie. Piper, München 1971 (Original 1970)
- Bading, Ingo: Studiengruppe Naturalismus: Ein kleiner Ausschnitt aus Erörterungen rund um naturwissenschaftliche Fragen in der Ludendorff-Bewegung der Jahre 1956 und 1957, 2017
- Prigogine, Ilya; Stengers, Isabelle: Dialog mit der Natur. Neue Wege naturwissenschaftlichen Denkens. Piper Verlag, München, Zürich 1980 (zahlreiche Folgeauflagen)
Als einmal vergessen wurde, einen Nobelpreis zu verleihen
Sind wir uns wirklich bewußt, daß die Welt vor ihrem Beginn "nur Theorie" war?
Wer sich allerdings "nur" mit Theorie beschäftigt, kann leicht bei der Verleihung des Nobelpreises einmal vergessen werden. So geschehen mit dem Jahrhundert-Genie Lars Onsager (1903-1976) (Wiki, engl). Es war dies ein Theoretischer Chemiker aus Norwegen. Durch seine Ehefrau hatte er auch einen persönlichen Bezug zum deutschen Sprachraum: Sie stammte aus Österreich. Den größten Teil seines Lebens verbrachte Onsager allerdings in den USA.
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| Abb. 1: Lars Onsager, Dezember 1968 in Stockholm anläßlich der Verleihung des Nobelpreises |
1968 ist Onsager der Nobelpreis verliehen worden. Und im Jahr 1970 nahm er an der Nobelpreisträger-Tagung in Lindau am Bodensee teil wie Bildunterschriften zu entnehmen ist (1). Im Jahr 1975 hat er in seinem gebrochenen Deutsch auf der Nobelpreisträger-Tagung in Lindau recht interessante Überlegungen zur Entstehung des Lebens auf der Erde vorgetragen (1). Die Abschlußveranstaltung dieser Nobelpreisträger-Tagung von 1975 fand auf der Insel Mainau nahe Konstanz statt (1, Bildunterschrift in 3:28).
In Zusammenhang mit dieser Tagung war Onsager auch zu einem Vortrag an die Universität Konstanz eingeladen worden. Und am Abend war zu Ehren seines Besuches in Konstanz eine kleine Gesellschaft zusammen gekommen. Auf dieser war die Gesprächsatmosphäre allmählich lockerer geworden, der Wein hatte die Zungen gelöst. Das Gespräch war auf die Wikinger gekommen. Und von Seiten einer jüngeren Frau ist über diese Wikinger dann ein wenig gar zu einseitige, harsche und grobe Kritik geäußert worden. Bei dieser Gelegenheit hat der Gastgeber erleben können, daß in dem ansonsten so umgänglichen Onsager doch auch ein Herz für seine wikingischen Vorfahren schlug. Der Gastgeber mußte vermittelnd in das Gespräch eingreifen, damit die Emotionen nicht gar zu hoch schlugen.
Der Bericht davon war als ein Beispiel dafür erzählt worden, daß gerade die genialsten Wissenschaftler, Künstler und Philosophen - zu denen Onsager zählte - nicht selten eine besondere gefühlsmäßige Verbundenheit zu ihrem eigenen Land, zu ihrer eigenen Herkunft, zur eigenen Geschichte und Kultur aufweisen. Man kann dies als Zeichen wahrnehmen eines durchaus auch geheimnisvollen Wirkens angeborener, sowie über prägungsähnliches Lernen weiter gegebener gruppenpsychologischer Zusammenhänge, die noch heute kaum ausreichend erforscht sind (unter Schlagworten wie etwa "Ethnozentrismus"), für die aber womöglich gerade oft bei den genialsten Vertretern einer Kultur sich die überzeugensten Belege finden lassen.
Werner Heisenberg wäre dafür ein Beispiel derselben Generation aus Deutschland. Oder - wenn wir auf frühere Jahrhunderte zurückblicken - Wolfgang Amadeus Mozart. Gibt es doch von Mozart solche Aussagen wie:
Was mich aber am meisten aufrichtet und guten Mutes erhält, ist, daß ich ein ehrlicher Deutscher bin.
Oder aber - als er sich für deutschsprachige Opern in Deutschland einsetzte:
... Doch da würde vielleicht das so schön aufkeimende Nationaltheater zur Blüte gedeihen und das wäre ja ein ewiger Schandfleck für Deutschland, wenn wir Deutsche einmal im Ernst anfangen würden, deutsch zu reden, deutsch zu handeln, deutsch zu denken und gar deutsch zu singen.
Als der Autor dieser Zeilen auf solche Zusammenhänge hingewiesen wurde, war er etwa 20 Jahre alt und hatte noch keinerlei inneren Bezug zur modernen Naturwissenschaft gewonnen. Er war es - wie die meisten Menschen - von seiner ganzen Herkunft und von seiner ganzen Interessenlage her gewohnt, Naturwissenschaft vornehmlich als etwas "Entseeltes", "Technisch-Materialistisches" anzusehen. Deshalb hatte er zur Naturwissenschaft - trotz "Physik-Leistungskurs" in der Oberstufe in den 1980er Jahren - keineswegs einen ebenso leichten Zugang gefunden. Fächer wie Geschichte oder Zeitgeschichte lagen ihm viel, viel mehr. Mit Hilfe des eben angeführten Hinweises aber auf einen solchen Zusammenhang - nun einmal nicht: zwischen "Genie und Wahnsinn", sondern zwischen "Genie und Wohlwollen für die eigene Herkunft" - auch bei Naturwissenschaftlern konnte bei ihm ein erster etwas mehr auf der Gefühlsebene gelagerter Bezug zur modernen Naturwissenschaft geweckt und angebahnt werden.
Als eine erste weitere Brücke, um einen solchen inneren Bezug herzustellen, stellte sich - wenn die Erinnerung nicht trügt - die Lektüre der Lebenserinnerungen von Werner Heisenberg dar, betitelt "Der Teil und das Ganze". Wer dem Inhalt dieses Buches hinter her horcht, wird in ihm allezeit eine große Liebe zu Deutschland finden. Diese veranlaßte Heisenberg im Jahr 1939, nicht in die USA zu emigrieren, obwohl er in Deutschland von den Anhängern einer pseudowissenschaftlichen, wissenschaftlich völlig unfruchtbaren, sogenannten "Deutschen Physik" als "weißer Jude" bezeichnet worden war und deshalb viel Undank und Ignoranz erleben mußte, obwohl er das Nahen des Krieges ahnte und obwohl er den Unrechtscharakter des Dritten Reiches vollauf durchschaut hatte und als solchen wahrnahm und obwohl er attraktive berufliche Angebote in den USA erhalten hatte.
Aber all das nur als einleitende Hinweise auf die erste Begegnung des Autors dieser Zeilen mit einem noch heute so unbekannten Jahrhundert-Genie wie Lars Onsager. Wer aber war Lars Onsager? In diesem Beitrag soll versucht werden, von seiner wissenschaftlichen Bedeutung einen gewissen Eindruck zu vermitteln, auch wenn das schwierig ist - wie gleich deutlich werden wird und was schon zu der wichtigsten Erkenntnis dieses Beitrages gehört.
Wenn sogar einem Carl Friedrich von Weizsäcker einmal die Worte fehlen ...
Junge Menschen, die eine große Begabung für Mathematik aufwiesen und Physik studierten, konnten in den 1950er Jahren zu dem schon damals - so wie heute - öffentlich kaum bekannten Lars Onsager wie zu einem Genie aufschauen. Würde man selbst jemals etwas so Großes auf dem Gebiet der Theoretischen Physik leisten können wie Lars Onsager? So konnte sich ein solcher Physik-Student fragen. Und so wurde es dem Autor dieser Zeilen auch von einem solchen über seine Jugendzeit berichtet. Aber in wem eine solche Frage damals aufkommen konnte, der wird doch wenigstens ansatzweise Anlaß gehabt haben, sie zu stellen. Das heißt, er wird sich etwas ähnlich Großes zumindest der Absicht nach grundsätzlich schon zugetraut haben.
Daß dann in den 1970er Jahren Lars Onsager einmal zu Besuch nach Konstanz kam, wird nicht zuletzt darauf beruht haben, daß sein Konstanzer Gastgeber - inzwischen selbst Professor für Biophysik - schon lange wissenschaftliche Arbeiten vorgelegt hatte - unter anderem in Zusammenarbeit mit Onsagers vormaligem Freund und Kollegen Julian Gibbs (siehe unten) - die ihn in den Augen Onsagers zu einem interessanten Gesprächspartner gemacht haben werden. Sonst hätte ja ein solcher Besuch gar nicht zustande kommen können. Sonstige Einzelheiten aber über den Anlaß und das Zustandekommen dieses Besuches von Onsager in Konstanz, sowie über Gesprächsinhalte anläßlich dieses Besuches sind (uns) einstweilen nicht bekannt geworden (bzw. werden in einer Ergänzung am Ende dieses Beitrages nachgetragen).
Für Physik-Laien ist es noch heute schwierig, sich ein Bild von der wissenschaftlichen Leistung von Lars Onsager zu machen. Das um so mehr, wenn selbst bedeutende Physiker abwinken konnten, wenn es sich darum handelte, seine Lebensleistung einer größeren Öffentlichkeit zu erläutern. Das wurde denn auch mehr als deutlich als Lars Onsager im Jahr 1968 den Chemie-Nobelpreis erhielt. In den damaligen Wissenschaftsredaktionen der Welt machte sich - begreiflicherweise - einigermaßen Ratlosigkeit breit. Man wußte nicht, wie man das wissenschaftliche Werk von Lars Onsager einer größeren Öffentlichkeit gegenüber erläutern sollte. Dafür war es nämlich viel zu abstrakt. Im Hamburger Wochenmagazin "Der Spiegel", sonst niemals um Worte verlegen, wurde damals beklommen festgehalten - und das (wie beim "Spiegel" eh häufig) vorsichtigerweise auch ohne Autorenangabe (2):
Der Hamburger Physiker und Philosophie-Professor Carl Friedrich von Weizsäcker, sonst wegen seiner Kunst gemeinfaßlicher Wissenschaftsdarstellung gerühmt, mußte diesmal passen: Onsagers Arbeiten seien nur in abstrakter Formelsprache darzustellen. Er verwies an Professor Josef Meixner Technische Hochschule Aachen; der verstehe "viel davon" - allerdings: Er werde "es wohl auch nicht allgemeinverständlich erklären" können, meinte Weizsäcker. In der Tat, auch Meixner konnte nur von einem "Prinzip des detaillierten Gleichgewichts" sprechen, oder von einer "Beziehung zwischen Thermodiffusion und Diffusionsthermoeffekt".
Immerhin versuchte der "Spiegel" sich nach solchen verstörten, einleitenden Worten dann doch noch an einer - vielleicht ansatzweise sogar brauchbaren - Erläuterung (2):
Daß Energie (beispielsweise die Bewegungs-Energie stürzender Wassermassen) nicht verlorengehe, sondern sich allenfalls in andere Formen der Energie (im Kraftwerk beispielsweise in elektrische Energie) verwandelt, hatte der Schiffsarzt Robert Mayer 1842 als ein Grundgesetz der Natur erkannt. Diesen sogenannten Ersten Hauptsatz der Wärmelehre ergänzten die Wissenschaftler hernach immer weiter. Aber alle Berechnungen, die sie über Vorgänge bei der Umwandlung verschiedener Energieformen anstellen konnten, blieben vergleichsweise wirklichkeitsfern: Sie bezogen sich auf Systeme, die in einem Gleichgewichtszustand verharren. Bei schnell ablaufenden Prozessen der Energieveränderung, wie sie in der Natur vorkommen - etwa bei einem Feuer oder bei einer Explosion -, ließen sich allenfalls der Anfangs- und der Endzustand berechnen. Onsagers wissenschaftliche Tat ist es, auch für den Übergang von einem Gleichgewichtszustand in einen anderen mathematische Formeln entwickelt zu haben, "die sich in der Praxis gut bewährt haben" (Weizsäcker). Onsager hatte diese Formeln ursprünglich nur für chemische Prozesse aufgestellt. Aber es zeigte sich, daß sie vielfältig anwendbar waren, so in der Halbleiter-Technik, in der Biologie - und schließlich auch, als US-Wissenschaftler ein Verfahren suchten, die Atombombe zu bauen.
Und in der Tat waren es ja auch "schnell ablaufende Prozesse der Energieveränderung", für die Manfred Eigen ein Jahr vor Lars Onsager den Nobelpreis erhalten hatte und bei diesem Anlaß in seiner Rede gesagt hatte, daß er sich "schämen" würde, den Nobelpreis vor Lars Onsager zu erhalten (siehe unten)(12). Auch das Nobelpreis-Komitee hatte erst noch auf die Leistungen Onsagers hingewiesen werden müssen, so sehr blühten sie auch damals schon "im Verborgenen".
In der Wochenzeitung "Die Zeit" erschien 1968 ebenfalls ein Artikel zur Verleihung des Nobelpreises an Lars Onsager. Der Artikel selbst verbirgt sich hinter einer Bezahlschranke. Aber schon der Titel sagt viel aus (3):
"Formeln für die Chemie von morgen - Lars Onsager entwickelte eine Mathematik für viele Vorgänge in der Natur."
Josef Meixner in Aachen - Ein "deutsche Onsager"?
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| Abb. 2: J. Meixner (5) |
Und wer war der im eben zitierten Text genannte Professor Josef Meixner (1908-1994) (Wiki)?
Als der bekannte belgische Chemiker Ilya Prigogine 1977 den Nobelpreis erhielt, gab es Gerüchte, daß an seiner Stelle auch Josef Meixner mit diesem hätte ausgezeichnet werden können (4):
Ein bedeutender Anteil der Forschungsarbeit von Meixner war mit der Thermodynamik irreversibler Prozesse befaßt. Er wird deshalb zu den Gründervätern dieses Forschungsgebietes gerechnet. Er wies darauf hin, daß Onsager's Symmetrie-Gesetze wichtige Konsequenzen hatten. Über viele derselben berichtete er in in einem berühmten Artikel zusammen mit Helmut G. Reik in der Encyclopedia of Physics III (Springer, 1959). Der Nobelpreis für Chemie wurde 1977 an Ilya Prigogine (1917-2003) verliehen (...), insbesondere für seine Arbeit über die Thermodynamik irreversibler Prozesse. Es wird erzählt, daß das Nobelpreiskomitee vier zusätzliche Stunden brauchte, um zu einer Entscheidung zu kommen. Und es gab Gerüchte, daß Meixner ebenfalls als Kandidat gehandelt wurde. Meixners erste grundlegende Arbeit datiert zurück auf das Jahr 1941, Prigogine's Arbeit begann 1947. Tatsächlich schreiben D. Bedeaux und I. Oppenheim in ihrem Nachruf auf Mazur: "Josef Meixner stellte 1941 und Ilya Prigogine unabhängig davon 1947 eine zusammenhänge phänomenologische Theorie irreversibler Prozesse auf, die Onsager's Reziprozitäts-Theorem beinhalteten und die explizite Berechnung für einige Systeme der sogenannten Entropie-Quellen-Stärke. Kurz danach stießen Mazur und de Groot zu dieser Gruppe der Gründungsväter hinzu des neuen Gebietes der Nichtgleichgewicht-Thermodynamik. Außerdem schreiben A. R. Vasconcellos et al.: "Vor über zwanzig Jahren gab J. Meixner in Arbeiten, die nicht die verdiente Verbreitung fanden, einige überzeugende Argumente um zu zeigen, daß es unwahrscheinlich ist, daß ein Nichtgleichgewicht ... [?] [weiteres hinter einer Bezahlschranke]". 1975 sprachen Prigogine und Meixner beide auf einer Akademie-Sitzung in Düsseldorf.Original: A major part of Meixner's research work concerned the thermodynamics of irreversible processes, and he is counted as one of the founding fathers of that field. He pointed out that Onsager's symmetry laws had important consequences, many of which he reported on in a famous article with Helmut G. Reik in Encyclopedia of Physics III (Springer, 1959). The Nobel Prize for Chemistry for the year 19777 was awarded to Ilya Prigogine (1917–2003) (...), especially for his work on the thermodynamics of irreversible processes. It was said the Prize Committee spent 4 overtime hours before reaching its decision, and there were rumors that Meixner was also a candidate. Meixner’s first basic paper in the matter dates back to 1941, Prigogine’s work started in 1947. In fact, D. Bedeaux and I. Oppenheim in their obituary notice on Mazur write: “Josef Meixner in 1941 and, independently, Ilya Prigogine in 1947 set up a consistent phenomenological theory of irreversible processes, incorporating both Onsager’s reciprocity theorem and the explicit calculation for some systems of the so-called entropy source strength. Shortly thereafter, Mazur and de Groot joined this group as founding fathers of the new field of nonequilibrium thermodynamics”. Furthermore, A. R. Vasconcellos et al. write: “J. Meixner, over twenty years ago in papers that did not obtain a deserved diffusion gave some convincing arguments to show that it is unlikely that a nonequilibrium ” (...) [?]. In 1975 both Prigogine and Meixner lectured at an Academy session in Düsseldorf.
Der Konstanzer Biophysiker Gerold Adam (1933-1996) (Wiki) studierte 1951 bis 1958 an der Technischen Hochschule Aachen. Unter diesen Umständen ist es keineswegs ausgeschlossen, daß er wichtige Anregungen (auch) durch Josef Meixner erhielt, zu den Leistungen von Lars Onsager aufzublicken und sich dem von Meixner und Onsager bearbeiteten Forschungsgebiet der Theorie irreversibler Prozesse zuzuwenden. Meixner übrigens war 1931 als Schüler des hoch geehrten Arnold Sommerfeld in München promoviert worden. Er hat während des Zweiten Weltkrieges an der Eismeerfront in Finnland Kriegsdienst geleistet. Von 1944 bis 1974 lehrte er Theoretische Physik an der Technischen Hochschule Aachen. 1942 hatte er - ebenso wie Onsager - wichtige frühe Arbeiten zur Thermodynamik irreversibler Prozesse veröffentlicht. 1962 wurde - vermutlich doch vor allem auf Betreiben von Josef Meixner - Onsager die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Aachen zuerkannt. Aus diesem Anlaß hielt Meixner eine Ansprache, die - als Onsager den Nobelpreis erhielt - auch in den "Physikalischen Blättern" veröffentlicht wurde. In dieser führte er unter anderem aus (6):
Eine weitere hervorstechende Leistung Onsagers ist die Theorie des zwei-dimensionalen Ising-Modells des Ferromagnetismus. Wir sehen hier einen ganz neuen Aspekt seiner wissenschaftlichen Arbeit. (...) Beim Ising-Modell lag ein wohlformuliertes physikalisches Problem vor, und die Leistung Onsagers ist hier als rein mathematisch anzusehen, aber als solche ein hervorragendes Kunstwerk des Geistes. Ihre überragende Bedeutung liegt in zwei Richtungen. Sie gab die exakte Lösung für eines der wichtigsten und schwierigsten Probleme der statistischen Mechanik, wenn auch nur an einem physikalisch gesehen einfachen Modell, und damit zum ersten Mal eine Beurteilungsmöglichkeit der für kompliziertere Fälle auch heute noch unentbehrlichen Näherungsverfahren. Sie stellte aber auch, neben der Einstein-Kondensation, den einzigen Fall dar, in dem es gelungen war, die statistische Theorie einer Phasenumwandlung mathematisch vollkommen explizit und streng zu behandeln.
Meixner hält außerdem fest (6):
Wir dürfen wohl annehmen, daß die theoretischen Vorlesungen (Onsagers) für den jungen Chemiker etwas schwierig sind, und so nimmt es uns nicht wunder, daß die Onsagersche Vorlesung über statistische Mechanik I und II von den Studenten (in den USA) als Norwegisch I und II bezeichnet wurde. (...) Onsager wird als ein brillanter Wissenschaftler mit einer ungeheuren Konzentrationskraft bezeichnet. Seine Erfolge sind wohl letzten Endes darin begründet, daß er nie mit halben Lösungen zufrieden war, daß er vielmehr sich stets bemühte, die physikalische Natur eines Vorgangs oder einer Eigenschaft in voller Klarheit zu erfassen, um dann sein Problem ungehindert durch alle Schwierigkeiten einer eleganten und vollständigen Lösung zuzuführen.
"Eine der höchsten geistigen Leistungen"
Auf die Lebensleistung von Lars Onsager wurde auch einmal eingegangen in einer grundlegenden Aufsatzreihe benannt "Die Evolution aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie". Hier sollte nämlich einleitend als grundlegenderer Gedankengang erläutert werden (7),
daß die Gültigkeit einer Einsicht nicht dadurch bestimmt ist, wie viele sie wirklich „verstehen“. (…) Der Nachvollzug der einzelnen Erkenntnisschritte durch andere Menschen (…) kann ein so schwieriger sein, daß er dann nur von wenigen erfolgreich begangen wird. Vor allem auch die physikalisch-theoretischen Wissenschaften bieten eine Fülle von Beispielen hierfür. Aus der Vielzahl sei hier nur noch ein weniger bekanntes Beispiel genannt, das aber für die folgenden Beiträge zu unserem Rahmenthema wesentlich ist. Im Jahre 1944 ist dem norwegischen Physiker Lars Onsager die „exakte Lösung für den feldfreien Sonderfall des zweidimensionalen Isingmodelles“ gelungen. Das „zweidimensionale Isingmodell“ stellt eine regelmäßige Anordnung von Elementarmagneten in einer Fläche dar, deren Verhalten ohne äußeres Magnetfeld von Onsager berechnet werden konnte. Die Onsager'sche Theorie stellt eine der höchsten geistigen Leistungen in den Naturwissenschaften dar. Wichtige Ergebnisse dieser Berechnungen konnten erst Jahre später von anderen Wissenschaftlern nachgerechnet werden. Wesentliche Verbesserungen dieser Lösung, wie etwa ihre Erweiterung auf die Situation mit Magnetfeld oder gar auf den dreidimensionalen Fall (räumlich-kristalline Anordnung der Elementarmagnete) sind bis heute noch nicht gelungen. Die außerordentlichen Schwierigkeiten bei der Beschreibung des Isingmodelles rühren von der ungeheuren Vielzahl der möglichen Wechselwirkungen zwischen je zweien der (sehr vielen) Elementarmagnetchen her. Die Betrachtung des gemeinsamen („kooperativen“) Verhaltens von winzigen Magneten erscheint zwar auf den ersten Blick nicht sonderlich interessant; doch ist das Isingmodell der wohl übersichtlichste Fall der Beschreibung einer Ansammlung von vielen gleichartigen, miteinander wechselwirkenden Untereinheiten. Seine mathematische Formulierung ist daher fast ohne Abänderung auf die Beschreibung einer Fülle von anderen, auf den ersten Blick grundverschiedener Anordnungen von miteinander wechselwirkenden Untereinheiten übertragbar, wie sie zum Beispiel die Moleküle bei den Vorgängen der Entmischung von Lösungen oder des Schmelzens/Kristallisierens, die Molekülsorten bei der präbiotischen Evolution oder die Menschen bei der Meinungsbildung in einer Bevölkerung darstellen.
Daß die Meinungsbildung in einer Bevölkerung den gleichen Gesetzen folgen könnte wie sie sonst in der Natur in "komplexen Systemen" vorkommen, wird etwa recht anschaulich behandelt in dem Buch "Erfolgsgeheimnisse der Natur" des Stuttgarter Physikers Hermann Haken. Dieses Buch stellt ebenfalls eine allgemeinverständliche Hinführung zum Thema der Theorie komplexer Systeme dar, für die Lars Onsager die wichtigsten theoretischen Grundlagen gelegt hatte.
Die meistzitierte Arbeit von Lars Onsager ist tatsächlich diejenige über das Ising-Modell von 1944 (8).
Wenn man einem Wissenschaftler wie Onsager also nur schwer über die Inhalte seiner Forschungen näher kommen kann, so vielleicht doch ein wenig mehr über einige Angaben zu seinem sonstigen Leben. Onsager ist in Oslo aufgewachsen, hat in er Schule eine Klasse übersprungen und im Jahr 1920 ein Chemie-Studium an der Universität Trondheim aufgenommen (14):
Schon während seines Studiums zeigte er seine Unabhängigkeit als er sich auf eigene Faust ein breites und tiefgehendes Wissen auf dem Gebiet der Mathematik aneignete und während er sich mit dem jüngst (1923) veröffentlichten Durchbruch in der Elektrolyt-Theorie von Pieter Debye und seinem Assistenten Hückel beschäftigte. Onsager fand einen Fehler in jenem Teil der Theorie, der die Leitfähigkeit des Elektrolyts betraf. Nach seinem Studienabschluß als Chemie-Ingenieur der Universität Trondheim reiste er 1925 nach Zürich, um Debye zu besuchen. Der unbekannte 22-Jährige aus Norwegen marschierte in das Arbeitszimmer des berühmten Wissenschaftlers mit den Worten: "Professor Debye, Ihre Theorie der Elektrolyte enthält einen Fehler!" Der berühmte Debye war den dreisten jungen Mann nicht hinaus. Im Gegenteil, in der nachfolgenden Diskussion war er so beeindruckt von dem jungen Norweger, daß er ihm eine Stelle als sein Assistent für das nachfolgende Jahr anbot. (...) Seine Verbesserungen der Theorie von Debye und Hückel über die Leitfähigkeit der Elektrolyte verschaffte ihm bald einen Namen unter den Elektrolyt-Experten.Already during his studies, he showed his independence by acquiring on his own a broad and profound knowledge of mathematics, and by familiarizing himself with the recently published (1923) breakthrough in electrolyte theory by Pieter Debye and his assistant Hückel. (An electrolyte is a solution of ionized molecules, and can conductelectricity.) Onsager found an error in that part of the theory which concerns the conductivity of the electrolyte. After his graduation as a chemical engineer from NTH he travelled, in 1925, to Zürich to visit Debye. The unknown 22-year old from Norway walks into the famous scientist’s office with the announcement: ‘‘Professor Debye, your theory of electrolytes is incorrect!’’ But the famous Debye does not throw out the impudent youngster. On the contrary, in the subsequent discussion, he is so impressed by the young Norwegian that he offers him a job as his assistant for following year. (...) His improvements of Debye and Hückel’s theory of electrolytic conduction quickly earned him a name among the experts on electrolytes.
1932 reichte er seine Doktorarbeit an der Universität Trondheim ein, die nur 37 Seiten umfaßte, die er aber dennoch als die "beste seiner bisherigen Arbeiten" charakterisierte. Infolge anderer drängender Arbeiten hätte er nicht die Muse, seine Doktorarbeit ausführlicher zu schreiben. Der Universität war das dennoch zu wenig. Onsager soll gesagt haben (14):
Allerhand Leute gibt es, darunter sicherlich viele talentierte, die sich mit Methoden bewaffnen und dann auf die Jagd nach behandelbaren ("vulnerable") Problemen gehen. Ein Problem aber gemäß seiner eigenen Bedingungen zu akzeptieren und sich seine eigenen Waffen schmieden - das erst ist wirklich erstklassig!There are a lot of folks, some quite talented, who arm themselves with methods and then go hunting for vulnerable problems; but to accept a problem on its own terms, and then forge your own weapons - now that’s real class!
1933 lernte Onsager in Österreich seine nachmalige Ehefrau Gretl kennen. Darüber wird berichtet (9):
Onsager blieb an der Brown-Universität bis 1933. (...) Im Sommer jenes Jahres weilte Lars in Europa und besuchte H. Falkenhagen, den österreichischen Elektrochemiker. Falkenhagen fühlte sich aber unpäßlich und bat deshalb seine Stiefschwester Gretl (Margarethe Arledter), sich um Lars zu kümmern. Gretl sah ihn die Treppen herauf kommen - einen sehr gut aussehenden jungen Mann, von dem ihr Bruder ihr gesagt hatte, er wäre "seiner Zeit weit voraus". Dann gingen sie zum Essen aus. Wie immer war Lars aber von sehr zurückhaltendem Wesen. Nach dem Essen schlief er auf der Terrasse. Dann wachte er auf und fragte sie: "Sind Sie verliebt?" Acht Tage später verlobten sie sich - Margarethe war 21 und Lars 29. Am 7. September 1933 heirateten sie.Original: Onsager remained at Brown University until 1933, when the economic depression made it necessary for his appointment to be discontinued; it would have been impossible for the chemistry department to convince the university that his services as a teacher were indispensable. In the summer of that year Lars was in Europe, and went to visit H. Falkenhagen, the Austrian electrochemist. Falkenhagen was unwell at the time and asked his sister Gretl (Margarethe Arledter) to entertain Lars. Gretl saw him coming up the stairs—a very handsome young man who her brother had told her was ‘well ahead of his times’. They went out to dinner, but Lars was his usual reticent self. After dinner he fell asleep on the patio, and then woke up and asked: ‘Are you romantically attached ?’ They became engaged 8 days later - Margarethe at 21 and Lars at 29 - and got married on 7 September 1933.
Aus der Ehe sollten vier Kinder hervor gehen. Onsager erhielt 1934 eine Professur. Da er aber nie promoviert hatte, mußte er 1935 nachträglich eine Doktorarbeit einreichen. Aber weder die Chemiker, noch die Physiker fühlten sich ihrer komplizierten Mathematik gewachsen. Sie gaben sie deshalb an die Mathematiker weiter. Dort war man dann hoch erfreut über Onsager's Arbeit und befürwortete die Promotion.
"Die Onsager'sche Lösung hätte ich nicht heraus bekommen"
Das Ehepaar Onsager kaufte sich in den USA einen Bauernhof, auf dem Lars mit großer Begeisterung Gemüse anbaute und das Landleben genoß. Onsager schwamm gerne. Und bis an sein Lebensende unternahm er Skitouren (9).
Da Gretl und Lars in den USA "Ausländer" waren, wurde Onsager nicht für jene Forschungen herangezogen, die in Zusammenhang mit der Kriegsführung standen. Für Onsager hatte das wertvolle Folgen (9):
Er fand Zeit, um so angestrengt oder noch angestrengter zu denken als er es jemals zuvor getan hatte, um ein Schlüsselproblem in der Physik zu klären, von dem andere mit guten Gründen angenommen hatten, daß es jenseits der Möglichkeiten der menschlichen Intelligenz liegen würde. (...) Sie nahm die Welt der Theoretischen Physiker im Sturm. (...) So wie es Pippard im Jahr 1961 beschrieb: "Onsager's exakte Behandlung, die eine Sensation hervorrief, als sie erschien, zeigte, daß die spezifische Wärme tatsächlich am Übergangspunkt zur Unendlichkeit anwuchs, ein Phänomen, das jene sehr grundlegend verwirrte, die sich sicher waren, daß Schwankungen immer ausgeglichen würden durch die Schroffheit, die durch die Annäherungen in der Analyse geschaffen wurden. (....) Diese Arbeit gab dem Studium kooperativer Phänomene einen ganz neuen Schwung ... und es ist sicherlich die wichtigste Einzelleistung in diesem wichtigen Forschungsfeld."Original: He was able to find the time to think as hard, or harder, than ever before and to solve a key problem in physics others might well have believed to lie beyond the reach of human intelligence. (...) It took the world of theoretical physics by storm. (...) As Pippard wrote, in 1961: "Onsager's exact treatment, which created a sensation when it appeared, showed that the specific heat in fact rose to infinity at the transition point, a phenomenon which profoundly disturbed those who were sure that fluctuations always smoothed over the asperities which were created by approximations in the analysis. This work gave a new impetus to the study of cooperative phenomena, ... and it is certainly the most important single achievement in this important field."
Unter Physikern erzählt man sich Anekdoten wie diese (9):
Lev D. Landau (...) sagte zu V. L. Pokrovskii, daß während die Arbeiten anderer Theoretiker seiner Generation für ihn keine wirkliche Herausforderung darstellen würden, er sich nicht vorstellen könne, daß er selbst die Onsager'sche Lösung des Ising-Modell's herausbekommen hätte.
Original: Lev D. Landau, whose own general phenomenological theory of phase transitions was fatally undermined by Onsager's results, told V. L. Pokrovskii that while the work of other theorists of his generation presented no real challenges to him, he could not envisage himself accomplishing Onsager's solution of the Ising model.
Der hier genannte sowjetische Theoretische Physiker Lev Landau (1908-1968) (Wiki) hatte 1929 bei Werner Heisenberg in Leipzig und bei anderen Physikern in Deutschland studiert (Wiki):
Er teilte Physiker in eine logarithmische Skala von 0 bis 5 ein (0 war die höchste Stufe), stufte Einstein bei 0,5 ein, die Väter der Quantenmechanik (Schrödinger, Bohr, Heisenberg, Bose, Dirac, Wigner) bei 1, sich selbst anfangs bei 2,5, und relativ spät in seiner Karriere bei 2.
Die Theoretischen Physiker und Chemiker der damaligen Generation erzählten sich noch viele andere, sie außerordentlich beeindruckenden Erlebnisse mit Lars Onsager. So etwa auch der bekannte amerikanische Physiker Richard Feynman (9, S. 458f). Sie berichteten auch darüber, daß Onsager das Ergebnis seiner Forschungen nicht selten intuitiv vorausahnte und mit seinen mathematischen Berechnungen diese Intuition dann nur noch rational nachvollzogen hat, also quasi "ratifiziert" hat (9).
Erst vor drei Jahren, 2018, schrieb der indischer Chemiker Biman Bagchi über Lars Onsager (10):
Über ihn wird oft gesagt, auch heute noch, daß er der "beste Mathematiker" war, den es in der Theoretischen Physik und in der Theoretischen Chemie jemals gegeben habe.Original: He is often cited, even today, as the “best calculator” that theoretical physics and theoretical chemistry has ever seen.
Mein eigener Doktorvater an der Brown-Universität, Julian H. Gibbs, verbrachte ein gemeinsames Jahr mit Onsager in Cambridge. Gibbs war dort als Guggenheim Fellow tätig. Er erzählte mir, daß Onsager sich gerne viel mit ihm zu unterhalten habe, weil sie beide die einzigen Amerikaner in der Theoretischen Physikalischen Chemie in Cambridge waren. Gibbs erzählte, daß Onsager wissenschaftlich unglaublich und ein ebenso fröhlicher wie warmherziger Mensch gewesen sei. Gibbs fand Onsagers Ansatz auf so hoher Verständnisebene angesiedelt, daß er Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten.My own thesis adviser at Brown University, Julian H. Gibbs, overlapped about a year with Onsager at Cambridge where Gibbs was a Guggenheim Fellow. Gibbs told me that Onsager used to talk a lot with him because they two were the only Americans in theoretical physical chemistry at Cambridge. Gibbs told me that Onsager was incredibly smart with science, and was quite a jolly and warm guy. Gibbs found Onsager’s approach so high level that he had to struggle to keep up with him.
Und Biman Bagchi schreibt bewundernd weiter (10):
In diesem Zusammenhang muß ich den Leser daran erinnern, daß Julian Gibbs selbst außergewöhnlich war. Neben anderem sind ja seine Theorien über die Glasbildung (Adam-Gibbs, Gibbs-DiMarzio) sehr bekannt.Original: I need to remind the reader that Julian Gibbs himself was outstanding, and his theories of glass transition (Adam-Gibbs, Gibbs–DiMarzio) among others, are well-known.
Die hier erwähnte "Adam-Gibbs"-Arbeit wurde dementsprechend 1982 mit dem "Citation Award" ausgezeichnet (11). Der Konstanzer Biophysiker Gerold Adam, mit dem zusammen Julian H. Gibbs eine der beiden eben genannten "außergewöhnlichen" Arbeiten vorlegte, erforschte später - ebenfalls als Theoretischer Physiker - Phasenübergänge bei der Nervenerregung. Vielleicht hatten diese Forschungen Onsager's Interesse geweckt, und vielleicht war Onsager in den 1970er Jahren in diesem Zusammenhang zu Besuch nach Konstanz gekommen.
Außer mit dem genannten Citation Award ist Gerold Adam unseres Wissens niemals mit einem Wissenschaftspreis ausgezeichnet worden, während Julian Gibbs und Edmund A. DiMarzio 1967 in Chicago gemeinsam den Preis für Hochpolymer-Physik der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft erhalten haben. Der Autor dieser Zeilen hat DiMarzio vor einigen Jahren (2014) angeschrieben und erfahren, daß DiMario es bedauert, Gerold Adam niemals persönlich begegnet zu sein.
Manfred Eigen - Sein Hinweis an das Nobelpreisträgerkomitee
Der Chemiker Manfred Eigen hatte 1967, ein Jahr vor Lars Onsager den Nobelpreis erhalten. Eigen berichtet darüber (12):
In meiner Nobelrede sagte ich den Satz: “I am ashamed to receive this price before Lars Onsager.” Lars Onsager war einer der großen theoretischen Chemiker unserer Zeit. Er hatte eine allgemeine Theorie irreversibler Vorgänge nahe am thermodynamischen Gleichgewicht erstellt. Die chemische Relaxationsspektrometrie, die experimentelle Methode, für die ich den Preis erhielt, basiert auf Gleichungen, die wir aus Onsagers linearen Ansätzen entwickeln konnten. Onsager, der ungefähr eine Generation älter war als ich, war klarer Kandidat für einen Nobelpreis, jedoch sein Werk war reine Theorie. Nach meinem Vortrag kam Arne Tiselius, ebenfalls ein Chemie Nobel-Laureat und zu jener Zeit Präsident der Nobel Foundation, zu mir und sagte: “If you mean what you said about Onsager, you have to write me a letter in which you state clearly that Onsager’s theory was important for the development of your experimental methods.” Ich habe diesen Brief geschrieben und Onsager bekam im darauf folgenden Jahr den Nobelpreis für Chemie.
Dieser Bericht ist noch einmal ein Hinweis darauf, daß das Bewußtsein von der wissenschaftliche Leistung von Lars Onsager auch innerhalb der Wissenschaft selbst nur bei wenigen vorhanden war. Auf diese Weise kann es immer wieder dazu kommen, daß bedeutende Wissenschaftler bei der Verleihung des Nobelpreises "vergessen" werden.
Übrigens kann gegen den Mythos, daß ein Theoretiker wie Onsager keinerlei praktische Fähigkeiten aufweisen würde, vieles angeführt werden. Es wird berichtet, daß Onsager ein begeisterter Gärtner war, daß er alle Reparaturen zu Hause selbst besorgte. Und von einer Physiker-Rundreise durch Japan anläßlich einer wissenschaftlichen Konferenz daselbst nach dem Zweiten Weltkrieg wird berichtet, daß der Reisebus von der Straße in einen Graben abgerutscht sei (14):
Die Fahrer, die örtlichen Bauern und die Physiker standen herum und brabbelten in allerhand Sprachen bis Onsager, einen Seufzer ausstoßend kraftvoll die Verantwortung übernahm. Er organisierte eine Arbeitsgruppe von örtlichen Bauern, die eine Behelfsbrücke über den Graben legen sollten, arrangierte ein System von Hebestangen und mit den Muskeln von zwanzig bis dreißig Physikern und Onsagers Ansage und Aufmunterung brachten wir den Bus - zu unserem Erstaunen - wieder zurück auf die Straße.Drivers, local farmers, and physicists stood around jabbering in several languages until Onsager, with a sigh, firmly took charge. He organised a work crew of local farmers to dismantle a log bridge over the ditch, arranged a system of levers, and with the muscle of 20 or 30 physicists and Onsagers’s direction and encouragement we, to our astonishment, put the bus back on the road.
Weitere Erinnerungen zum Onsager-Besuch in Konstanz
Ergänzung 15.2.2021: Nach Veröffentlichung dieses Beitrages erhalten wir noch ergänzende Angaben zu dem Onsager-Besuch in Konstanz im Jahr 1975 von Seiten der Ehefrau des damals einladenden Hochschullehrers. Auslöser, so schreibt sie, könnte ein wissenschaftlicher Aufsatz von 1971 gewesen sein (13), der - wie auf Google Scholar festgestellt werden kann - auffallender Weise bis heute nie zitiert worden ist, der also ansonsten heute offenbar nie die Aufmerksamkeit in der Wissenschaft auf sich gelenkt hat. Es wird jedenfalls geschrieben:
Es kann gut sein, daß Onsager selbst die Verbindung zu Gerold gesucht hat. Gerold hat auch eine Arbeit über das zweidimensionale Isingmodell veröffentlicht (1971: "Kinetik des zweidimensionalen Isingmodells in der Braggs-Williams-Näherung: Kleine Auslenkungen aus dem Gleichgewicht"). Onsager hielt einen Vortrag an der Uni, den vermutlich Gerold angeregt hat. Den Titel kenne ich nicht. Er wäre in denkbar schlechtem Englisch gewesen, meinte Gerold.
Nach dem Vortrag saß er in Gerolds Arbeitszimmer in der Uni und schwieg und Gerold machte ihm einen Tee und schwieg auch.
Wir hatten ihn auch bei uns zuhause zu Besuch. Er freute sich über die 4 kleinen weißen Stiefelpaare (der Kinder) vor unserer Haustüre. An ihn selbst kann ich mich kaum erinnern. Er muß schon 70 Jahre alt gewesen sein.
Im Gespräch ging es auch über Steine mit Keilschriften, die in Mittelamerika gefunden worden waren. Das bedeutete, daß Europäer schon dort gewesen sind. Er: man weiß es, aber es wird nicht darüber gesprochen, d.h. es wird verschwiegen. Den Wortlaut weiß ich nicht mehr genau.
Seine Frau stamme aus "Marburg an der Drau“, ich wußte, daß dies das heutige Maribor ist, unsere anderen Gäste, ein junges Wissenschaftlerpaar, jedoch nicht.
Er, ein Weinkenner, wußte auch, wie ein bestimmter Kärntner Wein 1936 (?) schmeckte. Auf die Frage Gerolds, was er von unseren französischen Rotweinen von 1933 und 1943 hielte: wenn wir je dran denken wollten, sie zu trinken, sollten wir nicht mehr allzu lange warten.
Es war in meiner Erinnerung ein sehr netter Abend gewesen.
Eingeleitet worden war die Zuschrift mit den Worten:
Deine Anfrage hat alte Erinnerungen wieder aufleben lassen. 1974 - Dez. 1976 wohnten wir in einem sehr kleinen Häuschen zur Miete in Konstanz/Wollmatingen, Mitte Dez. 76 zogen wir in unser eigenes Haus.
____________
- Onsager, Lars: Zur Frage des Ursprungs des Lebens,
Nobelpreisträger-Tagung in Lindau 1975,
https://www.mediatheque.lindau-nobel.org/videos/31467/once-upon-a-time-questions-on-the-origin-of-life-german-presentation-1975/meeting-1975.
- Raunen auf dem Gang. In: Der Spiegel, 45/1968, 04.11.1968, https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45935170.html.
- Hopmann, Rudolf: Formeln für die Chemie von morgen - Lars Onsager
entwickelte eine Mathematik für viele Vorgänge in der Natur, ZEIT Nr.
45/1968, 8. November 1968,
https://www.zeit.de/1968/45/formeln-fuer-die-chemie-von-morgen.
- Paul L.Butzera, Tom H.Koornwinderb: Josef Meixner: His life and his orthogonal polynomials. In: Indagationes Mathematicae, Volume 30, Issue 1, January 2019, Pages 250-264, https://doi.org/10.1016/j.indag.2018.09.009.
- F. Schlögl: Persönliches: Josef Meixner. In: Physik Journal. 50, 1994, S. 584–584, doi:10.1002/phbl.19940500619.
- Meixner, Josef: Chemie‐Nobelpreis 1968 für Lars Onsager. (Laudatio vom 23. Juli 1962 anläßlich der Ehrenpromotion von Prof. Onsager an der Rheinisch‐Westfälischen Technischen Hochschule Aachen), In: Physikalische Blätter, Februar 1969, https://doi.org/10.1002/phbl.19690250204.
- Leupold, Hermin: Wie erweist sich die Richtigkeit intuitiver Einsichten? Verifikationsprobleme bei wissenschaftlichen und philosophischen Problemen. In: „Die Deutsche Volkshochschule, Folge 61, Mai 1989, S. 1-13 [Zweiter Beitrag der Aufsatzreihe zum Rahmenthema: Die Evolution aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie]
- Onsager, Lars: Crystal Statistics. I. A Two-Dimensional Model with an Order-Disorder Transition. In: Phys. Rev. 65, 117 – Published 1 February 1944, https://journals.aps.org/pr/abstract/10.1103/PhysRev.65.117
- Longuet-Higgins, Hugh Christopher; Fisher, Michael Ellis: Lars Onsager, 27 November 1903 - 5 October 1976 - Obituary. Biographical memoirs. Published:01 November 1978, https://doi.org/10.1098/rsbm.1978.0014
- Bagchi, Biman: Lars Onsager (1903–1976). In: Resonance, Oktober 2018
- Adam, Gerold; Gibbs, Julian H.: On the Temperature Dependence of Cooperative Relaxation Properties in Glass‐Forming Liquids. In: J. Chem. Phys. 43, 139 (1965)
- Eigen, Manfred: Anmerkungen eines Preisträgers. In: Das Göttinger Nobelpreiswunder - 100 Jahre Nobelpreis - Vortragsband, hrsg. von Elmar Mittler und Fritz Paul, Göttingen 2004, S. 53ff
- Adam, Gerold: Kinetik des zweidimensionalen Ising-Modelles in der Bragg-Williams-Näherung: kleine Auslenkungen aus dem Gleichgewicht. In: Zeitschrift für Physikalische Chemie, Bd. 74, S. 78-80 (1971), doi:10.1524/zpch.1971.74.1_2.078, https://www.degruyter.com/document/doi/10.1524/zpch.1971.74.1_2.078/html
- Hauge, Eivind H.: Lars Onsager - The NTH student who became one of the greatest scientists of the 20th century. In: Energy 30 (2005), S. 787-793 (Academia)
Die Liebe, die Wissenschaft und Max Delbrück
Der Konstanzer Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer (geb. 1947) (Wiki) hat die bis heute ausführlichste und gelungenste Biographie über den deutsch-amerikanischen Biophysiker und Nobelpreisträger Max Delbrück (1906-1981) (Wiki) geschrieben. In der Erstauflage trug sie den Titel "Licht und Leben" (1). Bei dieser Biographie handelt es sich um ein hinreißendes Buch. Der Geist zweier Generationen von Wissenschaftlern, die im Leben von Max Delbrück eine Rolle gespielt haben - sowohl jener Generation, durch die Max Delbrück angeregt worden ist (Niels Bohr etwa) oder jene Generation, die von Max Delbrück angeregt worden ist - beides findet sich in diesem Buch wieder.
Der Öffentlichkeit ist Ernst Peter Fischer nach der Veröffentlichung dieser Biographie bis heute durch viele weitere Bücher und Vorträge bekannt geworden. Viele Vorträge und Interviews von ihm finden sich auch in Videoform im Internet. Ein Interview aus dem Jahr 2018 mag man nicht zuletzt auch deshalb als wichtig empfinden, weil darin - in den Minuten 14'35 bis 19'48 - davon die Rede ist, daß Max Delbrück als letzte Bemerkung vor seinem Tod an seinen Biografen noch die Frage gerichtet hatte (2):
Wie kannst du es wagen, mein Leben zu beschreiben, wenn du nichts über mein Sex-Leben weißt?
Im Anschluß an das Erzählen dieser Frage bringt Fischer gleich als Beispiel Werner Heisenberg, und daß ein Biograph bei Heisenberg genug zu tun hätte, dessen Wissenschaft zu beschreiben. Doch gerade auch der Fall Heisenberg könnte ebenso gut deutlich machen, wie sehr Max Delbrück mit seiner Bemerkung ins Schwarze getroffen hatte. Denn auch für Heisenberg war - wie wir heute wissen (3) - die erste große, unerfüllte Liebe in seinen Leben für viele Jahre ein sehr bedeutender Lebensinhalt. Er war ihm wichtiger als der Nobelpreis, den er in derselben Zeit erhalten hat. Heisenberg gab in dieser Zeit sogar zum Ausdruck, daß sein ganzes Leben scheitern könne, wenn er bezüglich dieser unerfüllten Liebe nicht zu einer gelungenen Lösung finden würde (3).
Mit wie viel Lebensernst Heisenberg über solche Fragen dachte, geht deutlich genug aus dem sich über viele Jahre hinweg erstreckenden Briefen an seine Eltern hervor (3). Deshalb wird diese Frage von Max Delbrück natürlich auch nicht "die Schnappsidee eines alten Mannes, der stirbt" sein - wie das Ernst Peter Fischer so unernst charakterisiert. Sondern es handelt sich ja schließlich um das menschlichste Thema, das es überhaupt gibt. Es handelt sich um jenes Thema, das uns Menschen erst zu Menschen macht.
Fischer hat nun aber tatsächlich "gewagt", seine Biographie über Max Delbrück zu schreiben, ohne auf dieses Thema Bezug zu nehmen, ohne auf dasselbe einzugehen (1). Und diese Biographie hat nun auch in der Tat aufregende Inhalte genug, als daß es der Behandlung dieses Themas noch zusätzlich bedurft hätte, um sie zu einer aufregenden zu machen. Allerdings hatte der Leser schon bei der ersten Lektüre derselben das Gefühl, daß er mehr wissen können sollte und daß er gerne mehr wissen würde über die Beziehungen von Max Delbrück zu jenen Frauen, die in seinem Leben eine Rolle gespielt haben.
Wenn man aber nun noch zusätzlich erfährt, daß Max Delbrück sogar in dieser Weise eine klare Anregung gegeben hatte, noch dazu kurz vor seinem Tod, so bedauert man es um so mehr, daß sich Fischer auf dieses "Wagnis" eingelassen hat. Die ersten Andeutungen allerdings, die Fischer dann gibt - hinsichtlich des fröhlichen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens in Cold Spring Harbour - sind dann viel zu ungenügend, um aus diesen irgendwelche Schlußfolgerungen ziehen zu können.
James Watson hat in Erinnerungen (4) und Büchern wie "Genes, Girls and Gamov" (5) - vielleicht auch in anderen wie etwa in "Avoid Boring People" - zu diesen Dingen ja ebenfalls schon Andeutungen gegeben, wertvolle Andeutungen. Letzteres ist dem flapsigen Titel des genannten Buches nicht unbedingt anzumerken.
Vom August 1965 bis Dezember 1966 war mein Onkel, der vormalige Konstanzer Biophysiker Gerold Adam (1933-1966) (Wiki), Mitarbeiter von Max Delbrück in Pasadena. Diese Zeit in Kalifornien hat ihn sehr maßgeblich geprägt. Bis zum Tod von Max Delbrück blieb Gerold mit Max in freundschaftlicher Verbindung und im regen Austausch von Briefen. Gerold hatte auch eine Professur erhalten an der - unter maßgeblicher Mithilfe von Max Delbrück gegründeten - Forschungsuniversität Konstanz.
"Du bist Ishi!" (1967)
Mit Hilfe des Briefwechsels zwischen Gerold und Max Delbrück sowie mit Hilfe dessen, was Gerold darüber zu Lebzeiten erzählt hat, können die von Ernst Peter Fischer angesprochenen Fragen noch eine zusätzliche Erläuterung und Veranschaulichung erhalten. Gerold hat erzählt, daß Manny und Max Delbrück während seines Aufenthaltes in Pasadena immer wieder versucht haben, ihn mit jungen Frauen zusammen zu bringen. Denn sie waren der Meinung, es würde ihm gut tun, verheiratet zu sein. Zu diesem Zweck wurden junge Frauen zu gemeinsamen Essen eingeladen. Gerold erzählte, daß Manny und Max Delbrück ihm zum Abschied die damals ganz neu erschienene Biographie über Ishi (Wiki), den berühmten, letzten frei lebenden Indianer Kaliforniens, geschenkt hätten, benannt "Ishi in two worlds" (6). Manny habe in diesem Zusammenhang zu Gerold gesagt: "Du bist Ishi!" Gerold hat auch wiederholt gerne von Ishi selbst erzählt. Ishi ist als letzter Überlebender seiners Stammes auf Angebote von jungen, weißen Frauen, mit ihm Kinder zu haben, nicht eingegangen. Gerolds Unterton war, daß er sich tatsächlich oft selbst als ein solcher "Letzter seines Stammes" fühlte und - wie die Aussage von Manny andeutet - auch von damaligen Freunden so wahrgenommen worden ist.
Gerold ist dann im Dezember 1966 von Pasadena aus - über Island - nach Marburg an seine Heimat-Universität zurück gekehrt (nach fünfjährigem Auslandsaufenthalt). Um die warmherzige Art zu charakterisieren, die Max dann zeitlebens gegenüber Gerold innehielt, sei hier zitiert, was Max gleich nach der Abreise an Gerold schrieb:
Prost Neujahr! Ich hoffe, daß du nicht auf Island stecken geblieben bist. Ich hatte noch versucht, Dich am Huntington Hotel zu treffen, um Dir Brecht's "Kalendergeschichten" als Reiselektüre mitzugeben. Leider kam ich erst in dem Augenblick an, als Dein Bus schon losfuhr. Zu viel Party letzte Nacht! Alles ist nun sehr ruhig in den Phyco- und Phage-Laboren. M.Der Abschied von Gerold war - wie man an diesen Worten erkennen kann - ausgiebig gefeiert worden. Man erhält hier Anregung, einmal in die Kalendergeschichten von Bertolt Brecht (Wiki) hinein zu schauen, die 1949 erschienen sind. Am 27. Januar 1967 beendete Max einen längeren Brief an Gerold mit den Worten:
Original: Prosit Neujahr! Hope you did not get stuck in Iceland. Tried to see you off at Huntington Hotel and give you Brecht's „Kalendergeschichten“ as Reiselektüre but got there just as your bus pulled out. Too much party in the night before! Now all very quiet in the Phyco and Phage labs. M.
Wir alle vermissen Dich. Vor allem ich. M.Auch der damals junge Biologe Martin Heisenberg (Sohn von Werner Heisenberg), der damals noch länger bei Max Delbrück blieb, stand kurzzeitig mit Gerold im Briefwechsel. Am 11. März 1967 schrieb Max in einem Brief an Gerold in Marburg etwa auch:
We all miss you. I especially. M.
Lieber Gerold, wie umständlich, einen langen Brief schreiben zu müssen, anstatt einfach runter in die Halle zu zuckeln, um dort die Dinge mit Dir durchzusprechen.Der Briefwechsel enthält dann natürlich viel "schwere Kost", nämlich wissenschaftliche Erörterungen im Bereich der theoretischen Biologie und auch Erörterungen darüber, wo Gerold seine wissenschaftliche Laufbahn weiter führen könne. Das kann andernorts noch einmal ausführlicher dokumentiert werden. Es sollen hier nur noch die Ausschnitte zitiert werden, die Bezug haben zu den von Ernst Peter Fischer in seinem Interview aufgeworfenen Fragen. Am 14. April 1967 schrieb Manny an Gerold:
Dear Gerold: What a nuisance it is to have to write a long letter to you rather than trotting down the hall and talking things over.
Lieber Gerry, (...) ich bin froh, daß Du "Ishi" bekommen hast und mit ebenso viel Sympathie für seine Persönlichkeit gelesen hast wie ich schon fest erwartet hatte.
Dear Gerry, (...) I am glad, you received and read "Ischi" with as much sympathy as I counted on you to feel for this personality.
Damit wird deutlich, daß über Ishi schon vor der Abreise von Gerold gesprochen worden war. Manny hatte Gerold das Buch nachgeschickt.
"Was macht dein Liebesleben?" (1968)
Ein Jahr später, am 26. Juni 1968, schrieb Manny aus dem vom Sommersturm umbrausten Cold Spring Harbor an Gerold einen vierseitigen Brief. Sie schildert lebhaft und bildhaft das fröhliche, wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Leben dort, das ja aus vielen Berichten über Max gut bekannt ist. Unter anderem schreibt sie:
Gestern Abend hatten wir eine Hummer-Wein-Party. Jim Watson und seine neue, junge Frau waren da und es sieht dem ersten Augenschein nach nach einer glücklichen Zukunft für sie aus. - Deshalb sagt Max, daß auch Du Mut fassen sollst, eines Tages wirst Du auch eine Begleiterin finden, was um so kostbarer sein wird, nachdem Du so lange ohne eine solche gelebt hast.Das sind so schöne, verständnisvolle Worte. Wer wünscht sich nicht solche Freunde? Und - tatsächlich! Nur wenige Wochen später sollte Gerold seine nachmalige Frau kennen lernen. Max wußte davon freilich noch nichts und schrieb am 27. Oktober 1969 an Gerold als handschriftlichen Zusatz zu einem Brief:
Last night we had a lobster wine party. Jim Watson and his new young wife were there and from first appearances it looks like a happy future for them - so Max says, you should take heart for one day you too will find a compagnion, the more precious for having gone long without.
Was macht Dein Liebesleben? Martin hat Dich überholt.
What about your love life? Martin got ahead of you.
Damit wird Martin Heisenberg gemeint sein. Es ist dies die Zeit, in der Max Delbrück den Nobelpreis erhalten hat. Von da an war er von viel Rummel umgeben. Und es ist dies die Zeit, in der Gerold eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Konstanz erhalten hat.
Hochzeit (1969)
Gerold heiratete am 6. Dezember 1969 in Salzburg. Ob er oder Martin Heisenberg nun schneller waren, wäre womöglich noch einmal zu klären. Als Hochzeitsreise fuhr das junge Paar mit dem Auto durch die Pyrenäen nach Spanien. Manny schrieb am 21. Januar 1970 mit sehr viel Anteilnahme:
Eure Heiratsanzeige und den Bericht von Eurer wunderschönen Reise durch Spanien haben wir erhalten noch bevor wir Euch hatten gratulieren können! Natürlich hofften wir, Euch rund um den Hochzeitstermin herum zu sehen, irgendwann vor unserem nächsten Besuch in Konstanz, wo wir dann hoffen, Deine Frau kennenzulernen. Ich fragte Patty Reau (?) (die jetzt wieder zurück in Pasadena ist und in Max's Labor an ihrem eigenen Phyco-Projekt arbeitet). Sie sagte aber, daß Deine Frau bei ihr in Konstanz niemals aufgetaucht sei.
We have your wedding announcement and the description of your beautiful trip through Spain already came before we got around the congratulations! Of course, we expected you to see around to the wedding sometime before our next visit to Konstanz when we'll look forward meeting your wife. I questioned Patty Reau (?) (who is now back in Pasadena, installed in Max's lab with her own phyco project) but she replied that your wife never did show up in Konstanz to her.
Seid glücklich miteinander! Eure Manny und Max.
Be happy together! Yours Manny and Max.
Was für eine herzliche Anteilnahme. So viel an dieser Stelle als Ergänzung zu den Andeutungen von Ernst Peter Fischer, ebenso als eine Ergänzung natürlich zu den wissenschaftlichen Biographien von Gerold und Max Delbrück.
Übrigens kommt uns, nachdem wir diesen Beitrag einmal wieder nach längerem zeitlichen Abstand durchsehen die Erinnerung an Andeutungen Gerolds dahingehend, daß es von Seiten des weiblichen Teils der Mitarbeiterschaft an der Universität in Konstanz sehr wohl gelegentlich Versuche gab, das ausschließliche Band Gerolds zu seiner Frau als doch nicht so ausschließlich zu erachten. Ohne Erfolg.
/ Ergänzung 11.3.25 / Gerold gelang es aber noch in seinen späten Lebensjahren spielend, junge Frauen für sich einzunehmen. Der Verfasser dieser Zeilen weiß, wovon er redet. Seine eigene damalige Partnerin war von Gerold zeitweise mehr eingenommen als von ihm selbst. Was zeitweise sehr viel Unfrieden zwischen den Verfasser dieser Zeilen und sie brachte.
Dummheiten (1980)
Es soll an dieser Stelle noch auf ein weiteres Interview hingewiesen werden, das in den letzten Jahren zugänglich geworden ist (7). Es handelt such um ein im Jahr 1980 mit Max Delbrück geführtes Gespräch. Das war ein Jahr vor seinem Tod. Max ist deshalb in diesem schon sehr alt. Er antwortet in demselben deshalb vielleicht auch etwas zögerlicher als er das in jüngeren Jahren getan haben wird. Insbesondere anfangs scheint er nach den Worten seiner deutschen Muttersprache zu suchen, die er ja in den USA nicht mehr täglich benutzte.
Aber immer einmal wieder bricht auch in diesem Gespräch sein famoser Humor durch, eine famose, mehr nach innen gekehrte Heiterkeit. Es wird auch deutlich, wie überlegt, wie ernst im Überdenken Max sein konnte, um wie viel Genauigkeit er auch in einzelnen Einschätzungen bemüht war. Als er nach einer etwaigen "preußischen Disziplin" in seinem Elternhaus gefragt wird, verneint er diese zunächst, korrigiert sich dann aber noch einmal: Es wäre vielleicht eine gemäßigte gewesen. Es ist sehr schön zu erleben, wenn ein Mensch so genau ist.
Spürbar ist auch, wie vieles er unausgesprochen läßt, wie vieles er noch außerdem sagen könnte.
Kennzeichnend für ihn ist, daß er mehrmals über Dummheiten redet, die dann erstaunliche Wirkungen zeigten. Die Dummheiten in den Vermutungen von Niels Bohr über Biologie führten dazu, daß er, Delbrück, sich der Biologie zugewandt hat. Sie hatten also eine positive Wirkung. Zuvor hatte seine eigene Dummheit dazu geführt - und auch die von Bohr und anderen - daß die Atomkernspaltung erst im Jahr 1937 entdeckt worden ist und nicht schon drei oder fünf Jahre früher. Ganz richtig sagt Delbrück - aber auch mit jenem überlegenem Abstand, der sich selbst nicht gar so wichtig nimmt, daß sich ohne seine damalige Dummheit die Weltgeschichte doch beträchtlich anders hätte entwickeln können. Er sagt das mit einem so feinen Humor, mit einer so famosen, sanften Heiterkeit.
Vaterfiguren und prägungsähnliches Lernen
Nur allzu offensichtlich ist, daß Gerold einen Menschen wie Max sehr lieben und verehren mußte. Das geht aus mancher Stelle der Briefe zwischen ihnen hervor. Gerold beklagt einmal, daß er in Konstanz niemanden hätte, mit dem er sich so gut unterhalten könne wie mit ihm. Max hatte aber einen außerordentlich großen Freundeskreis. Er kam vielen Aufgaben nach im internationalen Wissenschaftsleben aufgrund seiner großen Bekanntheit. Deutlich ist, daß er für Gerold später nicht mehr so viel Zeit hatte wie Gerold es sich gerne gewünscht hätte.
Mit einem solchen Interview jedoch (7) merkt man, was für eine Gunst des Schicksals - und natürlich auch eigenen Verdienstes - es war, im Leben auf einen solchen Freund wie Max getroffen zu sein. Solche Menschen hat es - vermutlich - schon zu Lebzeiten von Gerold
nur noch selten gegeben. Als ich die Biographie "Licht und Leben" einige Jahre nach Gerolds Tod das erste mal las (auf die mich Gerold zu seinen Lebzeiten nie hingewiesen hatte), ging mir erst auf, wieviel an der Art von Gerold auf sein vormaliges Zusammensein mit Max Delbrück zurück zu führen sein könnte. Gerold konnte auch ebenso famos heiter sein wie Max. Und er konnte ähnlich begeisterungsfähig sein wie Max.
Womöglich kann von einer Art prägungsähnlichem Lernen gesprochen werden, das sogar noch an mich - wenigstens ansatzweise - weiter gegeben worden ist, der ich von Gerold sicherlich ebenso stark beeindruckt war, wie Gerold zuvor von Max. Deshalb ist es für den Autor dieser Zeilen auch immer wieder so bewegend, sich mit all diesen Dingen zu beschäftigen. Durch die Person Gerolds hindurch ist er "genötigt" einen Menschen wie Max zu lieben. Womöglich hat Gerold eine bestimmte Art zu sprechen von Max übernommen, eine bestimmte Art zu überlegen, ja, womöglich auch eine bestimmte Art zu lachen. Was für eine glänzende Zeit muß das damals in Pasadena gewesen sein.
Gerold hat noch manches mehr davon erzählt, als jetzt hier wieder gegeben werden soll. Etwa von Ausflügen in die Sierra Nevada. Gerold hat sogar einmal einen Dia-Vortrag darüber gehalten.
Auch hat man das Gefühl, daß Delbrück in dem obigen Interview oft darum bemüht ist, seinen Humor nicht zu sehr durchbrechen zu lassen. Denn er wird da ja doch von einem so durch und durch steifen, trockenen Gesprächspartner interviewt. Der ist ja auch wirklich schon überraschend trocken. Und das konnte eigentlich schon ein Unterhaltungswert für sich sein für Max. Dieser Gesprächspartner ist ja fast eine lebende Karikatur. Aber das durfte Delbrück natürlich nicht zum Ausdruck bringen. Dennoch fragt man sich beim Ansehen ständig - und Delbrück wollte scheinbar diesen Eindruck auch nicht völlig verwischen: Sollten zwei so unterschiedliche Menschen wie diese beiden einander wirklich etwas zu sagen haben?
Interessant auch, wie Delbrück in dem Interview die Zeit in der Atomphysik in Göttingen nach 1925 charakterisiert. Wenn man es recht versteht, hat womöglich Max Delbrück vieles von seiner persönlichen Art wiederum übernommen von seiner eigenen Vaterfigur, als die er ja in diesem Interview so klar und deutlich Niels Bohr charakterisiert.
Was für eine Zeit, was für ein Leben. All diesen Reichtum hat Gerold ohne Zweifel an all jene weiter gegeben, die ihn enger persönlich kennen lernen konnten. Es wäre zu wünschen, daß wir alle uns diesem Reichtum ausreichend würdig gegenüber verhalten würden und uns nicht in Schmach und Schande einem leerlaufenden Mühlrad eines geistlosen, gänzlich unbeschwingten Zeitalters ausliefern würden - so wie diesem heute Milliarden von Menschen ausgeliefert sind.
- Fischer, Peter: Licht und Leben. Ein Bericht über Max Delbrück, den Wegbereiter der Molekularbiologie. Universitätsverlag, Konstanz 1985 [Konstanzer Bibliothek, Bd. 2] (= Das Atom der Biologen. Max Delbrück und der Ursprung der Molekulargenetik. Piper-Verlag, München 1988)
- Helmut Fink: Fischer • Podcast-Gespräch • Verzauberung oder Entzauberung? Kortizes, 19.12.2018, https://youtu.be/hs9nwJuPpEs
- Bading, Ingo: Werner Heisenberg - Seine erste große unerfüllte Liebe, 10. Januar 2019, https://fuerkultur.blogspot.com/2019/01/werner-heisenberg-und-seine-liebe-zu.html
- Watson, J. D.: Growing Up in the Phage Group. In: Cairns, J.; Stent, G.S.; Watson, J.D. (eds.): Phage and the Origins of Molecular Biology. New York 1966; Expanded Edition. Cold Spring Harbor Laboratory Press 1992, S. 239-245 (Deutsch: Phagen und die Entwicklung der Molekularbiologie. Festschrift für Max Delbrück zum 60. Geburtstag. Berlin (Ost) 1972)
- Watson, James D.: Gene, Girls und Gamow. (After the Double Helix, engl. 2001) Piper-Verlag, München 2003
- Kroeber, Theodora: Ishi in two worlds. A biography of the last wild Indian in North America. 1961, viele Folgeauflagen; deutsch: Der Mann, der aus der Steinzeit kam (1967)
- Zeugen des Jahrhunderts. Max Delbrück im Gespräch mit Peter von Zahn. 1980, https://youtu.be/ynobDNSnMKc
- Bading, Ingo: http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/11/die-pipette-ist-meine-klarinette.html
- Detlev Ganten über Max Delbrück. Videokanal des Max Delbrück Centrum, 24.03.2016, https://youtu.be/ZdAYHrOJ7aQ
- Göldenboog, Christian: Das Loch im Walfisch. Die Philosophie der Biologie. Klett-Cotta, Stuttgart 2003 (Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
Studiengruppe Naturalismus
Fritz Vater (1896-1969)
Seine historischen, völkischen Romane und Novellen
Der Schriftsteller Fritz Vater (1896-1969) wurde 1896 in Wiesbaden geboren (DNB). Er hat als junger Mann als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Lehrer. In der Zwischenkriegszeit wurde er auch Mitglied des "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes", sowie des "Jungdeutschen Ordens".
Anläßlich seiner Totenfeier wurde über Fritz Vater ausgeführt (1):
Nachdem er als Lehrer in seinem Beruf Fuß gefaßt hatte, hatte er 1921 mit Gertrud Würker die Ehe geschlossen. Seine Frau war vordem selbst Lehrerin gewesen. Der Ehe entwuchsen drei Kinder, ein Sohn und zwei Töchter.Fritz Vater ist dann 1933 der NSDAP beigetreten und übernahm ab 1937 Schulungsaufträge im Rahmen der Hitlerjugend (1):
Als ihm 1937 die Möglichkeit geboten wurde, nach Frankfurt zu übersiedeln, ergriff er sie und übernahm dort auch eine Aufgabe, die ihm von seiten der Hitlerjugendführung angeboten wurde: ein Referat für Vorgeschichte innerhalb der Bannführung. "Die Aufgabe (...) schloß gleichzeitig die Möglichkeit in sich, mit führenden Männern der Museen und der praktischen Forschung Fühlung zu gewinnen und so meine eigenen Kenntnisse zu erweitern." Wegen dieser Tätigkeit und seiner (...) Mitgliedschaft bei der NSDAP entfernte man ihn 1945 aus dem Schuldienst. (...)
Schon unter dem Eindruck seiner Enttäuschungen über das nationalsozialistische Geschichtsbild, das ab 1933 plötzlich den Franken Karl zum Heros erhob, hatte Fritz Vater in den Jahren 1935 bis 1937 ein Werk über Karls Gegner Widukind verfaßt, eine "Saga vom Heldenkampf der Niedersachsen", das 1938 erschien. 1939/40 beendete er die Arbeit an "Herr Heinrich - Die Saga vom ersten Deutschen Reich". (...) Sein Referat in der HJ hatte ihn auch mit Prof. Bernhard Kummer in Verbindung gebracht, dessen Forschungen ihn in seinen Auffassungen bestärkten. Um so freudiger wandte er sich in der Zeit der erzwungenen Muße nach dem Zweiten Weltkrieg der Anregung Bernhard Kummers zu, die Sagaüberlieferung des Nordens über Siegfried mit den Berichten der römischen Geschichtsschreiber über Arminius zu verbinden und über Sigfried-Armin eine gleiche Saga zu schreiben wie über Weking-Widukind und Heinrich I.. Diese "Saga von Germaniens Befreiung" erschien 1953 im Verlag Hohe Warte. (...)
In den nun folgenden Jahren trat Fritz Vater in immer engere Verbindung zur Ludendorff-Bewegung und zum Verlag Hohe Warte. (...) Schließlich entsprach er der Bitte, Vorträge aus dem Gebiete seines großen Wissens zu halten und an Geschichtstagungen mitzuwirken. Die jungen Leute, die daran teilnahmen, und auch die Älteren, waren hingerissen und begeistert. So waren die nächsten Jahre ausgefüllt mit vielen Vortragsreisen und Tagungen. (...)
So verbrachte er noch vier Jahre als Lehrer an der Schule in Frankenberg, bis er sich vorzeitig pensionieren lassen konnte. Frische Kräfte erfüllten ihn, getreu einem Wort aus seinem "Herr Heinrich": "Es ist erst früh am Tage und die Sonne geht noch lange nicht unter."
Die historischen Romane und Novellen von Fritz Vater erfuhren auch innerhalb der Ludendorff-Bewegung und von Seiten Mathilde Ludendorffs selbst große Wertschätzung. Irgendwo erwähnt sie in ihren Briefen wohl, daß sie abendlich aus den Werken von Fritz Vater vorgelesen hat in ihrer kleinen Hausgemeinschaft mit ihrer Schwester Frieda Stahl und der Haushälterin Kruse.
Uns ist bislang nur eine Fotografie von Fritz Vater bekannt geworden (s. Abb. 1). Sie entstand auf einer Ostertagung der Ludendorff-Bewegung, die durch den Verlag Hohe Warte organisiert worden ist. Sie fand statt in Hasselborn (Wiki). Hasselborn liegt 20 Kilometer südlich von Wetzlar einsam inmitten der Wälder des Hintertaunus. Vielleicht war die Örtlichkeit von Fritz Vater ausgewählt und vorgeschlagen worden, der ja längere Zeit in Frankfurt am Main gelebt hatte.
In seinen letzten Lebensjahren entstanden auch noch die Novellenbände "Das Volk" und "Das Reich". Durch den Lehrer und Historiker Fritz Köhncke (1934-2023) sind noch in den 1980er und 1990er Jahren Lesungen aus diesen Novellenbänden zu echten Feierstunden geworden. Etwa die Lesung der Novelle über ein denkbares Gespräch zwischen der Gotenkönigin Amalaswintha und dem Gotenkönig Wittich. Wir erfahren außerdem (1):
Diesen beiden Bänden sollte noch der Band "Der Genius" folgen, in welchem Fritz Vater die entscheidenden Ereignisse im geistig-kulturellen Bereich in historischen Novellen gestalten wollte. Über diesem Vorhaben, das ihn bis zuletzt lebhaft beschäftigte, ist er gestorben.
Aus dem Nachlaß wurden in den Folgejahren noch einige Schriften und Aufsätze veröffentlicht, darunter der Aufsatz "Können wir das Tragische in der Geschichte unseres Volkes überwinden?", der Vortrag "Friedrich Schiller als Staatsmann", die Schrift "Hauptprobleme des Bismarck-Reiches (1871-1918)", sowie eine Besprechung des zweibändigen Werkes von Adolf Helbok "Deutsche Volksgeschichte" unter dem Titel "Der Weg des deutschen Volkes und die geschichtliche Wahrheit", sowie der Vortrag "Die Kulturkrisen der zwanziger und dreißiger Jahre" (mehr dazu siehe Literaturverzeichnis).
Zum Nachlaß Fritz Vaters
Wie schon vor Jahren zu erfahren war, lebte Fritz Vater gegen Ende seines Lebens im Zwist mit seiner Ehefrau. Er war auch krank. Deshalb lebte er bei Gunther Duda (1926-2010) in Dachau, dem nachmaligen langjährigen Vorsitzenden des "Bundes für Gotterkenntnis". Auf diese Weise ist der Nachlaß von Fritz Vater 1969 in den Besitz von Gunther Duda gelangt. Er befand sich zumindest vor zwölf Jahren noch im Besitz der Erben von Gunther Duda.
In diesem Nachlaß befanden sich auch unvollendete Buchmanuskripte. Obwohl nun diese Erben diesen Nachlaß von Gunther Duda vor zwölf Jahren gerne an das Ludendorff-Archiv in Tutzing abgegeben hätten, sah der Verein Ludendorff-Gedenkstätte es nicht als seine Aufgabe an, sich um solche Nachlässe zu kümmern. Wie weiterhin vor zwölf Jahren zu erfahren war, war zwischenzeitlich auch ein Teil des Nachlasses von Fritz Vater durch Wasserschaden vernichtet worden.
Warum Gunther Duda und seine Erben den Nachlaß von Fritz Vater seit 1969 der Auswertung insgesamt nicht breiter zugänglich gemacht haben, ist nicht nachvollziehbar. Kamen sie damit einem Wunsch von Fritz Vater nach? Jedenfalls ist der unwiderbringliche Verlust solcher unausgewerteten Nachlässe unverzeihlich.
1971 schrieb Duda einen Gedenkartikel auf Fritz Vater. Und offenbar aus dem Nachlaß veröffentlichte Gunther Duda noch 1974 eine Buchbesprechung von Fritz Vater in der Zeitschrift "Mensch & Maß".
/ Entwurf: 26.9.2013 /
________________________________- Köhncke, Fritz; v. Bebenburg, Franz: Worte zur Totenfeier für Fritz Vater (1896-1969) In: Mensch und Maß, Folge 22, 23.11.1969, S. 1040-1052
- Vater, Fritz; Wehmeyer, Wolfgang (Musik): Parzivals Heimkehr. Ein tragisches Spiel in einem Aufzug. Eduard Bloch Verlag Berlin o.J. (Nachwort von Fritz Vater: Biedenkopf 1927) [Norddeutsche Laienspiele, hrsg. v. Erich Scharff, Heft 5]
- Vater, Fritz: Balzar von Flammersfeld : Heimatsp. in 5 Aufz. nach d. Roman von Dr. C. Spielmann. Bearb.. Kaesberger, Westerburg 1933 (88 S.) /vorhanden?/
- Vater, Fritz: Weking. Die Saga vom Heldenkampf um Niedersachsen. Verlag Franz Eher Nachf., Berlin 1938 (3. Aufl., 16. - 30. Taus.), 1944 (6. Aufl., 46. - 55. Tsd.); Verlag Hohe Warte, Pähl 1954
- Vater, Fritz: Herr Heinrich. Die Saga vom ersten Deutschen Reich. Verlag Franz Eher Nachf., Berlin 1941, 1942 (11. - 20. Tsd.), 1943 (21. - 30. Tsd.) (524 S.) /vorhanden?/; mit zahlr. Federzeichnungen von Hans-Günther Strick. Verlag Hohe Warte, Pähl 1955, 1963
- Vater, Fritz: Sigfried. Die Saga von Germaniens Befreiung. Verlag Hohe Warte, Pähl 1953, 1961, 1963
- Vater, Fritz: Die Zerstörung der Irminsul. Eine Studie zum Feldzug des Jahres 772. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954 (31 S.)
- Vater, Fritz: Das Reich. Geschichtliche Novellen aus zwei Jahrtausenden. Franz von Bebenburg, Pähl 1961, 1963 (209 S.)
- Vater, Fritz: Das Volk - der geschichtlichen Novellen - Novellen aus zwei Jahrtausenden. Zweiter Band. Franz von Bebenburg, Pähl 1964
- Engelhardt, Eberhard: Beweisanträge vom 25. Januar 1965. In: Der Rechtsstreit. Dokumente der Gegenwart XIV, verlegt bei Franz von Bebenburg, Pähl 1965
- Seifert, Gerhard: Nachruf für den Saga-Erzähler Fritz Vater. In: Deutsche Wochenschau, 2. 1. 1970, nachgedruckt in MuM 9.3.1970, S. 233f
- Vater, Fritz: Können wir das Tragische in der Geschichte unseres Volkes überwinden? (aus dem Nachlaß hrsg. von Fritz Köhncke). Franz von Bebenburg, Pähl 1970 (64 S.)
- Freymark, Gertraude: Fritz Vater: Können wir das Tragische in der Geschichte unseres Volkes überwinden? In: Mensch & Maß, Folge 10, 23.5.1971, S. 456 - 462
- Vater, Fritz: Friedrich Schiller als Staatsmann. Vortrag gehalten Ostern 1960 auf der Geschichtstagung des Verlages Hohe Warte in Österreich. In: MuM, Folge 15, 9.8.1971, S. 677-697
- Duda, Gunther: Ein Leben für sein Volk. Fritz Vater zum 75. Geburtstag. In: Mensch und Maß, Folge 24, 23. 12. 1971, S. 1110–1117
- Vater, Fritz: Hauptprobleme des Bismarck-Reiches (1871-1918). Verlag Hohe Warte, Pähl 1972 (64 S.)
- Vater, Fritz: Der Weg des deutschen Volkes und die geschichtliche Wahrheit. Gedanken zu einem notwendigen und mutigen Buch. In: Mensch & Maß, Folge 5, 9.3.1974, S. 197-206 [zu Adolf Helbok "Deutsche Volksgeschichte", 2 Bände]
- Vater, Fritz: Die Kulturkrisen der zwanziger und dreißiger Jahre. Vortrag aus dem Jahre 1965. In: Mensch & Maß, Folge 9, 9.5.1974, S. 385-399
- Traueranzeige für Fritz Köhncke 1934-2023. Flensburger Tagblatt 21.1.2023 (FlsTgbl)
Jean-Paul Laurens (1838-1921) - Maler und Ankläger
Der französische Maler Jean-Paul Laurens (1838-1921) (Wiki, Meisterdr, Artvee) war ein glühender Anhänger der französischen Republik. Er steht als solcher der düsteren Zelotenmacht der katholischen Kirche mit voller Anklage gegenüber. Seine Werke sind entstanden aus flammender Empörung gegen die viele hundert Jahre andauernden Geistesknechtung durch die katholische Kirche. Laurens kann vielleicht dem deutschen Historiker Johannes Scherr (1817-1886) (Wiki) an die Seite gestellt werden, der - ebenfalls glühender Republikaner - in seinen historischen Darstellungen die Willkürherrschaft der katholischen Kirche und die christliche Bigotterie, wie sie sich in so vielen Formen durch die Jahrhunderte hindurch geltend gemacht hat, grell heraus stellt, geißelt und in Erinnerung hält.
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| Abb. 1: Satan und der Engel der Freiheit, 1888 |
Beider Werke wecken Entsetzen und Abscheu gegenüber den Verbrechen der katholischen Kirche.
Wie Laurens die Welt insgesamt gesehen hat, wird in der Zeichnung aus Abbildung 1 deutlich: Die Freiheit steht in schwerem Ringen mit den satanischen Kräften der Weltgeschichte. Aus dem Gesicht der Freiheit spricht keineswegs Triumph. Es spricht aus ihrem Gesicht: Erschöpfung und tiefes Leid. Nicht anders war auch der Blick des Ehepaares Ludendorff auf das Geschehen der Vergangenheit und Gegenwart. Zumindest Laurens und das Ehepaar Ludendorff haben früh erkannt, sie sehr der sogenannte "Fortschrittsoptimismus" von "Revolutionären" und "Republikanern" zugleich von dunklen Mächten gefährdet und infrage gestellt ist!
Eine ähnliche Sicht auf die Welt findet sich in der Zeichnung "Der Erzengel Michael und Mephistopheles" (Abbildung 12). Mephistopheles argumentiert vor dem Erzengel leichtfüßig und "diabolisch", so möchte man meinen. Der Erzengel Michael hört erschöpft, skeptisch, nachdenklich und ungläubig zu.Er ist bereit, sofort wieder das Schwert zu erheben - in Abwehr. Aber er tut es ungern und letztlich schon erschöpft von all dem von Mephistopheles vorgetragenen Wahn und der vorgetragenen Verwirrung.
All das geschieht zu Füßen Gottes.
Um die Kunstwerke von Jean-Paul Laurens zu verstehen, ist aber fast immer eine historische Erläuterung notwendig. Sonst sieht man sie eher verständnislos an.*)
Ein Zeugnis dafür, wie sehr Laurens glühender Republikaner war, ist sein Gemälde "Der österreichische Generalstab besucht das Sterbebett des französischen revolutionären Generals François Séverin Marceau-Desgraviers 1796". Marceau hatte beim Kampf gegen den Aufstand in der Vendée mitgekämpft. Er war hierbei rasch in der militärischen Hierarchie aufgestiegen. Über den 27-jährigen General Marceau lesen wir (Wiki):
Welcher Respekt Marceau auch von seinen Gegnern entgegengebracht wurde, zeigen ihre außergewöhnliche Anteilnahme an seinem Tod und ihre Ehrenbekundungen bei seiner Bestattung in Koblenz am 25. September, die von den Franzosen aufmerksam gewürdigt wurden.
Laurens greift diese Respektbezeugung in seinem Kunstwerk heraus. Es wird durch diese Themenwahl seine heilige Begeisterung für die Sache der Revolution und der Republik, sowie ihrer Verteidiger deutlich. Laurens bekundet mit diesem Werk sich selbst als ein entschieden politischer Maler und Künstler.
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| Abb. 2: Die Einsamkeit eines mittelalterlichen Herrschers nach seiner Exkommunikation durch die Kirche ("Exkommunikation von Robert dem Frommen", 1875) |
Immer wieder sucht sich Laurens als eines seiner Hauptthemen das erschütternde Aufeinandertreffen von "geistiger" und weltlicher Macht in der Geschichte heraus. Er wählt immer wieder Szenen, in denen religiöse Zeloten auf weltliche Herrschaft treffen, Szenen, in denen die weltliche Macht in schwerster Weise angegriffen wird, infrage gestellt wird, gedemütigt wird.
Seine Gemälde fordern zu flammender Empörung gegenüber einem solchen Geschehen auf.
Indem wir uns diese Dinge vor Augen führen, kommt in uns die Frage auf, wie ein so ruhiger Maler idyllischer Tierdarstellungen wie Hermann Eißfeldt (1875-1929) (WikiCom) dazu kommt - wohl um 1900 herum - in die Lehre zu gehen bei einem politisch so engagierten Historienmaler in Paris wie Jean-Paul Laurens (Stgr2025).
Wir wissen es vorerst nicht, werden aber aufgrund der Kenntnisnahme dieses Umstandes dazu veranlaßt, uns mit dem Werk von Jean-Paul Laurens ausführlicher zu beschäftigen. Da sich die Wahl der Themen der Hauptwerke von Jean-Paul Laurens vom Tenor und von ihrer Ausrichtung her vollständig deckt mit der Kirchenkritik der Ludendorff-Bewegung des 20. Jahrhunderts, paßt ein Beitrag über Jean-Paul Laurens inhaltlich sehr gut auf diesen Blog.
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| Abb. 3: Jean-Paul Laurens, fotografiert von Paul Nadar |
In einem seiner ersten betont kirchenkritischen Gemälde aus dem Jahr 1875 sehen wir dargestellt die Einsamkeit eines Herrschers nach seiner Exkommunikation durch die Kirche (s. Abb. 2).
Das Gemälde stellt König Robert II. den Frommen (972-1031) (Wiki) dar. Dieser wurde von Papst Gregor V. exkommuniziert, weil er eine Ehe eingegangen war, die kirchlich als unrechtmäßig galt (Wiki):
Roberts zweite Ehe führte zu Komplikationen mit dem Klerus, denn er stand als Cousin zweiten Grades in zu naher Verwandtschaft zu Bertha. Ihre gemeinsamen Urgroßeltern waren König Heinrich I. (der Vogler) und Mathilde von Sachsen.
Diesem Robert erging es also ähnlich wie zahlreichen anderen mittelalterlichen Königen. Laurens zeigt den König in seinem Gemälde vereinsamt, isoliert. Finstere Kleriker verlassen seinen Königspalast und Königsthron, nachdem sie ihm gegenüber die Exkommunikation ausgesprochen haben. Um den König legt sich Einsamkeit, dargestellt durch den weiten, leeren Raum des Palastes, der ihn umgibt. Die Szene ist ein Sinnbild für die Zeloten-Macht der katholischen Kirche, die Königen den Nacken beugt.
Das Bild löst Entsetzen aus beim Betrachter.
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| Abb. 4: Ein Zelot eifert gegen die mächtige Kaiserin von Byzanz ("Die Kaiserin Eudoxia", 1883) - Musée des Augustins, Toulouse |
Als Deutscher fühlt man sich bei den Gemälden von Jean-Paul Laurens immer wieder an den Investiturstreit der deutschen Kaiser erinnert, insbesondere an den "Bußgang nach Canossa" des deutschen Kaisers Heinrich IV.. Aber auch an so viele andere, vergleichbare Geschehnisse. Wir fühlen uns natürlich auch erinnert an den flammenden Protest des Martin Luther gegen diese Geistesknechtung durch die katholische Kirche. Aber Laurens wählt nun vorwiegend Geschehnisse, die insbesondere für Deutsche viel weniger bekannt sind, die aus der französischen oder englischen Geschichte stammen oder die noch weiter zurück liegen.
Ähnliche Gefühle löst er aus mit seinem Gemälde "Die Kaiserin Eudoxia". Das Gemälde stammt von 1883 (Abb. 4). Es behandelt ein Geschehen aus der Geschichte von Byzanz.
Kaiserin Aelia Eudoxia (gest. 404) ist die Gemahlin des oströmischen Kaisers Arkadios. Sie gerät in den schwersten Konflikt mit dem Patriarchen Johannes Chrysostomos. Dieser kritisiert ihre Hofverschwendung und ihren Einfluß. 403 läßt sie den Patriarchen durch ein Konzil absetzen. Sie läßt ihn verbannen. Aber in der geschichtlichen Erinnerung behält die Kirche den Sieg: Denn kurz darauf stirbt sie. Laurens will mit seinem Gemälde sagen: Sie ist am Haß eines Zeloten zugrunde gegangen. Dieser Haß hat noch aus der Verbannung und aus der Ferne weiter wirkt.
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| Abb. 5: Ein Mönch vor dem Inquisitionstribunal ("Bernard Délicieux vor dem Inquisitionstribunal") |
In der kirchlichen Überlieferung wurde das Schicksal dieser Kaiserin als Beispiel für Hochmut und Vergänglichkeit weltlicher Macht angeführt. Laurens stellt einerseits die Pracht weltlicher Herrschaft dar, andererseits die Düsternis und Bedrohung durch einen religiösen Fanatiker und seinen Anhang. Das Gemälde löst Entsetzen aus.
Auch die Aussage des Gemäldes in Abbildung 5 benötigt Erläuterung: Bernard Délicieux (um 1260-1320) (Wiki) war ein Franziskaner in Carcassonne und im Langeudoc. Er hat Verurteilungen durch die Inquisition infrage gestellt, da sie auf erfundenen Informantenberichten beruhen würden. Er wandte sich an den König, um die Auflösung der Inquisition zu fordern.
Schließlich wurde er aber umgekehrt unter Papst Johannes XXII. selbst vor das Inquisitionstribunal gestellt. Er wurde angeklagt der Aufwiegelung und der Ketzerei. Auf dem Gemälde steht er barfüßig, seine Hände sind am Rücken gebunden. Das Seil, das an der Decke befestigt ist, ist Teil einer Foltermaschinerie, mit der gedroht wird.
Laurens zeigt Bernard Délicieux menschlich, in Einsamkeit, doch ruhig und aufrecht. Er steht vor den finsteren Richtern der Inquisition.
1319/20 ist er zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt worden. In dieser ist er kurz darauf gestorben, wohl aufgrund der vorausgehenden Folterungen.
Délicieux ist das Symbol fast machtlosen, ohnmächtigen Widerstands gegen die Willkürherrschaft der Kirche. Der Betrachter ruft in seinem Innern: Nie wieder. So etwas darf nie wieder Wirklichkeit sein. Der Betrachter ist flammend empört über so viel Unrecht und verwegene Bosheit von Seiten der Kirche.
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| Abb. 6: Ein Mönch gegenüber geistigen Würdenträgern - ("Der Agitator des Langeudoc") |
Im Gemälde in Abbildung 6 ist erneut dargestellt ein Mönch des Languedoc während des frühen 14. Jahrhunderts. Er stellt sich gegen die Willkür der Inquisition. Vielleicht ist hier ein weiteres mal Bernard Délicieux dargestellt, der in Carcassonne und Albi gegen die Dominikaner-Inquisition auftrat. Er ist in diesem Gemälde noch nicht gefangen gesetzt. Zornig, flammend empört weist er die kirchlichen Würdenträger auf das hohnsprechende Unrecht hin, das im Land geschieht.
Die Gemälde des Laurens belehren über die Geschichte. Sie lassen Fragen entstehen, sie wecken Interesse für die Jahrhunderte lange Kirchengeschichte. Diese vollzog sich in Frankreich ähnlich erschütternd wie in Deutschland und wie sie sich in allen Ländern vollzieht, in denen die katholische Kirche herrscht. Bei ihrer Herrschaftsausübung nutzt die katholische Kirche den immensen finanziellen Reichtum, über den sie verfügt, sie hetzt Staaten und Regierende in Kriegen aufeinander, um an der Vernichtung der Ketzer und selbstbewußter Freidenker und ihrer staatlichen und familiären Strukturen zu arbeiten.
Heute wie eh und je.
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| Abb. 7: Ein Humanist ("Ein Florentiner") |
In dem Gemälde "Ein Florentiner" stellt Laurens das bürgerliche Selbstbewußtsein dar, das in der Zeit der Renaissance entstand. Er stellt es dar als Gegenbild zum finsteren Zelotentum des Mittelalters, das mit der Renaissance in Florenz zum ersten mal nachhaltig und sieghaft überwunden wird.
Der dargestellte Florentiner wirkt entschlossen. Er wirkt entschlossen, der Finsternis des Mittelalters ein Ende zu bereiten.
Das Gemälde erinnert auch an Renaissance-Porträts etwa eines Albrecht Dürer in Deutschland.
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| Abb. 8: Als Jesuit "nie wieder einem sterblichen Herren dienen" - Franz von Borgia vor der Leiche der Kaiserin Isabella von Portugal |
In dem Gemälde "Franz von Borgia vor der Leiche der Kaiserin Isabella von Portugal" gibt Laurens eine äußerst wesentliche geschichtliche Belehrung, vielleicht die wesentlichste seines ganzen Werkes. Das Gemälde stellt eine Szene aus den Gründerjahren jener geschichtlichen Kraft dar, die sich als Gegenkraft zu Renaissance, Humanismus, Protestantismus und Freidenkertum bildete, nämlich der Psychosekte des Jesuitenordens.
Schwur über einer Leiche, "nie wieder einem sterblichen Herrn zu dienen"
Der dargestellte Franz von Borgia sollte der dritte General des Jesuitenordens werden. Er war geboren worden als ein Herzog von Gandía. Seine Bekehrung zum Jesuitenorden soll sich vollzogen haben, als dieser Franz von Borgia 1539 den Leichnam der jungen Kaiserin Isabella von Portugal, der Gattin des Kaisers Karl V., nach Granada überführen sollte. Er mußte hierzu, so lautet der Bericht, den Sarg öffnen, um ihren Körper zu identifizieren. Beim Anblick der entstellten Leiche soll er stark erschüttert gewesen sein, so daß er geschworen haben, „nie wieder einem sterblichen Herrn zu dienen“.
Dies sei das Schlüsselerlebnis für seinen Eintritt in den Jesuitenorden gewesen.
Laurens erschüttert und belehrt den Betrachter: Die Jesuitenorden dient keinerlei sterblichen Herren, er ist "überstaatlich". Er verweigert diesem den Gehorsam. Und er schwört dies - - - beim Anblick von verwesten Leichen. Und er sieht künftig in "sterblichen Herren" schon verweste Leichen.
Laurens stellt hier die ganze Abartigkeit des Jesuitenordens zur Schau.
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| Abb. 9: Die Rache von Papst Urban VI. (1318-1389) - Er foltert und tötet seine eigenen Kardinäle - Gravur von Laurens |
In der Gravur aus Abbildung 9 wird dargestellt wie ein Papst des 14. Jahrhunderts seine eigenen Kardinäle foltern und ermorden ließ.
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| Abb. 10: Die ausgegrabene Leiche eines gestorbenen Papstes wird von einem lebenden Papst angeklagt |
In dem Gemälde aus Abbildung 10 ist die päpstliche "Leichensynode" dargestellt, die im Jahr 897 stattgefunden hat. In dieser ließ ein Papst die Leiche seines Vorgängers ausgraben und vor Gericht stellen (Wiki). Wie abartig, wie grauenvoll: Eine Leiche als Papst und außerdem noch angeklagt. Es ist dies das erste der großen antiklerikalen Historienbilder des Jean-Paul Laurens. Es entstand im Jahr 1870.
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| Abb. 12: Jean-Paul Laurens - Der Erzengel Michael und Mephistopheles |
Laurens hat sich in seinen späteren Lebensjahren auch mit der Geschichte der Merowinger-Könige beschäftigt. Dafür hat er Vorstudien zu Gemälden angefertigt, so etwa eine Studie betitelt "Das Warten einer Merowinger-Königin". Auch diese Königin wirkt nicht sieghaft, sie wirkt nachdenklich, traurig.
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| Abb. 13: Das Warten einer Merowinger-Königin (1910) |
Jean-Paul Laurens hatte am Anfang seines Schaffens noch Themen aus der Antike gewählt wie etwa "Der Selbstmord des Cato" oder "Der Tod des Tiberius". Ab 1870 hat er sich dann sehr häufig Themen der Kirchengeschichte angenommen.
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| Abb. 14: Der Papst und der Inquisitor, auch genannt "Sixtus IV und Tomas de Torquemada" |
Der spanische Großinquisitor Torquemada (1420-1498) (Wiki) ist mindestens zwei mal Gegenstand seiner Kunst.
Laurens stellt ihn dar, wie er mit düsterem Blick dem Papst Sixtus IV. seine blutrünstigen Pläne vorlegt (Abb. 14).
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| Abb. 15: König Ferdinand II. und Isabella von Spanien unterwerfen sich dem spanischen Großinquisitor Torquemada (1888) |
Und Laurens stellt die Unterwürfigkeit des Königs Ferdinand II. und seiner Ehefrau Isabella von Spanien gegenüber dem Großiniquisitor Torquemada dar. Die "geistige" Macht herrscht über die weltliche Macht.**)
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| Abb. 16: "Es lebe der König!" - Die Tochter des Generals Bonchamps (1893) |
Hermann Eißfeldt (1875-1929) - Ein Maler in München
Der Münchener Maler und Porträtist Hermann Eißfeldt (1875-1929) (WikiCom) heiratete 1911 mit 36 Jahren die jüngste Tochter seines Lehrers, des 1907 geadelten Tiermalers Heinrich von Zügel (1850-1941) (Wiki, Leo): Emma Zügel.
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| Abb. 1: Der Maler Hermann Eißfeldt (1875-1929) (aus 1, S. 56) |
Mit ihr hatte er zwei Söhne. Ab 1922 lebte Eißfeldt mit ihr in einer eigenen Wohnung in der von ihm für seinen Schwiegervater und vormaligen Lehrer errichteten "Zügel-Villa" in Bogenhausen in der Possartstraße 24 (Abb. 27).
Auf den Maler Hermann Eißfeldt sind wir hier auf dem Blog schon in zwei Beiträgen zu sprechen gekommen. Denn er hat mehrere wesentliche Porträts von Erich und Mathilde Ludendorff geschaffen (Abb. 22-26). Er scheint sich sogar in ausgesprochenem Maße zu den "Verehrern" und Anhängern des Ehepaares Ludendorff gezählt zu haben (Stgr2012, Stgr2016).
Im folgenden soll ihm noch einmal ein eigener Blogartikel gewidmet werden, um dem geistigen, gesellschaftlichen und familiären Hintergrund weiter nachzugehen, aus dem heraus Hermann Eißfeldt gelebt und gewirkt hat.
Monographien über den Maler Hermann Eißfeldt gibt es bis heute nicht. Im großen Lexikon "Münchner Maler im 19./20. Jahrhundert" in sechs Bänden sind ihm wenige Zeilen gewidmet worden. Dort steht unter anderem (10):
Hermann Eissfeldt erhielt seine Ausbildung an der Münchener Akademie als Schüler Heinrich von Zügels, der sein späterer Schwiegervater werden sollte, und bei Jean-Paul Laurens an der Académie Julian in Paris.
Die letztere Angabe läßt aufhorchen. Denn der französische Maler Jean-Paul Laurens (1838-1921) (Wiki) war ein glühender Anhänger der französischen Republik. Und als solcher stand er in voller Anklage der düsteren Zelotenmacht der katholischen Kirche und ihrer viele hundert Jahre andauernden Geistesknechtung gegenüber. Das geht aus der Themenwahl seiner zahlreichen Hauptwerke als Historienmaler hervor (Stgr2025) (s. z.B. Meisterdr).
Der Franzose Laurens kann von seiner Themenwahl vielleicht dem deutschen Historiker Johannes Scherr (1817-1886) (Wiki) an die Seite gestellt werden, der - ebenfalls glühender Republikaner - in seinen historischen Darstellungen die Willkürherrschaft der katholischen Kirche und die christlicher Bigotterie in allen Formen durch die Jahrhunderte hindurch verfolgt und grell heraus gestellt und gegeißelt hat.
Laurens ist also ein entschieden politischer Maler und Künstler, der sich in den Dienst des gesellschaftlichen Fortschritts gestellt hat.
Immer wieder sucht sich Laurens als eines seiner Hauptthemen heraus das erschütternde Aufeinandertreffen von "geistiger" und weltlicher Macht in der Geschichte, Szenen, in denen Zeloten auf weltliche Herrscher treffen, Szenen, in denen die weltliche Macht - in letzter Instanz - angegriffen und gedemütigt wird, Szenen, in denen sich Kritiker der Inquisition verantworten müssen (Meisterdr).
Wie aber kommt ein so ruhiger Maler idyllischer Tierdarstellungen wie Hermann Eißfeldt dazu, sich als akademischen Lehrer einen politisch so engagierten Historienmaler in Paris heraus zu suchen?
Über diesen Paris-Aufenthalt wissen wir vorerst - abgesehen von der zitierten Angabe - nichts weiter. (Laut ChatGPT ist Laurens ab 1884 als Lehrer an der Académie Julian erwähnt, ein Enddatum seiner dortigen Lehrtätigkeit sei nicht bekannt.) Der Paris-Aufenthalt von Hermann Eißfeldt könnte mithin um 1900 herum stattgefunden haben, denn ab 1904 hatte er ein Atelier in Schwabing (s.u.), ist auf Fotos 1909 und 1910 in Deutschland zu sehen und hat 1911 geheiratet.
Hermann Eißfeldt sollte in den 1920er Jahren bevorzugter Porträtmaler der bayerischen Wittelsbacher Königsfamilie sein und als solcher auch von Nuntius Pacelli persönlich Malaufträge erhalten. In seiner Jugend wählte er sich aber einen ausgesprochen antiklerikalen Historienmaler als akademischen Lehrer und am Ende seines Lebens steht eine Freundschaft mit Erich Ludendorff, der als der Hauptvertreter des völkischen Antiklerikalismus in der bayerischen Politik jener Jahre galt. Er steht als Porträtmaler in der Gunst der katholischen Geistlichkeit Bayerns und verspielt diese Gunst, weil er sich für Ludendorff ausspricht. So wird es berichtet (siehe unten).
Welche tieferen Zusammenhänge hier vorliegen könnten, ist aktuell noch nicht zu klären. Auf jeden Fall könnte Eißfeldt sich von dem Spannungsfeld zwischen "geistiger" und weltlicher Macht als Thema schon früh angezogen gefühlt haben.
Aber ansonsten finden sich bislang nur einige Angaben zum äußeren Leben von Hermann Eißfeldt in Biographien über seinen Lehrer und Schwiegervater Heinrich von Zügel (1, 2). Letzterer ist aufgewachsen als Sohn eines Schäfers in Murrhardt in Württemberg. Er hatte in den 1870er Jahren erste Erfolge als Tiermaler in München (insbesondere mit einer ersten Version seines oft wiederholten Gemäldes "Schwere Arbeit", siehe Abb. 29 im Anhang). Er berichtet (2, S. 23):
Ich vermählte mich mit meiner Jugendfreundin Emma Schippert, Tochter des Landwirts ...
aus Murrhardt. Es handelte sich um eine gleichaltrige, frühere Klassenkameradin (s.a. Leo).
Auslöser war wohl, daß er merkte, daß er als Unverheirateter mit seinen Freunden zu viel Bier trank und Karten spielte (1, S. 27). Er heiratete also 1875 die ... (2, S. 24):
... Murrhardter Bauerntochter Emma Schippert. Aus der Ehe gehen vier Kinder hervor: Willy (1876-1950), der Tierbildhauer wird, sowie die Töchter Anna (geb. 1880), Elise (geb. 1882) und Emma (geb. 1888). Zwei Töchter heiraten Schüler ihres Vaters, Anne den späteren Figurenmaler Emanuel Hegenbarth, Emma den Porträtisten Hermann Eissfeldt.
Der Bildhauersohn Willi von Zügel hatte drei Kinder. Er nutzte nach dem Tod seines Vaters das väterliche Atelier in der Possartstraße 24 in Bogenhausen.
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| Abb. 4: "Firmkind" - Gemälde von Hermann Eißfeldt |
Die Tochter Anna heiratete den Schüler ihres Vaters, den Tiermaler Emanuel Hegenbarth (1868-1923) (Wiki). Sie hatte mit diesem ebenfalls mehrere Kinder. Emanuel Hegenbarth wirkte ab 1903 als Professor an der Kunsthochschule Dresden. Schon 1923 ist er aber an einer Operation gestorben. In den Anhang dieses Beitrages stellen wir vier seiner Werke ein (Abb. 33-36). Seinem Sohn Franz Hegenbarth (geb. 1907) verdanken wir die wesentlichsten Angaben auch zum äußeren Leben von Hermann Eißfeldt (1).
Emma von Zügel heiratete schließlich 1911 (10) (s.a. Inv) Hermann Eißfeld. Ihr Vater Heinrich von Zügel war 1895 zum Professor an der Münchener Kunstakademie ernannt worden. Von Heinrich von Zügel hat sich auf Eißfeldt - wie auf viele andere Schüler Zügels - die Vorliebe für Tierdarstellungen übertragen.
Der wohl bekannteste und bedeutendste Tiermaler des 20. Jahrhunderts war ebenfalls ein Schüler von Heinrich von Zügel: Julius Paul Junghanns (1876-1958) (Wiki).
"Bauernkirchweih" in Schwabing 1902
1902 feierte der "Verein Deutscher Kunststudierender" - wohl vor allem auf Betreiben von Junghanns - während des Karnevals in der Schwabinger Brauerei in München eine lustige, heitere "Bauernkirchweih" mit 3000 Gästen (3). Sie wird als die Vorgängerin der legendären, ausgelassenen Künstlerfeste rund um Ludwig Thoma in München benannt (3). Zu dieser Bauernkirchweih sind gleichaltrige Kunststudenten zu Beiträgen aufgefordert worden. Es entstanden viele lustige Beiträge - Bilder, Medaillen, Tanzkarten und ähnliches. Diese konnten 1906 gesammelt als ein Beitrag in den "Velhagen & Klasings Monatsheften" veröffentlicht werden. Es ist dadurch ein noch heute sehr heiterer, sehenswerter Beitrag entstanden (3). Ein Zeugnis unbeschwerter Künstler-Heiterkeit aus der Zeit vor 1914.
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| Abb. 5: Hermann Eißfeldt - Bauer mit Schimmel (Rg) |
Auch Hermann Eißfeldt hat dafür einen Beitrag geleistet, ein "Scheibenbild" - gutmütig heiter gemalt. Wir haben es in den Anhang dieses Beitrages verbannt, da es doch nicht Schritt hält mit den ernsthaften Werken des Künstlers (Abb. 30). Eißfeldt tat also mit, aber doch eher auf seine Weise, nämlich ein wenig zurückhaltend. Vielleicht war es auf einem solchen Künstlerfest, wo eine nähere Verbindung mit Emma von Zügel entstand.
Junghanns ist schon 1906 auf Vorschlag seines Lehrers Heinrich von Zügel Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf geworden. Dort wirkte und lebte er bis zu seinem Lebensende. Er behielt die Zeit bei Heinrich von Zügel als die wertvollste Zeit seiner Studentenzeit in Erinnerung.
1986 hat der Kunsthändler, Dozent, Schriftsteller und Kunsthistoriker Dr. Eugen Diem (1896-1993) (Kotte, HdbG, Lit), offenbar ein Enkelsohn von Heinrich von Zügel, eine Biographie über seinen Großvater heraus gebracht, in der insbesondere Erinnerungen von Franz Hegenbarth enthalten sind, einem weiteren Enkelsohn von Heinrich von Zügel (1). Diese sind 1981 nieder geschrieben worden. In diesen Erinnerungen findet sich auch Eißfeldt mehrfach erwähnt, wodurch sich einige grobe Umrisse zu seinem Leben skizzieren lassen.
Hermann Eißfeldt stammte aus dem Braunschweigischen. Sein Leben lang sollte er in München tätig sein. Mathilde Ludendorff berichtet: "Wir hatten die stille, vornehme Seele des Künstlers lieb gewonnen". Das sind bis auf weiteres die einzigen Worte, die wir zu einer näheren Charakterisierung seiner Persönlichkeit heran ziehen können.
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| Abb. 6: Hermann Eißfeldt - Blick auf Wolfratshausen |
Hermann Eißfeldt war in Schladen nördlich des Harzes geboren worden. Schladen liegt zwischen Bad Harzburg und Wolfenbüttel. Er war (sicher) der Sohn des gleichnamigen Direktors der dortigen Zuckerrübenfabrik, des Dr. Hermann Eißfeldt (1827-1885) (Nieders).
Die Familie Eißfeldt ist eine alte, angestammte evangelische Familie im Braunschweiger Raum. Aus ihr sind im Laufe der Jahrhunderte zum Beispiel unter anderem auch sechs Pastoren hervor gegangen (DtDigBibl, Nieders). Noch heute gibt es mancherlei namhafte Träger des Familiennamens Eißfeldt.
Dr. Hermann Eißfeldt, der Fabrikdirektor, ist wiederholt angeführt worden in Zeitschriften der deutschen Zuckerrübenindustrie. In diesem Bereich hat er 1870 ein neues Verfahren patentieren lassen (GB). Ein jüngerer Bruder des Malers Hermann Eißfeldt wird der Professor für Alttestamentarische Wissenschaften Otto Eißfeldt (1887-1973) (Wiki) (UniHalle) gewesen sein. Otto Eißfeldt hat in Göttingen studiert und wurde Professor für Alttestamentarische Studien zunächst an der Universität Berlin, schließlich an der Universität Halle. In Halle ist er 1973 auch gestorben. Unter Fachkollegen genoß er mancherlei Achtung und Anerkennung.
Der Kunstmaler Hermann Eißfeldt weilte 1898 als 23-Jähriger in Tegernsee. Das läßt sich dem dortigen Fremdenbuch entnehmen (s. GB). 1902 ist Hermann Eißfeldt in Schwabing unter der Adresse Giselastraße 25 verzeichnet (GB) - nahe dem Englischen Garten. Zwischen 1904 und 1912 nutzte Hermann Eißfeldt ein Atelier in der Ainmillerstraße in Schwabing, eine Viertelstunden Fußweg weiter westlich (4, S. 56):
Die für bildende Künstler unverzichtbaren Ateliers waren nicht selten in den Rückgebäuden (...) in der Ainmillerstraße. (...) Für Kunstmaler bildeten außer den Rückgebäuden vor allem die sich dem Nordlicht öffnenden Fenster in den Dachgeschossen der Häuser die wichtigste Voraussetzung für ihre Arbeit. Einige der in der Ainmillerstraße wohnenden Maler aus der Zeit des Historismus hatten hier ihre berühmten Künstlerateliers. (...) In der Ainmillerstraße 9 wirkte im 4. Stock von 1904 bis 1912 Hermann Eißfeldt.
Eißfeldt hatte als Lehrer neben Heinrich von Zügel auch den Professor der Münchener Kunstakademie Carl von Marr (1858-1936) (Wiki).
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| Abb. 7: Hermann Eißfeldt - "Pferd mit Karren" |
Carl von Marr stammte aus den USA und war 1893 zum Professor an der Münchener Kunstakademie ernannt worden. Ab 1901 hat Eißfeldt im berühmten Glaspalast (Wiki) in München ausgestellt, 1901 war er mit einem Selbstbildnis vertreten. 1905 hat Eißfeldt im Glaspalast ausgestellt - laut Ausstellungskatalog - das Ölbild "Unterm Wacholderbusch". Als seine Adresse ist angegeben Ainmillerstraße 9 (Wiki).
In einem Bericht über die Ausstellung im Münchener Glaspalast im Jahr 1906 wird erwähnt (11):
H. Eissfeldt bringt das temperamentvolle Bild einer Dame mit Foxterrier.
In einem Bericht über die Ausstellung im Münchener Glaspalast im Jahr 1908 wird erwähnt (12):
die netzflickenden Fischer von Herm. Eißfeldt
1909 wird über neue Werke, ausgestellt von Seiten des Münchener Kunstvereins, berichtet (AllgRdsch):
Die Freilichtbilder von Hermann Eißfeldt zeigten natürlich empfundene Menschen in flotter, frischer Vortragsart und einer trotz fühlbarer Zügeleinflüsse doch nicht unfreien Farbe.
Etwas weniger neutral heißt es im selben Jahr in der Monatsschrift "Die Christliche Kunst" (13):
Unter guter Vorbedeutung eröffnete den Reigen der künstlerischen Darbietungen eine Gruppe junger Maler, von denen einzelne schon in den Secessionsausstellungen Beachtung gefunden haben. Wie es bei allen Anfängern unserer modernen Schulung der Fall zu sein pflegt, so schossen auch diese Jünger über das Ziel hinaus, einmal schon deswegen, weil sie allzuviel vorführten und dadurch unfreiwilligen Aufschluß über ihre Unzulänglichkeiten boten, dann aber durch die Unreife der Arbeiten selbst. (...) Drei weich und flüssig behandelte Landschaften von O. Lynch of Town und zwei lichtdurchflutete Interieurs zeigten wieder von der geschmackvollen und geistreichen Art der Landschaftsmalerei, deren höchstes Ziel eben nicht die direkte Abhängigkeit von der Natur ist und sein soll. Ein Blick auf die Studien von Hermann Eißfeldt zeigte, was gemeint ist. Wie die schon genannte Gruppe von jungen Malern, so stolpert auch Eißfeldt, der sicherlich talentiert ist, über sein allzureiches Studienmaterial, das infolge des steten Abschreibens von Naturmotiven jede selbständige Regung, Eigenes zum Ausdruck zu bringen, schließlich verkümmern muß. Das ist alles ganz gut gemalt, aber auch recht billig. Gute Technik und ein gewisses Können, oder sagen wir etwas virtuose Geschicklichkeit haben viele, allzuviele! Und wenn Eißfeld ein "Mädchen im Blaukrautfeld" auch noch so flott malt, so ist das allein noch immer nicht letztes Ziel der Malerei.
Da scheint es aber jemand super genau zu wissen. Und findet herbe Worte. Und dann auch ausgerechnet noch in einer Monatsschrift "Die christliche Kunst".
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| Abb. 8: Hermann Eißfeldt - Bäuerin mit Kühen im Isartal (An) |
Kunstkritik entfernt sich oft allzu weit vom eigentlichen künstlerischen Leben. Ob sich Eißfeldt über eine solche Kritik geärgert hat oder sie einfach nur lachend in die Ecke geworfen hat, darüber können wir einstweilen nur mutmaßen. Immerhin erstaunlich, daß diese Monatsschrift "Die christliche Kunst" 1909 diesen Maler so "herunter macht" und dieser Maler dann doch wohl etwa sechs oder acht Jahre später ein so begehrter Maler der "christlichen" Wittelsbacher Königsfamilie und des mit ihr verbundenen katholischen Klerus werden sollte.
Und sein Schwiegervater und Lehrer Heinrich von Zügel stand ja schon im Jahr 1909 in bester Verbindung mit dem königlichen Hof der Wittelsbacher.
Zu Gast am Hof der Wittelsbacher
Lesen wir doch über Heinrich von Zügel (Chiems):
Im ersten Jahrzehnt nach 1900 wurde Zügel erneut ausgezeichnet, und bei den Hoffesten und Treibjagden des Prinzregenten Luitpold war er ein häufiger Gast.
Der Enkelsohn Franz Hegenbarth berichtet (1, S. 32):
Als kgl. Professor der Bayerischen Kunstakademie, als Maximilians-Ritter und als namhafter Künstler gehörte der Großvater zur hoffähigen Prominenz Bayerns. Er war deshalb oft, meist mit seiner Frau, Gast im königlichen Haus und an der königlichen Tafel. Später verdichteten sich die Beziehungen sogar noch dadurch, daß eine der Töchter des letzten Bayerischen Königs, Ludwig III., die Prinzessin Hildegard, Großvaters Schülerin wurde, ganz offiziell. (...) In dieser Eigenschaft kam sie öfter in sein Haus in der Possartstraße zu einem Tässchen Tee. So auch einmal Ende der zwanziger Jahre.
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| Abb. 9: Hildegard von Bayern (W) |
Da sie als Frau nicht an den Unterrichtsstunden teilnehmen durfte, stand sie in Schriftverkehr mit dem Kunstmaler Heinrich von Zügel, dem sie ihre Entwürfe zur Korrektur per Post zusandte.
Dies wird sich auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg beziehen. Ende der 1920er Jahre scheint diese Bigotterie dann nicht mehr aufrecht erhalten worden zu sein. Hegenbarth berichtet weiter (1, S. 32):
Im Winter 1917/18 geruhten S. Majeestät König Ludwig III. von Bayern durch seinen Haushofmeister beim Großvater anrufen zu lassen, um Dero Allerhöchsten Besuch im Atelier des Künstlers ankündigen zu lassen. Der Großvater nahm selbst das Telefongespräch entgegen und antwortete: "Nein, da geht es nicht; da kommt der Vergolder!" Mit anderen Worten: Er hatte schon einen Termin an dem vom Haushofmeister genannten Zeitpunkt, der gar keinen anderen parat hatte; denn es war wohl ungewöhnlich, einen von Seiner Majestät angebotenen Termin nicht zu akzeptieren. (...) Der Großvater fiel aber deshalb bei den Wittelsbachern nicht in Ungnade, nicht nur, weil sein Schwiegersohn Hermann Eißfeldt alles ausbügelte. Der Vergolder wurde umdisponiert und seine Majestät kamen zum vorgesehenen Zeitpunkt. Für sein Auftreten bei Hof hatte der Großvater zwei Uniformen. Ich sah ihn in beiden.
In dem Buch findet sich auch eine Fotografie Heinrich von Zügels in der "kgl.bayer. Hofjagd-Uniform (1, S. 28f). Wir sehen hier Hermann Eißfeldt schon 1917/18 als Vermittler zwischen seinem Schwiegervater und den Wittelsbachern auftreten, auf diese Zeit datiert also auch seine eigene Verbindung zum Wittelsbacher Hof.
Sicher entstanden hier jene Verbindungen, die dann dazu führten, daß Hermann Eißfeldt in den unmittelbaren Jahren nach 1918 zu einem bevorzugten Porträtmaler der bayerischen Königsfamilie wurde (Abb. 17, 19-21).
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| Abb. 10: Hermann Eißfeldt - Kühe |
Die meisten der zugänglichen Werke von Hermann Eißfeldt sind nicht datiert. Wir stellen hier im Blogbeitrag zunächst seine zugänglichen Tier- und Genre-Darstellungen und dann seine Porträtdarstellungen.
1912 ist als Adresse von Eißfeldt angegeben Gedonstraße 8. In diesem Jahr hat er im Glaspalast die beiden Ölgemälde "Flußfischer" und "Schmiede bei Tölz" ausgestellt (GB). 1913 ist der Ton gegenüber den Werken von Hermann Eißfeldt auch in der "christlichen" Presse ein ganz anderer. Heißt es doch in den "Historisch-politischen Blättern für das katholische Deutschland" (S. 432) (GB)
... Im Glaspalast begegnen wir einigen dieser Bilder, die geradezu als Perlen der Kunst gelten dürften. ... Unter den sonstigen Münchener Malergruppen bieten die "Bayern" besonders befriedigende Werke; Raffael Schuster-Woldau, H. Völkerling und M. Geffcken als Porträtisten, F. Rabending, H. Eißfeldt und A. Lüdecke als Tier- und Landschaftsmaler verdienen hohe Anerkennung.
Da wird dann wohl auch der bayerische Klerus wohlwollender auf solche Maler geblickt haben. 1913/14 heißt es dann im "Allgemeinen Lexikon der bildenden Künstler von der Antike zur Gegenwart" (Thieme/Becker) über Hermann Eißfeldt unter anderem (9. Bd., S. 441):
Tätig in München. 1901 trat er im Münchener Glaspalast mit einem Selbstbildnis hervor und ist seitdem des öfteren dort vertreten gewesen. Seit 1912 stellt er in der Münchener Sezession aus. Wir nennen von seinen tüchtigen, in breiter impressionistischer Technik vorgetragenen Ölbildern: "Damenbildnis mit Foxterrier" (1908), "Ausfahrt" (1909), "Kartoffelernte", "Das Märchenbuch" (1911), "Flußfischer", "Schmiede bei Tölz", "Am Weidenzaun" (1912).
1914 war Hermann Eißfeldt schon 39 Jahre alt. Der Erste Weltkrieg brach aus und er wurde Soldat.
Soldat im Ersten Weltkrieg - Versuchte Geiselnahme des Schwiegervaters
Über seinen Schwiegervater berichtet Franz Hegenbarth (1, S. 33):
Von den Ereignissen des Ersten Weltkrieges blieb der Großvater persönlich weitgehend verschont. Auch die engere Familie mußte keinen Blutzoll zahlen. Sein ältester Schwiegersohn Emanuel Hegenbarth war schon zu alt, um noch eingezogen zu werden. Die beiden jüngeren Schwiegersöhne Heinrich Schröder, der Mann seiner zweiten Tochter Elise und Hermann Eißfeldt, einst sein Schüler, dann wie Hegenbarth auch Schwiegersohn, Mann der jüngsten Tochter Emma, waren zwar Soldaten, kamen aber mit heiler Haut zurück. Getroffen hat es nur seinen Sohn Willy, den Bildhauer, der als Oberleutnant der Reserve und Batterieführer bei der Bayerischen Feldartillerie von 1914 bis 1918 an der Westfront in zum Teil schwierigster Situation stand. Im Frühjahr 1918 in einer Offensive bei Arras erwischte ihn eine Ladung Granatsplitter. (...) Ein etwa 1,3 cm langer Granatsplitter drang in den Herzmuskel und blieb dort stecken. Aber das Herz schlug weiter. (...) Sohn Willy lebte noch 32 Jahre als gesunder Mann.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Willy von Zügel selbst schon vier Kinder. Offenbar war er aber doch nicht völlig "gesund", hatte Hegenbarth doch schon weiter vorne geschrieben (1, S. 14):
Sein einziger Sohn kommt nach einer schweren Verwundung mit einer Kugel im Herzen nach Hause als ein ständig Gefährdeter.
Und wir lesen darüber (MurrZtg2022):
Der 1876 in München geborene, von seinem „Über“-Vater Heinrich von Zügel geförderte und geforderte Künstler Willy Zügel (...). Wegen des Ersten Weltkriegs, in dem er schwer verwundet wurde, was Ursache für seinen Tod 1950 war, und der unruhigen Folgezeit „konnte er sich jedoch nur in Episoden auf seine Arbeit konzentrieren“.
Hermann Eißfeldt mag vielleicht im April 1916 aus dem Kriegsdienst wieder ausgeschieden sein. Vielleicht ist aus diesem Anlaß ein Porträt seines Schwiegervaters entstanden (Abb. 12). Er hat in der Folgezeit auch einige Porträts von bayerischen Offizieren geschaffen (s. Abb. 13 bis 15), ebenso Frauenporträts (Abb. 16).
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| Abb. 11: Korbmacher - Gemalt von Hermann Eißfeldt |
Franz Hegenbarth berichtet über die Unterstützung, die Heinrich von Zügel nach der Jahrhundertwende durch seinen Sohn erfuhr, der ihm äußerliche Organisations-Arbeit abnahm (1, S. 28):
Um diese Zeit begann sein Sohn Willy ihm solche Dinge abzunehmen. Nach dem Krieg war Schwiegersohn Hermann Eißfeldt sein - heute würde man sagen "Manager" - der alles Spezielle, Formelle und Finanzielle für ihn erledigte.
Während der Räterepublik in München steht Heinrich von Zügel dann auf einer Liste von Prominenten, die als Geiseln der Regierung festgenommen werden sollen. 16 dieser Geiseln sind damals auch tatsächlich erschossen worden. Heinrich von Zügel übernachtete wechselnd bei anderen Freunden, so daß er nicht gefunden wurde (1, S. 34).
Welche Folgen mußten solche Erfahrungen haben für die politischen Einstellungen der Menschen.
Im Jahr 1919 kommt Wilhelm Eißfeldt zur Welt, offenbar der älteste Sohn von Hermann Eißfeldt (1, S. 31). Er ist zu diesem Zeitpunkt das zehnte Enkelkind seines Großvaters Heinrich von Zügel. Heinrich von Zügel sollte nun emeritiert werden, wodurch er sein Atelier an der Universität verlieren würde. Dies wird einer der Anlässe gewesen sein dafür, daß nach dem Ersten Weltkrieg die "Villa Zügel" in der Possartstraße 24 in Bogenhausen gebaut wurde.
Der Bau der "Villa Zügel" in Bogenhausen (1919-1922)
Franz Hegenbarth berichtet (1, S. 14f):
Zügel hat den größten Teil seines Besitzes in Kriegsanleihe hingegeben und verloren.
Die Menschen hatten damals "alles" dafür gegeben, daß Deutschland als Folge dieses Krieges nicht in einer solchen Weise gedemütigt werden würde, wie es dann im Versailler Vertrag geschehen ist. Weiter lesen wir (1, S. 14f):
Das (...) Atelier entsteht in dem von den Schwiegersöhnen erbauten großen Wohnhaus in Bogenhausen wieder.
Offenbar hatte inzwischen auch Hermann Eißfeldt gute Einnahmen aus seinem künstlerischen Schaffen und konnte diese in die Errichtung der Zügel-Villa mit einfließen lassen. Wir lesen jedenfalls (1, S. 34):
Man hatte vorgesorgt und mit dem angesammelten Vermögen ein seinen Bedürfnissen angepaßtes Haus mit Atelier, Rahmenzimmer und Kistenraum entworfen und gebaut. Initiator, Planer und Manager war der Schwiegersohn Hermann Eißfeldt, dessen Nachkommen, zwei verheiratete Söhne mit Familien, heute dieses Haus bewohnen. (...) Bei der subtilen Anpassung an eine augenblickliche, zeitlich absehbare Bedarfslage bestand die Gefahr, daß die Raumein- und verteilung in diesem auf den Großvater zugeschnittenen Haus später bei völlig anderer Belegung und Nutzung Probleme aufwerfen würde. Aber in den seit Großvaters Tod vergangenen 44 Jahren, in denen - kriegs- und nachkriegsbedingt - diverse, sehr unterschiedliche Belegungen durchgestanden werden mußten, zeigte sich die Genialität des Planers.
Franz Hegenbarth äußert sich also noch im Jahr 1981 sehr begeistert über seinen Onkel Hermann Eißfeldt, der schon seit 1929 nicht mehr lebte.
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| Abb. 12: Porträt von Heinrich von Zügel, angefertigt vom Schwiegersohn Hermann Eißfeldt, April 1916 |
Franz Hegenbarth berichtet weiter (1, S. 35):
Als das Haus 1922 zum Bezug fertig war, war auch der Großvater fertig, finanziell. Sein Vermögen belief sich Ende des Krieges auf etwas über eine Million Goldmark. Es war angelegt in meist festverzinslichen Wertpapieren, darunter viel Kriegsanleihe, die natürlich die Inflation nicht überstanden. Die letzten Handwerkerrechnungen waren schon sechsstellig. (...) Aber es gelang. Die letzte Rechnung konnte bezahlt werden und für das ohnedies auch ohne Hausbau verlorene Vermögen stand nun ein Wohnhaus mit einem einmalig schönen Atelier zur Verfügung. Der Großvater war darüber sehr glücklich.
Weiter ist zu erfahren (Mnch):
Kein geringerer als Stadtplaner und Architekt Theodor Fischer errichtete hier im vornehmen Bogenhausen ein respektables Atelier mit drei Wohnungen für den angesehenen Tiermaler und Akademieprofessor Hofrat Heinrich von Zügel. Dieser hatte das 1730 Quadratmeter große Grundstück für 85.449 Mark erworben. Erste Pläne zu diesem Bau wurden erstmals 1919 bei der Lokalbaukommission München eingereicht. Da dem 70-jährigen Bauherren aber die Pläne zu kostspielig waren, mußte Fischer im Juni 1921 die Wohn- und Nutzflächen kostengünstiger planen. Die Abnahme des Gebäudes erfolgte am 19. Juni 1922. "So eine Viecherei" soll Zügel zum Hausbau resümierend gesagt haben.
Zügel, dessen Atelier während seiner Akademiezeit in der Königinstraße lag, verfügte mit dieser Villa bei seiner Emeritierung im Jahr 1922 über ein großes, über zwei Stockwerke reichendes nördliches Atelier sowie zusätzlich über einen eigenen Rahmen- und einen Kistenraum. Hier gab es eine trickreiche Vorrichtung: Das in Obergeschoß und Dachgeschoß befindliche Atelier hatte im Boden einen über 3 Meter langen, 20 Zentimeter breiten Schlitz eingelassen, durch den die größten Bildformate in den darunterliegenden Kistenraum im Erdgeschoß hinuntergelassen werden konnten. Im Erdgeschoß befanden sich weitere Wirtschaftsräume und der Wohnbereich des Hausmeisters. Die Wohnräume der Familie und die der Dienstmädchen waren in Ober- und Dachgeschoß untergebracht.
Ein Hausbau in der Inflationszeit - eine auffallende Parallele zu dem Leben von Mathilde Ludendorff, die in derselben Zeit ebenfalls ihr Haus in Tutzing am Starnberger See unter ähnlichen Umständen errichtete.
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| Abb. 13: Porträt eines Leutnants der bayerischen Armee in Felduniform mit Band (Eiserne Kreuz 2. Klasse), gemalt von Hermann Eißfeldt 1917 |
Hermann Eißfeld hatte drei Wohnungen einbauen lassen, so daß das Ehepaar Eißfeldt mit seinen beiden Söhnen mit in das Haus einziehen konnte. Franz Hegenbarth berichtet von (1, S. 28) ...
... den gemütlichen Zeiten des Ruhestandes in der Possartstraße in den zwanziger Jahren ...
zusammen mit seiner ...
... damals mit ihrem Mann Hermann Eißfeldt bei ihm lebenden jüngsten Tochter Emma.
1921 heißt es in der "Allgemeine Rundschau" - offenbar über die alljährliche Kunstausstellung im Glaspalast (S. 396) (GB):
... Unter den Bildnissen interessieren besonders die lebensechten von H. Eißfeldt (Prinz Leopold von Bayern, General Krafft von Delmensingen).
Hier ist offenbar von dem Gemälde in Abbildung 17 die Rede, sowie von einem Porträt des bayerischen Generals Krafft von Delmensingen (Abb. 15), der damals in Bayern einige Popularität besaß.
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| Abb. 14: Porträt des Eduard von Madroux (1875-nach 1956) als bayerischer Hauptmann in Uniform, gemalt von Hermann Eißfeldt 1917 |
Dieses Porträt wird auch ein Jahr später, 1922, in der Zeitschrift "Die Christliche Kunst" erwähnt (S. 24) (GB):
Kraftvoll und lebenwahr waren zwei lebensgroße Bildnisse (Vollfiguren: Prinz Leopold von Bayern, General Krafft von Dellmensingen) v. H. Eißfeldt.
Das letztere Porträt scheint Hermann Eißfeldt seiner Heimatstadt Braunschweig geschenkt zu haben, denn 1929 heißt es im Verwaltungsbericht der Stadt Braunschweig (S. 131) (GB):
Hermann Eißfeldt, General Krafft v. Dellmensingen an der Isonzofront. Geschenk des Künstlers.
Es mutet etwas merkwürdig an, daß das Portrait eines volkstümlichen bayerischen Generals im Todesjahr des Künstlers der Stadt Braunschweig geschenkt wird. Ob dies vor oder nach dem Tod von Eißfeldt geschehen ist, sowie weitere Umstände dieser Schenkung können wir einstweilen nicht aufklären.
Porträtmaler der Wittelsbacher Königsfamilie
Von der bayerischen Königsfamilie der Wittelsbacher hat Hermann Eißfeldt in diesen Jahren mehrere Malaufträge erhalten, offenbar vor allem ab den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg.
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| Abb. 15: General Krafft von Dellmensingen (wohl) an der Isonzo-Front - Ohne Angabe des Künstlers ( - Eißfeldt?) (Gmic) |
So hat Hermann Eißfeldt ein Portrait des Prinzen Leopold von Bayern angefertigt (Abb. 17). Ebenso hat er ein Portrait angefertigt des Prinzen Georg von Bayern (Abb. 18). Georg von Bayern hat sich nach einer nicht vollzogenen Eheschließung für das Priesteramt entschieden. Er hat dann viele Jahre lang in Rom als Priester gewirkt.
Ebenso hat er ein Porträt angefertigt von Adelgunde von Bayern (1870-1958) (Abb. 19), von der nächstjüngeren Schwester des Kronprinzen Rupprecht von Bayern. Sie hatten beide noch zehn weitere, jüngere Geschwister (s. Stammtafel: hdbg) und damit auch viele Nichten und Neffen. So entstand auch ein sehr eindrucksvolles Portrait I.K.H. Maria Antonietta von Bourbon, Prinzessin beider Sizilien (1898-1957), geb. Prinzessin von Bayern (Abb. 21) - ein, wie wir finden, sehr gelungenes Frauenporträt. Bei ihr handelte es sich um eine Nichte des Kronprinzen Rupprecht von Bayern, um eine Tochter der drei Jahre jüngeren Schwester von Kronprinz Rupprecht von Bayern.
Ein prächtiges und womöglich sogar symbolträchtiges und politische Bezüge aufweisendes Gemälde ist das Gemälde "Feier der Goldenen Hochzeit von Prinz Leopold und Prinzessin Gisela von Bayern", das Hermann Eißfeld im Jahr 1923 geschaffen hat (Abb. 20). Der Nuntius Pacelli hat in diesem Gemälde eine besondere Stellung inne.
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| Abb. 16: Porträt einer Frau, gemalt von Hermann Eißfeldt, 1919 |
Ob Hermann Eißfeldt beim Malen desselben nicht so manches mal an seinen Lehrer in Paris, an Jean-Paul Laurens, und dessen Werke gedacht hat? Laurens war 1921 verstorben. Ist nicht auch in diesem Gemälde dargestellt die Stellung weltlicher Macht in ihrer Beziehung zu "geistiger" Macht? Vielleicht war Eißfeldt einfach nur fasziniert von der Thematik, zunächst noch ohne sich ein besonderes Urteil darüber zu bilden?
Der Malauftrag und das ausgewählte Motiv kann jedoch eigentlich nur sehr bewußt vom Haus Wittelsbach - insbesondere vom Kronprinzen Rupprecht von Bayern - und in Absprache mit dem auch dargestellten Nuntius Pacelli gegeben worden sein. Ob nicht auch hier der Graf Soden (Josef Graf von Soden-Fraunhofen) (1883-1972) (Wiki), der Kabinettschef des Kronprinzen Rupprecht von Bayern, seine Hand im Spiel hatte? Der auf das frühere Jesuitengymnasium in München, das Wilhelmsgymnasium, gegangen war, und der unter dem Verdacht stand, "Jesuiteneinfluß" auf den Kronprinzen Rupprecht von Bayern auszuüben (s. Stgr2025)?
Auf diesem Gemälde ist links Kronprinz Rupprecht von Bayern dargestellt zusammen mit seiner Ehefrau, ganz links sein nächst jüngerer Bruder Karl von Bayern (1874-1927) (Wiki) mit seiner Ehefrau. Rechts ist dargestellt Nuntius Pacelli und rechts von diesem Prinz Georg von Bayern als Priester. Das Gemälde entstand genau in jenem Jahr, in dem die klerikal-konservativen Kräfte in Bayern - mit dem Segen des Nuntius Pacelli - Bayern vom übrigen Deutschen Reich abtrennen wollten, mit Österreich zusammen schließen wollten und die Wittelsbacher Monarchie aufrichten wollten. Zugleich sollte sich ein katholisches Rheinland vom Deutschen Reich abtrennen (s. Stgr2025).
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| Abb. 17: Prinz Leopold von Bayern (1846-1930) (Wiki) - Gemalt von Hermann Eißfeldt |
Für die klerikal-konservativen Kräfte in Bayern waren dabei ein unberechenbarer Faktor die völkischen Kräfte in Bayern. Mit Adolf Hitler hätte sich Gustav von Kahr schon damals die Aufrichtung einer Diktatur wie in Italien vorstellen können, gegebenenfalls unter Wiederherstellung der bayerischen Monarchie - aber Ludendorff stellte sich all diesen Plänen klar in den Weg.
Ludendorff stand in diesen Jahren in loser Verbindung mit Gustav von Kahr, der zeitweise Ministerpräsident von Bayern, bzw. Generalstaatskommissar war.
Lose Verbindung zu Gustav von Kahr (1923)
Ebenso stand Gustav von Kahr in loser Verbindung mit dem Schwiegervater von Hermann Eißfeldt, mit Heinrich von Zügel, wie dessen Enkel Franz Hegenbarth berichtet. Er schreibt, um die politischen Einstellungen seines Großvaters zu charakterisieren (1, S. 27f):
Wenn es galt, in froher Runde Gäste zu begrüßen (...), dann sagte der Großvater in aller Regel: "Es lebe die Freiheit!" Sein Trinkspruch umreißt auch den Platz seiner politischen Orientierung. Sie war im Grundtenor freiheitlich-liberal. Er war deshalb kein Republikaner, aber auch kein Monarchist. Die überaus tolerante Hand, mit der die letzten Wittelsbacher, der Prinzregent Luitpold und König Ludwig III., regierten, gab keinen Anlaß zu freiheitlichem Demonstrieren. (...) Gleichgültig war ihm die Politik nicht. Hitlers "Marsch auf die Feldherrnhalle" am 9. November 1923 erlebte er als ansässiger Münchner ziemlich unmittelbar mit. Seine Einstellung zu diesem Vorgang mag daraus erhellen, daß ihn mit dem damaligen Generalstaatskommissar von Bayern, dem Ritter von Kahr, eine lockere Freundschaft verband. (...) Den Aufstieg des Nationalsozialismus verfolgte der Großvater - wie die meisten Deutschen - zunächst mit Hoffnung, später mit zunehmender Skepsis.
Diese Ausführungen klingen widersprüchlich, schließlich hat.
Wenn man bedenkt, daß von Kahr mit Hitler durchaus einen Staatsstreich durchgeführt hätte, nicht aber mit Ludendorff, dann klingen diese Worte nicht mehr so widersprüchlich, wie sie auf den ersten Blick klingen könnten.
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| Abb. 18: Prinz Georg von Bayern, Cousin von Kronprinz Rupprecht von Bayern - Gemalt von Hermann Eißfeldt |
Womöglich war ja der Hitler-Ludendorff-Putsch vom 8. zum 9. November 1923 schon von vornherein in groben Zügen so angelegt wie er dann abgelaufen ist. Der Generalstaatskommissar von Kahr hat sich zum Schein auf die Zusammenarbeit mit den Putschisten eingelassen, um sich dann doch gegen diese stellen zu können, und um auf diese Weise die spannungsvolle Situation zu klären. Nuntius Pacelli rechnete in seinem Bericht vom 9. November 1923 an den Papst in Rom mit der blutigen Niederschlagung dieses Putsches. Dabei sollte offenbar auch Erich Ludendorff ums Leben kommen. Er ist aber womöglich - so vermutet es zumindest Mathilde Ludendorff in ihren Lebenserinnerungen - von einem diesbezüglich Beauftragten der bayerischen Landespolizei mit einer anderen herausragenden Person, die in der ersten Reihe der Putschisten marschierte, verwechselt worden (7).
Hermann Eißfeldt hatte in den 1920er Jahren - trotz Hausbau in Bogenhausen - ein eigenes Atelier. Es lag zumindest in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre in der Widenmayerstraße. Dies wird von Mathilde Ludendorff erwähnt (siehe Zitat unten). Diese Straße zieht sich am linken Ufer der Isar von der Altstadt aus nach Norden und ist geprägt von herrschaftlich wirkenden Gründerbauten (Abdztg2020). In der Widenmayerstraße, Ecke Liebigstraße hatte sich um 1900 beispielsweise auch die Kunstanstalt von Edgar Hanfstaengl (1842-1910) (Wiki) befunden, dem Vater von "Putzi" Ernst Hanfstaengl (1887-1975) (Wiki), der - als langjähriger Vertrauter Hitlers in den 1920er Jahren - gegenüber Historikern Andeutungen machte zu satanistischen Hintergründen Hitlers (GAj2014, s.a. Stgr2013).
In der Widenmayerstraße 41 befand sich 1920 auch das "Kunstgewerbliche Atelier" einer Jenny Hirschberg (Archiv). Von der Possartstraße 24 in Bogenhausen ist die Widenmayerstraße über die Max-Joseph-Brücke hinweg zu erreichen in einem halbstündigen, etwa zwei Kilometer langen Fußweg (s. Abb. 28).
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| Abb. 19: Adelgunde von Bayern, jüngere Schwester des Kronprinzen Rupprecht von Bayern (Wiki) - Gemalt von Hermann Eißfeldt |
Mathilde Ludendorff berichtet, daß Hermann Eißfeldt etwa zehn Ludendorff-Porträts geschaffen habe (siehe unten). Ab wann diese Gemälde entstanden, wird nicht erwähnt. Uns sind aktuell von diesen zehn Porträts drei zugänglich (Abb. 22-25). (Den Abbildungen 23 und 24 liegt dasselbe Porträt zugrunde.)
Es ist nicht bekannt, in welcher zeitlichen Reihenfolge sie geschaffen worden sind. Wir möchten vermuten, daß sie in der Reihenfolge geschaffen worden sind, in wir sie in diesen Beitrag einstellen. In Abbildung 22 ist gegebenenfalls der Erich Ludendorff der Jahre 1923 und 1924 porträtiert, in Abbildung 23 und 24 der Erich Ludendorff des Jahres 1926 und in Abbildung 25 vermutungsweise der Erich Ludendorff des Jahres 1928.
Es gibt also mindestens zwei Porträts von Erich Ludendorff, in denen Eißfeldt Erich Ludendorff in Zivil dargestellt hat. Das erste wird 1930 - zur Zeit des ersten Todestages des Künstlers - veröffentlicht, wozu es heißt: "Dieses Bild ist nach einem Gemälde des vor einem Jahr verstorbenen Tannenbergers und Freundes General Ludendorffs, Kunstmaler Hermann Eißfeldt, aufgenommen." Leider fehlt hier die - gerade bei dem Maler Eißfeldt so wichtige - Farbe. Hermann Eißfeldt wird hier als "Freund" Erich Ludendorffs bezeichnet. Es gibt sicherlich nicht viele, die Erich Ludendorff noch in späteren Jahren so benannt hat. Dieses Porträt wurde auch als Postkarte verkauft, zusammen mit der Signatur von Erich Ludendorff (Abb. 24).
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| Abb. 20: Feier der Goldenen Hochzeit des Prinzen Leopold und der Prinzessin Gisela von Bayern am 20. April 1923 zelebriert von Nuntius Pacelli - Links der Neffe des Prinzen, Kronprinz Rupprecht, rechts von Pacelli der Sohn des Prinzen Leopold, Prinz Georg von Bayern als Priester - Gemalt von Hermann Eißfeldt 1923 (Stammtafel: hdbg) |
Das nächste Ludendorff-Porträt von Hermann Eißfeldt, das öffentlich wurde, wurde in dem voluminösen Band "Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen" veröffentlicht, der ein Jahr nach dem Tod Erich Ludendorffs 1938 erschien (Abb. 25). Es scheint das reifste Ludendorff-Porträt von Eißfeldt zu sein. Schließlich wurde 1940 im ersten Band der Lebenserinnerungen von Erich Ludendorff ein weiteres Ludendorff-Porträt von Eißfeldt veröffentlicht (Abb. 22).
2004 wurde dann eines der Porträts von Mathilde Ludendorff bekannt, geschaffen von Hermann Eißfeldt (Abb. 26) (9, S. 207).
Der Tod von Hermann Eißfeldt - März 1929
Als Todesdatum von Hermann Eißfeldt ist der 9. März 1929 verzeichnet.
Hermann Eißfeldt ist nur 53 Jahre alt geworden, sein Sohn war zu diesem Zeitpunkt erst zehn Jahre alt. Über die Umstände des Todes von Hermann Eißfeldt hat sich das Ehepaar Ludendorff Gedanken gemacht, wußte dabei aber offenbar nicht sehr viel über die familiären Hintergründe Hermann Eißfeldts, die jedenfalls nicht erwähnt werden.
Erich Ludendorff schreibt in seinen Lebenserinnerungen das folgende über Hermann Eißfeld (8, S. 230):
Die Monate März und April (1929) waren in der Tat keine einfachen Monate. Wir erlebten in ihnen auch Todesfälle, die uns nahe berührten. In mein Leben war der Kunstmaler Hermann Eißfeldt getreten; ich sprach schon von ihm im 1. Bande, als ich erzählte, daß ihm ein Auftrag, ein bestimmtes Bild zu malen, wieder entzogen wurde, weil er den "Antichristen" Ludendorff gemalt hatte und für diesen eingetreten war. Maler Eißfeldt hatte eine Reihe guter Bilder von mir und später auch von meiner Frau in seiner tiefen Verehrung für uns gemalt, obschon er wußte, daß diese Bilder damals nicht in die Öffentlichkeit irgendwie dringen würden. Das Bild des Feldherrn Ludendorff oder der Philosophin Frau Ludendorff aufzuhängen, war zu jener Zeit ja beinahe ein Staatsverbrechen. Maler Eißfeldt schloß sich auch meinem Freimaurerkampf an und war tief von seiner Richtigkeit durchdrungen. Vor unserer Winterreise im Januar (1929) führten wir noch Gespräche mit ihm durch den Fernsprecher, nach der Rückkehr waren wir durch die dargelegten Verhältnisse so beschäftigt, daß wir nicht gleich die Verbindung mit ihm wieder hatten aufnehmen können. Plötzlich hörten wir, er habe sich in der psychiatrischen Klinik das Leben genommen, ein Fall, der uns gerade in dieser Klinik als Unmöglichkeit dünkte. Wir hörten nun auch, daß er in aller Stille bestattet werden sollte. Meine Frau und ich konnten jetzt wenigstens noch mit Deutschen Gesinnungsgenossen an der Feier teilnehmen; ich hielt eine kurze Ansprache und schloß mit dern Worten:
"Wir Tannenberger in ganz Deutschland werden den edlen Deutschen und begabten Künstler, der mit uns für des Deutschen Volkes Freiheit kämpfte, und sein tragisches Geschick nie vergessen."
Daß ich den toten Künstler nie vergessen habe, das zeige meine vorstehende Darstellung.
Mathilde Ludendorff ist in ihren Lebenserinnerungen ebenfalls auf die Bekanntschaft mit Hermann Eißfeldt eingegangen.
Sie schreibt (7, S. 28-31):
Ein anderes Ereignis lenkte uns rasch ab. Gleich nach unserer Heimkehr von Tegernsee hörten wir, daß der Maler Eißfeldt gestorben sei, er sollte "in aller Stille" beerdigt werden.
Noch am Tage unserer Abreise, also vor nicht einer Woche, hatten wir ihm telefonisch mitgeteilt, daß wir von unserer Vortragsreise zurück seien und nun unser Versprechen, ihn in seinem Atelier zu besuchen, damit er an den neu geplanten Bildern weiterarbeiten könne, sofort nach unserer Rückkehr von Tegernsee - also neun Tage später - erfüllen würden. Er sagte noch, er wolle uns manches erzählen, was uns sicher auch interessieren werde. - Und nun? Nun sollte er, wie man uns sagte, schwermütig über eine Erkrankung seiner Frau selbst in die psychiatrische Klinik gegangen sein und sich dort (!) in der dritten Nacht erhängt haben! Das war sehr verwunderlich, fast "legendär". Einmal, weil seine Stimme so frisch und gesund geklungen hatte, als wir vor wenigen Tagen mit ihm sprachen, zudem aber, weil diese Todesart an diesem Ort annähernd unmöglich zu nennen ist! Die psychiatrische Klinik, die nicht in allen Fällen heilen kann, hat vor allem die Aufgabe - und erfüllt sie gewissenhaft -, Menschen in schwermütiger Gemütsverfassung vor dem Selbstmord zu schützen. Als ehemaliger Assistent dieser Klinik kannte ich die Separatzimmer, deren eines der Tote drei Tage bewohnt hatte. Es fehlte dort an den Fenstern und Wänden, am Bett und an der übrigen Inneneinrichtung jede Möglichkeit des Erhängens! War Eißfeldt wirklich in der Stimmung, in den Freitod zu gehen, so bestand hierzu überall auf der Welt weit eher die Möglichkeit als in der Klinik, in die er selbst gegangen war! -
Uns traf der Tod tief, denn wir hatten die stille, vornehme Seele des Künstlers liebgewonnen. In seiner großen Verehrung für den Feldherrn hat er viele gute Bilder von ihm gemalt und war so rührend dankbar für jede Minute, die mein Mann in seinem Atelier verbrachte. Ein drittes Bild von mir wollte er eben beginnen, da die beiden vollendeten ihn nicht voll befriedigten. Uns waren die Besuche seines schönen, stillen Ateliers in der Widenmayerstraße ein liebes Ausruhen vom Kampfe, der doch oft so häßlich und lärmend von unseren Gegnern geführt wurde. Während er an seinem Bilde malte, erzählte man ihm vom neuesten Geschehen, denn er war begeisterter, aus ganzer Seele überzeugter Mitkämpfer, oder er berichtete über Ereignisse aus seinem eigenen Leben, die er nun erst in den inneren Zusammenhängen begriff. So erzählte er auch, wie er den Auftrag erhalten habe, ein Bild des Nuntius Pacelli zu malen, und nach diesem Auftrag zufällig bei einem Abendessen in einem streng katholischen Adelshause mit höchsten katholischen Geistlichen zusammentraf.
"Höchste katholische Geistliche" - dabei kann es sich ja eigentlich nur um Geistliche wie den Kardinal Faulhaber handeln.
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| Abb. 22: Hermann Eißfeldt - Erich Ludendorff (aus 8) |
Und weiter (7, S. 28-31):
Bei Tisch fielen so unglaubliche Schmähworte über Ludendorff, daß er sich ausbat, nicht derart in seiner Gegenwart zu sprechen; er verehre den Feldherrn. Die Geistlichen verabschiedeten sich von der Wirtin mit den Worten, sie hätten sich gefreut, in diesem Hause so gesunde Ansichten zu hören! Wenige Wochen darauf erfuhr der Maler, daß der Auftrag, den Nuntius zu malen, ihm entzogen worden sei. So erzählte er noch manches interessante Erlebnis, während er die Bilder vollendete, die er zuvor weitgehend vorbereitet hatte. Und nun hatte er sich in der psychiatrischen Klinik, dem ärztlich so gründlich überwachten Schutzorte vor Selbstmord, erhängt? Warum denn nicht zu Hause, warum nicht in seinem Atelier, wo dies so überaus leicht möglich war und nicht behindert worden wäre? Sehr merkwürdig!
Der Beerdigung "in aller Stille" gab nun der Tannenbergbund ein etwas anderes Gepräge. Es erschienen zahlreiche Mitglieder der Ortsgruppe. Obwohl der Verstorbene ein hochangesehener Münchner Künstler war, waren nur etwa 6 Menschen außer unserem Bunde an der Bahre; einer von ihnen legte einen Kranz aus dem Kreise der Künstler nieder. Nach den mehr als sonderbaren Worten des Geistlichen trat Ludendorff mit unserem Kranze an die Totenbahre und sprach ehrende Worte über den Künstler, Mitkämpfer und Freund, der uns genommen worden war.
Ich sorgte auch dafür, daß in der "Deutschen Wochenschau" über den Tod Eißfeldts berichtet wurde. Bei Ausstellung der Werke des Künstlers im Kunstverein zu Ehren des Toten war kein einziges der etwa 10 Bilder von Ludendorff, die das Glück und der große Stolz des Toten waren, mit ausgestellt. Lange ging uns sein Tod mit allen Nebenumständen nach, und wenn wir auf die Bilder des Künstlers in unseren Arbeitsräumen blickten, dann tauchten er selbst und sein Schicksal wieder in unserem Erinnern auf.
"Nur etwa sechs Menschen"? Waren denn gar keine Verwandten gekommen? Weder aus der großen Braunschweiger Eißfeldt-Familie noch aus der großen von Zügel-Familie?
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| Abb. 23: Erich Ludendorff - Nach einem Gemälde von Hermann Eißfeldt (in: "Ludendorffs Volkswarte", 6.4.1930) |
Den Worten ist zu entnehmen, daß ein von Hermann Eißfeldt geschaffenes Porträt von Mathilde Ludendorff der Öffentlichkeit bislang nicht zugänglich ist ("ein drittes Porträt von mir wollte er eben beginnen"). Das heißt, es gibt ein zweites außer dem hier in den Beitrag eingestellten (Abb. 24).
An diese Zitate knüpfen sich viele Fragen an. Man weiß aktuell überhaupt nicht, wie über den Tod von Hermann Eißfeldt in seiner eigenen Familie gedacht wurde, wie er erlebt wurde. Der Enkel Franz Hegenbarth erwähnt diesen Tod mit keinem Wort. Es wird auch keine "Depression" der Ehefrau von Hermann Eißfeldt erwähnt, die zu diesem Zeitpunkt Mutter zweier minderjähriger Söhne ist.
Im "Adreßbuch für München" für das Jahr 1930 ist Emma Eißfeldt als "Kunstmaler-Witwe" verzeichnet wohnhaft in der "Poßartstraße 24/2" (GB), außerdem Heinrich Ritter von Zügel, Geheimer Hofrat, Akademieprofessor a.D. - Wohnung und Werkstatt in der Possartstraße 24/0 (1930, S. 708).
| Abb. 24: Hermann Eißfeldt - Erich Ludendorff |
Heinrich von Zügel lebte noch bis 1941. Über sein letztes Lebensjahrzehnt gibt es widersprüchliche Angaben. Einerseits lesen wird (Chiems):
Zügel litt in seinen letzten Lebensjahren, die weitgehend ohne malerische Zeugnisse blieben, unter schweren Depressionen. Gestorben am 31. Januar 1941.
Nach diesen Zeilen hatte er also Depressionen ebenso wie dies von seinem Schwiegersohn Hermann Eißfeldt berichtet oder auch nur behauptet wird.
Andernorts liest man aber sehr viele begeisterte Worte über den "Durchbruch" des Künstlers Heinrich von Zügel zum Impressionismus (Wiki):
Noch in hohem Alter gelangen Zügel impressionistische Werke voller Leichtigkeit und Frische, z. B. der „Blick auf Murrhardt“. Im Alter von 77 Jahren entstand noch ein eindrucksvolles Selbstporträt. Aus Anlaß seines 90. Geburtstags widmete ihm die NS-Kunstzeitschrift "Die Kunst im Deutschen Reich" einen ausführlichen Artikel.
Andernorts liest man (NordOst):
Nach seiner Emeritierung 1922 bezog er mit seiner Familie eine großzügige Villa mit Atelier und Wohnung in der Possartstraße 24 in Bogenhausen und malte dort bis ins hohen Alter. Sein Enkel Franz Hegenbarth berichtet, daß er gerne von seinem Atelier in der Possartstraße zur nahen Gastwirtschaft "Bogenhauser Hof" spazierte, um einen ausgiebigen Frühschoppen einzunehmen. Heinrich von Zügel starb am 30. Januar 1941 mit 91 Jahren in München.
In der "Zügel-Villa" in Bogenhausen ist heute die angesehene Münchener Immobilienfirma von Andreas Eissfeldt ansässig. Es handelt sich um einen Enkel von Hermann Eißfeldt.
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| Abb. 25: Erich Ludendorff - Gemälde von Hermann Eißfeldt (aus 6) |
Aus der Enkelschar heraus ist gemäß einer Zuschrift vom 1.9.2025 zu erfahren, daß es innerhalb der Familie nur sehr spärliche Informationen über den Großvater gibt. Alle, die ihn persönlich gekannt hätten, seien schon gestorben.
Zum Nachleben sonst: Ausgerechnet in der Stadt Wörth am Rhein sind Heinrich von Zügel und mit ihm auch Hermann Eißfeldt in Erinnerung geblieben. Denn hier hat Heinrich von Zügel mit seiner großen Schülerschar geradezu eine "Tiermalschule" begründet. Wörth am Rhein liegt 13 Kilometer westlich von Karlsruhe. Die Stadt Wörth am Rhein hat Heinrich von Zügel und seinen Schülern bis heute ein ehrendes Gedächtnis bewahrt.
Es gibt dort nicht nur eine Zügelstraße, sondern auch eine Eißfeldtstraße (s. GMaps). Darüber lesen wir (1, S. 61)(GB):
Außerdem ehrte die Gemeinde bisher die Zügelschüler Otto Dill, Hermann Ebers, Eissfeldt, Emanuel Hegenbarth und Julius Paul Junghanns, indem sie am 23. Januar 1950 und am 28. Dezember 1964 Straßen nach ihnen benannte.
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| Abb. 26: Mathilde Ludendorff - Gemalt von Hermann Eißfeldt - (zw. 1926 und 1929) (9, S. 207) (Wiki) |
Und es wird berichtet:
Bürgermeister Börckel betonte in seiner Festansprache: "Sie haben mitgeholfen, unserm Dorfe das Gepräge eines Malerdorfes zu geben. Sie haben dazu beigetragen, daß unser Ort in der Geschichte der Malerkunst zu hohem Ansehen gelangte."
Soweit zunächst, was über das Leben von Hermann Eißfeldt und seiner Familie in München, Wörth und Paris in Erfahrung zu bringen ist. Weitere Erkenntnisse sollen nach und nach auch künftig noch in diesen Blogbeitrag eingepflegt werden.
Abschließende Worte
Man darf vielleicht sagen: Im Lebensschicksal von Hermann Eißfeldt könnten inhaltliche Aspekte der Werke seines Lehrers Jean-Paul Laurens auf eine ganz eigene Weise weiter gewirkt haben. Und mit diesen inhaltlichen Aspekten scheint er über seinen doch recht großen persönlichen Freundeskreis unter Maler-Kollegen und auch über den recht großen Kreis seiner familiären Angehörigen weit hinaus gewachsen zu sein. Denn es ist bislang von niemand ihm Nahestehenden auch nur ein einziges Sterbenswort über diese Seite seines Wirkens zu hören gewesen.
Wahrlich ein ... "Mysterium".
Steht Hermann Eißfeld ebenso einsam vor der Nachwelt wie einst Robert der Fromme nach seiner Exkommunikation durch die Kirche? Hat Satan in diesem Fall den Sieg behalten über den Erzengel Michael, bzw. über den "Engel der Freiheit" - wie das alles so erschütternd dargestellt worden war - schon Jahrzehnte zuvor - durch seinen Lehrer Jean-Paul Laurens (StgNat2025)?
Das Schweigen der Nachwelt über all das spricht im Grunde viel zu laut - als daß es in irgendeiner Weise anders sein könnte.
Es bestünde überhaupt kein Anlaß, sich mit den Anliegen der Kirchen- und Christentums-Kritiker Erich und Mathilde Ludendorff umfassender zu identifizieren, wenn man denn nur feststellt: Ja, Hermann Eißfeldt war ein Schüler von Jean-Paul Laurens. Und: Ja, er war das in einem tieferen und umfassenderen Sinne als die Nachwelt das bislang offenbar hat zur Kenntnis nehmen wollen.
Im übrigen ist der größte Teil der Kirchen- und Christentums-Kritik des Ehepaares Ludendorff erst nach dem Tod von Hermann Eißfeldt überhaupt erschienen, angefangen mit ihrem Buch "Das Geheimnis der Jesuitenmacht und ihr Ende", das sechs Monate nach seinem Tod, Anfang September 1929 erschien.
Eißfeldt wäre im übrigen nicht der einzige "bekannte" Kulturschaffende gewesen, der sich entweder zu dem antiklerikalen Wirken Erich Ludendorffs bekannt hätte - wie etwa auch der niederrheinische Schriftsteller Joseph von Lauff (1855-1933) (s. StgrNat2012) oder der gerne Porträts des Ehepaares Ludendorff schuf - wie etwa auch der Oldenburger Maler und Lokalhistoriker Bernhard Winter (1871-1964) (Wiki) (s. StgrNat2012).
Anhang
In den Anhang stellen wir verschiedene weitere Fotografien ein, die das Leben und familiäre Umfeld von Hermann Eißfeldt verständlicher machen können.
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| Abb. 27: Die von Hermann Eißfeldt errichtete "Zügel-Villa" in Bogenhausen von Westen aus gesehen - Aufnahme von 2011 (Wiki) |
Zunächst eine Fotografie der "Villa Zügel". Auch über Google-Streetview kann man sich ein Bild von der Villa machen (GMaps).
Dann eine kartographische Veranschaulichung der Lebensorte von Hermann Eifßeldt in Schwabing und Bogenhausen nördlich des Stadtzentrums von München und westlich und östlich der Isar und des Englischen Gartens (Abb. 28).
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| Abb. 29: Heinrich von Zügel - "Schwere Arbeit", 1908 Neue Pinakothek, München (Kunstk, Pinak) |
Mit einem Gemälde zum Thema "Schwere Arbeit" wurde Heinrich Zügel Mitte der 1870er Jahre bekannt. Bis 1928 hat er an vielen weiteren Versionen dieses Themas gearbeitet, hier eine Version aus dem Jahr 1908 (Abb. 29), es gibt weitere aus den Jahren 1909 (Wiki) oder 1928 (Meisterw).
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| Abb. 30: Hermann Eißfeldt - Schießscheibenbild - 1902 (aus 3) |
Hier das von Hermann Eißfeldt geschaffene Schießscheibenbild für die Künstler-Bauernkirchweih während des Karnevals im Jahr 1902
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| Abb. 31: General Krafft von Dellmensingen - Ohne Angabe des Künstlers ( - Eißfeldt?) (Yt) |
Hier ein weiteres Portrait des Generals Krafft von Dellmensingen mit der Frage, ob es von Eißfeldt stammen könnte. Das oben eingestellte Gemälde paßt aber besser zu der Malweise von Eißfeldt.
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| Abb. 32: Portrait seines Vaters Wilhelm von Zügel von Seiten des Bildhauer-Sohnes Willy von Zügel, 1917 (Kunstk) |
Im folgenden werden noch einige Werke des sieben Jahre älteren Schwagers von Hermann Eißfeldt, des Professors Emanuel Hegenbarth aus Dresden. Sie scheinen uns der Beachtung wert.
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| Abb. 33: Emanuel Hegenbarth - Junge Frau beim Lesen im Garten |
Abbildung 33 zeigt ein sehr impressionistisches Gemälde.
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| Abb. 34: Emanuel Hegenbarth - Sitzender weiblicher Akt |
Die Abbildungen 34 bis 36 weisen eher in Richtung Expressionismus.
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| Abb. 35: Emanuel Hegenbarth - Bock und Geiß |
Damit wird deutlich, daß sich Hegenbarth mit den verschiedenen Malrichtungen seiner Zeit sehr ernsthaft auseinandersetzte.
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| Abb. 36: Emanuel Hegenbarth - Weiblicher Akt |
____________________
- Hegenbarth, Franz (geb. 1907): Erinnerungen an meinen Großvater Heinrich von Zügel (1850-1941). In: Eugen Diem: Heinrich von Zügel und seine Zeit. Mit Beiträgen von Franz Hegenbarth, Manfred Bader und Wilhelm Steigelmann. Verlag Aurel Bongers, Recklinghausen 1986 (GB), S. 21-40
- Heinrich von Zügel, Eugen Keuerleber: Heinrich von Zügel 1850-1941 - Gemälde und Zeichnungen. Galerie der Stadt Stuttgart, 1981 (GB)
- von Ostini, Fritz: Die Schwabinger Bauernkirchweih. In: Velhagen & Klasings Monatshefte 1906/07, S. 697-708 (GB)
- Gerhard J. Bellinger, Brigitte Regler-Bellinger: Schwabings Ainmillerstraße und ihre bedeutendsten Anwohner. Ein repräsentatives Beispiel der Münchner Stadtgeschichte von 1888 bis heute. Books on Demand, Norderstedt 2012 (GB)
- Hermann Ebers (21.06.1881 – 10.02.1955): Aus meiner Studienzeit (pdf)
- Ludendorff, Mathilde (Hg.): Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen. Ludendorffs Verlag GmbH, München 1938
- Ludendorff, Mathilde: Statt Heiligenschein und Hexenzeichen - mein Leben. VI. Teil Freiheitskampf wider eine Welt von Feinden an der Seite des Feldherrn Ludendorff. Verlegt bei Franz von Bebenburg, Pähl 1968
- Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. II. Band Meine Lebenserinnerungen von 1926 bis 1933. Verlag Hohe Warte, Stuttgart 1951
- Duda, Gunther: Erich Ludendorff und der 9. November 1923. Der Freiheitskampf für unser Volk und den Durchbruch der Gotterkenntnis. Verlag Hohe Warte, Pähl 2004, S. IV und 207
- Eißfeldt, Hermann. In: Ludwig, Horst (Bearb.): Bruckmanns Lexikon der Münchner Kunst. Münchner Maler im 19./20. Jahrhundert. In sechs Bänden. Hier Bd. 5 (Geburtsjahrgänge 1871-1900), Bruckmann, München 1993 (Stdgesch)
- von Ostini, Fritz: Die Münchener Jahresausstellung im Glaspalast 1906. In: Die Kunst. Monatshefte für freie und angewandte Kunst. Bd. 15. Bruckmann München 1907 (GB)
- Wolter, Franz: Die Münchener Ausstellung im Glaspalast 1908. In: Die christliche Kunst. Jg. 1908/09, S. 44ff (GB)
- Wolter, Franz: Aus dem Kunstverein München. In: Die christliche Kunst, 1909, S. 132 (GB, Archiv)
- Hans Vollmer: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts. Unter Mitwirkung von Fachgelehrten des In- und Auslandes bearbeitet, redigiert und herausgegeben von (...). E. A. Seemann Verlag, Leipzig, Bd. II (E-J) 1955, S. 26
"Nieder mit Kahr, nieder mit Faulhaber!"
Die im vorigen Beitrag ausgewertete Internetseite pacelli-edition.de war zwischen 9. und 17. August 2025 nicht zugänglich. Wir hatten sie gerade erst in den ersten Augusttagen entdeckt und hatten uns in den letzten drei Blogartikeln umfangreich auf sie bezogen (der erste: Stgr2025).
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| Abb. 1: Die Feier der Goldenen Hochzeit des Prinzen Leopold und der Prinzessin Gisela von Bayern am 20. April 1923 zelebriert von Nuntius Pacelli - Links der Neffe des Prinzen, Kronprinz Rupprecht, rechts von Pacelli der Sohn des Prinzen Leopold, Prinz Georg von Bayern als Priester - Gemalt von Hermann Eißfeldt 1923 (Stammtafel: hdbg) |
An ihrer Herausgabe wird seit 2010 gearbeitet (Münster2010). Was in dem genannten Zeitrum (noch) öffentlich zugänglich war und ist, sind die Tagebücher des Münchener Kardinals Faulhaber (1869-1952) (Wiki). Auch sie sind herausgegeben worden - wie die Nuntiaturberichte des Nuntius Pacelli - von dem Kirchenhistoriker an der Universität Münster Professor Hubert Wolf (UniMünster). Professor Wolf gehört zu jenen Katholiken in Deutschland, die dem Papst in Rom so allerhand Schwierigkeiten bereiten und zum Beispiel die Aufhebung des Zölibats für katholische Priester fordern. Er wird deshalb dafür kritisiert, daß er "Protestantismus" in die katholische Kirche hinein tragen würde. Wie kann er nur! Er muß ein sehr schlechter Mensch sein. An der Herausgabe der Tagebücher des Kardinals Faulhaber arbeitet er mit seinen Mitarbeitern seit 2014 (Münster2014).*) Ein Überblick über die neuen Erkenntnisse aus den Tagebüchern von Seiten der Herausgeber findet sich auch (ProjektFaulhaber).
Das Ehepaar Ludendorff und der Kardinal Faulhaber haben sich immer einmal wieder aufeinander bezogen. Somit dürften sich die Lebenserinnerungen der Ludendorffs wie ein Spiegelbild zu den Tagebücher des Kardinals Faulhaber lesen. Die wesentlichsten Inhalte sollen im folgenden einander gegenüber gestellt werden, wobei allerdings wichtige Auszüge aus den Erinnerungen der Ludendorffs erst später ergänzt werden sollen. In den Dokumenten spiegelt sich ein ständiges Ringen zwischen den klerikalen Kräften in Bayern und Deutschland mit den antiklerikalen Kräften, deren Hauptvertreter zwischen 1923 und 1937 Erich Ludendorff war. Ab 1933 wurden auch andere antiklerikale Kräfte wichtig wie Alfred Rosenberg oder die Deutsche Glaubensbewegung unter Jakob Wilhelm Hauer.
Überblick: 1923 betreiben die klerikalen Kräfte in Bayern Wittelsbacher Separatismus, lassen dann aber den Hitler-Putsch scheitern, weil die völkischen Kräfte ihnen nicht klerikal genug sind, sondern sogar in zu großen Teilen dezidiert antiklerikal. Dadurch ziehen die bayerischen klerikalen Kräfte für ein Jahr lang den stärksten Haß vieler Volksteile innerhalb von München und Bayern auf sich. Da Hitler sich aber offenbar schon vor dem Putsch und verstärkt danach sehr versöhnlich gegenüber den klerikalen Kräften zeigt, kommt es im Jahr 1924 zur Spaltung der völkischen Kräfte. Ludendorff ist in ihnen zunehmend isoliert. Er wendet sich auch ab 1926 ganz vom Christentum ab, womit er sich für die nächsten Jahren noch weiter isoliert. Mit dem Beginn der Präsidialdiktatur ab 1930 und mit dem aus dem Ausland finanzierten Aufstieg Hitlers bekommen die klerikalen Kräfte dann endlich wieder jenes Oberwasser, auf das sie schon 1923 hingearbeitet hatten. Faulhaber gibt 1932 1000 Mark in die schwarze Kasse der Münchener Polizei, da sie so umfangreich antiklerikale Bücher und Schriften beschlagnahmt, insbesondere aus dem Haus Ludendorff. "Schmiergeld" vom aller Feinsten. Aber gegen die antiklerikalen Kräfte war offenbar jedes Mittel recht. Ab 1935 wendet sich erneut das Blatt, das "Neuheidentum", deren prominenteste Vertreter nun Alfred Rosenberg und Ludendorff sind, bekommt in Deutschland immer mehr Zulauf. Aber der Nuntius Pacelli hat längst durch Reisen nach Frankreich und die USA die Grundlagen gelegt dafür, daß Kardinal Spellman in den USA während des Zweiten Weltkrieges grünes Licht geben kann für die Zerschlagung des protestantischen Preußen durch die Sowjetunion und für seine Katholisierung durch die Westverschiebung Polens. Damit trat endlich jene Zerschlagung und Bolschewisierung Preußens ein, die die klerikalen Kräfte schon 1923 erwartet, wenn nicht erhofft hatten.
Im 20. Jahrhundert vollzog sich ein furchtbares Geschehen.
Soweit zur Einleitung, als Überblick und als Zusammenfassung.
***
Erich Ludendorff schreibt über die erste Zeit seines Lebens in Bayern ab dem Sommer 1920 (6, S. 136f):
Rom schob immer mehr das Haus Wittelsbach in den Vordergrund, um die Stärke des monarchischen Gedankens in Deutschland zu prüfen, unter Umständen einem monarchischen Deutschland ein römischgläubiges Fürstenhaus zu geben, falls andere Pläne nicht glückten (...) wie die Gründung einer Donau-Monarchie aus Süddeutschland, der Tschechoslowakei und Österreich oder eine andere Gestaltung Deutschlands durch völlige Zerschlagung Preußens unter Verstärkung Bayerns auf zu großen Widerstand stoßen sollte. Rom hatte viele Karten in der Hand, um sich Deutschland in die Hand zu spielen und den Protestantismus endgültig zu vernichten, dem ich damals angehörte. Es war klar, daß ich in dieses Wirrwarr politischer Bestrebungen nur erst allmählich und auch unvollständig Einblick gewinnen konnte. (...) Die leitenden römischen Priester in Bayern, Nuntius Pacelli und Kardinal Faulhaber waren bei solchen Bestrebungen die treibenden Kräfte. Ersterer glatt und elegant - ein verschlagener Italiener, letzterer mehr bäuerlich, aber mit der vollendeten Dressur des römischen Priesters, standen sie beide auf der Höhe ihrer Aufgabe. Von August 1920 an trat ich in dieses Intrigenspiel unerhörtester Art ein.
Im Juli 1922 fand der Hochverratsprozeß gegen Hubert Freiherr von Leoprechting (1897-1940) (Wiki) statt. Erich Ludendorff berichtet, daß er über die in diesem Prozeß aufgedeckten Zusammenhänge und die Schlußfolgerungen, die sie noch weiterhin erlaubten, zutiefst erschüttert war. Leoprechting hatte im Auftrag des französischen Gesandten Dard umfangreich an der Zerschlagung des Deutschen Reiches gearbeitet und dabei mit vielen führenden deutschen Politikern, Beamten und Presseleuten in Berlin und München in Verbindung gestanden, bzw. zusammen gearbeitet (6, S. 211):
Der Einblick erschütterte mich auf das Tiefste. So hatte ich mir die Umtriebe doch nicht vorgestellt. Noch mehr erschütterte es mich aber, daß selbst Deutschnationale und völkische Kreise ein Zerschlagen des Reiches für unabweisbar ansahen. (...) Es war für mich eine Genugtuung, daß die völkischen politischen Richtungen und die Kampfverbände, mit denen ich in Verbindung stand, den Gedanken der Einheit des Reiches durchaus hochhielten und allmählich an die Stelle der von Paris und Rom ausgehenden Parole "Los von Berlin" klar und deutlich die Parole "Auf nach Berlin" gaben, die von mir recht scharf betont war.
Vom 27. bis 30. August 1922 fand der Deutsche Katholikentag in München statt. Erich Ludendorff schreibt darüber in seinen Lebenserinnerungen (6, S. 213f):
In München fand der für 1922 vorgesehene Katholikentag unter außerordentlicher Beteiligung vieler Katholiken Norddeutschlands Ende August statt.
Er berichtet, er selbst sei von westfälischen Katholiken zu einer Veranstaltung im Löwenbräukeller eingeladen gewesen. Eine Bemerkung, die er dort zu einem protestantischen Sitznachbarn "über irgendein Wort des Kardinals Faulhaber gemacht" hatte, sei weiter verbreitet worden und habe "den Unwillen des Kardinals erregt". Faulhaber sei ein "hoher Grad persönlicher Eitelkeit" eigen gewesen. Ludendorff berichtet weiter (6, S. 214):
Bei diesem Katholikentag hatte nun Kardinal Faulhaber das auf alle Nationalen so gut berechnete Wort gesprochen "Die Revolution war Meineid und Hochverrat." Er konnte sich das leisten. Das Republikschutzgesetz galt für ihn nicht. Immerhin hatte er durch dieses Wort wieder die Erwartung geweckt, daß die bayerische Regierung doch schließlich gegen die Reichsregierung in Berlin stark handeln würde. Doch das erfüllte sich nicht.
Faulhaber selbst lehnte auch von vornherein jede Verantwortung ab für einen Rechtsputsch, falls ein solcher mit dem Katholikentag zeitlich zusammen fallen sollte.
1922 - Faulhaber zündelt mit Rechtsputsch - und fürchtet ihn
Schon zu dieser Zeit rechneten viele - auch Faulhaber - mit einem "Rechtsputsch" in München. Faulhaber schreibt darüber in seinem Tagebuch unter anderem:
Fürst Löwenstein (...). Die monarchistische Taste dürfte gar nicht angeschlagen werden: Als Lerchenfeld vom angestammten Königshaus sprach, ging ein Sturm durch die Halle - der Kronprinz blieb von den Studentenkommersen weg, obwohl er vorher zugesagt hatte, um keine Ovation hervorzurufen. Mit meinem Satz „Gottesrecht bricht Staatsrecht“ redete man auf katholische Offiziere ein, denn in jenen Tagen kriselte es sehr bedenklich für einen Rechtsputsch und ich dankte Gott als der Katholikentag vorüber war, ohne daß eine Explosion gekommen war. In meiner letzten Rede mußte ich deshalb die Verantwortung ablehnen, wenn ein Putsch zeitlich mit dem Katholikentag zusammenfallen sollte.
Genau diese "monarchistische Taste" hatte Faulhaber jedoch selbst schon in seiner Eröffnungsansprache angeschlagen, um dann aber diesbezüglich in seiner Abschlußrede für einen Rechtsputsch jede Verantwortung abzulehnen. Eine sehr widersprüchliche Haltung, die sich die Wege nach jeder Richtung hin offen ließ. Von Seiten der Herausgeber der Faulhaber-Tagebücher wird darüber geschrieben (ProjektFaulhaber):
Mit seiner in Teilen hochpolitischen Eröffnungsansprache, in der er die Revolution vom November 1918, die auf dem Weg zur Republik von Weimar nicht hinweggedacht werden konnte, als „Meineid und Hochverrat“ bezeichnete, provozierte der Erzbischof den Eklat, den er wenig später beklagte.
Faulhaber zündelt also einerseits mit dem Rechtsputsch, fürchtet sich aber zugleich vor ihm, will zumindest nicht für ihn verantwortlich gemacht werden. Leise, leise also heißt das Motto. Wenn es zum Rechtsputsch kommt, will die katholische Kirche nicht diejenige sein, die dafür verantwortlich gemacht wird. Zumal Faulhaber auch in Gegensatz geriet zu Adenauer, der die Weimarer Demokratie in Schutz nahm, und der den Vorsitz auf dem Kirchentag innehatte. Mit der Ausrufung der Monarchie hatten in Bayern im übrigen schon viele Kreise am 5. November 1921 anläßlich der Totenfeier für König Ludwig III. von Bayern gerechnet (Stgr2012).
1923 - Februar - Steht Kronprinz Rupprecht unter jesuitischem Einfluß?
Zwischen 1923 und 1929 ist der Graf Soden (Josef Graf von Soden-Fraunhofen) (1883-1972) (Wiki) Kabinettschef des Kronprinzen Rupprecht von Bayern. Am 18. Februar 1923 überbringt er dem Kardinal Faulhaber zwei Briefe, die der Kronprinz Rupprecht von katholischen Priestern erhalten hat (1):
Graf Soden: Bringt Grüße vom Kronprinzen und zwei Briefe von Geistlichen: Der eine will gerne Güter bewirtschaften mit Schwestern und davon den Arbeitern abgeben an Lebensmitteln - ohne Antwort; ...
... die Anfrage, den Münchener Arbeitern und ihrer Ernährungslage zu helfen, bleibt also offenbar "ohne Antwort". Sie stand nicht im Vordergrund der Anliegen des Kardinals Faulhaber. Und weiter (1):
... der andere, Franz Xaver Fuchs aus Bubach, Diözese Regensburg, fragt ihn ...
- also den Kronprinzen Rupprecht -
... aus, ob es wahr sei: „Mir wurden die Religionen eingebläut, darum habe ich keine“ - so habe ihm ein Kapuzinerpater gesagt, das könne nur Pater Coelestin gewesen sein, zu dem allein der Kronprinz sich einmal so geäußert hätte - „mit Unrecht Schwaighofer“.
Hier ist angesprochen der Pater Coelestin Schwaighofer (1863-1934) (2). Er war der Beichtvater von König Ludwig des III. von Bayern (1845-1921), des Kaisers Karl I. von Österreich (1887-1922), sowie seiner Ehefrau Kaiserin Zita von Österreich-Ungarn (1892-1989) (Wiki). Die Kaiserin Zita stammte aus Italien. Sie hat 1917 Separatsfriedensverhandlungen mit Frankreich begonnen, und zwar über ihre beiden Brüder, die belgische Offiziere waren. Es war das ohne Wissen des Deutschen Reiches geschehen. Als Clemenceau diese im Frühjahr 1918 bekannt gemacht hat, ist sie in Österreich im Frühjahr 1918 in stärksten Mißkredit geraten (Stichwort "Sixtus-Affäre"). Wir lesen (Wiki):
Die deutschnationale Mundpropaganda in Österreich bezeichnete Zita nun als „italienische Verräterin“ und Karl als einen „den hohen Frauen welscher Abkunft ausgelieferten Pantoffelhelden“. Der vom Kaiser 1917 enthobene Generalstabschef Conrad kritisierte später in seinen Memoiren den in Österreich-Ungarn eingerissenen „Defätismus“ und schrieb:„Besonders gefährlich aber waren diesbezüglich die Machenschaften, die Kaiserin Zita Hand in Hand mit ihrem Bruder Sixtus betrieb und in die sich der schwache Kaiser hineinreißen ließ, wobei es ihm nicht erspart blieb, in eine schiefe Stellung zu Deutschland zu geraten. Ein Schulbeispiel, wohin es führt wenn Frauenhände, wenn auch von den besten Absichten geleitet, sich in ernste politische oder militärische Angelegenheiten mengen.“
Welche Rolle hier der Beichtvater gespielt hat, ist vermutlich nie bekannt geworden. Sagen wir so: Die Kaiserin hätte auf ihr Handeln sicherlich verzichtet, wenn er ihr abgeraten hätte. Wir lesen weiterhin (Wiki):
2009 initiierte der Bischof von Le Mans, Yves Le Saux, das Seligsprechungsverfahren für Zita. Die katholische Kirche verehrt sie als Ehrwürdige Dienerin Gottes.
Das kann eigentlich nur heißen, daß sie im Einklang mit ihrem Beichtvater gehandelt hat. Was in dem Faulhaber-Tagebuch die Worte "mit Unrecht Schwaighofer" heißen, wird nicht ganz klar. Vielleicht gibt Faulhaber damit seine Meinung kund, daß ein Beichtvater solche Dinge nicht weiter erzählt haben könne, Schwaighofer würde hier also zu Unrecht verdächtigt. Weiter wird der Inhalt des Briefes des Franz Xaver Fuchs an den Kronprinzen Rupprecht folgendermaßen wieder gegeben (1):
2) Ob es wahr sei, daß er ...
- also wiederum der Kronprinz Rupprecht -
... an einer Tafel geäußert: „Jetzt kommen die Juden und Pfaffen dran.“ 3) Außer anderen Dingen „auf sinnlichem Gebiet“ (Unsichere Lesart. Weitere Lesart: „seinen Gebieten“), ob der Erbprinz in Ettal die Sterbesakramente aus Unglauben verweigert habe - jetzt schrieb er „ergebenst“, später wieder „alleruntertänigst“ - ich schicke Auszug an den Bischof von Regensburg.
Als Erbprinz wird hier von Seiten der Herausgeber allzu vorschnell der zweite Sohn des Kronprinzen Rupprecht identifiziert. Es war dies Albrecht von Bayern (1905-1996) (Wiki). Aber warum sollte dieser bis zum Jahr 1923 irgendwann einmal Sterbesakramente verweigert haben? Lag er irgendwann einmal "im Sterben" in jenen Jahren? Das finden wir nirgendwo erwähnt. Könnte es sich nicht eher um den Erstgeborenen Luitpold von Bayern (1901-27. August 1914) handeln, der 1914 mit 13 Jahren an Polio gestorben ist (Wiki)? Mit 13 Jahren könnte man schon einmal die Sterbesakramente verweigern, zum Beispiel wenn man bis dahin schlechte Erfahrungen mit Priestern gesammelt hat. Oder wenn sich der eigene Vater kritisch gegenüber der Religion geäußert haben sollte. Zwar ist Luitpold offenbar nicht in Ettal bei Garmisch-Partenkirchen, sondern in Berchtesgaden gestorben (Geni). Aber bei Gerüchten wie diesen kann so etwas ja leicht verwechselt werden.
Ein ziemlich aufmüpfiger, verwegener Geistlicher also, dieser Franz Xaver Fuchs aus Bubach. Er stellt dem künftigen König von Bayern doch allerhand inquisitorische Fragen. Als Geistlicher glaubt man womöglich gerne einmal, ein Recht auf so etwas zu haben. Andererseits könnte ein solcher Brief durchaus auch dazu gedient haben, ein etwaiges noch vorhandenes oder künftiges Schwanken in der katholischen Linientreue des Kronprinzen Rupprecht vorsorglich auszuschließen. Der Brief macht auch deutlich, daß Kronprinz Rupprecht manchen Anlaß gehabt haben könnte, womöglich noch bestehende Zweifel an seiner katholischen Linientreue tunlichst künftig auszuschließen und sich weiter um Vertrauen zwischen sich und der Kirche zu bemühen - zum Beispiel um deren politische Unterstützung nicht zu verlieren. Die Weiterleitung dieses Briefes an den Bischof von Regensburg sollte wohl dazu dienen, daß es nicht zu weiteren, solchen "zweifelnden" Briefen käme. Faulhaber äußert in keiner Weise, daß er diesen Bedenken des Geistlichen irgendeine reale Bedeutung zuschreibt. Faulhaber scheint sich der Linientreue des Kronprinzen längst völlig sicher zu sein. Er schreibt weiter:
Graf Soden beklagt sich, daß er persönlich verdächtigt würde, „der Kronprinz stehe unter jesuitischem Einfluß“, Ludendorff sei die Quelle - leider sei der Rektor Pfeilschifter ein Anhänger von Ludendorff.
Der jesuitische Einfluß auf den Kronprinzen Rupprecht, so lautet also der Verdacht, ginge über den Grafen Soden. Worauf sich dieser Verdacht gründet, ist vorderhand nicht gleich erkennbar. Vielleicht unter anderem auf dem Umstand, daß der Graf Soden das Wilhelmsgymnasium in München besucht hat, das - von Jesuiten gegründet - bis heute "von der tiefen Religiosität der Jesuiten geprägt" ist (Wilhelmgymn)**).
Hier geht es also um Zweifel innerhalb der katholischen Kirche aus ganz anderer Richtung dahingehend, ob der Kronprinz Rupprecht der geeignete Mann sei, um die Monarchie in Bayern wieder aufzurichten. Sogar Katholiken wie der hier erwähnte katholische Theologe, Kirchenhistoriker und Rektor der Universität München Professor Georg Pfeilschifter (1870-1936) (Wiki), unterstellen, daß dieser jesuitische Einfluß über den Grafen Soden ausgeübt wird und sehen diesen Umstand kritisch.***) Man beachte, daß dieser Verdacht nach diesem Tagebucheintrag mit keinem Wort zurück gewiesen wird oder als lächerlich hingestellt wird. Es gibt in jedem Fall ein "Murren" innerhalb der katholischen Kirche selbst, auf das Kronprinz Rupprecht den Kardinal Faulhaber aufmerksam macht - womöglich damit dieser dann nicht allzu überrascht ist, wenn er von diesem Murren von anderer Seite aus erfährt. Und womöglich, um gegen dieses Murren innerhalb der Kirche ihm gegenüber vorzugehen. Der hier erwähnte Pfeilschifter übrigens (Wiki) ...
... gab 1918 eine dreibändige Sammlung der Feldpostbriefe katholischer Soldaten heraus. Eine Zusammenfassung erschien sogar in französischer Sprache.
Er hat dann 1925 die Vorläufer-Organisation der heutigen Goethe-Institute mitgegründet, nämlich die "Deutsche Akademie". Sie sollte (Wiki) ...
... "durch die Nation und mit der Nation (...) einem freien deutschen Volkstum helfen, in zäher und zielbewußter Arbeit seinen Platz an der Sonne wieder zu erringen."
Einer von vielen Katholiken in Bayern also, die vom völkischen Geist der Zeit "angefressen" waren, und deshalb jesuitischen und ultramontanen Bestrebungen innerhalb der katholischen Kirche äußerst kritisch gegenüber standen.
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| Abb. 2: "Ludendorff hat alles auf sich bezogen" - Deutscher Tag in Nürnberg (Wiki), 2. September 1923 - "General Ludendorff schreitet die Front der Hakenkreuzler ab." (Fotograf: Georg Pahl) |
Es ging also in der Übergabe dieser Briefe darum, die "eigenen Reihen" unter den Katholiken zu schließen und sie auf einheitliche Linie zu bringen. Kronprinz Rupprecht möchte das Vertrauen vergrößern, daß zwischen ihm und der katholischen Kirche besteht, indem er diese Briefe weiter leitet. Dieses Vertrauen ist ihm wichtig. Er steht ihm nicht gleichgültig gegenüber. Es war das ja auch zu jener Zeit, in der die Feier der Goldenen Hochzeit seines Onkels, des Prinzen Leopold von Bayern, zusammen mit dem Nuntius Pacelli vorbereitet worden ist. Pacelli war dem Kronprinzen schon zu diesem Zeitpunkt wichtiger als der Kardinal Faulhaber, denn Pacelli wurde gefragt, die Feier zu zelebrieren, nicht Faulhaber (s. Abb. 1). Das Bündnis mit der Kirche dürfte dem Kronprinzen auch deshalb so wichtig sein, weil er in Bayern starke Gegner seiner Pläne hat. Dies ist vor allem der General Ludendorff.
1923 - September - Pacelli - "Bayern wird sich vom Deutschen Reich trennen"
Am 10. September 1923 hat Faulhaber ein Gespräch mit dem Nunitus Pacelli. Er schreibt danach in sein Tagebuch:
Nuntius: (...) Konkordat (...). Kahr war bei ihm und sprach nur vom König, und es sei allgemein bekannt, wenn Stresemann abgewirtschaftet hat und eine linke Regierung kommt, dann wird Bayern sich trennen. Rupprecht habe gegen Ludendorff ohne Namen zu nennen Stellung genommen: Es gebe Leute, die eine führende Rolle spielen wollen. Soll auch später nach Adelholzen kommen.
Faulhaber zog sich Zeit seines Lebens gerne in das Schwesternheim (Wiki) der "Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul" nach Bad Adelholzen bei Traunstein bei den Adelholzener Alpenquellen (Wiki) zurück. Einem ehelosen Priester werden ja "Barmherzige Schwestern" mitunter ganz gut tun. Für Adelholzen war also offenbar auch der Kronprinz Rupprecht angekündigt (oder von Kahr?).
Hier werden also klar die klerikal-Wittelsbacher Zielsetzungen in diesem Herbst 1923 benannt: Bayern wird sich von Berlin "trennen", sobald es zu einem Linksruck in der Berliner Regierung kommt. Dann wird es zusammen mit Österreich eine "Donaumonarchie" begründen. So sollte es später immer wieder empört auf den Straßen Münchens benannt werden (siehe unten).
1923 - September - "Ludendorff hat alles auf sich bezogen"
Am 22. September 1923 hat Faulhaber ein erneutes Gespräch mit dem Grafen Soden, dem Kabinettschef des Kronprinzen Rupprecht. Dieser berichtet über die Rede des Kronprinzen Rupprecht von Bayern vor dem Offiziersverein in München (hier genannt Tuefo):
Tuefo, 22.9.23. Im Auftrag seines Herrn Gruß. Die Rede hat geistigen Eindruck gemacht und wurde verstanden. Der Anlaß: Der Tag in Nürnberg gut gelaufen, wieder einmal weiß-blau und schwarz-weiß-rot - aber Ludendorff hat alles auf sich bezogen.
Es ist vom "Deutschen Tag" in Nürnberg die Rede. Ludendorff hat den "Weiß-Blauen" zu sehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden. Drei Jahre später sollte Ludendorff über den für das Jahr 1926 geplanten "Deutschen Tag" in Nürnberg - diesmal unter der Schirmherrschaft des Kronprinzen Rupprecht - schreiben (in "Deutsche Wochenschau" vom 1. August 1926) (zit. n. Stgr2015):
Es gab einmal einen "Deutschen Tag" in Nürnberg, der war am 2. September 1923. (...) Kronprinz Rupprecht war nicht erschienen, der Tag war ihm zu völkisch. General Ludendorff und Hitler standen im Mittelpunkt der Feier; vor allem wurde Ludendorff stürmisch begrüßt und gefeiert. Das war zugleich das Signal für Rupprecht, gegen ihn Stellung zu nehmen, wie das wenige Tage darauf im N. D. O. in München erfolgte.
N. D. O. steht für Nationalverband Deutscher Offiziere. Auch Ludendorff empfand es also so, daß er auf dem "Deutschen Tag" in Nürnberg sehr stark im Mittelpunkt stand (s. Stgr2015). Der Graf Soden äußerte weiterhin über Ludendorff laut des Tagebuches von Faulhaber:
Eine Äußerung von ihm
- also Ludendorff:
Wir marschieren nach Berlin und machen linksum gegen Frankreich. Die drei Kampfverbände: Nationalsozialisten (aber mit Hitler nichts anzufangen), Reichsflagge (ihr geistiger Führer Heiß, Nürnberg, werde sich auch dem König gegenüber unterwerfen, glaubt man), Oberland ist bereits freiwillig dagewesen. Gedacht ist nach Artikel 48 der Verfassung ein /Unsichere Lesart. Weitere Lesart: an Staatskommissar, also legaler Anfang. Held war beim König und sagte: Es ist noch nicht die Stunde, aber wir müssen alles vorbereiten und Sie müssen hinter den Kulissen mitarbeiten. Seitdem tut das der König mehr wie früher. Das große Hindernis die Personenfrage, die Eifersucht: Ob Kahr oder Knilling. - Zwischen diesen beiden heute mittag eine Aussprache vor dem König. Eine andere wichtige Aussprache: Ludendorff.Hat sich beim König ungerufen melden lassen und wird heute erscheinen, und der König wird ihm ein klares Wort sagen. Respondeo (Lateinisch „Ich antworte“): Wenn Bayern wieder wie nach dem Dreißigjährigen Krieg Deutschland rette, dann muß es unter Führung von Bayern sein!
Rupprecht wird also durch den Vorsitzenden der Bayerischen Volkspartei Heinrich Held (1868-1938) (Wiki), der von 1924 bis 1933 als bayerischer Ministerpräsident amtieren sollte, zu mehr Mitarbeit aufgefordert "hinter den Kulissen". Und Rupprecht geht auf diese Aufforderung ein. Es wird hier deutlich, daß dieser Held geradezu mehr zu sagen gehabt haben könnte als Rupprecht selbst. Es wird deutlich, daß Rupprecht eher der "Geschobene" ist und weniger der "Schiebende". An anderer Stelle erscheint es eher umgekehrt, so daß die eigentlich Schiebenden noch andere gewesen sein werden. Faulhaber übernimmt in diesem Tagebuch-Eintrag auch seinerseits die Bezeichnung "König" für Rupprecht.
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| Abb. 3:"Ludendorff hat alles auf sich bezogen" - "Deutscher Tag, 2. Sept. 1923" - Erich Ludendorff neben dem Prinzen Ludwig von Bayern (Herkunft: Ebay, 4/2016) |
Und Faulhaber äußert sich im letzten zitierten Satz mehr als eindeutig. Er gibt in diesem nicht mehr nur die Meinungen und Berichte anderer wieder, sondern sehr klar seine eigene Meinung. Und das ist ein ziemlich krasser Satz, daß Deutschland im Dreißigjährigen Krieg von Bayern "gerettet" worden sei. Katholischer kann man sich gar nicht äußern als es hier zum Ausdruck kommt. Soll wohl der Massenmord von Magdeburg im Dreißigjährigen Krieg eine "Rettung Deutschlands" gewesen sein? Wovon? Doch nur vor dem Protestantismus. Aber welcher deutsche Protestant hätte jemals vom Protestantismus gerettet werden wollen? Was für ein krasser Satz also.
1923 - September - Will der Kronprinz Rupprecht in Frankreich "Eindruck machen"?
Nach dem Tagebuch Faulhabers berichtet ihm der bayerische Diplomat Alfred Graf Oberndorf am 23. September 1923 über die Stimmung in Frankreich:
Er hat eine Nummer in Temps mit boshaften Bemerkungen über die Rede des Kronprinzen - also nicht einmal das Abschütteln des Ludendorff hat dort Eindruck gemacht. Stresemann hat die Rede des Kronprinzen zweimal zitiert, offenbar um ihn zu ehren.
Hier hört man mehr oder weniger deutlich die Hoffnung auf Frankreich durch. Man will "Eindruck" gegenüber Frankreich machen, indem man sich Ludendorffs entledigt. Solche Worte, öffentlich bekannt geworden, hätten womöglich die Empörung im November 1923 über Faulhaber und die ihm unterstellte separatistische, klerikale Politik mit Hilfe der Wittelsbacher wohl noch leicht steigern können.
Erich Ludendorff schildert in seinen Mitte der 1930er Jahre niedergeschriebenen Lebenserinnerungen die unklare politische Lage Anfang November 1923, in der wiederum die bayerischen, monarchischen Kräfte mit dem Staatsstreich gegen die Berliner Regierung "zündelten", ohne diesen nun wirklich umzusetzen. Und er schreibt (6, S. 255):
In dieser Lage trat nun das scharfe Drängen zur Tat von völkischen Unterführern in Erscheinung; ob sie das aus sich heraus taten oder Suggestionen zufolge, die eine Auslösung des Staatsstreiches von völkischer Seite wünschten, um die völkische Bewegung zu zerschlagen, muß ich dahin gestellt sein lassen.
Er sieht also aus dem Nachhinein sehr wohl, daß diese Möglichkeit bestanden haben könnte. Er beschreibt überhaupt diese ganze Zeit zwischen 1919 und 1926/27 als einen persönlichen, politischen und weltanschaulichen "Lernprozeß". Aus dem Nachhinein beurteilt er dementsprechend Dinge oft anders als aus der jeweiligen Situation selbst heraus.
1923 - November - "Nieder mit Kahr, nieder mit Faulhaber!"
Umgekehrt gibt es dann längere Aufzeichnungen auch von Kardinal Faulhaber zu den Tagen rund um den 9. November 1923. Von der gleichen Stimmung wie diese Aufzeichnungen sind dann auch noch viele Tagebuch-Einträge des Jahres 1924 geprägt. Sie machen dem Nachlebenden - womöglich erstmals - mehr als deutlich, mit welcher kraß antiklerikalen Stimmung Faulhaber - zusammen mit Pacelli, dem Kronprinz Rupprecht, von Kahr und so weiter - während der Novembertage 1923 in München konfrontiert war. Kardinal Faulhaber und sein Umfeld hatten in dieser Zeit mehrfach große Sorge um das Leben des Kardinals. Er zog sich allerdings persönlich nicht aus München zurück wie dies der Vorsitzende der Bayerischen Volkspartei Heinrich Held tat und wie dieser dies auch Faulhaber anriet.
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| Abb. 3: Kronprinz Rupprecht und Kardinal Faulhaber 1921 (ProjFaulhaber) |
Es kam schließlich so weit, daß selbst das Milchmädchen keine Milch mehr an Faulhaber liefern wollte, so sehr fürchtete es die Anti-Faulhaber-Stimmung ihrer Mitmenschen in München (2):
Persönliches zum Hitlerputsch, 9. November 1923.8. November, abends 20.00 Uhr war eine Vertrauenskundgebung für Kahr im Bürgerbräukeller. Ich war bei den ausgewiesenen Pfälzern im Hotel Wagner, wo gegen 21.30 Uhr Expräsident Nortz mir mitteilte, Kahr sei von der Hitlergarde gefangen, Regierung gestürzt. Auf dem Heimweg war es noch ziemlich ruhig auf den Straßen.9. November. 1.00 Uhr kommt Stadtrat Rauch zu mir und teilte mit: Kahr Ministerpräsident (Was, Kahr? Gegen den richtet sich ja das Ganze, - Ja. Er habe zu Regierungsrat Sommer geäußert: Ich konnte nicht anders, ich bin gezwungen worden), Ludendorff Führer der Nationalarmee, Hitler Reichskanzler .... Er meint, ob man nicht Rupprecht morgen Früh vor die Truppe stellen soll - das scheint mir unmöglich. Er will aber zu Soden gehen, der inzwischen selber verhaftet wurde. Knilling sei bei der Verhaftung zusammengebrochen.7.30 Uhr (?) Dr. Brem - die Lage hat sich gedreht. 23.30 sei ein Funkspruch ergangen: Kahr, Lossow, Seisser hätten sich von Hitler losgesagt und rufen Reichswehr und Landespolizei auf, gegen ihn und für ihre rechtmäßige Regierung. Jetzt wäre wohl der Augenblick für Rupprecht einzutreten, wenn sie Herren der Lage bleiben. Er ersucht mich, wegzugehen.8.00 Uhr Dr. Ludwig Müller: Er habe Telefonat bekommen, die bürgerlichen Zeitungen dürften nicht erscheinen bei Todesstrafe. Er kam die Nacht natürlich nicht aus den Kleidern. Dringend bittet er mich, wegzugehen, es seien zum Teil die gleichen Elemente wie 1918. Das Stadtbild vormittags noch ziemlich ruhig, aber Nachmittag großes Gedränge auf den Straßen.Circa 10.00 Uhr Abgeordneter Mattes von Amberg - kommt wohl im Auftrag der Bayerischen Volkspartei, wenigstens sagt er: Wir waren heute Nacht im Frauenbund, Held ist nach Regensburg „verkrümmt“, - beschwört mich, fortzugehen, die kommenden Ereignisse seien unberechenbar. Auch wegen seiner zwei Schwestern in Indien im Kloster, von der französischen Oberin sehr mißhandelt - soll an den Bischof schreiben (ich würde seine Person bestätigen).Ammann junior. Bringt einen Brief von seiner Mutter: „Da beim Endkampf zwischen Kahr, Lossow, Knilling einerseits und Hitler, Ludendorff andererseits Überraschungen nicht ausgeschlossen sind,“ die Bitte, ich möge mich zurückziehen. Giehrl schreibt darunter, daß er ganz dieser Meinung sei und am liebsten persönlich gekommen wäre. Der junge Ammann fügt dazu, „auch uns, der Jugend, müssen sie sich erhalten“.Generalvikar Buchberger - war im Auto von Au zurückgekommen, unterwegs gar keine Controlle, auch nicht auf der Isarbrücke, wo sich die beiden Heere gegenüberstehen. Auch er bittet dringlich, nicht im Hause zu bleiben.Nachmittags 15.00 Uhr Baron Stengel (unbekannt - ich glaubte bei der Anfrage, er komme im Auftrag des Kronprinzen): Ob ich nicht vermitteln könne zwischen den beiden, die alle das Gleiche wollten - respondeo: Die wollen nicht das Gleiche, Kahr ist die rechtmäßige Regierung, die anderen sind Revolutionäre, er meint, es müßten eben alle von ihrer Stelle zurücktreten, was nicht einzusehen ist. Außerdem: Er hätte einen Handelsvertrag mit Amerika über die Schweiz und will mir lange und breit auseinandersetzen - er meint offenbar, ich gebe Geld dazu - „Also dann können Sie nichts tun“.Abends 18.30 Uhr zu Fuß ins Mutterhaus. Unterwegs bei den Anschlägen von Kahr stehen geblieben. Da fallen schon die Ausdrücke: Der Hund und andere Namen für Kahr. Die Anschläge zum Teil wieder abgerissen. Die Nacht war ziemlich ruhig. Zwar Schreien und Johlen vor der Chirurgischen Klinik und sonst in der Stadt, aber kein Schießen mehr.Samstag, 10. November, gehe ich früh 8.00 Uhr wieder zurück, weil 9.00 Uhr Ordinariatssitzung ist.14.30 Uhr mit Ministerialrat Sterner im Auto nach Töging zur Kirchenkonsekration. - In der Theatinerstraße berittene Landespolizei mit Lanzen und dahinter zwei Schutzmänner zu Fuß, um die Pfeifenden abzufangen.Sonntag, 11. November, abends 20.00 Uhr zurück im Auto (Rubenbauer hatte mich auf Anruf von Pfaffenbüchler im Bahnhof erwartet) - die zur Bewachung der Promenadestraße befohlenen Schutzmänner kommen eine Stunde später sich entschuldigen, „sie hätten gerade in einer anderen Straße zu tun gehabt“ - die Straßen im Osten der Stadt sehr leer, in der Maximilians- und Maffeistraße steht Reichswehr im Sturmhelm. - Ein Schutzmann versichert in der Maffeistraße dem Ministerialrat Sterner, es sei alles ruhig, es sei kein Streik - also fahren wir weiter. Die Promenadestraße aber plötzlich belebt, unser Wagen wird sofort umringt von etwa dreißig Männern - sie lassen mich aber schweigend durch, auch als ich noch einmal zum Wagen zurück ging - erst als ich im Hause war, ging das Pfeifen und Schreien los und nun erfahren wir: Gestern in der Universität Versammlung gegen mich, dann Zug durch die Stadt und die Schreie: Nieder mit Kahr, nieder mit Faulhaber, - abends hätte ein Student bei der Katzenmusik eine Rede gegen mich gehalten (in Wirklichkeit hat er nur gerufen „nieder mit Faulhaber“), - aber bald leert sich die Promenadestraße. - Sekretär Wehner hat zu viel Angst, im Hause zu bleiben und geht noch heim.Montag, 12. November. Früh 6.00 Uhr im Auto ins Mutterhaus - es ist noch dunkel - und dort den Vormittag geschlafen. Zucker trotzdem 0,4 und unregelmäßiger Puls.14. November, Mittwoch. Weil Besuchstag, 5.30 Uhr zu Fuß vom Mutterhaus zurück.Lurz schreibt lateinisch: Große Drohungen ausgestoßen, weil ich im Preysing-Palais mit Komissar Kahr und Prinz Rupprecht über die Donaumonarchie verhandelt hätte. Ich soll weggehen. 9.00 Uhr kommt Baronin Gebsattel: Die vaterländischen Verbände (mit vielen preußischen Generälen) verbreiten ein Flugblatt: Wer hat sein Wort gebrochen? Kahr. Beweis, um 1.00 Uhr nachts hat er Pöhner zugesichert, 3.00 Uhr war er bei Kardinal Faulhaber, 5.00 Uhr wurde Pöhner verhaftet - so wird gelogen. Gestern kam eine Schwester von den Guthirten an die Pforte: Sie hätte von der Frau eines Landespolizisten gehört, ich sei verhaftet. Herr Einweck, Schneider, schickte zwei Schwestern von der Löwengrube herüber, ich soll mich ja verwahren, er hätte so schreckliche Drohungen gehört.12.00 Uhr Press-Müller erkundigt sich nach weiteren Vorkommnissen. Es ist gut, daß der antikatholische Charakter der Bewegung rechtzeitig an den Tag kam. „Nieder mit den Pfaffen und Juden“ heißt auf einmal jetzt die Parole. 14. November wird vom Milchlieferanten mitgeteilt, die ganze Stadt schimpfe so und er könne keine Milch mehr liefern, wir hätten ja auch keine Karten, höchstens ein Viertel Liter, aber die Leute dürften es nicht wissen.Pater Heribert erzählt mir: Er war ausgegangen, um an seinem Habit die Stimmung zu probieren. Im Odeon habe einer eine Rede gehalten: Die erste Kugel für Kahr, die zweite Kugel für Faulhaber. Dann sei er zum Palais gegangen und habe lange warten müssen bis sie aufmachten. Inzwischen schreit einer: Da droben ist der Oberlump, und ein anderer: Der hat die Blutschuld von allen Toten. Also gerade wie beim Heiligen Vater für Duisburg.
Um zu verstehen, was mit dem letzten Satz gemeint ist, muß man länger recherchieren. Duisburg litt seit dem 8. März 1921 schwer unter der Ruhrbesetzung durch die Franzosen. Am 30. Juni 1923 hat es auf einer Rheinbrücke in Duisburg während der Überfahrt eines belgischen Militärzuges eine Explosion gegeben, bei der acht Menschen sofort starben und vier weitere später an den Verletzungen (Wiki). Die Belgier waren empört machten deutsche Attentäter und die Vermittlungsversuche des Papstes im Rheinland für das "Bombenattentat" verantwortlich, während deutsche Stellen von der Explosion eines Gasbehälters ausgingen. Am 9. Juli 1923 hatte Faulhaber über den Vermittlungsbrief des Papstes in seinem Tagebuch geschrieben:
Baron Cramer-Klett - kommt von Rom zurück. (...) Ein französischer Prälat hätte gesagt: „Der Brief des Papstes ist das Schriftstück eines Verrückten.“ Der belgische Gesandte hätte gesagt: Der Heilige Vater sei für das Blut an der Duisburger Brücke verantwortlich. Es sei unerhört, wie sich die Franzosen über diesen Brief aufgeführt hätten.
Zugleich hätte der Papst Faulhaber dafür gelobt, daß er sich nicht in die Politik einmischen würde. Faulhaber will hier also sagen, daß die katholische Kirche leicht für Dinge verantwortlich gemacht würde, auch wenn sie sich eher neutral verhalten will. Stresemann hatte dann im übrigen am 26. September 1923 den Abbruch des passiven Widerstandes an der Ruhr verkündet, womit Frankreich als "Sieger" da stand.****) Zurück zu Faulhabers Erlebnissen am 14. November 1923 in München:
Im Keller ein paar Fenster eingeworfen. Natürlich Schmähbriefe.Einer von den Vaterländischen schreit: Jetzt wird mir's aber dumm, jetzt wollen sie die Donaumonarchie aufrichten, jetzt mache ich nicht mehr mit.Freyberg erklärte Rauch beim Besuch: Er (Rauch) sei mit Kahr verwechselt worden, als er nachts bei mir war, und daher das Gerücht.Siehe die Zuschriften voll Teilnahme, die Erklärung des Aktionskomitées. Milchmädchen kündigt die Milch, weil so viel geschimpft wird.Unter den Briefen, die mich warnten nicht auszugehen, war auch einer von Lurz: Er erzählt mir 4.2.24 auf dem Philisterabend, Kreichgauer habe in den vaterländischen Kampfverbänden solche Reden gehört, daß er sich verpflichtet fühlte, mich zu warnen.
Ob man das aus anderen Quellen so gut erfahren könnte, wie stark antiklerikal die Stimmung in München war rund um den 9. November 1923? Der Nuntius Pacelli berichtet ähnliches, allerdings faßt er sich dabei kürzer. Dieselbe Stimmung wird auch sehr ausführlich in den Lebenserinnerungen von Mathilde Ludendorff geschildert, in dieser natürlich sozusagen "von der Gegenseite" her. Das mag womöglich künftig an dieser Stelle noch ergänzt werden.
1924 - Faulhaber bekommt Herzbeschwerden wegen des Wahlsieges der Völkischen
Faulhaber bricht seinen Urlaub ab, um auf die Verteidigungs- bzw. Anklagerede Ludendorffs im Hochverrats-Prozeß zu reagieren (ProjektFaulhaber, s.a. Kath2025 oder IFZMünch). Wir lesen dazu zusammenfassend:
Bis in das Frühjahr 1924 hinein wirft der gescheiterte Hitler-Ludendorff-Putsch vom 8./9. November 1923 seine Schatten. Ende Februar beginnt in München in der Infanterieschule der Hitler-Prozeß. Kardinal Faulhaber, der sich Mitte März nach Bad Adelholzen zurückgezogen hatte, ist schon nach wenigen Tagen gezwungen, seinen Erholungsurlaub beim Orden der Barmherzigen Schwestern zu unterbrechen, um durch eine Erklärung auf persönliche Angriffe des Generals a.D. und Putschisten Erich Ludendorff vor Gericht zu reagieren. Den 1. April, den Tag der Urteilsverkündung gegen Hitler, Ludendorff und ihre Mitverschwörer, erlebt Faulhaber in Spannung, weil Demonstrationen von Völkischen und Nationalsozialisten, die ihn weiterhin mitverantwortlich für das Scheitern des November-Putsches machen, vor dem Erzbischöflichen Palais angemeldet sind. Wenige Tage später, am 6. April, finden in Bayern Landtagswahlen statt. Das unerhörte Ergebnis der Völkischen, die landesweit 17 Prozent und in München gar 34 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten, überrascht den Erzbischof nicht, seien diese im Wahlkampf doch mit amerikanischer Reklame und der Stoßkraft des Neuen aufgetreten. Mit Herzbeschwerden erlebt Faulhaber die Siegesfeiern des völkisch-nationalen Blocks am nächsten Tag. Putschgerüchte, die im November zum ersten Jahrestag des gescheiterten Staatsstreichs in München kursieren, nennt er Gespensterfurcht. Mit Erleichterung und Freude registriert der Erzbischof schließlich den Zusammenbruch der völkischen Großmaultruppe bei den Wahlen vom 7. Dezember.
Am 29. März 1924 kommt es zum Abschluß des Bayerischen Konkordats (Wiki). Es wird dann im Januar 1925 ratifiziert - und zwar einerseits vom Nuntius Pacelli, andererseits vom bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held (s. Abb. 4).
Am 7. April 1924 schreibt Faulhaber etwa in sein Tagebuch:
Die Straße so aufgeregt nach dem „Sieg“ der Völkischen, daß ich nicht vor die Türe gehe und darüber wieder Herzbeschwerden bekomme.
Am 8. November 1924 schreibt er:
Samstag, 8. November. München nervös in der Erinnerung an die Ereignisse des vorigen Jahres - man redet viel von einem Putsch, der Rupprecht als König ausrufen soll - alles Gespensterfurcht. Ludendorff redet große Worte: Es sei ihnen ein Gottesdienst für die Gefallenen verweigert worden - was er sich wohl unter einem Gottesdienst für die Gefallenen denkt.
Am 7. Dezember 1924 schreibt er:
Sonntag, 7. Dezember. Wahltag für Reichstag und Gemeinde, aber ohne die Aufregung (...), weil die Völkischen (...) diesmal in heilloser Spaltung sind. Herr Pöhner ist am 2. Dezember ausgetreten und hat in letzter Stunde noch einmal dem Kriegsführer Ludendorff die Führerqualität abgesprochen. (...) Nachts, 22.30 Uhr, als die Resultate der Wahl und der Zusammenbruch der völkischen Großmaulgruppe bekannt wurden, fragt eine Frauenstimme am Telefon, ob und wann morgen der Herr Kardinal das Hochamt hielte. Nach den verschiedenen Drohungen könnte man mißtrauisch werden.
Man hört erneut die Sorge Faulhabers heraus bezüglich von Anschlägen auf seine Person.
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| Abb. 4: Austausch der Ratifikationsurkunden des Bayerischen Konkordats zwischen Nuntius Pacelli und dem bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held am 24. Januar 1925 (s. pdf) - Schräg links hinter Pacelli steht der damalige bayerische Justizminister Franz Gürtner (Wiki), der 1936/1937 als Reichsjustizminister die Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Priester hat führen lassen (GAj2011) |
Die hier erwähnte Spaltung innerhalb der völkischen Partei hatte sich unter anderem daraus ergeben, daß die Nationalsozialisten nicht mehr - so wie Ludendorff und die völkischen Parteien Norddeutschlands - gegen die katholische Kirche kämpfen wollten (Stgr2010, Stgr2014, Stgr2018).
1925 schloß Erich Ludendorff die wenigen Wehrverbände und Vereinigungen, die noch zu ihm hielten, zum Tannenbergbund zusammen. 1926 heirateten Erich und Mathilde Ludendorff. Erich Ludendorff trat aus der evangelischen Kirche aus. 1927 gab er sein berühmtes Buch gegen die Freimaurerei heraus, 1929 das Buch "Die Jesuitenmacht und ihr Ende". 1930 kam es zu dem plötzlichen, großen Wahlsieg der NSDAP in der Reichstagswahl und Ludendorff sollte im November 1931 an einen "Mitkämpfer" schreiben: "Möchte unser gemeinsamer Kampf die Deutschen vor ihrem grimmigsten Feinde, dem Nationalsozialismus bewahren". Er sah Hitler im Dienst "Roms" stehen und gab 1931 seine Schrift heraus "Hitlers Verrat der Deutschen an den Römischen Papst" (Arch).
1930 - "Ludendorff kann nicht verantworten, was er schreibt"
In dieser Zeit kam es zu den verschiedensten Annäherungen zwischen der katholischen Kirche und der NSDAP. Am 26. März 1930 notiert Faulhaber über ein Gespräch mit dem Theologiestudenten Josef Gigl, der zugleich Mitglied der NSDAP war:
Adolf Hitler hätte ihm gesagt, Ludendorff könne nicht verantworten, was er schreibe.
Die katholische Kirche sah immer mehr die Möglichkeit sich hinter dem Rücken der Präsidialdemokratie und schließlich Adolfs Hitlers zu verschanzen, um unter anderem die Angriffe Ludendorffs auf sich loszuwerden. Auch dieses Zitat wird sich auf Schriften des Ehepaares Ludendorff gegen die katholische Kirche und das Christentum beziehen.
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| Abb. 5: Angeklagt wegen Religionsvergehens - Schrift von Mathilde Ludendorff aus dem Jahr 1930 |
Es ist das dasselbe Jahr, in dem Mathilde Ludendorff wegen der Rezension eines priesterkritischen Buchs (Stgr2012) - und offenbar auf Anregung des erzbischöflichen Ordinariats in München - angeklagt wurde wegen Religionsvergehens. Sie brachte in dieser Sache eine eigene Schrift heraus, in die Kardinal Faulhaber nicht sehr gern wird hinein gesehen haben (Abb. 5).
1932 - Antikatholische Bücher "verbieten" und "beschlagnahmen"
Am 7. Januar 1932 heißt es in seinem Tagebuch über eine Besprechung über katholische Presseaktivitäten nur kurz:
Ludendorff: [ ... ] Bücher [ ... ] verbieten. Tannenberg-Studentenbund. Hier Versammlungen.
Am 6. Februar 1932 scheint er nach einem Gespräch mit dem Münchener Polizeipräsidenten Dr. Julius Koch sehr aufzuatmen und notierte über dasselbe:
Hat 1923 Ludendorff verhaften müssen. Die erste Begegnung. Hat im Saal allen Mitgefangenen die Hand gegeben. Volkswarte von 40 000 auf 26 000 herunter. Kurier habe nur 1 800. Hier werden kaum 100 Stück verkauft, sobald man etwas unternimmt, bekommt er Auftrieb. Seinen Laden an einem Tag dreimal ausräumen lassen und dann gedroht, es würde überhaupt geschlossen.
Damit dürfte die Ludendorff-Buchhandlung in München gemeint sein. Schon die abfällige Sprache macht deutlich, welche Gefühle hier im Spiel sind. Faulhaber notiert weiter über das, was ihm der Polizeipräsident berichtet hat:
Er läßt jeden Tag beobachten. Ludendorff ist hier durch von Rechts bis Links. Er sei nicht normal und besonders die Frau Mathilde. In den letzten Zeiten große Laster von Flugblättern und Broschüren beschlagnahmt und er empfand, daß sehr wohl ein Geschäftsmann.Noch mehr von den Bibelforschern ganze Waggons und zwar in ganz Bayern. Man soll ihm Broschüren zuschicken. Das Gehalt seiner Beamten sei gut, weil nicht gekürzt, aber für die schwarze Kasse der Direktion eine Beihilfe willkommen (1 000 M. übergeben).Man soll die Flugblätter einfach an ihn persönlich oder an die Direktion, Politische Abteilung schicken. Er verbiete nicht, weil gerichtlich zu langsam und zu unsicher, dagegen auf dem Wege der Verwaltung einfach Beschlagnahme - natürlich dürfe dann nicht der Kurier doch große Auszüge bringen. Mayer (vermutlich der Jesuitenpater Rupert Mayer) bringe die Polizei in furchtbare Verlegenheit. Je stiller es sei, desto besser.Also setze ich die für 29. Februar angesetzten Versammlungen ab.Er kann für ganz Bayern beschlagnahmen lassen.
Hier kommt klerikale Politik in Reinform zum Ausdruck. Da ist ein Katholik gegenüber dem Kardinal Faulhaber aber stolz, wie er mit den Kirchengegnern umspringt. Sie haben es ja offenbar nicht anders verdient. Faulhaber ist ganz begeistert: "Er kann für ganz Bayern beschlagnahmen lassen" - - - und gibt ihm prompt tausend Mark für die schwarze Kasse der Polizei. Wie irre ist das denn?!???!
Das ist Austrofaschismus in Reinform. So wünschte sich die katholische Kirche den ihr ergebenen Staat und natürlich auch das Dritte Reich. Daß sie genau so mit allen Kirchengegnern umspringen würden und kurzen Prozeß machen würden. Keine Gerichtsverfahren - einfach beschlagnahmen lassen alle kritischen Schriften, die der Kirche unerwünscht sind. Denn wenn man den Ludendorff öffentlich bekämpft, erhält er nur noch weiter Auftrieb.
Was steht alles in diesen - wenigen - Worten.
Innerhalb weniger Jahre haben sich jeweils viele Wandlungen vollzogen in dieser Zeit. Während die katholische Kirche vor und nach der Machtübernahme Adolf Hitlers noch kräftig im Aufschwung war, bekam sie das Erstarken des "Neuheidentums" innerhalb des Dritten Reiches ab dem Jahr 1935 immer stärker zu spüren. Viele Deutsche waren damals vom Kirchenkampf innerhalb der evangelischen Kirche abgestoßen und sind ab 1935 in wachsenden Zahlen sowohl aus der evangelischen wie der katholischen Kirche ausgetreten. Damit diese nicht direkt der Ludendorff-Bewegung in die Arme laufen würden, wurde von Jakob Wilhelm Hauer mit Unterstützung der SS die "Deutsche Glaubensbewegung" geschaffen, in der alle Nichtchristen gesammelt wurden - abgesehen von Erich und Mathilde Ludendorff.
Mit dieser "Glaubensbewegung" und mit Alfred Rosenberg ist Faulhaber in den nächsten Jahren noch häufiger beschäftigt als mit dem Haus Ludendorff. Es macht womöglich Sinn, seine Tagebücher nach diesen Suchworten zu durchsuchen. Am 21. Juli 1934 schreibt er:
Prälat Grabmann - (...) In der Universität sei alles durcheinander. Wenn sie Vortrag halten würden gegen Deutsche Glaubensbewegung, würde man ihre Vorlesungen stören.
Und am 23. November 1934:
Rechtssyndikus von Heeg, Traunstein. (...) Er: Hitler sei ja nicht katholisch, seine Umgebung feindlich. Respondeo: Ich bin der Auffassung, Hitler ist im Grund seines Herzens katholisch, aber natürlich das Buch von Rosenberg.
Solche positiven Stellungnahmen Faulhabers gegenüber Hitler finden sich sehr viele in diesen Jahren in den Tagebüchern.
1935 - "Der Kampf gegen die Kirche wird immer schärfer"
Am 4. April 1935 notiert Faulhaber in seinem Tagebuch, was ihm der alte, deutsche Vatikan-Diplomat Bogdan von Hutten-Czapski sagt:
Von Papen habe er nie etwas gehalten. Sein Stern im Sinken, aber Ludendorffs Stern im Steigen. Ich: Wenn er dadurch von der Religionsphilosophie abgelenkt wird, ist es gut.
Auch hier ist mit wenigen Worten sehr viel gesagt. Es ist fast eine witzige Bemerkung. Gegen einen "politischen" Ludendorff, gegen einen "militärischen" Ludendorff scheint Faulhaber gar nicht so viel zu haben. Aber wehe, wenn er an die Stelle der christlichen Religion eine neue Weltanschauung, eine neue Philosophie setzen will, "Neuheidentum" vertritt. Gut, wenn er von diesem Vorhaben abgelenkt werden sollte. So Faulhaber. Am 9. April 1935 notiert Faulhaber:
Ludendorff siebzig Jahre, in Tutzing gratuliert die Wehrmacht Blomberg, Fritsch, Adam. Der Führer hatte für Staatsgebäude Beflaggung angeordnet, kam aber nicht persönlich. Glückwünsche überhaupt wenig, als ob es nur die Wehrmacht gewesen wäre. Abends spricht Beck vom Reichswehr[ ... ] „Der Gott der Schlachten“ führte ihn zu großen Siegen. Er hätte nichts als gesiegt, aber die Oberste Heeresleitung und die parlamentarische Vertretung hatte nicht den Weitblick wie er.
Am 24. April 1935 hatte Faulhaber ein Gespräch mit Cesare Orsenigo, der in Rom war und zwar nicht mit dem Papst, aber mit Pacelli gesprochen habe über die "Katholische Aktion", und dem er gesagt habe "Wir werden tun, was der Heilige Vater befiehlt. Aber zu bedenken, daß ... mit einem Schwerthieb." Die hier schwer lesbare Stelle könnte vielleicht heißen: "daß das nicht geschieht". Nun referiert Faulhaber über das Gespräch mit ihm:
Was ist in diesen Wochen passiert? Der Kampf gegen die Kirche wird immer schärfer. Ludendorff zum Geburtstag überaus gefeiert. Hitler hat kein Telegramm geschickt und war nicht persönlich dort, wartete in München mit dem Marschallstab. Aber Blomberg hat es gemacht. Psychologisch. Hitler hat keinen Hindenburg und braucht doch für den Kriegsfall eine höhere Stelle. Ebenso will Blomberg die Verantwortung nicht tragen.
Der Kardinal Faulhaber denkt hier also den Kriegsfall schon sehr selbstverständlich mit. Die damaligen "Friedensschalmeien" Hitlers scheinen ihn also nicht besonders beeindruckt zu haben. Und ganz klar sieht auch Faulhaber dasselbe, was Mathilde Ludendorff sah: Die Wehrmacht will Ludendorff vor ihren Karren spannen, um selbst keine Verantwortung übernehmen zu müssen (Stgr2012, a).
Am 16. Juni 1935 kommt der Rechtsanwalt Alfred Etscheid zu Faulhaber. Er ist Vertreter der katholischen Kirche in den Devisenschieber-Prozessen, die damals großes Aufsehen erregt haben, und die die katholische Kirche sehr schlecht dastehen ließen:
Es handelt sich um die Devisenprozesse. Stehen noch 60 bevor, in dieser Woche die Borromäerinnen sehr schlimm, er hat drei Generalvicare zu vertreten: Generalvicar Hildesheim, Sachsen und eventuell Breslau. Einer frei geworden gegen Caution. War in Rom, 19. März beim Heiligen Vater (der ihm sagte: Auch die nicht betroffenen Orden müssen solidarisch handeln). Hat mit Schacht persönlich gesprochen: Aufgrund des Unterwerfungsverfahrens die entzogenen Summen und dazu die gleiche Summe in Devisen als Buße. Er selber schätzt zuerst auf 12 Millionen, Schacht ließ berechnen und kam auf 2,5 Millionen. (...) Ich erkläre: Das deutsche Volk wegen dieser Sache dermaßen aufgepeitscht und erregt, daß es eine friedliche stille Reglung nicht hinnehmen wird. Am wenigsten die Blätter wie Schwarzes Korps, Durchbruch und Nordland und ähnliche und die scheinen eine große Macht gegenüber der Regierung: Also müßte die Regierung eine Erklärung bereit halten, und wenigstens übergangsweise noch einige Prozesse, die leichtere Fälle sind ... Er meint: Das Volk habe es satt und man möge sich halt die Leiden vorstellen. Ich: Das ist wahr, keine Beichte ... Ich erkläre Ja aus folgenden Gründen: 1) Eine legale Sache. Unterwerfungsverfahren. Mit Schacht alles vorbesprochen. Das gleiche auch sonst angewendet. 2) Der Führer muß natürlich gefragt werden und seine Zustimmung geben. Wenn er Nein sagt, gehen die weiteren Prozesse ihren Weg, ist nichts zu machen.
1936 - Hitler taktiert gegenüber der katholischen Kirche
Am 10. August 1936 notiert Faulhaber:
Generalvicarstellvertreter Neuhäusler: (...) Der Prozeß gegen Ludendorff wegen Gotteslästerung?
Es müßte noch einmal genauer recherchiert werden, worauf sich das bezieht oder bezogen haben könnte. Vielleicht auf Schriften wie Ludendorffs "Das große Entsetzen - Die Bibel nicht Gottes Wort!"
Am 4. November 1936 ist Faulhaber auf dem Obersalzberg. Es macht sich danach Notizen über ein sehr kontroverses Gespräch mit Hitler. In diesem kommt auch Ludendorff vor. Hitler erklärt, er habe sich von Ludendorff getrennt, weil seine Frau eine neue Religion haben wolle. Faulhaber beschwert sich, daß die "Deutsche Glaubensbewegung" gegen die Kirche und die christliche Religion hetzen würde. Hitler weist immer wieder darauf hin, daß er viele staatliche Untersuchungen gegen die Klöster (durch Reichsjustizminister Franz Gürtner) nieder geschlagen habe (womit er sich übrigens auch mitschuldig an katholischer Pädokriminalität gemacht hat) (GAj2011). Faulhaber referiert, was er Hitler dann vorträgt:
Drei Hindernisse: 1) Die Glaubensbewegung von Stuttgart. Er: Mit der haben wir nichts zu tun. Ich: Doch sie dürfen Versammlungen halten, Flugblätter verteilen, wir nicht. Eine furchtbare Sprache in den Versammlungen gegen das Christentum, gegen die Person Christi, die uns heilig ist. Im Theater „Der König reitet“.
Das bezieht sich auf die Uraufführung des Theaterstücks "Der König reitet" im Prinzregententheater in München am 22. Oktober 1936. Es handelt sich um ein Stück von Hildegunde Fritzi Anders (1904-1944) (Wiki). Mit dem "König" ist der "Bamberger Reiter" gemeint. Offenbar kommen in ihm Vertreter der Kirche nicht besonders sympathisch zur Darstellung. Faulhaber weiter:
Die Entchristlichung des öffentlichen Lebens. Entweder sie nicht oder wir auch. Wenn die Verständigung kommt: Werde ich das alles fällen, das wird den Frieden nicht stören. Wir haben mit dieser Bewegung nichts zu tun.
Hitler redet sich hier ganz klar heraus. Er wird selbst nicht geglaubt haben, was er hier sagt. Hitler sage, so Faulhaber ...
... Immer wieder: Entweder wir siegen mit der Kirche oder ohne die Kirche ...
Das ist im Grunde deutlich genug. Es ist so halb und halb eine Drohung. Hitler hat sich nicht zu jeder Zeit so aufbegehrend gegenüber der Kirche geäußert. Faulhaber erwidert:
Keine Kleinigkeit, wenn die Deutsche Glaubensbewegung über Christus, der uns Gottessohn und Heiland ist, so spricht. Das ist für uns ein fremder Mann, wir lehnen das Christentum in jeder Form ab. Das Christentum muß aus dem öffentlichen Leben verschwinden, Trennung von Kirche und Staat, die Fakultäten aus den Universitäten. Darauf: Herr Kardinal, ich sage ihnen, ich werde diese Deutsche Glaubensbewegung aus der Welt schaffen. Ich: Aber sie wird von der Partei unterstützt, sie darf Flugblätter austeilen, Versammlungen halten, was wir nicht dürfen. If: Kleinigkeit ja, im Vergleich mit dem Großen, aber es stört den Frieden.
Hitler steht hier im Grunde ziemlich erbärmlich da. Plötzlich will er die Deutsche Glaubensbewegung aus der Welt schaffen. Auch er selbst hat das alles nicht mehr voll im Griff. Er ist aber auch nicht wirklich willens, das wirklich in den Griff zu bekommen. Er braucht einerseits die Kirche, läßt andererseits aber auch die Gegenkräfte gegen die Kirche von der Leine und taktiert. Er taktiert, taktiert, taktiert. Er taktiert durchgehend auch gegenüber Faulhaber.
Am 10. November 1936 ist ein Privatdozent für Rechts- und Staatsphilosophie der Universität München bei ihm:
Professor Petraschek: (...) Vorlesungen sehr erschwert, wie scheint, an manchen Tagen nur ein Hörer. (...) Über die Unterredung sage ich im Vertrauen: Der Führer ist ein großer Staatsmann auf der großen Linie, kennt nicht das Kleine, das freilich für uns nicht immer Kleinigkeit ist, wie Glaubensbewegung. Aber daß er Rosenberg gewähren läßt? Für ihn kein Dogma oder sittlicher Gesichtspunkt, sondern was ist das liebe Volk. Er dankt für Vertrauen.
Eine noch deutlichere, solche Äußerung über Hitler sollte er ein Jahr später machen (siehe unten).
Am 13. Dezember 1936 führt Faulhaber ein Gespräch mit dem Reichspostminister Eltz-Rübenach. Dieseer sagt über Rosenbergs "Mythos des 20. Jahrhunderts" und die Nachfolgeschriften Rosenbergs:
Der Index habe das Buch von 50 auf 50 000 gebracht und die Studien auf 500 000, und dann habe er die Dunkelmänner geschrieben und sei auf 750 000 gekommen.
Also erst die Empörung in der katholischen Kirche habe den Schriften Rosenbergs einen so großen Erfolg beschert.
April 1937 - "Ludendorff darf sein Unwesen treiben"
Am 12. April 1937 notiert Faulhaber über ein Gespräch mit der Gräfin Elko von Schwerin, der Ehefrau des Friedrich Wilhelm Ludwig von Schwerin:
Darüber entsetzt, daß jetzt Ludendorff sein Unwesen treiben darf. - Ich vermute, mehr aus militärischen Gründen.
Faulhaber hat wieder den kommenden Krieg im Blick. Und er findet es fast gut, daß Ludendorff um dieses Krieges willen sein - weltanschauliches - "Unwesen" treiben darf.
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| Abb. 6: Mathilde Ludendorff "Ein Blick in die Morallehre der katholischen Kirche" (1929) |
Etwa seine Schrift herausgeben darf "Die Bibel nicht Gottes Wort" oder Mathilde Ludendorffs Schrift "Ein Blick in die Morallehre der katholischen Kirche", auf die Faulhaber indirekt noch 1939 zu sprechen kommt (Abb. 6) (siehe gleich). Und vieles andere mehr. (Ein Überblick hier: Stgr2017.)
Tagebuch-Eintrag am 28. September 1937:
Licentiat Heinrich Garrelts, Superintendent und Domprediger Verden/Aller. (...) Will mir danken für die Adventspredigten, die bei ihnen viel gelesen wurden. (...) Ich: Wir haben seit der Reformation vielleicht nie so viel Grund gehabt, uns die Hände zu reichen, es geht um die Grundlagen eines jeden Christentums. Sie wollen uns den Glauben an unseren Heiland nehmen und an das Evangelium, Rosenberg in seinem neuen Buch: Das Christentum sei schon deshalb geadelt, weil Germanen an das Christentum geglaubt haben. Zu dumm: Gott soll sich bei uns bedanken, daß wir an ihn glauben, diese Verdrehung des Gottesbegriffs. In meinen Predigten die Hand gereicht.
Soll offenbar sagen: die Hand gereicht den Protestanten.
Beim Weggehen: (...) Er will sich im Sterben doch lieber von mir beistehen lassen als von einem Deutschen Christen. So viel Gotteslästerung und darum Strafgerichte.
Es wird oft nicht ganz deutlich, wer was gesagt hat. Aber man ist sich ja größtenteils einig. Und so wird der Besucher Faulhaber schon aus dem Herzen gesprochen haben, wenn es denn nicht Faulhaber selbst gesagt haben sollte: "So viel Gotteslästerung und darum Strafgerichte." Womöglich die Psychologie, die überhaupt - gewollter Maßen - hinter dem Dritten Reich steht.
Am 29. Oktober 1937 ist der Standortpfarrer von München bei Faulhaber:
16.00 Uhr Oberpfarrer Lang: (...) Ich erzähle von der Aussprache mit dem Führer: Wie lang, er erklärte sich, die Deutsche Glaubensbewegung unterdrücken zu wollen und Amnestie. Meine Antwort. (...) Ich: Ich hätte dem Führer immer die Stange gehalten. Er sei doch ein außergewöhnlich großes staatsmännisches Genie.
Man ist erstaunt zu erfahren, wie positiv Faulhaber über Adolf Hitler und über seine Aussprache mit diesem noch über ein Jahr später denkt. Das wird auch der Grund sein, weshalb er das neuerliche Hervortreten Ludendorffs so milde beurteilt.
1939 - Leise, leise, sonst schreibt Mathilde Ludendorff wieder gegen uns
Am 4. Januar 1939 fürchtet sich Kardinal Faulhaber immer noch vor der Aufklärung der Ludendorff-Bewegung. Und zwar diesmal vor der Aufklärung über den Heiligen Liguori und seine Liguori-Moral (s. Abb. 6). Er hat ein Gespräch mit dem Redemptoristenprovinzial:
Redemptoristenprovinzial. 1) „Antragsschreiben“, daß der heilige Alfons Patron der Beichtväter werde. Dafür eine Broschüre. Ich: a) Wenn nur dadurch nicht wieder der Kampf losgeht. Ludendorff ist gestorben, aber die Verehrer seiner Frau schreiben noch. b) Ob man nicht in einer neuen deutschen Ausgabe die übertriebene Casuistik einfacher machen könnte.
Es scheint fast so, als ob das Ehepaar Ludendorff damals als die einzigen ernsthaften und ernst zu nehmenden Kirchenkritiker wahrgenommen worden wären vom Kardinal Faulhaber. Jedenfalls glaubte man dann im Jahr 1950, also in der "Adenauer-Zeit", auch auf diese Ludendorff-Bewegung nicht mehr Rücksicht nehmen zu müssen. Da erhob der Papst nämlich den „heiligen Alfons“ tatsächlich - wie schon 1939 beantragt - zum Patron der Beichtväter und Moraltheologen (Wiki).*****)
1945 - Reumütige Rückkehrer in die Kirche
Am 1. August 1945 schreibt er in sein Tagebuch:
Mittwoch, 1. August 45. Pfarrer Eichner, Fischbachau, bittet um Audienz für Anton Büchting (Propagandist der ehemaligen Glaubensbewegung). Zur Zeit bei seiner Schwiegermutter, Hauptlehrer Hubing, in Großdingharting. Er hatte deren Tochter [ ... ] geheiratet, das Kind nicht getauft. Jetzt will er alles gut machen. Responsum: Warten bis es nahe bevor steht. Seine Frau und Kind an unser Suchbüro verwiesen. Eingabe an Ehegericht.
Die hier vorgenommene Zusammenstellung könnte womöglich noch an vielen Stellen erweitert werden durch weitere Zitate aus den Faulhaber-Tagebüchern. Sie könnte auch vielem gegenüber gestellt werden, was zeitgleich von Seiten der Gegner der klerikalen Bestrebungen, insbesondere von Seiten der Ludendorff-Bewegung vorgebracht worden ist. So etwa der Kampf der Ludendorff-Bewegung gegen die die Beschlagnahmungen von Büchern oder der Kampf gegen den Gotteslästerungs-Paragraphen (um nur weniges zu nennen).
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- Kritische Online-Edition der Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers (1911-1952). Tagebucheintrag vom 18. Februar 1923, EAM, NL Faulhaber 10008, S. 18,19. Verfügbar unter: https://faulhaber-edition.de/10008_1923-02-18_T01. Letzter Zugriff am 11.08.2025
- Cölestin Schwaighofer, in: Kritische Online-Edition der Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers (1911-1952). Verfügbar unter: https://faulhaber-edition.de/03015. Letzter Zugriff am 13.08.2025.
- Kritische Online-Edition der Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers (1911-1952). Persönliches zum Hitlerputsch (Gesprächsprotokoll/Persönliche Reflexion), EAM, NL Faulhaber 10058, Fol. 8r-9r. Verfügbar unter: https://faulhaber-edition.de/BB_10058_0008r. Letzter Zugriff am 11.08.2024
- Selbach, Hans-Ludwig, Katholische Kirche und französische Rheinlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, veröffentlicht 2016, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/katholische-kirche-und-franzoesische-rheinlandpolitik-nach-dem-ersten-weltkrieg/DE-2086/lido/57d135f30a99a1.51722996 (abgerufen am 12.08.2025)
- Mathilde Ludendorff: Angeklagt wegen Religionsvergehens. Ludendorff Volkswarte-Verlag, München 1930 (45 Seiten) (GB)
- Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Ludendorffs Verlag, München 1941 (Archiv)
"Die separatistische Bewegung des Hauses Wittelsbach" - 1923
Seit 2019 sind sie im frei Internet zugänglich: die Nuntiatur-Berichte des Kardinals Eugenio Pacelli (1876-1958) (Wiki) nach Rom aus den Jahren 1923 und 1924 (EdiPac). Sucht man in ihnen mit dem Suchwort "Ludendorff", wird erst deutlich, daß Erich Ludendorff in diesen eine nicht geringe Rolle spielte. Erich Ludendorff wurde von Seiten des Nuntius Pacelli tatsächlich als der Hauptgegner der katholischen Kirche im damaligen Bayern und im damaligen Deutschland wahrgenommen worden. Und zwar schon vor dem Hitler-Ludendorff-Putsch von 1923.
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| Abb. 1: Kirchenfürst Eugenio Pacelli, päpstlicher Gesandter in Deutschland, fotografiert um 1925 (MKGHamburg) |
In der von Mathilde Ludendorff herausgegebenen Schrift über Erich Ludendorffs Blick auf den Nuntius Pacelli (1) erfährt man auch, daß, wie und warum Erich Ludendorff schon im Frühjahr 1923 von Seiten der katholisch-wittelsbacherischen Kräfte in Bayern so heftig bekämpft worden ist. Er war 1923 von München aus zu einem Besuch völkisch-nationaler Kräfte nach Klagenfurt in Kärnten gefahren (Stgr2025). Dort hatte man in ihm, weil er aus München kam, einen Vertreter der wittelsbachischen Politik gesehen und ihm gegenüber offen über Pläne gesprochen, Bayern vom übrigen Reich abzutrennen und mit Österreich zusammen zu schließen. Ludendorff hatte sich in Klagenfurt sofort in entschiedenem Maße gegen solche Pläne ausgesprochen und war dann gleich bei seiner Rückkehr nach München deshalb in der Presse scharf angegriffen worden (1, S. 22):
Nach meiner Rückkehr nach München erhob sich ein Sturm gegen mich in der schwarzen Presse Bayerns, namentlich in der Regensburgs, von wo aus er dann hinüberwehte in die Deutschlands, denn in dem Haß gegen mich, der mit der Furcht gepaart war, ich könne Einfluß in Deutschland gewinnen, waren sich alle Feinde des Deutschen Volkes nach wie vor einig. Jetzt bekam ich zu meinem Staunen zu lesen, ich hätte "mein Gastrecht" in Bayern mißbraucht, indem ich gegen das Haus Wittelsbach und Bayern gehetzt hätte.
Diese Ausführungen machen deutlich, warum wir auch schon in den Nuntiatur-Berichten Pacelli's von München nach Rom vor dem 9. November 1923 Ludendorff eine so große Rolle spielen sehen. Schon vor diesem Putsch hat man - nach diesen Berichten - Adolf Hitler andere Einstellungen gegenüber der katholischen Kirche zugeschrieben als Erich Ludendorff. Man hört durch die Berichte geradezu durch, daß die Erwartung bestanden hat, daß Erich Ludendorff bei der während des 9. November erwarteten blutigen Niederschlagung dieses Putsches gegebenenfalls ums Leben kommen könnte.
| Abb. 2: Erich Ludendorff im Gespräch mit dem von ihm als "verschlagen" empfundenen Gustav von Kahr, Ministerpräsident, später Generalstaatskommissar von Bayern, sowie treuer Gefolgsmann Pacelli's - von Kahr fand 1923, daß sich Ludendorff zu sehr in die bayerische Politik einmischte - Hier beide auf den Bayerischen Flieger-Gedenktagen vom 19.-22. Mai 1921 (Wiki) in noch deutlich entspannterer Atmosphäre (Links von ihnen Fliegerhauptmann Franz Hailer und rechts der damalige Polizeipräsident Münchens Ernst Pöhner.) |
Erich Ludendorff wurde dann aber endgültig zum Haßobjekt der katholischen Kirche und Pacelli's, als Faulhaber während des Hitler-Putsches mit haßerfüllten antikatholischen Demonstranten und Studenten in München zusammen stieß. Und mehr noch als schließlich wenige Monate später Erich Ludendorff seine "große" antiklerikale Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß in München hielt, in der Zeugnisse dafür zusammen gestellt waren, daß die katholische Kirche seit 1914 bewußt an der Zerstörung des Bismarck-Reiches arbeiten würde. Pacelli bringt auf Nachfrage des Vatikans in Rom hin über Seiten hinweg Auszüge aus dieser Rede, für so wesentlich wurde sie gehalten. Die Regierungen in München und Berlin distanzierten sich beim Papst gegenüber dieser Rede und "entschuldigten" sich für diese.
Selbst im sozialdemokratischen "Vorwärts" wurde diese Rede als "Eselei" gekennzeichnet - zusammen mit dem gesamte Wirken Ludendorffs seit 1916. Pacelli zitiert das mit Genugtuung nach Rom.
Aber der Reihe nach.
Die genannten Nuntiaturberichte sind schon seit 2003/06 der Forschung zugänglich. Sie wurden aber von Seiten der Forschung - soweit uns übersehbar - bislang so gut wie gar nicht ausgewertet. Eine beispielsweise 2007 erschienene, neue Biographie über Kronprinz Rupprecht von Bayern, die viele zuvor unbekannte oder wenig bekannte Perspektiven eröffnete, hatte keineswegs jene Eindeutigkeit, die bezüglich vieler ihrer Themen aus den Nuntiatur-Berichten des Pacelli klar hervor geht (s. Stgr2012). Vieles, was erst mit den 2019 online zur Verfügung gestellten Nuntiaturberichtetn klar wird, war in dieser Biographie so deutlich noch nicht sichtbar geworden. Um so wertvoller also, daß die Nuntiaturberichte 2019 online verfügbar gemacht wurden. Nun konnte man sich das offenbar erlauben. Nur noch "Fachleute" würden sich mit dem beschäftigen, was sie enthalten. Und die katholische Kirche hat im Jahr 2019 längst alle Ziele erreicht, um die in den Jahren 1923/24 so heftig gerungen worden ist: Insbesondere die Zerschlagung Preußens, die Bolschewisierung Ostdeutschlands, ja, sogar die Katholisierung und Entdeutschung eines Drittels des Territoriums des Deutschen Reiches von 1914.
Abb. 3: Kronprinz Rupprecht von Bayern, ein treuer Gefolgsmann des Nunitus Pacelli - ihm war es nicht recht, daß Erich Ludendorff 1921 nach München umgezogen war - Hier im Gespräch mit Ludendorff, umgeben von den bayerischen Offizieren Hauptmann Siry, General Hemmer und Oberst Seisser - Auf dem "Trauer-Gedenktag" auf dem Königsplatz in München am 9. Oktober 1921 - An diesem Tag war der Kronprinz Rupprecht Ludendorff gegenüber "entgegenkommender als bisher" |
Wir lesen zunächst (UniMünster);
Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII. (1939-1958), ist eine der umstrittensten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Bereits als Nuntius in Deutschland von 1917 bis 1929 und dann als Kardinalstaatssekretär bis zu seiner Papstwahl am 2. März 1939 bestimmte er die vatikanische Politik maßgeblich mit. (...) Seit Februar 2003 beziehungsweise September 2006 sind in den vatikanischen Archiven die detaillierten Berichte zugänglich, die Pacelli als Gesandter des Heiligen Stuhls in München und Berlin Tag für Tag, manchmal sogar mehrmals täglich, nach Rom sandte. Seine Nuntiatur entwickelte sich in dieser Zeit zu einer Drehscheibe vatikanischer Europa- und Weltpolitik. Pacellis Schreiben eröffnen eine neue Perspektive auf die Entwicklung und die Rolle der katholischen Kirche in der Weimarer Republik, aber auch auf Politik und Alltagskultur dieser Jahre in Deutschland und Europa. Sie stellen das wichtigste zusammenhängende Quellenkorpus zum deutschen Katholizismus der Weimarer Zeit dar.
Wir stoßen auf diese Nunitaturberichte eher zufällig, weil wir in diesen finden, daß Nuntius Pacelli 1927 den Schwiegervater der erst kurz zuvor verheirateten Tochter Mathilde Ludendorffs (1926/27) ehrt. Durch diesen Umstand fällt einmal erneut ein völlig neues Licht auf die Geschichte der Tochter und des ältesten Enkelsohnes von Mathilde Ludendorff, zu der wir schon zuvor viele Anhaltspunkte für den Zeitgenossen verborgene jesuitische Einflußnahme festgestellt hatten (Stgr2025).
Aber diese jesutische Einflußnahme auf engste Familienangehörige Erich Ludendorffs ist ja nur eines von vielen Details in all dem, was sonst noch an Meinungen, Haltungen und Verhaltensweisen des Nuntius Pacelli in seinen Berichten Ludendorff gegenüber formuliert wird.
Nuntius Pacelli's Mitgefühl mit der Entente im Februar 1921
Am 5. Februar 1921 schreibt Pacelli (übersetzt aus dem Italienischen mit Google Übersetzer):
Deutschland befindet sich derzeit in einer äußerst kritischen Phase. Sobald die Beschlüsse der Pariser Konferenz bekannt wurden, erhob sich von allen Seiten ein heftiger, einstimmiger Protest gegen die dem deutschen Volk auferlegten „wahnsinnigen“, „unzulässigen“, „nicht durchführbaren“ und „tyrannischen“ Belastungen. Diese Empörung wurde, wenn auch natürlich in gemäßigterer Form, von Außenminister Simons wiederholt. In der Reichstagssitzung vom 2. Januar erklärte er, Deutschland sei zwar zu Verhandlungen bereit, könne die im Reparationsabkommen vorgesehene Vereinbarung jedoch nicht als mögliche Grundlage für neue Verhandlungen akzeptieren. Am folgenden Tag billigte und bekräftigte der Reichstag die Erklärungen des Ministers. Alle Parteien, mit Ausnahme der Kommunisten – die zudem aus revolutionärer Sicht die Auflagen der Entente ebenfalls ablehnen – erklärten, wie Präsident Löbe anmerkte, daß es unmöglich sei, diese Verpflichtungen zu übernehmen. Daher erklärte sogar der ehemalige Bundeskanzler Müller im Namen der sozialistischen Mehrheitsfraktion, daß keine deutsche Regierung bereit wäre, solche Vorschläge anzunehmen. Deutschland ist sich der Konsequenzen bewußt, denen es sich durch seine Ablehnung aussetzt, und der Sanktionen, die seine Feinde ihm auferlegen könnten; doch nach einer inzwischen berühmten Formel zieht es „ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende“ vor. Selbst die unabhängigen Sozialisten, die mit der Entente und insbesondere mit Frankreich verbündet waren, um die für die soziale Revolution notwendige Abrüstung zu erreichen, nahmen eine ablehnende Haltung gegenüber der Reparationsfrage ein. Seit dem 4. August 1914, so stellt die deutsche Presse mit Genugtuung fest, habe es im deutschen Volk nie wieder eine so vollkommene Einigkeit gegeben.Die Beschlüsse der Pariser Konferenz umfassen bekanntlich zwei Teile: Reparationen und Abrüstung. Was die ersteren betrifft, so bekräftigt jeder in Deutschland die absolute Unmöglichkeit, die darin vorgesehenen enormen und phantastischen Zahlungen zu leisten, lehnt empört die lange Sklaverei ab, der selbst unschuldige zukünftige Generationen unterworfen bleiben würden, und prangert den wirtschaftlichen Ruin und die „Strangulation“ an, die diese Klauseln mit sich bringen würden. Was auch immer man von dieser angeblichen „Unmöglichkeit“ (über die es noch immer schwierig sein dürfte, ein sicheres Urteil zu fällen) halten mag.
Man halte fest: Pacelli spricht von "angeblicher Unmöglichkeit" und stellt sich damit in dieser Frage innerlich ziemlich eindeutig auf die Seite der Entente-Mächte und nicht auf die Seite des gesamten deutschen Volkes.
Im weiteren erklärt er die Reparationsforderungen sogar für "verständlich". Genau das sollte ihm dann von Ludendorff in seiner großen Anklagerede vom 29. Februar 1924 zum Vorwurf gemacht werden (siehe unten). Pacelli erklärt die Reparationsforderungen für "verständlich, nicht jedoch die Abrüstungsforderungen, die auch die Einwohnerwehren Bayerns treffen würden, die das treukatholische Bayern bislang vor dem Kommunismus bewahrt hatten:
Trotz der Forderungen der Interalliierten Konferenz, die die französische Kammer als unzureichendes Minimum kritisierte, ist es dennoch verständlich, daß die Ententemächte, insbesondere diejenigen mit besonders schwierigen öffentlichen Finanzen, von den Besiegten Reparationen fordern, die, insbesondere in Frankreich, zum Wiederaufbau der vom Krieg verwüsteten Provinzen verwendet werden müssen. Weniger verständlich sind dagegen die Forderungen nach Abrüstung im Hinblick auf die Organisationen, die (angesichts der unbestreitbaren Unzulänglichkeit der Reichswehr mit nur noch 100.000 Mann, die Deutschland noch geblieben waren) die öffentliche Ordnung schützen sollen, woran die Entente selbst, wenn sie Reparationen erhalten will, ein höchstes Interesse haben muß. Abrüstung mag in der Tat gerechtfertigt und vernünftig erscheinen, da sie die Besiegten daran hindert, erneut zu den Waffen zu greifen. Nun ist es offensichtlich, daß Deutschland in seiner gegenwärtigen Lage militärisch absolut unfähig ist, die Entente anzugreifen. Was könnte beispielsweise die Bayerische Einwohnerwehr tun, selbst wenn man zugibt, daß sie aus dreihunderttausend Mann besteht (Herr Ministerpräsident von Kahr behauptet, es seien nur zweihunderttausend), viele von ihnen ältere Menschen, die nur mit Gewehren bewaffnet sind, gegen Frankreich, das über beeindruckende Stellungen am Rhein und eine äußerst schlagkräftige Armee verfügt, die mit den mächtigsten und modernsten Angriffsmitteln ausgestattet ist? Es erscheint daher unnötig hart, unter strengen Sanktionen die Entwaffnung und Auflösung dieser Einwohnerwehr zu fordern, die nach dem sehr traurigen bolschewistischen Experiment vom April/Mai 1919 in Bayern gegen alle Angriffe von rechts und links die Ruhe bewahrt hat.
"Unnötig hart". Hart also darf es schon sein. Die Reparationen dürfen "hart" sein, die Abrüstung darf "hart" sein. Aber letztere soll "nicht unnötig hart" sein. Der angeblich so "deutschfreundliche" Nuntius Pacelli. Wenn solche Worte im Jahr 1921 öffentlich bekannt geworden wären, hätte sich das deutsche Volk in großer Einigkeit gegen diesen Nuntius gestellt. Es hätte ihn als jemanden wahrgenommen, der auf Seiten der ehemaligen Feindmächte steht und Politik macht. Pacelli schrieb weiter in Verteidigung der bayerischen Einwohnerwehr dieses treukatholischen Landes:
Dies ist so wahr, daß dieses katholische Land, das in der ersten Zeit nach der Revolution aufgrund der Einmischung ausländischer Elemente das unruhigste und turbulenteste in ganz Deutschland war, heute zu einem Musterbeispiel an Ordnung und Arbeit geworden ist. Warum sollte man sie durch den Verlust ihrer Organisation der (von vielen hier als sicher bezeichneten) Gefahr eines Rückfalls in Anarchie und Chaos aussetzen? Es wurde gesagt (und das inoffizielle ... hat dies wiederholt behauptet), daß die bayerische Einwohnerwehr eine monarchische Restauration anstrebt, während die Entente ein Interesse daran hat, daß sich die von den linken Parteien vertretenen republikanischen und demokratischen Tendenzen in Deutschland entwickeln. Die Wahrheit ist jedoch, daß derzeit in Bayern kein ernsthafter Mensch an eine Wiederherstellung der Monarchie denkt. Im Gegenteil, die loyalsten Monarchisten sind auch die stärksten Gegner einer solchen Idee, sowohl weil die Proklamation der Monarchie weiterhin lebhafte Unruhen in den radikalen Parteien hervorrufen und das Land sehr wahrscheinlich in einen Bürgerkrieg und die Monarchie selbst in den endgültigen Ruin führen würde, als auch weil sie den König nicht den enormen Schwierigkeiten aussetzen wollen, mit denen das Land derzeit zu kämpfen hat. Die Rückkehr der Monarchie muß daher nach Ansicht ihrer Anhänger günstigeren Zeiten überlassen werden und eine spontane Folge des Volkswillens sein.
Man spürt, wie sehr Pacelli innerlich auf Seiten der katholischen Wittelsbacher steht und für sie denkt und fühlt.
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| Abb. 5: "Vorwärts", 1. März 1924 (DtDigBibl) |
Etwas später schreibt er von "beklagenswerten Unvorsichtigkeiten":
Es läßt sich sicherlich nicht leugnen, daß in Bayern viele beklagenswerte Unvorsichtigkeiten begangen wurden und immer noch begangen werden. Unter ihnen müssen wir uns als Beispiel an das berühmte Landesfestschießen vom Sonntag, dem 26. September letzten Jahres erinnern, bei dem etwa vierzigtausend Mitglieder der Einwohnerwehr aus allen Teilen Bayerns (unter den wachsamen Augen der Vertreter der Entente) inmitten der Begeisterung der Bevölkerung durch die Straßen Münchens zogen, in geordneten Zügen, mit Gewehren bewaffnet und mit dem äußeren Anschein einer militärischen Organisation. Auch die Anwesenheit von General Ludendorff, der in der Nähe der bayerischen Hauptstadt lebt und bei Versammlungen auftritt, wo er herzlichen Beifall erhält, weckt innerhalb der Entente tiefstes Mißtrauen. Dennoch bleibt unbestreitbar, daß die Einwohnerwehr eine im Wesentlichen antikommunistische Organisation ist und für die Entente selbst keine wirkliche Bedrohung darstellen kann.
Man spürt, daß das "tiefste Mißtrauen" der Entente auch das Mißtrauen des Eugenio Pacelli selbst ist. Er erwartet schon zu diesem Zeitpunkt offenbar nichts Gutes von Ludendorff, obwohl er sich zu diesem Zeitpunkt, wenn wir es recht übersehen, noch gar nicht gegen irgendwelche separatistischen Pläne gestellt hatte.
"Ludendorff behindert die separatistische Bewegung des Hauses Wittelsbach" - September 1923
Zweieinhalb Jahre später scheint die Zeit zur Wiederherstellung der Monarchie schon bedeutend näher gekommen zu sein - nach Nuntius Pacelli. Am 10. September 1923 schreibt er nach Rom zunächst von den separatistischen Bestrebungen im Rheinland (Wiki), in deren Zusammenhang auch der dortige Oberkatholik und Oberbürgermeister von Bonn Konrad Adenauer eine - nach 1945 beschwiegene - bedeutende Rolle spielte:
Immer hartnäckigere Gerüchte über eine durch Gold und französischen Druck begünstigte bevorstehende Loslösung der Rheinländer vom übrigen Deutschland haben bei vielen hierzulande die Überzeugung verbreitet, daß das Reich zum Zusammenbruch und Zerfall verurteilt sei, und haben daher die separatistische Idee hervorgebracht, mit der verbunden ist der Plan zur Wiederherstellung der Monarchie.
Daß das auch in Bayern durch Gold und französischen Druck begünstigt würde, erwähnt Pacelli nicht. Dieser Umstand war aber schon in den Prozessen gegen den Hochverräter Hubert Freiherr von Leoprechting (1897-1940) (Wiki) im Juli 1922 und im Prozeß gegen Georg Fuchs und Hugo Machhaus (1889-1923) (Wiki) im Juni 1923 bekannt geworden.*) Diese beiden Prozesse haben auch für die Erkenntnisgewinnung Ludendorffs eine große Rolle gespielt und waren Mitveranlassung für seine Beteiligung am Hitler-Putsch (2, 4).
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| Abb. 6: "Ludendorffs Warnung - Seine Rede vor dem Volksgericht München am 29. Februar 1924" (Deutscher Volksverlag E. Boepple München 1924) |
Pacelli weiter:
Herr von Kahr, ehemaliger Ministerpräsident Bayerns und jetzt Regierungspräsident von Oberbayern, zu dem auch München gehört, eine immer noch sehr einflußreiche Persönlichkeit, auf die die konservativen und monarchistischen Elemente in Bayern besonders zählen, besuchte mich gestern und sprach ohne Zögern mit mir darüber. Die bayerische Bevölkerung, sagte er, die mehrheitlich ihrem König (wie er Prinz Rupprecht während des Gesprächs zweifellos immer nannte) sehr verbunden sei, wolle die Monarchie und habe, obwohl sie sich als Deutsche fühle, nicht mehr die Absicht, von Berlin aus regiert zu werden. Die Wiederherstellung werde schwere Konflikte mit den sozialistischen Elementen mit sich bringen, besonders in einigen Zentren Nordbayerns; aber die Reichswehr sei loyal und die patriotischen Organisationen seien stark genug, um sich ihnen zu stellen. Herr von Kahr spielte auch auf die Idee einer Vereinigung Bayerns mit Österreich an, die man sich nach der Trennung erhoffe.
Genau das, was hier geäußert wird, hat Erich Ludendorff in all seinen Stellungnahmen zum Hitler-Ludendorff-Putsch vom November 1923 als gegeben unterstellt und als den Hauptgrund für seine Teilnahme an diesem Putsch genannt, und zwar, um genau diesen Separatismus zu verhindern. Bis heute wird genau dieser Separatismus als Hintergrund-Geschehen zum 9. November 1923 fast nirgendwo in den Geschichtsdarstellungen und Geschichtsbüchern zum 9. November 1923 auch nur ansatzweise erwähnt, geschweige denn ausreichend dargestellt. Mit diesem "wichtigsten zusammenhängenden Quellenkorpus zum deutschen Katholizismus der Weimarer Zeit" sollte dieser Aspekt wohl doch einmal wieder etwas deutlicher in das Sichtfeld rücken können. In dem Bericht heißt es weiter:
Er (von Kahr) fügte hinzu, daß über die Haltung des Heiligen Stuhls die seltsamsten und widersprüchlichsten Gerüchte im Umlauf seien: Schon früher hieß es, er sei für eine Trennung, ...
holla die Waldfee - da haben wir es ja. Und von Kahr weiter:
... jetzt behaupten einige stattdessen, er strebe vielmehr die Einheit des Reiches an. Ich erwiderte, daß beide Behauptungen gleichermaßen unbegründet seien, da es die unerschütterliche Maxime des Heiligen Stuhls sei, sich aus rein politischen Fragen herauszuhalten.
Zu diesen Worten wird von Kahr selbst innerlich geschmunzelt haben. Die ganze Offenheit, die hier von Kahr gegenüber dem Nuntius Pacelli bezüglich seine Pläne an den Tag legt, macht deutlich, daß er mit der vollen Zustimmung des Heiligen Stuhls und des Nuntius Pacelli gegenüber seinen Plänen zu allen Zeiten rechnete. Selbst wenn der Heilige Stuhl "in Worten" andere Haltungen vertreten würde, konnte er doch allein an der Offenheit, in der er mit Pacelli über diese Themen sprechen konnte, erkennen, daß er sich der Sympathien des Heiligen Stuhls sicher sein konnte.
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| Abb. 7: "Die politischen Hintergründe des 9. November 1923 - Die Rede General Ludendorffs vor dem Volksgericht in München 1924" (Ludendorffs Verlag, München 1934) |
Das wird in dem folgenden Absatz noch viel deutlicher:
Die separatistische und restaurative Bewegung des Hauses Wittelsbach wird durch verschiedene in Bayern wirkende preußische Elemente, auch von rechts, etwas behindert, insbesondere durch Ludendorff, der sich (so von Kahr) übermäßig in die bayerischen Angelegenheiten einmische und die Leitung übernehmen möchte, während diese dem König obliegt. Am vergangenen Samstagabend hielt der König auf der Tagung des Nationalverbandes Deutscher Offiziere in München eine Rede (siehe Anhang), in der jedes Wort sorgfältig abgewogen war – wie Herr von Kahr bekräftigte - und in der er die Führungshaltung kritisierte, die Ludendorff einnehmen möchte, ohne ihn namentlich zu nennen.
Es wird also schon hier klar benannt, wodurch "die separatistische Bewegung des Hauses Wittelsbach" behindert wird: "insbesondere durch Ludendorff".
Im September 1923 fand die hier erwähnte Tagung des Landesverbandes des Nationalverbandes Deutscher Offiziere in München statt. Bei dieser trat Kronprinz Rupprecht als Schirmherr auf und Hindenburg, der gerade in Bayern Urlaub machte, sandte Grüße.
Dieser Nationalverband Deutscher Offiziere wurde also schon zu diesem Zeitpunkt unterschwellig in Frontstellung gebracht gegenüber Ludendorff. Diese Frontstellung gegen Ludendorff von Seiten des Nationalverbandes Deutscher Offiziere sollte im Jahr 1924 noch deutlicher zutage kommen.
Es wird hier im übrigen auch deutlich, wie sehr aufeinander abgestimmt das Handeln von Kahrs und des Kronprinzen Rupprecht aufeinander war und wie offen darüber zum dritten gegenüber dem Nuntius Pacelli gesprochen werden konnte. Letzteres war nur möglich, weil man sich seiner Zustimmung und Sympathie sicher war, für die es natürlich auch sonst die reichsten Zeugnisse gibt.
Wir lesen weiter:
Wenn sich Bayern tatsächlich abspalten und andererseits eine vom Reich unabhängige Rheinisch-Westfälische Republik errichtet würde, würde Letzteres – wenn es als solches fortbestehen sollte – fast ausschließlich aus protestantischen und größtenteils bolschewistischen Bevölkerungsgruppen bestehen, was die Lage der katholischen Kirche in diesen Ländern sehr schwierig machen würde.
Das war das einzige oder das wesentliche Problem, das Pacelli angesichts solcher künftig erwarteter Entwicklungen, bzw. Pläne hatte. Ansonsten hatte er recht wenig Probleme mit diesen Plänen. Man hört womöglich sogar heraus, daß es gar nicht das Schlechteste sein brauchte, die protestantischen, preußischen, ketzerischen Landesteile Deutschlands dem Bolschewismus anheim fallen zu lassen. (Was ja dann 1945 auch geschehen sollte, noch zu jener Zeit, in der Pacelli Papst sein sollte - und unter ausdrücklicher Zustimmung und Befürwortung des Kardinals Spellman in den USA in seinen Gesprächen mit Roosevelt.)
Hitler steht in "Ehrerbietung" von Kahr gegenüber - Ludendorff nicht - Oktober 1923
Ließen die bislang zitierten Berichte schon so gut wie keine Wünsche mehr offen an Deutlichkdeit, wird es womöglich noch spannender in dem Bericht vom 3. Oktober 1923. Denn hier kommt Pacelli nun auf die Rolle zu sprechen, die Adolf Hitler in diesen Plänen spielte:
Hochwürdigste Eminenz,
heute Morgen hat mich der Generalstaatskommissar in Bayern, Herr von Kahr, besucht. Er wiederholte mir gegenüber, wie schwer die Verantwortung auf ihm lastet und wie schmerzlich es für ihn ist, gegen die rechtsradikalen Elemente, die Nationalsozialisten, kämpfen zu müssen, mit denen er sich trotz ihrer Exzesse letztlich durch gemeinsame Ideale verbunden fühlt. Hitler hat ihm seine Ehrerbietung und persönliche Ergebenheit zum Ausdruck gebracht, und Kahr zweifelt nicht daran, mit ihm und seinen Anhängern zu einer Verständigung zu gelangen, was jedoch im Falle von General Ludendorff unmöglich erscheint. Darüber hinaus verfügt er über die Kraft, seine Autorität durchzusetzen; die Reichswehr (bekräftigte er) steht ihm in Bayern bis zum letzten Mann treu zur Seite.
Dieses Zitat macht die gesamte Situation am Vorabend des 9. November klar. Wenn also von Kahr, von Lossow und von Seisser in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 sich vom Putsch Adolf Hitlers distanzierten, dann nicht, weil für sie eine Zusammenarbeit mit Adolf Hitler ein Problem dargestellt hätte. Das einzige Problem war die "unmögliche" Zusammenarbeit mit Erich Ludendorff. Mit Hitler hätte man wittelsbacherischen Separatismus betreiben können - nicht aber mit Ludendorff.
Auch in Rom kam ja die katholische Kirche mit dem Diktator Mussolini ganz gut zurecht. Dasselbe konnte man sich also schon vor dem Hitler-Ludendorff-Putsch auch mit Hitler vorstellen - wenn eben in diesen völkischen Kreisen dieser Ludendorff nicht so viel Einfluß haben würde. Und damit ist hier auch schon der Hauptgrund erkennbar, warum sich Hitler ab 1924 von Ludendorff distanzierte. Hitler wollte schon vor dem Putsch vom 9. November 1923 - so wie Mussolini - mit der katholischen Kirche an die Macht kommen, nicht gegen sie.
Das, was Bayern und das Rheinland damals von Italien unterschied, waren die engen staatlichen und wirtschaftlichen Verbindungen mit dem protestantischen Preußen und damit auch mit einer deutlich kritischeren Haltung in bürgerlichen Kreisen gegenüber der katholischen Kirche als es es eine solche im zeitgleichen Italien gab. Es ist klar, daß aus diesen Gründen die katholische Kirche in Deutschland und Bayern anders vorgehen mußte als in Italien.
"Nicht ohne Blutvergießen" - 9. November 1923
Am 9. November 1923 sendet Pacelli folgendes Telegramm nach Rom:
Gestern Abend erklärte Hitler, begleitet von bewaffneten Banden, die bayerische Regierung für zusammengebrochen, verhaftete den bisherigen Ministerpräsidenten und einen weiteren Minister und rief eine neue deutsch-nationale Regierung mit Ludendorf an der Spitze der Armee aus. Generalkommissar Kahr schloß sich, soweit ich weiß, der Bewegung offenbar zunächst nur an, um freie Hand zu bekommen und um Gegenmaßnahmen ergreifen zu können; man geht davon aus, daß er in Kürze wieder in sein Amt eingesetzt wird, aber wahrscheinlich nicht ohne Blutvergießen.Pacelli
Angesichts der engen und offenen Verbindungen zwischen Pacelli und von Kahr kann man aus diesen Zeilen nur herauslesen, daß Pacelli "aus dem Nähkästchen" plaudert. Und er rechnet mit Blutvergießen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als ob das, was in diesem Satz enthalten ist:
Kahr schloß sich, soweit ich weiß, der Bewegung offenbar zunächst nur an, um freie Hand zu bekommen und um Gegenmaßnahmen ergreifen zu können,
schon vorher genau so geplant gewesen ist. Auch der Tagebuch-Eintrag von Faulhaber weist in diese Richtung, wenn er festhält:
Es ist gut, daß der antikatholische Charakter der Bewegung rechtzeitig an den Tag kam.
Vielleicht hatte man dann aber doch nicht mit der Vehemenz der antiklerikalen Stimmung in München und Bayern nach dem 9. November gerechnet. Noch am 9. November 1923 telegrafiert Pacelli erneut nach Rom:
Die Lage ist weiterhin kritisch. Nationalisten hetzen die Münchner Bevölkerung gegen den Klerus auf, insbesondere gegen den Kardinalerzbischof.
Am 14. November 1923 - nach "Niederschlagung" des Putsches - berichtet Pacelli nach Rom:
Eure Eminenz,die Einzelheiten des nationalistischen Aufstands, der München in den letzten Tagen erschüttert hat (...), sind Eurer Eminenz inzwischen aus der italienischen Presse bekannt; daher brauche ich sie in diesem respektvollen Bericht nicht zu wiederholen. Zu einem Punkt, auf den ich bereits (...) hingewiesen habe, halte ich es jedoch für angebracht, Eurer Eminenz einige weitere Einzelheiten mitzuteilen: nämlich die antikatholischen Demonstrationen, die den Aufstand selbst begleiteten, die jedoch diejenigen, die die Veröffentlichungen rechtsradikaler Zeitungen wie des Völkischen Beobachters und des Heimatlandes verfolgt hatten, nicht überraschten.Dieser Charakter zeigte sich vor allem in den systematischen Hetzkampagnen gegen den katholischen Klerus, mit denen die Anhänger Hitlers und Ludendorffs, insbesondere in öffentlichen Reden, die Bevölkerung aufhetzten und den Klerus so Beleidigungen und Spott aussetzten. Ihre Angriffe richteten sich jedoch insbesondere gegen diesen gelehrten und eifrigen Kardinalerzbischof, der in einer Predigt im Dom am 4. dieses Monats und in seinem Brief an den Reichskanzler, der von der Agentur Wolff am 7. dieses Monats veröffentlicht wurde, die Judenverfolgung verurteilt hatte. Hinzu kam das unbegründete und absurde Gerücht, das wahrscheinlich absichtlich in der Stadt verbreitet wurde und Seine Eminenz beschuldigte, die Meinung von Herrn von Kahr geändert zu haben. Wie allgemein bekannt ist, hatte er, während er zunächst im Bürgerbräukeller den Staatsstreich Hitler-Ludendorffs scheinbar unterstützt hatte, um Gewalt zu vermeiden, sich später dagegen ausgesprochen. – So kam es, daß während der Unruhen am vergangenen Samstagnachmittag eine große Gruppe von Demonstranten vor dem erzbischöflichen Palais marschierte und „Nieder mit dem Kardinal!“ rief. Glücklicherweise war Seine Eminenz nicht in München, da er an diesem Tag zur Weihe einer neuen Kirche in einem Ort in der Nähe von Mühldorf aufgebrochen war. Als er jedoch am folgenden Abend mit seinem Auto zurückkehrte, wurde er einer ähnlichen feindseligen Demonstration ausgesetzt. Diese antikatholischen Gefühle zeigten sich auch in den tumultartigen Studentenversammlungen, die vorgestern an der Universität stattfanden und an denen sich auch zwielichtige Elemente von außerhalb der Universität (und sogar aus Bayern selbst) beteiligten, was den Rektor schließlich dazu zwang, die Universität bis auf Weiteres zu schließen. Sogar an der Universität selbst, die in jüngster Zeit wiederholt Gegenstand der wohltätigen Fürsorge und Großzügigkeit des Heiligen Vaters gegenüber den Studenten war, gab es Aufschreie gegen den Papst, gegen den Erzbischof, gegen die katholische Kirche, gegen den Klerus, gegen die Jesuiten, gegen die „Weiße Internationale“ und gegen Herrn von Kahr, der, obwohl Protestant, von einem der Redner zum Ehrenmitglied der Gesellschaft Jesu ernannt wurde. Ich lege einen Artikel bei, der heute im Bayerischen Kurier erschienen ist und in dem diese bedauerlichen Ereignisse geschildert und gewürdigt werden.
Kühl, sachlich und nüchtern berichtet Pacelli diese Dinge nach Rom. Er berichtet also, es bestehe die unbegründete Vermutung ("das unbegründete und absurde Gerücht"), das Umschwenken von Kahr's sei unter dem Einfluß von Faulhaber geschehen. Bei der Offenheit, mit der sich von Kahr zuvor gegenüber Pacelli geäußert hatte, möchte man auch als nachlebender Historiker es nicht als unwahrscheinlich erachten, daß sich von Kahr bei diesem Umschwenken - wenn es nicht sowieso von vornherein so geplant gewesen war, so doch der Zustimmung des führenden Klerus in München sicher war, bzw. sicher sein konnte.
Ludendorffs Rede vor dem Volksgerichtshof in München - 29. Februar 1924
Ludendorffs Verteidigungsrede vor dem Volksgerichtshof ließ dann erneut die antikatholische Stimmung in Bayern hochgehen, wogegen sich die gesamte katholische Presse einmütig gewandt habe. Sie findet sich auch in Ludendorffs Lebenserinnerungen vollständig abgedruckt (3, S. 269ff). Pacelli's Bericht vom 3. März 1924 über sie lautet:
General Ludendorffs Angriffe auf den Heiligen StuhlEure Eminenz,im derzeit in München laufenden Prozeß nach dem nationalistischen Aufstand vom vergangenen November (...) machte General Ludendorff, einer der Angeklagten, in seiner Verteidigungsrede tendenziöse, wenn auch unbegründete Angriffe nicht nur auf die Deutsche Zentrumspartei und die Bayerische Volkspartei, sondern auch auf die Jesuiten, den Klerus, Seine Eminenz Kardinal Faulhaber und den Heiligen Stuhl selbst. Er warf ihm vor, eine deutschlandfeindliche Politik verfolgt zu haben und weiterhin zu verfolgen. Eure Eminenz, anbei finden Sie den Text der Rede selbst, wiedergegeben aus dem Bayerischen Kurier (Anlage I) und den Münchner Neueren Nachrichten (Anlage II). Sie ist ein charakteristisches Symptom des anhaltenden und blinden Fanatismus des intoleranten Protestantismus, der durch seinen eigenen Niedergang und das wachsende Ansehen des Papsttums verärgert ist.Die katholischen Zeitungen haben es nicht versäumt, Ludendorffs Verleumdungen energisch zurückzuweisen, wie Eure Eminenz beispielsweise der ebenfalls hier beigefügten Ausgabe des Bayerischen Kuriers (Anlage III) entnehmen wird, in der bereits zwei Artikel veröffentlicht wurden, der erste von Baron von Cramer-Klett (Anlage II) und der zweite von der Redaktion der Zeitung selbst („Der Kampf gegen Rom“). Die inoffizielle Hoffmann-Korrespondenz hob die unermüdliche Nächstenliebe des Heiligen Vaters gegenüber den Bedürftigen in Deutschland hervor, mit einer Erklärung, die ebenfalls in der oben genannten Ausgabe des Bayerischen Kuriers wiedergegeben wurde. Eine ganze Reihe von Artikeln gegen Ludendorff erschienen nicht nur in der katholischen Presse, die zu Recht empört war, sondern auch - aus anderen Perspektiven - in nicht-nationalistischen Zeitungen im Allgemeinen. So widmete beispielsweise der sozialistische Vorwärts (Nr. 104) der Rede des Generals folgende ironische Bemerkungen: „Ludendorff versteht etwas von Strategie; wie viel, darüber streiten sich die Fachgelehrten. In der Politik ist er ein Esel von Gottes Gnaden. Eine Eselei war die Unterschätzung Amerikas, eine Eselei war das Eintreten für Eroberungsziele in einem Krieg, der höchstens durch ein Wunder als Verteidigungskrieg gewonnen werden konnte, eine Eselei war seine Flucht nach Schweden, eine Eselei war seine Rolle im Kapp-Putsch, eine Eselei war seine Rolle im Hitler-Putsch, eine Eselei war auch seine gestrige Rede.“
Auch Pacelli also schätzt die Situation so ein, daß im Jahr 1923 das Ansehen des Papstes in der Welt und in Deutschland "zunehmen" würde. Er meint genauer: Die Machtstellung des Papstes in der Welt und in Deutschland. Die hier zitierte Ausgabe des "Vorwärts" vom 1. März 1924 ist im Internet verfügbar (DtDigBibl) (Abb. 5). Pacelli registriert sozusagen mit Genugtuung, daß der "Vorwärts", der ansonsten auch selbst eher antiklerikal eingestellt war, sich in dieser Angelegenheit quasi "solidarisch" zeigt mit der katholischen Kirche.
Der zitierte Leitartikel auf der ersten Seite des Vorwärts (Abb. 5) ist offenbar namentlich nicht gekennzeichnet, ist außerordentlich polemisch und geht auf die Inhalte von Ludendorffs Rede so gut wie gar nicht ein. Er will seine Leser offenbar davon "schützen", Sympathien für den Antiklerikalismus Ludendorffs zu entwickeln, der ja nun auch unter damaligen Sozialdemokraten weit verbreitet war. Pacelli weiter:
Heute Morgen besuchte mich Baron von Stengel, Ministerialrat im Auswärtigen Amt. Er wurde von Staatsrat Schmelzle (Vertreter des Ministerpräsidenten, derzeit abwesend in München) beauftragt, mir zu erklären, wie schmerzhaft diese Angriffe auf den Heiligen Stuhl für die bayerische Regierung waren. Er sagte, die bayerische Regierung sei sich der nicht nur korrekten, sondern auch wohlwollenden und freundlichen Haltung des Heiligen Stuhls gegenüber Deutschland während und nach dem Krieg durchaus bewußt und schätze diese. Die Regierung, fügte er hinzu, trage keine Verantwortung für die Aussagen einer Privatperson und erst recht eines Nicht-Bayern wie des oben genannten Generals. Ich fragte Herrn Baron, ob die Regierung beabsichtige, eine öffentliche (inoffizielle) Stellungnahme zu dieser Angelegenheit abzugeben, und er antwortete, die Angelegenheit sei geprüft worden, es bestehe jedoch die Sorge, daß angesichts des laufenden Prozesses eine solche Stellungnahme (die, wenn sie nicht ins Detail ginge, wirkungslos wäre) einerseits Ludendorff einen Vorwand für neue unangenehme Angriffe und andererseits wahrscheinlich Frankreich einen Vorwand für erneute Vorwürfe der Germanophilie gegen den Heiligen Stuhl bieten könnte.
Die Verteidigungsrede Ludendorffs schlägt so hohe Wellen, daß der Vatikan Pacelli um eine ausführliche Berichterstattung bittet. Am 10. April 1924 schreibt Pacelli:
Ich erfülle meine Pflicht und übersende hiermit Eurer Eminenz sowohl die oben erwähnte Rede von General Ludendorff in ihrem authentischen Text als auch einige Zeitungen, in denen hauptsächlich die absurden Anschuldigungen gegen den Heiligen Stuhl wegen seiner Haltung während und nach dem Krieg wiedergegeben werden. Sie lassen sich im Wesentlichen auf Folgendes reduzieren:1) Während des Krieges verhielt sich der Vatikan nicht neutral, sondern feindlich gegenüber Deutschland und wohlwollend gegenüber Frankreich (Rede von General Ludendorff, Seite 14).2) Pius X. hat laut einem Telegramm des Freiherrn von Ritter, des bayerischen Ministers beim Heiligen Stuhl, Österreich zum Krieg gegen Serbien angestiftet.3.) Beim Konsistorium vom 4. Dezember 1916 wurden sieben italienische und drei französische Kardinäle kreiert, jedoch keiner der deutschsprachigen, während die Erhebung der Inhaber der drei historischen Bischofssitze Breslau, Salzburg und Prag in den Purpurorden erwartet wurde. Der Heilige Vater erklärte, er wolle damit ein Zeichen seines Wohlwollens gegenüber Frankreich geben, und fügte den Wunsch hinzu: „Utinam renoventur gesta Dei per Francos!“ ("Mögen die Taten Gottes durch die Franken erneuert werden." ( Osservatore Rom., Nr. 338, 7. Dezember 1916).Als die Ehrwürdigen Faulhaber und Schulte im Jahr 1921 zu Kardinälen ernannt wurden, bezeichnete Seine Heiligkeit sie vor allem als „Priester der römischen Kirche “ (Osservatore Rom. Nr. 58 vom 10. März 1921), während bei der Ernennung der französischen Kardinäle nie etwas Vergleichbares gesagt wurde.4.) Benedikt XV. hat sich nie gegen die Entente-Mächte ausgesprochen, sondern immer gegen Deutschland (zum Beispiel indem er die Besetzung Belgiens verurteilte).5.) Der Heilige Stuhl hat die Hungerblockade nicht verurteilt, in dessen Folge während und nach dem Krieg alte Menschen, Frauen und Kinder umkamen.6.) Herr von Stein, ehemaliger Kriegsminister Deutschlands, berichtet in seinem Buch „Erlebnisse und Betrachtungen aus der Zeit des Weltkrieges“, Leipzig 1919, daß der Heilige Stuhl sich oft im Namen der Franzosen, Italiener und sogar der Engländer und Amerikaner an die deutsche Regierung gewandt hat, während ihm keine besondere Intervention zugunsten der Deutschen bekannt ist.7.) Seine Eminenzen Kardinal Gasparri in dem Brief vom 10. September 1917 an den hochwürdigsten Bischof von Valence – der als maßgebliche Interpretation der Päpstlichen Note für den Frieden bezeichnet wurde – und dann in einem weiteren an den hochwürdigsten Erzbischof von Sens, bekräftigte, daß die oben genannte Note zugunsten Belgiens und Frankreichs ausfiel. Dasselbe wurde in noch stärkeren Worten von Civiltà Cattolica (4. Mai 1918) wiederholt.8.) L'Osservatore Romano Nr. 138 (17.968) vom 24. Mai 1919 erklärte, daß „das Vorgehen des Heiligen Stuhls während des Krieges stets zugunsten der Entente-Mächte und insbesondere Belgiens, Italiens und Frankreichs erfolgte“.9.) Benedikt XV. bedauerte es, Franzose nur von Herzen zu sein und fuhr dann fort: "In diesem Wunsche und in diesem Gelöbnis ist der Franzose dem Herzen nach mit dem Franzosen von Geburt einig, um Frankreich die Vermehrung seines Ruhmes und seines Glückes zu wünschen." ("Benedict coeur, est telle, qu'en ce jour Nous faisons notre la joie ressentie par les français de naissance ..... Nous changes qu'on en fasse aussi part à celui qui sans être ne en France, veut être appelé l'ami de la France".) (L'Osservatore Romano N. 97 (17929) vom 7. April 1919). London behauptete 1921, den deutschen Einfluß im Vatikan zerstört zu haben.(...) (?)12.) Benedikt XV. nannte Frankreich in seiner Rede vom 14. August 1921 die „Mutter der Heiligen“ (L'Osservatore Romano Nr. 193 vom 15.-17. August 1921).13.) Seine Heiligkeit Pius XI. verurteilte nicht die ungerechte Invasion des Ruhrgebiets, sondern die legitime Verteidigung der Deutschen durch Sabotageakte.14.) Der Papst selbst stachelte in seiner Ansprache vom 23. Mai 1923 die Katholiken Deutschlands zur „Gegenreformation“ an. Dies ist die tendenziöse Interpretation, die die Großdeutsche Zeitung den Worten gibt: „...vel ex illa Germania catholica, quae lugendum ab Ecclesia Romana discidium, abhine quatuor saeculis factum, studio tam acri, tamque solid et apta vitae christianae disciplina, in medio ipso furore belli compensatovit, atque etiam in praesenti diskrimine.“ compensatot“ (Osservatore Rom. N. 118 vom 24. Mai 1923). (Deutsch: „... oder von jenem katholischen Deutschland, das die bedauerliche Trennung von der römischen Kirche, die vor vier Jahrhunderten stattfand, durch ein so scharfsinniges, so solides und der Disziplin des christlichen Lebens angemessenes Streben kompensierte, mitten in der Wut des Krieges und sogar in der gegenwärtigen Zwietracht.“Darf ich zur Ergänzung des oben Gesagten hinzufügen, daß das nationalistische Organ „Großdeutsche Zeitung“ in seinen Angriffen gegen den Heiligen Stuhl auch Folgendes veröffentlichte:Einer italienischen Zeitung zufolge habe ich „die kompromißlose Politik Frankreichs in der Reparationsfrage im Jahr 1920 unterstützt“. – Der Bayerische Kurier hat bereits in Nr. 94 vom 3. dieses Monats geantwortet, daß sich der Nuntius nie in politische Angelegenheiten eingemischt habe, die ihn nichts angingen, und daher auch nicht in solche Reparationsfragen.In Anbetracht all dessen erscheint es, was Deutschland betrifft, höchst angemessen, die päpstlichen Akten zu veröffentlichen, auf die Eure Eminenz in dem respektvollen verschlüsselten Telegramm Nr. 85 anspielte, das mich heute Morgen erreichte, obwohl es meiner untergeordneten Meinung nach im vorliegenden Fall weniger ratsam wäre, sie in den bereits erwähnten Stimmen der Zeit, herausgegeben von den Vätern der Gesellschaft Jesu, zu veröffentlichen, da dies in der Öffentlichkeit Mißtrauen erregen und daher die erwartete Wirkung weniger weitreichend und wirksam machen könnte. Es ist für mich nicht leicht zu beurteilen, welche Auswirkungen eine solche Veröffentlichung in den Entente-Ländern, insbesondere in Frankreich, haben könnte.
Wir hatten schon oben gesehen, daß Pacelli tatsächlich in seinen eigenen Berichten nach Rom die "kompromißlose Politik Frankreichs in der Reparationsfrage unterstützt" hat, daß er "Verständnis" für sie hatte.
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| Abb. 8: "Der Nationalverband Deutscher Offiziere in Selbstbeleuchtung!" - Eine Schrift Erich Ludendorffs von 1924/25 |
Das Jahr 1924 durchzieht dann im weiteren die Auseinandersetzung zwischen dem Kronprinzen Rupprecht von Bayern und Erich Ludendorff, weil letzterer ersteren unmittelbar nach dem 9. November 1923 in einem Interview als mitverantwortlich bezeichnet hatte für das Scheitern des Putsches. Dies faßte der Kronprinz als eine Ehrensache auf. Verschiedene Vermittlungsversuche zwischen beiden scheiterten, was wesentlich dazu beitrug, daß Ludendorff unter den "oberen Zehntausend" Deutschlands für Jahre hinweg nicht mehr so gelitten sein sollte wie er es zuvor gewesen war.
Dabei steht es heute sogar ausdrücklich auf Wikipedia (Wiki):
Trotz einigen Versuchen, ihn (den Kronprinzen Rupprecht) durch Ernst Röhm mit dem Versprechen einer Wiederherstellung der Monarchie zu gewinnen, wurde Rupprecht nie dazu verleitet, sich der NSDAP anzuschließen. Er half vielmehr, Gustav von Kahr davon zu überzeugen, Hitler während des Putsches 1923 nicht zu unterstützen.
Die Internetseite pacelli-edition.de war zwischen 9. und 17. August 2025 nicht zugänglich. Seither kann der vorliegende Beitrag noch nach und nach weiter vervollständigt werden. - Gleichzeitig mit diesem Aufsatz erscheint ein Video, in dem die Inhalte dieses Aufsatzes in Videoform referiert werden (siehe: Yt2025).
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*) Machhaus war Hauptschriftleiter des "Völkischen Beobachters". Es ist hochinteressant, wie sein Wirken von Historikern eingeschätzt wird (Wiki): "Die Finanzierung von Machhaus’ Aktivitäten in den Jahren 1922 und 1923 und seine Verbindungen zum Hitler-Kreis gaben in späteren Jahren, so bei dem frühen Hitler-Biographen Konrad Heiden, wiederholt Anlaß zu Vermutungen, daß Machhaus in diesen Jahren als eine Art Verbindungsmann der NSDAP nach Frankreich fungiert haben könnte und daß er der NSDAP in ihrer Frühphase verdeckte finanzielle Unterstützungen durch den französischen Staat vermittelt habe, der durch eine Stärkung der radikalen Partei zu einer Destabilisierung des deutschen Staates habe beitragen wollen. Heiden verweist auf Mitteilungen, die er erlangt habe, daß französische Regierungsstellen der NSDAP über 8 oder 9 Zwischenstellen, die sich insbesondere im Saarland befunden hätten, Gelder hätten zukommen lassen. Heiden hält das Szenario einer bewußten Tätigkeit Hitlers für die Franzosen jedoch für äußerst unwahrscheinlich: Stattdessen stellt er die ihm als plausibler erscheinenden Möglichkeiten in den Raum, daß Machhaus der NSDAP französische Gelder vermittelt habe, ohne daß Hitler als geschworener Franzosenfeind von der Herkunft derselben gewußt habe (sondern hierüber getäuscht geworden sei) bzw. daß Hitler hiervon schließlich erfahren habe und Machhaus deswegen verstoßen habe. Auch Heiden bezweifelte, daß Machhaus' Tod ein authentischer Suizid gewesen war. Dies begründete er damit, daß Machhaus sich nach seinen Informationen in seiner Zelle mit seinem Hosengurt erhängt habe, was aber insofern verwunderlich sei, als es normalerweise üblich sei, Gefangenen anläßlich ihrer Inhaftnahme Gürtel und ähnliches abzunehmen. Dementsprechend hält er es für naheliegend, daß bei Machhaus’ „sonderbarem“ Suizid nachgeholfen worden ist."
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- Ludendorff, Mathilde (Hg.): General und Kardinal. Ludendorff über die Politik des neuen Papstes Pius XII. (Pacelli) 1917 - 1937. Zusammengestellt und herausgegeben von Mathilde Ludendorff. Ludendorffs Verlag, München 1939 (Heft 1 des "Laufenden Schriftbezuges 8") (Archiv)
- Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Ludendorffs Verlag, München 1941 (Archiv)
- Ludendorff, General: Auf dem Weg zur Feldherrnhalle. Lebenserinnerungen an die Zeit des 9. 11. 1923 mit Dokumenten in 5 Anlagen. Ludendorffs Verlag, München 1937 (1. - 54. Tsd.) (156 S.) (Scribd, Archiv, als Hörbuch); mit Dokumenten in 6 Anlagen. 1938 (55. - 64. Tsd.) (174 S.) (GB) (die schwerer erhältliche, ergänzte 6. Anlage). Faksimile-Druck der Ausgabe von 1937 in: Archiv-Edition, Verlag für ganzheitliche Forschung, Viöl 1996
- Ludendorff, Erich: Ludendorffs Warnung. Seine Rede vor dem Volksgericht München am 29. Februar 1924. Deutscher Volksverlag E. Boepple, München 1924 (Folge 2 der Reihe "Flugschriften der völkischen Bewegung") (67 Seiten); erneut Ludendorffs Verlag, München 1934
- von Kemnitz, Mathilde: Der göttliche Sinn der völkischen Bewegung. Festrede anläßlich der Geburtstagsfeier Ludendorffs in Prinz-Ludwigshöhe im April 1924. (pdf)
Die Deutsche Volkshochschule
„Spießerseelen und ihre kleinen Seelenwehwehs“
Das Leben Agnes Miegels (1879-1964) - Neue Zeugnisse und Sichtweisen
Teil 2
(zu Teil 1 --> hier)
Inzwischen fegte das große geschichtliche Schicksal über Deutschland und Ostpreußen. Nämlich während des Ersten Weltkrieges. Dieses schlägt sich nun vor allem in den Gedichten von Agnes Miegel nieder.
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| Abb. 1: Agnes Miegel - Lithographie aus dem Jahr 1930 (Bildarchiv Ostpreußen) |
Für diese bekommt sie im Juli 1918 den Preis der Schiller-Stiftung.
„Lauter Schlampen und Schweinchen zu Töchtern und Frauen“ (1918)
Hierüber schreibt sie an Hans Georg von Münchhausen, den jüngeren Bruder von Börries (Poschmann, S. 33): „Ja, ich war auch sehr erbaut darüber, bins noch. Übrigens ist diese Stiftung so reich, daß sie mir getrost das Dreifache hätte geben können, aber so viel Erfahrung habe ich nun schon mit all so was - als Frau kriegt man immer höchstens die Hälfte. Das geht nicht nach der Leistung, sondern wie beim Jahresgehalt nach der mir nie begreiflichen Idee, daß eine Frau nicht annähernd so viel braucht wie ein Mann ... Sie muß ebenso Steuern zahlen, genau dieselben Preise in Bahn, Elektrische, Droschke, Theater, Konzert - woher also dieser Wahn??? All diese Beamten und Komiteeleute, die so was verteilen, haben entweder lauter Schlampen und Schweinchen zu Töchtern und Frauen oder die berühmte, an allen Stammtischen gepriesene Gattin, die mit 20 Mark Wirtschaftsgeld sich bei der 1. Schneiderin anzieht und Diners wie Uhl gibt - alles kraft ihres hervorragenden Wirtschaftstalents. So - ich unterbreite Ihnen diese wahrhaftigen Ansichten, da Sie gewiß später auch mal Komitee bei so was sein werden.“
Auf dem Memeldeich (September 1919)
Für ein tieferes, verbessertes Verständnis von Dichtungen ist es oft wertvoll zu erfahren, welche Anlässe das Schaffen derselben hervorgerufen haben. Das berühmte Gedicht „Die Fähre“ von Agnes Miegel etwa entstand im September 1919 auf einem Memeldeich. Ohne das Wissen um diesen Tatbestand nimmt man eher an, das Gedicht wäre auf die Weichsel oder auf einen anderen Fluß bezogen (Margarete Haslinger in: Wagner, S. 31):
„Fünfundzwanzig Jahre vor der Vertreibung, im September 1919, trafen wir Agnes und zwei ihrer Freundinnen in Schwarzort auf der Kurischen Nehrung. Mein Mann lud die drei Damen ein, mit uns auf einem unserer Tourenschiffe über das Kurische Haff nach Königsberg zurückzufahren. Wir übernachteten in dem Fährkrug in Tawellningken an der Memel und wollten uns am nächsten Sonntagmorgen in Lappienen die schöne sechseckige Kirche ansehen. Agnes kam nicht mit. Sie blieb oben auf dem Memeldeich sitzen. Sie sah die Fuhrwerke, die mit der Fähre auf das südliche Ufer übersetzten, um zur Kirche zu fahren. Drüben lag das Gebiet, das wenig später an Litauen abgetreten werden mußte. An jenem stillen Sonntag an der Memel entstand ihre Dichtung Die Fähre mit den Versen, die das Schicksal der Vertreibung vorwegnahmen.“
Dieses Gedicht ist zu lang, um hier vollständig wiedergegeben zu werden. Es handelt davon, wie zu nächtlicher Stunde die Ordensritter und in ihrem Gefolge Siedler, Männer, Frauen und Kinder, wieder die ostpreußische Heimat in Richtung Westen verlassen: „Die Krügersfrau fuhr auf im Bett, / die Uhr schlug Mitternacht ...“, so beginnt das Gedicht. Und den Höhepunkt erreicht es, als die auf der Fähre überfahrenden Menschen in die helle, warme, sommerliche Mondnacht hinaus die Worte miteinander wechseln:
„Was ist so weich wie Mutterschoß,so mild wie Mutterhand?“Und Antwort kam: „Das Wiesenheuund der Wind im flachen Land!“„Was ist so süß wie der Kuß der Braut?was ist blonder als sie?“„Die Linde über dem Strohdachfirst -viel süßer und blonder ist die!“„Was ist blanker als ihr weißer Leib?was ist so fruchtbar jung?Was trägt mich so geduldig?“„Der Strom der Niederung!“„Was ist für Götter und Menschen GlückDas Glück, dem keines gleicht?“„O das ist: den eignen Boden sehnsoweit das Auge reicht!Und Gruß und Rede hörenwie altvertrautes Wiegenlied,Und Wege gehn, wo jeder unswie Kind und Bruder ähnlich sieht!“„Und was ist allerschwerste Last?was ist ewige Pein?Was ist den Kindern der Ebne verhaßtund wird es immer sein?“„Von der Heimat gehn ist die schwerste Last,die Götter und Menschen beugt,Und unstät zu schweifen ist allen verhaßt,die die grüne Ebene gezeugt!“
Agnes Miegel wußte noch nichts von - - - "Globalisierung", von - - - "Migrationskrise" und wie die Dinge heute alle verbrämend benannt werden. Aber es ist, als hätte sie schon damals eine Stellungnahme abgegeben zu all diesen Dingen. Ihre Stellungnahme halt.
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| Abb. 2: Agnes Miegel in Tollmingkehmen in der Rominter Heide nahe der Grenze zu Litauen, etwa 1907/09 (Bildarchiv Ostpreußen) |
Ja, Agnes Miegel hatte viele „Vorausahnungen“.
Im Jahr 1921 - es sind die Jahre der Russischen Revolution, des polnisch-sowjetischen Krieges und der kommunistischen Putsche in Deutschland - hatte sie in einem Gasthaus in Cadinen (am Frischen Haff) einen Traum, über den sie viel später einmal in einem Brief berichtete (Wagner, S. 32): „Er kam dreimal, ganz deutlich, wie eine Vision, in keiner Einzelheit je vergessen. Ich sehe den Moskowitersaal im Königsberger Schloß in tiefer Winterabenddämmerung, er wächst ins Ungeheure, in seiner Mitte steht ein Richtblock. Hand in Hand, im Reigen, umschreiten ihn feierlich riesige Frauen, gekleidet wie slawische Bäuerinnen, in weiten bunten Röcken, losen Jacken, Kopftüchern. Sie singen dazu nach einer alten, eintönigen, schwermütigen Melodie auf russisch (ich verstehe es aber Wort für Wort):
Wenn der hölzerne Mund rot schäumen wird,O zarte Jungfrau,Zerfleischen werden wir Dein Herz,Aus der Brust Dir gerissen,Es verschlingen wie Wölfe,O zarte Jungfrau! ...
Ich wußte, daß diese Jungfrau Ostpreußen meinte. Nie vergaß ich das Grauen, nie die fürchterliche, abgründige Trauer dieses Traums, nie die Worte des Liedes ...“
***
Unter der Rubrik „Spaziergänge einer Ostpreußin“ verfaßte Agnes Miegel in den 1920er Jahren viele Zeitungsartikel. Sie schrieb sich mit diesen tief in die Herzen ihrer Landsleute hinein (s. Wagner, S. 44f).
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| Abb. 3: Agnes Miegel in den 1920er Jahren (Bildarchiv Ostpreußen) |
Über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg schrieb die Schriftstellerin Helene Voigt-Diederichs (1875-1961), die erste Frau des Verlegers Eugen Diederichs, wohl Ende 1939 - Westpreußen und der sogenannte „polnische Korridor“, der zuvor Ostpreußen vom übrigen Reich getrennt hatte, waren gerade wieder in das Deutsche Reich eingegliedert worden (zit. n. Ulf Diederichs, S. 25): „Die persönliche Begegnung mit Dir, liebe Agnes, kam spät. Der große Krieg lag hinter uns, unbewältigt. Dein Blick war feucht von Schmerz und Liebe um Dein von der großen Mutter abgesondertes Ostland. Es hat manches Jahr gedauert, bis ihre Kraft sich sammelte und erstarkte, so daß sie wie in alten Tagen hinüberreicht zur meeresnahen Pregelstadt. Wessen Glück sang lauter als das Deine?
Nicht nur Dichterin, ein naher warmer Mensch bist Du seither (...) mir und den Meinen. Du warst unter uns zu den Festen des Lebens und zu des Todes unerbittlichem Spruch. Du ließest es Dir nicht nehmen, bei Hausweihe da zu sein, Du mit dem schwingenden Freimut Deiner Stimme, Deinem Lachen, warm wie Drosselschlag im Vorfrühling. (...)
Vor Jahresfrist geschah es, daß Dein Arm den Sohn meines Sohnes, des Knäbleins, das mit frohlockendem Brauseschritt heut an Deinem hohen Tage auch dabei sein will, über der Taufe dem heiligen Wasser hinbot. Fromm dem alten Brauch zugetan lächelte Dein Atem über das junge Kind zugleich den allereigensten Segen: aus urtümlichem Hellsinn, der da war vor Wissen und Wort, namenlos, und von dem Dein Werk unverlierbare Weisung trägt.“
Im März 1922 schreibt sie an Lulu (zit. n. Ulf Diederichs, S. 25): „Für mich ist fern von Ostpreußen alles Verbannung, ob Bamberg oder Sewastopol.“
Die Märchentante war viel besser“ (um 1926)
1926 wechselt Agnes Miegel zur „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ (Neumann, S. 10f): „Ihre Beiträge sind Begebenheiten aus dem Alltag, einfühlsame Natur- und Landschaftsbeschreibungen, interessante Reiseberichte und sachkundige Stadtführungen in ganz Deutschland - Beiträge, die nahezu ausnahmslos in der anspruchsvollen Unterhaltungs-Beilage der ‚Königsberger Allgemeinen Zeitung‘ zusammen mit Essays, Kurzgeschichten und Gedichten von Thomas, Heinrich und Claus Mann, Hermann Hesse, Franz Werfel, Max Brod, Lion Feuchtwanger, Julius Bab, Kurt Tucholsky, Ina Seidel, Georg Britting und Joachim Ringelnatz in illustrer Gesellschaft erscheinen.“
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| Abb. 4: Börries und Agnes auf der Herbsttagung der Dichterakademie in der Akademie der Künste am Pariser Platz 4 in Berlin im Jahr 1933 - stehend v.l.n.r. Will Wesper, Börries v. Münchhausen, Hans Grimm, Kolbenheyer, Wilhelm Schäfer, sitzend vlnr: Werner Beumelburg, Hans-Friedrich Blunck, Agnes Miegel, Hanns Johst, Emil Strauss, Rudolf Binding (Bundesarchiv) |
Aus dieser Zeit gibt es einen Bericht, der aufzeigt, welch schnelles, selbstverständliches und warmherziges Verhältnis die kinderlose Agnes Miegel zu ihr fremden Kindern fand. Eine Königsbergerin erinnert sich an die folgende schöne Anekdote (Ena Benze: Die verzauberten Kinder. In: Wagner, S. 99f): „Wir haben immer gern Besuch gehabt und die Kinder waren daran gewöhnt, guten Morgen oder guten Tag zu sagen und dann mit Rosi, dem Liebling aller in der Familie, wieder ins Spielzimmer zu gehen. Nur in seltenen Fällen wurde ihnen gesagt, wer kam, damit sie sich besonders frisch gewaschen vorstellen möchten. So geschah es an einem herrlich sonnigen Wintertag, daß der Vater morgens beim Fortgehen sagte: ‚Heute kommt eine große Frau zu uns; eine Dichterin. Macht der Mutter kein Schande und seid unsere besten Kinder.‘
Nach Tisch gingen sie, wie meistens, mit ihren kleinen Körben hinaus und sammelten Holz, das der Sturmwind abgezaust, oder das noch friedlich im trockenen Winkel lag. Es brachte nicht viel; aber sie hatten das frohe Gefühl dabei, daß sie zum Kaminfeuer beitrugen, das alle in der Familie so liebten, auch, wenn es manchmal nur selbstgesuchten Pfefferminzteee gab. Dafür gab es aber immer etwas Vorgelesenes oder Erzähltes.
An diesem Nachmittag kamen die Kinder herrlich durchgefroren gleichzeitig mit dem Besuch die Treppe herauf. Sie waren schon mitten im Gespräch miteinander. Ausziehen und an den hellflackernden Kamin setzen war eins, und der Besuch gehörte mitten hinein in den kleinen, glücklichen Kreis. Die trockenen Zweige aus den Kinderkörbchen wurden von ihnen ins Feuer geworfen; es flammte auf und sie freuten sich sehr. Es war auch ein grünes Tannenreislein darunter; der Gast nahm es in die Hand und zündete es an, so daß es wunderbar duftete im Raum, so als ob einer am Tannenbaum ein Zweiglein in die Kerzen hält. Die Kinder saßen unversehens auf dem Schoß des Gastes und der begann, ohne jede Vorrede, mit warmer Stimme zu erzählen: Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt.
Die Scheite knisterten; die Kinder saßen mucksmäuschenstill und das Rückert’sche Märchen ließ alle Bäume reden, von denen die Kinder tote Ästchen gesammelt hatten. Nun lebten sie alle wieder auf; durch den Mund der Erzählerin sprachen sie und man sah, wie alle gefesselt wurden von der wunderbaren Geschichte, der Art, zu erzählen und der Wärme, die vom Kamin und dem Gast ausging.
Abends in ihren Bettchen, erzählten die Kinder mir das Märchen noch einmal. Sie waren noch wie verzaubert.
‚Mutter, wie gut, daß heute die große Frau nicht gekommen ist. Die Märchentante war viel besser. Wir haben ihr gesagt: es soll heute eine Dichterin kommen. Hoffentlich kommt sie nicht. Die stört uns doch.‘
Jetzt wußte ich, was sie da miteinander getuschelt hatten - die mütterliche Frau, die einmalige Erzählerin, der warme, gütige Mensch Agnes Miegel und die verzauberten Kinder.“
Die gleiche Königsbergerin berichtet über ein anderes Erlebnis (Ena Benze, in: Wagner, S. 103): „Ein anderes Mal hatte Elly Ney vor Jugend gespielt und gesprochen im Marmorpalais am See. Agnes Miegel war unter den Zuhörern und sichtlich ergriffen; so sehr, daß sich ihr ein Gedicht an Elly Ney formte, dessen Stimmung und Inhalt ich ganz mitfühlen durfte. Es begann mit den Worten:
Immer denke ich nun, wenn deinen Namen ich höre,An den Abend zurück, da in dem marmornen SaalIn dem schweigenden Schloß - es lag in herbstlicher MondnachtWie verwunschen in einem silbernen See -Du vor der Jugend standest ...“
„O Du schönes Tal, göttergeliebter, grüner, heiliger Streifen Land zwischen Weimar und Jena“
Zu Eugen Diederichs 60. Geburtstag, zur Sommersonnenwende und zu einem Sommerfest war Agnes Miegel 1927 nach Jena eingeladen. Für ihre Zeitung „Königsberger Allgemeine“ schrieb sie darüber einen Aufsatz, in dem sie sich auch noch einmal an ihre Pensionatszeit in Weimar als junges Mädchen erinnerte. Diesen Aufsatz schickte sie 1953 an den Enkelsohn Eugen Diederichs, der ihn im Jahr 2004, zum 125. Geburtstag Agnes Miegels, erstmals wieder der Öffentlichkeit zugänglich machte (Ulf Diederichs, S. 44f).
„Sommerfest
Linden, Jasmin und Rosen duften durch die gewitterschwüle Luft. Im Garten flammen erste Feuerlilien, mannshoher Rittersporn schlägt dunkelblaue und lichte Augen auf, überschwenglich ist die Blüte, die Üppigkeit des Lebens auf den Kalkfelsen des Saaletales nach diesem feuchten Frühling. Deutlicher noch als sonst zeigen es die grünen Waldhänge mit den weißen Landhäusern, die bunten Terrassengärten. Die Wiesen breiten um den sanftgeschwungnen glänzenden Fluß die fast süddeutsche Lieblichkeit dieses gesegneten Tals, dem kein Industrieschlot, kein Kalkofen ganz seine holde Schönheit nehmen kann.
O Du schönes Tal, göttergeliebter, grüner, heiliger Streifen Land zwischen Weimar und Jena, über den wie heute die lichten Wolkenschatten, Schatten der Genien gehen ‚wandelnd im Licht,’ segnend und immer noch formend auch ein entgöttertes Geschlecht. Spürbar in einer Form, die eben nicht Form war, sondern gelebtes und ehrfürchtig-begriffenes, eigentlichstes Wesen bei den Staub-Gewordenen, bei denen ich hier lebte, als ich Kind war. Spürbar heute noch in dem jungen Geschlecht, dessen kühles Denken ihr Leuchten erwärmt, ihm die Sehnsucht gibt nach all dem, was der große Zaubermeister ‚edel’ nannte.“
Und an anderer Stelle spricht sie das Geburtstagskind und seine Frau selbst an (Ulf Diederichs, S. 30): „… Und Du, Antlitz, das väterlich-gütig ein Menschenalter über meinem Geschick stand, und Du, geliebtes helläugiges Gesicht neben ihm, so verschlungen in mein Leben durch tausend Fäden von Jugendtagen an - ja, nun sind wir die Alten … .“
„Davon erfährt man nie ein Wort“ (1929)
Aus der gleichen Zeit sind Briefe zwischen Börries von Münchhausen und seinem Freund Levin Schücking, bzw. zwischen den Ehefrauen der beiden erhalten. In ihnen kommt auch immer wieder einmal die Sprache auf Agnes Miegel. Dadurch wird das Verhältnis, in dem sie weiterhin zu Börries von Münchhausen stand, deutlich.
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| Abb. 5: Agnes und Börries auf der Herbsttagung der Dichterakademie in der Akademie der Künste am Pariser Platz 4 in Berlin im Jahr 1933 - v.l.n.r. Rud. Binding, Werner Beumelburg, Hanns Johst, Hans Friedrich Blunck, Agnes Miegel, Boerries von Münchhausen, Erwin Guido Kolbenheyer, Will Vesper (Bildarchiv) |
Am 18. Oktober 1926 schrieb Börries (von seiner Wohn-Burg Windischleuba in Thüringen aus) an seinen Freund Levin, der ihm zuvor zu dessen Zweifeln und Skeptizismus hinsichtlich seiner künstlerischen Arbeiten geschrieben hatte (Schücking, S. 267) : „Liebster Levin, unsere Freundschaft bedarf keines Beweises, wenn Du ihr aber einen geben wolltest, so konnte wohl nichts zarter und stärker sein als dieser liebe Brief. (...) Ja, Du hast gewiß recht mit allem, was Du sagst.“ Und dann schreibt er etwas später unvermittelt weiter: „Agnes Miegel hat mir in meinem ganzen Leben gepredigt: ‚Du zerstörst mit Selbstvorwürfen Dein Leben und Deine Kunst, sei doch, was Du bist, sei doch böse, laß Dich doch gehen, wirf doch die Zügel hin, und Du wirst merken, daß Du nicht fährst, sondern fliegst.‘ “
Münchhausen setzt fort: „Aber man merkt, wenn es im Leben einmal ganz hart auf hart geht (...) erst, wie einsam der Einzelne ist.“
Am 1. März 1929 schreibt Anna von Münchhausen (die Frau von Börries) mit einem Anhauch von Traurigkeit aus Windischleuba an Liese Schücking, die Frau von Levin, über Sorgen bezüglich ihres nun etwa 22-jährigen Sohnes. Er ist ihr ein Trost bei all den Frauen, mit denen sie ihren Ehemann Börries immer wieder teilen muß, und worüber sie sich oft bei ihrer Freundin Liese ausspricht. Und so schreibt sie diesmal dann weiter über ihren Ehemann (Schücking, S. 280):
„Mein Papa schreibt fortgesetzt Aufsätze über Agnes Miegel. Seit er sie nun besucht hat, geht ihm das glatt von der Seele. Weißt Du, sie wird fünfzig - aber der Seelenkontakt ist immer geblieben. Die bin ich nie ganz losgeworden, trotz aller Neuen die da kamen. Und nun ist’s ihm beinahe Ehrensache, daß das auch immer sous entendu so bleibt, wie er zu ihr stand. Und was die so geredet haben, wenn er einen Nachmittag bei ihr sitzt - davon erfährt man nie ein Wort, jedenfalls nie das Richtige, und da er allen Leuten nur zu Liebe und Gefallen redet, wird er ihr nur sagen, was sie hören mag, sonst würde er nicht hingehen. - So ist langsam das Kind, mehr wie sich’s gebührt, meine große Liebe und Hoffnung geworden.“
Die allgemeine Enttäuschung der Ehefrau von Börries scheint sich bei ihr fast auch auf Agnes Miegel zu übertragen. Doch eine Woche später schreibt sie (Schücking, S. 283): „Ja, Du hast ja recht, wenn Du mich mahnst, nicht zu viel vom Leben zu verlangen, und den anderen die Brosamlein zu gönnen. (...) Na - Schwamm drüber! (...) Nun ist man begierig, wie Obst und Beeren und Schlingpflanzen diesen Abstecher nach Sibirien überstanden haben.“ Und diese Worte beziehen sich wohl auf eine Geschenk-Sendung an Agnes Miegel in Königsberg zu ihrem 50. Geburtstag: „- Wir feiern, egal, Agnes Miegel. Bössi hat sozusagen silberne Hochzeit mit ihr. Einen ganzen Abend haben wir uns ihre Gedichte vorgelesen. Es sind doch sehr schöne darunter! Nur Bössies Stimme erschallt in allen Zeitungen über sie.“
Kurz hinter Hindenburg (1929/30)
Am 23. Juni 1929 druckt die „Königsberger Allgemeine Zeitung“ das bedeutende Gedicht von Agnes Miegel „Letzte Stunde“ ab. Es handelt von dem Tod eines Soldaten ostpreußischer Herkunft an der Tiroler Front während des Ersten Weltkrieges. Die Zeitung schreibt dazu (Neumann, S. 233): „Die ostpreußische Dichterin weilt augenblicklich in Tirol. Unter dem Eindruck einer Erzählung in Bozen entstand das hier abgedruckte Gedicht. Die Redaktion.“
Und wir erfahren (Neumann, S. 11-13): „Ende 1929 veranstaltete die ‚Königsberger Allgemeine Zeitung‘ ein Preisausschreiben mit der Frage nach den sechs bekanntesten lebenden Ostpreußen, Männern oder Frauen. Ausgelobt wurden 3000 RM in bar sowie 200 Trostpreise. Das Ergebnis der Preisfrage gab die Sonntagsausgabe der ‚Königsberger Allgemeinen Zeitung‘ vom 26. Januar 1930 bekannt. Bei insgesamt 10.433 Einsendungen mit je sechs Stimmen erhielten Stimmen:
- Reichspräsident von Hindenburg 9.742
- Agnes Miegel 9.088
Auf den weiteren Rängen folgen so bekannte Persönlichkeiten wie Emil Hirschfeld aus Allenstein, der Weltrekordmann im Kugelstoßen (7.734), Filmstar Harry Liedtke (5.871), Oberpräsident Siehr (4.219) und der Schauspieler Paul Wegener (4.215). (...) Ab dem Jahre 1930 läßt Agnes Miegel ihre journalistische Mitarbeit bei dieser Zeitung auslaufen.“
1932 oder 1933 schreibt Agnes Miegel in einem Brief an die Schriftstellerin Ruth Schaumann anläßlich von deren Veröffentlichung ihrer Kindheitserinnerungen unter dem Titel „Amei“ (Wagner, S. 79): „Als junges Mädchen bin ich zu einer Hochzeit, es war im Juni 1899, in der kleinen Dir gewiß unbekannten Garnisonsstadt Hagenau (sie liegt nicht weit von Straßburg mit dem herrlichen Münster) im Elsaß gewesen. Unter den Hochzeitsteilnehmern war nun ein junges Paar, ein riesenhaft großer Kavallerieoffizier, dunkel wie ein Araberscheik, seine junge Frau aschblond, reizend, sie stammt aus der Lüneburger Heide, und war in der Hoffnung mit dem zweiten Kind. Beide haben es mir damals so sehr, sehr angetan, daß ich glückselig war, von ihnen zum Tee eingeladen zu sein.“ Agnes Miegel bat um Aufklärung, ob es sich bei diesem Paar um Verwandte der Schriftstellerin handelte. In der Antwort stellte sich dann für Agnes Miegel, die sich nur undeutlich an den Namen Schaumann des Ehepaares hatte erinnern können, heraus, daß die Schriftstellerin selbst die zweite Tochter dieses Ehepaares gewesen ist, über das nun auch in ihren Kindheitserinnerungen berichtet wurde.
Abendlicher Spaziergang in Jena 1932
Immer wieder verbringt Agnes Miegel frohe, unbeschwerte Stunden in Jena bei den Diederichs. Im Advent 1929 schreibt sie ins Gästebuch (Ulf Diederichs, S. 30f): „Reiner Seelenjungbrunnen. Aber dieses Mal bin ich so gerne bei Euch als käme nie mehr solch gute Zeit.“ Und tatsächlich stirbt gut ein halbes Jahr später ganz überraschend Eugen Diederichs. Der „dem Andenken Eugen Diederichs“ gewidmete Gedichtband Agnes Miegels „Herbstgesang“ erschien dann Ende 1932. Er war benannt nach dem ersten darin enthaltenen Gedicht. Dieses hatte sie am Tag der Beerdigung Eugen Diederichs verfaßt („… Wandernde Jugend, so rank und schlank, / wie rot ist dein Mund! …“).
In das Exemplar für Lulu setzte Agnes Miegel noch handschriftlich ein Gedicht hinein, das bis heute unveröffentlicht geblieben war (Ulf Diederichs, S. 32f). Es beschreibt einen abendlichen Spaziergang in Jena, vorbei am Grab Eugen Diederichs zur Familienvilla der Diederichs:
Am Abend
Durch die ladenhellen, lärmenden GassenDringt der lachenden Kinder Mummerei.In der DämmerungSchwingen am Stadtturm die Glocken aus.Langsam wandern wir ZweiDurchs Johannistor nach Haus. -Einmal waren wir jung, -Nun gehen wir gelassenHeim. Immer leerer werden die Straßen.Die mit uns gingenTrinkt Epheuwand und dunkelnder Waldhang auf.Über den Bergen, die sich verdämmernd schwingenSteigen die Wintergestirne herauf.Weiße Pforte schimmert im letzten Licht.Und wir stehnEh sie sich auftut, Hand in Hand.Wissen einer der andern GesichtWie das eigne gewandtAuf zu den klarenUnwandelbarenDie dort oben die ewigen Bahnen gehen!
Ach ja: Agnes Miegel ... "und der Nationalsozialismus"
Die Dichterin begrüßte das politische Wiedererstarken Deutschlands während des "Dritten Reiches". In dieser Zeit war sie eine gefeierte Dichterin. Oft nahm sie mit großer Freude vor allem von der Hitler-Jugend - aber auch von manchen anderen NS-Verbänden - Einladungen zu Dichterlesungen, Gedenkfeiern und Ehrungen an. Sie schrieb etwa ein ergreifendes Gedicht auf sozusagen die damalige „Frauenbeauftragte“ der nationalsozialistischen Partei, auf Gertrud Scholtz-Klink. In diesem betonte sie ihren mütterlichen Sinn, und zwar ihren mütterlichen Sinn auch und vor allem gegenüber den Kulturschaffenden.
Es gibt einige wenige, erst in den späten 1930er Jahren entstandene Dichtungen, die zeigen, daß die freundliche Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus auch sehr konkret in Dichtung umgesetzt werden konnte. Die Miegel-Biographie von Anni Piorreck etwa versucht, diesen Dichtungen den künstlerischen Wert abzusprechen. Das ist doch ganz unnötig. Und zudem unwahrhaftig. Der künstlerische Wert bleibt voll erhalten, auch wenn der Inhalt heute nicht mehr anerkannt werden kann.
Diese Dichtungen finden sich vor allem in dem im Jahr 1940 erschienen Bändchen „Ostland“. Aber selbst das dieses Bändchen einleitende Gedicht „An den Führer“, das wohl heute sicherlich als das Kompromittierendste empfunden wird, bezeugt noch die ganz eigenwilligen Gedanken von Agnes Miegel, ja auch ihre zweiseitigen Gefühle: erinnert sie doch vor allem an Deutschlands (und Westpreußens) schwere Vergangenheit vor 1933 und vor 1939.
1940, nach den überraschend schnellen militärischen Siegen über Polen und Frankreich, sahen viele Menschen in Europa, die den langwierigen, opfervollen Ersten Weltkrieg miterlebt hatten, voller Zuversicht auf eine lange, frohe, friedensvolle Periode des Aufbaus und der gedeihlichen Weiterentwicklung in Europa. Gerade wegen dieser schnellen militärischen Entscheidungen, die so viele Menschenleben schonte, war man weithin von tiefer Dankbarkeit erfüllt gegenüber „dem Führer“ - nicht aus imperialistischen Gelüsten, sondern aus Friedenssehnsucht heraus.
Den eigentlichen Grundgedanken des Gedichtes „An den Führer“, der mit Politik gar nichts zu tun hat, hat Agnes Miegel auch in Gesprächen nach dem Zweiten Weltkrieg noch oft wiederholt. Eine Freundin berichtet (Wagner, S. 125): „Aber nicht nur der eigne Familienkreis, auch die weithin reichende Kette der Vorfahren spielte in ihrer Gedankenwelt eine wichtige Rolle. Wir sprachen davon, daß sie und ich die Letzten von aussterbenden Familien wären. Agnes meinte, unter bestimmten Voraussetzungen könnten in diesen Letzten die Geisteskräfte einer langen Ahnenreihe, aus Urgründen in ihrer Vielfalt aufsteigend, noch einmal aufleben und sie zu besonderen Leistungen aufrufen. Aus diesen Kraftströmen gewirkt zu haben, empfand und erkannte sie als sichtbar gewordene Erfüllung ihres Lebens.“
Was soll Überhebung und eilfertiger Übermut, wenn man im folgenden das Gedicht von Agnes Miegel „An den Führer“ liest? Es kann gerade an ihm erkennbar werden, wie viel Idealismus im Jahr 1945 in Deutschland verloren gegangen sein muß, nachdem erkennbar geworden war, auf welche Art von verwerflicher Person dieser Idealismus in den Jahren zuvor ausgerichtet worden war. Das Gedicht behält ganz unabhängig von seinem - nur zum Teil - zeitgebundenen Inhalt einen tiefen künstlerischen Wert. Und die heutige Generation hat genug Abstand zu der damaligen Zeit, daß man diesen Wert auch unbefangen anerkennen kann:
An den Führer
Nicht mit der JugendÜberschäumendem Jubel erlebt ich das WunderDeines Nahns.Mit dem schweigend ehrfürchtigen StaunenLeidgeprüften Herzens, geläutert im Opfer,Das seiner Kindheit Welt in Krieg und Stürmen vergehn sah, -Und das anders, groß und glühend ergriffen,Stumm Dich grüßte!So mit jedem Morgen fühl ich’s aufs neue -- Wenn in der Tiefe der Nacht, aus der Tiefe des HerzensSchweres Erinnern stieg, wie Schatten mich ängstend:Krieg und Aufruhr und grauer Tage Verzweiflung,Untergangsnot und Schreckbild verkommener Jugend, --O Befreiung, zu spüren im Lichte der Frühe,Alles dies ist fern und für immer vergangen!Fortgewischt wie Tränen vom Antlitz der WitweVon Deinen Händen!ÜbermächtigFüllt mich demütiger Dank, daß ich dieses erlebe,Dir noch dienen kann, dienend den DeutschenMit der Gabe, die Gott mir verlieh!Daß die MeinenDie gefallnen, geliebten Gefährten der Kindheit,Daß die Toten, die Dein Kommen ersehnten,Daß die Ahnen, deren verlassene HeimatWiedergekehrt durch Dich,-Daß sie alleMir in der Seele, mir im Blute noch lebend,Mit mir Dich segnen!Nicht der Jugend brausendes ÜberschäumenKann ich Dir geben.Doch ich liebe das Leben,Wie nur der es liebt, mit dem alle der SeinenFortgehn von Heimat und Volk. Heimkehrend zur Erde,Draus sie stiegen.Doch dies wäreHöchste Erfüllung mir und Ehre den Ahnen:Heilige Fackel, nie mehr weitergereichte,Dir zu opfern!
Ulf Diederichs, der Agnes Miegel immer verbunden gebliebene Enkelsohn Eugen Diederichs, schreibt im Jahr 2004 (Ulf Diederichs, S. 36): „In den Gratulations-Prachtband zu Hitlers 50. Geburtstag trugen sich Agnes Miegel und auch die Freundinnen Lulu von Strauß und Torney und Ina Seidel mit Gedichten ein. (…) Auch Börries Freiherr von Münchhausen war dabei, auch Helene Voigt-Diederichs und noch so mancher (…), Hans Carossa, Wilhelm von Scholz. Kaum einem anderen hat man das später so verübelt wie Agnes Miegel. Freilich stand sie, nächst Carossa und Weinheber, an sehr exponierter Stelle.“ Im März 1940 wurde um Goebbels erwogen, entweder Agnes Miegel oder Josef Weinheber den Nationalen Buchpreis zu verleihen, Agnes Miegel deshalb, weil - wie es in einem Gutachten hieß - sie „mit Leib und Seele“ hinter den „Entscheidungen der letzten Zeit“ stehen würde (also der Rückkehr Westpreußens an das Deutsche Reich). Dieses Vorhaben wurde aber wieder fallengelassen (Ulf Diederichs, S. 36).
- - - Der Rundfunkautor Martin A. Borrmann (1895-1974), der 1933 auch Dramaturg am Königsberger Schauspielhaus war, berichtet aus der Zeit der beiden ersten Jahre des Dritten Reiches (Wagner, S. 82): „Im April des für uns alle so einprägsamen Jahres 1933 wurde mir neben mancherlei Bedrohung auch ein Lebensgeschenk zuteil: das uneingeschränkte Vertrauen der Dichterin“ (Agnes Miegel). „Ich war zu ihr, die ich persönlich kaum kannte, in die Luisenallee gegangen, um ihre Unterschrift zu erbitten unter eine Eingabe für den künstlerischen Leiter unseres Ostmarkenrundfunks; dieser war ohne Entschädigung, dazu in besonders tückischer Art und Weise, von Goebbels auf die Straße gesetzt worden. Agnes Miegel, es ist wichtig, das heute zu betonen, unterschrieb sofort. Darüber war ich froh - und wurde es noch mehr, als ich spürte, daß diese Begegnung, bei allem sogleich offen dargelegten Gegensatz unserer Ansichten, der Beginn einer Freundschaft zu werden versprach.
In den folgenden zwei Jahren lud mich die Dichterin fast jede Woche zu sich. Wir sprachen kaum über Literatur, stritten aber stundenlang freundschaftlich über Zeit und Umwelt, die beide trotz äußerem Freudentaumel in unserem Lande immer gefährlicher wurden. So weiß ich wie wohl nur wenige – und vielleicht gerade, weil ich auf der anderen Seite stand - von den Kämpfen, die Agnes Miegel damals in ihrem Innern durchzufechten hatte. Sie erhoffte sich von dem Neuen eine Verjüngung und Erneuerung unseres Volkes, ahnte aber zugleich mit balladenhafter Kraft, was schon damals in den Konzentrationslagern geschah.
Ich erlebte ihre Verzweiflung, als man in der Provinz eine Schule, die bisher den Namen von Käthe Kollwitz trug, nunmehr Agnes-Miegel-Schule nennen wollte. Sie war glücklich über die Begeisterung der Jugend und teilte sie, wußte aber als Dichterin vom schlimmen Ende jeder Nibelungenfahrt. Sie hatte Visionen, oftmals solche schrecklicher Art. (...)
Wer in Agnes Miegel nur heitere Mütterlichkeit und warmherzigen Humor sieht, verkleinert ihr Bild. Gewiß, dies waren ihre Eigenschaften, aber darunter lagen, gut verborgen, die Wesenszüge einer Seherin. ‚Es ist kein Glück‘, sagte sie einmal bitter, ‚als Kassandra geboren zu sein. In Troja nicht.‘ Und dann las sie mir, nun wieder lachend, den Satz, den ich sprechen wollte, selber vom Mund ab: ‚Und im Dritten Reich schon gar nicht!‘ “ - - -
Hierzu ist noch folgendes zu bemerken. Der Vortrag ihrer berühmten Ballade „Die Nibelungen“ ist bei fast jeder ihrer öffentlichen Lesungen vom Publikum gewünscht worden. Zu Anfang einer öffentlichen Lesung, die nach der Schlacht von Stalingrad stattfand, bat sie um Verständnis dafür, daß sie diese Ballade nicht mehr öffentlich vortragen könne. Sie hätte sie zum letzten male vor Soldaten gelesen, die in Stalingrad zum Einsatz gekommen waren. -
Zur Entstehung des Reclambüchleins „Das Bernsteinherz“ (im März 1937) (Wagner, S. 60f) wären an dieser Stelle noch Ausführungen nachzutragen.
Mit dem letzten Friedens-Flugzeug über den Korridor (1938/39)
Wie hatte Agnes Miegel die Kriegsgefahren im Jahr 1938 und dann den Kriegsausbruch 1939 erlebt? Eine Freundin berichtet (Gertrud Zippel-Fuchs in Wagner, S. 42): „Ich denke an jenen Septembertag des Jahres 1938, als Krieg und Friede auf des Messers Schneide standen. Agnes war den ganzen Nachmittag bei mir, unvergeßliche Stunden der Angst und der Hoffnung, ach, mehr noch der Angst: ‚Wir wollen ja den Korridor in Kauf nehmen, auch weiterhin, wenn nur Friede bleibt, wenn nur das Land gerettet ist.‘ “ An der Frage des Korridors, der Ostpreußen vom übrigen Reich trennte, brach der Zweite Weltkrieg aus. An diesen Worten wird klar deutlich, aus welcher Haltung allein Agnes Miegel auch solche Gedichte wie jenes „An den Führer“ geschrieben haben kann.
Am 9. März 1939 feierte Agnes Miegel ihren 60. Geburtstag. In den „Stimmen der Freunde“, die der Eugen Diederichs Verlag zu diesem Tag herausgab, schrieb Börries von Münchhausen (s. Stimmen d. Freunde): „Und ihr herrlicher Humor - Agnes, so herzlich wie vor wenigen Wochen bei Deinem letzten Besuch in Windischleuba haben wir alle doch seit langem nicht gelacht! Ich kenne wenig Menschen, die so gern lachen, keinen, den ich lieber lachen sehe als Dich! -“
Die letzten Tage und Abende vor Beginn des Zweiten Weltkrieges erlebte Agnes Miegel zusammen mit dem niederdeutschen Schriftsteller Moritz Jahn. Besonders an einen jener Abende erinnerte sie später noch oft. Im Frühjahr 1946, nach der Flucht, schrieb sie aus Dänemark an Moritz Jahn, der ihr aus Göttingen seine tatkräftige Hilfe angeboten hatte (Wagner, S. 93): „Was hab‘ ich Ihnen sonst zu erzählen? Ach, so vieles - aber vielleicht sehen wir uns einmal, sitzen zusammen wie damals auf dem Seesteg in Heiligendamm, ach wäre das schön!“ Moritz Jahn war auch ein verständnisvoller Freund des Wiener Dichters Josef Weinheber gewesen. Er erläutert diesen Satz Agnes Miegels mit dem folgenden Bericht (Wagner, S. 92f):
„Auf eine unserer Begegnungen kam unsere liebe Agnes Miegel in ihren Briefen an mich immer wieder zurück, auf unsere Begegnung in Doberan (Doberaner Dichtertag) im Spätsommer 1939. Ich hatte dort am 19. August den Festvortrag über ‚Niederdeutsche Sprache als Ausdruck niederdeutschen Wesens‘ gehalten. (...) Erst während der Rede war mir der Gedanke gekommen, daß ich so sehr schön den Bogen spannen könnte von meiner eigenen nordwestdeutschen Heimat über die Mitte des norddeutschen Raumes hin bis zu seinem östlichen Grenzland: ‚Ich begann meine Darlegungen mit Glückwünschen (...). Ich möchte sie schließen mit einer Huldigung an die Dichterin, die, nicht minder im plattdeutschen Grunde ihrer preußischen Heimat verwurzelt, die niederdeutsch-nordische Kunstform der Ballade um eine lange Reihe von Kostbarkeiten bereichern durfte, und die uns in ‚Henning Schindekopf‘ das herrliche Bild und Vorbild plattdeutschen Bauernkriegertums schuf, vor dessen Tatkraft und Opfermut die Waffen des feindlichen Ostvolkes klirrend zersplitterten. Sein Wahlspruch gibt, im markigen, volkhaften Laut der Heimat, die schönste Kennzeichnung niederdeutschen Wesens; so soll er auch hier den Schluß bilden. Möchte der niederdeutsche Mensch, möchte auch der niederdeutsche Künstler nach Leistung und Forderung an sich selbst immer ein Recht haben zu dem stolzen Wort: ‚Ök sülvst!‘ ‘
Der vorletzte Satz wollte nichts, als bei den Hörern die Erinnerung an jenes schöne Gedicht wachrufen; erst im Laufe des Nachmittags machten mich Freunde darauf aufmerksam, daß gerade diese Worte in diesem Augenblick eine besondere politische Aktualität gehabt hätten: Das Verhältnis des Reiches zum polnischen Nachbarn wäre sehr kritisch geworden; man erwöge deshalb schon den Plan, Agnes Miegel am Schluß der Tagung mit einem Flugzeug in ihre Heimat zurückzubringen. (...)
Am Abend des letzten Doberaner Tages saß ich noch lange mit Agnes Miegel auf dem Seesteg in Heiligendamm; ein klarer, zu dieser Tageszeit schon herbstlich kühler Mondglanz lag auf der sich nur leise regenden Flut; wir sprachen nur dann und wann ein Wort - es war soviel geredet worden in all den Tagen, und ein Abend am Meer war uns beiden ein seltenes Geschenk, das nicht zerredet werden durfte. Zudem: was würde nun morgen sein, morgen ... ‚Ich war sicher, daß ich die Freunde nie wiedersehen würde‘, schrieb mir die Freundin nach langen Jahren; sie hatte die geliebte Heimat noch erreichen können, mit dem letzten Flugzeug, das den Korridor überqueren konnte, ohne beschossen zu werden.“
„Das kann doch nicht sein!“ (1940-1944)
Moritz Jahn berichtet weiter (Wagner, S. 42): „Immer wieder war die Angst um Volk und Land in unseren Gesprächen, blieb es auch nach den ersten trügerischen Siegesnachrichten, nachdem 1939 wirklich der Krieg ausgebrochen, und sie wurde im Lauf der nächsten Jahre immer stärker. Agnes kannte doch sonst keine Angst. (...) Es lag etwas Lähmendes in dieser Angst, etwas nicht Greifbares, zum Teil schon Geahntes, was immer drohender sich breit machte. Miteinander wenigstens konnten wir davon sprechen. Ich sehe noch die Bestürzung, ja das Entsetzen in ihren Augen, als sie mir kurz eine Äußerung wiedergab, die so ganz nebenbei, aber selbstverständlich jemand über die erhoffte Ausdehnung Deutschlands nach Osten gemacht hatte. ‚Was für eine Hybris!‘ sagte sie, ‚wohin soll das noch führen!‘ “
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| Abb. 6: Agnes Miegel im Jahr 1944 (Bildarchiv Ostpreußen) |
Und (Wagner, S. 42): „Es war im September 1944, nach der nahezu vollständigen Zerstörung Königsbergs“ (durch Luftangriffe). „Wir hatten uns in Neukuhren verabredet. (...) Wir gingen hoch oben die Steilküste entlang, in Richtung Rauschen. Es war ein unirdisch klarer Septembertag. All die Schönheit ringsum legte sich uns aufs Herz.
‚Es kann doch nicht sein‘ - das klang wie ein leiser Aufschrei, ich wußte gleich, was sie meinte. ‚Nein, es kann nicht sein‘, aber wir wußten beide, daß es nur verzweifelter Schmerz um unser Land war, der uns so sprechen ließ, ahnten beide, daß wir zum letzten Mal unsere See zusammen sahen.“
Andere Königsberger berichten (Wagner, S. 59): „Natürlich waren wir auch immer unter den Hörern, wenn sie“ (Agnes Miegel) „öffentlich sprach, zuletzt im Dezember 1944 im Neuen Schauspielhaus, da die anderen großen Säle schon alle durch Bomben zerstört waren.
‚... es forderte zum Fackeltanze dich,Gekrönte Vaterstadt, der grimme Tod ...‘
Wie eine Seherin, wie eine der großen Sibyllen mit dem Blick, der über die Gegenwart hinausgreift, so sprach Agnes Miegel diese Verse aus dem Erleben jener furchtbaren Bombenangriffe - abgeklärt, ruhig, scheinbar über allen Schmerz erhaben, während uns die Tränen über die Wangen liefen.“
Agnes Miegel floh mit zehntausend anderen Königsbergern 1945 über die Ostsee nach Dänemark.
„Heute kommt kein Hall mehr über die Grenze“
Sie weilte nach der Flucht lange Zeit unter ärmlichen Verhältnissen in einem Flüchtlingslager in Dänemark.
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| Abb. 7: Agnes Miegel in Oxböl, Dänemark, 1945/46 (Bildarchiv Ostpreußen) |
Börries von Münchhausen, mit dem sie lebenslang über so zwiespältige Gefühle hinweg verbunden blieb, und der selbst äußert vielschichtig und emotional schwankend war, nahm sich am 16. März 1945 in Windischleuba in Thüringen das Leben. Es war das noch einen Monat, bevor am 15. April 1945 die westlichen Alliierten in Altenburg einrückten. Seine Frau war kurz zuvor an einem Schlaganfall gestorben, sein einziger Sohn schon Jahre zuvor bei einem Autounfall. Noch kurz vor seinem Lebensende hatte er große Zweifel an dem eigentlichen Wert seines dichterischen Schaffens geäußert. Kurz zuvor schrieb er noch das folgende Gedicht über seine Mutter, mit der ja auch Agnes Miegel so gut bekannt gewesen war:
Meiner toten Mutter
Gott hat es gnädig mit dir gemeint,als er dich zu sich genommen,die Sonne, die heute auf Deutschland scheint,ist aus der Hölle gekommen!Du konntest noch Märchen sammeln im Land,von Lippen, welk und befangen,du hast noch Lieder des Volkes gekannt,die sie abends am Thingplatz sangen.Du konntest als gütige Herrin nochIn die Hütten der Armen gehen.Du wußtest beim Gruß im Dorf doch:Sie freuten sich, dich zu sehen.Hast Uhland und Grimm noch die Hand gereichtfür das Deutschtum, das sie uns erworbenund als der Tod dir die Wange erbleicht, -du bist noch in Deutschland gestorben!Wir aber leben - was leben so heißt! -in den Trümmern, die Reich einst geheißen,und wer die Zähne zusammenbeißt,der hat auch noch was zu beißen!Und wer auf dem Friedhof die Namen liest,der kann auch noch Deutsche erspähen,und wer recht fest die Augen schließt,der kann auch noch Deutschland sehen!Ja, Gott hat es gnädig mit dir gemeint,als er deine Seele umfangen,die Tränen um dich waren leichter geweint,als die, denen du entgangen.
Agnes Miegel zog nach Nenndorf in Niedersachsen, nahe dem Münchhausen-Gut Apelern. Die Heimat Ostpreußen blieb das unentwegte Thema ihrer Dichtungen und vieler, vieler Gespräche mit Landsleuten (Ilse Reicke-von Hülsen, in: Wagner, S. 63f): „So sprach sie einmal von den alten Ordensburgen in Ostpreußen: ‚Die Steine wurden zweimal gebrannt, das Ziegenmehl zweimal mit Ochsenblut gemischt, das gab den Purpurton und große Härte. Der Mörtel wurde mit Buttermilch angerührt ... Heut kommt kein Hall mehr herüber über die Grenze‘, fügte sie hinzu. ‚Hinübergehen ist der Tod. Dagegen ist Ninive gar nichts ...‘ “ Ihre damalige Gesprächspartnerin sagt über solche Äußerungen (Ilse Reicke-von Hülsen, in: Wagner, S. 64): „Der große Odem der Geschichte, der aus ihren Balladen weht, packt auch im Gespräch den Besucher wie eine plötzliche Bö.“
Am 12. Februar 1949 konnte sie ihren Freunden ihre „Entbräunung“, wie sie das nannte, also ihre „Entnazifizierung“ mitteilen. Ina Seidel hatte in der Eingabe an die Spruchkammer zu Gunsten ihrer Freundin die richtigen Worte gefunden (Ulf Diederichs, S. 40): „Nie hat sie daran gedacht, Propaganda für die Partei zu machen, wenn ihre Liebe zu Deutschland und der engeren Heimat sie zu einer phantastisch idealisierenden Anschauung der Persönlichkeit Hitlers hinriß.“ Im Urteil hieß es (Ulf Diederichs, S. 40): „Sowohl Motive wie Handlungen haben niemals NS-Geist verraten.“
Wir erfahren (Wagner, S. 100): „Im Dezember 1955 brachte die Monatsschrift Merian ein Sonderheft über Königsberg, und darin ein Erinnerungsblatt von Agnes Miegel, überschrieben Mein Dom. In einem Begleitbrief an die Schriftleitung sagte sie dazu, es sei ihr nicht gelungen, etwas nur objektiv Historisches zu schreiben. ‚Zu stark‘, schrieb sie, ‚ist meine persönliche Bindung. Und ich habe in meinem langen Leben gefunden, daß eine der dümmsten Lügen die vom Vergessen ist. ‚Zeit bringt Rosen‘ konnte bloß eine Spießerseele sagen über ihre kleinen Seelenwehwehs. Die Heimat zu verlieren, sie vernichtet zu sehen, geschändet, verwandelt, ferne alt zu werden, das eigene Volk zerstreut - was das bedeutet, wußten die alten Propheten, wußten Homer und Vergil.‘ “
1956 starb Lulu in Jena, wo sie verblieben war, während ihre Stiefkinder den Verlag in Westdeutschland weiterführten und auch das Werk Agnes Miegels betreuten, ihre Gesammelten Werke herausgaben.
Die künstlerische Deutung der Stadt Frankfurt am Main
Agnes Miegel beschäftigte sich - noch ganz aufgeschlossen für alles Neue - mit vielen Zeitfragen und künstlerischen Fragen. So schreibt sie 1959 in einem Brief (Wagner, S. 68): „Ich war in einem Neubau bei einem jungen Ehepaar: sehr schlicht, sehr leer, aber doch wohl das Gegebene, wenn diese Schlichtheit von einem tiefen Allgefühl beseelt wird - alles Symbol des Höheren wird - sonst bleibt es Nüchternheit, die ins Triviale, ins Ärmliche absinkt.“ Wie hier mit einem einfachen Satz ein ganzes Zeitalter charakterisiert wird.
Und (Wagner, S. 84): „Sie hatte viel gelesen und war viel gereist, und es war herrlich, sie davon erzählen zu hören. Ich erinnere mich noch deutlich daran, wie sie bei Professor Ziesemer von ihrem geliebten Frankfurt sprach, von Hölderlin und Diotima, und wenn ich später durch Frankfurt kam und am Mainufer stand, fiel mir ihre künstlerische Deutung dieser Stadt ein.“ Wie also dem „göttergeliebten, grünen, heiligen Streifen Land zwischen Weimar und Jena“ stand sie auch der Stadt Frankfurt mit großer Ehrfurcht gegenüber. Auch heute noch kann man in Frankfurt Stätten des Lebens und Dichtens von Friedrich Hölderlin aufsuchen. Heute aber braucht man schon viel Phantasie, um sich das alte Frankfurt und die früheren örtlichen Gegebenheiten zu rekonstruieren. - Und kein Museum, kein Gedenkstein, keine Erinnerungstafel hilft einem dabei, soweit es dabei um die Persönlichkeiten von Friedrich Hölderlin und „Diotima“ geht. (Diese Zeilen wurden 2002 geschrieben.)
Wie ist es da um so bemerkenswerter, daß Agnes Miegel in ihrer eigenen künstlerischen Deutung der Stadt Frankfurt nicht an erster Stelle der (zit. n. Wagner, S. 115) „Sehnsucht nach all dem, was der große Zaubermeister ‚edel’ nannte,“ gedenkt, sondern der Liebe zwischen Diotima und Hölderlin. Das Werk und Leben Hölderlins scheint ihr, was Frankfurt am Main betrifft, im Vordergrund zu stehen. Dies ist auch heute noch, im Jahr 2002, eine sehr fortschrittliche Auffassung, zu der sich Frankfurt selbst - zumindest seit 1945 und als Gesamtheit - nie bekannt hat.
- Sie behielt ihr Herz für die Jugend! So wird berichtet (Wagner, S. 141): „Ich fahre“ (in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg) „mit ihr in Hannover in der Straßenbahn. Als wir zum Ausgang gehen, sehe ich, wie sie sich zu einem jungen Paar hinunterbeugt und etwas sagt. Vielleicht Ostpreußen, die sie am Dialekt erkannt hat? An der Tür wendet sie sich noch einmal um und nickt den beiden zu. Draußen berichtet sie: ‚Ich habe den beiden gesagt, sie sollen sich ein Los nehmen!‘ – ‚Ein Lotterielos?‘, frage ich erstaunt. – ‚Nun ja‘, meint sie, ‚ich hatte doch vorher gehört, wie sie zu ihm gesagt hat: Du, ich hab‘ heute nacht von sehr viel Geld geträumt ...‘ “
Über den Ausklang der Feier ihres 80. Geburtstages spät am Abend nach dem Ende aller offiziellen Feierlichkeiten - und schon während des Aufbruchs - wird berichtet (Wagner, S. 141): „Aber in der großen Veranda standen im Halbkreis vor Agnes Miegel wohl noch etwa fünfzig Menschen, viel jugendliche, und sangen von Muskaten und braun‘ Nägelein. Und immer, wenn bei einer neuen Strophe die Jugend den Anfang nicht wußte, fiel Agnes als erste ein. Als das Lied schließlich zu Ende war, drehte Agnes sich zur Tür: ‚Jetzt muß ich aber gehen, auf Wiedersehen!‘ “
Am Sterbebett (1964)
Eugen Diederichs, den schon 1930 gestorbenen bedeutenden deutschen Verleger, hatte Agnes Miegel sehr geschätzt, um so mehr, nachdem er seit 1916 mit ihrer engen Freundin Lulu von Strauß und Torney verheiratet war. Sein Sohn Niels Diederichs schreibt, wie er im Jahr 1964 am Sterbebett von Agnes Miegel weilte (Wagner, S. 105):
„Dann sprach sie davon, daß sie sich nun bald ‚zu den Vätern versammeln‘ werde. Es schien mir, daß sie bei diesen Worten an Gott-Vater wie auch an ihren eigenen Vater dachte - und schon brachte sie das Gespräch auf meinen Vater Eugen, dem sie so manches verdanke und den sie in seiner groß angelegten Natur immer bewundert habe. Als er im September 1930 in Jena starb, da war ganz unmittelbar das ihm gewidmete Gedicht Herbstgesang entstanden. Mit den Worten vom ‚Vater Diederichs‘ war auch ein Gedenken an ihre alte Lebensfreundin Lulu von Strauß und Torney verbunden, ohne daß ihr Name besonders erwähnt wurde. Es gibt Dinge, die lassen sich auch ohne Worte sagen. ... Ein stiller Kuß zum Abschied und ein langer Blick aus den tiefen, traumhaften Augen. Zu einem Winken mit der Hand, wie sie es so oft beim Fortgang an ihrer eigenen Haustür getan hatte, langte die Kraft nicht mehr.“ - - -
Der Diederichs-Verlag, vor allem auch Angehörige der Familie Diederichs selbst, betreuen noch heute - und stellen neu zusammen - wertvolle Ausgaben der Werke von Agnes Miegel. (.., ..) Ulf Diederichs, der „erstgeborene Enkel von Eugen Diederichs“, wie ihn Agnes Miegel nannte (Ulf, S. 46), schreibt 2004 (Ulf, S. 43): „daß mir seit Jenaer Kindertagen Agnes Miegel wie selbstverständlich lieb und vertraut war“. Er schreibt über seinen Vater Niels (Ulf, S. 42): „In der Tat hat es für meinen Vater ein hohes Glück bedeutet, ihr Werk zu betreuen und zu dokumentieren, ‚in sozusagen vererbter Freundschaft’. Er hat sie intensiv teilnehmend erlebt, vornehm und großzügig, ‚frei von allen kleinlichen Erwägungen’; in all den Jahren habe es nie Differenzen gegeben.“ Und weiter schreibt Ulf Diederichs wie er (Ulf, S. 46) „für sie posthum zu ihrem Verleger in der dritten Familiengeneration wurde. Dank Anni Piorreck, meiner Mutter Inge Diederichs und dank der Mitstreiterin Christa Hinze gelang es unserem Trupp, immer neue kleine Miegeleien herauszubringen.“ Die Durchsicht des Familien- und Verlagsarchives, das inzwischen größtenteils an das Literaturarchiv in Marbach abgegeben wurde, brachte Ulf Diederichs die Erkenntnis (Ulf, S. 6): „Manche Sachverhalte, so wurde mir klar, sind noch unerforscht, manches Sprachgebilde noch kaum erschlossen, und auch das Leben Agnes Miegels hält immer noch Überraschendes und Unbekanntes bereit.“
Die intuitive Begabung von Agnes Miegel
Die Schriftstellerin Ina Seidel (1885-1974) ist wohl unter den langjährigen Freundinnen Agnes Miegels diejenige, die den künstlerischen Kern ihrer Persönlichkeit in der Deutung am anschaulichsten formuliert hat. Eine weitere Freundin Agnes Miegels berichtet hierüber (Wagner, S. 124): „In diesen stillen Stunden vertraute sie“ (Agnes Miegel) „mir manches an, was sie im Bereiche des Zweiten Gesichtes erlebte. Es steht mir nicht zu, Offenbarungen so besonderer Art preiszugeben. (...) Einmal fragte ich sie, ob all dieses seltsame Erleben ganz der Verborgenheit und damit der Verlorenheit anheimfallen solle, worauf sie antwortete: ‚Ich habe alles in die Hände von Ina Seidel niedergelegt.‘
Sie schwieg versonnen, und ihr Blick war in weite Fernen entrückt. Ich fühlte es: das war ein großes Vermächtnis an eine sehr geliebte Freundin, und ganz nach den Bestimmungen, die sie getroffen, würde es von dorther einmal in Erscheinung treten oder verborgen bleiben.“
Ina Seidel hatte Agnes Miegel mit 27 Jahren im Jahr 1912 kennengelernt. Sie hatte schon kurz nach diesem Kennenlernen in einem Gedicht über ihre „Erste Begegnung“ geschrieben (Stimmen 1939):
(...)Ihre Augen sahn hinter Tod und GrabUnd kannten nicht Raum und Zeit.Ich fuhr an ihren Worten hinabIn den Brunnen der Ewigkeit.(...)
Am 3. Januar 1914 schrieb Agnes Miegel an ihre Freundin Lulu (zit. n. Inge Diederichs, S. 266): „Da will ich dir noch sagen, daß ich Ina Seidel sehr mag, trotzdem mir diese Art übersensitiv-gute Naturen sonst gar nicht liegt, ich bin zu derb und heftig dafür, aber sie hat so was unendlich Rührendes, ich suche immer in ihrer Gegenwart ‚gut‘ zu sein, wie bei einem kranken Kind, sie hat so wunderbar klare Augen, wie ein guter Geist, ich muß mich immer wundern, daß sie einen wirklichen Mann und ein wirkliches Kind hat, ich komme mir daneben so erdenklebend vor.“
Wohl entsprechend dem obengenannten Vermächtnis verglich Ina Seidel nach dem Tod von Agnes Miegel dieselbe mit der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. - Im Jahr 1959 hatte Agnes Miegel sogar noch einen langen, leuchtenden Herbsttag lang Gelegenheit gehabt, den schriftlichen Nachlaß von Annette von Droste-Hülshoff einzusehen (Wagner, S. 119): „Wie sie versunken am Fenster saß, Blatt um Blatt umwendete, und dann wieder den Blick in die stille, von Abendsonne durchleuchtete Landschaft versenkte.“ Beim Abschied sagte sie: „Ich habe mich heute vollgesogen wie eine Biene ...“ - Und Ina Seidel berichtet nun: „Beide sind als Dichterinnen im weitesten und höchsten Sinn zu betrachten, nicht allein, was die schöpferische Imagination und die gestaltende Sprachgewalt betrifft, sondern auch im Hinblick auf eine seherische Gabe, die in der ihnen eigenen Form häufiger Frauen als Männern verliehen zu sein scheint, aber nur selten in Verbindung mit hochgradig dichterischer Veranlagung auftritt. Es ist die geheimnisvolle Gabe, die als ‚zweites Gesicht‘ bezeichnet wird, und die im Bereich der Literaturgeschichte kaum nachweisbar ist. (...)
Was in dieses Gebiet hineingehört: Vorahnungen, Wahrträume, Empfänglichkeit für Gedankenübertragung und Fernwirkungen, auch für Stimmen und Geräusche, denen mit physikalischen Erklärungen nicht beizukommen ist; ebenso die Fähigkeit, Erscheinungen, die den meisten Menschen verborgen bleiben, optisch wahrzunehmen - kurz, alles, was über die fünf Sinne und den ‚Verstand der Verständigen‘ hinausgeht, wirkt sich dort, wo es bei durchschnittlicher oder mangelnder geistiger Begabung auftritt, meist als zwiespältig oder als Belastung schlechthin aus, da es das innere Gleichgewicht der damit Stigmatisierten stört.“
Mit diesen Worten ist auf eine große Zahl von Erscheinungen in der Kultur- und Religionsgeschichte der Völker angespielt, aufgrund derer sich etwa religiöse Menschen Selbsttäuschungen hingaben und -geben, und aufgrund derer „Priester“ und sonstige Personen aller Facetten danach strebten, unter Vorspiegelung angeblicher Kontakte zum „Übersinnlichen“ Macht zu gewinnen über andere, in ihrer Denk- und Urteilskraft geschwächte Menschen.
Die „Geradheit und Klarheit“ ihres „nüchternen Denkens“
Ina Seidel schreibt dann aber weiter und versucht dabei sicherlich, die eigenen Gedanken von Agnes Miegel zusammenzufassen (zit. n. Wagner, S. 13): „Wenn aber solche Fähigkeiten in Verbindung mit hohem geistigen Niveau auftreten und von ihrem Träger ständig kontrolliert werden - wenn dann noch überdurchschnittliche künstlerische Gestaltungskraft hinzukommt, die ausgleichend und positiv den Gefahren einer einseitigen und passiven medialen oder somnambulen Veranlagung entgegenwirkt, da ist die Voraussetzung gegeben, daß der Kreis der inneren Schau sich über das sinnenhaft Faßbare erweitert, daß die Imagination - das bildhafte Sehen - aufs höchste gesteigert wird. (...)
Schon seit unserer ersten“ (brieflichen) „Begegnung, 1911, hatten Gegenstände dieser Art im Mittelpunkt unserer Gespräche und unseres Briefwechsels gestanden. (...) Wie Agnes selbst darüber dachte, geht aus einem ihrer Briefe aus dem Jahr 1915 hervor, in dem sie sich zunächst für unfähig erklärt, einen Roman zu schreiben, und dann fortfährt:
‚Manche Leute würden lachen, wenn ich sage, ich habe keine Phantasie – aber es ist so. Meine Träume und Gedichte sind durchaus nicht Phantasie, sind das Gegenteil, eine Art medialer Kraft, die mich erfüllt wie ein Gefäß und gerade durch die Geradheit und Klarheit meines nüchternen und in diesen Dingen geschulten Denkens besonders gut ausgedrückt wird.‘
Daß sie selbst hier, in diesem Zusammenhang mit ihrer Gabe, von der ‚Geradheit und Klarheit meines nüchternen Denkens‘ spricht, offenbart, wie ihre Beziehung zum Übersinnlichen nicht allein durch ihre dichterische Gestaltungskraft im Gleichgewicht gehalten wurde, sondern wie darüber hinaus dieses Zusammenspiel geistiger Kräfte durch einen unbeirrbaren Blick für die Realität des sie umgebenden Lebens mit Einschluß der eigenen Person kontrolliert wurde. Dieser Wirklichkeitssinn ging, was ihre Menschenkenntnis und ihre Beurteilung menschlicher Zustände betrifft, so weit, daß er sich gelegentlich in unbarmherziger Schärfe auswirkte und jedenfalls damals Illusionen nicht zuließ, die sich zuweilen mit aggressiver Bitterkeit gegen sie selbst wandte oder sich in Resignation äußerte. Gerade dieser unerbittliche Realismus aber schien mir zu beweisen, daß auch hinsichtlich ihrer Erlebnisse der ‚anderen Seite‘ - ihrer Visionen, Gesichte und Träume - Selbsttäuschung ausgeschlossen war.“ Auch dem Autor dieser Zeilen scheint gerade diese „aggressive Bitterkeit gegen sich selbst“ ein deutlicher Prüfstein für den nüchternen Realitätssinn von Agnes Miegel zu sein. Für diese „aggressiven Bitterkeit gegen sich selbst“ sollten deshalb Beispiele gebracht werden. Und: Nicht zuletzt ihre falsche Einschätzung des Nationalsozialismus macht deutlich, daß intuitive Begabung keineswegs - sozusagen ganz selbstverständlich - vor weitreichenden Irrtümern behütet.
Ina Seidel weiter (zit. n. Wagner, S. 15f): „Wenn sie von ihrer ‚Gabe‘ sprach, meinte sie nie ihre Kunst, immer ausschließlich ihre Gabe der Träume und Gesichte, die sie als eine Begnadung, ein Charisma, eine ihr zuteil gewordene Einweihung in Randgebiete der großen Geheimnisse betrachtete. (...) Ebensowenig läßt sich bezweifeln, daß eine Genialität dieser Art die damit Begnadeten nicht zu Glückskindern im landläufigen Sinne macht. Sie sind leidensfähiger als der Durchschnitt ihrer Zeitgenossen, sie sind im rein Menschlichen immer wieder Prüfungen unterworfen, die zu bestehen Opfer und Entsagung erfordert, sie sind wie alle Menschen, und vielleicht in noch stärkerem Ausmaß, Versuchungen und Irrtümern ausgesetzt, und dem allen standzuhalten und es zu überwinden, erfordert einen Charakter, der die Vielfalt der sie auszeichnenden Gaben zugleich kontrapunktlich in Einklang bringt. Wo es, wie bei Agnes Miegel, zu diesem Einklang der künstlerischen und menschlichen Persönlichkeit gekommen ist, zu jener von ihr ausstrahlenden Harmonie der Versöhnung mit dem Geschick, die nur in aller Stille von ‚einer Seele, die gearbeitet hat‘, errungen werden kann, da stehen wir in Ehrfurcht vor dem Wunder einer wahrhaft erfüllten Berufung.“
Die „Aggressive Bitterkeit gegen sich selbst“
Die hier genannte „aggressive Bitterkeit gegen sich selbst“ ist an mancherlei Stellen in Berichten über ihr Leben und aus manchen ihrer Briefe ablesbar. Und gerade sie ist wohl eines der besten Zeugnisse dafür, daß hier tatsächlich ein Mensch immer wieder bei der Rückkehr von einem Flug seiner Seele ins „Jenseits“ (von Raum und Zeit - wie das von der Philosophie benannt wird) in den vormaligen „Seelenkerker“ in „aggressiver Bitterkeit gegen sich selbst“ Mauerstücke dieses Seelenkerkers wegzureißen drängte und die Fenster des Kerkers auch wirklich „aggressiv“ (und nicht nur „bürgerlich lahm“) zu erweitern suchte.
Agnes Miegel war sich bewußt, daß diese „Aggressivität gegen sich selbst“ nicht so weit gehen durfte, das eigene Licht gegenüber anderen, allzu „bürgerlichen“ Menschen unter den Scheffel zu stellen und dadurch allzu kleingläubig zu werden. Dies scheint gerade gegenüber ihrer großen, enttäuschenden Jugendliebe Börries von Münchhausen immer wieder Gegenstand des Gespräches gewesen zu sein (s. o.).
Wenn wir nach den in diesen Aufsätzen gebrachten Lebenszeugnissen von und über Agnes Miegel wieder in ihr erzählerisches Werk und in ihre Dichtungen schauen, ist uns vielleicht die Möglichkeit gegeben, vieles davon noch besser als zuvor in seinen tieferen Wurzeln zu verstehen.
Dann werden uns vielleicht auch die gelungene Lebensgestaltung und das Werk Agnes Miegels eine Ermutigung zur eigenen Entscheidung im eigenen Leben darstellen.
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Benutzte Literatur:
- Miegel, Agnes: Spaziergänge einer Ostpreußin. Feuilletons aus den zwanziger Jahren. Hrsg. v. A. Piorreck. Eugen Diederichs Verlag, Köln 1985
- Miegel, Agnes: Wie ich zu meiner Heimat stehe. Ihre Beiträge in der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ (1926-1932). Hrsg. v. Helga und Manfred Neumann. Verlag Siegfried Bublies, Schnellbach 2000
- Miegel, Agnes: Gedichte. J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger (14. und 15. Tsd.) Stuttgart und Berlin 1927
- Miegel, Agnes: Herbstgesang. Neue Gedichte. Eugen Diederichs Verlag (9. - 18. Tsd.) Jena 1933
- Miegel, Agnes: Geschichten aus Alt-Preußen. Eugen Diederichs Verlag, Jena 1942 (1. Aufl. 1934) [enthält die Erzählungen „Landsleute“, „Die Fahrt der sieben Ordensbrüder“, „Engelkes Buße“, „Der Geburtstag“]
- Miegel, Agnes: Gesammelte Gedichte. Eugen Diederichs Verlag, (21.-25. Tsd.) Jena 1940 (1. Aufl.: 1936)
- Miegel, Agnes: Werden und Werk. Mit Beiträgen von Prof. Dr. Karl Plenzat. Hermann Eichblatt Verlag, Leipzig 1938 [„Durch Dichtung zum Dichten“, Bildnisse von 1905 u. 1938]
- Miegel, Agnes: Ostland. Gedichte. Eugen Diederichs Verlag, Jena 1940 [enthält Gedichte wie: „An den Führer“, „Hymne an Ostpreußen“ (1937), „Sonnwendreigen“ (Danzig 1939), „An Deutschlands Jugend“ (Herbst 1939)]
- Miegel, Agnes: Im Ostwind. Erzählungen. Eugen Diederichs Verlag, Jena 1940 [enthält die Erzählung „Lotte“]
- Miegel, Agnes: Und die geduldige Demut der treuesten Freunde ... Nächtliche Stunde mit Büchern. Verlag Wilhelm Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1941
- Miegel, Agnes: Mein Bernsteinland und meine Stadt. (Mit 32 Farbtafeln.) Gräfe und Unzer Verlag, Königsberg/Pr. 1944 [eine große, lange, wenig bekannte Versdichtung]
- Miegel, Agnes: Gedichte und Prosa. Auswahl von Inge Diederichs. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf, Köln 1977 [darin auch Briefe A. M.s]
- Miegel, Agnes: Gedichte aus dem Nachlaß. Hrsg. v. A. Piorreck. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf, Köln 1979
- Miegel, Agnes: Es war ein Land. Gedichte und Geschichten aus Ostpreußen. (Redaktion: Ulf Diederichs und Christa Hinze) Eugen Diederichs Verlag, München 1983 (3. Aufl.: 1988)
- Agnes Miegel. Stimmen der Freunde zum 60. Geburtstage der Dichterin 9. März 1939. Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft, Bad Nenndorf 1984 (Eine Auswahl aus dem gleichnamigen Sonderdruck: Eugen Diederichs Verlag, Jena 1939)
- Wagner, Ruth Maria (Hrsg.): Leben, was war ich dir gut. Agnes Miegel zum Gedächtnis. Stimmen der Freundschaft. [Ostpreußisches Mosaik, Band X], Verlag Gerhard Rautenberg, Leer/Ostfriesland o. J. (Unveränd. Nachdruck der gleichnam. Ausgabe: Verlag Gräfe und Unzer, München 1965)
- Piorreck. Anni: Agnes Miegel. Ihr Leben und ihre Dichtung. Eugen Diederichs Verlag, Korrigierte Neuauflage, München 1990 (1. Aufl.: 1967)
- Seidel, Ina: Lebensbericht 1885-1923. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1970
- Starbatty, Ursula (Bearbeiterin): Begegnungen mit Agnes Miegel. Jahresgabe 1989/90 der Agnes-Miegel-Gesellschaft, Bad Nenndorf 1989
- Poschmann, Brigitte: Agnes Miegel und die Familie Münchhausen. Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft. Bad Nenndorf 1992
- Schücking, Beate E. (Hrsg.): „Deine Augen über jedem Verse, den ich schrieb“. Börries von Münchhausen - Levin Schücking - Briefwechsel 1897-1945. Igel Verlag Literatur, Oldenburg 2001
- Diederichs, Ulf: Agnes Miegel, Lulu von Strauß und Torney und das Haus Diederichs. Die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft. Jahresgabe 2005 der Agnes-Miegel-Gesellschaft. Überarbeiteter Festvortrag zu Agnes Miegels 125. Geburtstag, gehalten am 6. März 2004 in Bad Nenndorf
Eine "große Liebende in Schmerz, Seligkeit und Hingabe ..."
In unserem jüngsten Video (Yt) und in dem dazu gehörigen Blogartikel (Stg25) ist auf die frühe Liebeserfahrung der Dichterin Agnes Miegel (1879-1964) Bezug genommen worden und auf ihre bis ans Lebensende frische, unverbrauchte Schaffenskraft. Dazu hat der Verfasser dieser Zeilen schon um 2002 einen Aufsatz verfaßt, der bislang noch nie veröffentlicht worden ist. Er soll hier erstmals in leicht überarbeiteter Form zugänglich gemacht werden. Voran gestellt seien die beiden Endzeilen eines Gedichtes von Agnes Miegel aus dem Jahr 1903 (s. FüK21):
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| Abb. 1: Agnes Miegel, 1902 (Bildarchiv Ostpreußen) |
Im Jahr 1936 brachte die Dichterin Agnes Miegel eine Ausgabe „Gesammelte Gedichte“ heraus. Die Abfolge der darin zusammen gestellten Dichtungen kann wie eine Lebensbeschreibung der Dichterin gelesen werden. In der ungefähren Abfolge, in der „Lebensthemen“ im Leben der Dichterin selbst bedeutend geworden waren und dann wieder abgeklungen sind, klingen auch in dieser Ausgabe abschnittsweise jeweilige Lebensthemen in Gedichtform an.
„Aggressive Bitterkeit gegen sich selbst“
Das Leben Agnes Miegels (1879-1964) - Neue Zeugnisse und Sichtweisen
Am Anfang stehen - wie auch ungefähr in ihrem Erwachsenenleben - die berühmten Balladen Agnes Miegels, die lange Zeit in jedes deutsche Schulbuch gehörten. Mit diesen war sie um 1900 herum bekannt geworden (S. 3-72). Als solche war sie bekannt geworden zusammen mit zwei ihrer bedeutendsten, lebenslangen Freunde, nämlich zusammen mit den beiden Balladendichtern Börries von Münchhausen (1874-1945) und Lulu von Strauss und Torney (1873-1956). Unter anderem wird in diesen Balladen die tiefe Grausamkeit der Kriemhild der Nibelungen-Sage dichterisch neu gefaßt. Zugleich auch der Schmerz der Kriemhild über ihre eigene Grausamkeit. Schon die Zeitgenossen haben empfunden, daß diese Ballade auch dem tieferen Wesensgehalt der Nibelungen-Sage selbst sehr nahe gekommen ist. Und dies galt und gilt für viele historische Themen, die Agnes Miegel in ihren Balladen und Gedichten aufgegriffen hat.
Es folgen in einem weiteren Abschnitt dann eher persönlich gehaltene Gedichte. Unter anderem sind diese an die eigenen Vorfahren gerichtet. Außerdem folgen Gedichte über die Kinderheimat und über die Lebenszeit als heranwachsendes Mädchen (S. 73-79). Es folgt dann ein Abschnitt mit elf Liebesgedichten. Alle elf sind sehr persönlich gehalten (S. 80-90). Wie sollte es da ausgeschlossen sein - und das soll im folgenden begründet werden -, daß diese elf Gedichte dem Inhalt nach aus dem ersten - und wohl einzigen - großen Liebeserleben im Leben der Dichterin heraus entstanden sind. Bei diesem handelt es sich um ihre stolze und heftige Zuneigung zu dem für damalige Zeiten sehr unkonventionell lebenden Dichter Börries von Münchhausen.
Börries von Münchhausen (1874-1945)
Agnes Miegel blieb mit Börries von Münchhausen lebenslang befreundet. Ebenso bestand lebenslang ein herzliches, freundschaftliches Verhältnis zu seiner ganzen Familie, die in Niedersachsen beheimatet war. Nach ihrer Flucht aus Ostpreußen im Jahr 1945 siedelte sich Agnes Miegel deshalb in der Nähe dieses Familiensitzes an. Börries von Münchhausen selbst setzte sich immer wieder - sowohl im privaten Kreis wie öffentlich - für seine Dichterfreundin Agnes Miegel ein. Diese Umstände werden mit dazu beigetragen haben, daß Agnes Miegel sich zu ihren Lebzeiten niemals besonders deutlich über ihre frühe Leidenschaft für diesen Mann äußerte, ebenso wenig über die außerordentlich tiefe Verletzung, die dieselbe mit sich gebracht hat.
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| Abb. 2: Agnes Miegel, 1902 (Bildarchiv Ostpreußen) |
Die genannten elf Liebesgedichte lassen, würden sie tatsächlich aus der Zuneigung zu Börries von Münchhausen heraus entstanden sein, denselben auch keineswegs in einem guten Licht erscheinen. Zumindest soweit er nicht als Freund, sondern als Liebender angesprochen wäre. Wollte Agnes Miegel die bleibende Freundschaft zu ihm und seiner Familie nicht aufs Spiel setzen, durfte sie deshalb auch keine eindeutige Deutung dieser Gedichte für die Öffentlichkeit geben. Es fragt sich hinwiederum auch, warum ihr das überhaupt hätte wichtig erscheinen sollen. Diese Gedichte stehen auf eigenen Füßen, auch wenn man nicht um diese persönlichen Hintergründe rund um ihre Entstehung weiß.
Agnes Miegel konnte über derartige Dinge zwar völlig freimütig sprechen - aber eher im vertrauten Kreis und nicht jedem Menschen, bzw. und „Philister“ gegenüber. Oftmals sprach sie nur verschlüsselt und in Andeutungen. So sagte sie einer guten Bekannten: „Man muß es für sich behalten, daß sich nicht freuen die Töchter der Philister!“
Selbst in der ausführlichen, detailreichen Biographie über Agnes Miegel, die nach ihrem Tod 1967 von ihrer nahestehenden Freundin Anni Piorreck heraus gebracht worden ist, wird ihre jugendliche Zuneigung - bzw. flammende Zuneigung - zu Börries von Münchhausen nur in wenigen Sätzen angedeutet. Dasselbe gilt von der 1990 heraus gekommenen, korrigierten Neuauflage derselben. Bei dieser Gelegenheit wird keinerlei Name genannt. Diese Biographie ist aus der Kenntnis vieler wesentlicher Einzelheiten im Leben von Agnes Miegel heraus geschrieben. Und sie ist, zumal sie bisher die einzige geblieben ist (Stand 2002), außerordentlich wichtig und verdienstvoll.
Eine unbefriedigende Biographie über Agnes Miegel (1967/1990)
Heute (2002) jedoch, vierzig Jahre nach dem Tod von Agnes Miegel und nach dem Hinwegsinken ihrer ganzen Zeitepoche spätestens in der Kulturrevolution von 1968, läßt die Biographie von Anni Piorreck den Leser unbefriedigt zurück. Die ganze Zeit- und Kulturepoche, in der Agnes Miegel gelebt und gewebt hat, wird letztlich doch nicht in einem „großen Wurf“ gezeichnet, wie es notwendig wäre, um ein kraftvolles Lebensbild zu geben. Es wird nicht ein mit vollen Pinselstrichen gemaltes Lebensbild gegeben, wie es einer so bedeutenden Dichterin wie Agnes Miegel angemessen wäre.
Der vorliegende Aufsatz möchte in Richtung einer neuen, zeitgemäßen Auffassung des Lebensbildes von Agnes Miegel hinwirken. Sie war und ist eben nicht nur die allseits verehrte „große Dichterin“ Ostpreußens - vor allem unter den ostpreußischen Vertriebenen. Sondern sie war vor allem ein Mensch mit seiner Freude und seinem Schmerz. Ein Mensch, den man viel besser versteht, wenn man über prägende Phasen, Erlebnisse seines Lebens nicht nur in Andeutungen erfährt. Und zwar in Andeutungen, die man fast überliest. Nein, sie müssen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestellt werden. Dann kommt uns ein solcher Mensch vielleicht in manchen Lebensinhalten auch viel „moderner“, „zeitgemäßer“ vor, als dies sonst der Fall sein mag.
Die Titel der genannten elf Liebesgedichte lauten: „Liebe“ („Ich warf wie tote Muscheln / Liebe und Treu in den Sand ...“), „Wer ruft die Rose zurück“, „Flieder“, „Der es gegeben“ (entstanden 1927), „Der Garten“, „Johanni“, „Weit in der Fremde“, „Neumond“, „Frühling“ und „Dämmerung“ („Du sprichst - ich höre schweigend hin / Wie fremd ist deiner Stimme Klang! / Und ich zermartre meinen Sinn / Was so an dir mein Herz bezwang. ...“).
Nach diesen elf Gedichten folgen in dem Gedichtband von 1936 noch weitere "Lebensthemen". Sozusagen das große Leid dieser Liebe ausklingen lassend und die Gedanken allmählich wieder auf andere Erlebnisinhalte richtend, folgen weniger persönliche Gedichte über das Erleben einer Witwe, einer späten Frauenliebe und ähnliches (S. 91-95).
Es folgt dann das berühmte Gedicht „Heimweh“, das schon im Jahr 1907 entstanden war („Ich hörte heute morgen / Am Klippenhang die Stare schon ...“). Ein Gedicht ist an eine gestorbene alte Frau gerichtet, möglicherweise die Mutter von Börries von Münchhausen, die, wovon noch die Rede sein wird, eine sehr enge Freundin von Agnes Miegel geworden war. Außerdem folgen Gedichte an Jugendfreundinnen und -freunde (etwa gefallen im Ersten Weltkrieg) und an Kinder in der Verwandtschaft, an deren Schicksal die kinderlose Agnes Miegel Anteil genommen hat.
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| Abb. 3: Agnes Miegel, Sommer 1901 (Bildarchiv Ostpreußen) |
Dann folgt wieder fast eine Zäsur mit dem Gedicht „Aufschrei“ aus dem Jahr 1927 („Für dies verzettelte Leben, / Das wie Wasser durch meine Hände rann ...“). Dieses Gedicht gibt auch die Stimmung wieder, die sich in vielen brieflichen Äußerungen Agnes Miegels aus dieser Zeit widerspiegelt. Damals mußte sie - in der Blütezeit ihres Lebens - fast nur für und mit ihren beiden alten, kranken Eltern und in deren Alt-Königsberger „Bürgerlichkeit“ leben. Sie tat das in treuer Pflichterfüllung, zugleich aber auch immer wieder in „aggressiver Bitterkeit gegen sich selbst“. Über diesen bis heute wenig beachteten Charakterzug Agnes Miegels wird weiter unten ebenfalls noch zu handeln sein.
Immer wieder beschlich sie der ungeheure Verdacht, daß sie diesen Kindes-Pflichten letztlich ihre große Begabung als Dichterin aufopfern würde. Aus ähnlichen Stimmungen heraus entstand wohl das Gedicht „Ich“ (im Jahr 1920) („In dem Geschwätz und Gewühl / vor dem plätschernden Brunnen am Markte ...“). Dann folgt ein Gedicht, das man eigentlich nur anti-christlich nennen kann: „Heimat“ (ebenfalls aus dem Jahr 1920) („Nicht in euren Himmel will ich kommen / Wo die weißen Engel Harfe spielen, / In die alte Heimat werd ich wandern ...“).
Und nun stehen da einige der großen, stolzen Gedichte auf die vielfältige Geschichte Ostpreußens und auf seine berühmten Gestalten (S. 109-141), um derentwillen sich Agnes Miegel in die Herzen ihrer Landsleute und der Deutschen eingeschrieben hat („Kynstudt“, „Hennig Schindekopf“ [entstanden schon 1901], „Heinrich von Plauen“ und andere). Dann folgen Gedichte auf die Zeitereignisse des Ersten Weltkrieges und die unmittelbare Nachkriegszeit, etwa: „Über der Weichsel drüben ...“ (aus dem Jahr 1927) („Über der Weichsel drüben, Vaterland höre uns an! / Wir sinken wie Pferd und Wagen versinken im mahlenden Sand ...“), „Die Fähre“ (entstanden an der Memel im Jahr 1920, kurz bevor das Memelland an Litauen abgetreten wurde). Außerdem: „England 1918“ („Weißbrüstige Tochter Alfreds / die ihm die Keltin gebar ...“ ) (S. 142-168).
Das sind Anklagen an die Ereignisse der Zeit und an die Mißhandlung ihrer Heimat, die Abtrennung des Memellandes und Westpreußens an fremde Staaten - während die kalte, „weißbrüstige Tochter Alfreds“ „am Pool von London“ sitzt und große Völker und Volksgruppen durcheinanderschüttelt wie bunte Perlen in ihrer Hand. - - -
„Von da an haben wir uns zwei Jahre lang sehr lieb gehabt“ (1898)
Doch zurück zu dem Eingangsthema: Wer war Börries von Münchhausen, den Agnes Miegel mit 19 Jahren kennenlernte? Dazu muß eine Literaturhistorikerin angehört werden, deren Veröffentlichung die Anregung zur Erarbeitung des vorliegenden Aufsatzes gegeben hat. Über diesen Mann berichtet sie folgendes (Poschmann, S. 8): „Zu Beginn seiner Göttinger“ (Studien-) „Zeit hatte er seinen ersten Gedichtband veröffentlicht, der enthusiastische Besprechungen auslöste und außer seinem ohnehin sehr ausgeprägten Selbstbewußtsein bei ihm das Gefühl dichterischer Berufung unabweisbar bestätigte. Man gab sich als Bohemien und verachtete alles Bürgerliche und Konservative, vor allem die hannoversche adlige Gesellschaft. Diese Lebenshaltung steigerte sich noch, als Münchhausen mit einigen seiner Dichterfreunden im Wintersemester 1897 nach Berlin übersiedelte mit dem Vorsatz, sein Jurastudium abzuschließen. Doch ehe es soweit war, stürzte er sich in ein - nach seinen eigenen Worten - ‚ausbordendes Kunstzigeunertum‘, wurde Sozialdemokrat, trat aus der Hannoverschen Landeskirche aus und trug in ‚frechster Herausforderung einen Rosenkranz als Pfeifenschnur‘. Nächte hindurch saß er in den Kriminellenkellern im Norden Berlins mit üblem Volk zusammen, in der Hoffnung, ‚bei ihnen Güte und Edelsinn ..., Selbstlosigkeit und Hingabe an irgendeinen Gedanken‘ zu finden. Er ließ sich als Chefredakteur für die ‚Münchhausen‘ benannte satirische Zeitschrift gewinnen und brachte alttestamentarische Balladen unter dem Titel ‚Juda‘ heraus - beides Provokationen für die Familie und für die hannoversche Gesellschaft, vor allem, als er aus dem Büchlein ‚Juda‘ noch Dichterlesungen in dem Zionistischen Verein in Hannover hielt.“
Auch noch weitere, ähnliche Schilderungen zeigen insgesamt einen Mann, der in seiner lässigen Nonchalance auf ein ähnlich oberflächlich gesinntes, aber ebenfalls doch auch begabtes Mädchen von 19 Jahren Eindruck machen konnte. Das geschah, als die junge Agnes zusammen mit ihrem Vater auf der Reise nach Paris nach Berlin kam, um mit Börries von Münchhausen über die Veröffentlichung ihrer Gedichte persönlich zu sprechen.
| Abb. 4: Börries von Münchhausen (wohl um 1899 herum) |
Im kulturellen Gedächtnis blieb Agnes Miegel als alte, verehrte Dichterin der Stadt Königsberg und des Landes Ostpreußen, sowie der ostpreußischen Vertriebenen in Erinnerung. Obwohl sie ihre heftige Leidenschaft für den exzentrischen Dichter um die Jahrhundertwende niemals völlig geheim gehalten hat, ist dieselbe bis heute in ihren Lebensbeschreibungen höchstens vage angedeutet worden.
Und doch klingt auch durch ihre starke Heimatverbundenheit bis an ihr Lebensende jene Verachtung für alle Bürgerlichkeit hindurch, jene „Bohemienhaftigkeit“, von der auch die Leidenschaft für Börries von Münchhausen bestimmt gewesen sein muß. Wenn es um ihre Heimatliebe ging, konnte sie noch an ihrem Lebensende sprechen von „Spießerseelen und ihren kleinen Seelenwehwehs“ - als wäre sie immer noch eine 19-Jährige.
„Sie sagte einfach ‚Wie du willst‘ “
In seinen eigenen, autobiographischen Aufzeichnungen aus den 1930er Jahren hat Börries von Münchhausen über seine Liebe zu Agnes Miegel das folgende geschrieben (zit. n. Poschmann, S. 10f): „Im Jahre 1898 hatte ich von einem jungen Mädchen aus Königsberg Gedichte zugeschickt bekommen, die mich mehr als begeistert hatten. Ich sah auf den ersten Blick: Eines der ganz seltenen weiblichen Genies legte diese Verse und die Worte dieser Briefe aufs Papier. Wundervolle hell-dunkle Stimmungen klangen auf, wunderlicher Aberglauben rankte um einen kindisch-kindlichen Glauben.“ In dieser, gegenüber dem weiblichen Geschlecht natürlich kraß überheblichen Art schreibt Börries von Münchhausen weiter. Er berichtet dann:
„Unser Briefwechsel nahm in wenigen Wochen sehr herzliche Formen an. Im August kam sie mit ihrem Vater, der sie in eine Pariser Pension brachte, durch Berlin und blieb drei Tage hier.“ Münchhausen berichtet wie er - nachdem eine erste Verabredung nicht zustande gekommen sei -, seiner selbst unbewußt wie ein Blinder durch die Großstadt und das Menschengedränge Berlins geradewegs zu ihr „hingeführt“ worden sei - in einen vollgedrängten Bierkeller Unter den Linden. Dieses „blinde“ Hinfinden paßt durchaus zu manchen Inhalten von Gedichten Agnes Miegels und der darin enthaltenen „Ahnungen“ und „Gesichte“. Börries von Münchhausen schreibt: „Als ich den Kopf hob, da wußte ich, daß dieses dunkelhaarige Mädchen, das mit seinem Vater am Tisch saß, meine Briefschreiberin sei. Und ich streckte ihr die Hand hin und sagte: ‚Guten Tag, Agnes Miegel!‘ Und sie sagte in ganz selbstverständlichem Tone: ‚Börries von Münchhausen.‘ Ihre Stimme war weich, tief und voll, gar nicht so wie ihre 19 Jahre.
Sie war sehr schön.
Dann begleitete ich sie in ihr Gasthaus. Im Gewühl der Friedrichstraße wurde sie einen einzigen Augenblick von ihrem Vater abgedrängt, und in dieser einzigen Sekunde sagte ich: ‚Morgen um 10 am Theater des Westens‘.
Sie sagte einfach: ‚Wie du willst‘. Von da ab haben wir uns zwei Jahre lang sehr lieb gehabt. Wir haben uns freilich nur selten gesehen. Als sie aus Paris kam, holte ich sie in Köln ab, und wir machten eine kleine Rheinreise.“ - Und auf diese Rheinreise - als Unverheiratete - wird sich noch eine viel spätere Äußerung oder Andeutung von Agnes Miegel bezogen haben, die weiter unten gebracht werden wird. - „Und dann, als sie in Berlin Pflegerin im Friedrich-Kinder-Krankenhaus war. Aber die kargen Stunden wurden uns zu Jahren, und ein täglicher Briefwechsel vertiefte unser Verhältnis.“ Börries von Münchhausen behauptet dann:
„Wir haben alles miteinander geteilt, am innigsten unsere künstlerische Arbeit. In meinen Gedichten stecken viele Verse, die sie mir sagte, in ihren Büchern viele von mir, und wir haben oft gelacht, wenn wir dachten, ob die Gelehrten des Schrifttums wohl die Anteile auseinandertrennen könnten. In einzelnen Fällen ging die Arbeit des anderen fast an die Hälfte heran.“ - Und weiter schreibt er:
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| Abb. 5: Agnes Miegel, 1902 |
„Schließlich haben wir uns getrennt, wie wir uns zusammengefunden hatten: Als freie Menschen, aus freien Stücken. Und nicht ein Tropfen Bitterkeit ist in den Kelch der Freundschaft gefallen, die uns seither brieflich verbindet.“
Wenn man diese Aussage vergleicht mit den Briefen von Agnes Miegel an ihre Freundinnen oder auch mit ihren Gedichten zu diesem Thema, wird deutlich, wie unterschiedlich diese Trennung „aus freien Stücken“ von beiden Seiten aufgefaßt worden ist - und wie wenig Börries von Münchhausen sich das bewußt gemacht hat. Er schreibt: „Wir haben es vom ersten Tag an gewußt und haben es wiederholt besprochen, daß diese Trennung einmal kommen müsse. Und trotzdem haben wir getan, als ob jene Monate ewig wären.“
Nach allem, was erkennbar wird, hat Agnes Miegel dieses Verhältnis und sein Ende - ganz für sich - noch in einer ganz anderen Weise empfunden.
Diese autobiographischen Aufzeichnungen von Börries von Münchhausen sind erstmals 1990 veröffentlicht worden (Poschmann, S. 10f) und geben - wohl bei mancher Beschönigung des eigenen Verhaltens von Seiten Börries’ von Münchhausen - eine ganz neue und andere Sicht vor allem auf die junge Agnes Miegel frei.
Lebenslang unverheiratet - „An mir hat es nicht gelegen“
Eine Freundin berichtet über ein Gespräch, das sie mit Agnes Miegel irgendwann in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg geführt hatte (Ilse Reicke-von Hülsen in: Wagner, S. 63): „ ‚Man muß es für sich behalten, daß sich nicht freuen die Töchter der Philister!‘ Mit leisem Lachen klingt die Stimme Agnes Miegels durch das vertraute Zimmer. Wir haben davon gesprochen, daß heut so überraschend oft Brautleute miteinander auf Reisen gehen. Heut, nach Jahren, stellt sich die Erinnerung an ein anderes Gespräch daneben; damals sagte Agnes Miegel: ‚Meine Ahnen haben sich nicht noch einmal verkörpern wollen. An mir hat es nicht gelegen ...‘ “ Hier ist sehr behutsam das angedeutet, was Börries von Münchhausen in seinen Aufzeichnungen deutlich ausspricht. Einerseits - wohl - die gemeinsame Rheinreise, andererseits die spätere Trennung.
Und auch Anni Piorreck, die Königsberger Freundin und erste Biographin Agnes Miegels, deutet sehr zurückhaltend - aber doch wohl treffend - diese Geschehnisse an (Piorreck, S. 46): „Ihre Schönheit und Anmut verschaffen ihr zwar manche Bewunderer, doch es scheint gerade bei diesen ersten frühen Begegnungen, als ob von vornherein jede Partnerschaft, die bei den anderen bald zur Verlobung und Ehe führt, ausgeschaltet sein müsse. Sie hat später oft darüber berichtet, und ihr Gedicht ‚Der Schatten‘ aus dem zweiten Gedichtband“ (von 1907) „hat dies verschlüsselt ausgesprochen.“
Weiter schreibt Anni Piorreck (Piorreck, S. 48f) von der „jungen Agnes als der großen Liebenden in Schmerz, Seligkeit und Hingabe. Der Mann aber, dem diese Liebe gehörte, war zwar künstlerisch hochbegabt, menschlich jedoch unzuverlässig - eine Don-Juan-Natur von verwöhnter Überlegenheit und Arroganz. Er war nicht der ebenbürtige Gefährte für das schwerblütige Mädchen, das er ständig betrog. ‚Herz, das mich immer verriet!‘ Obwohl Agnes bald seine menschlichen Schwächen erkannte, hat es fast anderthalb Jahrzehnte gedauert, bis sie sich von dieser Liebe hat lösen können. Dann aber schrieb sie (an Lulu von Strauß und Torney am 2. 3. 1914): ‚Ich habe mich mit einer Enttäuschung nach der andern abgefunden. Jetzt am Ende bin ich nur über eines erstaunt: wie unbedeutend, wie nebensächlich in meiner geistigen Entwicklung das war, was man Liebe nennt ...‘ “
Vermutlich wäre es aber ein großes Mißverständnis, wenn man zu der Einschätzung neigen würde, daß hier ein „Herz, das nie gelernt hat zu entsagen“, schon die letzte und vollständige Wahrheit über sein Leben ausgesprochen hätte. Im Jahr 1914 war Agnes Miegel erst 35 Jahre alt. Lulu von Strauss und Torney (1873-1956), das muß hier ergänzt werden, war die gemeinsame Freundin von Börries und Agnes, die dritte damals bekannte Balladendichterin in ihrer Runde. Auch sie hatte zeitweilig ein Verhältnis mit Börries gehabt, das noch sehr viel später (in den 1930er Jahren) zu sehr tiefgreifenden Auseinandersetzungen mit dessen auch sonst noch oft betrogener Ehefrau Anlaß geben sollte.
An Reaktionen Agnes Miegels zu der hier behandelten Thematik sind etwa auch bekannt (Margarete Haslinger, in: Wagner, S. 31; dazu auch: Piorreck, S. 47f): „Einmal fragte ich sie in den letzten Jahren, weshalb sie ein frühes Liebesgedicht, das ich sehr liebte, nicht in ihre Gesammelten Werke aufgenommen habe. Mit einer abwehrenden Handbewegung sagte sie: ‚Nachempfunden! Es gibt Verse, die man nur in der Jugend schreibt. Aus Mangel an eigenem Erleben gibt man dann nur von anderen gehörte Worte und Gefühle wieder, hingerissen von ihrer Magie ...‘ “
„Daß sich nicht freuen die Töchter der Philister ...“
Konkreter ist von der Literaturhistorikerin zusammenfassend zu erfahren (Poschmann, S. 11.13): „Bis über beide Ohren verliebt, lernte sie auf der Rückreise von Paris in Berlin sein“ (Börries‘) „Leben und seine Lebensverhältnisse kennen. Und das kann nur ein Schock für sie gewesen sein: An jedem Finger eine Freundin, von denen die eine oder andere zeitweise seine Wohnung teilte, eine andere Dichterin, Anna Richter, die ihn anbetete und deren Gedichte er in der Zeitschrift ‚Münchhausen‘ veröffentlichte. Sein flottes Leben spiegelt sich in dem Briefwechsel mit seinen Eltern, in dem sich Karten wie diese befinden:
‚Komme Freitag 15 Uhr 24 in Hannover an. Bringe Anna mit.‘ Darauf antwortete der Vater: ‚Anna Ritter wird uns natürlich hier als Gast sehr willkommen sein, ebenso wie Agnes Miegel.‘ Dann die postwendende Karte des Sohnes: ‚Ei herrje - nee, alter Herr, nicht Anna Richter, sondern Anna Sahlis!‘
Liebe
Ich warf wie tote MuschelnLiebe und Treu in den Sand,Vergaß wie welke BlumenVater und Vaterland.Dachte an Leid und ReueFluch und Segen nicht,Dachte nur an dein schönesHochmütiges Gesicht.Und all meine LiebeAchtest du so geringWie einen blinden schmalenUnechten Krämerring!“
Von Seiten der Literaturhistorikerin ist über Börries zu erfahren: „Seinem Vater, der ihn drängte, endlich Examen zu machen und standesgemäß zu heiraten, schrieb er“ (Börries) „1899, er halte nichts von der ‚durch das beständige Dienen veredelten christlichen Frau ... Diese Frauen sind immer Sklaven oder Tyrannen ... Mein Ideal als Frau ist in vielem die Tante Frieda Lipperheide. Daneben Agnes Miegel.‘ “ Die genannte Tante war eine Freundin der Mutter von Börries v. M. und Herausgeberin einer modernen Frauenzeitung. Es sei noch ein anderes Gedicht Agnes Miegels aufgeführt, das wohl als Ausdruck des Erlebens der Liebe zu Börries von Münchhausen aufgefaßt werden kann:
Der es gegebenDer es gegebenDaß ich so jung dich fand,Gott hielt dein und mein LebenWie Blumen in seiner Hand.Daß er die eineVerwarf und zertrat,Er weiß alleineWarum er es tat.Der nimmt und der gibtWeiß, warum er uns schied -Herz, das mich immer geliebt,Herz, das mich immer verriet.So kurz nur gegebenDie Frist, die uns band -Gott hielt dein und mein LebenWie Blumen in seiner Hand!
Börries von Münchhausen hingegen schrieb ein Gedicht ganz anderer Art und ganz anderen Inhalts über sein Verhältnis zu Agnes Miegel (zit. n. Poschmann, S. 18):
Meiner Freundin (A. M.)Wohl brach ich oft die Treue,Die ich so fest versprach,Und gab den Schwur aufs neue,Bis wieder ich ihn brach.Dir hab ich nicht gegebenDas oft gebrochne Wort,Und weiß: mich hält fürs LebenDas ungesprochne Wort.
Wenn man aus der Perspektive von Agnes Miegel auf diesen Börries von Münchhausen schaut, dann erscheint er als ein durch und durch unsympathischer Mann. Wohl ein nicht ganz leicht zu durchschauender Charakter, dieser Börries von Münchhausen.
Der Brief- und Besuchkontakt zwischen Agnes Miegel und Börries von Münchhausen hielt bis zu dem Freitod des letzteren nach Kriegsende 1945 an. Und auch noch die Wahl des Alterswohnsitzes von Agnes Miegel in Bad Nenndorf ist von der Nähe zu dem Stammsitz Apelern der Familie von Münchhausen und von dem engen Verhältnis, das Agnes Miegel Zeit ihres Lebens zu dieser Familie unterhielt, bestimmt.
„Als wir uns fanden, Schwester, wie waren wir jung ...“
Das Leben Agnes Miegels (1879-1964) - Neue Zeugnisse und Sichtweisen - 2. Teil
„Was seid ihr beiden für verständige Leute“
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| Abb. 6: Agnes Miegel, 1906 (Bildarchiv Ostpreußen) |
Nebenbei sei erwähnt: Die Bebilderung dieser Aufsatzreihe profitiert von jenen Funden, die man auf dem Bildarchiv Ostpreußen machen kann.
Von Seiten der Literaturwissenschaft wird zu der Trennung von Börries von Münchhausen noch einmal die Reaktion der Mutter von Börries berichtet (Poschmann, S. 14-16): „Trotz aller Boheme, trotz aller nach außen demonstrierten Ablehnung der bürgerlichen und erst recht adligen Konvention war Börries von Münchhausen sich in seiner jugendlich-genialischen Schizophrenie“ (oder einfacher: seiner egoistischen Arroganz) „immer bewußt, daß ihm als Angehörigen des niedersächsischen Uradels nur eine standesgemäße Heirat anstand. Das hatte er in ehrlicher und unbarmherziger Offenheit seiner verliebten Freundin wohl von Anfang an zu verstehen gegeben. (...)
Als die Begeisterung des Berliner Studenten für seine Freundin im fernen Königsberg immer höhere Wellen schlug, fragte seine Mutter schließlich an, was er mit dem Mädchen vorhabe, und Börries klärte sie - unterstützt durch beiderseitige Briefe - darüber auf, daß er von vornherein klare Verhältnisse geschaffen hätte und Agnes Miegel das genauso sähe.
‚Tausend noch mal‘, entfuhr es seiner Mutter im Antwortschreiben, ‚was seid Ihr beiden für verständige Leute, Du und Agnes Miegel, nämlich Du für sie und sie für Dich. Aber weißt Du, daß das Mädel mir ganz leid tut? Wer so ideal empfindet, wie sie nach ihren Versen tun muß, und hat dabei so unbarmherzig klare Augen fürs Reale, dem muß das Leben manchmal schwer sein zu leben! Aber sie muß durchaus gesund sein - von innen heraus und im höheren Sinne gemeint - und so wird sie der Zwiespalt nicht brechen.‘ “
Einerseits scheint die Mutter hier doch viel über Agnes Miegel verstanden zu haben. Andererseits sind ihre Worte wohl nicht geeignet, die Leichtfertigkeit ihres Sohnes scharf und eindeutig genug zu charakterisieren. Die in Sprachen und manchem anderem hochbegabte Mutter von Börries von Münchhausen, Clementine (gestorben im Jahr 1913), die in Apelern wohnte, ist wenig später eine enge mütterliche Freundin Agnes Miegels geworden.
Clementine von Münchhausen (1901)
Diese Freundschaft ist durch Börries vermittelt worden, der seiner Mutter, so berichtet uns die Literaturwissenschaft (Poschmann, S. 26), „im Mai 1901 aus Sahlis“ (dem Wohnort seiner künftigen Frau Anna) „schrieb, daß er seiner zukünftigen Frau Gedichte von ‚Bulck und Miegel vorgelesen hatte, die beide in diesen Tagen erschienen‘ sind. ‚Mutti, willst Du vielleicht der Tutt‘ - das war der Kosename der Dichterin - ‚mal ein paar Worte über ihr Buch schreiben? Sie hat doch eigentlich so recht keine Mutter, und da möchte ich sie an meine mal anbeißen lassen.‘
Clementine packte ein Paket voll Lavendel und Gartenblumen und schrieb einen Brief dazu, der das Mädchen beglückte ob der ‚Freude und des Interesses an meinem Talent‘. Schon dieser erste Brief der jungen Dichterin an die Unbekannte ist von einer entwaffnenden Offenheit, und sie erklärte das so: ‚Weil Sie mir so gar nicht fremd waren. Der Brief sieht mich so freundlich an. Ich habe solche Angst vor Ihnen gehabt. Börries und Lange und Hans von der Gabelentz sagten, Sie seien so schrecklich klug. Aber die 3fache Großmutterschaft beruhigten mich.‘ Sie entschuldigt ihr Herzausschütten: ‚Wem soll ich alles sagen, was mir durch den Kopf geht und im Herzen steht: - ich hab keinen. - Und es schreibt sich sehr schön.‘ “
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| Abb. 7: Agnes Miegel "und Lise", zwischen 1900 und 1905 |
Börries von Münchhausen ging also seine „standesgemäße“ Ehe ein. Er lebte fortan auf der Burg Windischleuba in Thüringen. Aber auch seine standesgemäß angetraute Ehefrau hatte ihr ganzes Leben über unter den vielen „Nebenfrauen“ ihres Mannes zu leiden. Zu diesen „Nebenfrauen“ gehörte letztlich auch - aber wohl in distanzierterem Sinne als gute Freundin - weiterhin Agnes Miegel. Mit ihr blieb er in stetigem Briefwechsel und beriet sie auf ihren Wunsch hin auch in geschäftlichen und Verleger-Fragen.
Im April 1901 versucht Agnes Miegel in einem Brief an ihre Freundin Lulu, ihr eigenes sich andeutendes Lebensschicksal von der heiteren Seite zu nehmen (Inge Diederichs, S. 250): „Komm und erzähle mir mehr von der Lou Salome und ihren Ansichten über die Ehe. Ich schwanke seit vorgestern, ob ich später ins Kloster gehen soll oder meinem Jugendfreund Carl Bulcke einen Heiratsantrag machen. Ich verstehe ihn so gut. - Ich weiß noch nicht recht, was von beidem ich tun werde. Ich denke zuerst das zweite, da kann ich mich immer noch mal anders besinnen.“ Lou Andreas Salome war die Freundin Friedrich Nietzsches und Rainer Maria Rilkes gewesen, später auch von Sigmund Freud. Carl Bulcke, ein Königsberger, hatte 1900 seinen ersten Roman und 1901 einen Gedichtband herausgegeben.
„In diesem Augenblick gingst Du für immer ganz in mein Leben ein“
Lulu von Strauss und Torney-Diederichs - seit 1916 war sie mit dem Verleger Eugen Diederichs verheiratet und 1930 Witwe geworden - veröffentlichte im Jahr 1939 zum 60. Geburtstag Agnes Miegels das folgendes Gedicht (St. d. Fr.):
Als wir uns fanden, Schwester, wie waren wir jung!Denkst Du der Stunde? Die Großstadt dröhnte von ferne -Zögernd in fremder Tür, fragendes Lächeln im Auge,Bräunlichdunkel und schmal, immer noch seh‘ ich Dich stehn!...Als wir uns fanden, Schwester, wie waren wir jung!Wo beginnt und wo endet strömend Geben und NehmenZwischen denen, die früh Wahl und Schicksal verband?Ferne ist nicht mehr Ferne, Eins weiß tief um das Andre,Auch getrennt auf dem Weg Eins des Andern Geleiter:Immer lauschend tief innen der schwestervertrauten Stimme,Grüßend im Auge des Andern unvergangene Jugend,Grüßend in Werk und Gesang schwestervertrautes Herz.
An einem solchen Gedicht wird deutlich, daß auch - oder gerade? - jene für Deutschland im Nachhinein nur als „Schreckenszeit“ charakterisierte Zeit - ein Jahr wie das von 1939 - eine ganze Fülle von hochwertigem kulturellem Schaffen hervorbrachte, das wohl, soweit dies Literatur betrifft, von der Zeit nach 1945 nicht mehr erreicht worden ist. Es war dies auch eben jene Zeit, in der Lulu von Strauss und Torney für die sogenannten „Deutschen Christen“ eine „deutsche“ Bibel ganz neu dichtete.
Aber zurück in die Anfangszeit dieser Freundschaft kurz nach der Jahrhundertwende. Agnes Miegel berichtete zum 60. Geburtstag ihrer Freundin im Jahr 1933 über eine ihrer frühen Begegnungen im August 1901 in einer Försterei bei Nienstedt am Deister, wo Agnes Miegel auf einem Genesungsurlaub weilte (Ulf Diederichs, S. 18): „Du hattest Dich angekündigt, es kam ein heftiges Gewitter nach heißem Tag und so konnte ich Dir erst entgegengehen, als es zu spät war, Dich noch auf der weit abgelegenen kleinen Bahnhaltestelle zu erreichen. Ich dachte, eins der Dorfwägelchen würde Dich mitbringen (…). Da standest Du auf einmal oben vor mir, so als ob Du mitten aus dem grünen Wald tratest, triefend naß in einem bläulichen Kleid und heiß vom raschen Lauf mit einem frohen, überraschten Willkommsruf, lachend und voller Wiedersehensfreude - während der warme silberne Sommerregen in großen Tropfen wie Tränen über Dein Gesicht strömte. - Immer, wenn ich fühle, daß auf mein Suchen Deine Gedanken mir antworten, sehe ich Dich so wieder vor mir, - in dem rauschenden grünen Wald des Landes, das für mich DEIN Land ist und bleibt, in dem silbernen Schein und quellenden Duft von trinkender Erde und gesättigtem Laub, ein einziger Gruß Dein ganzes Wesen und Dein Gesicht so froh und blühend unter diesem strömenden sommerwarmen Schauer.
In diesem Augenblick, wie Du den Waldweg herunter gingst, gingst Du für immer ganz in mein Leben ein.“
„ ... ein Hauch der großen Geschichte, fern wie Meerwind“ (um 1902)
Am 17. Februar 1902 schreibt Agnes Miegel an ihre Freundin Lulu über den Vortrag einer gefeierten Schriftstellerin (Gertrud Prellwitz) in Königsberg (Inge Diederichs, S. 251): „Die Königsberger sind ihre begeisterten Anhänger und hören mit Wonne ihre Vorträge. Für die ist das auch gerade die richtige geistige Sonntagsschule. Ich hör zu - wie ich immer zuhöre (darauf ist man heutzutage dressiert), aber es stört mich weiter nicht, es ist keine geistige Massage für mich. H. G. sagt nämlich: Der Philister ist da, um Kinder zu zeugen und das viele Bier auszutrinken, das gebraut wird - den Künstler braucht der Philister als Masseur, wenn er zu fett wird.“ - Sie war sich bewußt, daß auch sie manchmal einen solchen „Masseur“ brauchte, schreibt sie doch über ihre alten Eltern, deren einzige Tochter sie ist, in dem gleichen Brief: „Es gibt eine schöne Rede von der unsterblichen Seele. Meine Angehörigen, glaub ich, haben noch nie daran gedacht, daß ich auch so eine habe. Mutter versorgt meinen Küchenschrank, Vater meinen Geldbeutel - und dadurch mein Bücherspind, aber die sogenannte Seele, die etwas ganz für sich ist, unabhängig von Klugheit oder Küchenodeur - nein, die ist ihnen ganz fremd an mir.“
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| Abb. 8: Die junge Agnes Miegel |
Was für Worte. Im Dezember 1902 schreibt Agnes Miegel aus Berlin, wo sie an einem Kinderkrankenhaus arbeitet, an ihre Freundin Lulu von Strauß und Torney (Poschmann, S. 18f): „Ja, Kleines, es geht mir polizeiwidrig gut ... Ich lebe entschieden intensiv, verjünge mich mal wieder - für mich hat die Welt immer einen Jungbrunnen irgendwo ... Die Misere zu Hause, der Herr von Münchhausen auf Windischleuba, das Kinderkrankenhaus - alles ist in einem tiefen schwarzen Brunnen versenkt, dessen Stein ich schnell herunterdrücke, wenn er sich mal heben will. Das meiste ist oublie ...“ „oublie“ ist Französisch und heißt „vergessen“.
In den weiteren Jahren machte Agnes Miegel oft Besuch in Apelern. In das dortige Gästebuch ist sie eingetragen am 3. September 1901, am 18. September 1902 und für einen Aufenthalt vom 8. Juli bis 8. August 1904. Ein weiterer Aufenthalt ist durch Briefe für das Jahr 1903 belegt. Und was waren die Inhalte der Gespräche in Apelern? Etwa auch die mangelnde Erziehung, die Clementine ihrem Sohn hat angedeihen lassen - zumal was Frauen betrifft? Darüber ist wenig bekannt.
Wir hören über den Briefwechsel von Agnes Miegel mit Clementine von Münchhausen (Poschmann, S. 30): „Einen breiten Raum nimmt in der Korrespondenz auch die Situation der Frau in der damaligen Gesellschaft ein, an der beide litten, vor allem an der Arroganz der adligen und bürgerlichen männlichen Führungsschicht und der Professoren. Schon in ihrem ersten Brief an Agnes Miegel, in dem die Baronin den ersten Gedichtband begeistert begrüßte, erzählte sie eine Episode, die sie gerade bei einem literarischen Abend in Göttingen erlebt hatte, dessen Thema eben dieser kleine Gedichtband der unbekannten jungen Frau war. Als man sich über das ‚Entartete‘ eines Gedichtes wie ‚Das ungeborene Leben‘ erregte, konnte die Baronin nicht umhin, einzuwerfen, gerade diese Verse seien ihr ‚besonders lieb‘, woraufhin Professor Ehrenberg ihr folgendermaßen assistierte: ‚Wir müssen ja das Weib erst kennenlernen. Erst die moderne Frauenbewegung hat uns Frauen erstehen lassen, die einmal zu sagen wagen und wissen, wie ein Weib empfindet.‘ - ‚Ich dachte im Stillen‘, bemerkte die Baronin abschließend, ‚das hättet ihr auch früher erfahren können, wenn es einem von euch einmal eingefallen wäre, nachzufragen.‘ “
Eine Erzählung über das Lachen von Agnes Miegel handelt in dieser Zeit auf einem ostpreußischen Gut (Erna Siebert: Die Linde von Corben. In: Wagner, S. 21): „Einmal, es war noch im Anfang des Jahrhunderts, kamen wir wieder von der alten Linde, die so viel zu erzählen wußte, daß Agnes ihr immer zuhören mußte. Da kam uns ein junger Verwandter entgegen. Als er hörte, wer unser Gast war, sagte er ehrerbietig: ‚Gnädiges Fräulein, Ihr erstes Buch war gerade erschienen, als ich mich verlobte, es war auch das erste Geschenk für meine Braut.‘ Mit ihrem schönen offenen Lachen (wir sagten immer, sie konnte Fanfaren lachen), meinte sie schlagfertig: ‚Da habe ich ja 1,50 Mark an Ihnen verdient! Danke!“ So also versuchte Agnes Miegel also, schnell alle falsche, gestelzte, männliche „Ehrerbietigkeit“ auszuhebeln.
„Die Leute haben hier alle den Bildungsstand von S. M.“ (1907-1909)
Auch noch später (1907) schreibt Agnes Miegel nach Apelern (Poschmann, S. 28f): „Königsberg ist eine Hochburg des Dilettantismus, so außerhalb, so kulturlos. Die Leute haben hier alle den Bildungsstand von S. M..“ Mit „S.M.“ (Abkürzung für „Seine Majestät“) war damals immer - sehr respektlos - der deutsche Kaiser gemeint. Es handelte sich hier um eine „Majestätsbeleidigung“, die die Familie Münchhausen in Apelern recht vergnügt zur Kenntnis nahm. Denn die Münchhausens waren - als Angehörige des niedersächsischen Uradels - hohenzollern- und preußenfeindliche Anhänger des (hannoverschen) Welfen-Hauses, das 1866 von Bismarck entmachtet worden war.
Im übrigen aber hat Agnes Miegel gegenüber der Familie Münchhausen die Hohenzollern verteidigt. So schrieb im August 1909 Emmy Lange, die Erzieherin der Münchhausen-Kinder, mit der Agnes Miegel auch Freundschaft geschlossen hatte (Poschmann, S. 28): „Mir kann schon Agnes leid tun – das arme Lamm! Wenn wir über ihre hochverehrten Hohenzollern mit vereinten Kräften herfallen.“
Und dann kam irgendwann der Erste Weltkrieg. Aber das soll einem weiteren Teil vorbehalten bleiben.
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Benutzte Literatur:
- Miegel, Agnes: Spaziergänge einer Ostpreußin. Feuilletons aus den zwanziger Jahren. Hrsg. v. A. Piorreck. Eugen Diederichs Verlag, Köln 1985
- Miegel, Agnes: Wie ich zu meiner Heimat stehe. Ihre Beiträge in der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ (1926-1932). Hrsg. v. Helga und Manfred Neumann. Verlag Siegfried Bublies, Schnellbach 2000
- Miegel, Agnes: Gedichte. J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger (14. und 15. Tsd.) Stuttgart und Berlin 1927
- Miegel, Agnes: Herbstgesang. Neue Gedichte. Eugen Diederichs Verlag (9. - 18. Tsd.) Jena 1933
- Miegel, Agnes: Geschichten aus Alt-Preußen. Eugen Diederichs Verlag, Jena 1942 (1. Aufl. 1934) [enthält die Erzählungen „Landsleute“, „Die Fahrt der sieben Ordensbrüder“, „Engelkes Buße“, „Der Geburtstag“]
- Miegel, Agnes: Gesammelte Gedichte. Eugen Diederichs Verlag, (21.-25. Tsd.) Jena 1940 (1. Aufl.: 1936)
- Miegel, Agnes: Werden und Werk. Mit Beiträgen von Prof. Dr. Karl Plenzat. Hermann Eichblatt Verlag, Leipzig 1938 [„Durch Dichtung zum Dichten“, Bildnisse von 1905 u. 1938]
- Miegel, Agnes: Ostland. Gedichte. Eugen Diederichs Verlag, Jena 1940 [enthält Gedichte wie: „An den Führer“, „Hymne an Ostpreußen“ (1937), „Sonnwendreigen“ (Danzig 1939), „An Deutschlands Jugend“ (Herbst 1939)]
- Miegel, Agnes: Im Ostwind. Erzählungen. Eugen Diederichs Verlag, Jena 1940 [enthält die Erzählung „Lotte“]
- Miegel, Agnes: Und die geduldige Demut der treuesten Freunde ... Nächtliche Stunde mit Büchern. Verlag Wilhelm Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1941
- Miegel, Agnes: Mein Bernsteinland und meine Stadt. (Mit 32 Farbtafeln.) Gräfe und Unzer Verlag, Königsberg/Pr. 1944 [eine große, lange, wenig bekannte Versdichtung]
- Miegel, Agnes: Gedichte und Prosa. Auswahl von Inge Diederichs. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf, Köln 1977 [darin auch Briefe A. M.s]
- Miegel, Agnes: Gedichte aus dem Nachlaß. Hrsg. v. A. Piorreck. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf, Köln 1979
- Miegel, Agnes: Es war ein Land. Gedichte und Geschichten aus Ostpreußen. (Redaktion: Ulf Diederichs und Christa Hinze) Eugen Diederichs Verlag, München 1983 (3. Aufl.: 1988)
- Agnes Miegel. Stimmen der Freunde zum 60. Geburtstage der Dichterin 9. März 1939. Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft, Bad Nenndorf 1984 (Eine Auswahl aus dem gleichnamigen Sonderdruck: Eugen Diederichs Verlag, Jena 1939)
- Wagner, Ruth Maria (Hrsg.): Leben, was war ich dir gut. Agnes Miegel zum Gedächtnis. Stimmen der Freundschaft. [Ostpreußisches Mosaik, Band X], Verlag Gerhard Rautenberg, Leer/Ostfriesland o. J. (Unveränd. Nachdruck der gleichnam. Ausgabe: Verlag Gräfe und Unzer, München 1965)
- Piorreck. Anni: Agnes Miegel. Ihr Leben und ihre Dichtung. Eugen Diederichs Verlag, Korrigierte Neuauflage, München 1990 (1. Aufl.: 1967)
- Seidel, Ina: Lebensbericht 1885-1923. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1970
- Starbatty, Ursula (Bearbeiterin): Begegnungen mit Agnes Miegel. Jahresgabe 1989/90 der Agnes-Miegel-Gesellschaft, Bad Nenndorf 1989
- Poschmann, Brigitte: Agnes Miegel und die Familie Münchhausen. Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft. Bad Nenndorf 1992
- Schücking, Beate E. (Hrsg.): „Deine Augen über jedem Verse, den ich schrieb“. Börries von Münchhausen - Levin Schücking - Briefwechsel 1897-1945. Igel Verlag Literatur, Oldenburg 2001
- Diederichs, Ulf: Agnes Miegel, Lulu von Strauß und Torney und das Haus Diederichs. Die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft. Jahresgabe 2005 der Agnes-Miegel-Gesellschaft. Überarbeiteter Festvortrag zu Agnes Miegels 125. Geburtstag, gehalten am 6. März 2004 in Bad Nenndorf
Der prägende Charakter des Ersterlebnisses der Geschlechtlichkeit als Paar
Frauen, die bei ihrem "Ersten Mal" einen Orgasmus erleben, haben fünf bis zehn Jahre später genauso viel Lust auf Sex wie Männer. Allerdings sind das aktuell nur 12 % aller heterosexuellen Frauen. (Und dabei sind solche, die das Erste Mal als Kind und/oder erzwungen erlebt haben, schon heraus gerechnet.) (1)*)
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| Abb. 1: Ein Mann und eine Frau - Skulptur von Stephan Abel Sinding (1846-1922), 1889 |
Das ist - kurz gefaßt - das Ergebnis einer kanadischen Forschungsstudie, die 2022 prominent erschienenen ist (1). Sie will darauf aufmerksam machen, daß die beträchtlichen Geschlechtsunterschiede in der Sehnsucht nach geschlechtlicher Vereinigung (das sogenannte "gender gap" diesbezüglich) zu größeren Teilen "erlernt" sein könnten und nicht "naturgegeben", sprich angeboren sind. Und zwar erlernt und "geprägt" in beträchtlichem Umfang während der "sensiblen Phase" des Ersterlebnisses der Geschlechtlichkeit mit einem anderen Partner.
Schon
seit hundert Jahren ist in der Sexualpsychologie davon die
Rede, daß das Ersterlebnis der Geschlechtlichkeit mit einem Partner eine starke, prägende Macht für
beide Geschlechter besitzt. Seit Konrad Lorenz entdeckte, daß es Prägung
und prägungsähnliches Lernen gibt, und noch mehr seit die besondere
Rolle des Bindungshormons Oxytocin erkannt worden war nicht nur für die
Bindung zwischen Eltern und Kind, sondern auch für die Bindung
der Geschlechter untereinander, hatte schon immer gemutmaßt werden können, daß das Ersterlebnis
der
Geschlechtlichkeit als Paar ein prägungsähnlicher Lernvorgang sein könnte. Und diese Vermutung erhält nun durch die neue Studie deutliche Bekräftigung.
Aus wissenschaftsgeschichtlicher Sicht kann gesagt werden: Daß das Ersterlebnis der Geschlechtlichkeit ein sehr prägender Vorgang sei, war schon im Jahr 1919 einer der Grundgedanken eines damals erschienenen Buches, nämlich von Seiten einer deutschen Psychiaterin und Frauenrechtlerin. Diese hat zu jener Zeit über die Inhalte ihres Buches auch viel besuchte Vorträge an der Universität München gehalten. Sie schrieb über ein ernstes Gesetz der Geschlechtlichkeit, der Sexualität, von ihr auch "Paarungswillen" benannt, das sagt (2, S. 63) ..
... daß die Art und Weise, in der der einzelne Mensch zum ersten mal in seinem Leben die Beglückung erlebte, weitgehend den Ausschlag gibt für die Art und Weise, in der sich dies Erleben am sichersten wiederholt.
Oder an anderer Stelle (2, S. 78):
Die Gesetzmäßigkeit der Eigenart des Erlebens im Einzelleben wird für das ganze Leben in hohem Grade bestimmt durch die Art der ersten Erlebnisse der Beglückung in der Jugendzeit.
Das Wort Beglückung war in späteren Auflagen ihres Buches als Eindeutschung des Wortes Orgasmus benutzt worden. Dieses Buch beschäftigt sich über viele, viele Seiten und Kapitel hinweg mit der scheinbar geringeren Orgasmus-Fähigkeit der Frauen im Vergleich zu der der Männer. Sie schreibt darüber etwa einleitend auch (2, S. 37):
Angesichts der Versuchung für die ärztliche Wissenschaft, einen allerdings "unnatürlichen" Zustand mit Krankheit zu verwechseln, müssen wir es fast begrüßen, daß erst in allerjüngster Zeit die Tatsache beachtet und bemerkt und mit einem Namen benannt wurde, daß sich überhaupt erst ein einziger Mediziner (O. Adler) eingehend mit der sogenannten "Frigidität" oder "Kälte" der Frauen befaßt hat.
Sie bezieht sich hier auf ein klassisches Werk der Sexualforschung mit dem Titel "Die mangelhafte Geschlechtsempfindung des Weibes" (1906, 1910 und 1919) (Arch). Der Autor Otto Adler (geb. 1864) wirkte als Sanitätsrat und Arzt in Berlin.
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| Abb. 2: Der Kuß - Skulptur von Auguste Rodin, 1880 |
Einige Seiten weiter wurde ausgeführt, beim weiblichen Geschlecht zeige sich (2, S. 83) ...
... innerhalb des Einzellebens ein Anwachsen der Hormonbildung, also auch die Eignung zum Erleben der Beglückung (der orgastischen Fähigkeit), welche ihren Höhepunkt erst ein Jahrzehnt später als beim männlichen Geschlecht, also in dem dritten und vierten Jahrzehnt erreicht. (...) Die Abgabe der betreffenden Hormone an den Blutkreislauf wird bis zu gewissen Grenzen neu angeregt durch das Erleben der Beglückung, so daß also allmählich durch ein häufiges Erleben derselben (...) auch vom weiblichen Geschlechte eine dauernde Erregbarkeit erworben werden kann.
Die genannte Studie aus dem Jahr 2022 hatte nun nur Männer und Frauen zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr befragt.
Nach
den eben zitierten Worten könnten sich die Zahlenverhältnisse in
späteren Lebensjahrzehnten womöglich noch einmal verändern. Das scheint
zwar durch Forschungsstudien wie jene von 2022 noch nicht ähnlich gut erforscht zu sein. Allerdings wird dieses Thema ja inzwischen in einer umfangreichen Literatur auch umfangreich behandelt, oft auch nur aufgrund von einzelnen Lebensgeschichten. Greifen wir aus dieser willkürlich ein Fallbeispiel
heraus:
Frau, Jahrgang 1955, DDR, uneheliches Kind, als Erwachsene langjährige Bankangestellte. Die Mutter war immer sehr verklemmt. Noch am Badestrand hat die Mutter sorgsam darauf geachtet, daß ihr Rock nicht über die Knie hoch gerutscht ist. Mit 17 Jahren erlebte die Tochter ihr Erstes Mal. Es war für sie "nichts", weder positiv noch negativ in irgendeiner Weise bemerkenswert. Mit demselben Partner war sie dann 25 Jahre verheiratet und hatte mit ihm zwei Kinder. Die Pille, die sie nahm, roch schrecklich. Sie wollte oft auf der anderen Seite aus dem Bett wieder hinaus, da sie so gar keine Lust auf Sex hatte. Der Sex fand auch immer unter der Decke statt, geziert und "geschamig". Einen Orgasmus, so sagt sie, hat sie dabei vermutlich nie erlebt. Die Lust auf Sex nahm auch immer mehr ab, da sie eben gar keinen Orgasmus erlebt hat. Das wurde ihr aber, so sagt sie, erst später klar: "Wenn beide keine Ahnung haben, verklemmt aufgewachsen sind, woher soll dann die Erfahrung, das Wissen kommen? Wir lebten in der Ehe wie unter einer Glocke, waren beide verklemmt und auch nicht experimentierfreudig." Schließlich ist ihr Mann nach 25 Ehejahren gestorben. Es gab eine längere Trauerzeit.
Dann hatte sie eine Affäre mit einem Mann, in der sie den Sex zum ersten Mal als spektakulär, außergewöhnlich, ungehemmt und mit Orgasmus erlebt hat. Seither ist sie sexuell sehr aktiv, rege, interessiert, sie hat Orgasmen wie Tsunamis, wie überwältigende Naturereignisse, die für sie selbst wie für den Mann als zutiefst befriedigend erlebt werden.
Ein
solches Fallbeispiel erscheint uns wesentlich, um das Ergebnis der
Forschungsstudie von 2022 auch noch in einen größeren Rahmen einordnen zu können. Zwischen ihrem
zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr würde die beschriebene Frau genau
zu dem passen, was in der Studie festgestellt worden war. Aber die
Lebensphase danach ist eben von der genannten Studie noch nicht in Augenschein genommen
worden und sie zeigt, daß sich da doch noch etwas sehr beträchtlich weiter entwickeln konnte.
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| Abb. 3: Gemälde von Michelangelo in der Sixtinische Kapelle (Das erste Menschenpaar), 1509 (Wiki) |
Schon 1919 aber war vermutungsweise geäußert worden, daß Frauen, die eine solche volle orgastische Fähigkeit entwickelt hätten, das Klimakterium nicht mit so starken hormonellen Schwankungen erleben würden, wie dies eben viele Frauen erleben, bei denen sich diese Fähigkeit nicht entwickelt hätte (2, S. 83):
Das ist auch der Grund, weshalb diese Jahre des Klimakteriums für alle die Frauen, deren Paarungwille voll entwickelt ist, die Beglückung erlebt haben, allem Anschein nach nicht die große und plötzliche Umwälzung bedeutet wie für die ungeweckten Frauen.
Und einige Seiten weiter hieß es in diesem Buch von 1919 (2, S. 89):
Leider ist die Art der Gemeinschaft, die das Mädchen zur Frau erwecken soll, oft sehr wenig dazu angetan, die Vorstellung von der Sündhaftigkeit und Unreinheit der "Sinne" siegreich beseitigen zu können. Denn in sehr vielen Fällen ist der betreffende Mann gerade zur Erfüllung dieser Aufgabe (...) auffallend wenig geeignet.
Und an diesem Umstand hat sich mehr als hundert Jahre später - nach "sexueller Revolution" und nach gesellschaftsweiter sexueller Aufklärung in allen Formen und Varianten, nach Pornographisierung ganzer Gesellschafts- und Kulturbereiche so gut wie gar nichts geändert. So daß der letztzitierte Satz ebenso gut auch von den beteiligten Forscherinnen der Studie von 2022 hätte stammen können, die sich nämlich in ganz ähnlichem Sinne äußern.
Einiges zum Stand des Nachdenkens und Forschens über diese Thematik im Jahr 1919
1919 wurde weiter ausgeführt
(2, S. 89):
Wäre nicht die Vorbedingung, daß das männliche Geschlecht die zarteste Rücksicht nähme auf die langsame, so sehr verschiedene Entfaltung der orgastischen Fähigkeit beim Weibe? (...) Wäre es nicht Vorbedingung, daß der Mann seine Wünsche durch diejenigen der Frau ebenso sehr bestimmen ließe, wie sie sich von seinen Wünschen leiten läßt? (...) Wäre es nicht von ungeheurer Wichtigkeit, daß auch beim männlichen Geschlecht die Vergeistigung möglichst unterstützt würde, statt daß man sie verhindert? So sehen wir durch die heute herrschenden unnatürlichen und unerfreulichen Gewohnheiten die Vollentwicklung vieler Frauen sehr erschwert. (...) Entwickelt werden beim weiblichen Geschlechte selbstverständlich, ebenso wie beim männlichen, der Paarungwille und auch die Minne nur durch das Erleben der Beglückung.
Auch mit den letztzitierten Worten wird schon 1919 fast diesselbe Aussage getätigt wie sie nun durch eine kanadische Forschungsstudie des Jahres 2022 bestätigt worden ist, wo auch festgestellt wird: nur durch das Erleben des Orgasmus während des Ersterlebnis entsteht in der Frau in den weiteren Lebensajahren ebenso viel Lust an der Geschlechtlichkeit wie beim Mann.
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| Abb. 4: Zwei Menschen, Skulptur von Josef Thorak, 1938 |
Über die Folgen des womöglich vor allem durch Umwelteinflüsse entstandenen Geschlechterunterschiedes in Bezug auf die Lust auf geschlechtliche Vereinigung hieß es 1919 weiter (2, S. 91):
Die Zahl der Frauen, die bei der Paarung an sich die Beglückung nicht oder nur selten erlebt, wird wohl ungefähr mit 60 % angegeben werden. Viele Erfahrungstatsachen der ärztlichen Sprechstunde weisen allerdings daraufhin, daß in Wirklichkeit ihre Zahl ganz erheblich größer ist. (...) (Denn) wegen der gänzlich falschen Vorstellungen machen fast alle ungeweckten Frauen in diesem Punkte zunächst auch vollständig falsche Angaben. (...) Selbstverständlich bewirkt die Gemeinschaft bei den meisten Frauen eine starke Erregung und erweckt auch Wohlempfinden bei fast allen ungeweckten Frauen dank der "erogenen Zonen", was dann mit dem Erleben der Beglückung einfach verwechselt wird. (...) Diese Gesetzmäßigkeit (...) lastet wie ein Fluch des Mißverstehens und der Zerstörung über unzähligen Ehen. All diese Frauen leben unter ungesunden Verhältnissen, ihre nervöse Reizbarkeit, ihre ungeklärte Bitterkeit und andere Folgeerscheinungen unterwühlen die Zuneigung zum Mann. Aber gerade die gesteigerte Erregung, die viele dieser armen Frauen zeigen, verbirgt ihnen und dem Mann die Tatsache ihrer Ungewecktheit meist vollends.
An anderer Stelle wird noch einmal deutlich hervorgehoben (2, S. 92):
Aus diesen Tatsachen geht nun klar hervor, daß die Beglückung der Frau im hohen Grade abhängig ist von der Stärke des Wunsches beim Manne, ihr dieselbe zu bereiten.
Ja, schon im Jahr 1919 ist man noch viel weiter gegangen (2, S. 96):
Auch für die geistige Schöpferkraft des weiblichen Geschlechtes muß es von weittragender Bedeutung sein, daß ein großer Teil der Frauen ungeweckt durchs Leben geht. (...) Wir finden von schaffenden Geistern häufig beteuert, daß die Beglückung eine erhöhte Schaffenskraft auslöst, während wieder andere versichern, daß das Entbehren der Beglückung den Schaffensdrang steigert und die schöpferische Leistung ein Ersatzausgleich sei. So widerspruchsvoll diese Angaben auch sind, so viel läßt sich heute schon mit Sicherheit aus der Lebensgeschichte der Schaffenden ableiten: die Minne muß zu vollem Leben erweckt, die Beglückung irgendwann einmal erlebt sein, oder aber sie muß bewußt entberhrt und ersehnt sein, wenn die Schaffenskraft zur vollen Blüte gelangen soll. Aber ein Erleben der Paarung ohne Erleben der Beglückung stumpft die Schaffenskraft ab.
Man wird sich womöglich an die lebenslang entfaltete starke Schaffenskraft einer Dichterin wie Agnes Miegel erinnert fühlen, die durch ein offenbar sehr leidenschaftlich und vergeistigt erlebtes Ersterlebnis mit dem Dichter Borries von Münchhausen zumindest nicht abgestumpft worden ist. In einer Fülle von Gedichten des dritten Lebensjahrzehnts von Agnes Miegel zittert diese leidenschaftliche Begegnung mit Borries von Münchhausen nach (z.B. FK), obwohl die Dichterin diesen Umstand vor der Öffentlichkeit bis an ihr Lebensende sorgsam verborgen gehalten hat (s. Stg25).
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| Abb. 5: Gemälde von Hermann Körschner (1907-1945) (Titel "Zwei deutsche Menschen"), 1938 (Inv) |
Schon in früheren Kapiteln des Buches von 1919 wird auf Gesetzmäßigkeiten der Beglückung beider Geschlechter hingewiesen wie sie aus der Evolution der Geschlechtlichkeit abgeleitet werden können. Schon bei den Fischen nämlich sei ein "Nacheinander" von Eiablage durch das Weibchen und Besamung durch das Männchen zu beobachten, was beides schon zumindest mit Wohlempfinden auf Seiten der beteiligten Tiere verbunden sei. Daraus leitet die Autorin für das Wohlempfinden, bzw. den daraus evoluierten Orgasmus ab (2, S. 23):
Wir begreifen, daß es zeitlich nacheinander folgen muß, so zwar, daß das männliche Geschlecht es erst später erlebt. Dieses Grundgesetz des zeitlichen "Nacheinander der Beglückung" bleibt bis in die höchsten Entwicklungsformen in der Mehrheit der Fälle erhalten. (...) Endlich wollen wir nicht vergessen (...), daß der Zeitpunkt der geschlechtlichen Betätigung in den stammesgeschichtlich ältesten Zeiten vom weiblichen Tiere bestimmt wurde, da sich ja die Absonderung der männlichen Fortpflanzungszellen mit Gesetzmäßigkeit der weiblichen Eiablagerung anschließt.
Und einige Seiten weiter heißt es diesen Gedanken weiter führend (2, S. 32):
Deshalb blieb die Ungleichzeitigkeit bis auf den heutigen Tag in der großen Mehrheit der Fälle bestehen, und die Beglückung ist für das weibliche Geschlecht nur dann gesichert, wenn sie bei der Gemeinschaft früher eintritt als beim männlichen Geschlecht.
Der Orgasmus der Frau soll also eintreten vor dem Orgasmus des Mannes, ein Gedanke, der inzwischen auch in der heutigen Ratgeber-Literatur sehr häufig benannt ist.
In
einem weiteren Kapitel ("Entwicklung des Paarungswillens zur Minne")
wird sehr ausführlich darauf eingegangen, wie es beim Menschen zur
Vergeistung des Paarungswillens, zur Beseelung der Geschlechtlichkeit,
der Sexualität kommen kann, zum Erleben beseelter Vereinigung, zu
Erotik, eingedeutscht zu "Minne". Hierbei wird dem Schönheitswillen, der
schon
in der Tierwelt eine so große Rolle spielt, eine große Bedeutung
zugesprochen, ebenso den aus Minnebegeisterung geborenen, bzw. von
Minnebegeisterung handelnden Kunstwerken in Bild, Ton, Wort und Schrift
(etwa schon in der "Ilias" des Homer). Und
es wird dem Gedanken nachgegangen, inwiefern (2, S. 74) ...
... die natürliche Vergeistigung innerhalb des Menschengeschlechtes der drohenden Gefahr des Verlustes des Beglückung beim Weibe entgegenarbeitet.
Es
mag hier erneut ein wesentlicher Gedanke angesprochen sein, der von den
heute
Denkenden und von den heutigen Kulturgestaltern und -übermittlern wohl
noch viel zu selten in Augenschein genommen worden ist, zumal in einer
atheistisch-materialistisch und platt-hedonistisch geprägten geistigen
und kulturellen Atmosphäre.
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| Abb. 6: Skulptur von Edmund Moiret (Ungarn/Österreich) (1883-1966) (Titel: "Die Quelle"), 1940 |
Es wird dazu aber einschränkend weiter ausgeführt (2, S. 75f):
Wenn der Mensch die höchsten Entwicklungsstufen der Minne erleben will, so ist es für ihn von größter Bedeutung, daß die zunächst erforderliche körperliche Erweckung zur ("orgastischen" Fähigkeit) Beglückung von der gleichen Persönlichkeit ausgeht, die auch seelische Verwebungen der Minne auszulösen imstande ist. (...) Neben dem vielseitigen seelischen Austausch werden die Ausdrucksformen des Paarungswillens - die körperlichen Liebkosungen - zum Gleichnis der seelischen Verschmelzung und sind als solche geheiligt! -Der Blick auf die Entwicklung des Paarungswillens zur Minne hat uns die überaus wichtige Erkenntnis gebracht, daß die natürliche Vergeistigung eine große Verinnerlichung und Bereicherung der Beglückung ermöglicht, die sich um so mehr verwirklichen kann, je häufiger die freie aus Minnebegeisterung geschlossene Wahl wird.
Es sei noch ein weitere Station aus der Wissenschaftsgeschichte zu diesen Fragestellungen heraus gegriffen.
Einiges zum Forschungsstand von 1986
Da heißt es 1986 (10, S. 316-318):
Daß schließlich der weibliche Orgasmus, wie Symons (1980) meint, keine Funktion erfülle, weil ihn die Frauen viel zu selten erlebten, sollte man auch nicht unkritisch hinnehmen.Immerhin erleben ihn nach den verschiedenen Erhebungen in England, den USA und Deutschland zwischen 31 und 50 Prozent und nur 2-14 Prozent der befragten Frauen niemals (...). Ferner ergibt die differenzierte Auswertung, daß vor allem Frauen in einer guten sexuellen Partnerschaft einen Orgasmus erleben. Nur 3 Prozent der Frauen, die mit ihrem Partner regelmäßig zum Orgasmus kommen, sind bereit, mit anderen Männern zu schlafen, gegenüber 10 Prozent der Frauen, die mit ihrem Partner keinen Orgasmus erleben (E. Chesser 1957). Die Bindung über die sexuelle Befriedigung ist demnach sicher von Bedeutung. (...)Als bindendes Erlebnis scheint der Geschlechtsverkehr für die Frau einen besonderen Stellenwert einzunehmen. Möglicherweise besteht hier sogar ein Zusammenhang mit dem Geburtserlebnis. (...) Es kommt dabei auch zur Ausschüttung von Oxytocin. (...)Es scheint mir, als würde der Zustand der Verliebtheit bei der Frau oft über den Orgasmus getriggert, als erfolgte mit ihm oft ein reflektorisches Einlinken in den physiologisch-psychologischen Ausnahmezustand, in dem eine fast irrationale Bindung an einen und nur diesen einen Geschlechtspartner stattfindet. Ich möchte das als Hypothese äußern.
Und (10, S. 331):
Der Mensch ist biologisch auf sexuelle Dauerpartnerschaft angelegt. Romantische Liebe ist nicht erst eine Erfindung der Neuzeit. Sie findet vielmehr bereits bei Naturvölkern vielfältigen Ausdruck, unter anderem auch in Liedern und Gedichten. (...) Mann und Frau sind in ihrer Sexualphysiologie auf sexuelle Dauerbindung programmiert; die Frau (...) durch die Fähigkeit, einen Orgasmus zu erleben, der sie emotionell bindet. (...) Bei einigen Säugern induziert die Geburt über einen hormonalen Mechanismus die Bereitschaft, das Kind anzunehmen und eine starke Bindung einzugehen. Es wäre zu prüfen, ob ein ähnlicher Bindungsmechanismus über den weiblichen Orgasmus aktiviert wird. Die hier entwickelte Bindungstherorie nimmt einen solchen Zusammenhang an.
Es wird deutlich, daß der Erkenntnisstand von 1986 noch nicht gar so weit über den hinaus ging, den es schon 1919 gegeben hat.
/ Ergänzung: Im Nachgang zur Veröffentlichung dieses Blogartikels wurde noch ein Video dazu aufgenommen (12):
Ende Ergänzung. /
Einiges zum Forschungsstand von etwa 2020
Vieles wird noch 1986 als "Hypothese" formuliert. Wenn man feststellen möchte, ob der Erkenntnisstand bezüglich der Rolle des Oxytocin's inzwischen weiter gekommen ist, kann der entsprechende Wikipedia-Artikel helfen (Wiki). Nach diesem spielt Oxytocin in den Bereichen Bindung, Liebe, Vertrauen, Lust und Orgasmus eine sehr beträchtliche Rolle. Dort heißt es (Wiki):
Die Forschungsergebnisse haben dazu geführt, daß Oxytocin in der Öffentlichkeit gelegentlich als Orgasmushormon, Kuschelhormon oder Treuehormon diskutiert wird. Tatsächlich ist die Signifikanz von Oxytocin für Fühlen und Handeln in zahlreichen Studien bestätigt.
Auf dem englischsprachigen Wikipedia heißt es noch deutlicher (Wiki):
Oxytocin beeinflußt den sozialen Abstand zwischen erwachsenen Männern und Frauen und ist möglicherweise zumindest teilweise für romantische Anziehung und die anschließende monogame Paarbindung verantwortlich. Ein Oxytocin-Nasenspray-Stoß führte dazu, daß Männer in einer monogamen Beziehung, jedoch nicht alleinstehende Männer, den Abstand zwischen sich und einer attraktiven Frau bei einer ersten Begegnung um 10 bis 15 Zentimeter vergrößerten. Die Forscher schlugen vor, daß Oxytocin dazu beitragen könnte, die Treue in monogamen Beziehungen zu fördern. Aus diesem Grund wird es manchmal als „Bindungshormon“ bezeichnet.Oxytocin affects social distance between adult males and females, and may be responsible at least in part for romantic attraction and subsequent monogamous pair bonding. An oxytocin nasal spray caused men in a monogamous relationship, but not single men, to increase the distance between themselves and an attractive woman during a first encounter by 10 to 15 centimeters. The researchers suggested that oxytocin may help promote fidelity within monogamous relationships.
Interessanterweise spielt Oxytocin also auch für das Bindungsverhalten von Männern eine Rolle. Soweit ein zum Teil vielleicht sogar erhellender Blick in die Wissenschaftsgeschichte.
Die Presseerklärung zur Forschungsstudie von 2022
Nun soll zu der eingangs erwähnten kanadischen Forschungsstudie zurück gekehrt werden, nach der sich Frauen im dritten Lebensjahrzehnt genauso häufig nach inniger, körperlicher Vereinigung mit einem Mann sehnen wie sich umgekehrt Männer nach einer solchen mit einer Frau sehnen, wenn ..., ja wenn das Ersterlebnis der Geschlechtlichkeit für die Frau mit einer tiefen körperlichen (und womöglich auch seelischen) Befriedigung und Beglückung, mit einem Orgasmus einher gegangen ist (1). Wenn dies nicht der Fall ist, hat dies für Frauen hinsichtlich der Sehnsucht nach einer Wiederholung dieses Ereignisses Folgen für viele Lebensjahre. Das "Erste Mal" wird diesbezüglich von Seiten der Studie als eine "sensible Phase" beschrieben und charakterisiert, in der eine Prägung für viele weitere Lebensjahre stattfindet. In der Pressemitteilung der Universität Toronto heißt es zu dieser Studie (4):
Für die meisten Menschen ist der erste Sex mit einem anderen Menschen ein Lebensereignis von großer Bedeutung. Es bleibt unvergeßlich.Doch Diana Peragine, eine Doktorandin in Psychologie an der Universität Toronto, hat kürzlich herausgefunden, daß diese Erfahrung auch nachhaltige Auswirkungen auf das geschlechtliche Verlangen heterosexueller Frauen im späteren Leben hat."Im Allgemeinen herrscht die Meinung vor, daß Frauen einen schwächeren Geschlechtstrieb haben als Männer - daß die Libidolücke groß und über die gesamte Lebensspanne hinweg stabil ist, weil Frauen grundsätzlich weniger Lust auf körperlich-seelische Vereinigung hätten als Männer", so erklärt Pergaine.Peragine hat ihre Ergebnisse zusammen mit anderen Forscherinnen der Universität Toronto, mit Malvina Skorska und Jessica Maxwell, sowie mit den Professoren Emily Impett und Doug VanderLaan in der Studie "A Learning Experience? Enjoyment at Sexual Debut and the Gender Gap in Sexual Desire among Emerging Adults" ausführlich dargelegt. Sie wurde kürzlich im "Journal of Sex Research" veröffentlicht.An der Studie nahmen 838 heterosexuelle Erwachsene teil, viele davon vom Campus der Universität Toronto. Und sie kam zu dem Ergebnis, daß sich Frauen in ihrem Verlangen nach Sex mit einem Partner nur dann von Männern unterschieden, wenn ihre erste geschlechtliche Erfahrung keine angenehme war - das heißt, wenn es bei ihrem „ersten Mal“ nicht zur Erfüllung, zum Orgasmus kam.
Der Familienname der leitenden Forscherin Diana Peragine (Resg) stammt übrigens aus Süditalien.**)
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| Abb. 7: Gemälde von Alfred Bernert (1893-1991) (Titel: "Erntezeit und junge Liebe"), 1941 |
Weiter heißt es in der Presseerklärung (4):
"Frauen gaben im Vergleich zu Männern nur halb so häufig an, beim ersten Geschlechtsverkehr befriedigt worden zu sein, und hatten etwa achtmal seltener einen Orgasmus", sagt Peragine und fügt hinzu, daß Frauen, die beim ersten Mal einen Orgasmus erlebt haben, mehr an Sex mit einem Partner interessiert waren und ihr seitheriges Verlangen dem der Männer entsprach.Sie sagt, dies lege nahe, daß wenn (ganz allgemein) die jeweils ersten Erfahrungen Lektionen von großer Auswirkung darstellen, der erste Geschlechtsverkehr darin keine Ausnahme bildet."Für viele kann er als ‚Lernerfahrung‘ dienen und eine wichtige, um Erwartungen zu entwickeln, daß Sex angenehm sein kann, und Überzeugungen, daß wir es verdienen und ein Anrecht darauf haben, ihn zu genießen", sagt sie.Die Studie ergab auch, daß die erste sexuelle Erfahrung von Männern keinen erkennbaren Einfluß auf ihr nachheriges sexuelles Verlangen hatte.
Und es wird weiter ausgeführt (4):
"Anstatt wirklich von festen Geschlechtsunterschieden im sexuellen Verlangen zu sprechen, legen unsere Ergebnisse die Möglichkeit nahe, daß ein sexuelles Erstes Mal ohne Orgasmus ein häufiger Teil der sexuellen Sozialisation von Frauen sein könnte, bei dem sexuelle Aktivität möglicherweise nicht gefördert wird", sagt Peragine. "(Es handelt sich um ein) geschlechtliches Erstes Mal, das eher frustrierend denn erfüllend ist."Sie weist darauf hin, daß frühere Untersuchungen gezeigt haben, daß Männer häufiger als Frauen unter Problemen mit hohem sexuellem Verlangen leiden, während Frauen eher Probleme mit geringem sexuellem Verlangen haben, und daß die Lustlücke zwischen gesunden Männern und Frauen auch im Erwachsenenalter bestehen bleibt - was den Mythos aufrechterhält, daß Frauen von Natur aus einen schwächeren Sexualtrieb hätten als Männer.Peragine sagt, sie wollte diese Untersuchung durchführen, weil sie sich fragte, ob das geringere sexuelle Verlangen von Frauen nicht besser durch ihren Mangel an Freude während ihrer ersten Erfahrungen mit Geschlechtsverkehr erklärt werden könnte als allein durch ihr Geschlecht."Früher gab es die Vorstellung, daß sexuelles Verlangen wie Hunger oder Durst sei, der im Inneren entsteht und spontan auftritt", sagt sie. "Aber offensichtlich verstehen wir jetzt, daß es sich um ein dynamischeres Geschehen handelt, das auf Erfahrungen reagiert und daß lohnende sexuelle Erfahrungen unsere sexuellen Erwartungen prägen."
Und weiter (4):
Letztlich hofft sie, daß die Studie, die zeigt, daß geringeres sexuelles Verlangen bei Frauen eher auf Erfahrungsunterschiede als auf Geschlechtsunterschiede zurückgeführt werden kann, weitere Forschungen zum „Geschlechtergefälle“ des sexuellen Verlangens anregt.Sie fügt hinzu, daß die Forschung auch wichtige Auswirkungen auf die Sexualerziehung hat, die sich oft auf sexuelle Gesundheit und die Förderung von gesundem Sex konzentriert."Ich denke, diese Art von Arbeit könnte uns näher an Sexualerziehungsmaßnahmen bringen, die eine gesunde sexuelle Entwicklung im ganzheitlichen Sinne des Wortes fördern", sagt Peragine und fügt hinzu, daß die Forschung auch zeige, daß die erste Erfahrung des Geschlechtsverkehrs selbst eine Quelle der Sexualerziehung sein könnte. "Wir erkennen die realen, praktischen Erfahrungen junger Männer und Frauen mit Sex oft nicht an - obwohl sie vielleicht die am lehrreichsten von allen sind."
Beim Lesen entsteht ein wenig der Eindruck, als ob noch die leitende Forscherin selbst das volle Ausmaß der Schlußfolgerungen, die ihre Studie mit sich bringt, zögert zu benennen.
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| Abb. 8: Gemälde von Max Pietschmann (1865-1952) (Titel "Adam and Eva", 1894, (heute Nationalgalerie Prag) |
Denn nachdem man das alles eine Weile auf sich hat wirken lassen, könnte doch auch langsam offensichtlich werden, was notwendig sein könnte, um diesen so tiefgreifenden und möglicherweise gar nicht natürlichen Geschlechtsunterschied zwischen Männern und Frauen zu vermindern. Eines Unterschiedes, der doch - offensichtlich - erhebliche Auswirkungen hat auf die eheliche Zufriedenheit, bzw. auf die Zufriedenheit von Paaren und damit auch auf familiäres Glück und Zufriedenheit.
Frauen müssen sich in vollem Umfang "mitgenommen" fühlen, akzeptiert fühlen, bereit fühlen, angenommen fühlen, geliebt fühlen, sicher fühlen, respektiert fühlen, verehrt fühlen, um das Erste Mal in vollem Umfang als beglückend, erfüllend und befriedigend erleben zu können, und zwar das alles nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.
Sollte eine längere Phase der Werbung des Mannes um die Frau, ein sehr gutes gegenseitiges Kennenlernen beider dafür nicht eine besonders gute Voraussetzung bilden? Sollte dafür eine "ganzheitliche" seelische Aufwertung der Geschlechtlichkeit nicht hilfreich sein? Solle es dafür nicht hilfreich sein, daß in Kulturen weniger das Glück des Mannes im Mittelpunkt der Kulturgestaltung steht, sondern viel eher das Glück, die Zufriedenheit und die Erfüllung der Frauen? Denn die letzteren sind das sensiblere Geschlecht, das leichter auf negative oder bedeutungslose Erfahrungen reagiert als Männer. Warum wohl? Weil es womöglich im menschlichen Leben überhaupt vor allem um die Erfahrung des Sensiblen, Verletzlichen geht?
Männer und Frauen in der westlichen Welt entscheiden heute im Normalfall frei, selbstständig und autonom, ob und wie sie ihr Erstes Mal erleben. Aber natürlich sind sie abhängig davon, in welchem kulturellen "Setting" sie sich bewegen, was für eine authentische, kulturelle Wertschätzung und Hochwertung ein Geschehen erfährt und was nicht, ob es der Gesellschaft wichtig ist, daß das Ersterlebnis familienfördernd, gemeinschaftsfördernd erlebt wird oder nicht. "Hochzeit" des Lebens nannten unsere Vorfahren deshalb schon seit uralten Zeiten dieses Erleben. Wollen wir nicht wieder dahin zurück kehren?***)
Im Oktober 2022 wurde das Forschungsergebnis von dem evangelikalen Internetblog "Bare Marriage" aufgegriffen (6).****) Vereinzelt wurde auf das Studienergebnis seither auch auf Podcasts aufmerksam gemacht (s. Helen03-23).
Wohl schon seit Jahrtausenden messen viele Völker auf der Erde dem "Ersten Mal" eine große Bedeutung zu. Und zwar wird schon seit Jahrtausenden auch gesagt, daß das "Erste Mal" für Frauen eine noch größere Rolle spielen würde als für Männer.
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| Abb. 9: Eine kecke junge Dame: Die Sexualforscherin Diana Peragine |
Nun gibt es erste, sehr eindeutige empirische Belege für diese Vermutung. 2023 wurde dann noch konkreter zu dem Thema ausgeführt (The Medium03/23):
Frauen und Männer sehen ihr sexuelles Erstes Mal unterschiedlich. Eine aktuelle irische Studie der "Crisis Pregnancy Agency" zeigt, daß Frauen ihren ersten sexuellen Kontakt eher bereuen als Männer, obwohl sie im gleichen Alter (16-17 Jahre) mit dem Sex beginnen. Männer empfinden ihr sexuelles Erstes Mal angeblich auch zufriedener und lustvoller als Frauen. Dieser Genußunterschied gehört zu den größten geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Sexualforschung überhaupt.Women and men differ in how they view their sexual debut. A recent Irish study by the Crisis Pregnancy Agency shows that women tend to regret their first sexual encounter to a higher degree than men, despite beginning to have sex at around the same age (16–17 years old). Men are also said to experience more satisfaction and pleasure when it comes to their sexual debut than women. This enjoyment gap is among the largest gender differences in sexuality research.
Abschließend noch ein Blick in den - wegen des statistischen Fachjargons nicht leicht zu lesenden - Text der Forschungsstudie selbst.
Der Text der Studie selbst (2022)
Der Unterschied zwischen Mann und Frau in Bezug auf die Erfahrung des "Ersten Males" hat sich zwischen 1990 und 2012 nur ganz wenig verringert wie Preragine et.al. einleitend zitieren (anhand von: Sprecher2014). Sie schreiben (1):
Es gehört in der Sexualforschung zu den größten Geschlechtsunterschieden, ob Menschen dieses Ereignis (...) als erfreulich erleben (d = 1,08; Sprecher, 2014), es übertrifft in dieser Hinsicht noch die Häufigkeit von Selbstbefriedigung (d = 0,53) und die Einstellung zu unverbindlichem Sex (d = 0,45; Petersen & Hyde, 2010).Enjoyment at this event, often cast as a young person’s “sexual debut,” is among the largest gender differences in sexuality research (d = 1.08; Sprecher, 2014), surpassing masturbation (d =0.53) and attitudes toward casual sex (d = 0.45; Petersen &Hyde, 2010).
Preragine
et. al. gehen einer Frage nach, die schon länger in der Forschung im
Bereich der Lerntheorie erörtert wird, nämlich (1), ...
... daß die ersten Erfahrungen eines Individuums mit sexueller Belohnung eine „sensible Phase“ bilden, in der instrumentelle (Handlungs-Belohnungs-) und Pawlowsche (Reiz-Belohnungs-)Assoziationen leicht konditioniert werden (Pfaus et al., 2012).an individual’s first experiences with sexual reward form a “sensitive period” during which instrumental (actionreward) and Pavlovian (stimulus-reward) associations are readily conditioned (Pfaus et al., 2012).
| Abb. 10: Erstauflage von 1919 |
Unter anderem referieren sie aus der bisherigen Forschungsliteratur auch folgende Zusammenhänge (1):
Woods et al. (2018) haben (...) gezeigt, daß die Häufigkeit sexueller Aktivität im Erwachsenenalter nicht nur mit frühen Kontakten zusammenhängt, sondern auch mit solchen, die als lohnend empfunden werden. Männer und Frauen, die vor dem 18. Lebensjahr Oralsex hatten, taten dies als Erwachsene nicht unbedingt häufiger; sie übten Oralsex jedoch eher aus, wenn dies vor dem Erwachsenenalter zu einem Orgasmus geführt hatte. Daher ist sexuelle Stimulation möglicherweise nicht ausreichend verstärkend, um bestimmte sexuelle Handlungen zu fördern, und muß möglicherweise von einem Orgasmus begleitet werden.Woods et al. (2018) recently extended these findings, showing that rates of adulthood sexual activity are not just related to early exposures, but to ones experienced as rewarding. Men and women who received oral sex prior to age 18 years did not necessarily engage in it more frequently as adults; however, they were more likely to engage in oral sex if it had resulted in orgasm prior to adulthood. Thus, sexual stimulation is perhaps not sufficiently reinforcing to incentivize particular sexual acts, and might need to be accompanied by orgasm.
Hier wird noch einmal deutlich, daß nicht sexuelle Aktivität an sich bedeutsam ist für Prägung, sondern die Erfahrung des Orgasmus. Ansonsten ist uns der Fachjargon zugegebenermaßen zu statistisch, um gar zu einfach noch weitere Erkenntnisse aus der Studie selbst heraus destillieren zu können.
Und welche Rolle spielen ... Sehnsucht, Schwärmerei, Romantik, Liebe, Begeisterung?
Soweit übersehbar, wird in der Studie allerdings so gut wie gar nicht versucht, sich der Frage anzunähern, wodurch sich die Gruppe jener Frauen, die beim Ersten Mal einen Orgasmus erlebte, von den anderen Frauen unterschied oder wodurch sich die Situation unterschieden haben konnte, in denen sie ihn erlebte (1). Aber Hinweise darauf bieten zwei nachfolgende Studien derselben Forscherin. Nach diesen war die spätere Orgasmushäufigkeit bei Frauen höher, wenn sie ihren ersten Orgasmus mit einem Partner in früherem Lebensalter erlebt hatten. Allerdings war das deutlich mit negative Faktoren korreliert wie häufigerer Unfreiwilligkeit, häufigerer unfreiwilliger Schwangerschaft und ähnlichem (8). Wir haben es hier also mit einem Hinweis zu tun aber nicht wirklich mit einem "Lösungsvorschlag". Der Hinweis mag darin liegen, daß ein solches frühe Erleben oft einfach mehr "Instinkt-geleitet" geesen sein mag und weniger "rational", und daß allein schon ein solcher Umstand hilfreich gewesen sein mag.
Nach einer anderen Studie erleben Frauen mit einem weiblichen Partner beim Ersten Mal ähnlich häufig einen Orgasmus wie Männer mit einem weiblichen Partner (9). Daraus möchten wir die Schlußfolgerung ziehen, daß es auf ein eher weibliches Einfühlungsvermögen auch auf Seiten des männlichen Partners ankommen könnte bei der innigen Vereinigung. Und sicherlich weniger auf männliches Macht-, Protz- und Leistungsgehabe.
All diese Hinweise ziehen aber insgesamt nur ein klotz-materialistisches Weltbild zum Verständnis und zur Einordnung solcher Dinge heran. Das war in der Wissenschaftsgeschichte zum Teil auch schon einmal deutlich anders, weshalb sie so wichtig sein mag (2). Denn: Was ist mit der Schwärmerei junger Menschen, insbesondere auch Mädchen? Spielt diese gar keine Rolle? Welche Rolle spielt "Romantik", welche Rolle spielt Beseelung, Vergeistigung ganz allgemein? Welche Rolle spielt die Hochwertung der Frau durch den Mann (Stichwort: "Das ewig Weibliche zieht uns hinan" [Goethe]). Welche Rolle spielt der Wunsch, selbst ein edler Mensch zu sein und Edles im anderen sehen zu wollen? Welche Rolle spielen Herzenskräfte? Sind wir Menschen denn wirklich nur Tiere? Wozu hätten dann aber Frauen wie Jane Austen Romane schreiben sollen? Warum gibt es dann so viele wertvolle Kulturworte auf diesem Gebiet?*)
Um auf denkbare Folgen des hier behandelten, doch sehr beträchtlichen, aber offenbar erworbenen Geschlechtsunterschiedes aufmerksam zu machen, sei in aller Vorläufigkeit abschließend nur noch einmal darauf hingewiesen: Jemand, der das tiefe Leid, das aus einer unsicheren, einer unglücklichen Paarbindung entstehen kann, am vielleicht deutlichsten zum Ausdruck gebracht hat, war der norwegische, expressionistische Maler Edvard Munch (1863-1944) (GAj2017, GAj2018).
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- Peragine, Diana E., Skorska, Malvina N., Maxwell, Jessica A., Impett, Emily A., & VanderLaan, Doug P. (2022). A Learning Experience? Enjoyment at Sexual Debut and the Gender Gap in Sexual Desire among Emerging Adults. The Journal of Sex Research, 59(9), 1092-1109. Published online: 26 Jan 2022, https://doi.org/10.1080/00224499.2022.2027855 (pdf)
- von Kemnitz, Dr. M. (später Ludendorff): Erotische Wiedergeburt. Verlag Ernst Reinhardt, München 1919, 1923 (3., umgearb. Aufl. 4.-7. Tsd.); Der Minne Genesung. Ludendorffs Verlag, München 1932 (umgearb. Aufl., 11.-13. Tsd.), 1933 (umgearb. Aufl., 14.-15. Tsd.), 1935, 1936 (18. u. 19. Tsd.), 1938 (20. u. 21. Tsd.), Verlag Hohe Warte 1959 (22. u. 23. Tsd.) (Arch)
- Pörksen, Uwe: Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur. Stuttgart 1988
- Kristy Strauss: First sexual experience influences women's future sexual desire: study. University of Toronto Mississauga. (UToronto) February 21, 2022
- Wanjiru, Margaret: Your 'first time' affects future sexual experience - study. It may serve as a ‘learning experience’ for many, and an important one for developing expectations (Star23.02.2022)
- Rebecca Lindenbach: How does a couple’s First Time affect her Libido? Oct 5, 2022 (BareMarriage)
- Olga Fedossenko: Learning from experience: Why are women less satisfied about their sexual firsts? (The Medium03/23, March 20, 2023)
- Diana Peragine, Malvina Skorska, Jessica A Maxwell, ... Doug P. Vanderlaan: The Risks and Benefits of Being “Early to Bed": Toward a Broader Understanding of Age at Sexual Debut and Sexual Health in Adulthood, Journal of Sexual Medicine, July 2022, DOI: 10.1016/j.jsxm.2022.06.005
- Peragine, D.E., Kim, J.J., Maxwell, J.A. et al. (2023). Not who you are, but who you are with: Re-examining women’s less satisfying sexual debuts. Archives of Sexual Behavior. https://link.springer.com/article/10.1007/s10508-023-02667-7
- Eibl-Eibesfeldt, Irenäus: Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß der Humanethologie. 2. überarb. Aufl., Piper, München, Zürich 1986 (zuerst: 1984)
- Simons, Donald: The Evolution of Human Sexuality. Oxford University Press, New York 1979, 1980
- Bading, Ingo: Dein Erstes Mal - Es beeinflußt dein Glück und das Glück von Mitmenschen für viele Jahre. Live übertragen am 10.01.2025 (Yt)
Preußenblog
Als Soldat und Kriegsgefangener im Elsaß 1944 bis 1947
Ergänzendes zum Lebensbericht meines Opas Otto Bading (1906-1979)
Der vorliegende Blogartikel ist eine Ergänzung zu dem schon 2012 veröffentlichten Lebensbericht über meinen Opa Otto Bading (1906-1979), der 1942 als einfacher Rekrut zur deutschen Wehrmacht eingezogen worden war und ab dann nur noch bei Ernteurlauben zu seiner Familie nach Hause kam (s. StNat2012).
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| Abb. 1: Deutsche Kriegsgefangene im Elsaß - Standbild aus dem Dokumentarfilm "La libération de l'Alsace" (Yt) - "Un film du conseil general du bas-Rhin" (1968) |
Mein Opa geriet im Elsaß in Kriegsgefangenschaft und gehörte dann zu den 37.000 deutschen Kriegsgefangenen, die nach 1945 im Elsaß festgehalten wurden (Lalsace2025) (Wiki):
Fast eine Million deutscher Kriegsgefangener wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1948 in Frankreich festgehalten, was gegen die Genfer Konventionen und den Status von Kriegsgefangenen verstieß. Sie wurden zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft und im Bergbau gezwungen.
Schon 2023 hatten wir ergänzende Ausführungen zum Lebensbericht meines Opas über die Kämpfe rund um Thann im Elsaß erarbeitet, in denen mein Opa im Dezember 1944 in Kriegsgefangenschaft geraten ist. Diese Ausführungen sollen hier zunächst den ersten Teil vorliegenden Blogartikels bilden. Danach gehen wir auf seine Zeit als Kriegsgefangener im Elsaß ein.
"Das ganze Elsaß hätte bis zum 3. Dezember 1944 befreit sein können ..."
Im Elsaß stand Ende 1944 die deutsche 19. Armee (Wiki) in Abwehrkämpfen gegen die 1. französische Armee (Wiki), die sich das Rhone-Tal entlang nach Norden vorgekämpft hatte.
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Die 19. Armee hatte im September 1943 als Besatzungsarmee die gesamte französische Mittelmeerküste besetzt gehalten und war seit August 1944 von der 1. französischen Armee ins Rhone-Tal und entlang der Schweizer Grenze in schweren Kämpfen zurück gedrängt worden. Am 20. November 1944 hatte sie die Sperrfestung Belfort räumen müssen, vierzig Kilometer südwestlich von Thann im Elsaß, wo mein Opa vier Wochen später in Gefangenschaft geraten sollte. Die Geschehnisse werden auf der Internetseite des Museums in Türkheim im Elsaß folgendermaßen dargestellt (MusTürkheim):
Das doppelte Vordringen zum Rhein14. November 1944- Beginn der alliierten Offensive in Richtung Elsaß.19. November 1944- der Rhein wird in Rosenau erreicht (CC3 der 1. Panzerdiv.)21. November 1944- Befreiung von Mühlhausen durch die 1. Panzerdivision (dann von Belfort durch die 5. PD - 2. DIM)Parallel zu diesen Operationen wird Straßburg am 23. November 1944 befreit durch die 2. Panzerdivision (General Leclerc) angeknüpft an die 7. amerikanische Armee von General Patch.Die 19. Armee ist reduziert auf 20.000 Leute, das entspricht einer französischen Division.Am 30. November 1944 ändert General de Lattre plötzlich die Angriffslinie seiner Armee, d.h. "von Süden nach Norden über das Flachland" wird zu "von Osten nach Westen über die Berge".Warum?Das ganze Elsaß hätte zum 3. Dezember 44 befreit sein können.
Was für ein erschütternder Satz. Ist hier einmal erneut - wie bei so vielen anderen Gelegenheiten - die "Hintergrund-Regie" in diesem Krieg zu spüren? Wenn die Westalliierten zu schnell vorgerückt wären, wären sie vor den Russen in Berlin oder sogar an der Oder gewesen. Die Kriegszielplanungen und -Vereinbarungen der Westmächte mit der Sowjetunion sahen aber ein Zusammentreffen beider Mächte an der Elbe vor (6) - so wie es dann auch geschehen ist - unter anderem aufgrund des langen Hinauszögerns der Errichtung der Zweiten Front im Westen. Wäre diese Entscheidung im Elsaß wiederum zurück zu führen auf "Hintergrund-Regie", hieße das einmal erneut, daß die ganzen weiteren schweren Menschenverluste im Elsaß auf deutscher wie auf westalliierter Seite zurück zu führen wären auf das westliche Kriegsziel: Sowjetisierung Osteuropas bis zur Elbe - um damit die Deutschen gründlich zu traumatisieren und für Umerziehung empfänglich zu machen - und nicht nur oberflächlich (6).
Man möchte wissen, wer der Verfasser dieses Museumstextes war und woher er seine Sicherheit bei diesem Satz nimmt. (Das Museum in Türkheim bei Colmar hat auch eine eigene Facebook-Seite [Fb]).
Der deutsche Entlastungsangriff in den Ardennen begann erst am 16. Dezember 1944, also mehr als zwei Wochen später. Soll das heißen, daß man diesem Entlastungsangriff mit der vollständigen Besetzung des Elsaß hätte zuvor kommen können? Welche Überlegungen und Umstände führten zu dieser militärischen Entscheidungen des Generals de Lattre (1889-1952) (Wiki) Ende November 1944, des nachmaligen, in Filmaufnahmen so onkelhaft auftretenden "Befreiers des Elsaß"? Dieser Frage können wir an dieser Stelle nicht erschöpfend nachgehen.
Der Frontbogen um Colmar
Im Frontbogen um Colmar sollten von Dezember 1944 bis Februar 1945 die schwersten Kämpfe des Zweiten Weltkrieges geführt werden, die innerhalb der heutigen Grenzen Frankreichs stattgefunden haben - nach denen in der Normandie im Juni und Juli 1944. Zu den Kämpfen um Colmar lesen wir (MusTürkheim):
Ein Frontbogen formt sich um Colmar: eine 160 km lange Front zieht sich zu einem Kreis zusammen, südlich von Straßburg bis Mühlhausen über die Gipfel der Vogesen.Die OperationenVerstärkung der 19. Deutschen Armee:Ankunft von frischen Truppen aus Deutschland (9 Infanteriedivisionen + 2 Panzerbrigaden).
An der linken Flanke der 19. deutschen Armee verteidigt das LXIII. deutsche Armeekorps (s. Abb. 3).
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| Abb. 3: Der Frontbogen um Colmar, deutsche Lagekarte vom 1. Dezember 1944 (LdW) - Thann wird hier von der deutschen 189. Infanteriedivision verteidigt |
Wir lesen (LexdW):
Das Korps bildete die südliche Flanke der deutschen Westgrenze und lehnte sich an die Schweizer Grenze an. Am 18. November stießen alliierte Verbände durch die burgundische Pforte und öffneten so den Weg in die elsässische Tiefebene. Am 20. November wurde Belfort durch französische Einheiten besetzt und das Korps baute östlich der Stadt eine neue HKL auf. Am Abend des 24. November befand sich die Front des Korps in der Linie Rimbach - Masevaux - Reppe - Montreux Vieux.
Den Verlauf dieser Frontlinie muß man sich klar machen, wenn man den weiteren Verlauf der Kämpfe verstehen will (s. GMaps) (Abb. 2-4-).
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| Abb. 4: Ausschnitt aus Karte 3 - Thann etwa in Bildmitte (neben der Divisions-Zahl "189") |
Dieser weitere Verlauf war offenbar sehr deutlich von der oben genannten Entscheidung des Generals de Lattre beeinflußt. Das heißt, die Deutschen verteidigten auf den waldreichen Bergen auf der Westseite von Thann die Stadt, und zwar Richtung Westen und auch Richtung Nordwesten, Richtung Bischweiler hin. Von dort her griffen die Franzosen der 1. Armee an, obwohl sie womöglich viel leichter durch die Ebene des Rheintales bei Straßburg gen Norden hätten durchstoßen können. Es ist das übrigens dieselbe Region, die während des Ersten Weltkrieges schwere Kämpfe erlebt hat, etwa rund um den nördlich von Than gelegenen Hartmannsweilerkopf. Wir lesen weiter (LexdW):
Unter ständigen alliierten Angriffen und schweren Verlusten ging das Korps bis zum 10. Dezember 1944 auf die Linie Thann - Südrand St. André - südlich von Straßburg - Südteil Nonnebruchwald - Westrand Reiningen zurück. Am 14. November hatte das Korps noch eine Kampfstärke von 9.280 Mann. An diesem Tag (10. Dezember) ging nach schweren Kämpfen der Ort Thann verloren.
Vier Divisionen standen im Rahmen dieses Korps zu jenem Zeitpunkt im Einsatz. Keine der genannten stammte, soweit übersehbar, als solche aus Brandenburg. Die 198. Infanterie-Division (Wiki) unter dem Befehl des Generals Otto Schiel (1895-1990) (Wiki) verteidigte - laut ChatGPT im Raum Thann, neben der 189. Infanterie-Division und anderen Heeresteilen, mit denen dort die deutsche Front übereilt verstärkt worden war.
Immerhin waren ja 9 Infanteriedivisionen neu der Front im Elsaß zugeführt worden. Alle Divisionen, die damals an der Westfront zum Einsatz kamen, insbesondere dann auch in der Ardennen-Offensive, waren ja dann Divisionen, die bei der Verteidigung der Ostgrenzen des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion fehlten.
Die Amerikaner hatten also im Norden den Rhein erreicht und die Franzosen im Süden. Und dazwischen hielten die deutschen Soldaten in den Vogesen den Brückenkopf Colmar.
Aus dem Tagebuch eines Elsässers in Thann
Auch in Thann wartet ein Elsässer, J. Baumann, auf die Befreiung durch die Franzosen. Er machte sich Tagebuch-Notizen, in denen er sich über die Zurückeroberung Straßburgs und Mühlhausens freute und konsequenterweise schon in den nächsten Tagen mit der Befreiung von Thann rechnete. Diese sollte allerdings - zur Überraschung aller - noch viele Wochen auf sich warten lassen (9). Wir lesen (7):
Die Amerikaner und die 2. Pz. Div. befreien Straßburg am 25. November. Die 1. (französische) Armee erreicht am 18. November den Rhein und befreit am 20. Mühlhausen. Die Befreiung von Colmar, das sich in der Mitte des Kessels befindet, der die noch von den Deutschen besetzte Region bildet, scheint daher ganz nahe. Es sollten jedoch noch zweieinhalb Monate an Kämpfen einer seltenen Heftigkeit notwendig sein, bis die 1. Armee den deutschen Widerstand bezwingen konnte.
J. Baumann berichtet, daß man ab 22. November in Thann den Gefechtslärm vom 40 Kilometer entfernten Belfort herüber hörte. Er berichtet, wie in den Folgetagen der NS-Kreisleiter des Ortes und die Leiter anderer NS-Formationen ihre Sachen packten und abreisten, begleitet von der klammheimlichen Freude der beobachtenden Elsässer vor Ort - wie J. Baumann, die dem nationalsozialistischen Deutschland ablehnend gegenüber standen.
Die Kämpfe um Thann im Elsaß
Am 1. Dezember 1944 schreibt dieser Baumann in sein Tagebuch (9):
Heute Morgen um 10.30 Uhr gab der Kampfkommandant Oberstleutnant Wellenkamp den letzten verbliebenen deutschen Zivilisten Befehle, Thann unverzüglich zu verlassen.
Am 2. Dezember (9):
Der deutsche Widerstand versteifte sich. Teile der Batterien, die nach Steinbach abgeordnet worden waren, kehrten über Nacht auf ihre alten Positionen in Thann zurück und schießen so viel sie können.
Steinbach liegt vier Kilometer östlich der Stadt (GMaps). Die deutschen Batterien schießen von Thann aus in die waldreichen Bergen westlich und nordwestlich von Thann. Dort wird mein Opa eingesetzt gewesen sein. Am 5. Dezember schreibt J. Baumann (9):
Von der Rosenburg und der Engelsburg aus feuern die Deutschen in Richtung Weckenthalkopf und in Richtung Alenborn. Truppen, zu Fuß oder motorisiert, fließen vom Saint-Amarin-Tal zurück (nach Süden) in die Ebene, während kleine Gruppen (nach Westen) ins Steinby-Tal stürmen. Sie marschieren im Gänsemarsch, müde, gleichgültig, schmutzig. Das ist freilich nicht mehr die "stolze Wehrmacht"! Und doch wehren sich diese Lumpen wie verrückt!
Saint Amarin liegt zehn Kilometer nördlich von Thann, hinter Bitschwiller. Allenbourn ist eine kleine Siedlung am gleichnamigen Bachlauf vier Kilometer nordwestlich von Thann, hinter dem Weckenthalkopf. Vielleicht befand sich mein Opa unter den im Gänsemarsch ins Steinby-Tal marschierenden Soldaten. Dort sollten - nach Aussage von J. Baumann - am 9. Dezember viele deutsche Gefangene gemacht werden. Doch zunächst schreibt er über den 7. Dezember (9, S. 2):
Es kam der 7. Dezember. Die Offensive begann. Bitschiviller wurde (von den Franzosen) genommen. Am nächsten Tag findet der Angriff auf Thann statt.
Zum selben Tag schreibt er (9, S. 10):
Um 7 Uhr morgens, nach einer relativ ruhigen Nacht erschüttert ein höllischer Lärm unsere Herzen. Es ist die Generaloffensive auf Thann. Geschosse fallen hart auf die Höhe von Leimbach. (...) Das Bombardement dauert - mit nur wenigen Unterbrechungen - bis zu 10 Stunden. Nachmittags beginnt der Tanz erneut im Bereich Steinby. Die Bevölkerung hat sich in die Keller geflüchtet und wartet ungeduldig und ängstlich auf die kommenden Ereignisse. Nach 14 Stunden wird die Brücke Halle aux Blé mit Hilfe einer gewaltigen Sprengladung gesprengt.
Am 8. Dezember kommen laut Tagebuch durch den Beschuß zahlreiche Bürger von Thann ums Leben oder werden verletzt (9).
Die Deutschen ziehen sich am 8. Dezember nach Süden und Südosten auf Vieux-Thann zurück. Sie sprengen um 11 Uhr die Bungert-Brücke. Die Franzosen ziehen in Thann ein. Der Tagebuch-Verfasser schreibt (9, S. 2):
Unsere Soldaten - Legionäre, marokkanische Infanterie, Jäger aus Afrika - erobern in schwerem Kampf die von den "Boches" gehaltenen Häuser, Haus für Haus, Straße für Straße, Viertel für Viertel. Der Zufall im Fortschritt der Kämpfe schafft seltsame Situationen. Überquellende Freude in einer Gasse, die bereits befreit ist, Angst und Unsicherheit in einer anderen, in der der Kampf immer noch tobt. Völlige Unkenntnis der Sachlage 50 Schritte weiter. Am 10. wird Thann schließlich vollständig gesäubert. Aber es ist noch nicht das Ende des Geschehens. Denn der Feind steht immer noch ganz nah. Manche bleiben nur wenige hundert Meter von der Stadt entfernt stehen, klammern sich an die "Drackhüffa", verschanzen sich in den Häusern von Vieux-Thann, werden in den Wäldern des Herrenstubenkopfes überfallen.
Der Herrenstubenkopf liegt vier Kilometer nord-nordöstlich der Stadt. Der Zeitzeuge berichtet von einem Tunnel eineinhalb Kilometer nördlich der Stadtmitte, in dem sich deutsche Truppenteile verschanzt haben. Dieser ist schwer umkämpft. Am Ende gehen dort etwa 50 deutsche Soldaten in Gefangenschaft. Drei deutsche Panzer passieren im Rückzug nach Süden das Rathaus und bekämpfen die von Norden her nachdrängenden französischen Panzer. Um 16.40 Uhr dringen die französischen Panzer bis zum Rathaus vor.
Die Deutschen halten aber immer noch die Waldregion Steinby vier Kilometer westlich der Stadt, sowie die Berge Zuber und Stauffen in den waldreichen Bergen dazwischen (GMaps). Durch das Eindringen der Franzosen nach Thann hinein sind diesen Truppenteilen die Rückzugswege abgeschnitten. Der Zeitzeuge aus Thann schildert für den 9. Dezember einzelne Abschnitte des Kampfes um Thann. Er schildert den Kampf von Mörsern und Panzern in einzelnen Stadtteilen. Von Norden her kämpfen sich die Franzosen in den waldreichen Bergen vor (9):
Bedroht davon, umgangen zu werden, nutzen die Deutschen die Nacht aus, um sich zurückzuziehen. Auch in Richtung Steinby geht der (französische) Vormarsch weiter. Am Morgen wurde dieser Bereich zwischen 8 und 12 Uhr mit extremer Gewalt bombardiert, die offenbar darauf abzielte, den Rückzug der dortigen deutschen Truppen zu verhindern, die den Stauffen verteidigten, und die ihn erst in der Nacht zuvor durch Truppenteile aus Guebwiller verstärkt hatten. Über die Rue Kléber schieben sich die Panzer bis zum Croix du Stauffen hinauf, zeitweise sogar bis zum Staudamm des Parks, nachdem er einen deutschen Maschinengewehrschützen hart getroffen und liquidiert hatte, der wie ein Verrückter vor dem Restaurant Subiger geschossen hatte. Der Unvorsichtige ist am Fuße des Gekreuzigten zusammengebrochen, seine Arme wurden amputiert.
Guebwiller liegt 18 Kilometer nordöstlich von Thann und der Stauffen ist ein Aussichtsberg im Südosten von Thann. Die Rue Kléber führt vom Zentrum des Ortes aus nach Süden bis Leimbach. Mit Croix du Stauffen ist aber hier nicht das Lothringer Kreuz auf dem Berg gemeint, sondern ein Jesuskreuz an einem Haus in der Rue Kléber, das sich wohl noch nördlich des erwähnten "Park Albert 1er" befand.
9. Dezember 1944 - Gefangennahme auf waldigen Bergeshöhen
Am 10. Dezember schreibt J. Baumann in seinen Notizen (9):
In der Nacht evakuierten die Deutschen die Höhen von Stauffen und der Zuber-Aussicht. Die französischen Panzer dringen weiter in das Steinby vor. Sie holen dort 62 Gefangene aus dem Huck-Haus. Im Jenn-Haus ergeben sich weitere 25.
Wenn wir es recht verstehen, handelte es sich dort oben in den Bergen um Wanderhütten. Es ist nahe liegend, daß sich mein Opa unter den hier gefangen Genommenen befunden hat.
In einer allgemeineren Darstellung heißt es über diesen Angriff der 1. französische Armee (7):
Die Offensive beginnt am 5. Dezember, jedoch muß sich die 1. Armee angesichts des deutschen Widerstandes mit einem Vorrücken an den Flanken des Kessels und der Befreiung von Thann im Süden (10. Dezember) und Schlettstatt im Norden zufrieden geben.
Von Thann aus wurden nicht in Gefangenschaft geratene deutsche Truppenteile auch wieder 50 Kilometer weiter nach Norden an den Mont de Sigolsheim verlegt, wo die Kämpfe dann für diese Truppenteile weiter gingen (8):
Werner Schauer, Jahrgang 1925, damals Infanterist im Grenadierregiment 1213, schrieb sehr ausführliche Erinnerungen an seine Erlebnisse im "Brückenkopf Kolmar". Sein Bericht bestätigt, wie zusammengewürfelt und zum Teil unerfahren die Einheiten waren, die in diesen Tagen eingesetzt wurden. Er hatte bereits ab 7.12. an Kämpfen um den Mont de Sigolsheim teilgenommen. Am 12.12. sollte sein Regiment, wie es im Divisionsbefehl hieß, "im Zusammenwirken mit dem von Nordwesten angreifenden Regiment Ayrer den Feind auf dem Mont de Sigolsheim (vernichten)". (...) Er berichtet aber vom Angriff des Regiments Ayrer am 12. Dezember und dem Tod des Kommandeurs. Am Vortag hatte Schauer in Kientzheim einen Stabsfeldwebel kennen gelernt, der mit 22 älteren Luft-Nachrichten-Soldaten - dem Rest seiner in früheren Kämpfen bei Thann dezimierten Kompanie - jetzt am Mont de Sigolsheim eingesetzt werden sollte. Aus seinem Bericht zum 12.12.: "Abends höre ich, daß beim Angriff morgens um 10 Uhr der Zug des Stabsfeldwebels am linken Berghang von Granatwerfer-Salven wie von einer Lawine überrollt wurde. Dem Stabsfeldwebel zerriß es die linke Hand und den Arm. Die paar Überlebenden brachten ihn nach unten in den großen Weinkeller. Er konnte glücklich sehr schnell via Ammerschweier, Colmar, Breisach nach Freiburg gebracht werden. Unser Bataillonsarzt glaubt, daß er überleben wird. Unsere Gruppe ... war in etwa Bergesmitte eingesetzt und kam heil zurück."
Wir lesen (MusTürkheim):
Am 6. Dezember übernimmt Reichsführer Himmler persönlich das Kommando aller im Kampf stehenden Truppen im Frontbogen von Colmar.Colmar hört die Kanonen und hofft, wird aber noch nicht befreit.Ende Dezember 1944: die Verteidigung von Straßburg ist in Frage gestellt durch die Gegenoffensive von von Rundstedt in den Ardennen. Eisenhower will seine Position aufgeben und seine Linien in die Vogesen (zurück) verlegen.
5. Januar 1945 - Deutsche Gegenangriffe bei Straßburg - Schwere Verlust für die Alliierten
Auf dem englischsprachigen Wikipedia lesen wir (Wiki):
Am 16. Dezember 1944 griffen die Deutschen in den Ardennen an. Die sogenannte Ardennenoffensive zwang die US-Truppen, große Mengen aus Elsaß und Lothringen nach Norden zu verlegen, um dem deutschen Angriff entgegenzuwirken. Im Januar wurden weitere US-Truppen als Reaktion auf die deutsche Gegenoffensive im nördlichen Elsaß, das Unternehmen Nordwind, nach Norden verlegt. Himmler nutzte die gedehnten alliierten Linien und befahl die Rückeroberung Straßburgs. Deutsche Truppen griffen am 5. Januar 1945 bei Gambsheim über den Rhein an und besetzten bald einen Brückenkopf mit den Städten Herrlisheim, Drusenheim und Offendorf nördlich von Straßburg. Südlich von Straßburg griffen deutsche Truppen im Colmarer Kessel am 7. Januar nach Norden in Richtung Straßburg an und fügten dem französischen II. Korps schwere Verluste zu, konnten die französische Verteidigung aber letztlich nicht durchbrechen.Verstärkt durch Teile der 10. SS-Panzerdivision, hielten die deutschen Truppen im Brückenkopf Gambsheim im Januar 1945 den US-amerikanischen und französischen Gegenangriffen stand und schlugen die 12. US-Panzerdivision bei Herrlisheim schwer. Die deutschen Erfolge im Januar markierten jedoch den Höhepunkt für das Oberrheinische Oberkommando. Der Brückenkopf Gambsheim und weiter südlich der Kessel von Colmar wurden von den Alliierten erst im Laufe des Februars 1945 eingenommen.
Die Stadt Colmar selbst ist aufgrund all dieser Vorgänge erst am 2. Februar 1945 von den Westalliierten nach schweren Kämpfen besetzt worden (Wiki) (1). In Colmar erhielt mein Opa seinen Kriegsgefangenen-Ausweis ausgestellt.
Kriegsgefangenschaft - Hunger und Zwangsarbeit
Während eines Urlaubes in Türkheim bei Colmar im Elsaß tauchen einmal erneut Fragen auf, wie es meinem Opa nicht nur in den Kämpfen bei Thann ergangen sein mag, sondern auch später in Kriegsgefangenschaft bis 1947 im Elsaß. Da sein Kriegsgefangenen-Ausweis in Colmar ausgestellt worden ist, und da er seine drei Jahre Kriegsgefangenschaft nur im Elsaß verbracht hat, könnte es nahe liegend sein zu vermuten, daß er die längste Zeit auch in einem Kriegsgefangenenlager in oder bei Colmar festgehalten worden ist.
Was es heißt, Kriegsgefangener zu sein, war meinem Opa längst klar. Er hatte selbst seit 1941 im Havelland zwei russische Kriegsgefangene auf dem Hof und hatte bis 1942 als Ortsgruppenleiter und Amtsvorsteher seines Dorfes den Bauern die Kriegsgefangenen zugeteilt oder auch wieder entzogen, wenn sie auf einem Hof schlecht behandelt worden sind. Nun war er selbst Kriegsgefangener.
Von einem deutschen Kriegsgefangenen, der bei Colmar als Kriegsgefangener festgehalten wurde, findet sich ein recht konkreter Bericht über das dort Erlebte (4). Man hat sofort das Gefühl, daß mein Opa vieles davon sehr ähnlich erlebt haben könnte - vielleicht sogar ebenfalls in Colmar oder im Umland von Colmar.
Hungerlager in Colmar (1945 bis 1947)
Das Kriegsgefangenen-Schicksal eines Franz Bernkopf, der aus dem Riesengebirge im österreichischen Schlesien stammte, könnte also in vielem dem meines Opas geähnelt haben (4):
Im August 1947 wurde mein Vater Franz Bernkopf, der 1997 verstorben ist, aus französischer Kriegsgefangenschaft in Colmar entlassen. Er konnte allerdings nicht in seine Heimat im Riesengebirge zurückkehren, sondern fand seine Familie als vertriebene Sudetendeutsche auf einem Bauernhof in Gschwendt, Gemeinde Ascha, wo sie nach einem Aufenthalt im Flüchtlingslager Muckenwinkling eine Unterkunft gefunden hatten. Ihre Adresse hatte er durch einen glücklichen Zufall erfahren. An einem heißen Augusttag stand plötzlich ein Mann in abgerissener Wehrmachtsuniform vor dem Hoftor. Instinktiv spürte ich: Das ist mein Vater! Drei Jahre, seit meinem sechsten Lebensjahr, hatte ich ihn nicht mehr gesehen.
Sehr ähnlich könnte es auch gewesen sein, als mein Opa drei Monate später, im November 1947 aus der Kriegsgefangenschaft im Elsaß entlassen worden war und zurück nach Bahnitz an der Havel kam. Der einzige Unterschied: Der älteste Sohn meines Opas war nicht neun, sondern im Jahr 1947 schon 13 Jahre alt. Wir lesen weiter in dem Bericht (4):
Nachdem sich mein Vater nach einigen Wochen an das Leben in Freiheit gewöhnt hatte, erzählte er manchmal aus der Zeit der Gefangenschaft in Frankreich. Für ein Kind mit neun Jahren hörten sich Vaters Erzählungen wie Geschichten aus einer anderen Welt an. Und es war ja auch eine andere Welt – die Welt der Gefangenschaft mit ihrem unsäglichen Leid, Hunger und Elend, die ein Kind nicht fassen konnte.Erst 22 Jahre später, 1969 wurden Colmar und die Umgebung für mich zur erlebten Gegenwart. Zufällig hatte mein Vater in alten Aufzeichnungen die Anschrift seines damaligen Kommandoführers im Gefangenenlager Colmar gefunden. Er schrieb ihm einen Brief und dankte ihm, daß er den Kriegsgefangenen, Franz Bernkopf, vor dem Hungertod gerettet hatte.Bei einem Morgenappell hatte Kommandoführer Arrus gefragt, wer mit der Sense Gras mähen könne. Vater meldete sich als Erster. Arrus nahm den Gefangenen Franz Bernkopf mit zu sich nach Hause und beschäftigte ihn für einige Zeit. Er mußte einen Bahndamm mähen und Holz hacken und wurde dort auch verpflegt. Das war seine Rettung, denn viele seiner Kameraden waren im Lager bereits an Unterernährung gestorben. Obwohl er sich noch in Kriegsgefangenschaft befand, durfte er sich frei bewegen. Für all das sei er ihm heute noch dankbar, so Franz Bernkopf in seinem Brief.
Alles das steht völlig im Einklang mit dem, was auch mein Opa erzählt hat. Auch ihm ging es nach der Einquartierung in einem Privathaushalt wesentlich besser. Auch er hat mir, dem Verfasser dieser Zeilen, das Mähen mit der Sense beigebracht. Weiter im zitierten Bericht (4):
Er bat den Oberbürgermeister, nach dem Verbleib des Herrn Arrus zu forschen und fragte, ob der Bildhauer Antonie noch am Leben sei, der mithilfe der Gefangenen das Denkmal am Hartmannsweilerkopf geschaffen habe. (...) Nur zehn Tage später erhielt Franz Bernkopf ein Antwortschreiben aus Colmar. In ihm stand die genaue Anschrift des ehemaligen Kommandoführers Louis Arrus, aber auch, daß der Bildhauer Antonie bereits gestorben sei. (...)Im August 1969 machte ich mich zusammen mit meinem Vater auf die Reise in seine Vergangenheit. (...) Der Bürgermeister (...) sprach als gebürtiger Elsässer natürlich deutsch, so war die Unterhaltung kein Problem.Plötzlich öffnete sich Tür und zur größten Überraschung meines Vaters betrat Louis Arrus den Raum. Der Bürgermeister hatte ihn in der Zwischenzeit rufen lassen. Nun hatte Vater das Ziel der Reise erreicht: Er konnte seinem „Lebensretter" danken, der ihn vor dem Hungertod bewahrt hatte. (...)Von der „Rapp-Kaserne", dem ehemaligen Gefangenenlager war nichts mehr vorhanden. Ich glaube, Vater war froh darüber. (...) Alt-Colmar mit seinen alemannischen Fachwerkhäusern gefiel uns besser. Das Viertel, die „Krütenau" (Krautgarten), wird durch seine schöne Lage am Fluß Lauch auch als „Klein-Venedig" bezeichnet. Natürlich besuchten wir auch das „Unterlinden-Museum", denn hier befindet sich der berühmte Isenheimer Altar von Mathias Grünewald.
Offenbar das Hauptgebäude der Rapp-Kaserne in Colmar ist doch noch erhalten. Man findet es nur wenige hundert Meter westlich des Hauptbahnhofs an der Ecke "avenue de la Liberté" und "avenue du Général de Gaulle" (GMaps). Diese Kaserne ist 1887 bis 1889 erbaut worden und wird als "schönes Beispiel deutscher Militärarchitektur" angesprochen (ArchiWiki). Das Zentrum der Stadt Colmar liegt östlich des Hauptbahnhofs, dort liegt auch das angesprochene Unterlinden-Museum, nur eine Viertelstunde Fußweg von der Rapp-Kaserne entfernt (GMaps).
Der Hintergrund der Haltung der Elsässer gegenüber den deutschen Kriegsgefangenen wird folgendermaßen erläutert (France24):
Die meisten Elsässer im wehrfähigen Alter, die „Malgré-nous“ (die Wehrpflichtigen), wurden zwangsweise in die deutsche Armee eingezogen. „Sie sind eine elsässische Mutter. Ihr Sohn trägt zwangsweise eine deutsche Uniform. Colmar ist befreit. Sie versteht sehr gut, was mit den deutschen Soldaten geschieht. Ich glaube, sie wollte nichts feiern“, resümiert der Historiker.
Der schon erwähnte Isenheimer Altar in Colmar spielte auch für den wohl bekanntesten deutschen Kriegsgefangenen im Elsaß, für den deutsche Maler Otto Dix, eine nicht geringe Rolle (Wintzenheim):
Der bekannteste Kriegsgefangene im KZ Colmar-Logelbach: Otto Dix (1891–1969). (...) Otto Dix wurde im Februar 1945 zum Volkssturm eingezogen. Er war in einem Bunker bei Bühl in Baden stationiert und geriet im April 1945 während des alliierten Vormarsches in Gefangenschaft. Über Baden-Baden und Straßburg erreichte er das KZ Colmar-Logelbach, das sich im ehemaligen Haussmann-Werk befand, das 1961 niederbrannte. Ein französischer Offizier aus Colmar zeigte ihm den Artikel „DIX“ in der Propyläen-Kunstgeschichte, woraufhin Dix Kontakt zu dem Maler Robert Gall aufnahm. Gall war bekannt für seine sakrale Kunst, darunter die vom Hortus Deliciarum inspirierte Dekoration, die sich noch heute auf dem Mont Sainte-Odile befindet. In Galls Atelier in Colmar, Rue Charles-Grad 12, entstanden die Skizze und das Triptychon „Madonna vor Stacheldraht und Trümmern mit Paulus und Petrus“ (Trippticon 1945). Zwischen den beiden Männern verband eine tiefe Freundschaft. Sie besuchten sich regelmäßig, um den Isenheimer Altar und die Madonna mit dem Rosenstrauch zu bewundern, die damals vorübergehend im Museum Unterlinden ausgestellt war.Offiziell arbeitete Dix als Gärtner für die Familie Gall, doch sein Gastgeber nahm ihn auch mit ins kriegszerstörte Elsaß, zu den Ruinen des ehemaligen Colmarer Kessels, wo sie gemeinsam skizzierten. Parallel dazu fand Dix Arbeit bei der Karosseriebaufirma Dürr und Gangloff und fertigte spezielle Transparentfolien für die Befreiungsfeierlichkeiten an, die das Bildnis von General de Gaulle zeigten. In dieser Zeit holte Robert Gall Dix, ohne ihn namentlich zu erwähnen, zu Jess-Borocco, um das unvergessliche Plakat zur Feier der Wiedererrichtung des von den Nazis zerstörten Rapp-Denkmals zu gestalten. Ein seltenes und bewegendes Beispiel grenzüberschreitender kreativer Zusammenarbeit im schwierigen Kontext der unmittelbaren Nachkriegszeit, genauer gesagt – offiziell – zum ersten Jahrestag der Befreiung am 2. und 3. Februar 1946. In der Zwischenzeit fertigte der Kriegsgefangene Otto Dix Auftragsarbeiten an – Porträts und Landschaften der Vogesen –, die ihm ein relativ gutes, wenn auch nicht unglückliches Überleben bis zu seiner Befreiung und Rückkehr nach Deutschland, nach Hemmenhofen, im Februar 1946 ermöglichten.Im Konzentrationslager Logelbach war Dix einer Künstlergruppe zugeteilt worden, deren Fortbestand vom Wohlwollen der französischen Behörden abhing. Hier liegt der Ursprung des Triptychons, dessen Skizze sich heute im Museum von Colmar befindet. Das gemalte Triptychon fand sofort einen Käufer und schmückte nie die katholische Gefangenenkapelle. Eine vereinfachte Version der zentralen Komposition wurde angefertigt; diese befindet sich heute in der Abtei Beuron im oberen Donautal. Das gemalte Triptychon hingegen befindet sich seit 1988 in Berlin, in der Wallfahrtskirche Maria Frieden (Bezirk Tempelhof, Ortsteil Mariendorf). Die Skizze begleitete Dix nach Hemmenhofen und kehrte erst nach seinem Tod 1969 nach Colmar zurück, als posthume Würdigung der Freundschaft zu Robert Gall, einem gebürtigen Colmarer.Auszug aus den Memoiren des Bildhauers Hermann Berges (verstorben), der 1945/46 Kriegsgefangener in Colmar war:Als Dix Teil der Künstlergruppe im Lager war, begannen die Vorarbeiten für den Altar der Kapelle. Fertiggestellt wurde jedoch nur das Marienbild. Die festen Seitentafeln wurden später von dem Maler Schober mit Kohle gezeichnet. Sie zeigten die Heiligen Petrus und Paulus in Gefangenschaft. Der unten abgebildete Holzschnitt zeigt die beiden Kohlezeichnungen von Schober an ihrem Platz.Die vereinfachte Version der Madonna, die auf einem Kupferstich von 1946 zu sehen ist, ist signiert von W. Schick (einem weiteren Kriegsgefangenen und Künstler aus dem Lager Logelbach). Sie befindet sich heute in Beuron.Ich selbst, Kriegsgefangener Hermann Berges, kehrte im Dezember 1945 krank ins Lager zurück. Als Bildhauer wurde ich Mitglied der Künstlergruppe. Otto Dix sowie die Feldgeistlichen beider Konfessionen hatten sich für mich eingesetzt. Schließlich wurde ich mit der Ausstattung der beiden Kapellen beauftragt.Im Sommer 1946 wurde ich gebeten, eine Kopie von Dix’ Madonna anzufertigen. Es war wichtig, daß sich das Original nicht mehr im Lager befand.
Das "ehemalige Haussmann-Werk" (gouvfr) befand sich in der Haussmannstraße (rue Haussmann) in Logelbach, nur 2,3 Kilometer von der Rapp-Kaserne in Colmar entfernt (GMaps).
Familienzusammenführung 1947 im Elsaß?
Mein Opa schrieb 1947 nach Hause, seine Familie solle doch ins Elsaß kommen und sie könnten sich hier eine neue Existenz aufbauen. Womöglich sah er mittelfristig sogar die Möglichkeit, im Elsaß den Bauernhof jener Madame zu übernehmen, bei der er Arbeit gefunden hatte. Meine Oma hat es aber abgelehnt, mit vier minderjährigen Kindern den eigenen Bauernhof in Bahnitz aufzugeben und ins Elsaß zu kommen. Deshalb kam es auch nicht dazu. Was war aber die Grundlage der "Idee" meines Opas?
Den deutschen Kriegsgefangenen, bzw. Zwangsarbeitern in Frankreich ist tatsächlich das Angebot gemacht worden, als Gastarbeiter in Frankreich zu bleiben. Denn der demographische Niedergang Frankreichs hatte schon viel früher begonnen als in Deutschland. Und der französischen Wirtschaft fehlten schon zu jener Zeit Arbeitnehmer, insbesondere in der Landwirtschaft und im Bergbau (Wiki):
Im November 1946 beschlossen die französischen Behörden die Einführung des sogenannten Systems der „freien Arbeiter“.
Zeitzeugen berichten (Wiki):
„Damals war Deutschland geteilt. Da ich direkt an der Ost-West-Grenze lebte, schrieb mir mein Vater: ‚Bleib noch ein bisschen hier.‘ Also arbeitete ich ein Jahr lang als freier Gefangener. Ich hatte die gleichen Rechte wie ein Franzose; ich war wirklich frei. Und dann schrieb mir mein Vater: ‚Komm nicht gleich zurück, denn die Russen sind hier.‘ Ich hörte auf ihn, lernte meine Frau kennen und blieb dann hier.“ Ähnlich erging es einem anderen freien Arbeiter, Gottfried Pelz, wie seine Frau bezeugt: „Sein deutsches Zuhause lag im sowjetischen Sektor, in Wiesenburg. Er zog es vor, in Frankreich zu bleiben, wo wir heirateten.“
Um die ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich als Arbeitskräfte zu halten, wurde ihnen schließlich sogar die Familienzusammenführung angeboten, allerdings wurde im nächsten Schritt Elsaß-Lothringen davon wieder ausgenommen (Wiki):
Für Elsaß und Lothringen galt im Hinblick auf die Familienzusammenführung und die Ansiedlung freier Arbeitskräfte eine Sonderregelung. Nach mehrwöchigen Beratungen beschloß der Ministerrat am 16. Juli 1947, daß diese Regionen zwar ausnahmslos alle Kriegsgefangenen, die sich für die Freiheit entschieden hatten, in freie Arbeitskräfte umwandeln sollten, diese aber unter keinen Umständen behalten dürften; sie sollten „in die Departements im Landesinneren“ verlegt werden. Daher war es ausgeschlossen, deutsche Familien dort anzusiedeln. Diese Sonderregelung war naturgemäß politisch motiviert, insbesondere durch die Befürchtung, die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in Elsaß-Lothringen könnte beeinträchtigt werden. Für diese Regionen beschloß die Regierung, die fehlenden deutschen Arbeitskräfte durch ungarische und italienische zu ersetzen. Unseres Wissens gab es nur eine Ausnahme von dieser regionalen Regelung. Im November 1947, angesichts der unzureichenden Zahl von Einwanderern, die in den Bergwerken der beiden Regionen arbeiteten, und der mangelnden Begeisterung der Charbonnages de France, andere Bergleute als Deutsche einzustellen, stimmte die Regierung auf Bitte des Ministers für Handel und Industrie zu, freie deutsche Arbeiter den Bergbaubetrieben des Ostens zuzuweisen und mit der Ansiedlung von 1.000 ihrer Familien zu beginnen.
Die genannte Ausnahmeregelung wird auch meinen Opa - unabhängig von der Weigerung meiner Oma - von seinen Plänen wieder abgebracht haben.
Dieser Blogartikel soll bei Gelegenheit weiter ergänzt werden.
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- 1945 - Die Befreiung von Colmar (memoire) [20.5.2023]
- Wolfgang Krebs. André Hugel, Eberhard Neher: Der Krieg im Elsaß Ende 1944 und die sinnlosen Opfer (pdf) In: diess.: Wir waren Feinde: Elsässer, Deutsche, Amerikaner erinnern an die Kämpfe um die "Poche de Colmar" im Dezember 1944. Centaurus Verlag & Media 2015 (168 S.)
- J. Baumann: Chronique de la liberation de Thann. Extraits d'un Journal de guerre. 20.11.1944-5.2.1945. Erarbeitet bis zum 1. Dezember 1945 (pdf)
- Alois Bernkopf: Die zweite Rückkehr eines Kriegsgefangenen. Arbeitskreis Heimatgeschichte Mitterfels, 15. September 2014 (Heimatgeschichte2014)
- Schuften für den Erzfeind. Ein Film von Fabien Théofilakis und Philippe Tourancheau. Saarländischer Rundfunk 2017 (Yt2017)
- Bading, Ingo: Wie kam Stalin in die Mitte Europas? - Kriegsziele der westlichen Demokratien seit 1941. Magisterarbeit Universität Mainz 1994 (Acad)
- Bading, Ingo: "Wer auf dem Tiger reitet, kann nicht absitzen" - Adolf Hitler angefeuert von Hellsehern und Astrologen. 2013 (Lulu)
"Mein Herz, das ist ein Bienenhaus!" (1898)
Unsere Vorfahren waren sangesfreudige Menschen.
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| Abb. 1: Familie Bading im Jahr 1917 - Gustav Bading (1870-1941), Emma Bading, geb. Mohr (1882-1968) mit ihren Kindern Emma (geb. 1904), Otto (1906-1979), Elfriede (geb. 1913) und Lucie (geb. 1916)*) |
Und sie erzählten sich auch gerne Geschichten. Wenn meine westhavelländische Großeltern-Generation von ihrer Jugend erzählte, wurde fast immer auch Singen, Tanz und Musik erwähnt. Meine Großtante Emma Lindenberg, geb. Bading (Abb. 1. oben links) hat mir einmal Ende der 1970er Jahre aus Wusterwitz in der damaligen DDR über ihre Jugend auf einem Bauernhof in Bahnitz an der Havel geschrieben (zit. n. Stgr2012):
Meine Kindheit war Arbeit. Bis 14 Jahren ging ich in die Schule. Als ich raus kam (1918), wurde hart gearbeitet. Die Arbeitskräfte und wir mußten arbeiten: die Kühe melken, schleudern, buttern, alles mit der Hand, wir hatten keine Maschinen, die Schweine füttern, Kartoffeln dämpfen für das Vieh, für Gänse, Hühner, Enten. Die wurden dann im Herbst geschlachtet und verkauft. Holz und Kohle reinholen, heizen. Im Winter wurde das Korn gedroschen, immer ein paar Stunden vormittags und nachmittags. Denn Geld wurde auch gebraucht und Futter brauchten wir für das Vieh auch. (...) Wir hatten noch keinen Fernseher noch Radio und haben gesungen aus voller Kehle.
Meine Oma (1910-1984) hat 1981 über ihre Kindheit in Zollchow aufgeschrieben (zit. n. Prl2017):
Unsere Kindheit war schön! Ich habe gerade einen Brief meiner Schwester Friedel in der Hand, sie schreibt, weißt Du noch ... Und Großvater Eggert, er besaß einen Schleppkahn, schipperte damit auf Elbe und Havel Frachtgut. Bis Hamburg kam er. Er konnte so viel Geschichten von seinen Fahrten erzählen. Wenn er bei uns war, fand sich auch die Jugend ein. Es dauerte nicht lange und er nahm sein Schifferklavier. Und während die Eltern und Freunde sich vor dem Haus auf der Bank unter der Linde von der schweren Arbeit ausruhten, tanzten die Jungen unter der Friedenseiche all die alten Volkstänze "Mutter Wisch", "Ich nahm die Brille von meinen Augen", "Ick sehe di", "Dreimal Samtband um Rock" oder wie all die alten Volkstänze hießen, bis mein Vater "Schluß" sagte. Am nächsten Tag früh um fünf Uhr begann ja die Arbeit wieder. Es waren schöne Jahre ...
Zu dem kurzen Liedchen "Ich nahm die Brille vor meine Augen" finden sich Belege. Als dessen Entstehungsjahre finden sich die Angaben 1924 (Volksliedarchiv) und 1930 (Schwaben-Kultur) (s.a. "Kinderspiele und Spiellieder", GB1979). Zu den anderen hier genannten "Tänzen" (?) finden sich zunächst keine Angaben. Dabei klingt doch zumindest "Dreimal Samtband um Rock" sehr spezifisch ... Es scheint sich aber doch mehr um Kinderlieder und -spiele gehandelt zu haben, von denen meine Oma berichtete.
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| Abb. 2: "Mein Herz, das ist ein Bienenhaus" (Postkarte, um 1898) |
Aus der Urgroßeltern-Generation des Verfassers dieser Zeilen hat sich überliefert, daß der Urgroßvater Gustav Hermann Otto Bading (geb. 1870 in Bahnitz; gest. 1941 in Bahnitz) (Abb. 1 oben rechts) in den 1890er Jahren seinen Vetter in Köln besucht habe und dort "mit der reichsten Jüdin Kölns" getanzt habe nach dem Schlager "Mein Herz, das ist ein Bienenhaus". In der mündlichen Familienüberlieferung war immer vom "Bienenkorb" die Rede, was zeigt, daß dieser Schlager lange wieder vergessen war. Aber dank Internet kann man ja dieser Angabe nun leicht nachgehen.
Der "Bienenhaus-Marsch" war schon 1860 von dem deutschböhmischen Kapellmeister und Komponisten Hermann Josef Schneider (1862 in Tepl, gestorben 1921 in Saaz) komponiert worden (GB) (DtLied). Sein Text lautet (s. Yt, 1930):
Mein Herz, das ist ein Bienenhaus,Die Mädchen sind darin die Bienen,Sie fliegen ein, sie fliegen aus,So wie es ist im Bienenhaus.Du meines Herzens KlauseRefrain: Holdria holdrioHoldria holdrioHoldria ho, Holdria ho,Holdria ho, Holdria ho.Sie fliegen aus, sie fliegen ein,Die lieben kleinen Bienen,Und bringen auf den Lippen fein,Den süßen Honig mir hereinIn meines Herzens Klause.RefrainDoch eine ist die Königin,Sie liebe ich vor allem,Und wenn sie mit mir ziehen will,Dann blieb ja keine andre drin.In meines Herzens Klause.RefrainUnd wenn ihr Auge trübe blickt,Und geht zum Weinen über,Dann, süße Königin, vergib,Ich hab' ja alle Mädchen lieb.Doch dich, dich liebe ich vor allen.Refrain
Wirklich populär scheint dieser Schlager aber in ganz Deutschland erst im Jahr 1898 geworden zu sein (s. Yt, 1930). Zahlreiche Bildpostkarten erschienen in diesen Jahren mit Motiven zu diesem Lied (s. Abb. 2). Sie zeigen ebenfalls auf, wie populär es war. Und auf Google Bücher finden sich zahlreiche Bezugnahmen auf diesen "Gassenhauer" in der Literatur jener Jahre und später. Ein Willi Ostermann in Berlin parodierte das Lied sogar schon im selben Jahr mit dem Text (Kellendr):
Mein Herz, das ist ein Bienenhaus,so hört man nur noch auf den Straßen.Man lärmt's und singt's in jedem Hausdas schöne Lied vom Bienenhaus.In jeder DamenkapelleAuch singt die GroßmamaHoldria holldriaUnd alte Jungfrau'n rufen's aus:Mein Herz, das ist ein Bienenhaus!
Um 1900 entstand der Wandervogel. Und zur gleichen Zeit, 1901, schrieb etwa ein Wilhelm Teichmann in einem Aufsatz zum Thema "Unsere elsässischen Volkslieder" ("Jahrbuch für Geschichte, Sprache und Literatur Elsaß-Lothringens") (GB):
Wo ist das Volkslied zu Hause? (...) Steigen wir etwas weiter hinab zu den unteren städtischen Schichten. An Sangeslust fehlt es ihnen durchaus nicht. Was uns aber in der Stadt in die Ohren tönt, ist mehr der Gassenhauer. Von der Bühne, oft auch nur aus dem Tingeltangel unter die Leute geworfen, werden Worte und Weisen begierig aufgefangen, eine Zeitlang von jedermann gesungen und gepfiffen, - und dann wieder vergessen. Welcher ordentliche Gassenjunge pfeift jetzt noch: Mein Herz, das ist ein Bienenhaus - ? Hinter diesem von der jeweiligen Mode getragenen Singsang tritt das eigentliche Volkslied in der Stadt sehr zurück ...
1898 war mein Urgroßvater 28 Jahre alt, von daher paßt die Familienüberlieferung ganz gut. Aber ansonsten kann er sich das gut und gerne auch nur ausgedacht haben, der leichtfertige Vogel, um all die Frauen zu erheitern, wenn sie beim Rübenhacken auf dem Feld versammelt waren. Daß er solche und andere Dinge beim Rübenhacken erzählt hätte, wird zumindest in der "Familiensaga" überliefert.
Sogar daß dieser Gassenhauer auch unter den "oberen Zehntausend" populär war, ist belegt. Etwa durch eine Illustration von Ferdinand von Reznicek mit dem Titel "Der Frahsee (La Française) / Mein Herz, das ist ein Bienenhaus" (Meistdr).
Wie auch immer. Schietegal! Unsere Vorfahren, das waren sangesfrohe Menschen. Und ihrem Gustav wird seine Emma (s. Abb. 1) schon Mohres gelehrt haben, was all die lieben Bienen betrifft!
Soweit zum Volksleben in Brandenburg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine weitere Großmutter des Verfassers dieser Zeilen (1910-1995) stammte aus Wien (Strg2014) und wurde früh mit ihren vier Schwestern Mitglied im "Wandervogel". Auch sie hat natürlich ihr Leben lang gerne all die vielen Volkslieder gesungen und insbesondere auch zu Weihnachten sehr gerne auch so manches gehaltvollere Weihnachtslied.
___________________
*) Fuhr ein Fotograf über die Dörfer und bot Familienfotografien an? Oder fuhr die Familie nach Brandenburg, um sich beim Fotografen fotografieren zu lassen? Da alle etwas steif wirken, ist eher letzteres zu vermuten.
Kontroverse
NachDenkSeiten
Schüler protestieren gegen Wehrpflicht und der BR spricht von „Verfassungsfeinden“
„Wir waren 18 Jahre und begannen die Welt und das Dasein zu lieben; wir mussten darauf schießen. Die erste Granate, die einschlug, traf unser Herz.“ Dieses berühmte Zitat aus Erich Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ sollte der gesamten Gesellschaft eine Warnung sein. Ob der Bayerische Rundfunk das Zitat oder überhaupt das Werk Remarques kennt,
Hetze gegen Russland – am laufenden Band
Gestern Abend hat das ZDF zur Bewertung des Vorschlags von Putin, Gerhard Schröder als Vermittler einzuschalten, einen Kommentar des ZDF-Korrespondenten Armin Coerper veröffentlicht. Dieser Kommentar war unterirdisch. Weil vermutlich viele unserer Leserinnen und Leser dieses Stück nicht mitbekommen haben, weisen wir auf diesen Vorgang hin. Siehe hier ab Minute 7:04. Albrecht Müller.
Schafft das Wohngeld ab!
Die Bundesregierung ist offensichtlich wild entschlossen, mit der Kettensäge durch alle Bereiche der sozialen Daseinsvorsorge zu wüten. Die Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung hat bereits das Bundeskabinett passiert und soll noch vor der Sommerpause im Bundestag verabschiedet werden. Auf die Versicherten kommen erhebliche Mehrbelastungen und Versorgungseinschränkungen zu. In der Pipeline sind ferner grundlegende Umbauten bei der
Hinweise des Tages
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